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Full text of "Italische landeskunde"

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ITALISCHE 

LANDESKUNDE 


VOH 


HEINRICH  NISSEN 


ZWEITER  BMD 
DIE   STAEDTE 


ERSTE  HAELFTE 


BERLIN 

WEIDMANNSCHE  BUCHHANDLUNG 
1902 


Haec  est  Italia  diis  sacra,  hae  gentes  eins,  haec  oppida  populorimi. 

Plinius 


INHALT 


EINLEITUNG 

Seite 

1.  Gröfse  und  Eintheilung 3 

2.  Die  Landgemeinden 7 

3.  Die  Municipien 15 

4.  Die  Colonien 24 

5.  Die  Entwicklung  der  Städte 34 

6.  Die  Landstrafsen 49 

7.  Mafs  und  Münze 61 

8.  Die  Volkswirtschaft 80 

9.  Die  Bevölkerung 99 

KAPITEL  I 

Ligurien 

1.  Die  Provinz  der  Seealpen 134 

2.  Die  Riviera 139 

3.  Das  Reich  des  Cottius 148 

4.  Das  ßinnenland 152 

KAPITEL  U 

Die   Transpadana 

1.  Die  Tauriner 163 

2.  Die  Salasser 167 

3.  Die  Libiker 173 

4.  Die  Insubrer 177 

KAPITEL  III 

Venetia   und  Histria 

1.  Die  Cenomanen 195 

2.  Die  Veneter 211 

3.  Die  Carner 225 

4.  Die  Histrer 237 


IV  Inhalt. 

Seite 
KAPITEL  IV 

Die   Aemilia 

1.  Die  Küste .245 

2.  Das  Binnenland 256 

KAPITEL  V 

Etrurien 

1.  Die  Nordmark 282 

2.  Das  Erzgebirge 297 

3.  Der  Osten 313 

4.  Das  Tafelland 326 

5.  Die  Södmark 345 

KAPITEL  VI 
Umbr  i  en 

1.  Die  Gallische  Mark 376 

2.  Das  westliche  Umbrien 389 

KAPITEL  VII 

Pi  c  enum 

1.  Die  Picenter 411 

2.  Die  Praetuttier 428 

KAPITEL  VIII 

Der  Hoehappennin 

1.  Die  Vestiner 437 

2.  Die  Marruciner 442 

3.  Die  Paeligner 445 

4.  Die  Marser 450 

5.  Die  Aequer 457 

6.  Die  Sabiner 463 


EINLEITUNG. 


Die  politische  Beschreibung  Alt  Italiens  geht  von  der  Zeit  des 
Augustus  aus.  Ein  tausendjähriges  Ringen  der  Stämme  unter  ein- 
ander, zwischen  Bürgern  und  Bauern,  Republik  und  Königtum,  von 
Stadt  gegen  Stadt,  Einheitstaat  gegen  Bundesstaat  ist  beendet,  über 
dem  Kampfplatz  breitet  der  Friede  seine  Fittiche  aus.  Im  Mittel- 
punct  der  Halbinsel  gelegen,  hatte  Rom  mit  rastloser  Kraft  Kreis 
auf  Kreis  gezogen ,  mit  unvergleichlicher  Weisheit  Sieger  und  Be- 
siegte versöhnt,  schliefslich  das  ganze  Land  in  den  Rahmen  seiner 
Verfassung  aufnehmen  können.  Das  römische  Bürgerrecht  wurde 
89  v.  Chr.  bis  an  den  Po ,  49  v.  Chr.  bis  an  den  Fufs  der  Alpen 
ausgedehnt,  der  Gebirgswall  selbst  15  v,  Chr.  bezwungen.  Nunmehr 
fällt  die  politische  Grenze  mit  der  natürlichen  annähernd  zusammen, 
das  festländische  Italien  ist  ein  einziges  Stadtgebiet  geworden; 
dessen  Bürger  wandern  nach  Rom  um  ihr  Herrscherrecht  in  der 
Volksversammlung  auszuüben,  um  ihre  Händel  vor  dem  Praetor  zum 
Austrag  zu  bringen.  Die  Zügel  der  staatlichen  Gewalt  ruhen  in  der 
Hand  des  Senats  und  der  hauptstädtischen  Magistratur,  aber  das 
Land  geniefst  eine  bedeutende  Geraeindefreiheit,  ist  dem  Reiche 
gegenüber  durch  seltene  Vorrechte  ausgezeichnet.  In  den  nächsten 
drei  Jahrhunderten  wird  die  Verfassung  der  Republik  durch  eine 
unumschränkte  Monarchie,  die  Selbstverwaltung  durch  ein  Beamten- 
tum verdrängt,  Italien  allmählich  den  Provinzen  gleichgestellt. 
Währenddem  schreitet  der  allgemeine  Verfall  unaufhaltsam  fort  und 
leitet  die  neueEntwickelung  ein,  die  man  als  Mittelalter  zu  bezeichnen 
pflegt.  „Wie  Italien  zur  Römerzeit  aussah,  soll  in  diesem  Hand- 
buch beschrieben  werden."  Unser  Leitsatz  an  der  Spitze  des  ersten 
Bandes  bedingt  auch  die  Auswahl  des  Stoffs  für  den  zweiten.  Die 
nachfolgende  Darstellung  verzichtet  auf  den  Versuch  die  einzelnen 
politischen  Bildungen,  die  in  buntem  Wechsel  einander  abgelöst 
haben,  nach  ihrer  geschichtlichen  Ordnung  vorzuführen.    Sie  schildert 

Nissen,  Ital.  Landeskunde.    IL  1 


2  Einleitung. 

das  augusteische  Zeitalter,  wo  das  Land  seine  ansteigende  Bahn  voll- 
endet hat  und  zum  Abstieg  rüstet,  wirft  von  solcher  Höhe  aus 
Rückblicke  auf  die  Vergangenheit,  Ausblicke  in  die  Zukunft.  Ein 
anderes  Verfahren  einzuschlagen  wird  überhaupt  durch  die  Dürftig- 
keil des  verfügbaren  Materials  verwehrt.  Freilich  vermögen  die 
einförmigen  Zustände  der  Kaiserzeit  nicht  die  Aufmerksamkeit  in 
gleichem  Mafse  zu  fesseln  wie  die  Blüte  der  griechischen  Hansa 
oder  der  samnitische  Bauernkrieg,  wie  der  Aufbau  der  römischen 
Macht  und  die  Stürme  die  an  ihren  Grundfesten  rüttelten.  Aber 
für  die  älteren  Jahrhunderte  spendet  die  Ueberlieferung  weder  reine 
noch  reichhaltige  Quellen ,  ihr  Verständnifs  kann  allein  von  dem 
sicheren  Boden  aus,  den  gleichzeitige  Schriftwerke  und  massenhafte 
Denkmäler  bereiten,  erschlossen  werden.  Unter  den  erhaltenen 
Darstellungen  nehmen  zwei  für  itahsche  Landeskunde  eine  besondere 
^A'ichtigkeit  in  Anspruch.  Aus  dem  Jahre  18  n.  Chr.  stammt  das 
anmutige  Gemälde  das  Slrabo  (im  V.  und  VL  Buch  seiner  Geographie) 
von  Italien  entworfen  hat:  an  der  sonnigen  Stimmung  mag  der 
Beschauer  sich  erwärmen,  an  der  künstlerischen  Gestaltung  erfreuen, 
ohne  zu  vergessen  dafs  es  den  Bedürfnissen  und  Forderungen  der 
Gegenwart  nicht  genügt.  Die  heutige  Wissenschaft  leiht  allen  Lebens- 
erscheinungen einen  zahlenmäfsigen  Ausdruck  und  ist  bestrebt  den 
fafslichen  unanfechtbaren  genauen  Mafsstab,  den  die  Zahl  gewährt, 
auch  zur  Erklärung  des  Altertums  zu  verwenden.  Demgemäfs 
wird  ihr  die  treue  Wiedergabe  des  Thatbestandes  zur  obersten 
Pflicht,  und  gewinnt  die  Beschreibung  im  HL  Buch  der  plinianischen 
Encyclopädie  den  urkundlichen  Wert  der  bei  Strabo  zurücktritt.  Es 
handelt  sich  um  denjenigen  Theil  der  Beschreibung,  der  die  Liste 
der  Gemeinden  enthält,  nach  welcher  Augustus  den  Census  14  n.  Chr. 
abgehalten  hatte.  Der  Text  ist  nicht  fehlerfrei,  doch  im  Ganzen 
zuverlässig  überhefert;  die  spätere  Verwaltung  hat  an  der  Liste 
keine  erheblichen  Aenderungen  vorgenommen.  Indem  derart  das 
administrative  Schema  der  Kaiserzeit  gegeben  ist  und  durch  eine 
Masse  von  Inschriften  erläutert  wird ,  gewinnt  die  Forschung  eine 
feste  Grundlage  um  die  älteren  pohtischen  Bildungen  zu  begreifen. 
Dies  ist  der  Wegweiser  bei  unserer  Wanderung  durch  die  italischen 
Landschaften.  Vor  dem  Antritt  der  Wanderung  müssen  einige  all- 
gemeine Verhältnisse  besprochen  werden. 


§  1.    Gröfse   und  Eintheilung.  3 

§  1.  Gröfse  und  Eintheilung. 
Das  alte  Italien  umfafste  den  festländischen  Bestand  des  heutigen 
Königreichs  his  auf  einen  westlichen  Strich  von  Piemont  ga^nz, 
ein  Stückchen  der  an  Frankreich  abgetretenen  Grafschaft  Nizza,"  den 
Canton  Tessin,  Südtirol,  Görz ,  Triest  und  die  istrische  Westküste. 
Der  Lauf  der  Grenze  steht  nur  in  den  allgemeinen  Umrissen  fest 
die  früher  gezogen  worden  sind  (I  79);  auf  Einzelfragen  wird  noch 
zurück  zu  kommen  sein.  Bei  der  obwaUenden  Unsicherheit  kann 
der  Flächeninhalt  nur  in  runder  Ziffer  angegeben  werden.  Immer- 
hin verdient  Beachtung,  dafs  die  I  80  genannte  Gröfse  4600  Qnadrat- 
meilen  253  290  Dkm  nach  den  neueren  planimelrischen  Berech- 
nungen 1)  auf  250  000  Dkm  zu  ermäfsigen  ist.  Auch  für  die  elf 
Regionen  in  die  Augustus  das  Land  theilte,  lassen  sich  nur  genäherte 
Werte  aufstellen.  2)  Die  folgende  Uebersicht  beginnt  im  Norden  und 
schliefst  sich  der  geographischen  Ordnung  an: 

Dkm  Gemeinden      Colonien 

Transpadana  XI  32  000  12  2 

Venetien  X  51000  25  7 

Ligurien  IX  14  000  17  1 

Aemilia  VIII  19  500  26  6 

Etrurien  VII  31000  49  7 

Umbrien  VI  10  000  49  4 

Campanien          I  15  500  86  9 

Valeria  IV  18000  43  1 

Picenum  V  6  500  23  4 

Lucanien  III  27  500  24  0 

Apulien  II  25  000  76  3 

250000  43Ö  44 

1)  General  Strelbitsky,  Superücie  de  l'Europe,  Petersburg  1882,  wies 
nach,  dafs  die  amtliche  Statistik  den  Flächeninhalt  des  Königreichs' gegen 
8000  Dkm  zu  hoch  ansetze.  Die  Nachprüfung  des  mililär-geographischen 
Instituts,  Superficie  de!  Regno  d'llalia  valutata  nel  1884,  Firenze  1885.  ergab 
sogar  einen  Fehler  von  10  000  Dkm.  Daher  rührt  es  dafs  die  Gröfsenangaben 
in  ß.  I  vielfach  ermäfsigt  werden  müssen,  z.  B.  S.  345  Sicilien  von  29  240  auf 
25  461  Dkm.  Der  Fehler  steckt  in  den  ehemals  bourbonischen  Landestheilen 
von  denen  genaue  Aufnahmen  vermifst  wurden  (S.  54). 

2)  J.  Beloch,  die  Bevölkerung  der  griechisch-römischen  Weit,  Leipzig  1886, 
p.  391.  Die  Abweichung  unserer  Ansätze  stützt  sich  auf  die  Berechnung  im' 
Annuario  Statistico  von  1898. 


4  Einleitung^. 

Die  Eiutheilung  stammt  aus  den  Jahren  13  und  14  n.  Chr.,  als 
der  Kaiser,  um  den  Widerstand  gegen  die  Erbschaltsteuer  zu  brechen, 
mit  Einführung  der  Grundsteuer  drohte  und  den  Kataster  neu  auf- 
nehmen hefs  (I  81).  Während  der  republikanische  Censor  die  Bürger 
und  ihr  Vermögen  nach  Tribus  geschätzt  hatte,  nahm  Augustus  in 
Italien  wie  in  den  Provinzen  den  Census  nach  Landschaften  vor. 
Die  Drohung  erfüllte  ihren  Zweck,  bis  292  bheb  der  italische  Boden 
steuerfrei.  In  der  Zwischenzeit,  bevor  die  Umwandlung  der  Be- 
gionen  in  Provinzen  erfolgte,  also  von  Augustus  bis  Diocletian  haben 
jene  Bezirke  für  verschiedenartige  Aufgaben  der  Staatsverwaltung 
gedient  die  der  Natur  der  Sache  nach  nur  im  örtlichen  Zusammen- 
hang gelöst  werden  konnten,  i)  Nach  Regionen  hielt  auch  Ves- 
pasian  den  Census  ab,  wurden  indirecte  Steuern  wie  Erbschaft- 
und  Freilassungsteuer  eingezogen,  Rekruten  ausgehoben,  die  Domänen 
verpachtet,  seit  Traian  die  kaiserliche  Fürsorge  für  arme  Kinder 
geregelt,  seit  Marc  Aurel  die  Vormundschaftsgerichte  eingeführt. 
Allmälich  im  Lauf  der  Zeiten  hat  sich  aus  der  Praxis  heraus  die 
neue  Eintheilung  im  Volksbewufstsein  eingelebt  und  die  Benennung 
der  einzelnen  Bezirke  veranlafst;  denn  von  Hause  aus  sind  die 
11  Regionen  Italiens  ebenso  wie  die  14  Regionen  Roms,  deren 
Einrichtung  7  v.  Chr.  gleichfalls  monarchische  Ziele  verfolgte, 
allein  durch  Ziffern  bezeichnet  gewesen.  Die  Namen  sind  in 
8  Fällen  alten  Volksstämmen  entlehnt,  für  2  von  der  den  Bezirk 
durchziehenden  Hauptstrafse  abgeleitet,  ein  einziger  nach  örtlichen 
Merkmalen  gebildet.  Die  Wissenschaft  hat  sich  gegen  die  Neuerung 
des  Augustus  ablehnend  verhalten.  Von  Strabo,  der  wenige  Jahre 
darauf  schrieb,  ist  dies  leicht  begreiflich.  Plinius  selbst  hebt  es  als 
«inen  Bruch  mit  dem  Herkommen  hervor,  dafs  er  sie  zu  Grunde 
legt,  und  mag  zu  diesem  Schritt  durch  seine  Beziehungen  zur  fla- 
vischen  Regierung  veranlafst  worden  sein,  wie  er  auch  sonst  amt- 
liches Material  den  Aufnahmen  des  Census  von  73  n.  Chr.  verdankt. 
Aber  Ptolemaeos  nimmt  nicht  die  mindeste  Rücksicht  auf  die  be- 
stehenden Regionen  und  ordnet  die  Ortschaften  ausschUefslich  nach 
ehemaligen  Stammgebieten,  die  vielfach  recht  unglücklich  bestimmt 
werden.  Es  ist  also  im  alten  Itahen  ähnlich  gegangen  wie  im 
heutigen:   mit  den  69  Provinzen    in    die   das  Königreich  nach  der 


1)  Mommsen,    die    italischen  Regionen,    in    der    Festschrift   für    Kiepert, 
Berlin  1898,  p.  104. 


§  1.     Gröfse  und  Eintheilung.  5 

1861  angewandten  fremden  Schablone  zerfällt,  weifs  die  Volkswirt- 
schaft nichts  anzufangen,  in  staatlicher  Hinsicht  gilt  ihre  Schöpfung 
als  verfehlt.  Dagegen  wird  das  Urtheil  über  die  Mafsnahme  des 
Augustus  günstiger  lauten.  Für  die  Ordnung  der  6  nördlichen 
Regionen  hat  er  den  natürlichen  und  geschichtlichen  Verhältnissen 
volle  Rechnung  getragen;  in  demjenigen  Theil  jedoch  der  die 
reichste  Vergangenheit  aufwies,  in  der  mittleren  und  südlichen 
Halbinsel  hat  er  die  Grenzen  nach  Erwägungen  gezogen,  die  man 
nur  halb  begreift  und  denen  kein  Geograph  oder  Historiker  zu- 
stimmen kann.  Demnach  wird  die  Reschreibung  der  Landschaften 
in  der  ersten  Hälfte  seiner  Führung  folgen,  in  der  zweiten  eigene 
Wege  einschlagen  müssen. 

Ris  zu  ihrer  Umwandlung  in  Provinzen  kommt  den  Regionen 
eine  politische  Redeutung  im  eigentlichen  und  strengen  Sinne  des 
Wortes  nicht  zu.  Politisch  war  das  Land  in  Tribus  getheilt,  nach 
den  35  Stimmbezirken  in  denen  die  Rürgerschaft  ihr  Herrscherrecht 
in  Rom  zum  Ausdruck  brachte.  ThatsächUch  jedoch  hat  die  Volks- 
versammlung seit  Tiberius  und  lange  vor  Tiberius  nichts  zu  sagen. 
Wenn  der  Freigeborene  bis  ins  dritte  Jahrhundert  n.  Chr.  die  Tribus 
seinem  Namen  hinzufügt,  so  trägt  er  dem  Freigelassenen  gegenüber 
jenen  Classenstolz  zur  Schau,  der  im  Altertum  dem  Menschen  eine 
noch  höhere  Refriedigung  gewährte  als  gegenwärtig.  Der  Rewerber 
um  ein  Staatsamt  brauchte  nicht  mehr  wie  ehedem  die  Vertheilung 
der  Tribus  seinem  Gedächtnifs  einzuprägen.')  Ganz  leicht  kann  dies 
auch  nicht  gewesen  sein.  Die  ursprünglichen  Tribus  waren  ein- 
heitliche Orlsbezirke,  deren  Zusammenhang  wohl  gelockert,  aber 
durch  Errichtung  neuer  nach  Möglichkeit  gewahrt  wurde.  Nachdem 
indessen  die  Reihe  241  v.  Chr.  geschlossen,  vollends  nachdem  das 
ganze  Land  des  Rürgerrechts  theilhaftig  geworden  war,  erscheinen 
die  verschiedenen  Landschaften  in  den  einzelnen  Stimmkörpern 
bunt  durcheinander  gemischt.  2)  Selbst  wenn  die  Anordnung  nebst 
den  dabei  mafsgebenden  Gesichtspuncten  besser  bekannt  wäre  als 
wirklich  der  Fall  ist,  würde  sie  einer  Landesbeschreibung  nicht  zu 
Grunde  gelegt  werden  können.  Und  dies  gilt  erst  recht  von  der 
Zeit  vor  dem  marsischen  Kriege,  als  der  gröfsere  Theil  des  Landes 
aufserhalb  des  römischen  Rechtsverbandes  stand  (I  69).     Die  Tribus- 


1)  Q.  Cicero,  de  pet.  cons.  30. 

2)  Kubitschek,  Imperium  Romanum  tributim  discriptum,  Vindob.  1889. 


6  Einleitung. 

vertheilung  und  der  italische  Bund  lassen  sich  annähernd  durch 
Kartenbilder  zur  Anschauung  bringen ;  aber  einer  Darstellung  durch 
das  Wort  versagen  die  Quellen. 

Aus  äufseren  wie  aus  inneren  Gründen  fällt  das  Schwergewicht 
der  Landeskunde  auf  die  Gliederung  der  Bürgerschaft  in  Gemeinden. 
Der  römische  Staatsgedanke  ist  über  den  Begriff  der  Stadt  nicht 
hinaus  gekommen:  trotzdem  er  schhefslich  einen  Umkreis  von 
100000  Quadratmeilen  bemeistert,  hat  keine  Scheidung  zwischen 
städtischem  und  staatlichem  Beamtentum,  Haushalt,  Verwaltung 
stattgefunden.  Das  Geheimnifs  seiner  Erfolge  ruht  in  der  Einheit 
des  üffentlichen  Lebens,  die  von  Anbeginn  an  mit  Strenge  durch- 
geführt wird.  Die  Einheit  erleidet  dadurch  keine  Einbufse,  dafs 
Rom  im  Fortgang  seiner  Eroberungen  vorhandene  Gemeinden  ein- 
verleibt und  neue  schafft,  vermittelst  der  Anlage  von  Städten  die 
bäuerlichen  Landschaften  bezwingt  und  den  Zusammenhang  der 
Stammbunde  sprengt.  Das  eine  wie  das  andere  war  nicht  möglich, 
ohne  dafs  diesen  Theilen  eine  gewisse  Freiheit  der  Bewegung  und 
die  Regelung  eigener  Angelegenheiten  belassen  blieb.  Im  4.  Jahr- 
hundert fanden  eine  Anzahl  von  Städten  Aufnahme  in  den  Staats- 
verband die  ihre  bisherige  Sprache  und  Verfassung  behielten.  Auf 
beides  mufsten  die  Bundesgenossen,  die  durch  den  marsischen  Krieg 
zum  Bürgerrecht  gelangten,  Verzicht  leisten ;  denn  das  Lateinische 
hatte  mittlerweile  einen  weilen  Vorsprung  vor  den  Landessprachen 
und  den  Rang  einer  Weltsprache  errungen.  Aber  wenn  nun  auch 
die  staatliche  Einheit  manche  Anforderungen,  namentlich  in  der 
Rechtsprechung  stellte,  die  heut  zu  Tage  als  unerträghch  empfunden 
werden  würden,  hat  sie  in  anderen  Richtungen  der  Selbstverwaltung 
einen  weiteren  Spielraum  gewährt.  In  Folge  dessen  besitzt  der 
aufserhalb  der  Hauptstadt  ansässige  Römer  ein  doppeltes  Bürger- 
recht, sowol  in  Rom  der  communis  patria  ^)  als  in  seiner  Sonder- 
heimat domus'^}:  letztere  stellt  als  verkleinertes  Abbild  von  Rom 
eine  res  publica  dar,  die  eigenes  Vermögen  hat  und  verwaltet,  ihren 
eigenen  Gottesdienst,  ihre  Beamten  selbst  wählt  und  die  niedere 
Gerichtsbarkeit  durch  sie  ausübt.  Innerhalb  dieser  Grenzen  hat 
das  Bürgertum  seine  Kräfte  regen  können  und  eine  Thätigkeit 
entfaltet,  die  am  Sitz  der  Caesaren  ausgeschlossen  war;  ein  Abglanz 


1)  Dig.  L  1,33  XXVII  1,6,  11. 

2)  Cic.  Verr,  I  45  Liv.  VIII  19. 


§  2.    Die  Landgemeinden.  7 

der  alten  Volksfreiheit  leiht  dem  Kleinleben  seineu  eigentümlichen 
Reiz.  Die  Censusliste  führt  ungefähr  430  Gemeinden  mit  Selbst- 
verwaltung in  ItaUen  auf:  mit  voller  Sicherheit  läfst  sich  die  Zahl 
nicht  ermitteln.  Die  Uebersicht  S.  3  lehrt,  dafs  sie  sehr  ungleich- 
mäfsig  vertheilt,  in  einzelnen  Landschaften  dünn,  in  anderen  so 
dicht  gesäet  sind,  dafs  nach  räumlichem  Durchschnitt  das  Verhältnifs 
zwischen  1  und  14  schwankt.  Ferner  sind  es  mit  vereinzelten  Aus- 
nahmen lauter  Städte;  aber  die  Ausnahmen  verdienen  erhöhte  Auf- 
merksamkeit, insofern  sie  darthun,  dafs  die  Umbildung,  welche  den 
Hauptinhalt  der  Landesgeschichte  ausmacht,  noch  nicht  ganz  be- 
endigt ist.  Wie  Italien  im  Laufe  der  Zeiten  sein  Pflanzenkleid  ver- 
ändert, hat  es  auch  die  ehemaligen  bäuerhchen  Lebensformen  gegen 
städtische  umgetauscht.  Hellenen  und  Etrusker  haben  das  Werk 
begonnen ,  die  Romer  haben  planmäfsig  am  Ausbau  fortgearbeitet. 
Als  es  zuletzt  an  Altersschwäche  zu  Grunde  ging,  gelangte  das 
Bauerntum  durch  die  Germanen  wieder  zu  Ehren.  Aber  das 
römische  Städtewesen  feierte  seine  Auferstehung  und  machte  Italien 
abermals  zu  einem  Land  der  Städte.  Die  daraus  erwachsenen  Vor- 
züge und  Gebrechen  liegen  klar  vor  unseren  Augen  und  verbreiten 
Licht  über  die  Entwicklung  die  in  diesem  Handbuch  beschrieben 
werden  soll. 

§  2.     Die  Landgemeinden. 

Der  Begriff  der  politischen  Gemeinde  hat  im  Altertum  eine 
ähnliche  Entwicklung  durchgemacht  wie  in  der  Neuzeit:  die  Städte 
werden  immer  gröfser  und  unterwerfen  allmälich  das  ganze  flache 
Land.  Nach  einer  Angabe  zählte  Itahen  einstmals  1197  Gemeinden 
{uoleig),  nahezu  das  Dreifache  wie  14  n.  Chr.i)  Der  amtliche  Ur- 
sprung dieser  Zahl  wird  nicht  verbürgt,  an  sich  klingt  sie  voll- 
kommen glaubhaft.  Die  1.  und  6.  Region,  Latium  und  Umbrien, 
weisen  die  meisten  Verwaltungskörper  auf,  durchschnittlich  einen  auf 
eine  Fläche  von  200  Dkm.  Aufserdem  aber  führt  Plinius  in  Umbrien 
12,  im  alten  Latium  gar  50  untergegangene  Gemeinden  namentlich 
auf 2);  fügt  man  diese  den  erhaltenen  hinzu,  so  kommt  eine  Ge- 
meinde im  Durchschnitt  schon  auf  150  Gkm.  Wenn  man  den 
gleichen  Mafsstab  auf  jene  Angabe  von  1197  Gemeinden  über- 
trägt,   so    würde    eine    Fläche    von    180  000  Dkm   ungefähr   dem 


1)  Aelian  Var.  Hist.  IX  16.  2)  Plin.  III  68  fg.  114. 


8  Einleitung. 

bürgerlichen  Gebiet  entsprechen ,  das  ItaHen  70  v.  Chr.  nach  dem 
Bundesgenossenkrieg  umfafste.  Das  Mittel  wurde  von  einzelnen 
Städten  weit  überschritten,  von  anderen  lange  nicht  erreicht,  betrug 
z.B. im  alten  Latium  kaum  50  Dkm.  Ferner  werden  in  der  49  v.  Chr. 
lUr  Oberitalien  erlassenen  Gerichtsordnung  neun  Oertlichkeiten 
unterschieden,  an  denen  Klage  und  ürtheil  ergehen  kann:  oppidnm 
municipium  colonia  praefectura  forum  vicus  condliabulum  castellum 
territoriumve.  i)  Ein  halbes  Jahrhundert  später  sind  all  die  länd- 
lichen Dingstätten  am  Po  verschwunden,  und  im  Mittel  kommt  auf 
1500  Dkm  nur  ein  Gerichtssitz.  Augustus  ist  der  Schöpfer  der 
Grofsgemeinde:  wie  er  diese  in  den  gallischen  Provinzen  verglichen 
mit  den  älteren  Ordnungen  Spaniens  eingerichtet  hat,  so  verfährt 
er  nach  dem  nämlichen  Grundsatz  in  Italien,  soweit  die  geschicht- 
lichen Verhältnisse  es  gestatteten.  Da  in  dem  Colonistenland  das 
Städtewesen  entfernt  noch  nicht  so  weit  vorgeschritten  war  wie  im 
Süden,  konnten  die  alten  Stammverbände  vielfach  in  Stadtbezirke 
umgewandelt  werden  und  jene  Lebenskraft  bethätigen,  die  bis  auf 
die  Gegenwart  sich  fortgepflanzt  hat.  Immerhin  fehlt  es  auch  auf 
der  Halbinsel  ihrer  bewegten  Vergangenheit  ungeachtet  keineswegs 
an  Spuren  älterer  Bildungen. 

Alle  rechtliche  Ordnung  geht  vom  Grenzfrieden,  von  der  Fest- 
stellung des  Eigentums  gegenüber  den  Nachbarn  aus.  2)  Daher 
rührt  auch  die  Benennung  der  ursprünglichen  Gemeinde  als  tribus 
oder  pagus.  Beide  Worte  werden  im  gleichen  Sinne  gebraucht  3); 
noch  Cato  redet  von  112  tribus  der  Boier  wie  ein  Jahrhundert 
später  Caesar  von  100  pagi  der  Sueben.  4)  Nach  der  weiten  Ver- 
breitung der  Bürgerschaft  beschränkt  man  jenes  auf  den  Bürger- 
bezirk, der  längst  allen  räumlichen  Zusammenhang  eingebufst  hatte. 
Dafs  aber  tribus  seiner  Herkunft  nach  solchen  in  sich  schliefst, 
lehren  die  verwandten  Sprachen :  im  Umbrischen  bedeutet  es  ager, 
im  Oskischen  domus,  eines  wie  das  andere  ein  Templum  oder  be- 
friedetes  Eigentum.  5)     Offenkundig   liegt  derselbe  Begriff  in  pagus 

1)  CIL.  I  205. 

2)  Rudoiff,  Gromatische  Institutionen  p.  234  fg.  in  Rom.  Feldmesser  II, 
Berlin  1852. 

3)  Die  Tribus  Lemonia  und  Succusana  heifsen  nach  dem  Pagus  Lemonius 
und  Succusanus  Fest.  115.  309  Varro  LL.  V  48. 

4)  Cato  Plin.  III  116  Caes.  b.  G.  I  37  IV  1. 

5)  Buecheler,  Umbrica,  Bonn  1883,  p.  95  Zvetaieff  inscr.  ose.  63.  82.  Die 
Ableitung  Varro's  LL.  V  55  von    tres   hat   sich  in  historischen  Kreisen  nur  so 


§  2.    Die  Landgemeinden.  9 

vor,  zu  dessen  Sippe  pax  pacisci  pangere  gehört.  Die  Heiligkeit 
der  Grenze  gilt  als  der  Eckstein  göttlichen  und  menschlichen  Rechts: 
ihre  Preisgabe  zieht  den  Untergang  aller  Dinge  nach  sich,  i)  Als 
ländliche  Gemeinden  mit  eigenem  Vermögen,  Gottesdienst,  Verwal- 
tung und  Beamten  behaupten  sich  die  Pagi  innerhalb  der  Territorien 
bis  zum  Ausgang  des  Altertums.  Die  Unverrückbarkeit  der  Grenze 
wird  alljährbch  durch  Begang  und  Entsühnung  der  Flur  zum  Aus- 
druck gebracht.  2)  Bei  der  Schätzung  eines  Grundstücks  mufs  neben 
der  civitas  und  den  anstofsenden  Nachbarn  auch  der  pagus,  in  dem 
es  Hegt,  namhaft  gemacht  werden. 3)  Aber  es  hat  eine  Zeit  gegeben, 
wo  weder  pagus  den  Theilbezirk  eines  städtischen  Gebiets  noch 
pagani  Bauern  bedeutete,  sondern  gleich  örjiiiog  oder  Gau,  womit 
es  zusammen  gebracht  wird,  ein  selbständiges  Ganzes  ausmachte.^) 
Nach  römischer  Anschauung  stellt  jeder  Gau  1000  Mann  ins  Feld.s) 
Bei  den  Umbrern  scheint  er  gröfser^),  anderswo  kleiner  gewesen 
zu  sein'^):  überhaupt  werden  die  Zahlenschemata  der  alten  Ver- 
fassung, z.  B.  bei  der  deutschen  Hundertschaft,  in  WirkHchkeit  nicht 
eingehalten.  Die  Censusliste  des  Augustus  erwähnt  im  südhchen 
Etrurien  Novem  Pagi:  diese  9  zu  einem  Verwaltungskörper  ver- 
einigten Gaue  können  die  von  der  Theorie  verlangte  Bevölkerungs- 
ziffer lange  nicht  erreicht  haben. 

Die  geschlossene  Ansiedlung,  die  Tacitus  im  Gegensatz  zur  zer- 
streuten Wohnweise  der  Germanen  als  römisch  bezeichnet,  ist  in 
Italien  so  alt  wie  die  geschichtliche  Runde.  *)  Die  Gelehrten  er- 
klärten irriger  Weise  pagus  aus  dem  Griechischen ,  sei  es  von  den 
Gemeindebrunnen  (Ttayai)^),  sei  es  von  der  Bergspitze  (riayog),  wo 
die  Ackersleule  in  Ruhe  schliefen  und  bei  feindlichem  Angriff  Schutz 


lange  behaupten  können,  als  man  an  die  Möglichkeit  glaubte  die  Zahlen- 
schemata der  antiken  Verfassungen  in  die  sog.  indogermanische  Urzeit  zurück 
verfolgen  zu  können. 

1)  Feldmesser  350  Lachm.  Liv.  I  55. 

2)  Feldm.  164  CIL  IX  161S.  5565. 

3)  Dig.  L  15,4  pr.  CIL.  IX  1455  XI  1147. 

4)  Fest.  72  Müller. 

5)  Varro  LL.  V  89  Caes.  b.  G.  IV  1. 

6)  Liv.  XXXI  2  XXXni  37;  IX  41  wird  für  Tribus  plaga  gesagt,  ähnlich 
wie  bei  den  Römern  regio. 

7)  Her.  Ep.  I  18,   105. 

8)  Tac.  Germ.  16. 

9)  Fest.  221   Serv.  V.  Georg.  II  382. 


10  Einleitung. 

fanden.!)  Beide  Ableitungen  treffen  sprachlich  nicht  zu,  wol  aber 
sachlich.  „Die  Alten",  bemerkt  ein  Mann  der  Praxis  2),  „begnügten 
sich  wegen  der  plötzlichen  Kriegsgefahr  nicht  damit  ihre  Städte  mit 
Mauern  zu  umgürten,  sondern  wählten  auch  rauhe  unzugängliche 
Oertlichkeiten  aus,  wo  die  Natur  des  Ortes  selbst  das  wirksamste 
Bollwerk  bildete,"  Derart  lagen,  wie  es  in  der  Schilderung  des 
älteren  Sicihen  heifst  (l  60),  die  Burgen  der  Sikaner  auf  den  steilsten 
Anhöhen  aus  Furcht  vor  den  Piraten.  Aehnlich  war  es  auf  dem  Fest- 
land im  Appennin.  Im  vulkanischen  Theil  hat  die  Zerklüftung  des  Bodens 
den  Niederlassungen  eine  aufserordentliche  Festigkeit  gewährt  (I  256). 
Wo  aber  wie  im  Poland  der  natürliche  Schutz  fehlte,  ist  er  durch 
die  Kunst  ersetzt  worden.  Der  Umschwung  der  Zeiten,  die  Ver- 
änderung der  Bau-  und  Lebensweise  erschwert  es  die  Gauburgen 
oder  -Städte  während  des  Fehdelebens  aus  jungen  Trümmern  zu 
veranschaulichen.  Indessen  gewährt  die  Untersuchung  der  nord- 
italischen Terremare  dankenswerten  Stoff,  und  wenigstens  in  einem 
Falle  ist  der  Grundrifs  eines  altumbrischen  Pagus  (Castellazzo  di 
Fontanellato,  Provinz  Parma)  völhg  ermittelt  worden  3).  Die  An- 
lage, ein  längliches  Viereck  mit  parallelen  Langseiten,  bedeckt  einen 
Flächenraum  von  19,5  ha.  Davon  gehen  8  ha  für  die  Befestigung 
ab.  Diese  besteht  aus  einem  am  Fufs  15  m  breiten  nach  Innen 
durch  Pfahlwerk  gestützten  Erdwall;  ihn  umfliefst  mit  30  m  Breite 
und  3,5  m  Tiefe  ein  Graben,  der  aus  dem  benachbarten  Bach  durch 
einen  Canal  gespeist  wird,  während  ein  zweiter  Canal  für  den  Ab- 
flufs  sorgt.  Der  Graben  erweitert  sich  an  der  Schmalseile  auf  60  m, 
da  wo  die  Brücke  den  einzigen  Zugang  ins  Innere  eröffnet.  Zwei 
im  rechten  Winkel  einander  schneidende  Hauptstrafsen  theilen  die 
Wohnfläche  in  vier  annähernd  gleiche  Viertel.  Die  Fläche  mifst 
11,5  ha,  ungefähr  so  viel  wie  die  Stadt  des  Romulus  auf  dem 
Palatin.  Sie  reichte  bequem  aus,  um  die  Gaugenossen  mit  Weib 
und  Kind,  4  —  5000  Köpfe  oder  mehr  zu  beherbergen,  gegen 
Nacht  Unwetter  und  Feinde  zu  schützen.  Ueber  den  bescheidenen 
Baum   den   die   altitalischen  Hütten  beanspruchten ,   sind  wir  recht 


1)  Dion.  H.  IV  15  IJäyovs  t'vd'a  avvdfpevyov  ix  rcov  ayQcöv  anavxes 
OTiöxe  ytvoiro  TioXtfiicov  etpoSoe,  xal  ra  TioXXä  dievvxT£(fSvov  evxavd'a. 

2)  Feidm.  178. 

3)  Die  verstreute  Litteratur  über  diese  wichtige  Feststellung  Luigi  Pigo- 
rini's  findet  sich  bei  Montelius,  la  civilisation  primitive  en  Italie  depuis 
Tintroduction  des  metaux,  Stockholm    1895,  p.  146  fg. 


§  2.  Die  Landgemeinden.  11 

befriedigend  unterrichtet,  namentlich  nachdem  Zannoni  in  Bologna, 
der  Hauptstadt  der  Aemilia,  ihrer  an  600  aufgedeckt  hat.  Aus  Holz 
und  Flechtwerk  mit  Lehm  aufgeführt,  mit  Schilf  oder  Stroh  gedeckt, 
haben  sie  meistens  runde  oder  ovale  Gestalt,  aber  ihr  Durchmesser 
überschreitet  nicht  3 — 5  m.  Die  rechteckigen  Hütten  sind  gröfser 
und  erreichen  eine  Grundfläche  von  etwa  30  D  m.  Uebrigens  giebt 
es  auch  in  Pompeji  alte  Steinhäuser,  die  sich  mit  50  D  m  begnügen. 
Vom  innern  Raum  der  Festung  sind  reichlich  2  ha  ausgespart  für 
die  arx  oder  Citadelle,  i)  Diese  liegt  an  der  0  Langseite  dem  Ab- 
flufscanal  gegenüber,  unmittelbar  am  Wall  und  ist  ein  Rechteck 
von  120  X  60  m,  an  allen  vier  Seiten  von  einem  eigenen  30  m 
breiten  Graben  eingefafst.  In  der  königlichen  Zeit  wohnte  hier  der 
König  oder  Gaiigraf.2) 

Eine  Niederlassung  nach  Art  der  beschriebenen  heifst  gewöhn- 
lich oppidum:  die  Ableitung  des  Wortes  ist  unsicher,  die  Bedeutung 
jedoch  als  eingehegter  befestigter  Platz  ist  sicher.3)  Selten  wird 
dafür  das  mit  casa  verwandte  castrum  gebraucht*),  häufig  die  Ver- 
kleinerungsform castellum.  Während  auch  die  grofse  Stadt  ein 
oppidum  oder  eine  Festung  ist,  versteht  man  unter  castellum  das 
befestigte  Dorf  oder  die  Gauburg,  die  einem  anderen  Gemeinwesen 
untergeordnet  ist. 5)  Bis  auf  die  Sicherung  des  Landfriedens  durch 
Augustus  hat  diese  Wohnweise  im  Umkreis  des  Mittelmeers  ge- 
herrscht. So  konnte  z.  B.  Pompeius  sich  rühmen  in  Spanien  876 
oppida,  in  Asien  1538  oppida  und  castella  unterworfen  zu  haben. 6) 
So  haben  in  Italien  die  Romer  304  v.  Chr.  innerhalb  50  Tage  31 
Städte  der  Aequer  erstürmt,  geplündert  und  verbrannt^),  iu  älterer 
Zeit  die  Etrusker  300  umbrische  Städte  bezwungen.  §)  Ein  Ge- 
lehrter  führt    den    Ursprung   der  Gauburgen    auf  griechische  An- 


1)  Isidor  XV  2,32  arces  swit  partes  urbis  excelsae  atque  munitae;  nam 
quaecumque  tutissima  urbium  sunt,  ab  arcendo  hostes  arces  vocantur, 

2)  Piut.  Rom.  20,4  Solin  1,21. 

3)  Varro  LL.  V  153  Fest.  184  üig.  L  16,  239,7  lex  Urson  c.  73.  75.  76.  91. 

4)  In  Italien  weist  das  Ortsverzeichnifs  nur  6  Fälle  auf. 

5)  Isidor  XV  2,11  vici  et  castella  et  pagi  sunt  quae  nulla  dignitate 
civitatis  ornanlur,  sed  vulgari  hominum  conventu  incolunlur  et  propter 
parvitatem  sui  maioribus  civitatibus  atlribuuntur.  Liv.  IX  41  X  18.  46 
CIL.  I  199. 

6)  Plin.  VII  96  fg.  vgl.  Strab.  III  163. 

7)  Diod.  XX  101  Liv.  IX  45. 

8)  Plin.  m  113. 


12  Einleitung. 

regUDg  und  den  mythischen  Oenotros  zurück  i):  vordem  hätten 
die  Aboriginer  auf  den  Bergen  ohne  Mauern  dorfartig  und  zer- 
streut gewohnt.2)  In  der  That  setzen  die  Anlagen  der  Terremare 
wie  die  ligurischen  und  latinischen  Castelle  entwickelte  Lebens- 
formen voraus  und  passen  nur  für  Ackerbauer.  Der  Bauer  ist  an 
die  Scholle  gebunden,  mufs  den  Garten,  den  er  bepflanzt,  das  Feld 
das  er  gepflügt  hat,  vertbeidigen  weil  sein  Unterhalt  davon  abhängt. 
Eine  Gesellschaft  jedoch,  deren  Habe  in  Vieh  bestand,  konnte  mit 
derartigen  Festungen  nichts  anfangen  weil  der  Baum  fehlte  um  die 
Habe  in  Sicherheit  zu  bringen.  Wenn  der  Feind  nahte,  zog  sie 
mit  ihren  Heerden  in  Wald  und  Sumpf  oder  in  die  Wildnifs  der 
Berge. 3)  So  wohnten  die  Kelten  am  Po  in  mauerlosen  Dörfern  und 
beschränkten  ihr  Besitztum  auf  Vieh  und  Gold,  da  sie  beides  jeder- 
zeit ohne  Mühe  fortschaffen  konnten. 4)  Auch  von  Stämmen  des 
Appennin  bei  denen  die  Viehzucht  vorwiegt,  wie  Sabinern  ä)  und 
Sammiten^),  wird  gleiche  Wohnweise  bezeugt.  In  allen  diesen 
Fällen  wo  die  wirtschaftliche  Entwicklung  auf  einer  niedrigen  Stufe 
verharrt ,  sind  die  Gaue  zu  grofsen  Volksgemeinden  vereinigt  und 
die  Landesgrenzen  durch  Gebücke  oder  Landwehren,  wie  sie  in 
unserem  Mittelalter  häufig  begegnen ,  geschützt  gewesen.  Das  An- 
denken daran  lebte  in  der  Benennung  des  Schutzwaldes  als  ager 
arcifinius  fort '') ;  auch  sind  Spuren  solcher  Befestigungen  erkennbar. 
Sodann  hat  Roms  fortschreitende  Macht  seinen  Bürgern  die  Zuver- 
sicht eingeflüfst  ihr  Heim  auf  freiem  Felde  aufzuschlagen.  Dies 
gilt  z.  B.  von  dem  340  gewonnenen  falernischen  Gau  und  den  268 
eroberten  Theilen  von  Picenum:  beide  Landschaften  waren  von 
römischen  Ansiedlern  erfüllt  und  boten  217  dem  Angriff  Hannibals 
das  bequemste  vortheilhafteste  Ziel.^)  Das  offene  Dorf  heifst  vicus: 
das  Wort,    im   griechischen    olxog  und   anderen    indogermanischen 


1)  Dion.  H.  1  12  qxiae  noXeie  /utx^äs  xal  avvexe^s  inl  zols  oQeaiv,  ooTieo 
r,v  roTs  naXatois  xqÖtios  oixrjaecjs  avvrjd'rje. 

2)  Dion.    H.    I    9    inl    rols    o^efftv    axovv    avsv    ret^cüv    xmjutjSÖv    xal 
anoQäSes. 

3)  Zonar.  VIII  1  Liv.  IX  31  vgl.  Caes.  b.  G.  V  21. 

4)  Pol.  II  17,  9  fg. 

5)  Cato  bei  Dion.  H.  II  49  Plut.  Rom.  16,1  Liv.  II  62. 

6)  Liv.  IX  13. 

7)  Nach  Varro  Feldm.  6  ab  arcendis  hostibus  est  appellatus  vgl.  Rudorff, 
Crom.  Inst.  250  fg. 

8)  Pol.  III  86,10  92,8  Liv.  XXll  9.  11.  14. 


§2.   Die  Landgemeinden.  13 

Sprachen  wiederkehrend,  bedeutet  eine  zusammenhängende  Reihe 
von  Wohnungen  an  beiden  Seiten  einer  Strafse  und  bedeutet  immer 
den  Theil  eines  grofseren  Ganzen ,  sei  es  eines  Pagus,  sei  es  einer 
Stadt  wenn  von  städtischem  Anbau  gesprochen  wird,  i)  In  der 
Gerichtsordnung  von  49  v.  Chr.  geht  bei  der  Aufzählung  der  Ding- 
stätten der  Markt  forum  voraus.  2)  Das  Ortsverzeichnifs  enthält  33 
in  diese  Classe  fallende  Ortschaften  Italiens,  von  denen  die  meisten 
nachträglich  Stadtrecht  erlangt  haben.  Die  Entstehung  der  Märkte 
hängt  mit  dem  Strafsenbau  zusammen.  Für  die  Anlagen  ihrer 
Mihtärstrafsen  pflegten  die  Romer  sich  ansehnhche  Landstreifen  — 
die  Breite  wird  in  einem  Falle  zu  2,2  km  bestimmt  3)  —  abtreten 
zu  lassen,  deren  Ansiedlern  {viasiei  vicanei)^)  die  Instandhaltung 
oblag.  Die  Ansiedler  erhielten  im  Forum  einen  Ort  der  Vereinigung. 
Häufig  wird  es  mit  conciliahulum  zusammen  genannt  bei  Gelegenheit 
von  Aushebungen,  obrigkeitlichen  Bekanntmachungen  und  Gerichts- 
verhandlungen.s)  Vereinzelt  begegnen  ^pagi  fora  conciliahula^), 
und  agri  fora  conciliahuW),  wobei  dann  das  erste  Glied  dem  un- 
bestimmten terrüorinm  der  Gerichtsordnung  von  49  v.  Chr.  ent- 
spricht. Einen  Unterschied  von  forum  und  conciliahulum  kann 
man  darin  erblicken,  dafs  jenes  in  der  Regel  von  einem  römischen 
Magistrat  gegründet  ist,  während  dieses  ohne  amtliche  Mitwirkung 
durch  Verkehrsbedürfnisse  ins  Leben  gerufen  wird.s)  Es  kommt 
wol  auch  seltener  vor,  dafs  ein  conciliahulum  Stadtrecht  erlangt.^) 
Um  endlich  das  Bild  der  Besiedlung  Itahens  zu  vervollständigen 
bleibt  noch  zu  erwähnen,  dafs  aufser  den  befestigten  und  unbe- 
festigten Dörfern  seit  Alters  zerstreute  Gutshöfe  begegnen  und  im 
Laufe  der  Geschichte  mit  dem  Schwinden  des  freien  Bauernstandes 
sich  reifsend  vermehren:  sie  werden  als  villae  den  vici  oder  dem 
ager  gegenüber  gestellt.  lO) 


1)  Varro  LL.  V  145  Fest.  371,    dem    Pagus    untergeordnet    CIL.    V    7923 
IX  3521  XI  1147. 

2)  Test.  84. 

3)  Strab.  IV  203. 

4)  CIL.  I  200,  11  fg. 

5)  Liv.  XXIX  37  XXXiX  14.  18  XL  37  XLIII  14. 

6)  Liv.  XXV  5. 

7)  Liv.  XL  19. 

8)  Fest.  38  Isidor  XV  2,14. 

9)  Feldm.  19  Lachm. 

10)  Fest.  371  Liv.  II  62  XXII  11.  14. 


14  Einleitung. 

Die  lateinische  Sprache  besitzt  keinen  Namen  um  die  Land- 
gemeinde als  solche  von  der  Stadt  zu  unterscheiden.  Sie  kann  den 
Begriff  nur  umschreiben,  indem  sie  allerlei  Arten  von  Ortschaften 
die  nicht  als  Städte  angesehen  werden ,  aufzählt  und  vorsichtiger 
Weise  am  Schlufs  noch  territorium  oder  locus  hinzufügt. i)  Allen- 
falls drückt  sie  den  Begriff  negativ  aus,  wie  das  Ackergesetz  von  111 
V.  Chr.  durch  coloniae  sive  municipia  sive  quae  pro  municipiis  colomisve 
sunt.'^)  Zur  Zeit  Cicero's  wird  kurzweg  praefeclura  gesagt.^)  Das 
Wort  bedeutet  einen  Gemeindeverband  der  seinen  Oberbeamten 
nicht  selbst  wählt,  sondern  von  der  höheren  Instanz,  sei  es  von 
Rom,  sei  es  von  einer  Colonie^),  zugesandt  erhält.  Seit  dem 
4.  Jahrhundert  v.  Chr.  befanden  sich  eine  Anzahl  ansehnlicher 
Städte,  deren  Bewohner  insgesammt  oder  in  der  Mehrheit  des 
römischen  Stimmrechts  entbehrten,  in  solcher  Lage. 5)  Mit  dem 
vollen  Bürgerrecht  jedoch  erlangten  die  Städte  auch  die  volle 
Selbstverwaltung.  Somit  bleiben  als  praefecturae  nach  dem  mar- 
sischen Kriege  nur  die  Landgemeinden  übrig,  sind  unter  Caesar 
ziemlich  häufig^),  unter  Augustus  und  dessen  Nachfolgern  keines- 
wegs ganz  verschwunden.  Aber  ihr  Bestand  ist  in  andauernder 
Abnahme  begritfen,  und  die  Municipalverfassung  fafst  endlich  auch 
in  den  Gebirgslandschaften,  die  ihr  so  hartnäckig  widerstrebt  hatten, 
festen  Fufs.  Wir  vermögen  die  Umwandlung  für  Italien  nicht 
ziffermäfsig  auszudrücken,  dagegen  für  Spanien:  in  der  Tarraconensis 
wurden  zur  Zeit  des  Augustus  293  Gemeinden  gezählt,  179  mit, 
114  ohne  ein  städtisches  Centrum  {oppidum);  anderthalb  Jahr- 
hunderte später  bei  Ptolemaeos  ist  die  Gesammtzahl  auf  275  gesunken, 
aber  davon  sind  248  Städte  und  nur  27  Landgemeinden.'')  Immer- 
hin ist  das  ganze  Italien  nicht  in  Stadtgebiete  aufgeteilt  gewesen. 
Aufserhalb  derselben  fällt  das  Staats-  bezw.  kaiserliche  Eigentum, 
Bergwerke  Salinen  Forsten  und  Weiden,   deren  Ausdehnung  nach- 


1)  CIL.  I  205  giebt  die  S.  8  angefülirten  9  Bezeiclinungen  durctiweg,  fafst 
aber  I  42  die  6  letzten  durch  locus  zusammen,  ähnlich  Q.  Cicero,  de  pet.  cons. 
30  die  5  letzten. 

2)  CIL.  I  200,3  t. 

3)  Gesetzfr.  aus  Ateste  Herrn.  XVI  24  fg.;  Cic.  pro  Sest,  32,  in  Pis.  51, 
Phil.  II  58,  IV  7,  Q.  Cic.  de  pet.  cons.  30;  Feldm.  135.  163. 

4)  Feldm.  26.  49.  55.  80.  159  fg.  171. 

5)  Fest.  233. 

6)  Caes.  b.  civ.  I  15. 

7)  Detlefsen,  Phiiologus  XXXII  604  fg. 


§  3.     Die  Municipien.  15 

weisbar   geschwankt  hat,  aber  einen  belrächthchen  Procentsatz  von 
Grund  und  Boden  einnimmt. i) 

§  3.  Die  Municipien. 

Friedrich   Barbarossa    bat   einen    kraftvollen   Versuch   gemacht 
das  flache  Land  in  Italien  vor  der  städtischen  Herrchaft  zu  schützen; 
in    diesem  Kampfe   ist   die  Reichsgewalt  und  das  Haus  der  Hohen- 
staufen  das  sie  trug,  unterlegen.    Das  Königreich  Itahen  zählte  1896 
8261    Gemeinden    mit    Selbstverwaltung:    darunter    befinden    sich 
Stadtgebiete   (wie   das   römische   mit   2000   Dkm)    von   der  Gröfse 
einer  Provinz,  andere  in  denen  die  Bevölkerung  der  Stadt  nur  ein 
Drittel  oder  Viertel  des  Ganzen  ausmacht.  Ferner  erreichen  2000  nicht 
die  Ziffer  von  1000,  700  nicht  die  Ziffer  von  500,  5  nicht  die  Ziffer  von 
100  Einwohnern,   Aber  ob  grofs  oder  klein,  sie  haben  alle  die  gleiche 
Verfassung,  die  gleichen  Rechte  und  Pflichten  gegenüber  dem  Staat. 
Der  einzige  Unterschied  betriff"!  die  Bildung  des  Gemeinderats  der  bei 
250  000  Einwohnern  80  Mitglieder  umfafst,  dann  stufenweise  auf  60, 
40,  30,  20,  scbliefsHch  bei  weniger  als  3000  Einwohnern  15  Mitglieder 
sinkt;    wenn    die  Wählerschaft  überhaupt   keine   15  Stimmen  auf- 
weist, so  gehören  ihm  alle  Wahlberechtigten  an.    Einen  Unterschied 
zwischen  Stadt   und  Dorf  giebt   es   also   nicht:   wenn    die  Statistik 
nur  eine  Ortschaft  mit  6000  Seelen  als  Stadt  gelten  lassen  will,  so 
stützt  sie  sich  auf  wirtschafthche,  nicht  auf  rechtliche  Erwägungen. 
Ferner   verdient   die  Wohnweise  Beachtung.     Von  der  Gesammtbe- 
völkerung  des  Königreichs  wohnt  ein  Viertel  zerstreut,  drei  Viertel 
in  geschlossenen  Ortschaften.    Letzteres  gilt  namentHch  vom  Süden, 
wo  der  Pächter   und  Tagelöhner    häufig  einen  Weg  von  8 — 10  km 
auf  das   von    ihm  bestellte  Feld  zurückzulegen  bat.     Die  einzelnen 
Landschaften  weichen  in  dieser  Hinsicht  stark  von  einander  ab:  in 
Lucanien   und    Apulien   beträgt   die   zerstreute   Bevölkerung   4—6, 
in  Ligurien  und  Transpadana  21 — 25,  in  Venetien  41,  in  Etrurien 
56,    in  Emilia  und  den  Marken  (dem  von  den  Römern  besiedelten 
ager  Galliens  et  Picenus)  53 — 58  vom  Hundert.    Wie  sich  diese  für 
den  Ackerbau  zum  Theil  äufsersl  ungünstigen  Verhältnisse  geschicht- 
lich entwickelt  haben,  fällt  nicht  in  den  Rahmen  dieser  Darstellung. 
Aber  der  Hmweis   auf  die  Gegenwart  bietet  mancherlei  Aufschlüsse 
zum  Verständnifs  des  Altertums. 


1)  Feldm.  21.  46.  137  vgl.  Kap.  XIV  1.  3  XVI  1  u.  a. 


16  Einleitung. 

Lehrreich  erscheint  auch  ein  Blick  auf  die  Entstehung  der 
deutschen  Städte. i)  Unsere  Sprache  verfügt  von  Hause  aus  nur 
über  das  Wort  Burg,  das  von  bergen  herkommt  und  den  geschützten 
befestigten  Ort  bedeutet.  Erst  im  11.  Jahrhundert,  im  Annohed 
und  den  Nibelungen  begegnet  stat  in  dem  seitdem  geläufigen  Sinne. 
Burgen  heifsen  unseren  Vorfahren  Jerusalem  Bethlehem  und  Jericho, 
Burgen  die  verfallenen  Römerfestungen  so  gut  wie  königliche 
Pfalzen,  Bischofsitze  und  ummauerte  Klöster.  Die  gleichzeitigen 
lateinischen  Quellen  brauchen  dafür  unterschiedslos  civitas  oppidum 
urbs  castellum.  Wenn  König  Heinrich  I.  als  Städtebauer  gepriesen 
wird,  so  hat  das  nur  seine  Richtigkeit  insofern  man  unter  den 
ihm  zugeschriebenen  urbes  Burgen  versteht.  Wol  konnte  aus  der 
Burg  eine  Stadt  erwachsen.  Unter  ihren  schützenden  Mauern 
pflegte  ein  Vorort  suburbium  sich  anzusiedeln:  je  nach  der  Gunst 
der  Lage  und  der  Blüte  des  Verkehrs  nahm  die  Einwohnerzahl  zu, 
und  erfolgte  schliefslich  die  Umwandlung  der  Dorfschaft  in  eine 
städtische  Gemeinde.  Aber  die  umfassende  und  planmäfsige  Stadt- 
gründung beginnt  in  Deutschland  nicht  vor  dem  12.  Jahrhundert. 
Es  ist  weder  die  Gröfse,  die  Stadt  und  Dorf  von  einander  unter- 
scheidet, noch  die  Befestigung:  Mauer  und  Graben  gehören  erst 
seil  dem  13.  Jahrhundert  zum  Begriff  einer  Stadt.  Das  eigentliche 
Merkmal  ist  vielmehr  in  ihrem  Recht  enthalten:  der  König  oder 
der  Grundherr  verleiht  ihr  Markt-  Zoll-  und  Münzrecht,  die  Regelung 
von  Mafs  und  Gewicht,  endlich  die  Gerichtshoheit.  Auf  derartiger 
Grundlage  ist  die  städtische  Freiheit  aufgebaut  worden,  seit  dem 
Untergang  der  Staufer  nehmen  die  Städte  ihre  bedeutende  Macht- 
stellung im  Reiche  ein.  Glücklicher  Weise  jedoch  haben  sie  weder 
das  Fürstentum  noch  Ritter-  und  Bauerschaft  wie  im  Süden  über- 
wältigt; in  dem  Gleichgewicht  von  Stadt  und  Land  erblicken  wir 
den  entscheidenden  Vorzug,  der  die  gesellschaftliche  Gliederung  des 
Nordens  auszeichnet. 

Wie  das  deutsche  Slädtevvesen  entstanden  ist,  seit  anderthalb 
Jahrtausenden  bis  zur  Gegenwart  herab  sich  um-  und  fortgebildet 
hat,  führt  uns  eine  gleichzeitige  reichhaltige  Ueberlieferung  vor 
Augen.  Für  das  Altertum  wo  die  Quellen  spärhch  fliefsen,  gewährt 
der  Vergleich  einen  erwünschten  Anhalt  um  die  entsprechende  Ent- 
wicklung,  wenigstens   in  ihren  HauptzUgen  zu  begreifen.     An  der 


1)  Hegel,  Die  Entstetiung  des  deutschen  Städtewesens,  Leipzig  1898. 


§  3.     Die  Municipien.  17 

Spitze  steht;  das  sog.  mykeuische  Zeitalter,  dessen  Spuren  auch  an 
den  Gestaden   der   italischen  Inseln    und    des   südlichen    Festlandes 
angetroffen  werden,  i)     Gewaltige  Burgen  wie  in  Hellas  mit  ausge- 
dehnten Vororten  die  vor  die  dorische  Wanderung  zurück  reichen, 
werden    allerdings    im  Westen  vermifst,   die  INuraghen  können  mit 
den    Königsgräbern    von    iMykenae     nicht    wetteifern.      Aber    dafs 
Sicihen    einst    von  Burgen    bedeckt  war,    deren   jede  ihren  eigenen 
Herrn  hatte,  wird  glaubhalt  überliefert  (160);   die  Erinnerung  an 
ähnhche  Verhältnisse    hat   sich   in   Latium   dauernd   erhalten.     Mit 
der  fortschreitenden  Arbeitstheilung,  mit  der  Ausbildung  von  Hand- 
werk und  Handel  erwächst  im  Lauf  der  Zeiten  aus  der  Büro-  eine 
Stadt,   die   ihre   schwächeren  Nachbarinnen   zum  Anschlufs   zwingt 
oder  unterwirft  und,  soweit  die  gegebenen  Bedingungen  es  gestatten, 
erobernd  um  sich  greift.     Man  könnte  von  einem  allgemein  gültigen 
Gesetz  reden,  das  in  der  Geschichte  der  verschiedenen  Länder  den 
gleichen  Ausdruck   gefunden    hätte.     Im   Einzelnen  jedoch  verleiht 
die  Eigenart    des    Landes    dem  Hergang   sein    besonderes    Gepräge. 
Bei   den  Hellenen    heifst  no/ug  Burg    Stadt  und    Staat:    der  eine 
Begriff  hat   sich    aus   dem   anderen  naturgemäfs  entwickelt.     Auch 
viele  deutsche  Städtenamen  tragen   ihren  Ursprung  aus  einer  Burg 
oder  einem  Dorf  an  der  Stirn.     Die  lateinische  Sprache  kennt  der- 
artigen Zusammenhang  nicht,   besitzt  wol   Bezeichnungen    für  ein- 
zelne Arten    von  Städten,    aber   keine   für   die  Galtung  als  solche 
Die  Ueberlieferung   setzt   die  Gründung   der   Städte   in    engste  Be- 
ziehung zur  Einführung    des  Ackerbaues  und  zur  Auftheilung  von 
Grund    und    Boden. 2)     Dies    ist    in    gewissem    Sinne    vollkommen 
richtig:  unter  der  Herrschaft  des  Faustrechts  braucht  eine  Gemeinde 
die  vom  Ertrag  des  Ackers  lebt,  den  Schutz  einer  Festung  die  ihren 
Ghedern  gegen  feindhchen   Ueberfall  Freiheit  und  Leben  verbürgt. 
Allein  wie  das  spätere  Recht  die  Masse  der  pagi  in  abhängige  Dorf- 

1)  Dafs  Sarden,  Etrusker  und  andere  europäische  Völker  in  ägyptischen 
Berichten  des  U.Jahrhunderts  erwähnt  werden,  ist  1  116  und  sonst  behauptet 
worden.  Die  Dcnkmälerforschung  hat  inzwischen  diese  zuerst  von  de  Rouge 
aufgestellte  Ansicht  vollkommen  bestätigt,  vgl.  E.  Meyer,  Geschichte  des  Alter- 
tums II  208  fg.;  A.  Wiedemann,  Bonner  Jahrbücher  XGIX  (1896)  2;  J.  Krall- 
Grundrifs  der  altorientalischen  Geschichte  I  84,  Wien  1899- 

2)  So  die  Gründungssagen  von  Rom,  Praeneste,  König  Italos,  den  Samniten, 
Brettiern  usw.;  vgl.  Vegetius  IV  1  agreslem  incuUamque  Iwminum  in  initio 
saecuh  vitam  a  commimione  mutorum  animalium  vel  ferarum  vrbium  co7i, 
stitutio  prima  discrevit.  in  his  notnen  reipublicae  repperil  communis  utilitas. 

Nissen,  Ital.  Landesliunde.    II.  2 


18  Einleitung. 

gemeinden  umgewandelt  hat,  so  sind  auch  die  von  ihnen  bewohnten 
oppida  ursprünglich  rein  bäuerliche  Ansiedlungen:  die  Macht  und 
Grüfse  des  Stadtstaats  fehlt,  und  worauf  beides  beruht,  Gewerbe  und 
Verkehr  stecken  in  den  Anfängen.  Die  erste  Stufe  in  der  Ent- 
wicklung des  italischen  Städtewesens  erinnert  also  an  den  Burgen- 
bau des  frühen  Mittelalters  in  Deutschland.  Wie  letzterer  durch 
den  Einbruch  der  Ungarn  befordert  worden  ist,  so  mögen  die 
wiederholten  Umwälzungen,  die  das  älteste  Itahen  durch  einwandernde 
Völker  erlitt,  zur  Befestigung  der  Dürfer  gedrängt  haben.  Im 
Uebrigen  treten  die  Unterschiede  der  beiderseitigen  Entwicklung 
mehr  in  den  Vordergrund  als  ihre  Berührungspuncte.  Bei  den 
Deutschen  wird  von  Innen  heraus,  durch  den  wirtschaffhchen  Um- 
schwung die  Burg  zur  Stadt  erweitert,  in  Italien  durch  äufseren 
Druck  und  fremde  Eroberung. 

An  der  Küste  hat  die  Wiege  des  Stadtstaats  gestanden,  die 
Hellenen  haben  sie  aufgeschlagen.  Aehnlich  wie  der  deutsche 
Grundherr  der  einen  Markt  errichten  wollte,  Kaufleute  von  auswärts 
berief,  räumten  einheimische  Fürsten  den  Einvvanderein  ans  dem 
Osten  freiwillig  eine  Heimstätte  ein.i)  Oefter  noch  mnfsten  sie  vor 
den  landenden  Schaien  weichen,  weil  die  Macht  zur  Abwehr  fehlte. 
Dann  wiederholt  sich  das  Schauspiel  aus  dem  Thieneich  vom  Sing- 
vogel, der  das  Ei  des  Kuckucks  ausbrütet  und  den  Gauch  füttert,  bis 
dieser  das  Nest  allein  beansprucht  und  die  rechtmäfsigen  Insassen 
hinaus  wirft.  Im  Norden  der  Halbinsel  haben  andere  Wege  zum 
gleichen  Ziel  der  Ausbildung  der  Stadtherrschaft  geführt.  Die  Aus- 
grabungen in  der  Romagna  lehren,  wie  über  der  ältesten  umbiischen 
Schicht  eine  etruskische  sich  ausbreitet,  alsdann  eine  keltische  folgt, 
endlich  eine  römische  den  Abschlufs  bildet.  Die  Kelten  zwar  haben 
es  ebenso  wenig  wie  die  Germanen  zur  Zeit  der  Volkerwanderung 
geliebt  durch  Mauern  eingepfercht  zu  werden.  Aber  als  der  Reich- 
tum des  toscanischen  Erzgebirges  an  Metallen  ein  blühendes  Ge- 
werbe ins  Leben  rief,  ist  ein  etruskischer  Stadtadel  und  sind  etrus- 
kische Grofsslädte  entstanden  die  über  das  flache  Land  geboten. 
Um  den  Hergang  schrittweise  zu  verfolgen,  versagt  die  Ueherlieferung 
für  den  Süden  sowol  als  für  den  Norden.  Man  kann  etwa  das 
6.  vorchristliche  Jahrhundert  als  das  der  planmäfsigen  Städtegründung 


1)  So  in  Megara  Hyblaea  (Thukyd.  VI?.),  LoUri  fPol.XIl  6),  Massalia  (Justin 
XLlll  3),  Kaiiliago  (Justid  XYJIl  5). 


§  3.     Die  Municipien.  19 

für  Italien  hinstellen  wie  das  12.  nachchristliche  für  Deutschland. 
Damals  haben  sich  nachweislich  eine  Reihe  von  Niederlassungen, 
die  einst  den  Raum  einer  Faclorei  oder  Rurg  einnahmen,  zum 
Rang  von  Grofsstädten  erhoben  z.  R.  Syrakus,  Kroton,  Kyme,  Rom, 
damals  sind  z.  R.  Akragas,  Posidonia,  Pompeji  aus  einem  Gufs  ge- 
schaffen worden.  Die  Anregung  pflanzt  sich  zu  den  unabhängigen 
Stämmen  fort:  an  allen  Gestaden  von  den  Pomündungen  bis  zum 
Arno  und  landeinwärts  soweit  der  Hauch  des  Meeres  verspürt  wird, 
treten  Gemeinwesen  in  die  Erscheinung  die  neben  dem  Ackerbau 
Gewerbe  und  Handel  treiben.  In  ihrem  Aeufseren  streifen  sie  das 
Gewand  der  alten  Pfahldörfer  Stuck  für  Stück  ab,  ersetzen  den 
Holzwall  durch  eine  Steinmauer,  die  Lehmhütte  durch  ein  festes 
Haus,  eignen  sich  allmähch  die  baulichen  Erfindungen  an,  deren 
eine  dichtgedrängte  Menschenmenge  zum  Wolsein  bedarf.  Im 
Innern  bahnt  der  wirtschaftliche  Umschwung  den  Sturz  des  König- 
tums an.  Die  Einführung  der  Repubhk  hängt  im  Einzelnen  von 
den  örthchen  Redingungen  ab.  Um  500  herrschten  noch  Konige 
in  Tarent,  die  nicht  nur  aus  den  übrigen  hellenischen  Colonien 
sondern  auch  aus  Rom  vertrieben  waren.  Um  400  erscheinen  sie 
bei  den  Etruskern  beseitigt;  nur  Veji  hält  an  der  alten  Verfassung 
fest.  Aber  vor  dem  Siegeszug  der  Cultur  verschwindet  das  erbliche 
Fürstentum  auch  in  denjenigen  Landschaften,  die  das  Städtewesen 
aufs  leidenschaftlichste  bekämpfien.  Im  Zeitalter  der  Samnitenkriege 
ist  keine  Spur  davon  auf  der  ganzen  Halbinsel  vorhanden.  Rei  den 
Kelten  am  Po  erhält  es  sich  bis  zur  römischen  Eroberung  am  Aus- 
gang des  3.  Jahrhunderts.  Als  Caesar  das  jenseitige  Gallien  unter- 
warf, fand  er  das  Königtum  bei  den  Reigen  noch  vor,  in  dem 
fortgeschrittenen  Süden  seit  einem  Menschenalter  abgeschafft.  Unter 
Augustus  fristet  es  sein  Dasein  in  den  Alpen  und  auf  den  britischen 
Inseln,  unter  ähnlichen  örthchen  Verhältnissen  wie  die  einheimische 
Flora  den  nachdrängenden  Cullurpflanzen  widersteht. 

Die  Ohnmacht  der  einzelnen  Gaue  hatte  der  Fremdherrschaft 
in  Italien  den  Roden  bereitet.  Die  ihrer  Freiheit  drohende  Gefahr 
belebte  das  Gefühl  der  Zusammengehörigkeit,  vereinigle  die  Stammes- 
genossen zu  gemeinsamer  Abwehr.  Noch  mehr:  die  Stämme 
schritten  zur  Schöpfung  kräftiger  Rundesstaaten  fort,  deren  gröfster 
der  samnitische  Rund  etwa  ein  Dutzend  Theilnehmer  umfafste.  Im 
Gebirge  giebt  die  Viehzucht  den  Kern  der  Volkswirtschaft  ab,  be- 
fördert die   Tapferkeit   aber  auch   die   Wildheit  seiner   Rewohner; 

2* 


20  Einleilung, 

ein  natürlicher  Gegensatz  gelangt  in  ihrem  Vordringen  gegen  flie 
Küste  zum  Ausdruck  (1  227).  Seit  dem  5.  Jahrhundert  können  wir 
die  lange  Fehde  die  zwischen  den  Bergstämmeu  und  Hellenen  tobte, 
verfolgen.  Sie  führt  die  Blüte  der  oskischen  Cultur  herbei ,  aber 
bleibt  in  poUtischer  Hinsicht  ohne  Ergebnifs  (I  538j.  Die  samni- 
tischen  Scharen  die  sich  in  den  Städten  Aufnahme  erzwingen, 
werden  dadurch  der  Heimat  entfremdet.  Ob  sie  die  Sprache  ihrer 
Väter  beibehalten  oder  mit  der  griechischen  vertauschen,  so  tritt 
bei  den  Nachkommen  gar  rasch  das  Stammesbewufstsein  vor  der 
Verschiedenheit  der  Bildung  und  Lebenshaltung  in  den  Hintergrund. 
Und  dann  haben  auch  sie  von  den  beutelustigen  Gesellen ,  die  als 
heiliger  Lenz  in  die  Welt  hinaus  ziehen ,  schwer  zu  leiden.  Im 
Norden  Italiens  war  der  Friede  nicht  minder  gefährdet  als  im 
Süden.  Seit  dem  6.  Jahrhundert  hatten  die  Kelten  grofse  Gebiete 
in  Besitz  genommen,  andere  Schwärme  drängen  um  Land  zu  ge- 
winnen nach,  die  Gefolgschaften  plündern  weit  und  breit  (I  480). 
Wiederum  ist  es  eine  urwüchsige  Volkskraft,  die  eine  hoher  ent- 
wickelte Gesellschaft  bedrängt;  denn  bei  den  Kelten  wiegt  die  Vieh- 
zucht in  gleicht^r  Weise  vor  wie  im  Appennin.  Der  Schauplatz 
wechselt  und  mit  ihm  das  Feldgeschrei,  aber  von  den  Alpen  bis 
zum  Meer  gilt  die  nämliche  Losung:  Acker  und  Garten,  Haus  und 
Hof  gegen  zügellose  Gewalt  zu  schirmen. 

Rom  macht  dem  Treiben  ein  Ende,  zwingt  die  schweifenden 
Stämme  sefshaft  zu  werden  und  Buhe  zu  halten,  befriedet  das  ganze 
Land.  Mit  der  Gesittung  begründet  es  zugleich  die  eigene  Herr- 
schaft, theils  durch  Mehrung  seines  Gebiets  theils  durch  Bündnifs. 
In  der  einen  wie  der  anderen  Hinsicht  erstrebt  es  die  allgemeine 
Durchführung  der  Stadtverfassung.  Von  den  Colonien,  die  auf  den 
eroberten  Gebieten  angelegt  wurden,  soll  im  nächsten  Abschnitt  die 
Rede  sein.  Die  Masse  der  in  der  Censusliste  aufgezählten  Ge- 
meinden verdankt  den  Hümern  ihr  Recht,  nicht  ihre  Entstehung. 
Für  diese  wird  nach  der  Ausdehnung  des  Bürgerverbandes  bis  an 
den  Po  und  die  Alpen  die  Bezeichnung  municipia  üblich.  Wenn 
gegenüber  dem  Staat,  d.  b.  Rom,  vom  Lande  die  Rede  ist,  so  sagt 
man  .»tatt  cuncta  Italia,  tota  Italia  entweder  municipia  et  coloniae^), 
oder  da  jene  an  Zahl  durchaus  überwiegen,  schlechtweg  municipia.^) 

1)  Cic.  post  red.  in  sen.  38,  ad  Quir.  10.  16,    de  domo  5,   in  Pis.  41,  pro 
Mil.  20. 

2)  Cic.  de  domo  142,  pro  Sest.  129,  in  Pis.  53,  pro  Plane.  97,  Phil.  II  57.  61. 


§  3.    Die  Municipien.  21 

Vollends  in  Her  Kaiserzeit  als  der  Name  Colonie  in  Italien  zu  einem 
wesenlosen  Titel  herabsinkt,  erlangt  das  Wort  die  allgemeine  Be- 
deutung einer  sich  selbst  verwaltenden  Landstadt  und  wird  in 
diesem  Sinne  auch  von  latinischen  Gemeinden  in  den  Provinzen 
gebraucht.  1)  Vor  dem  durch  den  marsischen  Krieg  bewirkten  Aus- 
gleich schliefst  es  die  unabhängigen  fremden  Staaten,  die  foederati  oder 
socii  die  nur  im  Vertragsveihältnifs  zu  Rom  stehen,  also  die  grüfsere 
Hälfte  Italiens  aus. 2)  Gemäfs  der  Ableitung  von  munus  oder  munia 
und  capere  ist  munkeps  von  Hause  aus  der  zur  Theilnahme  an  den 
Lasien  des  römischen  Bürgertums  Verpflichtete:  er  geniefst  in 
Krieg  und  Frieden  manche  Vorrechte  des  Bürgers  als  Entgelt,  aber 
weder  alle  noch  die  höchsten.'^)  Demnach  reicht  dieser  Begriff 
nicht  weiter  als  die  Geltung  des  römischen  Rechts.  In  älterer  Zeit 
ist  er  auf  das  nomen  Latinum,  die  durch  Gemeinschaft  der  Sprache 
mit  Rom  eng  verbundenen  Gemeinden  beschränkt. 4)  Als  aber  nach 
dem  Gallischen  Brande  Rom  als  Vorkämpfer  an  die  Spitze  der 
italischen  Städte  tritt,  hat  es  zuerst  dem  etruskischen  Caere,  sodann 
einer  Menge  von  oskischen  latinischen  sabinischen  Gemeinden 
minderes  Bürgerrecht  verliehen. s)  Zwar  ist  diese  Classe  von  Muni- 
cipien eine  vorübergehende  Erscheinung  gewesen,  aber  der  Name 
verbleibt  ihnen  und  geht  auf  alle  Bürgergemeinden  über,  die  bereits 
urkundlich  111  v.Chr.  in  der  oben  angegebenen  Weise  als  co/onme 
et  munkipia  zusammen  gefafst  werden  (S.  20).  Die  wechselnde 
pohlische  Lage  hat  eine  Fülle  von  Abstufungen  in  den  Rechten 
der  einzelnen  Städte  veranlafst.  Auch  haben  sie  bei  ihrem  üeber- 
tritt  in  den  Bürgerverband  manche  Besonderheiten  aus  der  selb- 
ständigen Vergangenheit  gerettet.  Indefs  hat  die  Slaatsregierung 
dafür  gesorgt,  dafs  die  verschiedenen  Städteordnungen  in  allen 
wesentlichen  Dingen  übereinstimmten. 

Seit  der  Auflösung  des  alten  Latinerbundes  338  v.  Chr.  ist  es 
ein  leitender  Gedanke  der  römischen  Politik  gewesen,  den  Zusaramen- 


1)  Dig.  Ll,l,  Plin.  III  7.  138  XXXIII  53  XXXIV  17  XXXV  158,  Tac.  Ana. 
IV  3  Hist.  I  67,  Juvenal  8,  238.  Salpensa  und  Malaca  heifsen  in  den  erhaltenen 
Stadlrechlen  municipia  Flavia. 

2)  Gell.  XVI  13,6  wirrt  das  Rechtsverhäitnifs  vor  und  nach  dem  Bundes- 
genossenkrieg durch  einander,  ebenso  X  3,2. 

3)  Varro  LL.  V  179,  Dig.  L  1,1  (üipian)  16,18  (Paulus),  Geil.  XVI  13,6. 

4)  bo  nennt  das  Ackergesetz  von  111  v.  Chr.  CIL.  1  200  Z.  31  municipia 
nnminis  Laiini  neben  civiiim  Romanorum. 

5)  Slrab.  V  220,  Gell.  XVI  13,7,  Fest.  127.  131.  142  M. 


22  Einleitung. 

hang  der  Stämme  zu  sprengen. ')  Aber  erst  nachdem  der  Bundes- 
staat in  dem  blutigen  Wallengang  von  90 — 88  den  Kürzeren  ge- 
zogen hatte,  konnte  der  Gedanke  folgericlitig  verwirklicht  werden. 
Die  Durchführung  wurde  den  Verhältnissen  angepafst.  Kleine 
Stämme  fügte  man  in  ihrer  Gesamtheit  dem  Rahmen  einer  Stadt- 
verfassung ein:  z.  B.  gingen  die  Rutuler  in  Ardea,  die  Sidiciner 
in  Teanum,  die  Marruciner  in  Teate  auf,  desgleichen  ein  Dutzend 
ligurische  Cantone  in  ebenso  viel  gleichnamige  Municipien.  Bei 
Volkerschaften  die  auf  eine  ruhmvolle  Geschichte  im  römischen 
Heerdienst  zurück  blickten,  bleibt  zwar  eine  religiöse  Verbindung 
bestehen  und  hält  das  Stammesbewufstsein  wach,  aber  sie  werden 
willkürlich  aus  einander  gerissen  wie  die  Marser  in  4,  die  Paeligner 
in  3,  die  Vestiner  in  3  oder  5  Theile.  Die  Willkür  hat  zur  Folge, 
dafs  im  Hochappennin  die  Gemeindebildung  unter  Augustus  noch 
nicht  zum  Abschlufs  gelangt  ist.  Weit  leichter  als  in  diesen  Vieh- 
zuclit  treibenden  Gegenden  ist  die  Umwandlung  der  Landesgemeinde 
in  eine  Reihe  von  Stadtgemeinden  dort  gewesen,  wo  der  Ackerbau 
seit  Alters  den  Schutz  einer  Festung  aufgesucht  und  hinter  den 
Mauern  ein  Pfahlhürgertum  grofs  gezogen  hatte.  Unter  der  Fülle 
von  Verwaltungskörpern,  die  zumal  in  der  1.  2.  6.  Region  begegnen, 
werden  viele  nichts  anderes  als  ehemalige  Pagi  vorstellen.  Die 
Mehrzahl  der  Pagi  war  längst  von  gröfseren  Gemeinden  aufgesogen 
worden,  nur  der  Gottesdienst  hatte  mit  der  ihm  eigentümlichen 
Zähigkeit  ihr  Andenken  erhalten.  —  Augustus  ist  eifrig  bemüht  ge- 
wesen das  Alte  zu  neuem  Leben  zu  erwecken,  sein  Volk  und  sein 
Haus  mit  dem  Kranz  einer  ehrwünhgen  Voizeit  zu  schmücken. 
Antiquarischer  Liebhaberei  verdanken  manche  Namen  in  der  uns 
vorliegenden  Censushsle  ihren  Platz.  Während  der  Halbinsel  ein 
geschichtliches  Gepräge  bewahrt  bleibt,  gelangen  die  Bedürfnisse  des 
Tages  im  Norden  zum  Ausdruck.  In  der  Ebene  die  so  oft  den 
Herrn  gewechselt  hatte,  stand  es  den  Römern  frei  nach  Gutdünken 
zu  schalten.  Sie  haben  ein  wesentlich  anderes  Verfahren  diesseit 
und  jenseit  des  I*o  eingeschlagen.  Das  starke  Volk  der  Boier,  dem 
112  Gaue  zugeschrieben  wurden,  verschwindet  völlig  und  wiid  an 
einige  20  Stadtgemeinden  aufgetheilt.  Die  nicht  minder  mächtigen 
Völker  der  Transpadana  dagegen,  Tauriner  Salasser  Jnsubrer 
Ciiiomanen   u.  s.  w.  haben  als  Colonien  oder  Municipien  im  Wesent- 


1)  Die  Darlegung  Liv.  VIII  14  hat  den  Wert  eines  Paradigma. 


§  3.     Die  Municipieii.  23 

liehen  ihre  Feldmarii  iinveiküizt  behauptet.  Es  ist  nur  ein  schein- 
barer Widerspruch  wenn  Augustus  im  Umkreis  der  Hauptstadt 
abgestorbene  winzige  Bildungen  hegt,  im  Angesicht  der  Alpen  als 
Uriieber  der  Grofsgemeinde  auftritt  (S.  4).  In  beiden  Fällen  be- 
zweckt er  die  eigene  wie  die  nationale  Macht  zu  stützen:  dort 
durch  die  Religion,  hier  durch  die  Waffen  (I  82  A.  1),  Aus 
diesem  Gesichtspuncl  erklärt  sich  das  buntscheckige  Aeufsere  unseres 
Verzeichnisses  das  an  die  Eingangs  berührten  Verhältnisse  der 
Gegenwart  erinnert:  neben  Gemeinden  mit  einer  Gemarkung  von 
3 — 6000  Qkm  stehen  Namen  die  kaum  den  Umfang  von  100  ha 
bedeuten.  Wir  stofsen  einerseits  auf  Städte  deren  Hoheit  den 
Mauerring  nicht  überschreitet,  anderseits  auf  solche  denen  weite 
Landstrecken  minderen  Rechtes  unterstellt,  oder  wie  es  technisch 
heifst,  attribuirt  sind.  Worin  alle  die  430  Körperschaften  Italiens, 
grofse  und  kleine  übereinstimmen,  ist  die  Selbstverwaltung  in  die 
der  Stnat  allein  drein  reden  kanri.i) 

Die  ganze  Entwicklung  hebt  mit  kleinen  Einheiten  an  die  zu 
gröfseren  fortschreiten  und  dabei  in  ihrer  freien  Bewegung  be- 
hindert werden.  Wie  die  in  Städte  und  Stammbünde  eingeordneten 
Gaue  ihr  Kriegsrecht  verloren  hatten,  so  war  der  Eintritt  jener  in 
ein  ewiges  Bündnifs  mit  Rom  durch  ähnliche  Opfer  erkauft  worden. 
Zwar  wurde  den  Bundesgenossen  nach  Verzicht  auf  die  Kriegsho- 
heit volle  Selbständigkeit  verlragsmäfsig  gewährleistet  (I  68  fg).  Aber 
die  gemeinsame  Wehrpflicht  war  ohne  übereinstimmende  Schätzung 
auf  die  Dauer  nicht  denkbar 2j;  feiner  bot  die  Aufrechthaltung  des 
Landfriedens,  welche  Sorge  dem  Senat  oblag,  eine  bequeme  Hand- 
habe zu  EingrilTen  in  die  Autonomie. 3)  Nach  dem  bannibalischen 
Kriege  scheinen  sich  solche  nicht  auf  die  Grenzen  des  Notwendigen 
beschränkt  zu  haben:  die  Ueberlieferung  räumt  ausdrücklich  ein, 
dafs  die  W^egiiahme  des  den  Bundesgenossen  überlassenen  Geniein- 
landes    eine    schwere    und    unbillioe   Schädigung    eiuscblofs.     Vom 


1)  E.  Kuhn,  die  städtische  und  bürgerliche  Verfassung  des  römischen 
Reichs  bis  auf  die  Zeilen  Justinians,  2  ß,  Leipzig  1864.65.  W.  Liebenam, 
Städteverwaltung  im  römischen  Kaiserreiche,  Leipzig  1900. 

2)  Die  allmäliche  Ausbildung  der  ßundesmatrikel  (formula  toi^atorum) 
lehrt  das  225  und  209  eingeschlagene  Verlahren  Pol.  It  23,9,  Liv.  XXVll  10 
XXIX  15.  37. 

3j  Pol.  VI  13,4,  erläutert  durch  das  bekannte  Vorgehen  gegen  die  Baccha- 
nalien 18G  CIL.  I  196. 


24  Einleitung. 

Zwang  abgesehen  üben  grofse  Verhältnisse  eine  ausgleichende  Wir- 
kung aus,  mufsten  die  von  Rom  kommenden  Anregungen  vielfach 
beachtet  werden.  Wenn  derart  der  Aufnahme  der  Bundesgenossen 
in  die  Bürgerschaft  seit  langem  vorgearbeitet  war,  so  hat  doch  der 
Uebergang  geraume  Zeit  erfordert  und  viele  Schwierigkeiten  zu  be- 
wältigen gehabt.  Verständiger  Weise  sah  der  Staat  von  einer 
mechanischen  Gleichmacherei  ah.  Neapel  und  Regium  behielten 
sogar  ihre  griechische  Sprache  und  Verfassung  hei.  Camerter  und 
Capenalen  bezeichnen  sich  selbst  als  foederati,  werden  also  vermut- 
lich allerlei  Privilegien  ihres  früheren  Vertrags  gerettet  haben.  In 
der  Regel  verfuhr  man  so,  dafs  ein  staatlich  bestellter  Gesetzgeber 
aus  dem  Ortsrecht  dasjenige  auswählte,  was  den  Grundsätzen  des 
neuen  Rechtes  nicht  widersprach,  und  mit  letzterem  zu  einer  ein- 
heitlichen Gemeindeverfassung  {lex  mtmidpii)  verschmolz.  Die  daraus 
entsprungenen  Abweichungen  sind,  soweit  ihnen  thatsächliclie  Be- 
deutung zukan),  immer  mehr  abgeschliffen  worden.  Es  ärgerte  zwar 
den  Hauptstädter,  wenn  der  Rat  eines  Municipium  mit  dem  Titel 
senatus  statt  decuriones,  die  Oberbeamten  mit  dem  Titel  dictator 
oder  praetor  statt  quatiiiorvir  oder  duovir  prunkten,  aber  die  Gae- 
saren  haben  derartige  Spielerei  geduldet,  um  nicht  zu  sagen  be- 
fördert.') Unter  Augustus  zeigt  das  Städtewesen  Italiens  im  Wesent- 
lichen übereinstimmende  Züge.  Gerade  wie  heutigen  Tages  die 
Zusammensetzung  des  Gemeinderats  sich  nach  der  Einwohnerzahl 
richtet  (S.  15),  so  sinkt  die  Norm  von  100  Decurionen  in  kleinen 
Municipien  auf  30  und  vielleicht  noch  tiefer  herab. 2)  Dafs  Beamten- 
und  Priestertum  in  einem  grofsen  Gemeinwesen  reicher  ausgestattet 
war  als  in  einem  Duodezstädtchen,  versieht  sich  von  selbst.  In- 
dessen wird  die  alte  Ueberlieferung  hier  wie  dort  von  den  Neue- 
rungen, welche  die  Monarchie  auf  politischem,  religiösem  und 
socialem  Gebiet  veranlafsle,  gleicher  Mafsen  verdunkelt. 

§  4.  Die  Colonien. 

Die  Ortsforschung  weist  eine  überraschende  Beständigkeit  in 
den  Agrarverhältnissen  Deutschlands  nach.  Auf  einem  so  zer- 
stückelten   und   schicksalreichen   Boden    wie  es   der   rheinische  ist, 


1)  Cic.  de  lege  agr.  II  93,  in  Pis.  24,   pro  domo  60,  Hör.  Sat.  I  5,34;    lex 
Julia  mun.  83  fg.  vila  Hadr.  19, t. 

2)  CIL.  XIV  2458.  66. 


§  4.     Die  Colonien.  25 

kann  vielfach  durch  Urkunden  erhärtet  werden,  dafs  die  Flurgrenzen 
im  letzten  Jahrtausend  keine  Aendorung  erlitten  haben.  Freihch 
wenn  man  bedenkt,  dafs  die  Siedlungen  von  natürlichen  Bedingungen 
abhängen  und  die  Summe  lang  fortgesetzter  Arbeit  umschliefsen, 
so  befremdet  die  Thafsache  nicht,  entspricht  vielmehr  der  Regel, 
dem  gesetzmäfsigen  Walten  das  die  menschliche  Gesellschaft  er- 
füllt, i)  In  Itahen  begegnen  die  Spuren  der  Römerzeit  auf  Schritt 
und  Tritt:  nicht  hlos  in  Stadtanlage  und  Strafsenbau,  sondern 
auch  in  der  Flurtheilung.  Die  I  204  erwähnte  Entdeckung  Lom- 
bardini's,  nach  welcher  die  römische  Centurie  von  50,5  ha  als 
Grundlage  des  Wegenetzes  in  vielen  Gemarkungen  der  Aemiha  und 
Venetiens  wiederkehrt,  ist  seither  verschiedentlich  nachgeprüft  und 
bestätigt  worden. 2)  Ferner  kann  bei  einer  Reihe  von  Territorien 
die  Annahme  als  wahrscheinlich  gehen,  dafs  ihre  Grenzen  dieselben 
gebheben  sind  wie  unter  den  Kaisern.  Ob  es  dagegen  möglich 
sein  wird  Reste  des  ursprünghchen  Gepräges,  das  die  früheren 
Herren  dem  Lande  aufgedrückt  hatten,  mit  Sicherheit  zu  unter- 
scheiden, steht  dahin.  Das  Verzeichnifs  der  staatlichen  Ackeran- 
weisungen das  die  Schriften  der  Feldmesser  von  den  Regionen  der 
Halbinsel  beibringen,  bemerkt  nur  ganz  vereinzelt,  dafs  die  ältere 
etruskische,  latinische,  griechische  Flurtheilung  verschont  worden 
sei,  und  begründet  die  Ausnahmen  durch  religiöse  Rücksichten. 3) 
Wie  wenig  die  Römer  darauf  bedacht  waren  bestehende  Verhält- 
nisse zu  erhalten,  lehrt  die  Alimentartafel  von  Veleia:  unter  den 
17  Gauen  die  sie  dieser  Gemeinde  zuschreibt,  ist  ein  Drittel  durch 
die  Grenze  zerrissen  und  theilweise  zu  den  anstofsenden  Territorien 
geschlagen  worden.  Wol  gilt  die  Heiligkeit  der  Grenze  als  oberster 
Glaubenssatz  (S.  9).  Der  Krieg  jedoch  hebt  sie  auf,  der  Sieger 
kann  nach  freiem  Ermessen  über  das  eroberte  Gebiet  verfügen. 
Nach  der  ausführlichen  Formel  übergiebt  der  Unterworfene  auf 
Gnade  und  Ungnade  mit  seiner  eigenen  Person  urbem  agros  aquam 
terminos  delubra  ntensilia  divina  humanaque  omm'aJ)  Nach  römischem 


1)  A.  Meitzen,    Siedelung    und    Agrarwesen   der  Westgermanen   und   Ost- 
germanen,  der  Kellen,  Römer,  Finnen  und  Slawen,  3  B.,  Berlin  1895. 

2)  Ad.  Schulten,  die  römische  Flurtheilung  und  ihre  Reste,  Abh.  d.  Ges.  d. 
Wiss.  zu  Göttingen  II  7,  Berlin  1898. 

3)  Feldm.  225.  229,6.  234.21  lege  et  consecratione  veteri  manet;  235,16. 
237,1. 

4)  Liv.  I  38  VII  31,  Pol.  XXXVl  4  vgl.  XX  9  fg. 


26  Einleitung. 

Recht  entsteht  das  private  Bodeneigentum  durch  Uebertragung  von 
Seilen  des  Staates,  ist  steuerfrei  und  in  vieler  Hinsicht  bevorzugt. 
Aeufserhch  trägt  es  das  Merkmal  dieser  bevorzugten  Stellung  in  seiner 
Linnlation  zur  Schau,  indem  es  nach  römischen  Grundsätzen  neu 
vermessen  und  bekundet  wird.  Seit  undenklichen  Zeiten  bewohnen 
die  deutschen  Stämme  das  Erbe  ihrer  Väter:  daher  rührt  die  oben 
betoute  Stetigkeit  des  Besitzes.  Das  alte  Italien  hat  eine  Umwälzung 
nach  der  anderen  durchlebt,  seine  Geschichte  offenbart  einen  gerade- 
zu unheimlichen  Wandel  des  Eigentums.  Der  Feldmesser  der  dem 
Wandel  sichtbaren  Ausdruck  lieh,  hat  die  von  seinen  Vorgängern 
gezogenen  Linien  verwischt.  Was  die  Ueberlieferung  vom  Umfang 
seiner  Thätigkeil  meldet,  soll  zunächst  betrachtet  werden. 

Romulus,  sagt  man,  theilte  jedem  Bürger  aus  dem  Gemeinbe- 
sitz 2  Morgen  V2  ha  Gartenland  als  Erb  und  Eigen  zu.i)  Dies 
Mafs  kehrt  noch  bei  Verleihungen  des  4.  Jahrhunderts  vvieder'^) 
und  lehrt,  wie  lange  die  Feldgemeinschaft  bei  den  Römern  fortge- 
dauert hat"^);  denn  ohne  Antheil  an  der  Allmende  hätte  der  auf 
den  Ertrag  von  2  Morgen  angewiesene  Bürger  verhungern  müssen. 4) 
Wie  der  Staat  als  Vermögenseinheit  res  publica  heifst,  so  wird  die 
von  ihm  gestiftete  Ansiedlung  colonia  Bauerngut  wegen  des  gemein- 
schafthchen  Wirtschaftbetriebs  benannt.^)  König  Ancus  hat  mit  der 
Anlage  von  Ostia  den  Anfang  gemacht.  Andere  Gründungen  die 
in  die  Königszeit  fallen ,  sind  bei  dem  Zusammenbruch  der  dem 
Sturz  der  Tarquinier  auf  dem  Fufse  folgte,  wieder  verloren  ge- 
gangen. Nachdem  Rom  durch  die  Bündnisse  mit  Latinern  und 
Hernikern  gestärkt  seine  Macht  neu  errichtet,  hat  es  zuerst  gemein- 
schaftlich mit  den  Verbündeten,  alsdann  aus  eigenem  Entschlufs 
bis  177  v.  Chr.  im  Ganzen  40  latinische  Colonien  nach  eroberten 
Ländereien  ausgeführt.  Davon  sind  5  aufgehoben  oder  dem  Bürger- 
verband einverleibt  worden.  Ihrer  30  wurden  im  hannibalisclien 
Krieg  gezählt,  nachher  kamen  5  hinzu,  89  v.  Chr.  erhielten  alle 
Bürgerrecht,  Sie  sind  als  unabhängige  Städte  gegründet,  aber 
durch  Sprache  Verkehr  und  Recht  eng  an  Rom  geknüpft.     Dafs  sie 


1)  Mommsen,  Staatsiecht  III  23. 

2)  Liv.  IV  47  VI  16  Vlll  11.  21. 

3)  Von  der  Zeit   des  Romulus  und   Cato    meint  Horaz  Od.  II  15  privatus 
Ulis  census  erat  brevis,  commune  magnum. 

4)  Meitzen  I  252. 

5)  Serv.  V.  Aen.  I  12. 


§  4.     Die  Colonien. 


27 


dessen  Kriegshoheit  anerkennen  mufsten,  versteht  sich  von  selbst; 
auch  haben  ihre  Rechte  im  Laufe  der  Zeiten  Einbufsen  eriitten. 
Die  folgende  Uebersicht,  für  deren  Ansätze  die  Beschreibung  die 
Belege  enthält,  soll  den  Bodenwechsel  veranschaulichen  den  die 
Einigung  Italiens  vcranlafste. 

Jahr  der  Gpündung  Colonisten      Ackerlose  in  Morgen 


Signia  I 

495 

Velitrae  I 

494  seit  338  römisch 

Norba  I 

492 

Antium  I 

467  seit  338  römisch 

Ardea  I 

442 

Labici  I 

418  später  römisch 

Vitellia  I 

395  bald  zerstört 

Circei  I 

393 

Satricum  I 

385  bald  zerstört 

Sutrium  VII 

383 

Nepet  VII 

383 

Setia  I 

382 

Cales  I 

334 

Fregellae  I 

328 

Luceria  II 

314 

Suessa  I 

313 

Pontiae  I 

313 

Saticula  IV 

313 

Interamna  I 

312 

Sora  I 

303 

Alba  IV 

303 

Narnia  VI 

299 

Carsioli  IV 

298 

Venusia  II 

291 

Hadria  V 

289 

Cosa  VII 

273 

Paeslum  III 

273 

Ariminum  VIII  268 

Beneventum 

II  268 

Firmum  V 

264 

Aesernia  IV 

263 

Brundisium 

II    244 

Spoletium  VI     241 

1500 


2500 


2500 


4000 
4000 
6000 

4000 
20000 


28  Einleitung. 


Jahr  der  Gründung 

Colonisten 

Ackerlose  in  Morj 

Placentia  VIII    218 

6000 

Cremona  X        218 

6000 

Copia  III            193 

3300 

20     (40)  1) 

Vibo  III             192 

4000 

15     (30) 

Bononia  VIII     189 

3000 

50     (70) 

Aquileia  X         181 

3000 

50  (140) 

Luca  VII           177 

3000 

Das  Gebiet  das  den  35  Colonien  die  Bestand  hatten,  überwiesen 
worden  ist,  kann  kaum  unter  300  d.  DM.  veranschlagt  werden. 
Die  grüfste  Umwälzung  hat  sich  innerhalb  zweier  Menschenalter 
vollzogen,  die  Hauptkosten  hat  Samnium  zu  tragen  gehabt:  für  die 
Anlage  von  Venusia  wurden  gegen  30  d.  GM.,  für  Saticula  Bene- 
vent und  Aesernia  zusammen  nicht  weniger  den  alten  Besitzern 
genommen.  Bis  zur  Herstellung  des  Landfriedens  haben  schwere 
Stürme  an  den  Mauern  dieser  Städte  gerüttelt,  viele  von  ihnen 
haben  Nachschub  erhalten,  um  die  in  den  Reihen  der  Ansiedler  ge- 
rissenen Lücken  zu  füllen.  Während  es  sich  hier  um  grofse 
Festungen  handelt  die  nach  ihrer  Errichtung  aus  dem  romischen 
Slaatsverband  ausscheiden,  werden  umgekehrt  die  gleichzeitigen 
Bürgercolonien  zum  unmittelbaren  Schutz  des  Staatsguts  gegründet. 
Sie  sind  bis  183  auf  Küstenplätze  beschränkt  und  auf  die  be- 
scheidene Zahl  von  300  Ansiedlern  die  von  der  gewöhnlichen  Aushe- 
bung befreit,  eine  stehende  Besatzung  bilden.  Die  zunehmende  Grofse 
der  Ackerlose  deutet  auf  die  langsame  Abnahme  der  Sammtwirt- 
schaft  hin. 

Ackerlose  in  Morgen 


Jahr  der  Gründung 

Colonisten 

Ostia  I 

630? 

Antium  I 

338 

Tarracina  I 

329 

300 

Pyrgi  VII 

300? 

Minturnae  1 

296 

Sinuessa  I 

296 

Castrum  novum 

VII 

289 

Sena  GalUca  VI 

283 

Castrum  novum 

V 

264 

Aesulum  VI 

247 

1)  Die  Ziffer  in  Klammern  giebt  das  Los  der  Reiter  an. 


§  4.    Die  Colonien.  29 

Ackerlose  in  Morgen 


Jahr 

der  Gründung 

Colonisten 

Alsium  VII 

247 

Fregenae  VII 

245 

Caslra  Hannibalis  III 

199 

300 

Volturnum  I 

194 

300 

Liternum  I 

194 

300 

Puleoli  I 

194 

300 

Salernum  I 

194 

300 

Buxentiim  III 

194 

300 

Sipontiini  II 

194 

Tempsa  III 

194 

Croton  III 

194 

Potentia  V 

184 

Pisaurum  VI 

184 

Mutina  VIII 

183 

2000 

Parma  VIII 

183 

2000 

Saturnia  VII 

183 

Graviscae  VII 

181 

Luna  VII 

177 

2000 

Aiiximum  V 

157 

Florentia  VII 

154? 

Fabrateria  nova  I 

124 

Tarentum  II 

122 

Scolacium  III 

122 

Dertona  IX 

? 

Eporedia  XI 

100 

6 
6 
5 

8 

10 
5 

51 V2 


Der  Flächenraum  der  für  diese  Ansiedlungen  beansprucht 
wurde,  reicht  entfernt  nicht  an  den  für  die  latinischen  Colonien 
verwandten  hinan.  Rom  hat  bis  zum  Bundesgenossenkrieg  ver- 
mieden durch  Anlage  grofser  Städte  die  Einheit  der  Bürgerschaft 
zu  lockern.  Es  stiftet  auf  den  eroberten  Gebieten  Landgemeinden 
die  in  Dörfern  und  Flecken  ihren  Mittelpunct  erhalten.  Hierzu 
gehören  die  S.  13  erwähnten  33  Märkte  von  denen  uns  später  23 
als  Municipien  begegnen.  Die  Zahl  der  mit  Stadtrecht  begabten 
Dörfer  läfst  sich  nicht  bestimmen.  Indessen  lehrt  die  Vermehrung 
der  rumischen  Tribus,  dafs  weite  Strecken  Landes  in  Frage  kamen. 
Auf  der  vejentischen  Feldmark  wurden  387  4  neue  Tribus  errichtet, 
bis  241  folgten  10  andere  nach.  Wenn  nun  die  Censusliste  von 
241    trotz   der  Verluste  im   punischen  Krieg  18000  Bürger    mehr 


80  Einleitung. 

aufweist  als  die  vorhergehende  von  247,  so  rührt  der  Zuwachs 
grofsentheils  von  den  inzwischen  geschaffenen  Tribus  Vehna  und 
Quirina  her.  Allerdings  sind  die  beiden  jüngsten  auch  die  ausge- 
dehntesten Tribus  gewesen.  Aber  im  Grofsen  und  Ganzen  werden 
die  Anweisungen  an  die  Bürger  schwerlich  hinter  dem  Mafs  das 
den  Latinern  bewilligt  wurde,  zurück  geblieben  sein.  Der  siegreiche 
Staat  griff  herzhal't  zu,  nahm  z.  B.  den  Brettiern  275  den  halben 
Silawald,  den  Boiern  191  die  halbe  Feldmark  ab,  in  manchen  Fällen 
auch  die  ganze.  Nach  dem  hannibalischen  Kriege  erreichte  das 
römische  Gemeindeland  einen  derartigen  Umfang,  dafs  es  zum  guten 
Theil  nicht  vergeben,  sondern  privater  Nutznielsung  überlassen 
wurde.  Um  dem  andauernden  Verfall  der  römischen  Bauerschaft 
zu  steuern,  haben  die  Gracchen  nach  heifsen  Kämpfen  durchgesetzt, 
dafs  dies  Gemeinland  eingezogen  und  an  Bedürftige  vertheilt  würde. 
Wie  tief  die  Mafsregel  in  den  Vermögensstand  der  damaligen  Ge- 
sellschaft einschnitt,  erhellt  aus  folgender  Rechnung.  Laut  den 
Censusziffern  sind  in  dem  Zeitraum  131 — 125  die  Steuerfähigen 
um  rund  76000  Köpfe  gestiegen.  Setzt  man  das  einzelne  Acker- 
los im  Mittel  zu  30  Morgen  ani),  so  sind  über  100  d.  DM.  Acker- 
land den  Reichen  genommen  und  den  Armen  verliehen  worden. 
Bis  auf  das  campanische  Feld ,  das  noch  lange  als  Spielball  der 
Parteien  diente  und  erst  59  an  20  000  Familienväter  überlassen 
wurde,  ist  das  zum  Ackerbau  geeignete  Staatsland  duich  die  grac- 
chische  Bewegung  beseitigt  worden.  —  In  seiner  Uebersicht  über 
die  Colonien  der  Republik  bemerkt  Velleius,  dafs  die  bürgerhche 
Thätigkeit  100  v.  Chr.  beendet  und  fortan  durch  die  militärische 
Colonisation  verdrängt  worden  sei.^j  Zu  den  löblichen  Gepflogen- 
heiten des  Freistaats  gehörte  es  die  Soldaten  nach  dem  Triumph 
mit  Geld  oder  Land  zu  bedenken:  beides  war  vom  Feind  mit  den 
Waffen  erworben.  Im  Zeitalter  der  Bürgerkriege  lieferte  die  Gegen- 
partei ersehnte  Beule,  nicht  selten  auch  wurde  die  friedliche  Be- 
völkerung von  Haus  und  Hof  getrieben  um  der  Habgier  des  Siegers 
zu  fröhnen.     Sulla  hat  120  000  Ackerlose  vertheilt 3)  und  12  Colo- 


1)  Dies  Mafs  ist  angenommen  nach  dem  Ackergesetz  von  111  CIL.  I  200,14, 
vgl.  Liv.  LVIII. 

2)  Veli.  I  15,5. 

3)  Appian  b.  civ.  I  104.     Derselbe   c.  100   giebt   die    Zahl   der   bedachten 
Legionen  ;iuf  23,  Liv.  LXXXIX  auf  47  an. 


§  4.     Die  Colonien. 


31 


nicD  gestiftet.')  Während  nach  Madvi^is  und  Mommsens  Unter- 
suchungen über  die  älteren  Colonien  keine  wesentliche  Unsicherheit 
herrscht-),  ist  dies  um  so  mehr  bezüglich  der  jüngeien  der  Fall. 3) 
Deshalb  werden  die  Beweisstellen  in  der  Liste  beigefügt. 
Abellinum  1?  CIL.  X  1117  Heiname  Veneria. 
Ariminum  VIII  Cic. pro  Caec.  102,  Verr.  II  1,36,  Appian  b.  civ.  I  87. 
Arrelium  VII         Cic.  pro  Caec.  97,   pro   Mur.  49,   ad  Att.  I  19,4, 

CIL.  XI  p.  336. 
Clusium  VII  Plin.  III  52,  CIL.  XI  p.  372. 

Faesulae  VII  Cic.  Cat.  111  14,  pro  Mur.  49  u.  a.,  verbunden  mit 

Florentia. 
Grumentum  III?    CIL.  X  221.  228. 
Hadria  V?  CIL.  IX  5020  Beiname  Veneria. 

Interamnia  Pr.  V  Flor.  II  9,27,  CIL.  IX  p.  485. 
Nola  I  Feldm.  236,  CIL.  X  1244.  73,  Beiname  Fehx. 

Pompeii  I  Cic.  pro  Sulla  60.  Beiname  Veneria  Cornelia. 

Praeneste  I  Cic.  Cat.  I  8,  Flor.  II  9,27,  CIL.  XIV  p.  289. 

Spoletium  VI?        Flor.  II  9,27. 
Suimo  IV?  Flor.  U  9,27. 

Urbana  I  Plin.  XIV  62. 

Die  Uebersicht  lehrt,  dals  9  oder  10  Gemeinden  die  bis  90^ 
zii  den  italischen  Bundesgenossen  gehört  hatten,  von  der  Umwälzung 
betroffen  wurden.  Die  Auftheilung  der  campanischen  Domäne  durch 
Caesar  kann  in  diesem  Zusammenhang  übergangen  werden.  Nach 
Caesars  Tode  beschlossen  die  Triumvirn  18  der  blühendsten  Städte 
ihren  Soldaten  zum  Lohn  auszuliefern:  davon  kamen  2  frei,  aber 
wirklich  wurden  170  000  Mann  nach  der  Schlacht  bei  Philippi  in 
Italien  angesiedelt,  ohne  dafs  die  bisherigen  Besitzer  entschädigt 
worden  wären. ^)  Milder  verfuhr  Octavian  30  v.  Chr.,  indem  er  um 
120000  Veteranen  mit  Land  auszustatten,  600  Millionen  Sesterzen 


1)  Die  Zahl  ergiebt  sich  aus  Cic.  pro  Caec.  102,  da  Sulla  den  Volaleiianern 
die  gleiche  Rechtsleilung  angewiesen  halle  wie  den  Aiiminensern:  quos  quis 
ignorat  duodecim  coloniaritm  fuisse?  Die  Worle  können  !«ich  nicht  mit 
Monnmsen  Rom.  Gesch.  H  424  A.  Staatsrecht  III  624  n.  A.  auf  das  Recht,  das 
Ariminum  als  latinische  Gemeinde  gehabt  halte,  beziehen.  Sie  beziehen  sich 
auf  das  Recht,  das  Sulla  ihm  zur  Strafe  verliehen  halle. 

2)  iMaiquardt,  Staatsverwaltung  1  35  fg.  48. 

3)  Mommsen,  die  italischen  Bürgercolonien  von  Sulla  bis  Vespasian,  Herrn. 
XVIII  161  fg.;  Korneraann  in  Pauly-W'issowa  Realencyclopädie. 

4)  Appian  b.  civ.  IV  3  V  5.  12  fg. 


32  Einleitung. 

(130  Mill.  Mark)  aiihvaiulte,  also  wenigstens  einen  Theil  des  Schadens 
verjjütete.  In  seiner  Grabschrift  14  n.  Chr.  rühmt  der  Kaiser  dals 
in  Italien  28  blühende  volkreiche  Colonien  unter  seinen  Anspielen 
gegründet  seien.  In  der  Censusliste  führt  er  44  auf,  indem  die 
Anlagen  der  Triumvirn  mitgerechnet  werden.  Da  nur  ein  Jahr- 
zehnt zwischen  den  Umwälzungen  von  41  und  30  in  der  Mitte 
hegt,  reichen  unsere  Mittel  zur  reinlichen  Scheidung  der  von 
beiden  betroffenen  Städte  nicht  aus.  Die  jüngeren  wie  die  älteren 
Colonien  wurden  von  Augustus  als  Stützen  seiner  Macht  betrachtet 
und  durch  erhebliche  Vorrechte  ausgezeichnet,  i)  So  durften  die 
Stadträte  ihre  Stimmen  für  die  staatlichen  Wahlen  schriftlich  nach 
Rom  einschicken:  ein  Ansatz  zum  modernen  System  der  freilich 
bald  mit  dem  Aufhören  der  Volkswahlen  wieder  verschwand.  Ein 
nach  Regionen  geordnetes  Verzeichnifs  dieser  bevorrechteten  Colonien 
wird  für  das  Verständnifs  des  auguslischen  Italien  (S.  3)  von 
Nutzen  sein. 


Region 

Name                  Jal 

ii-  der  Gründung 

Feldmark  i 

XI 

Augusta  Ta 

urinorum 

nach  28 

50 

— 

Aug.  r^raet. 

Salassorum 

25 

60 

X 

Brixia  Aug. 

civica 

nach  28 

100 

— 

Crem  0  na 

41 

20 

— 

Ateste 

30 

15 

— 

Julia  Concordia 

35 

40 

— 

Aquileia 

35? 

50 

— 

Tergeste 

33 

30 

— 

Pola 

33 

IX 

Dertona 

vor  28 

VIII 

Brixellum 
Placentia 

30 

— 

Parma 

nach  28 

25 

— 

Mutina 

— 

Bononia 

nach  28? 

40 

— 

Ariminum 

nach  28 

9 

VII 

Luca 

41 

30 

— 

Pisae 

vor  28 

20 

— 

Rusellae 

— 

Saena 

vor  28 

1)  Suelon  Aug.  46. 


§  4. 

Die  Colonien. 

Region 

Name 

Jahr  der  Gründun» 

VII 

Sutrium 

41 

— 

Falerii 

41? 

— 

Lucus  Feroniae 

41 

VI 

Pisa  ur  um 

41 

— 

Fanum  Fortiinae 

41 

— 

Hispellum 

41 

— 

Tuder 

41 

V 

Ancona 

41 

— 

Firmum 

41 

— 

Asculum 

41 

— 

Hadria 

41? 

IV 

Bovianum  Vetus 

41 

II 

Luceria 

41 

— 

Venusia 

41 

— 

ßeneventum 

(41)  28 

I 

Antium 

41 

— 

Minlurnae 

— 

Sora 

41 

— 

Aquinum 
Teanum 

41 

— 

Suessa 

41 

— 

Venafrum 

nacii  28 

— 

Capua 

36 

— 

Noia 

33 

Feldmark  in  d.  QM. 


30 
20 
10 


9 
15 

6 

Diese  Liste  von  44  Städten  i)  stellt  den  zehnten  Theil  der 
Verwaltungskörper  Italiens  dar,  umfafst  aber  ungefähr  ein  Fünftel 
der  gesammlen  Bodentläche.  Eine  genaue  Berechnung  der  Stadt- 
gebiete ist  nicht  möghch:  wenn  man  indefs  bedenkt,  dafs  Brultium 
und  Apulien  mit  ihren  Domänen  von  mehreren  hundert  Quadrat- 
meilen Umfang  in  Abzug  zu  bringen  sind,  so  erscheint  das  Ver- 
hältnifs  des  von  der  Colonisation  betroffenen  Landes  zu  dem  ver- 
schont gebhebenen  eher  zu  niedrig  als  zu  hoch  gegriffen  zu  sein. 
Die  Nachfolger  des  ersten  Kaisers,  Tiberius,  Claudius,  Nero,  dann 


1)  Unberücksichtigt  bleiben  aus  der  Küstenbeschreibung  bei  Plinius  111  51 
Cosa  Folcientium  a  populu  Romano  deducla,  56  Ostia  colonia  a  Romano  rege 
deducta,  61  Puteoli  colonia  Dicaearchea  dicti,  da  die  Zusätze  schon  andeuten 
dafs  diese  Gründungen  nicht  von  Augustus  stammen.  Dies  gilt  auch  von 
Puleoli  nach  allem  was  wir  von  dessen  Geschichte  kennen. 

Nissen,  Ital.  Landeskunde.    IL  3 


34  Einleitung. 

die  Flavier  und  Antonine  bis  Diocletian  und  Conslantin  haben  da- 
mit fortgefahren  Municipien  in  Colonien ,  umgekehrt  auch  ehe- 
mahge  Colonien  in  Municipien  umzuwandeln.  Die  Stellung  einer 
Gemeinde  als  Colonie  galt  für  ehrenvoller,  als  Municipium  für 
freier  und  vortheilhafter,  ohne  dafs  wir  im  Stande  wären  die  recht- 
lichen Vor-  und  Nachtheile  deutlich  zu  erkennen. i)  Im  Ganzen 
sind  etwa  35  Städte  seit  Augustus  mit  Colonialrecht  bedacht  worden: 
jedoch  mag  die  Zahl  bedeutend  grülser  sein  als  die  zufällig  erhaltenen 
Nachrichten  ergeben.  Nach  diesen  handelt  es  sich  theils  um  die 
Verstärkung  vorhandener  Colonien ,  theils  um  Ansiedlung  von 
Veteranen  in  bestehenden  Municipien.  Eine  liefgreifende  Umgestal- 
tung des  Besitzstandes,  wie  sie  im  letzten  vorchristlichen  Jahrhundert 
so  gewahsam  ins  Werk  gesetzt  wurde,  hat  sich  unter  der  Herrschaft 
des  Friedens  nicht  wiederholt.  Vielfach  stehen  diese  späteren 
Gründungen  auf  derselben  Stufe  wie  die  Verleihung  eines  Titels. 
Immerhin  haben  auch  sie  dazu  beigetragen  das  vorrömische  Gepräge 
des  Landes  zu  verwischen. 

§  5.  Die  Entwicklung  der  Städte. 

Die  wechselnden  Schicksale,  die  über  das  Land  hingezogen 
sind,  haben  einen  greifbaren  Ausdruck  in  den  Städten  hinterlassen. 
Um  die  Fülle  der  Erscheinungen  zu  erläutern,  gehen  wir  von  der 
Bestimmung  ihrer  Grofse  aus.  Die  Alten  verschlossen  sich  durch- 
aus nicht  der  Einsicht,  dafs  die  Macht  eines  Gemeinwesens  von  der 
Ausdehnung  seines  Gebiets  abhinge.'^)  Trotzdem  ist  ihnen  die 
Vergleichung  der  Städte  unter  einander  ohne  Rücksichtnahme  auf 
das  zugehörige  Gebiet  geläufig,  wobei  als  Mafsstab  der  Umfang  der 
Ringmauer  dient.  Die  Berechtigung  dieses  Mafsstabs  ruht  in  dem 
Umstand,  dafs  die  Mauerlänge  der  Zahl  der  Vertheidiger  entsprechen 
mufs,  also  auf  die  Stärke  der  Bürgerschaft  einen  Schlufs  gestaltet. 
In  der  griechischen  wie  der  römischen  Schlachtordnung  nimmt  der 
einzelne  Mann  3  Fufs  89  cm  Front  ein.'^)  Allem  Anschein  nach 
ist  bei  der  Stadtanlage  das  gleiche  Verhällnifs  zwischen  der  Mauer- 
länge und  der  Zahl  der  Bürger  als  Norm  betrachtet  worden.  In 
einem  Falle  wenigstens  leuchtet  die  Sache  unmittelbar  ein:  das  25 

1)  Gell.  N.  A.  XVI  13. 

2)  Ti.ukyd.  1  10  Pol.  IX  21  Hultsch. 

3)  Pol.  XVIII  29,2  3ü,6  Hu. 


§  5.     Die  Entwicklung  der  Städte.  35 

V.  Chr.  gegründete  Aosta  erhielt  3000  Colonisten  und  nach  Promis 
Messung  einen  Umfang  von  S766  Fufs.  Ein  annähernd  gleicher 
Umfang  begegnet  bei  itahschen  Mittelstädten  denen  dieselbe  Zahl 
von  Bürgern  beigelegt  werden  kann ,  häuOg.  Damit  soll  keines- 
veegs  gesagt  sein  dafs  der  Bestand  an  Waffenfähigen  gefunden 
wird,  indem  man  die  Fufslänge  der  Mauer  durch  drei  dividirt.  So  hat 
z.  B.  Alba  am  Fuciner  See  10  000  Fufs  Umfang  und  6000  Colo- 
nisten, Sora  9300  Fufs  Umfang  und  4000  Colonisten.  Die  oriHchen 
Bedingungen,  die  natürliche  Deckung  durch  Wasserläufe  und  steile 
Abhänge  sprechen  bei  der  Anlage  ein  entscheidendes  Wort.  Aber  bei 
aller  Älannichlaltigkeit  die  hierdurch  veranlafst  wird,  gilt  doch  für  die 
gesammte  Befestigungskunst  des  Altertums  und  Mittelalters  der  Satz 
Machiavelli's :  quanto  minore  era  una  cosa,  meglio  st  difendeva.  Des- 
halb kann  die  Zahl  der  Vertheidiger  bedeutend  höher  sein  als  das  oben 
aufgestellte  Verhältnifs  zum  Mauerring  anzeigt,  jedoch  kaum  niedriger. 
—  Der  Lauf  der  Mauer  richtet  sich  nach  der  Gestaltung  des  Bodens 
und  wird  von  dem  Streben  die  Annäherung  des  Feindes  zu  erschweren 
bestimmt.  So  wünschenswert  es  auch  ist  einen  mögUchst  grofsen 
Raum  einzuschliefsen,  kommt  diese  Rücksicht  nur  an  zweiter  Stelle  in 
Betracht.  Daraus  erklärt  sich ,  dafs  Umfang  und  Inhalt  nicht  mit 
einander  stimmen,  dafs  bei  gleichem  Umfang  die  Wohnfläche  in 
dem  einen  Falle  die  doppelte  Ausdebnung  hat  wie  im  andern. 
Man  erkennt  sofort,  dafs  zwei  getrennte  Grofsen  vorliegen,  die  ver- 
schiedenartige Fragen  beantworten.  Zur  Vertheidigung  der  Ringmauer 
sind  alle  Bürger  berufen,  ob  sie  innerhalb  derselben  wohnen  oder 
aufserhalb.  Dagegen  läfst  sich  die  städtische  Bevölkerung  allein  aus 
dem  vorhandenen  Wohnraum  ermitteln.  Ursprünglich  hat  eine 
solche  Scheidung  nicht  bestanden.  Das  Haus  oder  die  Hütte  ge- 
währte Schutz  bei  Nacht  und  Unwetter,  die  Burg  Schutz  bei 
feindlichem  Angriff  (S.  10  A.  1),  das  eigentliche  Leben  spielte  sich 
draufsen  in  Feld  und  Wald  ab.  Die  Kleinheit  des  Hauses  und  die 
Enge  der  Burg  haben  die  antike  und  mittelalterliche  Wohnweise 
gekennzeichnet,  so  lange  die  Städte  befestigt  waren.  Freilich  ge- 
nügten die  S.ll  erwähnten  winzigen  Hütten  den  Ansprüchen  nicht 
mehr,  als  die  Gesellschaft  sich  gliederte  und  den  Gegensatz  von 
Ann  und  Reich  ausbildete.  Die  herrschende  Classe,  sei  es  einge- 
borener Adel  oder  fremde  Eroberer,  behält  die  Festung  in  der 
Hand  und  verdrängt  die  bäuerhchen  Mitwohner.  Im  weiteren  Ver- 
lauf entfalten    sich  Handel  und  Gewerbe  vor  den  Thoren ,    werden 

3* 


36  Einleitung. 

durch  Wall  und  Graben  notdürftig  geschützt  und  führen  schliefslich 
zur  Erweiterung  des  Mauerrings.  Derart  entstehen  Mittel-  und 
Grolsstädte  die  zur  Aufnahme  der  bäuerlichen  Bevölkerung  aus- 
reichen, wenn  diese  ihre  Heimstätten  dem  Feinde  preisgeben  mufs. 
Die  Schilderung  die  Thukydides  von  der  Räumung  Attika's  431 
entwirft^),  erläutert  den  Hergang  in  vorbildlicher  Weise.  Immerhin 
ist  der  Raum  den  die  Mauer  umschliefst,  weder  allein  noch  vor- 
zugsweise auf  die  Bedürfnisse  der  Landschaft  in  Kriegsfällen  be- 
rechnet, sondern  in  erster  Linie  auf  die  ansässigen  Bewohner. 
Die  Ueberlieferung  bestätigt  den  monumentalen  Thatbestand,  io 
sofern  sie  die  geräumigsten  Städte  als  Sitze  von  Gewerbe  und 
Handel,  sowie  einer  starken  Bevölkerung  bezeichnet.  —  Da  keine 
anderen  Mittel  zur  Vergleichung  der  Gröfsenverhältnisse  zu  Gebote 
stehen,  wird  im  Folgenden  von  einigen  60  italischen  Städten  der 
Mauerumfang  in  Kilometern,  die  Grundfläche  in  Hektaren,  endlich 
das  Jahr  des  Mauerbaues  aufgeführt,  soweit  es  sich  bestimmen 
läfst.  Die  Ziffern  sind  durchweg  abgerundet,  um  den  falschen 
Schein  einer  nicht  vorhandenen  Genauigkeit  zu  vermeiden. 2)  Trotz 
dieser  Mängel  und  trotz  seiner  Unvollständigkeit  genügt  das  Material, 
um  einige  bedeutende  Thatsachen  der  Geschichte  ins  richtige  Licht 
zu  rücken.  Wir  unterscheiden  drei  Classen:  Grofsstädte  mit  min- 
destens 80  ha  Grundfläche  und  4  km  Umfang,  Mittelstädte  mit 
mindestens  30  ha  Grundfläche  und  2,5  km  Umfang,  nennen  Klein- 
städte was  darunter  bleibt.  Zunächst  wird  der  Stadtstaat  der 
Hellenen  durch  nachstehende  ZifTern  erläutert: 


Jahr 

Grundfläctie  in  ha 

Umfang  in  km 

Tarentum 

400 

570 

15 

Sybaris 

600 

9 

Thurii 

443 

250 

7 

Croton 

500 

18 

Locri 

385 

245 

7 

Vibo 

379 

200 

6,67 

Velia 

530 

HO 

5 

Posidonia 

550 

126 

4,9 

1)  Thukyd.  II  16.  17. 

2)  L)ie  Grundfläche  von  27  Städten  wird  der  Messung  Belochs,  Bevölke- 
rung p.  486 fg.  verdankt.  In  anderen  Fällen  liegt  nur  eine  annähernde  Berech- 
nung vor. 


§  5.    Die  Entwicklung  der  Städte.  37 

Das  Vorbild  der  Hellenen  hat  im  Südosten  der  Halbinsel,  in 
den  apulischen  Landen  Nachahmer  gefunden.  Wahrscheinlich  ge- 
hörten zur  ersten  Classe  Manduria,  Canusium,  Arpi:  der  Umfang 
der  an  erster  Stelle  genannten  Stadt  wird  auf  4  km  angegeben; 
über  die  Ausdehnung  der  beiden  anderen  ist  nichts  Näheres  be- 
kannt. Besser  sind  wir  über  Campanien  unterrichtet  und  lesen 
aus  den  Ziffern  von  dem  Wettstreit  dreier  Völker  unter  einander, 
der  Hellenen  Etrusker  und  Osker. 


Jahr 

Grundfläche  in  ha 

Umfang  in  km 

Cumae 

600 

60 

3 

Neapohs 

450 

106 

4 

Capua 

470 

182 

5,5 

Calatia 

400 

20 

2 

Nola 

470 

4,5? 

Pompei 

580 

65 

3 

Surrentum 

600 

22 

2 

Ueber  den  Ursprung  und  das  Wachstum  der  Etrusker  läfst  uns 
die  Litteratur  im  Stich.  Aber  die  Ueberreste  ihrer  Mauern  ver- 
künden die  Gröfse  ihrer  Stadtherrschaften  und  beweisen ,  dafs  sie 
mit  den  Hellenen  wetteifernd  von  den  Alten  nicht  ohne  Grund  als 
Städtebauer  angesehen  worden  sind.  Angaben  in  Betreff  des  Mauer- 
baus fehlen  gänzlich:  doch  ist  im  Allgemeinen  das  sechste  Jahr- 
hundert V.  Chr.    als   die  Epoche   des   höchsten  Aufschwungs  dieses 


Volkes  zu  betrachten. 

Grundfläche  in  ha 

Umfang  in  km 

Felsina  (Bonc 

)nia) 

83 

3,6 

Faesulae 

35 

2,57 

Volaterrae 

130 

7,28 

Populonium 

25 

2,5 

Vetulonium 

120 

5 

Rusellae 

60 

3,15 

Saturuia 

50 

3 

Cortona 

40 

2,7 

Perusia 

32 

2,8 

Volci 

180 

6 

Tarquinii 

150 

8 

Volsinii 

120 

5 

Caere 

117 

5 

Veii 

400? 

9 

Falerii 

35 

2,8 

38  Einleitung. 

Der  Zweifel  ist  ein  nützlich  Ding:  verleitet  er  seine  Jünger 
dazu  den  Wald  vor  lauter  Bäumen  nicht  zu  sehen,  so  wird  er  vom 
Uebel.  Die  Ueberlieferung  schreibt  die  grofse  Erweiterung  Roms 
den  letzten  Königen  zu,  neuere  Gelehrte  sind  geneigt  sie  ein  paar 
Jahrhunderte  tiefer  in  das  Zeitalter  der  samnitischen  oder  punischen 
Kriege  herab  zu  rücken.  Wer  mit  Zahlen  klare  Vorstellungen  zu 
verbinden  weils,  erkennt  alsbald,  dafs  die  Tradition  Recht  hat  und 
die  Skepsis  Unrecht.  Dafs  eine  Mauer  von  der  Ausdehnung  der 
servianischen  im  Laufe  der  Jahrhunderte  vielfacher  Herstellung  be- 
durfte, leuchtet  von  selbst  ein.  Aber  ohne  diese  Anlage  seiner 
Könige  bliebe  die  ältere  Geschichte  Roms  ein  reines  Rätsel.  Wir 
sehen,  wie  zwei  das  Mittelmafs  weit  überragende  Grofsstädte,  Veji 
als  Haupt  des  rechten  Tiberufers,  Rom  als  Haupt  des  linken  zum 
Kampf  auf  Leben  und  Tod  berufen  sind,  da  die  Landschaften  an 
beiden  Seiten  des  Stroms  eine  natürliche  Einheit  bilden.  Das  Ver- 
zeichnifs  lehrt  den  Wettbewerb  der  lalinischen  Küste,  den  Trotz 
der  binnenländischen  Festungen  verstehen  und  erklärt,  warum  un- 
geachtet aller  Wechselfälle  schliefslich  doch  die  Wucht  der  Masse 
den  Ausschlag  giebt. 


Jahr 

Grundfläche  in  ha 

Umfai 

■^§  in  km 

Roma 

550 

426 

9,8 

Ardea 

500 

85 

4,5 

Antium 

500 

4,5 

Velitrae 

400 

4,5 

Tusculum 

600 

14 

2,3 

Tibur 

600 

2,5 

Praeneste 

500 

32 

4,5 

Aletrium 

500 

25 

2 

Fundi 

16 

1,7 

Arpinum 

500 

50 

3 

Der  gröfsere  Theil  Italiens  ist  vor  dem  Eingreifen  der  Römer 
arm  an  Städten  gewesen.  Dies  gilt  von  dem  inneren  Lucanien, 
Samnium,  den  Cantonen  des  Hochappennin,  der  Sabina,  Picenum 
und  Umbrien.  Einzelne  Anlagen,  z.  B.  Ameria  Tuder  Iguvnim 
können  vielleicht  nach  der  aufgestellten  Scala  noch  eben  die  zweite 
Stufe  erreicht  haben.  Die  Mehrzahl  jedoch  überschritt  nicht  den 
Umfang  von  Gauburgen.  Was  den  Norden  betrifft,  so  sind  im 
INiederland  wirkliche  Städte  erwachsen,  halten  sich  jedoch  in  ziem- 
lich  bescheidenen  Grenzen.     Als  Haupt  der  Veneter  gilt  Patavium 


§  5.     Hie  Entwicklung  der  Städte.  39 

das  mit  65  ha  luhalt  nur  den  Rang  einer  ansehnlichen  Mittelstadt 
beansprucht.  Die  Römer  waren  es  die  das  Städtewesen  in  den 
bäuerlichen  Landschaften  zur  Durchführung  brachten.  Indem  sie 
das  Land  planmäfsig  mit  einem  Netz  von  Festungen  überspannen, 
wurden  sie  von  mihtärischen  Erwägungen  geleitet.  Unter  allen 
Colonien  nehmen  Vejinsia  und  Brundisium  den  grofsten  Raum  ein: 
letzteres  bedeckt  etwa  eine  Fläche  von  80  ha,  die  Ausdehnung  von 
Venusia  bleibt  noch  zu  ermitteln.  Beide  liegen  im  Bereich  von 
Städte-  gewerb-  und  verkehrreichen  Gegenden.  Aber  im  Uebrigen 
sind  die  Colonien  im  Verhältnifs  zu  ihren  Gebieten  klein;  erst  die 
Friedenszeit  hat  einzelne  unter  ihnen  bedeutend  erweitert. 


Jahr 

Grundfläche  in  ha 

Umfang  in  km 

Signia 

495 

16 

2 

Norba 

492 

35 

2,5 

Tarracina 

329 

1,5 

Suessa  Aur. 

313 

2,5 

Alba  Fuc. 

303 

34 

3 

Sora 

303 

2,8 

Cosa 

273 

14 

1,47 

Ariminum 

268 

34 

2,6 

Beneventum 

268 

3 

Aquileia 

181 

64 

Falerii 

241 

29 

2,1 

Florentia 

154 

25 

2 

Tergeste 

33 

20 

Pola 

33 

16 

Telesia 

9 

25 

2 

Augusta  Taur. 

25 

45 

2,7 

Augusta  Saj. 

25 

41 

2,6 

Saepinum 

0 

14 

1,5 

Urbs  Salvia 

9 

2,5 

Verona 

265  n. 

Chr. 

46 

2,8 

AUifae 

350  n. 

Chr. 

2 

Die  ganze  Entwicklung,  die  bisher  ziffermäfsig  zusammengefafst 
wurde,  nimmt  ihren  Ausgang  von  jenen  Gauburgen  von  denen  S.  10 
die  Rede  war.  Manche  Terremare  sind  bis  tief  in  historische  Zeiten 
hinunter  bewohnt  gewesen:  dies  lehrt  der  Weizen  den  die  An- 
siedler bauten,  lehren  die  Funde  von  Ohven  und  anderen  Erzeug- 
nissen   eines    fortgeschrittenen   Verkehrs.     Ueberhaupt    ändert    ein 


40  Einleitung. 

Land  seine  heimische  Wohnweise  ehenso  langsam  wie  sein  Pflanzen- 
kleid. Wenn  der  Schwabenspiegel  deutsche  Städte  kennt  die  nur 
durch  Pfahlvverk  oder  Graben  geschützt  waren i),  so  nimmt  es  nicht 
Wunder,  dafs  Sulla  89  v.  Chr.  die  Holzmauer  des  hirpinischen 
Aeclanum  in  Brand  stecken  konnte.'^)  Indessen,  ob  alt  oder  jung, 
ohne  Zweifel  geben  jene  Anlagen  aus  der  Poebene  den  ältesten 
Typus  geschlossenen  Siedeins  in  Italien  treu  wieder.  Der  Typus 
trägt  bereits  die  Vorliebe  für  die  rechteckige  Foim,  die  planmäfsige 
Absteckung  und  Vertheilung  der  Wohnfläche  zur  Schau  die  dem 
Verfahren  der  Römer  in  historischen  Zeiten  eigentümlich  erscheint. 
Den  Zusammenhang  zeigt  die  Sprache  deutlich  an :  während  die  auf 
Haus-  und  Städtebau  bezüglichen  deutschen  Ausdrücke  zumeist  aus 
dem  Lateinischen  entlehnt  sind,  haben  die  Romer  eigenes  Sprach- 
gut verwandl.3)  In  ferne  Vergangenheit  weist  auch  der  Ritus  zu- 
rück durch  den  die  Römer  ihre  Städte  gründeten :  wenn  die 
Pflugschar,  mit  welcher  der  zur  Anlage  ausersehene  Raum  um- 
pflügt wird,  aus  Erz  sein  mufs,  so  kann  die  Sitte  nicht  aufgekommen 
sein,  als  das  Eisen  bereits  im  allgemeinen  Gebrauch  war.  Der  Ritus 
greift  so  tief  in  das  Rechts-  und  Verfassungsleben  ein,  dafs  Varro 
urbs  von  der  Pflugschar  (urvus)  ableitet  und  nur  umpflügten  Plätzen 
den  Namen  urbes  zugesteht^):  was  auch  begreiflich  genug  ist,  da 
das  Ziehen  der  Furche  (urvare)  die  Grenze  des  Stadtfriedens  be- 
zeichnen soll.  Varro  läfst  den  Ritus,  desgleichen  die  ganze  Limitation, 
d.  h.  die  Vermessung  von  Stadt  und  Land,  von  den  Etruskern  er- 
funden sein.^)  Die  Annahme  bedarf  einer  wesenthchen  Einschrän- 
kung: die  Elemente  der  Geometrie  waren  den  Italikern  im  Poland 
wie  allen  den  Acker  bebauenden  Völkern  vertraut;  es  würde  aller 
geschichtlichen  Erfahrung  widersprechen,  wenn  die  nationale  Wohn- 
art mit  einem  Schlage  vom  Boden  hinweg  gefegt  worden  wäre. 
Aber  allerdings  ist  das  beliebte  Bild,  das  die  Stadt  aus  dem  Pfahldorf 
hervorgehen  läfst  wie  die  Pflanze  aus  der  Zelle,  geeignet  Mifsver- 
ständnisse  zu  erwecken.    In  technischer  Hinsicht  hat  sich  zwischen 


1)  Moriz  Heyne,  Das  deutsche  Wohnungswesen  von  den  ältesten  geschicht- 
lichen Zeiten  bis  zum  16.  Jahrhundert,  Leipzig  1899,  p.  317. 

2)  Appian  b.  civ.  I  51,  vgl.  Vitruv  II  9,15. 

3)  H.Nissen,    Das  Templum   antiquarische  Untersuchungen,    Berlin  1869, 
p.  88  fg. 

4)  Tenaplum  p.  56  vgl.  97. 

5)  Varro  LL.  V  143,    Liv.  I  44,  Plut.  Rom.  11,  Feldm.  27,  vgl.  Templum 
p.  10.  57. 


§  5.     Die  Entwicklung  der  Städte.  41 

beiden  Stufen  der  Entwicklung  ein  Bruch  vollzogen  der  durch 
fremde  Muster  herbeigeführt  wurde.  Das  INämliche  gilt  von  der 
gesellschaftlichen  Gliederung  die  in  der  Stadt  und  dem  vom  römischen 
Lager  dargestellten  Stadtschema  verkörpert  ist.  Unsere  Vorfahren 
haben  den  Sleinbau  von  den  Römern  erlernt.  Wem  diese  ihren 
nationalen  Tempel  und  ihr  städtisches  Wohnhaus  der  Blütezeit  ver- 
danken, deutet  das  beiden  verliehene  Beiwort  tuscanisch  an.  Eine 
Schöpfung  wie  das  servianische  Rom  ist  ohne  den  Aufschwung  und 
die  Einwirkung  der  nördlichen  Nachbarn  einfach  undenkbar. 
Lehrmeister  im  Süden  Italiens  waren  die  Hellenen.  Sicherhch 
haben  diese  auch  den  Etruskern  die  wichtigsten  Anregungen  über- 
mittelt. Indessen  wäre  es  bei  dem  heutigen  Stand  der  Forschung 
ein  müfsiges  Unterfangen  den  Antheil  der  den  einzelnen  Völkern 
an  der  Gestaltung  des  italischen  Städtewesens  zukommt,  scharf  ab- 
grenzen zu  wollen. 

Im  Mittelalter  holte  der  deutsche  Bürger,  wenn  er  bauen  wollte, 
das  Material  aus  dem  Stadtwald.  Nachdem  unsere  Vorfahren  in  der 
Völkerwanderung  den  Sleinbau  kennen  gelernt,  dauert  es  ein  volles 
Jahrtausend,  bevor  sie  sich  die  fremde  Kunst  angeeignet  hatten. 
In  Alt  Italien  ist  es  ähnlich  gegangen. i)  Mit  der  fortschreitenden 
Rodung  wird  das  Holz  knapp,  aber  doch  noch  zur  Kaiserzeit  in 
einem  Umfang  gebraucht  den  die  Gegenwart  nicht  kennt  (1 434). 
Der  ärmhche  Hausrat  der  Alten  erklärt  zum  Theil,  warum  sie  die 
verheerenden  Feuersbrünste  so  lange  ertrugen,  ohne  die  ererbte 
Bauweise  aufzugeben.  Zuerst  wird  die  Schutzwehr  gegen  den 
äufseren  Feind  aus  Stein  errichtet.  Für  Brunnen  und  Abzugscanäle 
kommt  dasselbe  Material  früh  zur  Anwendung,  dagegen  für  Brücken 
spät.  Unter  den  Wohnungen  machen  die  den  Göttern  geweihten 
den  Anfang.  Der  Abstand  zwischen  den  hoch  ragenden  Tempeln 
und  den  winzigen  Bürgerhäusern  mufs  das  uns  geläufige  Mafs 
überschritten  haben.  Auch  die  Höfe  des  Adels  mögen  ursprünghch 
nur  durch  eine  gröfsere  Grundfläche  ausgezeichnet  gewesen  sein. 
Sodann  wird  das  Strohdach  durch  Schindeln,  die  Schindeln  durch 
Ziegel  verdrängt;  man  ersetzt  die  Holz-  durch  Steinpfosten,  das 
Flechtwerk  der  Wände  durch  Luftziegel;  Raumersparnifs  führt  da- 
zu den  Häusern  gemeinsame   Mauern  zu  geben  und  das  Dach  nach 


1)  H.  Nissen,    Pompeianische    Studien    zur    Städtekunde    des    Altertums, 
Leipzig  1877. 


42  Einleitung. 

einer  inneren  Lichtüffnung  zu  neigen.  Allen  diesen  Neuerungen 
hat  der  Gallische  Brand  in  Rom  Eingang  verschafft;  anderswo,  in 
Etrurien  wie  im  Süden,  waren  sie  längst  verbreitet.  Der  grofs- 
städtischen  Entwicklung  durch  den  Hochbau,  der  Erweiterung  des 
Wohnraums  durch  obere  Stockwerke  trat  vorläufig  der  Mangel  eines 
haltbaren  Bindemittels  in  den  Weg.  Als  solches  diente  ursprünglich 
nur  Lehm.  Der  Kalkmörtel  begegnet  bereits  an  den  Pyramiden,' 
ist  von  Aegypten  aus  gewandert  und  ist  etwa  um  300  v.  Chr.  durch 
Vermittlung  der  Karthager  auf  das  italische  Festland  gelangt.  Diese 
Erfindung,  eine  der  wichtigsten  welche  die  Geschichte  der  Technik 
kennt,  eröffnete  die  Möglichkeit  die  engen  Festungen  den  Bedürf- 
nissen einer  neuen  Zeit  anzupassen.  Die  Zunahme  des  Verkehrs, 
die  zweckmäfsige  Theilung  der  Arbeit,  die  Ausbildung  des  Hand- 
werks künden  die  Wandlung  an.  Die  Ackerwirtschaft  weicht  aus  den 
Thoren,  die  Ställe  die  ehedem  den  Zug  der  Strafsen  eingefafst  hatten, 
räumen  Kaufläden  und  Werkstätten  ihren  Platz.  Der  reiche  Mann 
dehnt  sein  Heim  durch  den  Erwerb  der  Nachbarhäuser  aus,  schafft 
sich  mit  dem  wachsenden  Gesinde  gröfsere  Freiheit  der  Bewegung 
und  Behaglichkeit.  Der  mittellose  Bürger  mietet  einen  Laden  oder 
ein  Gelafs  in  den  oberen  Geschossen,  die  der  Hausherr  selbst  zu 
bewohnen  verschmäht,  aber  des  Gewinns  wegen  aufsetzt.  Je  nach 
den  örtlichen  Verhältnissen  wird  der  wirtschaftliche  Umschwung  zu 
verschiedenen  Zeiten  und  in  ungleicher  Stärke  auftreten ,  in  den 
alten  Handelsstädten  früher,  in  den  abgelegenen  Landschaften  nach 
Jahrhunderten.  Im  Allgemeinen  kann  man  die  Niederlage  Hanni- 
bals  als  den  entscheidenden  Wendepunct  betrachten.  Der  Friede 
hält  auf  den  verwüsteten  Fluren  seinen  Einzug,  macht  auch  vor 
den  Thoren  der  Festungen  nicht  Halt.  Wie  er  aus  ganz  Italien 
nach  Varro's  Worten  einen  Baumgarten  schuf  und  dadurch  dessen 
Wehrlosigkeit  beförderte,  ist  in  anderem  Zusammenhang  (1 455) 
dargelegt  worden.  Wie  er  die  Wehren  selbst  unterhöhlte,  bleibt 
hier  nachzuholen. 

Unter  den  Zeugen  einer  fernen  Vergangenheit  sind  keine  in 
gleicher  Zahl  vorbanden  wie  die  verwitterten  Ringmauern  die  noch 
jetzt  so  viele  Ortschaften  des  Appennin  umgürten  (139).  Staunend 
überschlägt  der  Beschauer  die  Summe  der  Arbeit  die  für  die  Er- 
richtung gefordert  wurde.  Der  alte  Staat  stellte  an  die  persönliche 
Leistung  seiner  Angehörigen  hohe  Ansprüche:  nach  dem  caesarischen 
Stadtrecht  von    Urso  steht   es    noch    dem    Gemeinderat   frei  jeden 


§  5.     Die  Entwicklung  der  Städte.  43 

erwachsenen  Einwohner  zu  5,  jedes  Gespann  zu  3  Tagen  Frohn- 
leistung  im  Jahr  heranzuziehen.  Wie  die  Deichlasten  den  Marschbauern 
drücken  (I  210),  hat  der  Latiner  der  Vorzeit  über  die  Arbeit  ge- 
seufzt die  ihm  die  Schutzwehr  gegen  den  Feind  bereitete.  Ein 
Nachklang  davon  tönt  aus  der  Sprache  entgegen:  munus  und  murus 
kommen  von  derselben  Wurzel,  so  dafs  die  Mauerlast  als  die  wich- 
tigste der  dem  Bürger  obliegenden  Frohnden  die  allgemeine  Be- 
deutung der  Bürgerlast  schlechthin  erhält ;  der  Plural  moenia  weist 
auf  die  Vielheit  der  geleisteten  Arbeiten  hin,  endlich  die  Wurzel 
nm  binden ,  flechten ,  auf  die  Technik  in  der  die  Holzwälle  des 
Feldlagers  und  der  ältesten  Gauburgen  hergestellt  wurden.  Der 
aufgewandten  Mühe  entspricht  die  Wertschätzung  deren  die  Mauer 
geniefst,  Sie  steht  unter  gottlicher  Obhut  und  ist  unverletzlich; 
wer  sie  beschädigt  oder  übersteigt,  verwirkt  sein  Leben  nach  dem 
warnenden  Beispiel  das  der  Gründer  Roms  mit  dem  Todtschlag  des 
eigenen  Bruders  gegeben  hatte.  Die  Mauer  gilt  als  Sinnbild  staat- 
hcher  Freiheit:  wird  sie  vom  Sieger  geschleift,  so  raubt  er  der 
Gemeinde  die  Selbstbestimmung.  Freilich  seitdem  die  römische 
Herrschaft  den  Frieden  im  Lande  verbürgte,  läfst  die  Strenge  der 
Vorfahren  nach  und  wird  ihre  Sorge  auf  die  leichte  Schulter 
genommen.  Dann  treibt  im  Lauf  der  Jahre  die  Erdnässe  von  der 
inneren  Böschung  her  die  Quadern  aus  ihren  Fugen ,  der  Graben 
wird  mit  Schult  und  Unrat  angefüllt.  Ziehen  nun  am  heiteren 
Himmel  die  Kriegswolken  drohend  auf,  so  mufs  die  lange  Versäum- 
nifs  in  aller  Eile  wieder  gut  gemacht  werden.  In  Pompeji,  sehen 
wir,  war  ein  paar  Menschenalter  nach  Hannibals  Abzug  die  Mauer 
so  verfallen,  dafs  ungefähr  ein  Achtel  des  ganzen  Rings  der  Er- 
neuerung bedurfte,  als  die  Bundesgenossen  auf  Selbsthilfe  sannen. 
In  dem  nämlichen  Zeitraum  schwoll  die  Bevölkerung  Roms  lawinen- 
haft  an,  baute  von  Aufsen  und  Innen  an  die  Königsmauer,  die 
Weltherrscherin  wurde  eine  offene  Stadt  und  sah  sich  87  v.  Chr. 
auf  den  Schutz  von  Feldschanzen  verwiesen.  Im  Zeitalter  der 
Bürgerkr'ege,  ja  noch  unter  der  Regierung  des  Augustus  sind  Ge- 
meinden der  Halbinsel  mit  der  Ausbesserung  ihrer  Werke  beschäftigt. 
Namentlich  werden  diese  durch  Thürme  verstärkt  die  in  der  älteren 
Epoche  entbehrlich  schienen,  aber  mit  der  Ausbildung  des  Geschütz- 
wesens je  länger  desto  mehr  die  eigentlichen  Stützen  der  Vertheidigung 
abgeben.  Erwähnung  verdient,  dafs  Festungsbanten  besonders  von 
Bergstädten   gemeldet  werden:   von  Seiten    der   halbwilden  Hirten- 


44  Einleitung. 

Sklaven  waien  am  Ersten  Ausschreilungen  zu  befürchten.  Aber 
nach  dem  Tode  des  Augustus  wird  es  von  Befestigungsarbeiten  in 
Italien  still:  so  grofs  auch  die  Menge  der  erhaltenen  Bauinschriften 
ist,  davon  redet  keine. 

Dem  Buchslaben  nach  sind  alle  Städte  mit  Ausnahme  Roms 
ummauert,  der  Kaiser  führt  die  Aufsicht  über  die  Werke,  die  inner- 
halb der  Thore  wohnenden  Bürger  geniefsen  manche  Vortheile  vor 
den  Aufsenwohnern.  Aber  schon  das  Stadtrecht  von  Urso  gestattet 
den  Würdenträgern  der  Colonie  ihren  Wohnsitz  eine  Millie  im  Um- 
kreis zu  nehmen.  Das  Streben  nach  Luft  und  Licht  das  mit  der 
Verfeinerung  der  Sitten  stetig  wächst,  lullte  diesen  Kreis  früh  mit 
Landhäusern  an.  Die  massigen  Denkmäler,  mit  denen  die  fieberhaft 
gesteigerte  Ruhmsucht  die  Strafsen  vor  den  Thoren  einrahmte,  trugen 
das  Ihrige  dazu  bei  dem  Feind  die  Annäherung  zu  erleichtern.  Wie 
schlielslich  die  Staatsbehörde  ihre  Aufsicht  handhabte,  lehrt  ein  Blick 
auf  Pompeji,  dessen  Mauer  auf  der  ganzen  Seeseite  eingerissen,  auf 
anderen  Strecken  überbaut  ist.  Was  sollte  auch  dies  genufsfreudige 
Geschlecht  sich  um  die  W^ehr  seiner  Väter  bekümmern?  „Als  die 
Alleinherrschaft  auf  Augustus  übergegangen  war  —  bemerkt  ein 
Geschichtschreiber  i)  —  enthob  er  die  Einwohner  Italiens  der 
Kriegslast  und  entkleidete  sie  der  Rüstung.  Er  schützte  das  Reich 
durch  Castelle  und  Lager,  stellte  um  festen  Satz  gemietete  Söldner 
als  Mauer  des  Reichs  der  Römer  zu  dienen  auf,  umhegte  und 
sicherte  es  durch  grofse  Ströme  und  Gräben  oder  durch  Gebirge 
und  ungangbare  Wüsten."  Wenn  dann  der  seltene  Fall  eintrat, 
dafs  die  Kriegsdrommete  den  tiefen  Schlaf  verscheuchte,  war  das 
Land  ratlos.  Als  im  Vierkaiserjahr  69  die  Flavianer  Verona  zum 
Waffenplatz  erheben  wollten,  gingen  sie  zunächst  daran  es  zu  be- 
festigen^): und  doch  sperrt  der  Platz  die  Brenn erstrafse  und  den 
Austritt  der  Etsch  in  die  Ebene.  Als  193  Septimius  Severus  von 
Wien  nach  Rom  zog,  wurde  sein  Eilmarsch  lediglich  durch  die 
Feslhchkeiten  verzögert  die  ihm  unterwegs  die  Städte  veranstalteten. 
Als  die  Regierung  238  die  ganze  Bürgerschaft  gegen  den  wilden 
Maximinus  zu  den  Wallen  rief,  lag  die  Mauer  der  Grenzfestung 
Aquileia  in  Trümmern.  Ein  Menschenalter  darauf  lernten  die  Ger- 
manen den  Weg  nach  Italien  finden:    nunmehr  werden  die  Städte 


1)  Herodian  II  11,5  vgl.  VIII  2,4. 

2)  Tac.  Hist.  III  10.  11. 


§  5.     Die  Entwicklunsf  der  Städte.  45 

nach  dem  Vorgang  Roms,  was  sie  so  lange  nur  dem  Namen  nach 
gewesen  waren,  wieder  befestigt.  Freihch  nötigte  die  einreifsende 
Entvölkerung  dazti  den  Maiiergürtel  enger  m  ziehen,  fehlte  den 
Vertheidigern  die  Manneskraft  früherer  Zeiten  die  unter  der  er- 
schlaffenden Wirkung  des  Friedens  ausgestorben  war. 

Die  Wandlung  die  sich  an  den  Städten  von  ihrer  Entstehung 
bis  zum  Ausgang  des  Altertums  vollzieht,  kann  verschieden  beur- 
theilt  werden.  Betrachtet  man  das  Leben  von  der  äufseren  Seite, 
so  ist  es  sehr  viel  reicher  anmutiger  und  gesitteter  geworden.  Ur- 
sprünglich waren  die  Gründungen  der  Griechen  und  Römer  ebenso 
schmutzig  wie  die  mittelalterlichen.  Die  ersten  schüchternen  Au- 
ffinge die  Strafsen  zu  pflastern  und  mit  Gangsteigen  zu  versehen, 
berichtet  die  römische  Chronik  296  und  293.  Aber  es  vergeht 
ein  reichhches  Jahrhundert,  bevor  die  Arbeit  in  bedeutendem  Um- 
fang unternommen  wird.  Das  von  Caesar  46  erlassene  Stadtrecht 
ordnet  ihre  Durchführung  in  allen  römischen  Städten  an.  Wenn 
man  auch  glauben  darf,  dafs  das  Gebot  in  blühenden  Gemeinden 
befolgt  wurde,  so  sind  andere  aus  Mangel  an  Mitteln  ihm  langsam 
und  schrittweise  nachgekommen:  z.  B.  war  Abella  in  Campanien 
332  n.  Chr.  noch  ungepflastert.  Früher  und  erfolgreicher  haben 
die  Alten  <lie  Entfernung  des  Unrats  und  die  Zuleitung  gesunden 
Wassers  betrieben.  Was  die  Wasserversorgung  betrifft,  so  ist  ihr 
Vorbild  von  der  heutigen  Cultur  kaum  erreicht,  geschweige  denn 
übertroffen  worden.  Was  die  öffentliche  Sauberkeit  betrifft,  so  bleibt 
Italien  in  der  Gegenwart  hinter  der  Vergangenheit  erheblich  zurück. 
—  Die  Zunahme  der  Reinlichkeit  geht  mit  dem  oben  (S.  42)  be- 
rührten wirtschaftHchen  Umschwung  Hand  in  Hand.  Dieser  bedingt 
die  bauHche  Umgestaltung  der  Städte.  In  den  Anfängen  zeigte  ihr 
Aeufseres  ein  gar  einfaches  und  einförmiges  Gepräge.  Nach  sorg- 
fältig bemessenem  Plan  sind  die  Strafsen  in  den  Boden  eingeschnitten 
und  werden  in  fortlaufenden  Zeilen  von  kleinen  Häusern  eingefafst, 
deren  eines  ebenso  ärmlich  und  feuergefährlich  ist  wie  das  andere. 
Ursprünglich,  z.  B.  im  ältesten  Rom  fehlten  die  Tempel.  Es  giebt 
nur  geweihte  Höfe  oder  Haine  mit  einem  Altar,  wo  der  Bürger 
schlachten  oder  nach  antikem  Ausdruck  opfern  kann.  Darüber  war 
man  450,  als  Hippodamos  von  Milet  die  Theorie  des  Städtebaus 
ausbildete,  längst  hinaus.  Auch  die  etruskische  Lehre  erkannte 
keinen  Platz  als  Stadt  an  der  nicht  mindestens  3  Thore  und  eben- 


46  Einleitung. 

so  viel  Tempel  aufzuweisen  hätte J)  Die  Tempel  sind  nicht  aus- 
schliefslich  für  den  Gollesdienst  bestimmt,  sondern  auch  für  staat- 
liche Zwecke:  in  ihnen  wird  der  Schatz  und  das  Archiv  aufbewahrt, 
hält  der  Rat  Sitzungen  ab  und  feiert  seine  Feste.  Mit  der  Arbeits- 
theilung  und  dem  gesteigerten  Verkehr  vermehrt  sich  die  Zahl  der 
Gotteshäuser  stetig.  Aber  im  Grofsen  und  Ganzen  schlägt  das  ötfent- 
liche  Bauwesen  eine  neue  Richtung  ein.  —  Aehnlich  wie  bei  uns 
seit  dem  Ende  des  Mittelalters  der  Kirchen-  von  dem  Profanbau 
abgelöst  wird,  wenden  die  Alten  ihre  Thätigkeit  den  Bedürfnissen 
des  Tages  zu.  Während  die  Frömmigkeit  der  Vorfahren  ihre  Be- 
friedigung darin  fand  den  hohen  Himmelsmächlen  würdige  Wohn- 
sitze zu  bereiten ,  entstehen  jetzt  gemeinnützige  Anlagen  in  fast 
unübersehbarer  Menge.  Zum  guten  Theil  werden  sie  durch  den 
Zwang  der  Verhältnisse  herbeigeführt.  Wenn  der  Besitz  eines  eigenen 
Hauses  und  Brunnens  zum  Vorrecht  einer  kleinen  Minderheit  ge- 
worden ist,  mufs  die  Gemeinde  wol  oder  übel  durch  eine  öffent- 
liche Leitung  ihre  Angehörigen  mit  Wasser  versorgen.  Wir  können 
es  nicht  zifl'ermäfsig  belegen,  aber  nach  dem  hanuibalischen  Kriege 
nimmt  die  städtische  Bevölkerung  reifsend  zu:  theils  durch  Ver- 
mehrung der  Sklavenschaft,  hauptsächlich  durch  Zuzug  vom  Lande. 
Der  stärkste  Strom  gehl  begreiflicher  Weise  nach  Rom,  schwächere 
nach  anderen  Verkehrscentren:  177  v.  Chr.  führen  Samniten  und 
Paeligner  im  Senat  darüber  Klage,  dafs  4000  Familien  aus  ihrer 
Mitte  nach  Fregellae  ausgewandert  seien. 2)  Es  war  die  Zeit  wo 
das  grofsc  Capital  den  Bauerstand  zu  Grunde  richtete,  wo  die  Bauer- 
hulen  von  den  Gütern  verschlungen  wurden.  Durch  Urkunden  er- 
hält der  Vorgang  kein  Licht.  Um  so  belehrender  ist  es  zu  ver- 
folgen, wie  er  sich  in  gleicher  Weise  innerhalb  der  Städte  abspielt: 
die  I'aläsle  l'ompeji's  sind  nachweisbar  aus  der  Einschiachtung  kleiner 
Bürgerhäuser  entsprungen,  dadurch  ist  die  Zahl  der  Häuser  etwa 
auf  ein  Fünftel  des  ursprünglichen  Bestandes  gesunken.  Aber  seit- 
dem die  Masse  auf  Mietswohnungen  beschränkt  war,  fand  das  öffent- 
liche Bauwesen  ein  weites  Feld  für  seine  Thätigkeit.  Die  Zunahme 
der  Geschäfte,  die  Steigerung  des  Schreibwerks  nötigte  zur  Errich- 
tung eines  eigenen  Hauses  für  den  Rat,  von  Amfsgebäuden  für  die 
einzelnen  Magistrate,  einer  Basilica  für  Gerichtsverhandlungen.     In 


1)  Serv.  V.  Aen.  1  422  vgl.  Fest.  285  M. 

2)  Liv.  XL!  8. 


§  5.     Die  Entwicklung  der  Städte.  47 

alten  Tagen  als  das  Landvolk  nur  an  den  Nundinen  und  den  grofsen 
Messen  zu  Markt  ging,  hatte  der  Verkehr  sich  mit  aufgeschlagenen 
Bretterbuden  behollen.  Jetzt  wo  Jeder  am  Morgen  sein  Brot  vom 
Bäcker  holte  und  der  kleine  Mann  des  Leibes  Notdurft  vom  Krämer 
bezog,  wurden  die  Strafsenfronten  dem  Kleinhandel  und  Handwerk 
in  den  Tabernen  eingeräumt.  Den  Besuchern  des  Marktes  spendeten 
weiträumige  Hallen  Schalten  und  Schutz,  der  ehedem  durch  aufge- 
spannte Segel  unzureichend  geboten  war.  Das  Gewühl  in  den  engen 
Gassen  rechtfertigte  das  Verbot  von  Sonnenaufgang  bis  zur  zehnten 
Tagesstunde  innerhalb  der  Thore  zu  fahren  oder  zu  reiten.  Das 
einflutende  Leben  drängte  an  die  Oeffentlichkeit,  weil  das  Heim  des 
Plebejers  den  Raum  einer  Schlafstelle  kaum  überschritt,  und  bewirkte 
die  weitere  Umgestaltung  der  Festungen.  Ihr  baulicher  Träger  ist 
die  Säule  die  Irüher  dem  Schmuck  der  Göttertempel  vorbehalten 
gewesen  war.  Die  Anwendung  im  Privatbau  ermöglicht  die  Schöpfung 
jener  glänzenden  Peristyle,  in  denen  die  aristokratische  Gliederung 
der  Gesellschalt  verkörpert  ist.  Die  Stadt  selbst  wird  mit  einem 
schimmernden  Säulenwald  angefüllt  der  fortan  einen  Hauptzug  des 
Stadtbilds  abgiebt.  —  So  lange  das  Volk  im  Besitz  des  Wahlrechts 
war  und  dadurch  den  Haushalt  der  Gemeinde  beeinllufste.  wird  es 
nach  Kräften  Anlagen  befördert  haben  die  augenfällig  das  allgemeine 
Behagen  erhöhten.  Auch  nachdem  durch  Kaiser  Tiberius  das  Wahl- 
recht auf  den  Stadtrat  übertragen  worden  war,  hat  die  öffentliche 
Meinung  den  nötigen  Druck  ausüben  können.  Dazu  kam  der  Ehr- 
geiz der  leitenden  Beamten  ihren  Namen  an  einem  stattlichen  Bau 
zu  verewigen ,  kam  endlich  die  nachbarliche  Eilersiicht  i),  da  jede 
Stadt  den  Aufwand  der  anderen  zu  überbieten  trachtete,  um  jene 
mächtige  Fülle  von  Werken  zu  erschaflen,  deren  Reste  die  Gröfse 
des  Römertunis  verkünden.  Gern  erkennt  der  Beschauer  den  Ge- 
meinsinn an  den  die  Stadtverwaltungen  wie  der  regierende  Adel 
zum  Besten  ihrer  Mitbürger  durch  diese  Schöpfungen  bethätigt  haben. 
Immerhin  wird  ihm  die  reine  Freude  durch  den  hippokratischen 
Zug  vergällt  der  die  Cultur  der  Kaiserzeit  in  der  Regel  entstellt. 
Theater  und  Odeen,  Palästien  und  Thermen,  Schlachthäuser  und 
Markthallen  und  ähnliche  löbliche  Dinge  trugen  zur  Hebung  der 
Arbeitsamkeit  nicht  bei.  Aus  einem  berechtigten  Streben  nach 
besserer    Körperpflege   hervorgegangen,    wurden   die    Thermen    zu 


1)  Tac.  Hisl.  H  21,  Dig.  L.  10,3. 


48  (Einleitung. 

wahren  nnolischulen  des  Müssigganges  erhoben.  Es  ist  bezeichnend 
für  den  Geist  der  Zeit,  dafs  Pompeji  nach  dem  Erdbeben  von  6^ 
seine  bescheidenen  Mittel  braucht,  um  den  beiden  vorhandenen  An- 
stalten eine  dritte  anzureihen ;  noch  bezeichnender  wie  mit  der 
raschen  Abnahme  der  Bevölkerung  die  Thermen  Roms  in  riesenhaften 
Ausdehnungen  anschwellen.  Endlich  sei  daran  erinnert,  dafs  die 
Amphitheater,  in  denen  die  Eigenart  und  der  .aufwand  des  Hömer- 
lums  besonders  zu  Tage  tritt,  der  Mehrzahl  nach  dem  Zeitalter  der 
Antonine  angehören,  wo  der  allgemeine  Verfall  sich  bereits  deutlich 
fühlbar  machte. 

In  der  ersten  Periode  des  Städtebaus  hatten  die  hellenischen 
Colonien  und  die  Herrschersitze  der  Lucumonen  als  Vorbilder  ge- 
dient, in  der  zweiten  die  Anlagen  Alexanders  und  seiner  Nachfolger, 
seit  AugustJis  giebt  Rom  den  Ton  an.  Aus  dem  Schweifs  der 
Provinzen  zog  Rom  seinen  Lebensunterhalt,  der  Reichsadel  mit  den 
gröfsten  Vermögen  war  im  Weichbild  ansässig,  mehr  als  die  Hälfte 
der  Rürgerschaft  wurde  auf  Staatskosten  ernährt.  Dies  Beispiel 
schwebte  den  Municipien  vor  Augen  und  übte  eine  schädliche  Wir- 
kung auf  ihre  Moral  aus.  Wie  die  aufblühenden  Freistädle  des 
neuen  Italien  den  Landadel  zum  Verlassen  seiner  Schlösser  nötigten 
und  in  einen  Patriciat  umwandelten ,  so  war  wie  bemerkt  (S.  44) 
im  Altertum  dem  Rat  ein  städtischer  Wohnsitz  gesetzlich  vorge- 
schrieben. Dies  hatte  namentlich  in  ausgedehnten  Genu!inden  zur 
unausbleiblichen  Folge,  dafs  die  Grundberren  ihre  Güter  nicht  mehr 
bewirtschafteten,  sondern  verpachteten.  Auch  die  Städte  selbst 
waren  vielfach  mit  Landeigentum  reich  ausgestattet,  für  dessen 
Nutzung  die  Dörfer  Zins  zahlten.  Das  militärische  und  p(ditiscbe 
Uebergewicht  das  die  Städte  während  der  Republik  gegenüber  dem 
flachen  Lande  behauptet  hatten,  verschwindet  in  der  Kaiserzeit  all- 
mälich  ganz:  das  wirtschaftliche  Uebergewicht  tritt  an  die  Stelle. 
Wie  Rom  vom  Reiche,  so  werden  die  italischen  Municipien  von 
ihren  Territorien  ernährt.  Auf  die  ehrliche  Arbeit  des  Bauern  sah 
und  sieht  der  Städter  im  Süden  mit  einer  Verachtung  herab  die 
kaum  glaublich  erscheint.  Es  ist  der  noch  immer  fortzeugende 
Fluch  der  antiken  Bildung  gewesen,  dafs  sie  den  Segen  der  Arbeit 
nicht  hegrilfen  hat.  Was  wir  von  schaffender  Thätigkeit  der  Städte 
sowie  ihrer  Einwohnerzahl  unter  den  Kaisern  wissen,  soll  in  anderem 
Zusammenhang  erwogen  werden.  Hier  schUefsen  wir  mit  der  Be- 
merkung, dafs  der  Müfsiggang  der  höheren  Stände,  dem  die  gemeinen 


§  6.     Die  Landstrafsen.  49 

Pflastertreter  als  liOchstem  Lebensideal  nach  Kräften  nachstrebten, 
mit  der  Verbreitung  städtischer  Herrschaft  und  Cultur  zur  unheil- 
baren Volkskrankheit  geworden  ist. 

§  6.    Die  Landstrafsen. 

Durch  die  Herrschaft  der  Römer  ist  die  Kenntnifs  des  ganzen 
Westens  der  Wissenschaft  erschlossen  worden,  dies  gilt  auch  von 
Italien  (1  12).  In  früheren  Zeiten,  erklärt  Polybios,i)  hatte  der 
Forschungsreisende  n)it  zahllosen  Gefahren  zu  Wasser  und  zu  Lande 
zu  kämpfen  gehabt.  Um  den  Umschwung  zu  erläutern,  sei  daran 
erinnert  dafs  die  Wegsamkeit  des  heuligen  Europa  eine  Errungen- 
schaft des  scheidenden  Jahrhunderts  ist.  Noch  vor  einem  Menschen- 
alter brauchte  der  Fremde  im  inneren  Sardinien  einen  Viandante, 
der  ihn  durch  den  Busch  von  Dorf  zu  Dorf  geleitete,  mufste  auf 
Sicilien  an  den  Flüssen  Halt  machen,  bis  ein  Fährmann  ihm  durch 
die  Furt  vorausschrilt :  der  Mangel  an  Fahrstrafsen  war  ein  Grund 
und  ein  Ausdruck  der  Verwahrlosung,  die  das  ehemalige  Reich  der 
Bourbonen  erfüllte.  Ueber  den  vorrömischen  Wegebau  sind  wir 
nicht  näher  unterrichtet  und  können  lediglich  durch  Rückschlufs 
eine  ungefähre  Vorstellung  davon  gewinnen.  Der  einzelne  Staat  hat 
für  die  Verbindung  seiner  Angehörigen  unter  einander  zu  sorgen, 
ein  planmäfsiges  Wegenetz  giebt  zugleich  die  Grundlage  für  die  Ein- 
Iheilung  der  Gemeindeflur  ab.  Damit  ist  seine  nächste  Aufgabe  ge- 
löst: bevor  er  sich  entschliefst  durch  den  schutzenden  Grenzwald 
hindurch  einen  Weg  zum  Nachbar  zu  bahnen,  wird  er  durch  feier- 
lichen Vertrag  Sicherheil  suchen.  Die  Vielheit  der  Staaten  und  ihre 
Absperrung  gegen  einander  hat  noch  vor  hundert  Jahren  in  Deutsch- 
land den  Verkehr  hauptsächlich  erschwert:  im  Altertum  waren  die 
trennenden  Schranken  ungleich  stärker.  Immerhin  hat  das  Bedürl- 
nifs  schon  früh  zu  Vereinbarungen  der  Stämme  und  zur  Herstellung 
einzelner  Durchgangstrafsen  geführt.  Dahin  gehört  die  uralte  Salz- 
strafse  von  der  Tibermündung  nach  dem  Appennin  (I  108),  gehören 
die  Triftwege,  auf  denen  die  Heerden  vom  Hochgebirg  zur  Winter- 
weide in  Apulien  ziehen.  Je  nach  der  Lebhaftigkeit  des  Verkehrs 
und  den  daraus  erwachsenden  Vortheilen  werden  die  Anwohner  den 
Weg  in  Stand  hallen  und  ausbessern.  Aber  im  Allgemeinen  darf 
man  von  ihren  Leistungen  nicht  allzu  hoch  denken.  —  Die  Hauplwege 


1)  Pol.  in  58,6. 
Nissbn,  Ital.  Laadeskunde. 


60  Einleitung. 

nämlich  sind  aufserordentlich  breit:  100  oder  120  Fufs,  die  apu- 
lischen  Triften  sogar  350  Fufs.  Gerade  so  war  es  bei  unseren  alten 
Land-  oder  gemeinen  AVegen,  wo  die  Fahrbahn  häufig  gewechselt 
wurde,  indem  der  natürlichen  Wirkung  von  Sonne  und  Frost  über- 
lassen blieb  die  ausgefahrenen  Strecken  wieder  einzuebnen.  Im 
Unterschied  hiervon  beschränkt  sich  die  Kunststrafse  auf  die  halbe 
oder  Drittelbreite,  und  zwar  deshalb  weil  der  Fahrdamm  stets  fahr- 
bar erhalten  wird,  seine  Herstellung  jedoch  bedeutende  Kosten  ver- 
ursacht. Wie  das  geläufige  Fremdwort  anzeigt,  ist  die  Entwicklung 
der  Neuzeit  seit  dem  18.  Jahrhundert  von  Frankreich  ausgegangen: 
die  erste  deutsche  Chaussee  ward  1753  von  Nördlingen  nach  Oet- 
tingen  geführt.  Es  liegt  in  den  Dingen  selbst  begründet  dafs  der 
Strafsenbau  grofsen  Stils  nur  in  ausgedehnten  mächtigen  Staaten 
ausgebildet  werden  kann.  Deshalb  ist  für  das  Altertum  seine  Hei- 
mat in  den  Reichen  der  Assyrer  und  Perser  zu  suchen.  Dann  wurde 
er  von  den  Karthagern  übernommen  und  durch  deren  Vermittlung 
von  den  Römern  :i)  312,  etwa  gleichzeitig  mit  der  Einführung  des 
Kalkmörtels  (S.  42)  erhielt  Italien  die  erste  uns  näher  bekannte 
Chaussee,  die  Rom  mit  Capua  verbindende  Via  Appia. 

Die  dem  römischen  Wegebau  gezollte  Rewunderung  ist  vollauf 
verdieDt.2)  Das  grofsartige  Strafsennetz,  welches  das  ganze  Reich 
überspannte  (1  23),  bietet  manche  Vergleichspuncte  mit  den  heutigen 
Eisenbahnen.  Auch  die  Römer  wählen  gerade  Linien  und  scheuen 
vor  keinem  Aufwand  zurück,  um  durch  Rrücken  Dämme  Durch- 
stiche die  Entfernungen  möglichst  abzukürzen.  In  beiden  Fällen 
halten,  wie  sich  von  selbst  versteht,  die  Hauptlinien  im  Wesentlichen 
gleiche  Richtungen  ein.  Aber  das  Altertum  hat  auf  diesem  Gebiet 
keine  weltumwälzendcn  Erfindungen  nach  Art  der  Dampfkraft  her- 
vorgebracht, hat  für  die  Vollendung  seines  Strafsenn etzes  ebenso 
viele  Jahrhunderte  gebraucht,  wie  die  Gegenwart  für  ihr  Schienen- 
netz Jahrzehnte.  Rergier  berechnet  die  Gesamtlänge  der  Reich- 
strafsen  auf  51000  Millien,  wovon  9000  auf  Italien  kommen.  Ohne 
Grunderwerb  kostete  unter  Hadrian  die  Chaussirung  einer  Millie 
110  000  Sesterz:^)  nach  diesem  Anschlag  wäre  für  das  ganze  Land 
eine  Milliarde  (217  '/''2  Millionen  Mark)  nötig  gewesen.    Um  wie  viel 


1)  Isidor  Gr.  XV  16. 

2)  N.  Bergier,  Hisloire  des  grands  chemins  de  l'empire  Romain,  2  vol.  1612, 
übersetzt  in  Graev.  Thes.  anf.  rom.  X.,  neu  gedruckt  Bruxelles  1728. 

3)  Pomp.  Stud.  523  A.  2. 


§  6.     Die  Landstrafsen.  51 

der  Betrag  für  Brücken,  Kunstbauten  und  Pflasterung  —  letztere 
greift  langsam  immer  mehr  um  sich  —  zu  erhöhen  sei,  wissen  wir 
nicht.  Aber  sicherlich  handelt  es  sich  um  gewaltige  Summen.  Man 
begreift,  wie  das  Strafsenwesen  immer  ein  Schmerzenskind  im  staat- 
lichen wie  im  städtischen  Haushalt  gewesen  ist.  —  Die  Rücksicht 
auf  den  Kostenpunct  veranlafste  zunächst  die  Beschränkung  der  An- 
lage auf  das  notwendigste  Mafs:  der  Fahrdamm  der  Hauptstrafsen 
ist  im  Durchschnitt  etwa  4  m,  die  Gangsteige  eingerechnet  6 — 7  ra 
breit,  sinkt  aber  im  Gebirge  auf  die  Hälfte  dieses  Betrages  herab 
(I  153).  Die  Anlage  selbst  bekundet  die  höchste  Sorgfalt  und  ver- 
schwenderische Kraftentfaltung:  es  ist,  als  ob  sie  für  die  Ewigkeit 
bestimmt  wäre.  Aber  wenn  der  Staat  seine  Aufgabe  damit  als  gelöst 
betrachtete  und  die  Unterhaltung  der  Slrafsen  den  anstofsenden 
Grundbesitzern  überliefs,  so  wurden  seine  Erwartungen  bitter  ge- 
täuscht. Nach  einigen  Menschenaltern  waren  regelmäfsig  die  wich- 
tigsten Verkehrswege  bis  zu  einem  Grade  verwahrlost  und  verfallen, 
dafs  die  Regierung  mit  aufserordentlichen  Mitteln  einschreiten  mufste. 
Von  solchen  Herstellungen  melden  zahlreiche  Inschriften.  Wohin 
eine  liederliche  Verwaltung  führte,  kann  man  zwar  nicht  an  den 
Ueberresten  römischer  Landstrafsen  beobachten,  um  so  weniger  als 
solche  in  jüngster  Zeit  rasch  vom  Boden  verschwinden.  Aber  inner- 
halb der  Städte  wiederholt  sich  die  nämliche  Erscheinung:  der 
schauderhafte  Zustand,  den  das  Pflaster  stellenweise  in  Pompeji  zeigt, 
ist  ein  redendes  Zeugnifs  von  der  neronianischen  Mifswirtschaft.  In 
Rom  sah  es  ungefähr  ebenso  aus,  nur  dafs  Vespasian  sofort  an  die 
Besserung  der  Schäden  Hand  anlegte.  *)  Dies  Beispiel  soll  daran 
erinnern  dafs  auch  der  römische  Wegebau  aller  Bewunderung  un- 
geachtet eine  geschichtliche  Betrachtung  fordert,  weil  er  die  wech- 
selnden Schicksale  des  Landes  wiederspiegelt. 

Die  Wegefreiheit  ist  im  Altertum  wie  in  der  Neuzeit  spät  er- 
reicht worden.  Vor  hundert  Jahren  halte  bei  uns  der  Reisende  sich 
im  Voraus  zu  unterrichten,  welchen  Weg  ein  Landesherr  ihm  durch 
sein  Territorium  vorschrieb,  und  hatte  für  dessen  Benutzung  zu 
zahlen.  Die  viae  pubUcae  popnli  Romani  waren  von  je  abgabenfrei 
geöffnet  wie  seit  1867  die  deutschen  Slaatstrafsen.  Aber  von  den 
Gemeindestrafsen  gilt  dies  nicht.    Erst  die  Gracchen  haben  bei  ihren 


1)  Vgl.  die  Widmung  vom  J.  71    Dessau  245   =  CIL.  VI  931  quod  viat 
urbis    neglegentia    superiorum    temporum   corruptas    inpensa   fua   restituit. 

4* 


62  Einleitung. 

Landanweisungen  Haupt-  uud  INebenwege  gleiclimälsig  dem  Verkehr 
preisgegeben,  diesem  Beispiel  sodann  sind  Sulla  und  Augustus  ge- 
folgt. Wenn  nun  auch  ein  bedeutender  Theil  Italiens  von  der 
Umwälzung  der  Besitzverhältnisse  betroffen  wurde,  so  vermerken 
anderseits  die  in  der  Sammlung  der  Feldmesser  enthaltenen  Register 
bei  vielen  Gemeinden,  ja  selbst  von  einzelnen  Landschaften,  dafs 
deren  Wege  mit  keiner  Servitut  zu  Gunsten  der  Allgemeinheit  be- 
lastet seien.  Wir  wissen  nicht,  ob  die  Gemeinden  von  ihrem  Recht 
haben  Gebrauch  machen  und  Wegegeld  erheben  künnen,  halten  es 
indessen  für  wenig  wahrscheinlich. i)  Wie  die  Gemeindewege  seit 
dem  Ausgang  der  Republik  immer  mehr  chaussirt  werden,  so  nähern 
sie  sich  auch  darin  den  Staatstrafsen,  dafs  sie  jedermann  zugänglich 
sind:  bei  den  Rechtslehrern  der  Kaiserzeit  verwischt  sich  allmähch 
die  Unterscheidung  zwischen  beiden.'^)  Aber  früher  mufs  der  Unter- 
schied eine  grofse  Tragweite  gehabt  haben.  —  Das  wesentliche  Merk- 
mal der  viae  praetoriae  oder  consulares  d.  h.  der  Staatstrafsen  liegt, 
rechtlich  betrachtet,  darin  dafs  Grund  und  Boden  Eigentum  des 
romischen  Volkes  ist  und  bei  der  Anlage  der  Strafse  dem  Volke 
für  alle  Ewigkeit  zugesichert  wurde.  Dieser  Satz  erklärt  die  lang- 
same Entwicklung  des  römischen  Strafsenbaus.  Unsere  Nachrichten 
fliefsen  spärlich:  aber  so  lange  die  Unabhängigkeit  der  Bundesge- 
nossen durch  eine  Achtung  gebietende  Macht  beschützt  war,  bot 
diese  einem  kräftigen  einheitlichen  Vorgehen  schwer  überwindliche 
Hindernisse  dar.  Die  Via  Appia  führte  312  durch  lauter  römisches 
Gebiet:  klärlich  hat  der  Ausbau  einer  132  Millien  messenden  Strecke 
einen  tiefen  Eindruck  hinterlassen,  weil  er  in  der  Chronik  seinen 
Platz  fand.  Dann  verstreicht  nahezu  ein  Jahrhundert,  bis  220  ein 
Werk  von  ähnhcher  Bedeutung,  die  212  Mühen  lange  Via  Flamiuia 
der  gleichen  Ehre  theilhaftig  wird.  Hierfür  haben  allerdings  um- 
brische  Gemeinden  mehrfach  Grund  und  Boden  abtreten  müssen 
(I  508)  und  sind  vermutlich  aus  den  Eroberungen  jenseit  des  Appen- 
nin  entschädigt  worden.  Es  ist  nicht  ausgeschlossen,  dafs  solche 
Abtretungen  auch  anderswo  vor  dem  hannibalischen  Kriege  einge- 
fordert wurden,  dafs  berühmte  Strafsen  wie  die  aurelische,  clodische, 
valerische  Ursprung  und  INamen  alten  Censoren  verdanken,  aber  es 


1)  Seltene  Ausnahmen  mögen  wie  gegenwärtig  zur  Bestätigung  der  Regel 
vorgekommen  sein :  doch  stammt  die  einzige  einwandfreie  Nachricht  aus  der 
Provinz,  Marquardt  Staalsverw.  II  89. 

2)  Dig.  XLIII  8,  2,  21  fg. 


§  6.    Die  Landstrafsen.  63 

ist  wenig  wahrscheinlich.  Man  könnte  meinen  dafs  die  Colonien 
sofort  bei  ihrer  Gründung  an  das  römische  Strafsennetz  angeschlossen 
worden  wären,  und  daraus  Daten  für  dessen  Erweiterung  gewinnen 
wollen.  In  Wirklichkeit  fehlt  ein  solcher  Zusammenhang:  die  fla- 
minische Strafse  ist  zwei  Menschenalter  nach  der  Eroberung  der 
Gallischen  Mark  und  der  Stiftung  von  Ariminum  erbaut  und  durch 
das  Vorrücken  der  Grenze  an  den  Po  veranlafst  worden.  So  viel 
wir  ersehen,  hat  Rom  während  der  punischen  Kriege  an  der  Wege- 
hoheit seiner  italischen  Verbündeten  nicht  gerüttelt  und  sich  mit 
dem  vertragsmäfsigen  Durchzugsrecht  begnügt.  Erst  als  die  Welt 
ihm  zu  Füfsen  lag,  hat  es  mit  den  Rücksichten  auf  die  Empfind- 
lichkeit der  Bundesgenossen  gebrochen.  —  Im  Norden  macht  die  auf 
römischem  Gebiet  laufende  Aemilia  den  Anfang  zur  Herstellung  des 
padanischen  Wegenetzes.  Damit  ist  es  durchaus  nicht  so  rasch  ge- 
gangen,  wie  man  glauben  sollte:  Aquileia  ist  181  gegründet  und 
selbstverständlich  vom  Mutterland  aus  zugänglich  gewesen,  aber  seine 
Verbindungen  mit  den  rückwärtigen  Festungen  Cremona  und  Ari- 
minum sind  nicht  vor  148  und  132  kunstmäfsig  ausgebaut  worden. 
Und  doch  konnten  die  Beamten  hier  wo  Kriegsrecht  herrschte,  mit 
ganz  anderer  Willkür  schalten  als  im  befriedeten  Inland.  Auf  der 
Halbinsel  verwendet  der  Staat  seinen  Reichtum  zunächst  zur  Besse- 
rung seines  vorhandenen  Besitzes:  174  werden  die  Strafsen  inner- 
halb Roms  gepflastert,  aufserhalb  chaussirt  und  mit  Gangsteigen 
versehen.  Sodann  schreitet  er  zu  neuen  Anlagen  fort,  die  mit  um- 
fassenden Enteignungen  verknüpft  waren  und  scharf  in  die  Auto- 
nomie der  Bundesgenossen  einschnitten :  dahin  gehört  die  321 
Millien  lange  Via  Popilia  von  Capua  nach  Regium  aus  dem  J.  159, 
die  Cassia  von  Rom  nach  Florenz  aus  154  oder  125,  die  Valeria 
aus  154,  die  Caecilia  von  Rom  nach  Hadria  aus  dem  letzten  Drittel 
dieses  Jahrhunderts.  Den  Verdiensten  des  Gaius  Gracchus  um  den 
römischen  Wegebau  widmet  Plutarch  ein  begeistertes  Kapitel:  in 
der  That  hat  der  kühne  Neuerer,  wie  oben  bemerkt,  zuerst  die  Frei- 
heit des  Verkehrs  gegen  die  Absperrung  der  Gemeinden  verfochten. 
Die  mächtige  Strömung  macht  sich  auch  bei  den  Bundesgenossen 
fühlbar:  wir  erfahren  z.  B.  dafs  Alatri  und  Pompeji  ihre  Strafsen 
nach  römischem  Muster  umgestalten.  Aber  erst  die  Ertheilung  des 
Bürgerrechts  hat  die  politischen  Schranken  beseitigt,  die  in  den  bunt 
durch  einander  gewürfelten  Staatsgebilden  der  Halbinsel  jede  plan- 
mäfsige  Regelung  erschwerten. 


64  Einleitung. 

Etwa  seit  der  Periode  der  Gracchen  werden  senatorische  Be- 
amte mit  der  Sorge  für  die  Landstrafsen  betraut  und  haben  ihre 
Namen  durch  den  Bau  von  Brücken,  auch  wol  von  Nebenstrafsen 
verewigt.  Bei  dem  zunehmenden  Umfang  der  Geschäfte  reichte  die 
Censur,  der  von  Hause  aus  das  gesamte  öffentliche  Bauwesen  unter- 
stellt war,  zur  Bewältigung  dieser  Aufgabe  nicht  aus.  Freihch  ver- 
mochte die  Vermehrung  des  Beamtentums,  da  der  Freistaat  in  die 
Brüche  ging,  dem  gemeinen  Besten  nicht  allzu  viel  zu  nützen.  Erst 
mit  dem  Ende  der  Bürgerkriege  hebt  der  Verkehrsaufschwung  an, 
dessen  Grofsartigkeit  lange  ohne  Gleichen  gebUeben  ist.  Augustus 
übernahm  20  v.  Chr.  die  Oberaufsicht  über  das  Strafsenwesen  und 
errichtete  den  goldenen  Meilenzeiger  auf  dem  Forum,  der  die  Namen 
und  Längen  der  italischen  Heerslrafsen  angab.  Er  selbst  hatte  be- 
reits 27  die  Via  Flaminia  prachtvoll  erneuert,  besorgte  14  Jahre  später 
die  Fortsetzungen  bis  zur  Landesgrenze  oberhalb  Nizza  604  Mühen 
von  Bom,  hatte  auch  siegreiche  Feldherren  veranlafst  aus  der  Beute 
andere  italische  Strafsen  zu  erneuern.  Seit  20  v.  Chr.  wird  die 
cura  viarum  als  besonderes  Amt  eingerichtet  das  bis  Constantin 
vorkommt:  die  Aufsicht  über  die  Heerstrafsen  liegt  gewesenen  Prae- 
toren  und  Consuln,  über  Nebenstrafsen  bei  Bom  Männern  ritterlichen 
Banges  ob.  Da  die  öffentlichen  Wege  dem  Volke  gehören,  so  müssen 
die  erwachsenden  Kosten  von  ihm  getragen  werden.  Indessen  ver- 
mag die  Staatskasse  ihren  Pflichten  nicht  zu  genügen  und  ist  auf 
Zuschüsse  von  Seiten  des  Kaisers  angewiesen.  Den  angrenzenden 
Gemeinden  nimmt  der  Kaiser  die  Unterhaltungskosten  ab,  bürdet 
ihnen  aber  dafür  die  nicht  minder  drückend  empfundene  Last  auf 
der  Beichspost  unentgeltlichen  Spanndienst  zu  leisten.  Im  Laufe 
der  Jahre  drängt  die  kaiserliche  Verwaltung  immer  weiter  vor  und 
reifst  schliefslich,  wie  aus  den  Itinerarien  ersichtlich  ist,  alle  wich- 
tigen Verkehrswege  an  sich.  Einzelne  Caesaren  wie  Claudius,  Traian, 
Dioclelian  haben  durch  neue  Anlagen  die  Erschliefsung  der  Land- 
schaften des  inneren  Appennin  nach  Kräften  gefördert.  Noch  König 
Theoderich  hat  die  Via  Appia  wieder  gangbar  gemacht  (I  328).  Von 
der  Eigenart  des  jeweiligen  Herrschers  und  den  Erfolgen  seiner 
Begierung  hing  der  Zustand  des  Strafsenwesens  ab:  die  Klagen  da- 
rüber beschränken  sich  keineswegs  auf  die  Zeiten  des  Verfalls,  son- 
dern kehren  in  allen  Jahrhunderten  wieder. 

Die  100  Fufs  breiten  Landwege  alten  Stils  sind  zu  Anfang 
unserer  Zeitrechnung  im  Verschwinden  begriffen.    Für  die  umfassen- 


§  6.     Die   Landstrafsen.  55 

den  Ackeranweisungen  die  von  ihm  ausgingen,  schrieb  Auguslus  als 
Mafs  des  Hauplwegs  40,  des  diesen  im  rechten  Winkel  schneidenden 
Nebenwegs  20,  endlich  der  parallelen  Zwischenwege  12  Fufs  vor. 
Daran  halten  in  der  Folge  die  Feldmesser  fest.  Die  Herabsetzung  der 
Breite  auf  einen  ßruchtheil  des  früher  üblichen  Mafses  war  nur 
dadurch  möglich,  dafs  die  Wege  dauerhaft  nach  allen  Regeln  der 
Kunst  hergestellt  wurden.  Es  fehlt  auch  nicht  an  Zeugnissen,  die 
von  der  fortschreitenden  Chaufsirung  der  Gemeindewege  melden. 
Durch  einmaligen  Aufwand  gewann  man  nutzbares  Land.  Aber  be- 
merkenswerter erscheint  uns,  dafs  die  dem  jüngeren  Griechen-  und 
Rümertum  eigentümliche  Sitte  die  Todten  an  der  Stralse  zu  bestatten 
und  durch  glänzende  Denkmäler  im  Gedächtnifs  der  Lebenden  zu 
erhalten,  allein  dem  kunstmäfsigen  Wegebau  ihre  Verbreitung  ver- 
dankt. Die  bei  der  Chaussirung  überflüssig  gewordenen  Streifen  zu 
beiden  Seiten  des  Dammes  wurden  von  der  Gemeinde  durch  Schenkung 
und  Kauf  zu  diesem  Zweck  veräufsert.  Die  anmutige  Gemeinschaft 
zwischen  Leben  und  Tod  ist  von  Athen  nach  Rom,  von  Rom  über 
das  ganze  Reich  getragen  und  gepflegt  worden,  bis  der  neue  Glaube 
den  Zusammenhang  zerrifs,  gesonderte  Friedhöfe  schuf  und  dem 
Lärm   des  Tages   entrückte. 

Militärischen  und  politischen  Erwägungen  verdankt  das  römische 
Strafsennetz  seinen  Ursprung,  wirtschaftlichen  Erwägungen  seine 
andauernde  Erweiterung  und  Vervollkommnung.  Die  Steinwege 
sichern  in  erster  Linie  dem  Soldaten  und  Reamten  rasches  Fort- 
kommen ,  leisten  aber  dem  bürgerlichen  Verkehr  noch  gröfsere 
Dienste.!)  In  Rom  wird  der  ganzen  Bürgerschaft  Recht  gesprochen, 
hat  die  oberste  Verwaltung  eines  Gebietes  von  80 — 100000  d. 
Geviertmeilen  ihren  Sitz,  ist  der  gröfste  Geldmarkt  der  VVelt  aufge- 
schlagen. Der  stelig  aus-  und  einflutende  Menschenstrom  wurde 
durch  Touristen,  Geschäftsreisende  und  fahrendes  Volk  verstärkt. 
Die  Abneigung  der  Alten  gegen  Seefahrten  trug  zur  Relebung  der 
Strafsen  bei  (I  132).  Nur  in  den  Zeiten  staatlichen  Verfalls  griff  das 
Räuberwftsen  um  sich,  nach  allgemeinem  Urtheil  genofs  der  Reisende 
mehr  Sicherheit  und  Bequemlichkeit  zu  Lande  als  zur  See.  Aber 
nicht  blos  die  Freizügigkeit,  über  die  seit  dem  hannibalischen  Kriege 
geklagt  wird  (S.  46),  auch  der  Austausch  der  Güter  und  damit  der 

1)  L.  Fiiedländer,  Darstellungen  aus  der  Sittengeschichte  Roms,  II.  das  Ver- 
kehrswesen, Leipzig^  1889.  Hudemann,  Geschichte  des  Rom.  Postwesens  während 
der  Kaiserzeit,  Reilin^  1878. 


56  Einleitun(j. 

Wolstand  ist  durch  den  Wegebau  mächtig  gefördert  worden.  Bezüg- 
lich der  Alpengrenze  wurde  dies  bereits  früher  geschildert  (I  150  fg.); 
bezüglich  des  Inlands  soll  die  wirtschaftliche  Bewegung  hier  kurz 
erwogen  werden:  für  breite  Ausführungen  fehlt  ohnehin  der  Stoff.  — 
Ein  Blick  auf  die  Karte  lehrt,  dafs  Italien  mit  seinen  langgestreckten 
Küsten  für  die  Ausfuhr  eigener  und  die  Einfuhr  fremder  Erzeug- 
nisse vorzugsweise  an  die  See  gebunden  war  und  gebunden  blieb. 
Die  Zugänglichkeit  der  Häfen  ward  seit  Augustus  durch  den  Bau 
von  Molen,  Docks,  Leuchtlhürmen  erhöht  und  durch  eine  kräftige 
Seepolizei  beschützt.  Aber  während  ehedem  die  Wechselwirkung 
zwischen  Küste  und  Binnenland  durch  die  staatliche  Trennung  und 
die  schlechten  Wege  gehemmt  war,  ist  die  Bahn  für  den  Ausgleich 
nunmehr  frei  geworden.  Die  Beschreibung  der  Flüsse  im  ersten 
Bande  hat  oft  darauf  hinweisen  müssen,  dafs  den  natürlichen  und 
künstUchen  Wasserstrafsen  Italiens  eine  Bedeutung  im  Altertum  zu- 
kam, die  durch  die  Waldverwüstung  unrettbar  verloren  ging.  Wo 
die  Wasserstrafse  versagte,  waren  die  Landschaften  in  vorrömischen 
Zeiten  für  den  Waarenhandel  auf  den  Bücken  des  Saumthiers  ange- 
wiesen und  benutzten  als  Geld  das  Vieh.  Denn  die  Heerden  lassen 
sich  ohne  Schwierigkeit  forttreiben,  und  wie  um  50  n.  Cbr.  die 
Gänse  von  der  Bheinmündung  die  weite  Strecke  bis  Born  zu  Fufs 
wanderten,^)  so  stammten  die  Schweine  die  150  v.  Chr.  in  ganz 
Italien  geschlachtet  wurden,  zumeist  aus  den  Züchtereien  vom  Po. 2) 
Während  damals  der  padanische  Bauer  sein  Vieh  mit  Nutzen  zu  Geld 
machte,  erlöste  er  oft  für  Getreide  und  Wein  nur  ein  Zehntel  von 
dem  Preise  den  man  auf  dem  Weltmarkt  zahlte.  Als  I'olybios  151 
V.  Chr.  das  Poland  durchzog,  galt  der  Scheffel  (52  l)  W'eizen  58 
Pfennig,  halb  so  viel  der  Scheffel  Gerste  und  der  Krug  (391)  Wein; 
für  Quartier  und  Zehrung  rechnete  der  Gastwirt  in  Bausch  und 
Bogen  72  As  4  Pfennig  auf  den  Kopf.  Der  Ausbau  der  Strafsen 
gestattete  eine  vortheilhaftere  Verwertung  der  Erzeugnisse.  Wir 
wissen  wenig  davon;  indefs  ist  die  Thatsache  lehrreich,  dafs  Gegen- 
stände nach  Born  geschafft  wurden,  die  rasche  Beförderung  verlang- 
ten um  nicht  zu  verderben,  wie  Pfirsiche  von  Verona,  Spargel  von 
Ravenna,  Bösen  von  Paestum,  Austern  von  Brundisium  (I  113.  457). 
Die  Schnelligkeit  in  der  Bewegung  von  Gütern  und  Personen  hat 
gleicher  Mafsen  zujjenommen. 


1)  Plin.  X  53. 

2)  Pol.  II  15,3. 


§  6.     Die  Landstrafsen.  57 

Der   wirtschaftliche  Umschwung   hat  das  Leben  äiifseilich  und 
innerUch  umgestaltet.    Aus  dem  Ortsverzeichnifs  das  diesem   Bande 
angefügt  ist,  tritt  die  Aenderung,  welche  die  Karte  des  alten  Italien 
erfahren ,    im  Einzelnen   entgegen.     Es   enthält  Schichten   gar  ver- 
schiedenen Alters  neben  einander,  wie  die  Folge  des  Alphabets  mit 
sich  bringt.     Aus  der  Südhälfte  sind  durch  die  griechische  Littera- 
tur  eine   Fülle  von  ^amen  auf  uns  gelangt  die  der  Zeit  angehören, 
als   die    Hellenen    mit    den    eingebornen    Stämmen    um   den    Boden 
rangen.    Aber  wir  sind  meistens  aufser  Stande  ihre  Oertlichkeit  zu 
bestimmen.  Die  römischen  Annalen  erwähnen  eine  Menge  von  Städten, 
deren  Lage  sich  nicht  erraten  läfst,  und  lassen  damit  den  Leser  über 
wichtige  Züge   der  Kriegsgeschichte,  ja   der  früheren  Entwicklung 
Roms  überhaupt  im  Dunkel.    Der  hannibalische  Krieg  hat  den  Schnitt 
durch  das  Bild  des  Landes  gezogen.    Wenn  der  Sieger  die  Zerstö- 
rung von  400  Städten  auf  sein  Verlustconto  schrieb, i)  so  erscheint 
die  Ziffer   kaum   zu    hoch  gegriffen;    denn  unter  Städten  sind  jene 
kleinen  Gauburgen  zu  verstehen,  von  denen  S.  9  die  Rede  war.    Der 
Verlust  hat  insonderheit  die  südlichen  Landschaften,  Samnium,  Apu- 
lien,  Lucanien,  Bruttium  betroffen :  die  umfassenden  Gebietstrecken 
die   der  römische  Staat  hier  einzog,   wurden  dem  Grofsbetrieb  und 
einzelnen    begünstigten    Gemeinden   ausgeliefert.     Auch    im  Norden 
der  Halbinsel,   in   denjenigen  Theilen   die   von  der  Kriegsfurie  ver- 
schont geblieben  waren,  schmolz  der  Bauersland  unter  den  Angriffen 
des  Capitals  zusammen,  gleich  dem  Schnee  im  Märzen :  die  Stätte  von 
Gaufestungen    die  einst  dem  Schwert  der  Legionen  getrotzt  hatten, 
wurde   von   Gutshöfen    in  Besitz  genommen;   für  die  ehrwürdigen 
Bundesfeste,    an    denen    ilie   Umwohner  gemeinschaftlich   opferten, 
hielt  es  gelegentlich  schwer  Vertreter  der  einzelnen  Gemeinden  zu 
beschaffen,  —  Durch  den  fortschreitenden  Ausbau  des  Strafsennetzes 
erhalten  die  Bedingungen,  an  welche  die  Blüte  der  Ortschaften  ge- 
knüpft  war,    neue  Werte.     Unter   der  Herrschaft  des  Landfriedens 
büfst   die   natürhche  Festigkeit   der  Lage    die   während   des  Faust- 
rechts als  oberstes  Eifordernifs  einer  Ansiedlung  betrachtet  wurde, 
ihre  bisherige  Geltung  ein.    Fortan  giebt  die  Verkehrslage  den  Aus- 
schlag.    Der  Kreislauf  des  Blutes   wird   vom  Herzen  geregelt,   alle 
Heerstrafsen  führen  in  kürzester  Richtung  nach  Rom  und  sind  ge- 
waltsam auf  dies  Ziel  hingelenkt  worden.    Deshalb  wird  das  Gedeihen 


1)  Appian  Lib.  63.  134. 


58  Einleituug. 

der  Städte  von  ihrem  Verliältnifs  zu  den  grofsen  durchlaufenden 
Verkehrsadern  abhängig.  Den  Wandel  der  damit  eingeleitet  wurde, 
mag  die  Gegenwart  veranschauUchen.  Wer  auf  einem  der  Schienen- 
stränge einher  fährt  die  eilfertig  geschmiedet  wurden,  um  die  ge- 
trennten Appenninlandschaften  mit  eisernen  Klammern  an  einander 
zu  ketten,  sieht  in  stundenweiter  Ferne  die  Städte  ragen,  deren 
Namen  er  an  den  Stationen  liest:  die  Furcht  vor  dem  Fieber  und 
dem  Ueberfall  des  Feindes  hat  die  Bewohner  aus  der  Ebene  ge- 
scheucht und  hält  sie  auf  der  Hübe  fest.  Der  Reisende,  der  aus- 
steigt und  einen  dieser  malerischen  Orte  aufsucht,  wird  plötzlich  in 
Gedanken  um  Menschenalter,  ja  um  Jahrhunderte  zurück  versetzt 
und  kaum  durch  Erinnerungen  an  den  Tag  in  seinem  Sinnen  ge- 
stört werden. 

Der  Widerstreit  zwischen  den  Forderungen  einer  neuen  Zeit 
und  tiefgewurzelten  Gewohnheiten  hat  im  Altertum  mancherlei  Wir- 
kungen auf  die  Wohnart  hervorgebracht.  Die  gründüchste  Abhülfe 
wurde  erreicht,  wenn  man  den  Sitz  auf  der  Höhe  aufgab,  also  die 
Einwohner  nach  der  Ebene  verpflanzte  und  an  einem  günstigen  Ort 
ansiedelte.  Ein  solcher  Platzwechsel  wiederholt  sich  von  Homer  bis 
in  die  Kaiserzeit, i)  kommt  auch  in  Itahen  vor:  die  Erbauung  von 
Florenz  unterhalb  Fiesole's  pflegt  seit  Dante  als  Beispiel  angeführt 
zu  werden.  Immerhin  ist  die  alle  Stadt  nicht  einfach  verlassen  und  ab- 
gebrochen worden.  Die  Summe  von  Arbeit  die  in  einer  derartigen 
Anlage  steckt,  die  Weihe  der  Religion  die  auf  ihr  ruht,  können  im 
Kriege  mit  einem  Schlage  vernichtet  werden,  leisten  dagegen  den 
zerstörenden  Mächten  des  Friedens  zähen  Widerstand.  Im  Schatten 
der  Vergangenheit  dämmern  die  Bergfestungen  hin,  veröden  lang- 
sam, weil  der  Verkehr  aus  ihren  Mauern  entweicht  und  neue  Stätten 
aufsucht.  Die  Wahl  wird  durch  den  Gang  der  grofsen  Strafse  be- 
stimmt: läuft  diese  in  der  Nähe  vorbei,  so  entsteht  ein  Vorort,  läuft 
sie  abseits,  so  entsteht  ein  Weiler  oder  Flecken.  Namentlich  an 
einer  Strafsenkreuzung  kann  sich  der  Weiler  zu  einem  stattlichen 
Umfang  auswachsen.  Den  Kern  der  Ansiedlung  giebt  die  Posthalterei 
ab,  wo  der  mit  Freipafs  versehene  Beamte  Unterkunft  und  Beförde- 
rung ohne  zu  zahlen  erhält,  der  gewöhnliche  Sterbliche  für  sein 
gutes  Geld.     Die  Cursbücher   unterscheiden  mutationes  wo  nur  auf 

1)  Hom.  II.  XX  216,  Vespasian  an  die  Saborenser  CIL.  11  1423  cum  muUis 
diffteuUalibus  infirmüutem  veslram  premi  mdicelis,  permillo  vobis  oppidum 
sub  nomine  meo  ut  voltis  in  planum  exlruere. 


§  6.     Die  Landstrafsen.  59 

Gespann,  und  mansiones  wo  zugleich  auf  Nachtquartier  zu  rechnen 
war.  Wir  haben  bereits  bemerkt  dafs  die  Post  ledigHch  den  Zwecken 
des  Staats  diente,  dafs  aber  für  das  grofse  Publicum  durch  private 
Unternehmer  gesorgt  war  (I  23):  aus  einer  Reihe  von  Städten  sind 
Fuhrmannsgilden  inschriftlich  bezeugt,  der  Reisende  mietete  für 
kürzere  oder  längere  Strecken  ein  Reitthier  oder  einen  Wagen,  wie 
das  auch  im  neuen  Italien  vor  Eröffnung  der  Eisenbahnen  allgemein 
übhch  war.  —  Ueber  die  Gasthäuser  wird  viel  geklagt:  indessen  be- 
ansprucht dies  Gewerbe  bei  der  Schilderung  des  Landes  einen  be- 
vorzugten Platz.  Schon  in  republikanischer  Zeit  nutzen  Gutsbesitzer 
deren  Ländereien  an  eine  belebte  Slrafse  stofsen,  die  Lage  aus 
durch  Errichtung  und  Verpachtung  von  Wirtschaften.!)  Daraus  er- 
klärt sich  dafs  viele  Stationen  durch  Gutsnamen  bezeichnet  sind  — 
denn  der  Name  des  ersten  römischen  Eigentümers  bleibt  an  dem 
Grundstück  für  immer  hängen  —  z.  B.  Anneianum  (2  mal)  Baebiana 
Caelianum  Domitiana  Manliana  (2  mal)  Marcelliana  Papiriana.  Dafs 
aus  einem  Wirtshaus  eine  Stadt  entstehen  kann,  ist  uns  in  Deutsch- 
land durch  Elsafszabern  und  Rheinzabern  geläufig.  In  Italien  be- 
gegnet Tres  Tabernae  3  mal,  ad  Novas  (nämlich  tabernas)  5  mal,  ad 
Pictas  usw.;  im  letzten  Falle  lehrt  Strabo,  dafs  bunt  bemalte  Taber- 
nen  zu  verstehen  sind,  eine  Station  ad  Novas  wird  auch  als  vicus 
Novanetisis  angeführt.  Gewöhnlich  dienen  Wirtshauszeichen  oder 
-Schilder  zur  Benennung  der  Stationen  :  ad  Joglandem  Malum  Pinum 
Pirum  (2  mal)  Punicum,  zum  Nufs-  Apfel-  Pinien-  Birn-  Granatbaum, 
ad  Aquilam  Ensem  Lamnas  Mensulas  Rotas  (2  mal)  Süatios  Sponsas 
Solana  Statuas  (3  mal)  Titnios  Victoriolas  usw.  Ferner  giebt  die 
Oertlichkeit  das  unterscheidende  Merkmal  ab,  z.  B.  die  Lage  an 
einem  Flufs:  ad  Bradanum  Calorem  Conßuentes  (2  mal)  Padum  Sa- 
batnm  Tanarum  Tarum.  An  die  ausgedehnte  Gewinnung  von  See- 
salz werden  wir  erinnert  durch  das  4 mal  wiederkehrende  ad  Salinas. 
Noch  häufiger  erscheint  ad  Turres:  diese  Thürme  waren  einst  als 
Grenzwehren  und  vor  allem  als  Zuflucht  vor  den  Piraten  errichtet 
(I  114j.  Nicht  selten  hat  ein  Tempel  zum  Aufschwung  beigetragen, 
wie  ad  Herculem  ad  Martis  (4  mal)  ad  Matrem  magnam  zeigen. 
Aber  dafs  der  Durchgangsverkehr  auf  den  Heerstrafsen  die  Haupt- 
sache ist,  daran  gemahnt  die  nüchterne  Benennung  der  Stationen 
nach  der  Zahl  der  Meilensteine  die  bis  zur  nächsten  Stadt,  verein- 


1)  Vairo  RR.  I  2,23,  Sueton  Claud.  3S,  Vitruv  VI  8,2. 


60  Einleitung. 

zeit  auch  bis  Rom  stehen:  z.  B.  ad  Sexlnm  (2  mal)  Octavnm  (3  mal) 
Nonum  (3  mal)  Decimvm  (4  mal)  Undechnnm  (3  mal)  Dnodecimum 
(3  mal)  Quintumdedmum  (2  mal)  Vicensimum  (2  mal)  Centesimum. 
Vielfach  erweitern  sich  auch  solche  Stationen  zu  Ortschaften  und 
die  Zahlwörter  leben  als  Ortsnamen  in  der  heutigen  Sprache  fort. 
Es  kommt  sogar  vor,  dafs  der  Sitz  eines  Municipium  nach  einem 
Wegedorf  übertragen  wird  und  seinen  ererbten  Namen  mit  der 
Ziffer  des  Meilensteins  vertauscht.  Aus  der  Litteratur  lernen  wir 
nur  einen  Bruchtheil  der  Wegedörfer  kennen:  wie  verbreitet  diese 
Form  der  Ansiedlung  war  und  für  die  entwickelte  römische  Cultur 
charakteristisch,  läfst  sich  schon  aus  der  S.  13  angeführten  Erklä- 
rung von  vicus  entnehmen. 

Die  besprochenen  Erscheinungen  sind  nicht  auf  den  Rahmen 
Itahens  beschränkt,  sie  wiederholen  sich  im  Reich.  Es  bedarf  keiner 
Worte,  dafs  der  Verkehr  unablässig  die  nationalen  Besonderheiten 
abschliff,  zu  der  politischen  auch  auf  eine  sprachliche  und  religiöse 
Einheit  hinarbeitete.  Wol  aber  lohnt  von  der  durchsichtigen  Namen- 
gebung  des  Wegehaus  ein  Rückblick  in  die  unwegsame  Vergangen- 
heit. Die  Hellenen  benannten  ihre  Gründungen  in  Italien  nach 
Naturmerkmalen,  mit  Vorliebe  nach  Flüssen  und  Quellen :  ')  z.  B. 
QovQioi  Med/iia  Uv^ovg  ^igig  ^vßagig  Tägag  Tegiva;  in  jün- 
gerer Zeit,  als  es  solche  gab,  auch  nach  Nationalgöttern :  Iloosiöiovla 
^ HgÖTiXeia.  Nach  Menschen  benannte  das  freie  Hellas  seine  Städte 
nicht.  Dazu  gab  der  Orient  dem  seit  Alters  die  Begriffe  von  Gott  und 
König  sich  vermischten,  den  Anstofs.  König  Phihpp  macht  auf 
europaeischem  Boden  den  Anfang,  und  als  nun  so  viele  blühende 
Städte  den  Ruhm  seines  grofsen  Sohnes  kündeten,  war  ein  Vorbild 
geschaffen,  dessen  Wirkung  nicht  auf  die  monarchische  Welt  be- 
schränkt bheb.  Nur  20  Jahre  nach  der  Gründung  Alexandria's  er- 
baute Censor  Appius  die  Slrafse  und  das  Forum,  die  sein  Andenken 
verewigen  sollten.  Die  Nachfolger  im  Consulat  und  der  Censur 
ahmten  das  üble  Beispiel  nach.  Die  lange  Liste  von  Strafsen  und 
Märkten,  die  den  Namen  repubhkanischer  Beamten  tragen,  erläutert 
an  ihrem  Theil,  wie  sehr  der  Hochadel  im  Genufs  königlicher  Ehren 
schwelgte.  Freilich  haben  die  Märkte  erst  nachträglich  seit  89  v. 
Chr.  Stadtrecht  erlangt:  bis  dahin  hat  der  Freistaat  nicht  erlaubt, 
dafs   eine   vom    Volk  beschlossene  Gründung  nach  einem  einzelnen 


1)  Strab.  VI  262. 


§  7.     Mafs  und  Münze.  61 

Bürger  benanot  würde.  Vielmehr  haben  Italiker  und  Römer  der- 
selben Anschauung  gehuldigt  wie  die  Hellenen,  nur  dafs  bei  jenen 
die  Gruppe  der  Gütternamen  von  Hause  aus  zahlreicher  vertreten 
ist.  Dies  gilt  sowol  für  die  Stämme  (I  63)  als  für  die  Städte.  Aus 
älterer  Zeit  gehen  unter  anderen  zurück :  auf  Flüsse  Amiternum 
Aternum  Interamna  Ostia  Tifernum,  auf  die  Oertlichkeit  Alba  Ancon 
Genua  Ocriculum  Praeneste  Sinuessa  Tibur,  auf  Gütter  Bovianum 
Consentta  Cupra  Luchs  Feroniae  üerculaneum  Horta  Iguvium  Luceria 
Mantua  Populonium.  Aus  römischer  Zeit  nach  300  v.  Chr.  gehen 
zurück:  auf  Flüsse  Aesis  Ariminum  Narnia  Parma  Pisaurum  Tici- 
num  Volturnum,  auf  Götter  Copia  Faventia  Fidentia  Florentia  In- 
dustria  Luna  Minervia  Neptunia  Placentia  Pollentia  Potentia  Satumia 
Venusia.  Das  Vorrecht  der  Unsterblichen  wurde  mit  dem  Fort- 
schreiten der  Revolution  von  den  grofsen  Generalen  in  Frage  ge- 
stellt: zunächst  in  den  Provinzen.  In  Corsica  ward  100  v.  Chr. 
Mariana  gestiftet,  im  Poland  89  Laus  Pompeia  und  Alba  Pompeia. 
Innerhalb  der  Grenzen  des  befriedeten  Italien  hat  zuerst  Sulla  den 
von  ihm  ausgeführten  Colonien  neben  einem  Götlernamen  auch 
seinen  eigenen  verliehen.  Anfangs  hält  Caesars  Sohn  es  ebenso 
{Julia  Concordia,  Pietas  Julia);  nachdem  sein  götthcher  Beruf  27 
durch  den  Beinamen  Augustus  von  Staatswegen  Anerkennung  ge- 
funden hatte,  sieht  er  von  der  Hinzufügung  einer  Gottheit  ab  und 
nennt  seine  Colonien  schlechtweg  Augusta.  Je  mehr  die  Selbstver- 
waltung verfällt,  desto  prunkender  werden  die  Titel,  mit  denen  die 
Gemeinden  ihren  ehrlichen  Namen  amthch  verschnörkeln.  Es  ent- 
sprach der  herrschenden  Zeitströmung,  wenn  des  weisen  Marcus 
ungeratener  Sohn  Rom  colonia  Commodiana  umtaufen  wollte.  Der 
verhängnifsvolle  Einflufs  des  Orients  endigle  damit  dafs  der  oberste 
Beamte  des  römischen  Volkes  in  einer  Person  dessen  Herr  und  Gott 
wurde.  Die  ersten  greifbaren  Spuren  treten  im  Wegebau  entgegen, 
und  der  Wegebau  hat  wesentlich  zur  Ausbildung  der  Weltherrschaft 
einer-  der  Monarchie  anderseits  beigetragen. 

§  7.   M  a  f s  u  n  d  M  ü  n  z  e. 

Mit  anderen  Elementen  der  Cultur  wie  Schrift  und  Zeitrech- 
nung stammt  auch  die  Mefskunsl  aus  dem  Morgenland.  Die  Ueber- 
tragung  und  Einbürgerung  dieser  Kunst,  die  mannichfachen  Wand- 
lungen die  sie  durchgemacht  hat,  würden  helles  Licht  über  die 
Geschichte  Italiens  verbreiten,  wenn  die  Quellen  reichlicher  flössen 


62  Einleitung. 

als  der  Fall  ist.  Immerhin  fügt  die  Sammlung  der  bekannten  That- 
sachen  dem  Bilde  das  vom  Leben  des  Landes  entworfen  werden  soll, 
einen  wesentlichen  Zug  hinzu. i)  —  Den  Römern  war  es  vollkommen 
geläufig  dafs  ihre  V'orfahren  einst  als  Tauschwert  oder  Geld  das 
Vieh  verwandt  und  ein  Rind  gleich  zehn  Schafen  gerechnet  halten. 
Eine  Gesellschaft  die  auf  einer  derartigen  Stufe  der  Entwicklung 
verharrt,  braucht  kein  genau  normirtes  Mafssystem.  Der  Viehzüchter 
zimmert  sein  Blockhaus  nach  dem  Mafsstab  den  er  am  Leibe  mit 
sich  herumträgt,  Finger-  und  Handbreite,  Spanne,  Elle  und  Klafter, 
schreitet  rings  darum  die  Hofstatt  ab,  schätzt  im  Tauschverkehr  die 
Schwere  und  den  Umfang  eines  Gegenstandes  mit  dem  Auge  und 
mit  dem  Gefühl.  Der  Betrieb  des  Ackerbaus  ändert  daran  zunächst 
nicht  viel:  in  älterer  Zeit  wirtschaften  die  Bürger  gemeinsam,  das 
Eigentum  an  Grund  und  Boden  tritt  ganz  zurück  (S.  26).  Dem 
entspricht  die  anfängliche  Unbestimmtheit  der  Feldmafse:  die  Strecke, 
welche  die  Ochsen  in  einem  Antrieb  ohne  zu  ermüden  den  Pflug 
ziehen  können,  giebt  den  vorsus  oder  actus  zu  100  bezw.  120  Fufs 
Länge;  die  Fläche,  die  ein  Joch  Ochsen  an  einem  Tage  umpflügen 
kann,  giebt  das  iugerum  oder  Tagewerk.  Das  Getreide  scheint  ur- 
sprünglich nach  der  Last  die  ein  Mann  bequem  fortträgt,  gehandelt 
worden  zu  sein.  Verschiedenartige  Umstände  sind  auf  den  einzelnen 
Lehensgebieten  wirksam  um  die  schwankenden  durch  feste  Mafs- 
gröfsen  zu  ersetzen.  —  Mit  der  allmälichen  Einführung  des  Stein- 
baus (S.  41)  geht  das  Aufkommen  eines  Bauhandvverks  Hand  in 
Hand:  ohne  Zollstock  kann  der  Steinmetz  nicht  schaffen.  In  den 
griechischen  und  italischen  Städten  haben  die  Häuser  um  Raum  zu 
sparen  gemeinsame  Zwischenmauern :  für  Rom  war  eine  Elle  als 
Dicke  vorgeschrieben,  im  oskischen  Pompeji  das  ohne  Ausnahme 
nach  diesem  Princip  gebaut  ist,  kehrt  dasselbe  Mafs  wieder  von  den 
ältesten  ohne  Kalk  geschichteten  Wänden  bis  hinab  zur  Verschüttung. 
Auch  auf  den  Dörfern  sind  in  römischer  Zeit  die  Häuser  zusammen 
gerückt,  so  dafs  Tacitus  das  geschlossene  Wohnen  als  Merkmal  der 
römischen  Weise  im  Gegensatz  zur  germanischen  hervorhebt.  Es 
unterliegt  keinem  Zweifel,  dafs  all  die  (S.  36  fg.)  aufgezählten  Grofs- 
und  Mittelstädte  nach  einem  bestimmten  gesetzlich  anerkannten  Mafs 
angelegt  sind.     Die  Nachricht  die  für  Rom  den  König  Servius  als 


1)  H.  Nissen,  Griechische  und  römische  Metrologie  in  Iwan  Müllers  Hand- 
buch d.  klass.  Altertw.  I«   München  1892. 


§  7.     Mafs  und  Münze.  63 

Schöpfer  von  Mafs  und  Gewicht  nennt,  khngt  ganz  verständig;') 
auch  weisen  die  Quadern  der  grofsen  aus  königlicher  Zeit  stammen- 
den Stadtbefestigung  in  der  Regel  eine  Schichthöhe  von  zwei  Fufs 
(592  mm)  auf.  Nach  Aeufserungen  Pigorini's  sind  ferner  die  Pfahl- 
dörfer am  Po  nach  römischem  Mafs  errichtet.  Wenn  die  Thatsache 
verbürgt  ist,  so  liefert  sie  einen  neuen  Beweis  gegen  das  über- 
triebene Alter  das  gemeinhin  diesen  bäuerlichen  Ansiedlungen  zu- 
gesprochen wird ;  denn  das  zunächst  aus  Etrurien,  weiterhin  aus 
dem  Orient  entlehnte  Mafssystem  der  Romer  gehört  einer  vergleichs- 
weise jüngeren  Stufe  der  Entwicklung  an.  Ueberhaupt  ist  der  Bauer 
allen  Neuerungen  abhold:  erst  die  Verdrängung  der  Gemein-  durch 
die  Samtwirtschaft  kann  ihn  von  der  Notwendigkeit  einer  einwand- 
freien Abgrenzung  des  Eigentums  überzeugt  haben.  Die  Ausbildung 
der  Baumzucht,  namenthch  die  Pflege  des  Oelbaums  zwang  zur 
feineren  Ausgestaltung  der  Hohlmafse.  Aber  der  Oelbaum  ist  frühes- 
tens im  6.  Jahrhundert  nach  Italien  verpflanzt  worden  (I  441);  noch 
lange  nachher  bezog  Toscana  nebst  anderen  Landschaften  die  gegen- 
wärtig im  Schmuck  von  Olivenhainen  prangen,  Oel  als  kostbares 
Erzeugnifs  aus  der  Fremde.  Was  endlich  das  Gewicht  anlangt,  so 
hat  die  Metallarbeit  den  Anlafs  zu  dessen  Normirung  geliefert:  es 
lag  nahe  ein  für  Jedermann  so  brauchbares  Ding  wie  Rupfer  als 
Tauschmittel  zu  verwenden,  und  damit  wurde  die  Wage  dem  Ver- 
kehr einverleibt.  Das  italische  Kupfer  war  auch  für  die  fremden 
Kaufleute  ein  begehrenswerter  Artikel,  etruskische  Erzarbeiten  wur- 
den früh  nach  dem  Osten  ausgeführt,  von  dort  ist  sowol  die  Wage 
als  das  Pfund,  mit  dem  man  wog,  übernommen  worden. 

Der  fruchtbare  Gedanke  den  die  französische  Revolution  ver-^ 
wirklichte,  aus  der  Länge  nicht  blos  das  Flächen-  sondern  auch 
das  Hohlmafs  und  das  Gewicht  abzuleiten,  ist  dem  Altertum  geläufig 
und  schon  in  grauer  Vorzeit  am  Nil  und  Euphrat  bethätigt  worden. 
Er  Hegt  auch  dem  römischen  System  zu  Grunde,  da  ein  Gesetz  den 
Rauminhalt  und  das  Wein-  (oder  Wasser-)  gewicht  nach  dem  Cu- 
bikfufs  bestimmt.  Freilich  entspricht  die  Gleichung  keineswegs  den 
berechtigten  Anforderungen  hinsichtlich  ihrer  Genauigkeit.  Der  rö- 
mische Fufs  ist  296  mm  lang,  das  Wassergewicht  seines  Cubus 
beträgt  25,93  kgr,  aber  80  Pfund  die  das  Gesetz  dem  Cubikfufs 
Wein    beilegt,    wiegen    26,196    kgr.     Um   eine  üebereinstimmung 


1)  Aar.  Victor  vir.  ill.  7,8. 


64  Einleitung. 

zwischen  diesen  Ansätzen  zn  erzielen,  hat  man  die  Wahl  entweder 
den  Fufs  auf  296,9  mm  zu  erhohen  oder  das  Pfund  von  327,45  gr 
auf  324,5  gr  zu  ermäfsigen.  Allein  der  eine  wie  der  andere  Aus- 
weg ist  ahgeschnitten,  da  beide  Grofsen  durch  Tausende  von  Mes- 
sungen und  Wägungen  unerschütterlich  fest  stehen.  Vielmehr  mufs 
die  Unvollkonmienheit  des  Systems  einerseits  der  geringen  Begabung 
der  Romer  für  physikalische  Fragen  in  Rechnung  gestellt  werden, 
anderseits  jedoch  und  vor  allem  den  durch  den  Welthandel  ge- 
schaffenen Verhältnissen.  Allerdings  schreibt  der  Staat  für  die  Be- 
grenzung des  Eigentums  wie  den  Bau  des  Hauses,  für  Kauf  und 
Verkaul  Normen  vor  die  alle  seine  Angehörigen  binden  und  Streit- 
fällen vorbeugen  sollen.  Aber  kein  Staat  vermag  die  einmal  ge- 
troffenen Normen  im  Wandel  der  Zeiten  zu  behaupten,  ohne  durch 
politische  Einflüsse  und  den  Umschwung  des  Verkehrs  zu  tief  grei- 
fenden Aenderungen  genötigt  zu  werden.  So  stark  auch  naturgemäfs 
auf  diesem  Gebiet  das  Beharrungsvermögen  ist,  noch  stärker  ist  die 
Macht  geschichtlicher  Ereignisse.  Daraus  entspringt  jene  Mannich- 
faltigkeit  der  Erscheinungen,  die  bei  der  Vielheit  der  antiken  Staaten- 
gebilde und  der  verschiedenen  Bezeichnungsweise  der  Mafse  geeignet 
ist  den  grofsen  Zusammenhang  zu  verdunkeln.  —  Zwei  Hauptströ- 
mungen, eine  ältere  und  eine  jüngere  sind  in  Italien  auf  einander 
gestofsen,  haben  sich  bekämpft  durchkreuzt  und  ausgeglichen.  Der 
Ursprung  beider  geht  auf  Euphrat  und  Nil  zurück;  aber  jene  nimmt 
ihren  Weg  über  Syrien ,  diese  über  Kleinasien.  Die  Phoenizier 
haben  im  Westen  die  Elle  von  412,5  mm  und  das  in  12  Unzen 
gelheilte  Pfund  von  273  gr^  das  eng  an  die  aegyptischen  Gewichts- 
Dormen  auschliefst,  eingeführt.  Dagegen  wurde  eine  völlige  Um- 
wälzung eingeleitet,  als  um  700  das  Reich  Lydien  und  dem  Beispiel 
folgend  die  hellenischen  Seestädte  anfingen  Gold-  und  Silbermünzen 
zu  schlagen.  Die  Prägung  der  Edelmetalle  erforderte  eine  kleinere 
Gewichtseinheit  als  die  Unze,  man  zerlegte  das  Pfund  in  50,  später 
gar  in  100  Tlieiie.  Für  einen  logischen  Aufbau  des  Systems  war 
die  Elle  zu  grofs  und  wurde  durch  den  Fufs  verdrängt.  Der  all- 
gemeinen Veifeinerung  der  Mafse  mufsle  endlich  auch  die  Wegebe- 
slimmung  nach  Stunden  und  Viertelstunden  weichen,  um  dei'  Rech- 
nung nach  Stadien  oder  Doppelminuten  Platz  zu  machen.  Alle 
diese  Neuerungen  haben  sich  in  Hellas  langsam  Bahn  gebiocl»en 
und  stiefsen  im  Westen  auf  den  zähen  Widerstand  der  phoenizisclien 
Nebenbuhler.    Obvvol  im  Culturleben  der  Sieg  der  Münz(!  über  die 


§  7.    MaTs  und  Münze.  65 

Wage  durch  den  Perserkönig  Darius  entschieden  worden  war,  zö- 
gerte Karthago  länger  als  ein  Jahrhundert,  bevor  es  sich  dem 
Fortschritt  anbequemte:  409  schlug  es  seine  ersten  Münzen  in 
Sicilien,  um  350  in  Africa.  Auf  der  heifs  umstrittenen  Insel  wurde 
ein  Ausgleich  zwischen  alten  und  neuen,  phoenizischen  und  helle- 
nischen Normen  erreicht  der  weite  Geltung  gewann:  im  2.  Jahr- 
hundert V.  Chr.  gab  der  sicilische  Medimnos  (52,4  1)  das  Mafs  für 
den  Weizenmarkt  in  Spanien  wie  am  Po  und  auf  der  italischen 
Halbinsel  ab.  Auch  das  römische  System  das  nach  langem  Schwan- 
ken 217  V.  Chr.  zum  Abschlufs  gelangte,  ist  dadurch  wesentlich 
beeinflufst  worden. 

Nach  dem  hannibalischen  Kriege  arbeitet  Rom  auf  die  Unter- 
drückung der  italischen  Münzstätten  hin  und  ist  mit  der  Niederlage 
der  Bundesgenossen  am  Ziel  angelangt.  Wie  die  Münzeinheit  wurde 
auch  die  Einheit  von  Mafs  und  Gewicht  erstrebt,  aber  mit  minde- 
rem Erfolg:  der  Umlauf  des  Geldes  läfst  sich  durch  ein  Gesetz 
binnen  kurzer  Frist  ändern,  die  alten  Mafse  wurzeln  im  Boden 
und  können  nur  ganz  allmälich  ausgerottet  werden.  —  Das  amtliche 
Ackermafs  war  das  lugerum  zu  28800  Quadratfufs  (2523  Gm)  und 
war  durch  zahllose  umfassende  Landanweisungeu  in  allen  Gauen 
Italiens  verbreitet  worden.  Nichtsdestoweniger  rechnete  man  noch 
in  der  Kaiserzeit  vieler  Orten  nach  einem  Vorsus  zu  10000  Qua- 
dratfufs (757  Dm)  der  sich  zum  lugerum  verhält  wie  3:10.  Von 
unerheblichen  Schwankungen  abgesehen  mifst  der  zu  Grunde  he- 
gende Fufs  275  mm.  Er  ist  aus  der  oben  erwähnten  phoenizischen 
Elle  von  412.5  mm  abgeleitet  und  zu  weiter  Gellung  gelangt.  Was 
Italien  betrifft,  so  sehen  wir  ihn  ganz  allgemein  in  Campanien  von 
Hellenen  Etruskern  Oskern  gebraucht,  ferner  von  Volskern  (Sora) 
Hernikern  (Aletrium  Anagnia  Ferenlinum)  Latinern  (Ardea  Lanu- 
vium).  Ausdrücklich  wird  er  den  Umbrern  zugeschrieben,  galt  ver- 
mutlich einst  auch  in  Tarenl  bis  zur  grofsen  Münzreform  um  300 
V.  Chr.  Wegen  seiner  Verbreitung  im  bundesgenössischen  Gebiet 
hat  man  'hn  gelegentlich  im  Ausland  als  italisch  bezeichnet.  Im 
Unterschied  davon  heifst  der  römische  Staatsfufs  von  296  mm  pes 
monetalis  nach  dem  Tempel  der  Juno  Moneta  auf  der  Burg  zu  Rom, 
wo  Aich-  und  Münzamt  sich  befanden.  Die  Tarquinier  haben  ihn 
bezw.  die  Elle  von  444  mm  den  Etruskern  entlehnt,  diese  mitsamt 
der  Münzprägung  aus  Kleinasien.  —  In  bemerkenswerter  Weise  tritt 
der  Gegensatz  zwischen  Römern  und  Italikern  zu  Tage  im  Wege- 
Nissen,  Ital.  Landeskunde.    II.  5 


66  Einleitung, 

mafs.  Wie  Rom  den  Bau  seiner  Kunststrafsen  den  Karlliagern  ab- 
sah, so  beslimmte  es  auch  nach  ihrem  Muster  die  Enlferniingen. 
Die  römische  iMeile  zu  1000  Doppelschrilt  oder  5000  Fnfs  1,48  km 
ist  nahe  verwandt  mit  dem  Sabbatweg  der  Juden.  Es  ist  ein  Vier- 
tel des  Stundenwegs  der  in  Babylon  festgestellt,  auf  den  persischen 
Reichstrafsen  eingeführt  und  den  Hellenen  unter  dem  Namen  Para- 
sang  vertraut  war.  In  Kleinasien  scheint  die  Einheit  auf  drei  Viertel 
oder  drei  Achtel  herabgesetzt  worden  zu  sein:  wenigstens  haben 
die  Phokaeer  von  Massalia  dies  iMafs  nach  Gallien  übertragen,  allwo 
es  sich  als  lietie  de  France  1,45  km  bis  in  die  Neuzeil  erhalten 
halte.  Die  Hälfte  davon  taucht  als  leuga  zu  2,22  km  unter  den 
späteren  Kaisern  in  den  gallischen  Provinzen  scheinbar  unvermittelt 
auf.  Indessen  mufs  diese  gallische  Leuga  ehedem  auch  innerhalb 
der  italischen  Grenzen  bekannt  gewesen  sein:  von  den  Ligurern 
wurde  im  2.  Jahrhundert  v,  Chr.  für  einen  Landstreifen  dieser 
Breite  nach  langen  Kämpfen  das  Durchzugsrecht  eingeräumt.  Auf 
der  Appenninhalbinsel  dagegen,  jedesfalls  im  Süden  fand  die  jüngere 
Rechnung  nach  Stadien  Eingang.  Es  leuchtet  sofort  ein  bei  dem 
überwältigenden  Einflufs,  den  das  römische  Strafsennelz  auf  die 
Verwischung  landschaftlicher  Besonderheiten  geübt  hat,  dafs  nirgends 
vorrömische  Spuren  weniger  zu  erwarten  sind  als  in  Bezug  auf 
das  Wegemafs.  Immerhin  fehlen  sie  nicht  ganz.  Eine  Inschrift 
guter  Zeit  aus  Baiae,  also  auf  cumanischem  Boden,  giebt  die  Länge 
einer  Porticus  zu  556  Fufs  164,6  m  an  d.  h.  zu  einem  itahschen 
Stadion.')  Der  Durchmesser  des  von  den  Elruskern  470  v.  Chr. 
gegründeten  Capua  ist  1650  m  10  italische  Stadien  lang.  Die  rö- 
mische Meile  bleibt  nur  um  5  m  hinter  9  solcher  Stadien  zurück. 
In  der  erhaltenen  Lilteralur  kommt  dies  Stadion  nur  vereinzelt 
vor.  Dagegen  wird  aus  der  späteren  Kaiserzeil  bezeugt,  dafs  auf 
See  nach  einem  kürzeren  Stadion  von  148  m  gerechnet  wurde: 
so  geschieht  auch  in  den  meisten  Stücken  des  Itinerarium  mariti- 
mum  das  auf  uns  gelangt  ist  (I  24).  Aeltere  Schriftsteller  wie 
Herodot  und  Xenophon  haben  sich  seiner  für  Entfernungen  zu  Lande 
bedient.  In  der  Beschreibung  wird  mehrfach  darauf  hinzuweisen 
sein,  dafs  manche  Angaben  bei  Strabo  und  Dionys  nach  eben  dem- 
selben  Mafs    gemacht    sind.     Die   Thatsache   wird    am   Einfachsten 

1)  Eph.  epigr.  VIII  p.  100  n.  374.  Das  Verhältnifs  des  italischen  zi;m 
römischen  Fufs  139:  150  kehrt  auf  den  Tafeln  von  Heraklea  wieder,  nornnal 
«ärde  es  139,4:    150  lauten. 


§  7.    Mafs  und  Münze.  67 

durch  die  Annahme  erklärt,  dafs  das  Schriltstadion  von  148  m  an 
der  kleinasialischen  Rüste  zu  Hause  war  und  von  Artemidoros  aus 
Ephesos,  dem  nächsten  Vorgänger  und  Gewährsmann  Strabo's  (I  14), 
seiner  Darstellung  zu  Grunde  gelegt  wurde,  wofür  es  sich  vortreff- 
Hch  eignete.  Aber  Eratoslhenes  und  Polybios  bestimmen  das  Sta- 
dion nach  dem  verbreiteten  Fufs  von  296  mm  zu  177,6  m.  In  der 
Regel  setzt  man  es  aus  Bequemlichkeit  einem  Achtel  der  Millie 
gleich,  also  185  m,  in  der  Kaiserzeit  aber  auch  198  m  und  210  m. 
Aus  dieser  heillosen  Verwirrung,  wo  der  Wert  des  Mafses  zwischen 
148  und  210  m  schwankt,  heraus  zu  finden,  ist  unseren  Bericht- 
erstattern selten  geglückt. 

Wie  einen  eigenen  Fufs  haben  die  Italiker  ihr  besonderes 
Hohlmafs  gehabt  und  bis  auf  Augustus  gebraucht.  Erst  in  den 
zwanziger  Jahren  v.  Chr.  sind  die  auf  dem  Markt  zu  Pompeji  (Bür- 
gercolonie  seit  82)  und  Minturnae  (BUrgercolonie  seit  296)  ausge- 
stellten Normalmafse  nach  den  staatlichen  umgeändert  worden.  Beide 
führen  ihren  Ursprung  auf  jenen  in  Sicilien  getroffenen  Ausgleich 
zurück  von  dem  S,  65  die  Rede  war,  weichen  aber  in  der  Theilung 
von  einander  ab.  Ebenso  ist  das  itaHsche  Pfund  vom  römischen 
verschieden:  es  wiegt  341  gr  und  wird  nach  griechischer  W^eise  in 
100  Drachmen  gelheilt.  Demgemäfs  stellt  sich  das  Talent  nach  dem 
Münzgewicbt  auf  20,46  kgr,  nach  dem  Wassergewicht  des  Cubik- 
fufses  von  275  mm  auf  20,8  kgr.  Die  Ungenauigkeit  ist  noch  gröfser 
als  beim  römischen  System  (S.  63),  aber  der  mangelnden  politischen 
Einheit  dieser  Bundesgenossenschaft  gegenüber  viel  leichter  erklär- 
bar. —  Das  römische  Hohlmafs  weist  die  seltsame  Anomalie  auf, 
dafs  es  nach  einem  andern  Gewicht  bestimmt  ist  als  die  Münze. 
Man  schrieb  dem  Scheffel  modius  (8,73  1)  ein  Wassergewicht  von 
32,  dem  geläufigsten  Hohlmafs  sextarius  (0,546  1)  ein  solches  von 
2  Pfund  zu.  Aber  dies  ist  das  altphoenizische  Pfund  von  273  gr 
(gleich  3  aegyptischen  Deben):  auf  ihm  sind  alle  Hohlmafse  vom 
kleinsten  cyathns  Ye  (0,0455  I)  bis  zum  gröfsten  amphora  96  (26,2  I) 
aufgebaut.  Das  gewöhnliche  Pfund  ist  327  gr  schwer  und  verhält 
sich  zu  jenem  wie  6:5.  Das  eine  wie  das  andere  stammt  aus  Sici- 
lien. Hier  hatte  Karthago  die  alten  und  neuen  Normen  mit  einan- 
der verschmolzen,  indem  die  jüngere  Elle  von  444  mm  dem  System 
zu  Grunde  gelegt  wurde.  Ihr  Cubus  von  87,5  kgr  befafst  10  Modien 
373  Amphoren  nach  römischer,  1 2/3  Medimnen  2^/9  Metreten  nach 
sicilischer  Rechnung,    320  bezw.  266,66  Pfund.     Geschichtlich  be- 


68  Cioleitung. 

trachtet  ist  das  grölsere  Pfund  jünger  als  das  kleine.  Daraus  folgt 
jedoch  keineswegs  d;ifs  es  auch  in  Rom  später  eingeführt  worden 
sei.  Im  Gegentheil  schreibt  eine  glaubhafte  Nachricht  dem  König 
Servius  die  Feststellung  des  Gewichts  zu  (S.  63),  nach  dem  aus- 
drücklichen Zeugnifs  Varro's  wog  der  alte  As  288  Scrupel  d.  h. 
327,45  gr,  und  das  Zeugnifs  wird  durch  den  Thatbestand  durchaus 
bestäligl.i)  Dies  Pfund  ist  die  Hälfte  der  euboeischen  Marktmine 
die  durch  Selon  in  Athen  zur  Annahme  gelangte,  deren  Talent  dem 
Metretes  gleich  kommt.  Durch  den  Oelhandel  wurde  es  im  Westen 
bekannt  und  fand  mitsammt  der  Elle  von  444  mm  über  Etrurien 
seineu  Weg  nach  Rom.  —  344  v,  Chr.  wird  der  Tempel  der  Juno 
Moneta  eingeweiht;  dies  Jahr  bezeichnet  den  Anfang  der  römischen 
Kupfermünze.2)  Der  As  wird  thatsächlich  ein  Pfund  schwer  aus- 
gebracht, hält  sich  aber  nur  einige  Jahrzehnte  auf  dieser  Höhe. 
Dann  sinkt  er  auf  10  Unzen,  nach  dem  vorhandenen  Refund  hat 
das  Gewicht  von  273  gr  lange  Zeit  als  Münzpfund  gegolten.  Die 
Aenderung  wird  daraus  zu  erklären  sein,  dafs  Rom  während  der 
samnitischen  Kriege,  als  es  in  enge  Reziehungen  zu  Karthago  ge- 
treten war,  das  auf  jenem  Pfund  von  273  gr  ruhende  karlhagisch- 
sicilische  System  der  Hohlmalse  angenommen  hat.  269  v.  Chr. 
geht  es  zur  Silbermünze  über:  der  Denar  wiegt  ursprünglich  4,55 
gr  1/60  Pfund.  Dergestalt  sind  ein  halbes  Jahrhundert  Markt-  und 
Münzpfund  zusammen  gefallen.  Allein  am  Ende  des  ersten  puni- 
schen  Kriegs,  nachdem  Rom  eine  Weltmacht  geworden  war,  setzt 
es  den  Retrag  des  Denars  auf  3,90  gr  herab  und  kehrt  für  die 
Münze  zum  alten  Pfund  von  327  gr  zurück.  Der  Grund  der  Rück- 
kehr leuchtet  ein:  das  Pfund  von  327  gr  ist  gleich  3/4  euboeischer 
Mine  und  gestattet  eine  bequeme  Umrechnung  in  eine  auf  dem 
Geldmarkt  des  Mittelmeeres  allbekannte  Währung.  Seit  241  v,  Chr. 
ist  an  den  römischen  Gewichtsnormen  fürder  nicht  gerüttelt  wor- 
den. Wenn  im  Kleinhandel  ein  Pfund  im  Gebrauch  blieb  das  statt 
12   nur   10   gesetzhche  Unzen    hatte,   so    nehmen    wir  daran  ohne 


1)  Varro  RR.  I  10,2;  Samwer-Bahrfeldt ,  Geschichte  des  älteren  römischen 
Münzwesens,  Wien  1883,  p.  45fg. 

2)  Samwer-Bahrfeldt  p.  43  setzen  auf  inductivem  Wege  den  Beginn  der 
Herstellung  des  römischen  Schwerkupfers  gegen  350  v.  Chr.  Er  läfst  sich  aber 
kaum  von  der  Errichtung  des  Tempels  trennen  Liv.  VII  28  vgl.  VI  20.  Die 
Nachricht  bei  Suidas  Movrjxa  bezieht  sich  auf  die  Einführung  der  Silbermünze 
(Mommsen,  Münzwesen  301). 


§  7.     Mafs  und  Münze.  69 

Not  Anstofs:  auch   in  Athen   sind   seit  Solon  Markt-  und  Münzge- 
wicht verschieden  gewesen. 

Aus  den  vorstehenden  Erörterungen  folgt  dafs  die  Verfeinerung 
des  Lebens  in  Rom  am  Ausgang  des  4.  Jahrhunderts  v.  Chr.  einen 
entscheidenden  Schritt  gethan  hat.  Die  Aufnahme  des  Hohln)afses 
mit  seinen  griechischen  Bezeichnungen  cyalhus  hemina  modtus  am- 
phora  und  die  bis  4  V2  Centihter  durchgeführte  Theihing  lehrt  uns 
dafs  das  Oel  in  den  Haushalt  des  Kleinbürgers  eingezogen  sei.  In 
anderem  Zusammenhang  ward  bereits  ausgeführt,  dafs  der  Oelbaum 
zur  Verdrängung  der  Viehzucht  wesentlich  beigetragen  hat  (I  441). 
Mit  der  entwickelten  Arbeitstheilung  hörte  das  Vieh  auf  einen  pas- 
senden Tauschwert  im  Verkehr  abzugeben  und  wurde  durch  Metalle 
ersetzt.  Der  Uebergang  jedoch  von  der  reinen  Bodenwirtschaft  zur 
Geldwirtschaft  hat  sich  in  langen  Zeiträumen  vollzogen.  Der  An- 
stofs kommt  von  Aufsen.  In  den  Culturstaaten  des  Orients  war 
schon  seit  etwa  2000  v.  Chr.  die  Rangstufe  der  Metalle  nach  der 
Seltenheit  oder  Häufigkeit  ihres  Vorkommens  bestimmt  worden: 
Gold  Mischgold  Silber  Kupfer  Eisen  Blei  folgen  der  Reihe  nach 
auf  einander.  Durch  den  Handel  ist  die  Kunde  verbreitet  und  die 
Wertscala  zur  Anerkennung  von  Seiten  der  Barbaren  gebracht  wor- 
den. Damit  wurde  der  Verkehr  von  Volk  zu  Volk  ungemein  er- 
leichtert. An  sich  ist  das  Metali  eine  Waare  wie  jede  andere;  aber 
wenn  es  aller  Orten  gleich  willig  genommen  wird,  erlangt  es  die 
Bedeutung  eines  allgemeinen  Tauschmittels,  oder  wie  wir  zu  sagen 
pflegen  von  Geld.  Die  verschiedene  Wertung  der  Metalle,  nament- 
lich die  Kostbarkeit  von  Gold  und  Silber,  verglichen  mit  Kupfer 
Eisen  oder  Blei,  veranlafst  mit  Notwendigkeit  ein  festes  Gewichts- 
system. Die  Theilung  wechselt  in  den  einzelnen  Staaten,  durch  die 
verwirrende  Menge  von  Theilgröfsen  jedoch  scheinen  die  ursprüng- 
lichen in  Aegypten  festgestellten  INormen,  das  Deben  91  gr  und 
Ket  9,1  gr,  hindurch.  Vermittelst  der  Wage  hat  der  Grofshandel 
mit  dieser  Schwierigkeit  leicht  fertig  werden  können.  Das  Preis- 
verhältnifs  der  Metalle  dagegen  zu  einander  regelte  sich  nach  An- 
gebot und  Nachfrage.  Anders  innerhalb  der  Staatsgrenzen.  Wenn 
der  Staat  dem  Bedürfnifs  seiner  Bürger  gehorchend  sich  entschliefst 
anstatt  des  Viehs  ein  bequemeres  gesetzliches  Zahlungsmittel  einzu- 
führen, so  mufs  dies  ein  einziges  Metall  sein  nach  dem  die  übrigen 
sich  richten.  Zwar  wird  der  Versuch  gemacht  zwei  nach  einem 
gesetzhch    bestimmten    Verhältnifs   gleichberechtigt   neben   einander 


70  Einleitung. 

zu  verwenden,  jedoch  ist  die  Doppelwährung  auf  die  Dauer  nicht 
aufrecht  zu  hallen.  Ueherblickt  man  die  Gesammtenlwickelung  die 
das  Geldwesen  Italiens  durchmessen  hat,  so  stellt  sie  nach  einander 
einen  Fortschritt  dar  von  Vieh  zu  Gewichtskupfer  (aes  rüde),  Kupfer- 
münze {aes  signatnm),  Silber-  und  Kupferwährung,  reiner  Silber- 
währung, gemischler  Gold-  und  Silberwährung,  reiner  Goldwährung. 
Die  einzelnen  Theile  des  Landes  aber  haben  als  das  Licht  geschicht- 
licher Ueberlieferung  auf  sie  fällt,  von  dem  weilen  Wege  der  zwi- 
schen Natural-  und  Geldwirtschaft  in  der  Mitte  liegt,  gar  ungleiche 
Strecken  bewältigt.  Den  klimatischen  und  Culturzonen  (I  380)  ent- 
sprechend lassen  sich  drei  Hauptabschnitte  unterscheiden.!) 

Der  Norden  weist  keine  einzige  Münzstätte  auf,  höchstens  hat 
man  hie  und  da  in  roher  Weise  fremde  Münzen  nachgeahmt.  W^enn 
aber  Handelsplätze  wie  Patavium  und  Genua  sich  nicht  zu  eigener 
Prägung  aufgeschwungen  haben,  so  kann  der  Grund  nur  in  dem 
mangelnden  Bedürfnifs  gefunden  werden.  In  Heerden  und  Gold 
legte  der  Kelle  sein  Vermögen  an  (S.  12).  Das  gleifsende  Metall 
entnahm  er  den  Alpen  (I  167).  Die  Ausbeute  war  so  ansehnlich, 
dafs  die  Römer  nach  der  Eroberung  des  Polands  217  v.  Chr.  vorüber- 
gehend zur  Goldprägung  geschritten  sind.  Freilich  nimmt  solche 
erst  einen  grofsen  Umfang  an,  nachdem  Caesar  die  vom  Rhein  und 
anderen  Flüssen  abgelagerten  ungleich  reicheren  Schätze  des  Nordens 
eröffnet  halte.  Immerhin  hat  die  Ausbeute  der  Südalpen  dem  ita- 
lischen Grofsverkehr  seit  früher  Zeit  sich  des  Goldes  zu  bedienen 
ermöglicht.  Um  1000  Pfund  Gold  räumten  die  Gallier  389  v.  Chr. 
das  eroberte  Rom :  der  Bericht  über  den  Loskauf  zeigt  ihre  Ver- 
trautheit mit  der  Wage.  Der  Kleinverkehr  hat  sich  mit  elruskischem 
Kupfer  und  fremden  Münzen  behelfen  müssen.  Aehnlich  wie  seit 
Augustus  der  römische  Denar  bei  den  Germanen,  war  während  der 
Republik  die  Drachme  von  Massalia  im  Umlauf  am  Po.  Wie  hoch 
der  Wert  des  Geldes,  wie  niedrig  der  Wert  der  Bodenerzeugnisse 
hier  um  die  Mitte  des  2.  Jahrhunderts  v.  Chr.  stand,  haben  wir 
oben  (S.  56)  gesehen. 


1)  Mommsen,  Geschichte  des  römischen  Münzwesens,  Berlin  1860.  Head, 
Historia  numorum,  a  manual  of  Greeit  numismalics ,  Oxford  1887.  Saaibon, 
Recherchcs  sur  les  monnaies  de  la  presqu'ile  ilalique  depuis  leur  origine 
jusqu'  ä  la  bataille  d'Aclium,  Naples  1S70.  Garrucci,  Le  monete  dell'  Italia 
anlica,  Ronna  1885:  dazu  Dressel  in  Sallet's  Zeitschrift  XIV  und  Beschreibung 
der  antiken  Münzen  der  Kön.  Museen  III  1,  Berlin  1894. 


§  7.     Mafs  und  Münze.  71 

Der  zweite  Abschnitt  umfafst  die  nördliche  Hälfte  der  Halbinsel, 
allwo  die  Kupferwähning  mit  überraschender  Zähigkeit  sich  lange 
dem  Silber  gegenüber  behauptete.  Zwar  schlägt  der  römische  Staat 
seit  269  v.  Chr.  Silber  und  drückt  das  Kupfer  immer  mehr  zur 
Scheidemünze  herab.  Trotzdem  ist  es  bis  ungefähr  180  herrschen- 
des Courant  in  diesem  Theil  Italiens  geblieben :  solches  lehren  die 
Angaben  der  Annalen  über  die  aus  dem  Verkauf  der  Beute  erlösten 
Summen  und  die  beim  Triumph  den  Soldaten  gemachten  Geschenke; 
eine  monumentale  Hestätigung  liefern  die  vergrabenen  und  durch 
Zufall  aufgefundenen  Schätze,  die  in  älterer  Zeit  bis  zum  Bundes- 
genosseukrieg  fast  ohne  Ausnahme  aus  Kupfergeld  bestehen.  Seinen 
Reichtum  an  diesem  Metall  verdankte  Italien  vor  allem  den  etruri- 
schen  Gruben,  Aber  die  Forderung  wird  durch  den  Wettbewerb 
der  Provinzen  erstickt,  nach  einer  Mittheilung  des  Polybios  bezog 
der  Staat  aus  den  Silberbergwerken  bei  Neu  Karthago  eine  tägliche 
Pacht  von  100  000  Sesterzen  (21750  M).  Italien  selbst  weist  ein- 
zelne nicht  sehr  ergiebige  Silberadern  auf,  die  Fremde  hat  ihm  die 
Mittel  gewährt  sein  heimisches  Geld  mit  einem  handlicheren  zu 
vertauschen:  zum  letzten  Mal  erhalten  die  Soldaten  179  v.  Chr. 
beim  Triumph  ihren  Antheil  in  Kupfer  ausgezahlt.  —  Einstens  hatte 
die  Kupferwährung  sich  über  die  ganze  Halbinsel  nebst  Sicilien 
erstreckt.  Ihr  Ursprung  reicht  in  die  Epoche  hinauf  als  die  Phoe- 
nizier  in  den  westlichen  Gewässern  geboten.  Deshalb  liegt  ihr  von 
Hause  aus  phoenizisches  Gewicht,  das  Pfund  von  273  gr  zu  Grunde, 
davon  geht  auch  die  älteste  Silberprägung  der  chalkidischen  Städte 
aus.  Aber  mit  dem  Aufschwung  der  Hellenen  im  6.  Jahrhundert 
beginnt  der  ^Yetlbewerb  der  euboeischen  Mine  und  des  Pfundes  von 
327  gr.  Das  Ttevtcöyyuov,  eine  sachlich  wie  sprachlich  fremdartige 
Erscheinung,  schlägt  zwischen  alter  und  neuer  Rechnung  im  Klein- 
handel die  Brücke.  Bei  der  Erörterung  der  zwischen  Sikelern  und 
Laliuern  obwaltenden  Sprachverwandtschaft  ist  die  Frage  offen  ge- 
lassen worden,  ob  die  Kupferwährung  auf  der  Insel  oder  auf  dem 
Festland  entstanden,  in  dieser  oder  jener  Richtung  übertragen  sei 
(I  549).  Da  das  Gewicht  und  dessen  Theilung  dem  semitischen 
Culturkreis  entstammt,  läfst  sich  auch  jetzt  keine  bündige  Antwort 
auf  die  Frage  geben.  Sicher  dagegen  ist,  dafs  unter  den  festlän- 
dischen Städten  die  latinischen  nicht  den  Anspruch  erheben  dürfen 
die  Währung  zuerst  eingeführt  zu  haben.  Rom  hält  am  Alten  fest, 
sperrt  sich  gegen  alle  Neuerungen  auf  diesem  Gebiet  ebenso  hart- 


72  Einleitung. 

nackig  wie  Karthago.  Unter  der  Regierung  der  Tarquinier  hatte 
es  das  Pfund  von  327  gr  angenommen,  454  heslinimt  ein  Gesetz 
die  Bufsen  nach  Rindern  und  Schafen,  so  geschieht  auch  430,  ob- 
wol  mittlerweile  das  Land  recht  von  450  Kupfer  als  Geld  anstatt  des 
Viehs  nennt.  Endlich  geht  Rom  344  zur  Münze  über,  indem  das 
Metall  in  Formen  gegossen,  mit  Marken,  Gewichtszeichen  und  Auf- 
schrüten  versehen  wird.  Die  Einheit,  der  As  wiegt  anfanglich  12 
Unzen  327  gr,  sinkt  mit  der  Einführung  der  Hohlmafse  (S.  69)  auf 
10,  269  bei  der  Silherprägung  auf  2,  schUefslich  217  auf  1  Unze 
27,3  gr  und  darunter.  Man  liest  in  den  Annalen,  dafs  bei  der 
Kriegserklärung  an  Veji  406  einige  Adliche  ihre  Steuern  in  den 
Staatsschatz  zu  Wagen  befördern  liefsen.  In  der  That  konnte  eine 
Summe  von  1000  As  (etwa  400  Mark)  kaum  anders  fortgeschafft 
werden.  Da  als  Wertverhältnifs  beider  Metalle  269  1:120,  217 
1:112  angenommen  wurde,  so  bedeutete  die  Silbermünze  eine  ge- 
waltige Entlastung  des  Binnenhandels.  Ein  Blick  auf  die  Pfundas 
mit  ihren  Vielfachen,  die  bis  1,8  ja  2,4  kgr  wiegen,  gelegentlich 
auch  während  des  Umlaufs  halbirt  worden  sind,  überzeugt  den  Be- 
schauer, dafs  jenem  alten  Kupfergeld  eine  grofse  Kaufkraft  inne- 
wohnte. In  Rom  wurde  bei  den  auf  Vieh  lautenden  Bufsen  das 
Schaf  zu  10  As  (etwa  4  M),  das  Rind  zu  100  angesetzt;  im  Inneren 
hat  vermutlich  der  Preis  der  Bodenerzeugnisse  sich  lange  auf  dem 
niedrigen  Stand  gehalten  der  für  Oberitalien  bezeugt  wird  (S.  56). 
Was  die  Verdrängung  des  Kupfers  durch  Silber  betrifft,  so  schliefsen 
die  für  Rom  überlieferten  Daten  keineswegs  die  hinnenländischen 
Münzstätten  ohne  Weiteres  ein.  Wie  diese  vielfach  anderes  Ge- 
wicht brauchen,  so  mögen  sie  nach  den  in  der  Hauptstadt  erfolgten 
Hei  absetzungen  noch  Jahrzehnte  lang  fortgefahren  haben  ihre  schwe- 
ren As  zu  giefsen.  Die  eigentliche  Hochburg  dieses  rückständigen 
Tauschmittels  ist  der  Appennin  von  der  gallischen  bis  zur  lucani- 
schen  Grenze,  das  Gebiet  wo  die  Viehzucht  vorherrscht.  Eine  Auf- 
zählung der  bekannten  Münzstätten  wird  dienhch  sein  um  über  die 
Cultur  der  einzelnen  Landschaften  Licht  zu  verbreiten.  Erschöpfend 
ist  sie  nicht,  weil  mehrere  Münzreihen  sich  nicht  ohne  Willkür 
einer  bestimmten  Stadt  zuweisen  lassen. 

Gallische  Mark:  Ariminum,  268  lalinische  Colonie,  Schwerkupfer 
nach  einem  Pfund  von  400  gr  oder  mehr,  dann 
Kleinkupfer  mit  lateinischer  Aufschrift. 


Mafs  und  Münze. 


73 


Umbrien  :  Iguvium  Schwerkupfer  mit  umbrischem  Stadlnameo, 

As  etwa  200  gr. 

Tuder  Schwerkupfer  mit  umbrischem  Stadtnameo, 
As  io  vielen  Abstufungen  von  400  bis  40  gr  sin- 
kend, geprägtes  Kleinkupfer. 

Picenum:  Ancoiia     geprägtes    Rleinkupfer    mit     griechischem 

Stadtnamen. 
5.  Firmum,  264  lalinische  Colonie,  Schwerkupfer  nach 
einem  Pfund   von   400  gr   mit  lateinischem  Stadt- 
namen. 

Praetuttier:  Hairia,  289  latinische  Colonie,   Schwerkupfer  nach 

einem  Pfund  von  5  —  600  gr  mit  lateinischem  Sladl- 
namen. 

Vestiner:  Schwerkupfer    nach    einem  Pfund   von  4 — 500  gr 

mit  lateinischem  Volksnamen. 

Apulien  :  Lnceria,   314  latinische  Colonie,  Schwerkupfernach 

einem  Pfund  von  350  gr  und  weniger,  dann  ge- 
prägtes Kleinkupfer  mit  lateinischem  Stadtnameo. 
Venusia,  291  latinische  Colonie,  Schwerkupfer  nach 
romischem  Gewicht,  dann  geprägtes  Kleinkupfer  mit 
lateinischem  Stadtnamen. 

Etrurien:')  Die  Prägung  von  Gold  und  Silber  ist  ursprünglich 

einseitig  und  reicht  ins  6.  Jahrhundert  hinauf.  Sie 
legt  Anfangs  das  phoenizische  Pfund  zu  Grunde, 
vertauscht  es  aber  bald  mit  der  halben  euboeischen 
Mine.  Die  Münzstätten  sind  nur  theilweise  bekannt. 
10.  Volaterrae  prägt  anscheinend  in  ältester  Zeit  Gold, 
giefst  später  Kupfer  nach  einem  abgeminderten  Pfund 
von  218  gr  mit  etruskischem  Stadtnamen. 
Popidonia  prägt  Silber  und  Kleinkupfer  mit  etrus- 
kischem Stadtnamen. 

Velulonia  prägt  Kleinkupfer  mit  etruskischem  Stadt- 
namen. 

Telamon  prägt  Kleinkupfer  mit  etruskischem  Stadt- 
namen. 

Cosa,  273  latinische  Colonie,  prägt  Kleinkupfer  mit 
lateinischem  Stadtnamen. 


1)  W.  Deecke,  Etruskische  Forschungen  II,  das  Münzwesen,  Stuttgart  1876. 


74  Einleitung. 

15.  Clushim  mit  älterem  Namen  Camars  wovon  die  An- 
fangsbuclistahen  aui'  Scli\\erkui)rer  erscheinen. 
Peilhesa   prägt    Kleinkiipfer  mit  etruskischem  Stadt- 
iiamen  der  weder  anderweitig  vorkommt  noch  ürt- 
hch  bestimmt  ist. 

Volsinü  schlägt  Gold  mit  etruskischem  Stadtnamen 
vor  265. 
Lalium:  Coja  schlägt  Silber  (und  Kupfer?)  mit  lateinischem 

Stadtnamen. 

Signia,   495   lalinische  Colonie,    schlägt  Silber  mit 
laleinischem  Stadtnamen. 
Aequer:         20.  Alba,  303  lalinische  Colonie,  schlägt  Silber  mit  la- 
leinischem Stadtnamen. 
Volsker:  Aquinnm  prägt  Kleinkupfer  mit  lateinischem  Stadt- 

namen. 
Aurunker:  Snessa,   313   latinische  Colonie,    prägt  Silber   und 

Kupfer  mit  laleinischem  Stadtnamen. 
Falernergau  1) :    Schwerkupfer  seit  340  wo  der  Gau  von  römischen 
Bürgern  besiedelt  wurde,  in  6  verschiedenen  Reihen 
mit  einem  Pfund  von    327  gr  das  auf  273  gr  und 
tiefer  sinkt. 

Yelecha  Schwer-  und  Kleinkupfer   mit  dem  Namen 
einer    unbekannten   Stadt    in   griechischer  Schrift. 
Der  dritte  Hauptabschnitt  umfafst  den  Süden  der  Halbinsel  nebst 
Sicilien.     Hier  ist   die  Kupfer-    der  Silberwähruug   ein    paar  Jahr- 
hunderle früher  erlegen.    Schvverkupfer  fehlt:  das  schwerste  erhal- 
tene Stück,  eine  Lilra  von  Lipara  wiegt  108  gr  ein  Viertel  euboeische 
Mine.    Im  Uebrigen  verläuft  der  Hergang  ähnlich  wie  in  Rom.    In- 
dem  das  Silberstück   gleich   so   und    so   viel  Pfund  Kupfer   gesetzt 
wird,  bleibt  die  alte  Währung  rechnuugsmäfsig  erhallen,  aber  that- 
sächlich  tritt  das  Silber  an  ihre  Stelle  und  drückt  das  ältere  Metall 
zur  Scheidemünze  herab.    Solches  wird  schrittweise  erreicht  und  des- 
halb kommt  Kupfer  in  den  früheren  Prägungen  überhaupt  nicht  vor. 
Campanien :  25.  Cumae  von  etwa  500  bis  420  Silber  und  vereinzelt 
Gold  mit  griechischem  Stadtnamen. 
Fistlus  der  oskische  Sladtname  (auch  wol  griechisch 


1)  J.  Friedländer,  Nnmism.  Zeitsclir.  I  257,  Wien  1870,  weist  die  canipa- 
nisclie  Herkunft  tiacii:  die  im  Text  gegebene  Einschränkung  ist  historisch  ge- 
boten. 


Mafs  und  Münze. 


75 


Sidiciner: 


Samnium: 


Phislelia)  des  späteren  Puteoli  i)  prägt  Silber  bis  216. 
Neapolis  mit  griechischem  Stadtoamen  prägt  seit  440 
Silber,  seit  300  auch  Kleiokupfer,  beides  in  Masse. 
Hyria  älterer  Name  für  Nola,  jener  steht  nur  auf 
Silber,  dieser  auch  aul  Kupfer,  beide  in  griechischer 
Schrift. 

Nuceria  Alfalerna  in  oskischer  Schrift,  münzt  Silber 
und  Kupfer. 

30.  Fensernia   in   oskischer  Schrift,   unbekannter  Lage 
(=  Veaeris?)  münzt  Silber. 

Irnthie  unsicherer  Lesung  und  Lage,  prägt  Klein- 
kupfer. 

Atella  mit  oskischem  Stadinamen,  münzt  römisches 
Kleinkupfer  bis  210. 

Calatia  mit  oskischem  Stadinamen,  münzt  römisches 
Kleinkupfer  bis  210. 

Capua  prägt  Silber  mit  oskischem  Stadtnamen,  seit 
338  Silber  Gold  und  Mischgold  mit  der  Aufschrift 
Roma  Rotnanom,  während  das  Kleinkupfer  meist  den 
oskischeu  Stadtnamen  bewahrt.  Die  Prägung  er- 
lischt 211. 

35.  Cales,  334  lalinische  Colonie,  prägt  Silber  und  Klein- 
kupfer mit  lateinischem  Stadtnamen. 
Teanum  prägt  Silber  und  Kupfer,  die  oskische  Auf- 
schrift giebt  anfänglich  Volks-  und  Stadtnamen, 
dann  letzteren  allein,  so  auch  die  lateinische  auf 
Kupfer. 

Caiatia  prägt  Kupfer  mit  oskischer  und  lateinischer 
Aufschrift. 

Telesia  prägt  Kupfer  mit  oskischer  Aufschrift. 
Cubnlteria   prägt   Kupfer  mit   oskischer   Aufschrift. 

40.  Allifae  prägt  Silber  im  4.  Jahrhundert  mit  theils 
griechischem  theils  oskischem  Stadtnamen. 
Aesernia,  263  lalinische  Colonie,  prägt  Kupfer,  die 
Aufschrift  ist  lateinisch  mit  oskischen  Anklängen. 
Aquilonia  prägt  Kupfer  mit  oskischem  Stadtnamen. 
Beneventum,   268   latinische   Colonie,   prägt  Kupfer 


1)  J.  Fiiedländer,  Die  oskisclien  Münzen,  Leipzig  1850. 


76 


Einleituns 


mit  lateinischer,  vor  268  griechischer  und  oskischer 
Aufschrift. 

Freotaner:  Frentrum   (Anxanum)   prägt    Kupfer   mit   oskischer 

Aufschrift. 
45.  Larinum  prägt  Kupfer  mit  lateinischem  Stadtnamen. 

Lucanien:  Die  Volksgemeinde   prägt  zwischen    320   und   210 

Silber  und  Kupfer  mit  griechischer  Aufschrift. 
Posidonia  von  etwa  500  reiche  Silberprägung,  seit 
273  latinische  Colonie  Paestum  Anfangs  noch  Silber, 
bald  auf  Kupfer  beschränkt  das  noch  unter  Tiberius 
gemünzt  wird.     Die  Aufschrift  erst  spät  lateinisch. 
Hyele  (Velia)  von  etwa  530  reiche  Silber-,  seit  350 
auch  Kupferprägung  mit  griechischem  Stadtnamen. 
Pyxus  münzt  Silber  um  500. 
50.  Laos  münzt  Silber  im  6.  und  5.  Jahrhundert,  Kup- 
fer seit  390  mit  griechischem  Stadtnamen. 
Syharis    reiche   Silberprägung    im   6.   Jahrhundert, 
wieder   vorübergehend   um   450.     Hierauf  entfaltet 
die  Nachfolgerin  Thurii  eine  entsprechende  Thätig- 
keit  443 — 282  in  Silber  und  Kupfer,  endlich  schlägt 
Copia,    193   latinische  Colonie,    Kupfer  mit  lateini- 
schem Stadtnamen. 
Siris  münzt  Silber  um  500. 

Heradea  prägt  seit  432  Silber,  vereinzelt  Gold,  nach 
330  auch  Kupfer  mit  griechischem  Stadtnamen. 
Metapontum  reiche  Silberprägung  550 — 300,  seit 
350    auch    Kupfer    mit    griechischem    Stadtnamen. 

Bruttium:      55.  Die  Volksgemeinde   münzt  im  3.  Jahrhundert  Gold 
Silber  und  Kupfer  mit  griechischer  Aufschrift. 
Nuceria  prägt  Kupfer  mit  griechischem  Stadtnamen. 
Temese  münzt  Silber  um  500. 
Terina  prägt  480 — 380  Silber,  dann  ein  Jahrhun- 
dert   lang    Kupfer    mit    grieehischem    Stadtnamen. 
Vibo  (Hipponmm)   prägt  Kupfer  seit  356  mit  oski- 
scher  oder  griechischer  Aufschrift,  seit  192  latini- 
sche Colonie  Valentia  auf  romischen  Fufs  mit  latei- 
nischem Stadtnamen. 
60.  Mesma    prägt   Kupfer    um    340    mit    griechischem 
Stadtnamen. 


§  7.     Mafs  und  Münze. 


77 


Reghm    münzt  Silber  530—200,  Kupfer  400—89 

mit  griechischem  Stadtnaraen. 

Locri  münzt   Silber  und  Kupfer  seit  344  mit  grie- 
chischem Stadtnamen. 

Caulonia   reichhaltige  Silberprägung  550 — 388  mit 

griechischem  Stadtnamen. 

Mysiiae    und    Hyporon    münzen    um    300   Kupfer. 
65.  Croton  550 — 300  sehr  reiche  Silber-,  seit  440  auch 

Kupferpräguug  mit  griechischem  Stadtnamen. 

Petelia   münzt   Kupfer    280 — 89   mit   griechischem 

Stadtnamen. 

Pandosia  prägt  450 — 400   Silber   und  Kupfer   mit 

griechischem  Stadtnamen. 

Consentia  prägt  400 — 330  Kupfer  mit  griechischem 

Stadtnamen. 
Calabrien:  Tmentum    530 — 212    reichste    Münzstätte    Italiens 

in  Gold  Silber  Kupfer  mit  griechischem  Stadtnamen. 
70.  Aletinm    münzt   Silber    um    350   mit   messapischer 

Aufschrift. 

Uzentum   münzt  römisches  Kleinkupfer  mit  messa- 
pischer Aufschrift. 

Brnndisium,  244  latinische  Colonie,  münzt  244 — 89 

römisches  Kleinkupfer  mit  lateinischem  Stadtnamen. 

Graxa  unbekannter  Lage  münzt   römisches  Kupfer 

mit  griechischem  Stadinamen. 

Stulnium"?  unbekannter  Lage  münzt  römisches  Kup- 
fer mit  griechischer  Aufschrift. 
75.  Orra  (Uria)  münzt  römisches  Kupfer  mit  messapi- 

schem  Stadinamen. 

Äzetium  münzt  im  3.  Jahrhundert  Kupfer  mit  grie- 
chischem Stadtnamen. 

Grumum   münzt  um  300  Kupfer  mit  griechischem 

Stadtnamen. 

Butonti  münzt   um    300  Kupfer   mit   griechischem 

Stadtnamen. 
Apuliea:  Neapolis   münzt   um   300  Kupfer   mit  griechischem 

Stadtnamen. 
80.  Caelia   prägt  300—269   Silber,    269—200   Kupfer 

mit  griechischem  Stadtnamen. 


78  Einleitung. 

Barium  prägt   um   200   römisches  Kleinkiipfer  mit 

griechischem  Stadtnamen. 

Rnhi  prägt   um    300    Silber,   bis    200  Kupfer   mit 

griechischem  Stacitnamen. 

Canusium  prägt  um   300   Silber,   bis   200  Kupfer 

mit  griechischem  Stadtnamen. 

Salapia  prägt   250—210  Kupfer   mit  griechischem 

Stadtnamen. 
85.  Ausculum  prägt  vor  und  nach  300  Kupfer  mit  os- 

kischem  Stadtnamen. 

Herdom'ae   prägt  vor  210  Kupfer  mit  griechischem 

Stadtnamen. 

Arpi  prägt  von    300—213  Silber  und  Kupfer  mit 

griechischem  Stadtnamen. 

Teate   prägt  vor   300   Silber  bis  210,    und  Kupfer 

noch  nach  217  mit  oskischem  Stadtnamen. 

Hyrium   prägt   nach   250  Kupfer  mit  griechischem 

Stadinamen. 
90.  Matinum?  prägt  römisches  Kupfer  vor  217. 
Die  vorstehende  Liste  führt  90  Münzstätten  auf:  die  namen- 
losen eingerechnet,  wird  das  Hundert  erreicht  oder  gar  überschritten. 
Ihre  Bedeutung  im  Einzelnen  ist  sehr  ungleich.  Nahezu  die  Hälfte 
beschränkt  sich  auf  Kleinkupfer,  also  auf  die  engen  Grenzen  eines 
Stadtgebiets  und  veranschauUeht,  wie  im  Laufe  des  4.  und  3.  Jahr- 
hunderts das  Geld  für  den  inneren  Verkehr  der  südUchen  Land- 
schaften allgemeines  Bedürfnifs  geworden  ist.  Die  Prägung  der 
Edelmetalle  reicht  weiter  zurück.  Sie  wird  ungefähr  gleichzeitig  in 
der  letzten  Hälfte  des  6.  Jahrhunderts  von  12  hellenischen  und  3 
etruskischen  Städten  aufgenommen;  im  nächsten  Jahrhundert  kommen 
4  hellenische  hinzu.  Um  den  Handel  zu  erleichtern  und  die  gegen- 
seitige Annahme  ihrer  Münzen  zu  verbürgen,  treten  die  Städte  zu 
gröfseren  Vereinigungen  zusammen  die  sich  gleicher  Gewichtsnormeo 
bedienen.  Derartige  Münzconventionen  haben  im  Norden  für  Etru- 
rien,  im  Süden  für  Grofsgriechenland  gegolten.  Immerhin  beginnt 
die  gröfsere  Verbreitung  des  Geldwesens  erst  mit  dem  Niedergang 
der  hellenischen  und  dem  Aufschwung  der  oskischen  Nation.  Wie 
Pilze  nach  einem  warmen  Regen  aus  dem  Boden  schiefsen  einhei- 
mische Prägstätten  hervor  und  erfüllen  die  Landschaften  bis  in  die 
Nähe   des   alten    Latium.     Man   könnte  meinen  dafs  Rom  sich  344 


§  7.     Mafs  und  Münze.  79 

zur  AusmUnzuDg  seines  Seh werkiip fers  verstanden  habe,  weil  es  von 
der  nämhchen  Strömung  ergriffen  ward.     In  Wirklichkeit  sucht  es 
durch  diese  Mafsregel  sich  ihrer  zu  erwehren.    Wenn  die  Colonisten 
von  Venusia  und  Luceria  ihre  Pfundas,  die  Bauern  im  Falernergau 
ihre  mehrpfündigen  Barren  gössen,   während  bei  den  Nachbarn  im 
Umkreise   handHche  Tauschmittel   umliefen,   so  hat  die  Einrichtung 
ähnhch  wirken  müssen  wie  das  Eisengeld  in  Sparta.    Die  römische 
Regierung  sicherte  ihren  Schutzbefohlenen  den  inneren  Markt  durch 
die  Verschiedenheit  der  Währung,  erschwerte  Verkehr  und  Gemein- 
schaft mit  den  Umwohnern  nach  besten  Kräften.    Capua  war  unter 
Fortdauer  seiner  Gemeindeverfassung  in  den  römischen  Bürgerver- 
band eingetreten.    Es  prägte  Gold  und  Silber.    Da  hierin  nach  der 
Anschauung  des  Altertums  ein  Oberhoheitsrecht  zum  Ausdruck  ge- 
langt,  so   trugen   die   Stücke   folgerichtig  den    römischen   Stempel. 
Aber  als  nun  Rom  269  nach  der  Unterwerfung  des  Südens  notge- 
drungen Silbermünzen   schlug,    folgte   es  nicht  etwa  dem  campani- 
schen oder  tarentinischen  Fufs.    Beileibe  nicht:  der  leitende  Grund- 
satz  seiner  Münzpolitik    kommt  immer  und  unter  allen  Umständen 
darauf  hinaus,  dafs  Rom  nur  dem  eigenen  Gelde  gesetzliche  Gültig- 
keit  zuerkennt,   das  Geld   seiner  Verbündeten    dagegen    als   Waare 
behandelt   und  nach  Belieben  einschätzt.     Was  die  Edelmetalle  be- 
trifft, hatten  die  etruskischen  und  die  meisten  griechischen  Prägstätten 
ihre   Thätigkeit    schon    vor    dem    Ausbruch    der   punischen    Kriege 
eingestellt.     3Iit    der   Niederlage   Hannibals   schieden  Tarent  Capua 
Phistelia  Arpi   der    brettische   und   lucanische  Bund   aus.     Um   die 
übrig    gebliebenen  Schmelzöfen  auszublasen  bedurfte  es  keiner  Ge- 
walt oder  Drohung:  im  Zeitalter  der  makedonischen  Kriege  mufste 
jeder  halbwegs  zurechnungsfähige  Stadtrat  sich  sagen,  dafs  auch  der 
bescheidenste   Wettbewerb   mit   der   Herrin   der  spanischen  Silber- 
gruben   unthunlich    wäre.     Einige   wenige  prägten    noch   kupferne 
Scheidemünze  für  den    eigenen  Gebrauch,   und  Paestum  hat  damit, 
einer  unerklärten  Laune  des  Schicksals  gemäfs,  bis  in  die  Anfänge 
unserer  Zeitrechnung  fortgefahren.    Wie  völlig  aber  das  Land  vom 
römischen  Gelde  unterjocht  wurde,  zeigt  das  Verhalten  der  Bundesge- 
nossen bei  der  Erhebung  von  91:   ihre  Denare  unterscheiden  sich 
von   denen    des   Feindes   ledighch   durch   die  Aufschrift,   manchmal 
auch   das  Gepräge.     Italien   wurde  mit  dem  Erwerb  der  Weltherr- 
schaft  durch   die  Macht  der  Thatsachen  zu  einer  Münzeinheit  um- 


80  Einleitiingr- 

gebildet ;    die   Ausdehnung    des   Bürgerrechts   an    den   Po   und   die 
Alpen  verlieh  dieser  Entwicklung  ihren  gesetzlichen  Abschlufs. 

§  8.   Die  Volkswirtschaft. 

In  einer  1893  erschienenen  und  zum  Gebrauch  der  Volks- 
schule bestimmten  Landeskunde  wird  der  Stoff  in  drei  Abschnitte 
getheilt:  der  erste  giebt  unter  dem  Titel  lialia  hella  die  Beschrei- 
bung, der  zweite  handelt  von  den  Bodenerzeugnissen  und  ist  über- 
schrieben Italia  ricca,  der  letzte  enthält  einen  geschichtlichen  Abrifs, 
Italia  gloriosaA)  Die  Vorstellung  von  dem  natürlichen  Beichtum 
Italiens  stammt  aus  dem  Altertum.  Sie  ward  ins  Leben  gerufen 
durch  die  Erfolge  der  hellenischen  Colonien  (I  59  fg.)^  von  Sophokles 
und  Herodot  verkündet,  nährte  jene  überspannte  Politik  die  für 
Athen  und  Hellas  ebenso  verhängnifsvoll  ausfiel  wie  die  Römerzüge 
unserer  Kaiser  für  Deutschland.  Sodann  wurde  zunächst  durch 
Alexander  den  Grofsen  die  Aufmerksamkeit  der  gebildeten  Welt  auf 
lange  hinaus  vom  Westen  abgelenkt  (I  11).  Erst  nachdem  die  Herr- 
schaft ihren  Sitz  am  Tiber  aufgeschlagen  hatte,  wurde  das  verblafste 
Bild  aus  der  Erinnerung  hervor  geholt  und  neu  aufgefrischt.  Poly- 
bios  spannt  den  Rahmen  weiter,  schliefst  die  Ebene  am  Fufs  der 
Alpen  ein.  Die  grofsen  Flüfse  und  Wälder,  der  Segen  an  Wein 
und  Korn,  die  kräftigen  kampfesfrohen  Männer,  die  Weisheit  der 
Staatsleitung  —  das  sind  die  Farben  die  er  mischt.  Dem  Meister 
eifern  die  Schüler  nach.  Sie  entlehnen  nicht  blos:  wenn  die  Ge- 
lehrten des  Ostens  in  diesem  grünen  waldfrischen  von  Behagen 
strotzenden  Lande  weilten,  so  flöfste  der  unwillkürliche  Vergleich 
mit  der  eigenen  dürren  abgewirtschafteten  Heimat  ihren  Schilde- 
rungen die  überzeugende  Sprache  der  Wahrheit  ein.  Aber  der 
wirksamste  Zug  ist  dem  Preise  Italiens  von  dessen  Sühnen  einge- 
fügt worden,  und  nicht  im  Gegensatz  zum  Orient  sondern  zum 
unholden  INorden.  Wer  unter  dem  trüben  Himmel  Germaniens 
acht  Jahre  lang  ein  Reiterregiment  befehligt,  die  friesischen  Moore 
und  die  Watten  der  Nordsee  kennen  gelernt  hatte,  wie  der  alte 
PUnius,  konnte  füglich  nicht  umhin  sein  Vaterland  für  das  schönste 
und  beste  auf  Erden  zu  erklären.  Die  Gründe,  welche  Varro  Ver- 
gil  Phnius   zum  Beweise   ihrer  Ansicht   vorbringen    (I  372),  mögen 


1)  Angelo  De  Gubernatis,  La  patria  nostra,  Roma  1893. 


§  8.     Die  Volkswirtschaft.  31 

UDS  an  der  Wende  eines  grofsen  Jahrhunderts  zum  Lächeln  nötigen, 
sie  sind  ehrlich  gemeint  und  haben  bei  den  Nachfahren  aufrichtigen 
Glauben  gefunden.  In  all  den  langen  Zeiten  der  Unterdrückung 
und  Knechtschaft  bot  die  Vergangenheit  den  festen  Anker  dar,  au 
dem  die  Hoffnungen  auf  eine  bessere  Zukunft  emporrankten.  Das 
ganze  Unheil  der  Gegenwart,  die  schweren  Schäden  die  das  Land 
offensichtlich  zur  Schau  trug,  wurden  den  Barbaren  und  ihrem 
Helfersheller,  dem  Papsttum  Schuld  gegeben. i)  Die  Sonne  der  Frei- 
heit ist  endlich  über  dem  Appennin  aufgestiegen,  aber  ihre  Strahlen 
haben  statt  zu  heilen  die  Krankheil  in  das  grelle  Licht  des  Tages 
gerückt.  Keine  Rhetorik  vermag  die  Thatsache  zu  entkräl'ten  dafs 
die  Hälfte  des  italischen  Bodens  unbebaut  oder  unbebaubar  ist,  dafs 
das  arbeitende  Volk  trotz  Fleifs  und  Geschick,  Geduld  und  Mäfsig- 
keit  buchstäbhch  am  Hungertuch  nagt.  Durch  die  Entfesselung  der 
Wildwässer  (I  294)  die  Ausbreitung  der  Malaria  (I  416)  die  greu- 
liche Waldverwüstung  (i  435)  hat  Italien  an  seiner  natürlichen  Aus- 
stattung unermefsliclien  Schaden  genommen.  Die  Tribute  der  unter- 
worfenen Nationen,  die  Ablafsgelder  der  Christenheit,  aus  denen 
Colosseum  und  Peterskirche  aufgethürmt  wurden,  fliefsen  nicht  mehr. 
Wenn  die  Barbaren  als  Touristen  mit  einem  Betrage  steuern  der 
den  Wert  der  Gelernte  übertrifft,  so  bringen  sie  durch  ihre  Capi- 
talmacht  die  erlittene  Einbufse  mit  Zins  und  Zinseszinsen  heim. 
Die  Rollen  sind  vertauscht:  in  den  Provinzen  deren  ganzen  Geld- 
verkehr die  Römer  an  sich  gerissen  hatten,  suchen  jetzt  die  Enkel 
durch  harte  Handarbeit  ihr  Brot  zu  verdienen.  Der  Traum  ist 
verflogen  dafs  die  Freiheit  mit  einem  Zauberschlag  das  goldene  Zeit- 
alter des  Saturn  zurückführen  würde.  Indem  das  Auge  der  Wirk- 
lichkeil ins  Antlitz  schaut,  wird  es  zugleich  geschärft  um  die  bunte 
Hülle  der  Dichtung  zu  durchdringen,  die  Nord  und  Süd  mit  einander 
welleifernd    um    die    Geschichte   jenes    Zeitalters    gewoben    haben. 


1)  In  den  Clemens  VII.  gewidmeten  Istorie  Fiorentine  schreibt  Machiavelli 
bei  Gelegenheit  des  päpstlichen  Hiiifsgesuchs  an  die  Franken  752:  dimodoche 
tutte  le  guerre  che  dopo  questi  tempi  furono  da'  barbari  falle  in  Italia,  furono  in 
maggior  parte  dai  Pontefici  causate,  e  tutti  i  barbari  che  quella  inondarono, 
furono  il  piü  delle  volle  da  quelli  chiamati.  II  quai  modo  di  procedere  dura 
ancora  in  questi  nostri  tempi,  il  che  ha  tenuto  e  liene  Tllalia  disunita  ed  in- 
ferma.  Ein  Jahrhundert  später  schliefst  Cluver  p.  37  von  seiner  Bewnndernng 
Italiens  den  Süden  mit  der  Erklärung  aus:  sed  Neapolitanum  regnum  non 
tarn  civilia  bella  jtosterioribut  hisce  saeculis  quam  varia  exterorum  imperia 
divexarunt. 

Nissen,  Ital.  Landesktmde.    II.  6 


82  Einleitung. 

Die  wirtschaftliche  Entwicklung  Italiens  ist  von  der  Viehzucht 
ausgegangen  und  trägt  in  Sprache  und  Recht  diesen  Ursprung  an 
der  Stirn.  1)  Das  private  Eigentum  wird  durch  familia  pecuniaque 
d.  h.  Sklaven  und  Vieh  ausgedrückt,  der  Eigenlumserwerb  durch 
mancipium  d.  h.  HandgrilT,  das  Machtverhältnifs  in  dem  der  Herr 
zu  seinem  Eigentum  steht,  durch  potestas  manus  mancipium.  Alle 
diese  Ausdrücke  sind  auf  bewegliche  Dinge,  zunächst  auf  lebende 
Wesen  gemünzt,  werden  nur  künstlich  auf  unbewegliche  Dinge  über- 
tragen. Die  Natur  weist  den  Viehzüchter  auf  ein  Wanderleben  hin : 
er  zieht  im  Sommer  zu  Berg,  im  Winter  zu  Thal,  je  nachdem  die 
Flur  den  Heerden  Nahrung  beut.  Wol  nimmt  der  einzelne  Gau, 
das  einzelne  Geschlecht  bestimmte  Weidegründe  für  sich  in  An- 
spruch, und  so  schwankend  auch  die  Grenzen  sein  mögen,  werden 
die  Ansprüche  von  den  Nachbarn  anerkannt.  Aber  das  Nutzungs- 
recht steht  allen  Genossen  zu,  ein  Sondereigentum  an  Grund  und 
Boden  ist  auf  dieser  Stufe  der  Entwicklung  ausgeschlossen.  Die 
Ueberlieferung  läfst  das  Sondereigentum  an  Grund  und  Boden  zu- 
gleich mit  der  Einführung  des  Ackerbaus  und  der  Schöpfung  des 
Staats  entstehen.  Ein  Göttersohn,  Italus  Romulus  Caeculus  oder 
wie  er  heifsen  mag,  sammelt  Hirten  und  heimatlose  Leute  um  sich, 
gründet  eine  Stadt  und  theilt  jedem  Bürger  2  Morgen  als  Erbgut 
zu.  Die  betreffenden  Legenden  sind  nicht  sehr  alt  und  verlegen 
bekannte  geschichtliche  Verhältnisse  in  die  Vorzeit  zurück.  Indefs 
kann  nicht  bezweifelt  werden  dafs  der  Ackerbau  in  Italien  von  Hause 
aus  auf  Feldgemeinschaft  beruhte.  Die  an  die  Colonisten  ausge- 
Iheilten  Landlose  reichen  noch  im  4.  Jahrhundert  für  den  Unterhalt 
einer  Famihe  entfernt  nicht  aus  (S.  26)  und  erlangen  nicht  vor 
dem  2.  das  erforderliche  Mafs  (S.  28).  Damit  hängt  zusammen  dafs 
der  Staat  wie  die  Gemeinde  von  den  Römern  als  eine  vermögens- 
rechtliche Gemeinschaft  aufgefafst  wird,  an  der  alle  Bürger  beiheiligt 
sind.  Die  Auffassung  ist  immerdar  festgehalten  worden,  obwol  sie 
zu  verhängnisvollen  Ergebnissen  führte;  denn  nach  ihr  gehört  der 
Grund  und  Boden  in  den  Provinzen  dem  römischen  Volke  und  wird 
den  bisherigen  Inhabern  nur  auf  Widerruf  gegen  eine  Abgabe  zur 
Benutzung  überlassen:  anderseits  ist  es  ganz  folgerichtig  wenn  der 
Reinertrag  aus  diesen  Landgütern  des  Volks  (praedia  populi  Romani) 
zu  dessen  Gunsten  verwandt,   sogar  in  der  Form  einer  Staatsrente 


1)  Mommsen,  Staatsrecht  III  1,22. 


§  8.     Die  Volkswirtschaft.  S3 

an  die  Bürger  ohne  die  mindeste  Gegenleistung  gezahlt  wird.  Wie 
die  Samtwirtschaft  in  der  durch  ihren  riesenhaften  Umfang  beding- 
ten Entartung  von  der  römischen  Gemeinde  betrieben  wurde,  schil- 
dert eine  reichhaltige  Ueberlieferung;  für  die  Anfänge  jedoch  aus 
denen  sie  hervorgegangen,  die  einfachen  Verhältnisse  auf  die  sie 
berechnet  war,  versagen  die  Quellen  völlig.  Dagegen  ist  die  Um- 
wandlung der  Allmende  in  Privatbesitz,  die  Verdrängung  der  ge- 
meinsamen durch  Einzelwirtschaft  ohnehin  verständlich.  Wenn  die 
Legende  keinen  Staat  ohne  Ackerbau  und  Sondereigentum  anerkennt, 
so  leiht  sie  dem  durchaus  zutreffenden  Gedanken  Worte  dafs  beides 
untrennbar  zusammen  gehört:  der  Bauer  geht  mit  dem  Boden  den 
er  urbar  gemacht,  mit  dem  Garten  den  er  bepflanzt  hat,  einen  in- 
nigen Bund  ein.  Deshalb  wird  die  zunehmende  Verbreitung  des 
Ackerbaus  und  namentlich  der  Baumzucht  die  Feldgemeinschaft 
immer  mehr  einschränken  und  verdrangen ;  dazu  kommt  das  Ueber- 
gewicht  des  Adels.  Vor  dem  Gesetz  sind  alle  Römer  gleich.  Dies 
hindert  nicht  dafs  bei  Coloniegründungen  der  Centurio  und  Reiter  ein 
doppelt  und  dreimal  so  grofses  Ackerlos  erhält  wie  der  gemeine 
Soldat  (S.  28).  Als  das  claudische  Geschlecht  504  in  den  Staats- 
verband aufgenommen  ward,  erhielt  jeder  Gentile  2,  der  Führer 
Appius  25  Morgen  angewiesen. i)  Die  aristokratische  Gliederung 
der  Gesellschaft,  die  bei  den  Römern  stärker  ausgebildet  ist  als  bei 
anderen  Völkern,  wurzelt  in  der  Vorzeit.  Nach  der  Legende  setzt 
Romulus  den  Rat  der  Aeltesten  ein,  der  für  alle  Zukunft  als  Träger 
der  Regierungsgewalt  galt.  In  Wirklichkeit  ruht  die  italische  wie 
die  griechische  Verfassung  auf  dem  Geschlecht:  von  den  17  Tribus, 
welche  die  römische  Feldmark  zu  Anfang  der  Republik  umfafste, 
sind  16  nach  Geschlechtern  benannt.  Man  kann  den  Vorstehern 
dieser  Geschlechtsdörfer  oder  Gaufürsten  eine  ähnhche  Stellung  zu- 
schreiben, wie  die  Könige  bei  Homer  und  Hesiod  oder  die  Häupt- 
linge keltischer  Clans  einnehmen.  Sie  überragen  die  Genossen 
weitaus  an  Besitz  von  Knechten  und  Heerden,  ziehen  aus  der  All- 
mende ungleich  gröfseren  Nutzen  als  jene.  Zahlenmäfsig  läfst  sich 
das  nicht  belegen;  aber  der  Grundrifs  des  S.  10  beschriebenen 
Pfahldorfs  aus  der  Provinz  Parma  klärt  uns  über  die  Ausdehnung 
der  Wohnfläche  auf,  die  dem  Fürsten  innerhalb  der  Befestigung  ein- 
geräumt wird :   sie  umfafst  ein  Sechstel  des  ganzen  Areals,  volle  2  ha. 


1)  Plut.  Publ.  21,6. 


84  Einleitung. 

während    die  Hülle  eines  gewöhnlichen   Bürgers  auf  20—30  Gm 
beschränkt  bleibt. 

Im  Lauf  der  Geschichte  ist  ItaHen  aus  einem  Wald-  ein  Korn- 
land (I  431),  aus  einem  Korn-  ein  Wein-  und  Oelland  geworden 
(l  450).  Damit  geht  ein  Wechsel  der  politischen  und  wirtschaftlichen 
Lebensformen  Hand  in  Hand.  Auf  politischem  Gebiet  wird  die  Gau- 
durch  die  Stadtveifassung  verdrängt,  auf  wirtschaftlichem  Gebiet 
wird  das  Sondereigentum  an  Grund  und  Boden  rücksichtslos  durch- 
geliihrt,  so  dafs  es  an  Beweglichkeit  der  fahrenden  Habe  gleich- 
küiniDt.  üeber  viele  Jahrhunderte  erstreckt  sich  diese  Bewegung, 
gelaugt  hier  früher  dort  später  ans  Ziel,  im  Norden  erst  unter  Au- 
gustus.  Sie  geht  aus  von  der  Küste.  Die  aufblühenden  Städte  üben 
die  nämliche  Wirkung  auf  das  umliegende  Land  aus,  die  unter  ver- 
änderter Weltlage  seit  den  Staufern  sich  wiederholen  sollte.  Sie 
ziehen  mit  Güte  und  Gewalt  die  Gaufürsten  in  den  Bereich  ihrer 
Mauern,  wandeln  den  Landadel  in  einen  städtischen  Patriciat  um, 
bilden  den  Typus  der  herrschenden  Classe  aus  der  dem  Süden  im 
Gegensatz  zum  Norden  eignet.  Der  Patricier  ist  nicht  nur  Grofs- 
grundbesitzer  sondern  auch  Grofskaufmann.  Ein  Volksbeschlufs  von 
219  untersagte  ihm  den  Handel. i)  Aber  das  Gesetz  blieb  ein  todter 
Buchslabe:  das  Institut  der  Clientel  bot  die  bequemste  Handhabe 
um  den  äufseren  Anstand  zu  wahren  ohne  den  Gewinn  zu  ver- 
schmähen; vor  und  nach  jenem  Gesetz  hat  der  regierende  Adel  in 
Geriebenheit  und  Härte  mit  dem  gewerbsmäfsigen  Wucherer  gewett- 
eifert. Zunächst  wird  der  Bodenertrag  durch  die  Städle  bedeutend 
gesteigert,  Acker  und  Garten  auf  Kosten  von  Wald  und  Weide  er- 
weitert, durch  neu  eingebürgerte  Culturen  gehoben,  endlich  von 
dem  Bann  der  Feldgemeinschaft  befreit.  In  Rom  ist  der  Uebergang 
der  Allmende  in  PrivatbesiU  unter  den  Tarquiniern  weit  gediehen. 
Die  dem  Servius  Tullius  beigelegten  Censussätze  stammen  freilich 
aus  der  Zeit  der  punischen  Kriege,  und  es  wäre  verlorene  Mühe 
erraten  zu  wollen  wie  sie  vorher  und  anfänglich  gelautet  haben. 
Aber  die  Eintheilung  der  Bürgerschaft  nach  dem  Vermögen  ist  ohne 
durchgeführte  Privatwirtschaft  undenkbar,  und  ein  Erbgut  von  2 
Morgen  genügte  keinesfalls  um  dem  Inhaber  Stimmrecht  in  der  ersten 


1)  Liv.  XXI  63  ne  quis  Senator  cuive  Senator  pater  fuisset,  maritimam 
navem  quae  plus  quam,  trecentarum  amphorarum  esset  [7,86  Tons]  haberet.  id 
satis  habitum  ad  fructus  ex  agris  vectandos :  quaestus  omnis  patribus  indeco- 
rus  VISUS. 


§  8.     Die  Volkswirtschaft.  85 

(blasse  zu  verleihen.  Urkundlich  tritt  denn  auch  im  Landrecht  von 
450  der  Geist  des  crassesten  Capitalismus  verkörpert  entgegen.  — 
Durch  die  ganze  Geschichte  der  Repubhk  zieht  sich  der  Kampf 
zwischen  Adel  und  Volk  hin,  der  weit  mehr  socialer  als  politischer 
Natur  ist.  Als  vornehmste  Streitobjecle  kehren  die  Schuldenlast  und 
das  Gemeinland  immer  wieder.  In  älterer  Zeit  handelt  es  sich  bei 
der  Verschuldung  besonders  um  Waaren:  noch  unter  den  Kaisern 
hören  wir  von  einem  Geschäft,  wo  der  Bauer  im  Winter  10  Scheffel 
Korn  entleiht  und  nach  der  Ernte  15  zurück  erstattet.  Für  Geld- 
darlehen beschränkt  das  Landrecht  der  12  Tafeln  den  Zinsfufs  auf 
10  Procent.  Er  ward  347  um  die  Hälfte  ermäfsigt,  stand  54  auf 
4  Procent  und  stieg  wieder  auf  das  Doppelte.  Ein  fafslicher  Durch- 
schnitt läfst  sich  nicht  angeben,  aber  unter  allen  Umständen  ist  der 
Zins  in  der  republikanischen  Epoche  hoch  und  wird  wenn  der  Zahlungs- 
termin verstreicht,  zum  Capital  geschlagen,  so  dafs  dieses  in  wenig 
Jahren  lawinenhaft  anschwillt.  Im  ersten  Jahrhundert  nach  Ver- 
treibung der  Könige  haben  die  römischen  Waffen  oft  ohne  Glück 
gefochten:  es  ist  verständlich  wie  die  Verwüstuügen  des  Krieges  und 
die  schweren  Steuern  die  er  im  Gefolge  hatte,  den  Bauern  in  Schul- 
den stürzen  mufslen.  Die  Schulden  trieben  ihn  von  Haus  und 
Hof,  beraubten  ihn  auch  der  Freiheit;  denn  die  Schuldknechtschaft 
alten  Rechts  ist  erst  326  abgeschafft  worden.  So  bescheiden  auch 
die  Masse  der  Capitalien  mit  späteren  Zeiten  verglichen  damals  sein 
mochte,  darf  man  sie  gleichwol  nicht  unterschätzen.  Das  Lösegeld 
für  die  GalHer  im  Betrage  von  1000  Pfund  Gold  ist  389  ohne 
Mühe  beschafft  worden;  gegen  den  Aulwand  bei  Leichenbegäng- 
nissen mufste  das  Landrecht  bereits  450  einschreiten.  Zum  Schutz 
gegen  den  Patriciat  hat  die  Bauerschaft  494  auf  dem  heiligen  Berg 
die  Einsetzung  der  Volkstribunen  erzwungen. 

Die  Verwaltung  des  Gemeindevermögens  liegt  dem  Rat  und  der 
Magistratur  ob.  In  einem  jüngeren  Sladtrecht  wird  der  Bewerber 
um  Duovirat  und  Quaestur,  d.  h.  die  beiden  Aemter  die  mit  der 
Leitung  der  Gasse  betraut  waren,  verpflichtet  vor  der  Wahl  Bürg- 
schaft zu  stellen  und  zu  schwören  dafs  er  sich  nicht  an  öffentlichem 
Gelde  vergreifen  werde. i)  Anderswo  wird  statt  der  Bürgschaft  die 
nötige  Sicherheit  in  dem  Census  gesucht  an  den  der  Eintritt  in  den 
Stadtrat  geknüpft  ist:  dieser  beträgt  für  Comum  100000  Sesterzen, 


1)  Lex.  Mal.  c.  60.  57. 


86  Einleitung. 

für  Rom  1  Million  (218  000  Mark).  Das  Gemeindevermögen  er- 
reicht in  der  Regel  eine  solche  Höhe,  dafs  mit  den  Einkünften  der 
laufende  Haushalt  bestritten  werden  kann.  Dies  gilt  auch  nach  Auf- 
iheilung  der  Allmende  von  Rom  zur  Zeit  des  Ständekampfes.  Inner- 
halb der  servianischen  Mauer  gehört  dazu  der  ganze  vom  Pomerium 
ausgeschlossene  Raum,  also  z.  R.  der  Aventin  bis  456  wo  er  an 
die  Plebs  aufgetheilt  ward,  ferner  die  Liegenschaften  am  Capitol 
deren  Verkauf  für  die  Rüstungen  gegen  Mithridrates  88  v.  Chr. 
einen  Erlös  von  9000  Pfund  Gold  (8  Millionen  Mark)  einbrachte. 
Auch  das  Häusermeer  der  Kaiserstadt  stand  zum  Theil  auf  öffent- 
lichem Grunde  und  hatte  demgemäfs  Bodenzins  an  den  Staat  zu 
entrichten.  Aulserhalb  der  Mauer  hat  die  Gemeinde  seit  Alters  Weiden 
Wälder  Salinen  und  Ackerland  besessen.  Obgleich  genauere  An- 
gaben fehlen,  kann  der  Besitz  nicht  gering  gewesen  sein;  denn  200 
V.  Chr.  ist  im  Umkreis  von  50  Millien  Gemeinland  genug  verfüg- 
bar um  eine  10  Jahr  zuvor  aufgenommene  Kriegsanleihe  zu  decken. 
—  Die  endlosen  agrarischen  Streitigkeiten  nun  die  sich  von  Sp.Cassius 
bis  Caesar  hinziehen,  sind  alle  auf  dieselbe  Melodie  gestimmt.  Die 
Plebs  fordert  Antheil  an  dem  Gemeinland  in  Gestalt  von  Ackerlosen 
die  ihr  zum  erblichen  Eigentum  überwiesen  werden.  Der  Adel 
sucht  aus  allen  Kräften  dies  zu  hintertreiben,  zum  Besten  der  Stadt- 
casse  und  zum  eigenen  Besten.  Nach  der  Eroberung  eines  feind- 
lichen Gebiets  pflegen  beide  Parteien  ein  Abkommen  zu  treffen. 
Den  VolkswUnschen  willfahrt  die  Regierung  einerseits  durch  Anlage 
von  Colonien.  Zu  den  Gründungen  latinischen  Rechts  können  auch 
römische  Bürger  herangezogen  werden;  aufser  den  Landlosen  für 
die  Ansiedler  wird  das  neue  Gemeinwesen  mit  ausreichendem  Grund- 
besitz ausgestattet  um  selbständig  wirtschaften  zu  können.  Die  Lose 
in  den  Bürgercolonien  sind  in  der  älteren  Zeit  viel  kleiner  (S.  29), 
aber  die  Colonisten  nehmen  in  den  von  ihnen  besetzten  Städten  den 
Rang  von  Palriciern  ein  und  ziehen  aus  dem  Gemeindevermögen 
einen  Nutzen  der  die  Beschränkung  ihres  Sonderguts  aufwiegt.  Immer- 
hin ist  der  Plebejer  keineswegs  immer  mit  Begeisterung  dem  Rufe 
gefolgt,  der  ihn  in  die  Ferne  auf  einen  gefährdeten  Posten  führte. 
Beliebter  war  die  Landanweisung  die  aufser  Beziehung  zu  einer 
Colouie  stand;  denn  beim  ager  viritanus  oder  viritim  assignalus 
werden  die  Lose  reichlicher  bemessen  und  können  leichter  ver- 
äufsert  werden.  Wie  S.  29  bemerkt,  ist  die  Hauptmasse  der  römi- 
schen Empfänger  auf  diesem  Wege  bedacht  worden.    Bei  aller  Frei- 


§  8.     Die  Volkswirtschaft.  87 

giebigkeit  gegen  den  gemeinen  Mann  durfte  das  Ganze  keinen 
Schaden  leiden :  die  Regierung  hat  unverbrüchlich  an  dem  Grund- 
salz fest  gehalten  dafs  der  Staat  aus  dem  eroberten  Lande  ebenso 
gut  Gewinn  zöge  wie  die  Plebs.  Selbst  die  Gracchen  und  Sulla 
haben  trotz  aller  Schroffheit  ihres  Vorgehens  den  Grundsatz  aner- 
kannt und  aus  Rücksicht  auf  den  öffentlichen  Haushalt  die  einträg- 
liche campanische  Domäne  verschont.  Erst  Caesar  vertheilte  sie  im 
Hinblick  auf  die  neu  eröffneten  Einkünfte  aus  den  Provinzen.  Seinen 
Gewinnantheil  verwertet  der  Staat  auf  verschiedene  Weise:  er  ver- 
kauft Land  das  damit  in  Privatbesitz  übergeht,  oder  läfst  es  bei  der 
alle  5  Jahre  wiederkehrenden  Feststellung  des  Budgets  durch  die 
Censoren  verpachten,  stellt  es  endlich  zur  vorläufigen  Nutzniefsung 
frei.  —  Das  zuletzt  erwähnte  Verfahren  hat  den  Anlafs  zur  Revolu- 
tion der  Gracchen  gegeben,  ist  aber  von  Hanse  aus  ganz  verständig 
und  berechtigt.  INach  der  vorzüglichen  Darlegung  die  Appian  von 
diesen  Dingen  bewahrt  hat  i),  wurde  das  bebaute  Land  vertheilt 
verkauft  und  verpachtet.  Das  unbebaute,  das  in  Folge  der  Verwüs- 
tungen des  Krieges  in  Masse  vorhanden  war,  bis  auf  Widerruf  in 
Besitz  zu  nehmen  forderte  eine  öffentliche  Bekanntmachung  Lieb- 
haber auf.  Die  Occupanlen  hatten  den  Zehnten  vom  Korn,  ein 
Fünftel  vom  Ertrag  der  Baumpflanzung,  aufserdem  ein  Weidegeld 
für  jedes  Stück  Vieh  alljährlich  an  den  Staat  abzuführen.  Es  leuch- 
tet ein,  dafs  nur  vermögende  Leute  ein  solches  Geschäft  wagen 
konnten:  zur  Einrichtung  verwüsteter  Ländereien  gehörte  Capital, 
und  dies  ging  verloren  wenn  der  Staat  nach  beliebiger  Frist  von 
seinem  unverjährbaren  Recht  Gebrauch  machte  und  das  Land  wieder 
einzog;  ob  er  in  solchem  Falle  eine  Entschädigung  für  Gebäude  und 
Verbesserungen  bewilligen  würde,  hing  ledigUch  vom  guten  Willen 
ab,  einen  Anspruch  hatte  der  Besitzer  nicht.  Die  ungeheuere  Aus- 
dehnung dieser  Occupationen  haben  wir  S.  30  kennen  gelernt:  sie 
befafsten  130  v.  Chr.  100  deutsche  Quadratmeilen  die  zu  Unrecht  be- 
sessen wurden.  Wie  hoch  aufserdem  der  Betrag  der  durch  das 
Gesetz  gestatteten  Occupationen  zu  veranschlagen  sei,  bleibt  ganz 
im  Dunkeln.  Die  Beschränktheit  des  ältesten  Freistaats  setzte  der 
Entwicklung  des  Grofsgrundbesitzes  ziemlich  enge  Grenzen;  die 
Eroberung  Veji's  die  nahezu  den  doppelten  Zuwachs  brachte,  öffnete 


t)  Appian  b.civ.I  7. 


88  Einleitung. 

die  Baho.i)  Allen  die  sich  meldeten,  Hausvätern  wie  -söhnen  wurden 
Ackerlose  von  7  Morgen  angewiesen:  ein  Mafs  das  auch  290  und 
280  wiederkehrt  und  als  die  Norm  bei  den  Viritanassignalionen  der 
allen  Repuhhk  gegolten  hal.2)  Auf  das  unvertheilte  Gemeinland 
warf  sich  das  Capital  mit  solcher  Gier,  dafs  Licinius  Slolo  ein  Ge- 
setz 377  ein-  und  367  durchbrachte,  das  die  Occupation  von  mehr  als 
500  Morgen  und  mehr  als  100  Stück  Grofs-  oder  500  Stück  Klein- 
vieh auf  die  Weide  zu  treiben  verbot.  Sein  Urheber  ward  357  ver- 
urtheilt  weil  er  es  selbst  übertreten  hatte.^)  Man  kann  vermuten 
dafs  Gaius  Flaminius  bei  der  232  entfesselten  agrarischen  Bewegung 
an  das  Gesetz  angeknüpft  habe.  Aber  bald  wurde  es  durch  die 
Ereignisse  wieder  überholt:  die  Grenze  rückte  an  den  Po  vor,  im 
Süden  zog  Rom  nach  der  Niederlage  Hannibals  grofse  Gebietstrecken 
ein,  erweiterte  seinen  Besitz  in  Italien  auf  rund  1000  deutsche  Quadrat- 
meilen, das  Fünfziglache  von  dem  was  er  zu  Anfang  der  Republik 
betragen  hatte.  Die  Regierung  konnte  die  Masse  des  erworbenen 
Neulands  so  wenig  bewältigen  dafs  sie,  was  gar  nicht  römische  Art 
war,  den  verbündeten  Gemeinden  einen  ansehnlichen  Theil  überhefs: 
z.  B.  erhielten  Atella  und  Arpinum  Grundbesitz  im  Poland,  Cales 
in  Lucanien,  Luca  im  ligurischen  Appennin^};  viele  Verleihungen 
sind  von  den  Gracchen  zurückgefordert  worden.  Dafs  der  römische 
Adel  bei  den  Occupationen  sich  selbst  nicht  vergafs,  ist  klar.  In- 
dessen hat  der  Ervverb  der  Provinzen  mehr  zur  Ausbreitung  der 
Latifundien  beigetragen  als  die  Unterwerfung  Itahens. 

In  den  beiden  Menschenallern  die  auf  den  hannibalischen  Krieg 
folgen,  hat  die  Appenninhalbinsel  den  Uebergang  zur  Geldvvirtschaft 
vollendet.  Der  Grundsatz  alle  Einnahmen  und  Ausgaben  des  Staates 
ötfenlhch  auf  dem  Forum  zu  verdingen  macht  Rom  zur  Weltbörse 
und  zieht   in   deren  Strudel   die   vermögenden  Kreise,  ja  auch  die 


1)  Nach  Beloch,  Der  italische  Bund  p.  69.,  umfafste  das  römische  Gebiet 
500  V.  Chr.  983  Dkm.  Aus  den  Eroberungen  in  Südetrurien  wurden  383  die 
laleinischen  Colonien  Sutrium  und  Nepet  mit  298  D^m  ausgestattet.  Den  387 
eingerichteten  4  Tribus  schreibt  Beloch  p.  75  je  200  Dkm  zu.  Dies  ist  hoch 
gerechnet;  denn  darnach  wären  mindestens  40  000  Ackerlose  ausgelheilt  worden. 
Aber  selbst  bei  solchem  Ansatz  bleiben  nach  p.  70  noch  420  Dkm  Gemeinland 
übrig  und  boten  für  Occupationen  einen  weiten  Spielraum. 

2)  Schwegler,  Rom.  Gesch.  II  418  fg. 

3)  Liv.  VII  16;  auch  später  kommen  häufige  Verurtheilungen  auf  Grund 
des  Gesetzes  vor,  Liv.  X  13.  23.  47  XXXIII  42  XXXV  10  Ovid  Fast.  V  285. 

4)  Cic.  ad  Fam.  XllI  7.  11  CIL.  X  3917  XI  1147. 


§  8.     Die  Volkswirtschaft,  89 

unteren  Schichten  der  Nation  hinein.  Am  Ende  dieses  Zeitraums 
stellt  Polybios  die  römische  Verfassung  als  eine  Mischung  von  mo- 
narchischen aristokratischen  und  demokratischen  Gewalten  dar,  die 
harmonisch  in  einander  gefügt  sich  gegenseitig  bedingen.  Die  De- 
mokratie schildert  er  also^):  ,,Der  Senat  hängt  ganz  vom  Volke  ab, 
umgekehrt  ist  aber  auch  das  Volk  dem  Senat  verpflichtet  und  mufs 
sich  nach  diesem  in  öflentlichen  und  privaten  Dingen  richten.  Denn 
da  viele  Arbeiten  in  ganz  Italien  von  den  Censoren  für  die  ver- 
schiedenartigsten Staatsbauten  vergeben ,  desgleichen  viele  Flüsse 
Häfen  Pflanzungen  Bergwerke  Ländereien,  kurz  was  in  die  Hand 
der  Römer  gefallen  ist,  verpachtet  werden,  liegt  die  ganze  Ausfüh- 
rung und  Verwaltung  davon  bei  den  Gemeinen,  und  nahezu  Alle 
sind  durch  die  Pachtungen  und  den  daraus  entspringenden  Gewinn 
gebunden;  denn  die  einen  treten  bei  den  Censoren  als  Unternehmer 
auf,  die  anderen  sind  Partner,  wieder  andere  leisten  Bürgschaft  für 
die  Unternehmer  oder  verpfänden  auch  dem  Staat  ihr  Vermögen.  In 
allen  diesen  Fragen  hat  der  Senat  die  letzte  Entscheidung:  er  kann 
den  Zahlungstermin  verlängern,  bei  Unglücksfällen  Nachlafs  gewäh- 
ren und  wenn  eine  höhere  Macht  die  Leistung  verhindert,  den 
ganzen  Vertrag  auflösen.  Und  es  giebt  viele  Gelegenheiten,  wo  der 
Senat  den  Steuerpächtern  empfindlichen  Schaden  oder  Nutzen  zu- 
fügt; denn  er  bildet  die  oberste  Instanz.  Was  aber  die  Hauptsache 
ist,  aus  ihm  werden  die  Richter  genommen  für  die  meisten  Pro- 
cesse  des  Fiscus  wie  der  Privaten,  wenn  es  sich  um  ein  grofses 
Streitobject  handelt".  Der  Stand  der  Steuerpächter  begegnet  schon 
im  hannibalischen  Krieg  und  wird  bei  steigendem  Einflufs  immer 
mehr  gleichbedeutend  mit  dem  sogen.  Ritterstand  d.  h.  den  Bürgern 
die  einen  Census  von  400000  Sesterzen  (87000  Mark)  besafsen. 
Sie  brachten  nach  und  nach  das  Geldgeschäft  im  Umkreis  des  Mittel- 
meers an  sich.  Ein  Zins  von  12  Procent  galt  aufserhalb  Italiens 
als  mäfsig,  Verres  nahm  in  Sicilien  24,  M.  Brutus  (der  Befreier)  in 
Cypern  gar  48.  Unter  derartigen  Umständen  konnte  eine  Anleihe 
von  20  000  Talenten  (90  Millionen  Mark),  welche  die  Provinz  Asien 
84  v.  Chr.  um  die  von  Sulla  ausgeschriebene  Kriegssteuer  zu  decken 
bei  römischen  Bankiers  aufgenommen  hatte,  im  Verlauf  von  14 
Jahren  auf  die  sechsfache  Höhe  wachsen.  Der  goldene  Segen  lockte 
zahllose  Scharen  in   die  Fremde,   das  Bürgerrecht  gewährte  seinem 

1)  Pol.  VI  17. 


90  Einleitung. 

Träger  innerhalb  wie  aufserhalb  des  römischen  Machtbereichs  wesent- 
liche Vortheile.i)  Der  mercanlile  Sinn  der  Nation  wird  durch  die 
Nachricht  erläutert,  dafs  die  Soldaten  196  v.  Chr.  ihren  Urlaub  be- 
nutzten um  in  Griechenland  undier  zu  ziehen  und  zu  schachern  2)  | 
desgleichen  durch  die  46  von  Caesar  erlassene  Verfügung  die  jedem 
Bürger  zwischen  20  und  40  Jahren  untersagte  mehr  als  3  Jahre 
hinter  einander  von  Italien  abwesend  zu  sein. 3)  Wenn  er  sich  auch 
nicht  berechnen  läfst,  war  der  Procentsatz  der  im  Ausland  thätigen 
Römer  sehr  beträchtlich:  bei  dem  Blutbad  das  88  v.  Chr.  Mithrida- 
tes  unter  ihnen  anrichtete,  wurden  an  einem  Tage  80  oder  gar 
150000  Menschen  italischen  Stammes  in  Kleinasien  hingemetzelt 
bald  darauf  weitere  20  000  in  Delos.  Italische  Kaufleute  weilten 
112  in  Cirla  der  Hauptstadt  Numidiens  in  solcher  Menge,  dafs  sie 
den  Platz  mit  Erfolg  gegen  lugurtha  verlheidigten,  freilich  nach  der 
unbedachten  Uebergabe  über  die  Klinge  springen  mufsten.  Nach 
allen  Himmelsgegenden  hin  eilt  der  Kaufmann  als  Pionier  den 
Legionen  weit  voraus,  dringt  an  der  norwegischen  Küste  bis  zum 
Polarkreis,  in  Germanien  bis  nach  Samland,  Nilaufwärts  bis  zu  den 
grofsen  Seen  ja  bis  zur  Breite  von  Madagascar  vor,  spielt  sich  an 
indischen  Fürstenhöfen  und  schliefslich  in  China  als  kaiserlicher 
Gesandter  auf.  Es  ist  sein  Werk  und  sein  Verdienst,  wenn  am  Aus- 
gang des  Altertums  das  Erdwissen  zwei  Drittel  der  östlichen  Halb- 
kugel umspannt. 

Das  Geldgeschäft  beherrscht  nach  Polybios  die  Comitien,  man 
kann  getrost  hinzufügen  die  ganze  grofse  Politik.  Die  meisten  aus- 
wärtigen Kriege,  die  Zerstörung  Karthago's  wie  die  Eroberung  Gal- 
liens^),  sind  ohne  triftige  Gründe  und  weniger  aus  Ehrgeiz  als  aus 
Gewinnsucht  unternommen  worden.  Nach  der  Herrenmoral  der 
Allen  stand  es  dem  mit  der  Majestät  des  römischen  Namens  um- 
kleideten Statthalter  durchaus  frei,  draufsen  die  Kosten  einzubringen 
die  er  daheim  für  die  Erlangung  des  Amtes  aufgewandt  hatte.  Bei 
der  Verwaltung  der  Provinzen  waren  allerdings  die  Vorschriften 
einer  einsichtigen  Wirtschaft  zu  beobachten,  die  Kaiser  Tiberius  tref- 
fend mit  den  Worten  wiedergiebt:  „Ein  guter  Hirte  scheert  die  Schafe, 
schindet  sie  nicht".    Aber  die  Versuchung  war  zu  grofs,  und  obwol 


1)  Cic.  Verr.  V  166  fg. 

2)  Liv.  XXXIII  29  vgl.  V  8  Paul,  an  Timoth.  II  2,4. 

3)  Sueton  42. 

4)  Bonner  Jahrb.  XGVI  (1895)  4  fg. 


§  8.     Die  Volkswirtschaft.  91 

seit  149  ein  eigener  stark  in  Anspruch  genommener  Gerichtshof 
die  Klagen  der  Unterthanen  wegen  Erpressung  aburtheilte,  sind  die 
Schuldigen  vielleicht  meistens,  sicher  oftmals  straflos  ausgegangen. 
Dem  regierenden  Adel  flofs  der  Löwenantheil  aus  dem  Ertrag  der 
Herrschaft  zu.  Durch  Gesetz  und  Herkommen  war  der  Adel  ge- 
halten den  Hauptstock  seines  Vermögens  in  Land  anzulegen.  Selbst 
ein  Speculant  wie  M.  Crassus  hat  Güter  im  Wert  von  200  Millionen 
Sesterzen  (43,6  M  Mark)  besessen. i)  Rechnet  man  den  Morgen  zum 
hohen  Satz  von  1000  Sesterzen  2),  so  ergiebt  die  Summe  eine  Acker- 
fläche von  500  D  km ;  das  Inventar  ist  dabei  nicht  berücksichtigt, 
doch  wird  dieser  Posten  reichlich  durch  den  Umstand  aufgewogen 
dafs  die  Weide,  woran  es  nicht  gefehlt  haben  kann,  viel  billiger 
kam  als  Ackerland.  Also  mag  die  Zahl  als  Beispiel  für  die  Anhäu- 
fung von  Grundbesitz  in  einer  Hand  zur  Zeit  der  Repubhk  dienen. 
L.  Domitius  der  49  v.  Chr.  30  Cohorten  Mann  für  Mann  4  Morgen 
aus  seinen  Gütern  verhiefs,  läfst  schliefsen  dafs  solche  Anhäufung 
nicht  selten  vorkam. 3)  Als  Beispiel  für  den  Umfang  der  Weidewirt- 
schaft wird  ein  Freigelassener  Caecilius  Isidorus  angeführt  der  nach 
seinem  Testament  8  v.  Chr.  hinterhefs:  4116  Sklaven  3600  Gespann 
Ochsen  257  000  Schafe  (ungefähr  so  viel  wie  heute  in  der  apuli- 
schen  Ebene  weiden)  an  baarem  Geld  60  Millionen  Sesterzen  (13  Mill. 
M.).'*)  —  Der  Kauf  und  die  Occupation  von  Gemeinland  ist  die 
eine  Ursache  für  dieEntstehung  der  Latifundien  gewesen,  verhängnifs- 
voller  hat  die  zweite,  das  Legen  der  Bauern  gewirkt.  Das  Legen 
wird  begünstigt  durch  die  allgemeine  Landflucht,  die  nach  dem  lian- 
nibalischen  Kriege  einreifst  und  theils  in  die  Städte  (S.  46)  theils 
in  die  Provinzen  (S.  90)  gerichtet  ist,  begünstigt  durch  den  wirt- 
schaftlichen Umschwung,  aber  in  vielen  Fällen  mit  List  und  Gewalt 
erzwungen.  Die  Gutswirtschaft  wird  ausschliefslich  im  kaufmänni- 
schen Sinne  geführt,  und  zwar  mit  einer  Umsicht  und  Folgerichtig- 
keit die  Achtung  abnötigen  müfste,  wenn  sie  nicht  jeder  sittlichen 
Unterlage  entbehrt  halte.  Sie  arbeitet  nur  mit  Sklaven,  weil  diese 
von  der  Aushebung  befreit  sind  und  wie  das  übrige  Inventar  mit 
einer  bestimmten  Summe  in  Rechnung  gebracht  werden  können. 
Freie  Tagelöhner  finden  in  ungesunden  Gegenden  (1  416)  und  allen- 


1)  Plin.  XXXIII  134,  niedriger  Plut.  Grass.  2,2. 

2)  Colum.  111  3,8. 

3)  Caes.  b.civ.  1  17  vgl.  44.  56  Dio  XLI  11. 

4)  Plin.  XXXIII  135. 


92  Einleitung. 

falls  bei  der  Ernte  Verwendung.  —  Als  die  vorlheilhafteste  Capital- 
anlage  ist  vom  alten  Cato  wie  seinen  Nachfolgern  die  Viehzucht 
betrachtet  worden  i):  die  Wolle  lieferte  nämhch  dem  rasch  aufblü- 
henden Tüchmachergewerbe  den  Rohstoff.  An  zweiter  Stelle  kam 
der  Weinbau,  von  dessen  grofsartiger  durch  staatliche  Mafsnahmen 
geforderter  Entwicklung  früher  die  Rede  war  (I  452).  Sodann 
nennt  Cato  Gemüsebau  (I  457),  ferner  den  auch  heule  (z.  R.  am 
Rhein)  sehr  einträglichen  Weidenbau.  Wenn  derselbe  Fachmann 
dem  Oelbaum  erst  den  fünften  Platz  einräumt  2),  so  mufs  sich  das 
Verhältnifs  ein  Jahrhundert  später  wol  geändert  haben,  als  das  ita- 
lische Oel  einen  wichtigen  Ausfuhrartikel  abgab  (I  454).  An  sechster 
Stelle  folgt  Getreide  das  wegen  Mangels  an  Strafsen  (S.  56)  an 
manchen  Orten  fast  umsonst  zu  haben  war,  an  anderen  durch  die 
Einfuhr  aus  den  Provinzen  im  Preis  gedrückt  wurde.  Auf  letztere 
blieb  Italien  anch  späterhin  angewiesen  (I  450):  immerhin  erscheint 
nach  unseren  Regriffen  der  Kornbau  nicht  schlecht  zu  rentiren,  da 
das  Retriebscapital  mit  6  Prozent  verzinst  wird. 3)  Weiter  führt  Cato 
Schlagwald  und  Obstgarten  auf:  letzterer  brachte  in  der  Kaiserzeit 
hohen  Gewinn  (1  455.57).  Am  wenigsten  warf  der  Eichenwald  ab, 
dessen  Frucht  zur  Schweinemast  diente.  Daraus  erklärt  sich  dafs 
die  Rodung  zum  allgemeinen  Schaden  eifrig  fortgesetzt  wurde  (I  434). 
Im  ersten  Theil  unserer  Darstellung  haben  wir  immer  und  wieder 
auf  die  schweren  Wunden  hinzuweisen  gehabt,  die  der  römische 
Capitalismus  dem  Lande  schlug.  Zum  Theil  sind  sie  von  den  Alten 
selbst  richtig  erkannt  worden,  aber  Jahrhunderte  später  als  der  Tanz 
ums  goldene  Kalb  begonnen  hatte.  Dagegen  ist  schon  zwei  Men- 
schenalter nach  dem  hannibalischen  Kriege  die  Einsicht  durchge- 
drungen, dafs  der  Staat  durch  die  neue  Wendung  der  Dinge  in  den 
Wurzeln  seiner  Kraft  bedroht  sei. 

Im  Altertum  beruhte  die  Wehrkraft  auf  dem  Grundbesitz,  der 
Dauer  füllte  die  Reihen  der  Legionen. *)  Seit  dem  Erwerb  der 
Weltherrschaft    nimmt  bis  159   die  Zahl  der  Waffenfähigen  zu,  um 


1)  Cic.  Off.  II  89  Colum.  VI  praef.  Plin.  XVIII  30. 

2)  Cato  RR.  1. 

3)  Colum.  III  3,9. 

4)  In  der  Einleitung  preist  Cato  die  Vorzüge  des  Ackerbaus  gegenüber 
dem  Handel:  at  ex  agricoUs  et  viri  f'ortissimi  et  milites  strenuissimi  gignun- 
tur,  maximeque  pius  quaestus  stabilissimusque  consequilur  minimeque  invi- 
diosus ;  minimeque  male  cogitanies  sunt  qui  in  eo  studio  occupali  sunt. 


§  8.     Die  Volkswillschaft.  93 

fortab  zu  sinken.  Die  Ursache  ist  klar.  Auf  ein  Ackergut  von  200 
bis  240  Morgen  das  Gate  als  Norm  hinstellt,  rechnet  er  10—15 
unverheiratete  Knechte,  je  nach  dem  Betrieb.  Dasselbe  Grundstück 
reichte  bequem  aus,  um  ebenso  viel  mittlere  oder  doppelt  so  viel 
kleine  Bauern  nebst  Kind  und  Kegel  zu  ernähren.  Bei  einem  aus- 
schhefslich  auf  Viehzucht  berechneten  Gut,  dessen  Gröfse  von  800 
Morgen  ab  durch  keine  obere  Grenze  beschränkt  ist,  wird  das  Ver- 
hältnifs  noch  viel  schreiender.  Man  könnte  meinen,  dafs  die  vom 
Lande  verdrängte  freie  Bevölkerung  ähnlich  wie  in  der  Neuzeit  bei 
der  Industrie  beschäftigt  worden  wäre.  Allein  diese  ist  entweder 
ein  Anhängsel  der  Gutswirtschaft,  wie  Ziegelei  Kaiköfen  Walker- 
gruben, oder  wird  auch  in  der  Stadt  von  Sklaven  und  Freigelassenen 
betrieben.  Für  den  römischen  Bürger  kennt  Cato  zwei  Ervverbs- 
arten,  Handel  und  Landwirtschaft:  das  Handwerk  bleibt  aufser  Frage. 
Der  Handel  hat  eine  Masse  und  zwar  die  strebsamsten  Kräfte  der 
Plebs  aufgesogen.  Was  übrig  blieb  und  durch  die  Last  der  Schul- 
den sowie  die  Arglist  des  Gutsnachbarn  aus  seinem  Erbe  gestofsen 
wurde,  verfiel  dem  Lose  des  Landstreichers.  Tiberius  Gracchus  hat 
es  in  ergreifenden  Worten  geschildert:  „Die  Thiere  des  Feldes  in 
Italien  haben  ihr  Lager  und  ihre  Höhlen.  Den  Männern  die  für 
Itahen  kämpfen  und  fallen,  gönnt  man  Luft  und  Licht,  sonst  nichts. 
Mit  Weib  und  Kind  irren  sie  umher  ohne  Haus  und  Heerd.  Die 
Feldherren  lügen,  wenn  sie  vor  der  Schlacht  ihre  Soldaten  anfeuern 
Gräber  und  Heiligtümer  gegen  den  Feind  zu  schützen.  Keiner  von 
so  viel  lausend  Bömern  hat  einen  Altar  seines  Vaters  oder  ein  Grab 
seiner  Vorfahren  gerettet.  Sondern  für  fremden  Beichtum  und 
fremde  Schwelgerei  ziehen  sie  in  Kampf  und  Tod,  heifsen  Herren 
der  Welt  und  haben  keine  einzige  Erdscholle  zu  Eigen ".  —  Im 
ganzen  Verlauf  seiner  Geschichte  hat  der  Freistaat  daran  gearbeitet 
einen  freien  Bauerstand  zu  erhalten.  Der  fortgesetzten  Colonisation 
verdankt  er  seine  Wehrkraft  und  seine  Erfolge.  Aber  wie  die  stei- 
gende Sonne  den  gefallenen  Begen  verzehrt  und  das  Erdreich  aus- 
dörrt, werden  alle  zur  Hebung  des  Volkes  gemachten  Anstrengungen 
schwäcner  und  aussichtsloser,  je  mehr  der  Beichtum  in  Italien  an- 
wächst. Die  Schuld  liegt  nicht  ausschliefslich  auf  Seite  der  Beichen. 
Die  Begierung  hat  zu  den  verschiedensten  Mitteln  gegriffen  um  die 
Ansiedler  dauernd  an  die  Scholle  zu  fesseln.  Sie  hat  die  Gröfse  der 
Ackerlose  von  7  auf  10,  15,  20,  30,  50  Morgen  erhöht,  so  dafs 
der  Empfänger  nicht  mehr  wie  der  alte  Gincinnatus  den  Pflug  mit 


94  Einleitung. 

eigener  Faust  zu  lenken  braucht,  sondern  als  Herr  die  grobe  Arbeit 
seinem  Knecht  überläfsf.  Sie  hat  die  Lose  auf  Erbpacht  verliehen, 
für  unveräufserlich  erklärt,  den  Verkauf  vor  Ablauf  von  20  Jahren 
verboten  —  bald  sind  die  Gesetze  entweder  wieder  aufgehoben  oder 
von  Niemand  beachtet  worden.  Der  berühmte  Falernergau  war  340 
v.  Chr.  in  Stücken  von  3  Morgen  an  die  römische  Plebs  aufge- 
theilt  worden.  Dafs  die  Ansiedlung  in  den  folgenden  Kriegsstürmea 
zusammen  schmolz,  ist  leicht  verständlich.  Dann  aber  hat  Sulla 
hier  eine  neue  Colonie  gestiftet  und  diese  wird  in  kurzer  Frist  von 
grofsen  Weingütern  verschlungen,  die  dem  Namen  seinen  Weltruf 
errangen.  Praeneste  ward  durch  Sulla  von  Grund  aus  neu  besie- 
delt: seine  Feldmark  befindet  sich  17  Jahr  darauf  in  wenigen  Hän- 
den. Mit  den  Veteranen  der  Kaiserzeit  die  bei  ihrer  Entlassung  in 
Italien  Land  erhielten,  machte  man  dieselbe  Erfahrung.  —  Der  Unter- 
gang der  Bauerschaft  ist  hier  früher,  dort  später  eingetreten  und 
hängt  im  Allgemeinen  von  der  städtischen  Entwicklung  ab.  Die 
Landschaften  alter  Cultur,  Grofsgriechenland  Apulien  Latium  Etru- 
rien  sind  ihm  verfallen ,  während  der  Norden  und  das  ehemals 
bundesgenössische  Gebiet  im  Appennin  vergleichsweise  weniger  be- 
rührt wird.  Auch  die  Ausdehnung  des  Bürgerrechts  und  die  Um- 
wälzungen der  Bürgerkriege  haben  den  Unterschied  nicht  ganz 
verwischt.  In  dieser  Hinsicht  sind  die  beiden  Alimentartafeln,  die 
ligurische  aus  Samnium  von  101  n.  Chr.  und  die  wenig  jüngere 
von  Veleia  bei  Placentia  recht  lehrreich,  nebenbei  bemerkt  die 
einzigen  Urkunden  die  einen  Einblick  in  die  Vertheilung  des  Grund- 
besitzes innerhalb  italischer  Gemeinden  verstatten. i)  Sie  führen  uns 
eine  Anzahl  Besitzer  vor,  die  für  empfangene  Darlehen  des  Kaisers 
Grundstücke  unter  Angabe  des  Schätzungswertes  verpfänden.  Auf 
der  ligurischen  Tafel  schwankt  der  Wert  zwischen  14  000  und 
501000  Sesterzen,  von  den  50  Eigentümern  sind  nur  10  höher 
als  100000  Sesterzen  eingeschätzt.  Viel  weiter  ist  die  Bildung  von 
Latifundien  in  der  Aemilia  gediehen:  von  52  Eigentümern  bleiben 
nur  25  unter  der  Grenze  von  100000,  die  andere  Hälfte  geht  auf- 
wärts bis  über  1  ^[2  Millionen.  Die  einzelnen  Grundstücke  tragen 
im  Kataster  den  Namen  des  ursprünglichen  Besitzers,  der  sie  vom 
römischen  Staat  durch  Schenkung  oder  Kauf  erworben  hat.  Die 
Eintragung  kann  im  vorliegenden  Fall   spätestens  am  Ausgang  der 


1)  Mommsen  Herrn.  XIX  393  fg. 


§  8.     Die  Volkswirtschaft.  95 

Republik  erfolgt  sein.  In  der  Zwischenzeit  bis  Traian  ist  die  Zahl 
der  Besitzer  in  Samnium  von  90  auf  50  zurückgegangen,  in  der 
Aemilia  viel  stärker:  letzteres  durch  die  bessere  Verkehrslage  und 
Fruchtbarkeit  der  Landschaft  veranlafst.  Uebrigens  hat,  wie  später 
zu  erwägen  sein  wird,  die  Abnahme  der  Bevölkerung  einen  wesent- 
lichen Antheil  an  der  Verschiebung  der  Besitzverhältnisse  gehabt. 
Während  der  blutigen  Wirren  die  den  Freistaat  zur  Monarchie 
hinüber  leiteten,  wächst  das  Machtgebiet  des  römischen  Volkes 
stetig  an,  erreicht  unter  Augustus  das  Vierfache  des  ümfangs  den 
es  zur  Zeit  der  Gracchen  eingenommen  hatte.  Entsprechend  wächst 
auch  das  Nationalvermögen.  Hatte  ein  Volkstribun  um  104  v.  Chr. 
behaupten  können  es  gäbe  in  der  ganzen  Bürgerschaft  keine  2000 
wolhabenden  Leute  i),  so  traf  dieser  Ausspruch  zu  Anfang  unserer  Zeit- 
rechnung nicht  mehr  zu.  Rom  beherbergte  einen  Senat  von  600 
Millionären,  eine  Ritterschaft  von  über  5000  Mitgliedern,  also  eben- 
so viel  Vermögen  von  mindestens  400  000  Sesterzeo  (87  000  Mark). 
Letztere  sind  auch  im  Lande  ausgiebig  vorhanden,  zählte  doch  allein 
Patavium  ihrer  500.  Ferner  kann  man  rund  40000  italische  Stadt- 
räte mit  einem  Census  von  100  000  Sesterzen  in  Ansatz  bringen, 
zum  Beweise  dafs  der  Mittelstand  nicht  ganz  gefehlt  hat.  Allein  der 
Mittelstand  wird  durch  das  Magnatentum  an  die  Wand  gedrückt. 
Es  hält  nicht  schwer  aus  der  neueren  Geschichte  Beispiele  von  der 
Anhäufung  gröfserer  Schätze,  von  ähnlicher  Thorheit  und  Ver- 
schwendung zu  sammeln  wie  sie  das  alte  Rom  in  solcher  Fülle 
darbietet.  Aber  die  damalige  Welt  befafste  nur  einen  kleinen  Bruch- 
theil  der  heutigen,  die  Erscheinungen  die  auf  einer  beschränkten 
Bühne  gespielt  haben,  müssen  im  Zusammenhang  mit  ihrer  Umge- 
bung erklärt  werden.  In  der  That  läfst  sich  kein  Mafsstab  zum 
Vergleich  des  Geldwertes  zwischen  einst  und  jetzt  auffinden,  so  ein- 
leuchtend es  auch  ist  dafs  die  300  Millionen  des  Philosophen  Seneca 
und  die  400  Millionen  Sesterzen  seines  Zeitgenossen,  des  kaiser- 
lichen Freigelassenen  Narcissus,  unter  Nero  mehr  bedeuteten  als 
nach  dem  Goldwert  umgerechnet  65  und  88  Millionen  Mark  in  der 
Gegenwert.  Von  dem  Reichtum  der  hohen  Gesellschaft  gewährt  die 
Sitte  die  sich  ausgebildet  hatte  alle  Freunde  und  Bekannte  letzt- 
wiUig  zu  bedenken,  einen  selbst  für  moderne  Anschauungen  über- 
raschenden Eindruck:    aus  derartigen  Vermächtnissen  hat  Augustus 


1)  Cic.  Off.  II  73. 


96  Einleitung. 

in  den  letzten  20  Jahren  seines  Lebens  1400  Millionen  (305  Mil- 
lionen Mark)  bezogen.  Es  sei  lerner  daran  erinnert  dafs  Tiberius 
Ersparnisse  im  Betrag  von  2700,  nach  anderer  Angabe  3300  Mil- 
honen  Sesterzen  (587  bezvv.  718  Million  Mark)  hinterhels,  die  Cali- 
gula  im  Verlauf  von  9  Monaten  vergeudete.  Der  gröfste  Geldsack 
hatte  Anspruch  auf  den  Thron,  bei  der  Besetzung  pflegten  die 
ßetheiligten,  Adel  Armee  FMebs  ein  gutes  Geschält  zu  machen.  Es 
ist  sogar  vorgekommen  dafs  der  Thron  in  öffentlicher  Auction  an 
den  Meistbietenden  losgeschlagen  wurde:  was  trotz  der  anstöfsigen 
Form  dem  Wesen  des  kaiserlichen  Staatsrechts  einen  zutreffenden 
Ausdruck  lieh.  So  grofse  Vorsicht  nun  auch  in  der  Abwägung  von 
Altertum  und  Gegenwart  gegen  einander  geboten  erscheint,  hegt  es 
doch  auf  der  Hand,  dafs  Italien  unter  dem  Hause  Savoyen  viel  ärmer 
ist  als  da  ihm  die  Provinzen  steuerten,  unter  den  Caesaren.  —  Aber  es 
hat  seinen  Reichtum  durch  üeppigkeit  und  Schwelgerei  verschwendet. 
Was  an  Edelmetallen  für  Bernstein  Pelzwerk  Daunen  über  die  Nord- 
grenze des  Reiches,  für  Elfenbein  über  die  Südgrenze  abflofs,  fiel 
nicht  ins  Gewicht.  Bedenklicher  war  der  Passivhandel  mit  Indien 
und  China  1):  das  Reich  bezog  Pfeffer  und  Gewürze,  Perlen,  etwas 
Elfenbein,  chinesische  Seide,  wolriechende  Oele,  Diamanten  und 
Saphire,  endlich  Schildpatt;  führte  Juwelen,  Stickereien,  Korallen, 
Glaswaaren,  Kupfer,  Zinn,  Blei,  ein  wenig  Wein  und  grobes  Leinen 
aus,  dazu  an  baarem  Geld  eine  Summe  welche  die  niedrigste  Schät- 
zung um  70  n.  Chr.  jährlich  auf  100  MiUionen  Sesterzen  (22 
Millionen  Mark)  bezifferte.  Der  Bergbau  des  Reiches  brachte  den 
zur  Erhaltung  des  Gleichgewichts  erforderlichen  Ueberschufs  nicht 
hervor,  die  Ausluhr  der  Edelmetalle  nahm  ständig  zu:  chinesische 
Seide,  die  noch  im  3.  Jahrhundert  mit  Gold  aufgewogen  wurde, 
mithin  reichlich  das  Fünfzigfache  kostete  wie  heute,  hatte  im  4. 
Jahrhundert  aufgehört  ein  Vorrecht  des  Adels  zu  sein.  Die  Regie- 
rung hat  den  Ausfall  einzubringen  versucht  durch  Verschlechterung 
der  Münze.  Damit  machte  Nero  den  Anfang  und  setzte  den  Denar 
von  3,9  gr  Gewicht  auf  3,41  gr  herab.  Von  seinem  Nachfolger  Ves- 
pasian  wird  die  Aeufserung  überliefert,  er  brauche  40  Milliarden 
Sesterzen  (8700  Millionen  Mark)  um  den  Staat  auf  feste  Füfse  zu 
Stelleu.  Traian  führte  mit  der  Eroberung  Daciens  dem  Reiche  neue 
Goldquellen    zu,    dauernde   Hülfe   war   hierdurch    nicht  geschaffen. 


1)  Bonner  Jahrb.  XCV  (1894)  17%. 


§  8.     Die  Volkswirtschaft.  97 

Der  Feingehalt  der  Münzen  wurde  immer  geringer,  man  lebte  im 
3.  Jahrhundert  unter  einem  fortgesetzten  Staatsbankerott.  Die  all- 
gemeine Verarmung  machte  nur  vor  dem  grofsen  Capital  Halt.  Zur 
Zeit  des  tiefsten  Verfalls  besafs  Tacitus  bei  seiner  Wahl  zum  Kaiser 
ein  Erbgut  von  280  MiUionen  Sesferzen  (61  Millionen  Mark);  nach 
Verlegung  der  Hauptstadt  wies  der  römische  Senat  zu  Anfang  des 
5.  Jahrhunderts  noch  Häuser  auf  die  jährhch  40  Centner  Gold 
(3  650  000  Mark)  aufser  Naturalien  im  Wert  von  einem  Drittel  dieser 
Summe  bezogen,  an  zweiter  Stelle  Häuser  mit  einem  Einkommen 
von  10  bis  15  Centnern  (913  600—1370  000  Mark).i) 

Italien  bildete  den  Provinzen  gegenüber  einen  besonderen 
Zollbezirk,  war  auch  durch  Befreiung  von  der  Grundsteuer  und 
handelspohtische  Vortheile  sehr  begünstigt  (I  82).  Trotzdem  wird 
die  Bilanz  zwischen  dem  herrschenden  und  den  unterworfenen  Län- 
dern nicht  besser  gewesen  sein  als  zwischen  dem  ganzen  Reich  und 
Indien.  Allzu  viel  kam  darauf  freilich  zunächst  nicht  an;  denn  das 
für  Waaren  abströmende  Geld  kehrte  in  Gestalt  von  Zinsen  und 
Steuern  wieder  zurück.  An  dem  Hauptgewerbe  der  Landwirtschaft 
zehrte  der  alte  Krebsschaden  fort,  dafs  die  Grundherren  einzig  be- 
dacht waren  eine  hohe  Rente  aus  ihren  Gütern  herauszuschlagen. 
Das  Uebel  wurde  noch  wesentlich  durch  die  Unsitte  verschlimmert 
Sklaven  Mietern  und  Altermietern  den  Betrieb  zu  überlassen:  was 
wiederum  bei  dessen  Ausdehnung  und  der  für  einen  reichen  Römer 
obwaltenden  Unmöglichkeit  sein  ganzes  Hauswesen  selbst  zu  über- 
sehen unvermeidlich  geworden  war.  Die  Wirkungen  die  das  Sys- 
tem auf  die  Bevölkerung  geübt  hat,  sollen  im  nächsten  Abschnitt 
erwogen  werden.  Aber  über  den  tiefen  Schatten  darf  man  auch 
die  Augen  nicht  gegen  die  Lichtseiten  verschliefsen.  Die  Klagen 
der  Vaterlandsfreunde  über  die  Abhängigkeit  der  Hauptstadt  von  der 
Kornzufuhr  aus  Aegypten  und  Africa  entbehren  nach  den  Erfah- 
rungen des  heutigen  Wellverkehrs  einer  stichhaltigen  Begründung.^) 
Der  itahsche  Landwirt  war  ganz  aufser  Stande  sein  Getreide  zu 
annähernd  gleichem  Preise  nach  Rom  zu  liefern  wie  die  Provinzen: 
aus  zwei  Ursachen.  Einmal  war  der  Bodenwert  durch  die  Masse 
der  Capitalien  die  nach  Gesetz  und  Sitte  in  Italien  angelegt  werden 
mufsten,    unverhältnifsmäfsig   gestiegen. 3)     Sodann    wird    nach   der 

1)  vita  Tac.  10  Olympiodor  fr.  44  (FHGr.  IV  67). 

2)  Tac.  Ann.  III  54  XII  43. 

3)  Plin.Ep.  VI  19  vita  Marci  phil.  11,8. 

Nissen,  Ital.  Landeskunde.    II.  7 


98  Einleilung. 

üblicheu  Lebenshaltung  die  Arbeit  in  Italien  theurer  bezahlt  worden 
sein.  Der  Tagelohn  stand  hier  im  Altertum  viel  höher  als  in  der 
Gegenwart.  1)  Unter  solchen  Bedingungen  war  dem  Landwirt  der 
Weg  gewiesen :  er  baute  Getreide  für  den  eigenen  Bedarf  und  das 
nächsthegende  Absatzgebiet,  nahm  auf  dem  Wein-  und  Oelmarkt 
den  Wettbewerb  mit  den  Provinzen  auf  und  errang  den  Sieg  (I  450. 
52.54).  Wie  in  der  Baumzucht  sind  auch  in  der  Veredelung  der 
Viehracen  gewaltige  Fortschritte  gemacht  worden.  Die  italische 
Wolle  wurde  die  beste  der  Welt  und  rief  eine  blühende  Industrie 
ins  Leben.  Die  Eroberung  des  Nordens  eröffnete  einen  gewinn- 
reichen Markt,  nicht  nur  für  Wein  und  Oel  sondern  für  die  man- 
nichfachsten  Erzeugnisse  des  Gewerbfleifses.  Die  Stempel  der  Ziege- 
leien in  der  Gallischen  Mark  kehren  an  allen  Küsten  der  Adria 
wieder.  Thongeschirr  aus  Arretium  findet  seinen  Weg  an  den  Rhein 
und  die  Donau,  Erz-  und  Silbergeschirr  auch  darüber  hinaus.  Mit 
ihrer  allmälichen  Romanisirung  machten  sich  die  Provinzen  nach 
Kräften  von  fremden  Bezugsquellen  unabhängig.  Selbst  nach  seiner 
Entthronung  jedoch  kann  die  Ausfuhr  Italiens  nicht  ganz  unerheb- 
lich gewesen  sein.  Der  Maximaltarif  Diocletians  von  302  führt 
unter  den  in  der  östlichen  Reichshälfte  gangbaren  Artikeln  aus 
Itahen  auf:  Edelwein  in  7  Marken,  Tuche  aus  Mutina  und  Canu- 
sium,  Wolle  von  Tarent,  lucanische  Würste,  marsische  Schinken. 
Was  die  Einfuhr  betrifft,  so  befafst  sie  in  erster  Linie  Korn  und 
Sklaven,  sodann  aber  aus  allen  Himmelsgegenden  in  unabsehbarer 
Fülle  Gegenstände  die  dem  Sinnengenufs  dienen,  für  Nahrung  und 
Kleidung  Wohnung  und  Schaulust.  Es  ist  unnötig  bei  der  mafs- 
losen  Prunksucht  und  Schwelgerei  die  den  Verfall  des  Römertums 
begleiten,  zu  verweilen.  Das  Jahrhundert  von  der  Schlacht  bei  Actium 
bis   zum  Sturze  Nero's   wird   von  Tacitus   als   die  Zeit   des  ärgsten 


1)  Nach  Cic.  pro  Roscio  com.  28  betrug  der  gewöhnliche  Tagelohn  12  As 
65  Pfg.,  in  der  östlichen  Reichshälfte  Luc.  Timon  6.  12  4  Obolen  58  Pfg.  oder 
Ed.  DiocI.  7,1  25  Denar  45  Pfg.  dazu  im  letzten  Fall  die  Kost.  In  den  unge- 
sunden Reisfeldern  am  Po  verdient  heute  eine  Familie  450,  höchstens  600  Lire 
im  Jahr.  Der  durchschnittliche  Tagelohn  des  Landarbeiters  wird  auf  weniger 
als  1  Lira  geschätzt.  In  einem  Ort  Apuliens  entstanden  im  Frühjahr  1900  Un- 
ruhen, weil  die  Bauern  nicht  länger  für  35  c  arbeiten  wollten:  der  Führer  der 
bewafTiieten  Macht  liefs  nicht  auf  die  Menge  schiefsen,  sondern  vermittelte  zu 
grofser  Zufriedenheit  einen  Ausgleich  der  den  Lohn  auf  50  c  erhöhte.  Dabei 
ist  zu  bedenken  dafs  die  Besteuerung  durch  Staat  und  Gemeinde  ein  reichliches 
Drittel  des  Lohns  verschlingt. 


§  9.     Die  Bevölkerung.  99 

Luxus  betrachtet.!)  Uns  gilt  es  als  die  Zeit  des  gröfsten  Reichtums 
über  den  Italien  jemals  verfügt  hat.  Nunmehr  meldet  sich  der 
Rückgang  in  der  fühlbaren  Abnahme  der  Bevölkerung  an.  Die 
Regierung  hat  dagegen  angekämpft  durch  milde  Stiftungen  und 
Ansiedlungen  für  die  unteren  Schichten,  durch  Ergänzung  des 
Reichsadels  aus  den  Provinzen.  Aber  die  neuen  Geschlechter  blieben 
in  der  Heimat  wurzeln  und  behandelten  Rom  als  ihr  Absteigequar- 
tier. Der  Aufwand  geht  fortan  weit  über  die  Mittel  des  Landes 
hinaus.  Die  riesigen  Bauten  der  folgenden  Jahrhunderte  sind  aus 
Herrscherlaune  entsprungen,  nicht  aus  Ueberschufs  an  xlraft.  Und 
wenn  die  grofsen  Vermögen  den  Sturm  der  Zeiten  bis  zum  Aus- 
gang des  Altertums  überdauerten,  so  liegt  darin  nichts  weniger  als 
ein  Beweis  von  innerer  Gesundheit  des  Landes.  Denn  die  Gemein- 
den ächzen  seit  dem  3.  Jahrhundert  unter  der  Last  der  Steuern 
und  büfsen  ihre  Selbstverwaltung  bis  auf  den  letzten  Rest  ein.  Was 
früher  jedem  wackern  Kleinbürger  als  höchstes  Ziel  seines  Ehr- 
geizes vorgeschwebt  hatte,  die  Aufnahme  in  den  Stadtrat  ist  eine 
harte  Strafe  geworden.  Die  Waffen  zur  Vertheidigung  gegen  die 
Barbaren  zu  erheben  gebrach  es  diesem  verkümmerten  Volke  eben- 
so sehr  an  Lust  und  Reruf  wie  an  dem  erforderhchen  Mut. 

§  9.   Die  Bevölkerung. 

Der  Hochwald  der  in  alten  Tagen  Italien  erfüllte,  hat  niedrigen 
Fruchtbäumen  weichen  müssen  (1  430),  ähnlich  ist  es  mit  den  Men- 
schen gegangen.  Am  Ende  der  Repubhk  machte  das  Land  den 
Eindruck  ein  grolser  Garten  zu  sein  (1  453),  aber  die  Verlheidiger 
die  es  gegen  fremden  Angriff  hätten  schützen  können,  waren  dünn 
gesäet.  Livius  stellt  unter  dem  J.  385  v.  Chr.  eine  Betrachtung 
darüber  an,  woher  Aequer  und  Volsker  nach  so  viel  Niederlagen 
immer  wieder  Soldaten  auf  die  Beine  gebracht  hätten,  er  bezeichnet 
als  mögliche  Erklärung  dafs  eine  zahllose  Menge  von  Freien  in 
Gegenden  vorhanden  gewesen  wäre,  die  jetzt  nur  ein  paar  Rekruten 
für  die  Aushebung  bereit  hätten  und  allein  durch  römische  Sklaven- 
horden vor  der  Verödung  bewahrt  blieben.  Wo  derselbe  Gewährs- 
mann 349  V.  Chr.  das  Aufgebot  von  10  Legionen,  42000  Mann 
zu  Fufs  und  3000  Reitern  berichtet,  fügt  er  die  Bemerkung  hinzu, 
der  jetzige   nahezu  den  Erdkreis  umfassende  Staat  wäre  bei  plötz- 


1)  Tac.  Ann.  UI  55. 


100  Einleitung. 

lieh  eintretender  Gefahr  mit  Mühe  einer  solchen  Machtleisiung  fähig: 
adeo  in  quae  laboramus  sola  crevimus,  divitias  luxuriamqueA)  In 
der  That  tritt  die  miUtärische  Schwäche  Roms  unter  Augustus  grell 
zu  Tage:  bei  dem  pannonischen  Aufstand  und  der  Teutoburger 
Schlacht  6  und  9  nach  Chr.  müssen  die  erforderlichen  Verstärkun- 
gen durch  Veteranen  Sklaven  und  Freigelassene  beschafft  werden, 
weil  die  Pflichtigen  Bürger  den  Dienst  verweigern. 2)  Als  die  Epoche 
höchster  Volkskraft  sieht  Polybios  die  Zeit  des  ersten  punischen 
Krieges  an :  ein  Jahrhundert  später  nach  Erwerb  der  Wellherrschaft 
sei  liom  aufser  Stande  gewesen  solche  Flotten  zu  bemannen. 3)  Im 
vorigen  Abschnitt  ist  die  zersetzende  Wirkung  die  der  Reichtum 
auf  die  Bürgerschaft  ausübte,  dargelegt  worden.  Der  Hergang  bietet 
im  Allgemeinen  nichts  Unverständüches  oder  Rätselhaftes;  aber  ihn 
in  wissenschaftlicher  Weise  d.  h.  zahlenmäfsig  zu  verfolgen  ist  uns 
versagt.  —  Was  die  Ueberheferung  an  statistischen  Angaben  ent- 
hält, ist  wenig,  und  dies  Wenige  wird  sehr  verschieden  gedeutet. 
Ein  auf  diesem  Gebiet  so  verdienter  Forscher  wie  Beloch  hielt  es 
1880  für  möghch  dafs  der  magere  Boden  der  römischen  Feldmark 
459  V.  Chr.  400  Köpfe  auf  den  Quadratkilometer  ernährt  habe, 
verfiel  aber  6  Jahre  darauf  in  das  entgegengesetzte  Extrem  der  Be- 
völkerung Italiens  unter  Augustus  nur  eine  Dichtigkeit  von  22 
Köpfen  auf  demselben  Flächenraum  zuzuschreiben. *)  Er  zieht  das 
heutige  Sardinien  mit  28  Bewohnern  auf  den  Quadratkilometer  zum 
Vergleich  heran,  ohne  zu  bedenken  dafs  die  Insel  gegenwärtig  eben- 
so arm  und  herabgekommen  ist,  wie  das  kaiserliche  Italien  reich 
und  blühend  war.  Viel  Beifall  hat  die  Ansicht  C.  G.  Zumpt's  ge- 
funden nach  der  die  antike  Menschheit  und  im  Besonderen  die 
Bevölkerung  Italiens  seit  dem  hannibahschen  Kriege  in  beständiger 
Abnahme  und  allmälichem  Aussterben  begriffen  gewesen  wäre. 5)  Aber 
es  khngt  wenig  glaubhaft,  dafs  ein  aussterbendes  Volk  die  Kraft 
besessen  haben  soll  nach  und  nach  Oberitalien,  Spanien,  Gallien, 
Britannien,  die  Donauländer,  Nordafrica  nicht  blos  zu  unterwerfen, 
sondern    auch   zu   latinisiren.     Und   was   die   vermeinte   Volksleere 


1)  Liv.  VI  12  VII  25. 

2)  Vell.  II  111  Suet.  Aug.  23.  24  Dio  LV  31  LVI  23  Plin.VH  149. 

3)  Pol.  I  64. 

4)  Itai.  Bund  92  Bevölkerung  442. 

5)  C.  G.  Zumpt,  Über  den  Stand  der  Bevölkernng  und  die  Volksvermehrung 
im  Altertum,  Abb.  d.  Berl.  Akademie  1840. 


§  9.     Die  Bevölkerung.  101 

Italiens  in  der  Kaiserzeit  betrifl't,  so  bemerkt  schon  E.  v.  Wieters- 
heira:  wer  die  Ruinen  der  Städte  kenne,  dem  werde  sie  nur  ein 
ungläubiges  Lächein  abzunötigen  vermögen. i)  Dieser  Geschicht- 
schreiber kommt  zu  dem  Ergebnifs  dafs  die  Bevölkerung  unter  den 
Kaisern  mindestens  11  MilUonen  betragen  habe,  während  der  Statis- 
tiker Dureau  de  la  Malle  sie  nach  dem  Kornverbrauch  auf  9^/2 
Millionen  bestimmte.^)  Mommsen  ist  geneigt  viel  höher  zu  greifen 
und  keinen  wesentlichen  Abstand  von  der  Gegenwart  anzunehmen: 
eine  Auffassung  die  auch  von  Anderen  getheilt  wird. 3)  Damit  würde 
die  Volkszahl  Italiens  im  ersten  Jahrhundert  unserer  Zeitrechnung 
die  Beloch  auf  5  V2,  höchstens  7  Millionen  beschränkt,  um  das 
Vierfache  erhöht  werden.  Wenn  die  Gelehrten  so  weit  von  einander 
abweichen,  verspricht  der  Versuch  eine  Verständigung  anzubahnen 
geringen  Erfolg.  Trotzdem  niufs  der  Versuch  gemacht  werden, 
nicht  so  sehr  deshalb  weil  die  Bevölkerungsziffer  den  geläuGgen 
Mafsstab  bei  der  Beurtheilung  eines  Landes  abgiebt,  als  weil  die 
Geschichte  der  Bevölkerung  über  den  Gang  der  Begebenheiten  Licht 
verbreitet.  Damit  ist  schon  gesagt  dafs  die  Zeiten  streng  zu  son- 
dern, die  einzelnen  Nachrichten  in  ihrem  jeweiligen  Zusammenhang 
zu  prüfen  sind.  Es  kommt  darauf  an  die  Zeugnisse  der  Alten  nach 
Gebühr  einzuschätzen,  ferner  dem  Meinen  und  Beheben  gegenüber 
das  Thatsächhche  in  sein  Recht  einzusetzen. 

In  der  Geschichte  der  italischen  Bevölkerung  sind  zwei  Perio- 
den zu  unterscheiden,  als  deren  Grenze  das  Jahr  200  v.  Chr.  dienen 
kann.  In  der  älteren  wiegt  wirtschafthch  betrachtet  der  Kleinbetrieb 
und  die  freie  Arbeit  vor:  berühmte  Heerführer  wie  Dentatus,  Fahri- 
cius,  Regulus  nennen  nur  ein  Grundstück  von  7  Morgen  ihr  Eigen 
(S.  88).  Zwar  ist  auch  der  Grofsbesitz  für  das  4.  Jahrhundert 
sicher  bezeugt  und  kann  mit  hoher  Wahrscheinhchkeit  den  An- 
fängen der  Repubhk,  ja  der  Königszeit  beigelegt  werden.  Jedoch 
verwendet  auch  er  in  seinen  Clienten  und  Knechten  vornehmlich 
einheimische  Arbeiter.  Nach  dem  hannibalischen  Kriege  tritt  die 
entscheidende  Wandlung   im   Volksleben    ein:    die  Naturalwirtschaft 


1)  Geschichte  der  Völkerwandenuig  1  190 fg.:  so  ungenügend  aucii  die 
Ausführung  ist,  vermifst  man  sie  in  der  neuen  von  F.  Dahn  besorgten  Auflage 
ungern. 

2)  Economie  politique  des  Romains  I  299,  Paris  1840. 

3)  Mommsen  Rom.  Gesch.  11"  403,  Nissen  Hislor.  Zeitschr.  XIX  247,  Schiller 
Gesch.  Nero's  500,  Ihne  Rom.  Gesch.  II  138.  401.     Ebenso  bereits  Zumpt  a.  0.  20. 


102  Einleitung. 

wird  durch  Geldwirtschaft  verdrängt,  der  einströmende  Reichtum 
veranlafst  die  Bildung  von  Latifundien  und  den  Grofsbetrieb  mit 
Sklaven,  die  letzten  Reste  der  alten  Samtwirtschaft  verschwinden, 
die  Ansprüche  des  Bauern,  wie  aus  dem  Umfang  der  vertheilten 
Ackerlose  hervorgeht  (S.  28.  29),  sind  derart  gestiegen  dafs  er  nicht 
mehr  allein  mit  Weib  und  Kind  sein  Gut  bestellt,  sondern  einen 
oder  mehrere  Knechte  braucht.  Es  ist  klar  dafs  diese  beiden 
Perioden  in  der  Betrachtung  streng  aus  einander  zu  halten  sind. 
Den  Gegensatz  heben  für  viele  Landschaften  die  oben  erwähnten 
Worte  des  Livius  treffend  hervor:  innumerabüem  multüudinem  lihe- 
rornm  capünm  in  eis  fuisse  locis  quae  nunc  vix  seminario  exiguo 
militum  relicto  servitia  Romana  ab  solitudine  vindicant.  In  der  That 
mufs  die  Bevölkerungsdichtigkeit  unter  der  Herrschaft  des  Kleinbe- 
triebs eine  überraschende  gewesen  sein.  —  Das  Mafs  der  Ackerlose 
verstattet  nur  einen  allgemeinen  Schlufs;  denn  ihr  Verhältnifs  zur 
Allmende,  die  Ausdehnung  von  Wald  und  Weide  ist  gänzhch  un- 
bekannt. Dagegen  gewährt  der  Vergleich  der  latinischen  Colonien 
mit  den  ihnen  zugewiesenen  Gebieten  einen  festen  Boden  für  statis- 
tische Erörterungen.  Da  es  sich  um  die  Anlage  von  Festungen  in 
Feindes  Land  handelte,  so  sind  unter  den  Colonisten  weder  Knaben 
noch  Greise,  sondern  Männer  kräftigsten  Alters  zu  verstehen;  mit- 
hin beträgt  die  Kopfziffer  im  heutigen  Sinne  das  4 — 5  fache  der 
Zahl  der  Ansiedler.  Der  Flächeninhalt  der  Stadtgebiete  ist  aller- 
dings nur  annähernd  gegeben.  Das  militär-geographische  Institut 
hat  die  Berechnung  der  Kreise  die  es  im  Anschlufs  an  seine  Arbeit 
über  das  Königreich  (S.  3  A.  1)  unternommen,  noch  nicht  beendet; 
einstweilen  ist  man  auf  die  vorläufigen  Angaben  des  statistischen 
Amtes  angewiesen.^)  Diese  üngenauigkeit  ist  ohne  Belang.  Schwerer 
fällt  ins  Gewicht  dafs  Grenzverschiebungen  stattgefunden  haben,  die 
aufzudecken  Sache  einer  von  der  Gegenwart  rückwärts  aufsteigenden 
geduldigen  Ortsforschung  wäre.  Mit  solchen  Arbeiten  haben  wir  in 
Deutschland  kaum  erst  den  Anfang  gemacht;  es  ist  nicht  zu  hoffen, 
dafs  sie  in  Italien  bald  in  Angriff  genommen  und  rasch  gefördert 
werden  sollten. 2)     Das  Ziel  dem  die  Landeskunde  zustrebt,  schwebt 

1)  Annuario  Statistico  Italiano  1897  p.  6  1898  p.  8. 

2)  Auf  meine  Anregung  hin  beschlofs  der  Provinzialverband  1886  einen 
Geschichtlichen  Atlas  der  Rheinprovinz  (eines  Gebietes  von  rund  500  d.  QM.) 
herstellen  zn  lassen.  Trotzdem  es  weder  an  äufseren  Mitteln  noch  an  tüch- 
tigen Arbeitern  fehlt,  ist  die  Bearbeitung  1900  erst  bei  der  Reformationszeit 
angelangt. 


§  9.     Die  Bevölkerung.  103 

also  noch  in  weiter  Ferne;  vorläuOg  ist  sie  zu  einem  ähnlich  sum- 
marischen Verfahren  genötigt,  wie  es  bei  der  Anordnung  der  latei- 
nischen Inschriften  eingehalten  wurde.  Dabei  sind  erhebliche  Fehler 
unvermeidlich.  Ferner  entbehren  auf  der  anderen  Seite  die  abge- 
rundeten Zahlen  der  üeberlieferung  gleichfalls  der  Bestimmtheit 
welche  die  heutige  Wissenschaft  fordert.  Die  beiden  Fehlerquellen 
können  einander  aufheben ,  aber  auch  zusammenfallen  und  ver- 
stärken. Wir  können  daher  lediglich  ungefähre  Ergebnisse  über 
die  Bevölkerungsziffer  einzelner  Territorien  beibringen:  nichts  desto 
weniger  reichen  sie  zum  Beweise  für  den  obigen  Satz  aus. 

Der  Kreis  Melfi  mit  dem  Vulturgebirg  (I  271)  umfafst  einen 
bunten  Wechsel  von  Hügeln  tertiärer  und  vulkanischer  Bildung, 
mifst  1583  Dkm  und  ernährt  durch  Ackerbau  rund  110  000  Seelen. 
Er  entspricht  der  Mark  von  Vennsia  die  291  v.  Chr.  mit  20  000 
Colonisten  besiedelt  ward.  Damals  kamen  12 — 13  Waffenfähige 
50 — 60  Köpfe  auf  den  Quadratkilometer,  heute  werden  72  gerechnet. 
—  Der  Kreis  Avezzaoo  umschliefst  die  beiden  Colonien  Alba  und 
Carsioli  die  303  und  298  auf  aequischem  Boden  mit  zusammen 
10000  3Iann  angelegt  wurden.  Er  mifst  1925  Ckm:  davon  kommt 
die  gröfsere  Hälfte  für  das  Fuciner  Becken  und  die  marsischen  Ort- 
schaften Cerfennia,  Marruvium,  Supinum,  Lucus  in  Abzug.  Somit 
wiederholt  sich  die  Bevölkerungsziffer  von  Venusia  oder  ist  unbe- 
deutend geringer:  11 — 13  Waffenfähige  45 — 60  Köpfe  auf  den 
Quadratkilometer,  gegenwärtig  64.  —  Nicht  mit  Unrecht  redet  Livius 
von  der  streitbaren  Jugend  der  Volsker  ohne  Zahl.  Dies  bestätigt 
ein  Blick  auf  den  Kreis  Sora  der  1381  Dkm  139000  Einwohner  ent- 
hält. Im  Altertum  lagen  innerhalb  seiner  Grenzen  4  volskische 
Municipien  von  hervorragender  Bedeutung:  Alma  mit  Cominium, 
Arpinum  mit  Cereatae,  Aquinum,  Casinum;  weiter  die  beiden  lati- 
nischen Colonien  Interamna  und  Sora  312  und  303  gegründet, 
jede  mit  4000  Colonisten  ausgestattet.  Auf  die  beiden  an  erster 
Stelle  genannten  Municipien  deren  Wehrkraft  noch  Cicero  preist, 
kommen  rund  600  Dkm.  Die  Gemeindeflur  des  heutigen  Sora  wird 
zu  78  Dkm  angegeben.  Theilen  wir  der  antiken  Vorgängerin 
200  Dkm  und  ebenso  viel  der  Schwestercolonie  Interamna  zu,  so 
würden  beide  die  jetzige  Dichtigkeitsziffer  100  erreichen.  Zu  hoch 
ist  das  nicht  gegriffen,  eher  zu  niedrig.  —  180  v,  Chr.  wurden 
47000  Köpfe   vom    Stamme   der  ligurischen  Apuaner  in  Samnium 


104  Einleitung. 

angesiedelt  und  bildeten  hier  zwei  Gemeinden.  Ihr  Gebiet  ent- 
spricht dem  Kreise  San  Barlolonimeo  in  Galdo  mit  654  Dkm  und 
59  000  Einwohnern.  Mithin  kommen  im  Altertum  72,  heute  90 
auf  den  Ouadratkilometer.  —  Bereits  I  512  ist  der  Nachricht  gedacht 
worden,  dafs  das  Volk  der  Picenter  268  bei  seiner  üebergabe 
360  000  Köpfe  zählte:  quinta  regio  Piceni  est  quondam  uberrimae 
multitudinis  heifst  es  in  der  üebersicht  bei  Plinius.  Die  5.  Region 
umfafst  die  Kreise  Ancona,  Macerata,  Fermo,  Ascoli  Piceno,  Teramo 
mit  6482  Dkm  und  einer  zwischen  89  und  139  schwankenden 
Einwohnerziffer.  Wollte  man  jene  Angabe  auf  die  ganze  Region 
beziehen ,  so  würden  im  Altertum  55  Köpfe  auf  den  Quadratkilo- 
meter entfallen.  Allein  dies  ist  nicht  möglich,  weil  der  Süden,  das 
Gebiet  der  Praetuttier  bereits  290  v.  Chr.  von  den  Romern  unter- 
worfen worden  war.  Der  Kreis  Teramo  ist  folglich  bei  Seite  zu 
lassen,  der  Flächeninhalt  der  vier  anderen  beträgt  4703  Dkm,  die 
antike  Einwohnerziffer  77  und  das  nach  einem  unmittelbar  voraus- 
gegangenen Krieg.  —  Picenum  ist  ein  fruchtbares  Hügelland  und 
naturgemäfs  dichter  bewohnt  als  der  Appennin,  Wir  erwarten  eine 
weitere  bedeutende  Steigerung  in  Campanien  als  dem  gesegnetsten 
Theil  Italiens  anzutreffen  und  finden  uns  nicht  getäuscht.  Beloch 
setzt  das  Gebiet  von  Capua  und  den  verbündeten  Gemeinden  auf 
rund  1000  Dkm  an.  Zum  Felddienst  waren  216  v.  Chr.  30  000  Mann 
zu  Fufs  4000  zu  Pferde  verpflichtet.  Da  auf  den  Ritterbürtigen 
ein  paar  Knechte  zu  rechnen  sind,  so  entfallen  auf  den  Quadrat- 
kilometer mehr  als  150  Köpfe.  Wahrscheinlich  viel  mehr;  denn  die 
Unfreien  müssen  unter  den  Handwerkern  stark  vertreten  gewesen 
sein.  In  der  That  wurde  59  v.  Chr.  der  Rest  der  campanischen 
Domäne  von  rund  500  Dkm  an  20  000  römische  Bürger  die  3  und 
mehr  Kinder  hatten,  aufgetheilt:  dies  ergiebt  eine  ländliche  Be- 
völkerung von  reichlich  200  Köpfen  auf  den  Quadratkilometer, 
während  der  Kreis  Caserto  heute  213  zählt.  —  Die  angeführten 
Beispiele  lehren,  dafs  die  Volkszifler  im  Altertum  unerheblich, 
höchstens  20 — 25  Procent  hinter  der  Gegenwart  zurückbleibt.  In- 
dessen wäre  es  voreilig  dies  Ergehnifs  zu  verallgemeinern  und  auf 
die  ganze  Halbinsel  zu  übertragen. 

Aus  dem  Jahre  225  v.  Chr.  ist  ein  Verzeichnifs  der  italischen 
Wehrmänner,  d.  h.  der  durch  ein  Alter  von  18 — 46  Jahren  zum 
Felddienst  befähigten,   sowie    durch  ihren  Besitz  dazu  berechtigten 


§  9.    Die  Bevölkerung.  105 

Bürger  und  Bundesgenossen  erhalten. i)  iNach  Abzug  der  Veneier 
und  Cenomanen  verbleiben  für  den  italischen  Bund  rund  680  000 
Mann  zu  Fufs  und  70  000  Reiter.  Das  Bundesgebiet  befafst  die 
Halbinsel  vom  Rubicon  und  Arno  ab,  mit  Ausschlufs  von  ganz 
Bruttium  und  einigen  hellenischen  Städten  wie  Neapel  und  Velia, 
nach  heutiger  Einlheilung  die  Landschaften  Toscana  (ohne  die  Kreise 
Lucca  und  Massa-Carrara)  Marken  (mit  Rimini)  Umbrien,  Latium, 
Abruzzen,  Campanien,  Apulieu,  Basilicata,  an  Flächeninhalt  in  runder 
Ziffer  120  OÜO  rkm.  Mithin  kommen  auf  den  Quadratkilometer 
6V4  Wehrmänner  31  Kopfe,  auf  den  ganzen  italischen  Bund  eine 
freie  Bevölkerung  von  3,75  3Iillionen,  während  die  Volkszählung 
1881  11,46  Millionen  ergab.  Daraus  darf  man  jedoch  nicht  den 
Schlufs  ziehen,  dafs  die  Volksdichtigkeit  225  v.  Chr.  nur  ein  Drittel 
der  heuligen  betragen  habe;  denn  wir  wissen  weder  wie  hoch  die 
Sklaven  noch  die  zum  Heerdienst  nicht  berechtigten  Freien  io  An- 
satz zu  bringen  sind.  Wenn  die  Liste  70  000  Reiter  angiebl,  so 
sind  darunter  ebenso  viel  ritterliche  Vermögen  zu  verstehen,  üb 
diese  damals  wie  später  zu  400  000  Sesterzen  (87  000  Mark)  normirt 
waren,  ist  ungewifs:  immerhin  erforderte  die  Bewirtschaftung  fremde 
Arme.  Am  Stärksten  sind  die  ritterlichen  Vermögen  in  ApuHen- 
Calabrien  und  den  Abruzzen  vertreten:  dort  verhallen  sie  sich  zu  den 
bürgerlichen  wie  1  :  3,  hier  wie  1  :  5.  Beide  landschaftlichen  Gruppen 
sind  durch  den  gemeinsamen  Betrieb  der  Schafzucht,  den  Wechsel 
zwischen  Winter-  und  Sommerweide  eng  mit  einander  verbunden: 
bezeugter  Mafsen  gehörten  die  Hirten  im  2.  Jahrhundert  v.  Chr.  dem 
Stande  der  Unfreien  an,  vermutlich  auch  schon  im  3.  In  den 
Städten  Apuliens  blühte  das  Tuchmachergewerbe  und  behauptete 
sein  Ansehen  bis  zum  Ausgang  des  Altertums  (S.  98).  Die  grofse 
Menge  der  Münzstätten  (S.  77)  lehrt  wie  sehr  im  Südosten  Italiens 
Geld  und  Verkehr  zur  Herrschaft  gelangt  waren.  Damit  steht  das 
Vorwiegen  der  ritterlichen  Vermögen  im  besten  Einklang  und  als 
Kehrseile  hiervon  die  militärische  Schwäche.  W'ir  bedauern  dafs 
Polybios  oder  sein  Gewährsmann  nicht  mehr  ins  Einzelne  gegangen 
ist,  vermissen  namentlich  ein  W^ort  darüber  aus  welchen  Theilen  die 
zur  Fahne  einberufenen  Bundesgenossen  stammten.  Aber  auch  in 
ihrer    lückenhaften  Fassung  bestätigt  die  Urkunde  eine  in  der  Ge- 


1)  Fol.  11  2A  u.  a.  Die  Grundlage  für  die  kiilische  Verwertung  des  Ver- 
zeichnisses ist  klar  und  bündig  von  Mommsen  Rom.  Forsch.  II  382  fg.  gesichert 
worden. 


106  Einleitung, 

schichte  des  Altertums  oft  wiederholte  Erfahrung,  dafs  nämlich  Ab- 
nahme der  Wehrkraft  mit  fortschreitender  Arbeitstheilung  Hand  in 
Hand  gehl.  Den  tiefsten  Stand  zeigt  Etrurien  an.  Das  gesamte 
Aufgebot  der  Sabiner  und  Etrnsker  beläuft  sich  auf  50  000  Fufs- 
gänger  4000  Reiter;  wer  unter  den  Sabinern  gemeint  und  wie 
stark  sie  waren ,  wissen  wir  nicht.  Immerhin  hat  Etrurien  mit 
25  000  Dkm  nicht  mehr  als  1 — 2  Wehrmänner  vom  Quadratkilo- 
meter gestellt.  Günstiger  lautet  die  Ziffer  für  Lucanien,  nämlich 
3 — 4.  Die  Stammrolle  enthielt  30  000  Fufsgänger  3000  Reiter: 
ob  dazu  Feldtruppen  kamen,  ist  zweifelhaft. i)  Anderseits  ist  das 
Gebiet  I  535  vielleicht  zu  niedrig  mit  10000  Dkm  angesetzt  worden : 
es  können  auch  1 — 2000  mehr  gewesen  sein.  Dann  folgt  Apulien- 
Calabrien  das  nach  Abzug  der  Stadtgebiete  von  Luceria  und  Brun- 
disium  rund  17500  Dkm  befafst.  Die  Stammrolle  enthielt  50  000 
Fufsgänger  16  000  Reiter:  von  Feldtruppen  ist  nichts  bekannt. 2) 
Die  Zahl  der  auf  den  Quadratkilometer  entfallenden  Wehrmänner 
kann  sich  nicht  weit  von  4  entfernen.  Indem  wir  das  Gebiet  der 
mit  den  Etruskern  vereinigten  Sabiner  um  abzurunden  mit  2500 
Qkm  in  Rechnung  setzen,  so  machen  die  drei  aufgeführten  Land- 
schaften die  unkriegerische  Hälfte  des  Bundes  aus:  55000  Dkm 
130  000  Fufsgänger  24000  Reiter.  Die  wehrhafte  Hälfte  umfafst 
Römer,  Latiner,  Samniten,  Campaner,  Abruzzesen,  Umbrer:  65  000 
D  km  550  000  Fufsgänger  46  000  Reiter.  Jene  bietet  kaum 
3,  diese  9 — 10  Wehrfähige  auf  den  Quadratkilometer.  Soll  man 
nun  dies  Verhältnifs  auf  die  Dichtigkeit  der  Bevölkerung  übertragen 
und  glauben ,  dafs  die  Culturlandschaften  bereits  225  v.  Chr.  ver- 
ödet gewesen  wären?  Etrurien  hätte  nach  Mafsgabe  seiner  miU- 
tärischen  Leistung  5 — 10  Einwohner  auf  den  Quadratkilometer, 
3 — 500  auf  die  deutsche  Quadratmeile  gehabt,  während  die  Ma- 
remmen  heute  das  Vierfache  aufweisen  und  die  Gegend  am  Arno 
217  in   üppiger   Fülle  prangte.^)     Für  Apulien  reichen  1100  Ein- 

1)  Aeliiilicii  wird  die  Släike  der  Lucaiier  390  auf  30  000  Fufsgänger  4000 
Reiter  angegeben  Diod.  XIV  101,4. 

2)  Der  Sachlage  nach  sind  die  beiden  in  Tarent  und  Sicilien  postirten 
Legionen  darauf  angewiesen  ihre  bundesgenössischen  Hülfstruppen  aus  Luca- 
nien und  Apulien  zu  beziehen.  Vielleicht  fehlt  deren  Erwähnung  bei  Polybios 
weil  sie  in  den  Hauplsummen  der  Stammrolle  stecken.  Die  Mannschaft  der 
Tarentiner  (Liv.  XXIV   13)  ist  unter  den  Apnlo-Messapiern  mit  einbegriffen. 

3)  Liv.  XXII  3  7-egio  erat  in  primix  Italiae  fertilis,  Etnisci  campi  qui 
Faesulas  inter  Arreliumque  iacent,  frumenti  ac  pecoris  et  omnium  copia 
rerum  opulenti. 


§  9.    Die  Bevölkerung.  107 

wohner  auf  flie  Quadratmeile  entfernt  nicht  aus:  seine  4  Grofsstädte 
(S.  37)  lagen  noch  nicht  in  Trümmern,  die  oben  hervorgehobene 
Regsamkeit  des  Verkehrs  ist  mit  der  vermeintlichen  Menschenarmut 
unvereinbar.  Wir  wissen  nicht  nach  welchem  Census  die  Dienst- 
pflicht bei  den  einzelnen  Bundesgenossen  geregelt  war,  dürfen  in- 
defs  die  Zahl  der  Ausgeschlossenen  und  Unfreien  ziemlich  hoch 
rechnen.  Vielfach  wird  die  Ausdehnung  der  Sklaverei  im  3.  Jahr- 
hundert V.  Chr.  unterschätzt,  obwol  Ronig  Philipp  214  bezeugt,  dafs 
die  Römer  durch  Freilassung  die  Mannschaft  zur  Gründung  von 
70  Colonien  gewonnen  hätten  ([  555).  Was  für  Rom  gilt,  trifft 
selbstverständlich  auf  alle  Verkehrstädle  zu.  Bei  den  Helvetiern 
machen  die  Waffenfähigen  nach  Caesar  ein  Viertel  der  Volksmenge 
aus,  im  jetzigen  Königreich  Italien  ein  Zehntel.')  Es  wäre  gleich 
verkehrt  diese  oder  jene  Verhältnifsziffer  zur  Ermittelung  der  Ein- 
wohnerschaft aus  den  Stammrollen  von  225  zu  verwenden;  denn 
damals  hatte  Italien  die  Culturstufe  der  Helvetier  überschritten  und 
diejenige  der  Gegenwart  lange  nicht  erreicht.  Beloch  veranschlagt 
die  Gesamthevolkerung  der  italischen  Halbinsel  im  3.  Jahrhundert 
auf  höchstens  3V2  Millionen.  3Ian  kann  den  Ansatz  getrost  ver- 
doppeln: in  diesem  Falle  kämen  6  Millionen  aaf  das  eigentliche 
Bundesgebiet,  1  auf  Briittium  nebst  Neapel,  Velia  usw.  Die  Blüte 
der  Griechenstädte  in  Bruttium  war  längst  dahin,  aber  diese  Land- 
schaft befindet  sich  auch  jetzt  in  üblen  Heften  (I  336)  und  birgt 
doch  auf  15000  Dkm  1 1/3  Millionen  Einwohner.  Livius  nennt  den 
hannibalischen  Krieg  den  denkwürdigsten  aller  Kriege:  von  seinem 
Standpunct  aus  mit  vollem  Recht.  Es  heifst  die  Geschichte  ver- 
zerren, wenn  die  Bevölkerungsziffer  zu  den  militärischen  Leistungen 
Italiens  in  unlösbaren  Widerspruch  gebracht  wird.  Rom  hat  ein 
Jahrzehnt  und  länger  20—23  Legionen  im  Felde  und  an  200  Deck- 
schifTe  in  See  gehalten.  Zu  den  Streitern  kam  der  Trofs  der  ge- 
legenthch  die  Stärke  jener  erreichte.-)  Von  den  Bundesgenossen 
focht  die  Hälfte  auf  Seiten  des  Feindes  und  der  Schauplätze  waren 
viele.  Es  mögen  leicht  an  4 — 500000  italische  Männer  ständig 
mit  dem  Kriegshandwerk  zu  thun  gehabt  haben.  Um  eine  Vor- 
stellung von  dem  Menschenverlust  zu  erhalten  genügt  es  nicht  die 


1)  Gaes.  b.  Gall.  I  29.  Die  Einwohnerzahl  wird  1897  berechnet  zu  31479  217, 
die  Controlstärke  von  Armee  und  Miliz  zu  3  364  605:  davon  ist  aber  nur  ein 
Drittel  kriegsmäfsig  ausgebildet. 

2)  Pol.  III  82,8  vgl.  Liv.  XXII  58. 


108  Einleitung. 

Ziffern  der  in  den  einzelnen  Schlachten  Gefallenen  zu  summiren. 
Was  im  kleinen  Krieg  zu  Grunde  gingi),  den  Krankheiten  und 
Wunden  erlagt),  in  die  Sklaverei  wanderte,  mufs  viel  mehr  betragen 
haben.  Es  ist  vollkommen  begreiflich,  dafs  die  Bürgerschaft  er- 
schöpft wurde,  dafs  Rom  die  unteren  Stände,  die  Unfreien  einge- 
schlossen, ausgiebig  zu  Wasser  wie  zu  Lande  verwandt  hat. 3) 

Der  Ausgang  des  Kampfes  und  die  fernere  Entwicklung  Italiens 
ist  durch  die  Thalsache  bedingt  worden  dafs  der  Norden,  insonder- 
heit das  mit  Hannibal  verbündete  keltische  Flachland  dünner  be- 
völkert war  als  die  Halbinsel  (I  74).  In  anderem  Zusammenhang 
wurde  der  Anstrengungen  gedacht  durch  welche  die  Römer  die 
Niederungen  urbar  zu  machen  suchten  (I  208).  Ein  Gesamtbild 
wie  jenes  Verzeicbnifs  von  225  für  den  Süden  liefert,  läfst  sich 
nicht  entwerfen.  Nur  ein  paar  Daten  dienen  zur  Erläuterung  des 
Gesagten.  —  Die  beiden  Pofeslungen  Cremona  und  Placentia  wurden 
218  v.  Chr.  mit  je  6000  Colonisten  ausgestattet,  was  einer  bürger- 
lichen Einwohnerschaft  von  30000  entspricht.  Der  erstere  Kreis 
mifst  979  Dkm  mit  178  Seelen  auf  den  Quadratkilometer,  im 
Altertum  nur  31.  Jedoch  stellt  sich  die  Dichtigkeitsziffer  vielleicht 
günstiger,  weil  die  Flur  von  Cremona  41  v.  Chr.  auf  Kosten  Man- 
tua's  erweitert  ward.  Der  Kreis  Piacenza  mifst  1623  Gkra  mit 
einer  Dichtigkeit  von  102  die  218  v.  Chr.  auf  17  herabgeht.  Dabei 
ist  zu  beachten  dafs  sich  südlich  vom  Po  grofse  Sümpfe  hinzogen,^) 
sowie  dafs  vermutlich  im  Appennin  eine  Anzahl  ligurischer  Dörfer 
der  Colonie  zugetheilt  waren.  Augenscheinlich  waltet  ein  derartiges 
Verhältnifs  bei  den  anderen  Gründungen  in  der  Aemilia  ob.  Parma 
erhielt  183  v.  Chr.  eine  Colonie  von  2000  Bürgern  denen  4000  ha 
Ackerland  zugewiesen  wurden.  Der  heutige  Kreis  umfafst  1590  Ckm 
mit  100  Seelen  auf  den  Quadratkilometer.  Wenn  er  nun  auch 
ein  kleines  Municipium  Forum  Novnm  umschlofs,  so  bleiben  doch 
13 — 1400  Dkm  übrig  die  schwerlich  als  unbewohnter  Wald  ange- 
sehen werden  können.  Aehnlich  steht  es  mit  der  Schwestercolonie 
Mutina.  An  die  3000  latinischen  Ansiedler  von  Bononia  gelangten 
189  V.  Chr.  400  Dkm  zur  Vertheilung.  Der  heutige  Kreis  mifst 
2237  Dkm  mit  einer  Dichtigkeit  von  162.     Letzlere  Ziffer  für  das 


1)  Pol.  III  86,10. 

2)  Liv.  XXVII  y. 

3)  Liv.  XXII  57  XXiV  11.  16  XXVI  35  XXVII  38. 

4)  Suab.    V  217  Liv.  XXXIV  48. 


§  9.     Die  Bevölkerung.  109 

Altertum  auf  7  herunter  zu  drücken  wäre  diesem  alten  Culturboden 
gegenüber  reiner  Unsinn.  Indessen  legt  die  heutige  Mundart  un- 
trügliches Zeugnifs  dafür  ab  dafs  die  Aemilia  in  den  Römern  wol 
ihre  Herren,  nicht  den  Hauptstock  ihrer  Bewohner  empfangen  hat: 
das  lautliche  Gepräge  ist  ein  ausgesprochen  gallisches  (I  482).  — 
Das  Küstenland  im  Osten  liefs  in  seiner  Entwicklung  die  nach  den 
Galliern  benannte  Mitte  weit  hinter  sich.  Strabo  erwähnt  dafs 
Patavmm  einst  Heere  von  120  000  Mann  aufbieten  konnte  (I  491). 
Man  braucht  die  Nachricht  keineswegs  in  das  Gebiet  der  Fabel  zu 
verweisen.  Wie  auch  sonst  üblich  steht  die  Hauptstadt  für  das 
ganze  Volk.  Dafs  aber  die  Veneter  in  den  Tagen  der  Vorzeit,  als 
sie  ihre  Grenze  gegen  die  Kelten  zu  vertheidigen  hatten,  eine  solche 
Menge  von  Streitern  oder  eine  freie  Bevölkerung  von  5 — 600  000 
gezählt  hätten,  liegt  durchaus  im  Bereich  des  Möglichen.  Die  von 
ihnen  bewohnten  Kreise  Belluno  Padua  Rovigo  Treviso  Venedig 
Vicenza  enthalten  rund  15000  Gkm,  auf  den  Quadratkilometer  kämen 
also  40  Seelen,  heute  152.  Es  ist  ja  richtig  dafs  Veneter  und 
Cenomanen  225  v,  Chr.  nicht  mehr  als  20  000  3Iann  aufbrachten: 
aber  beide  Volker  gehurten  nicht  zu  den  abhängigen  Bundesgenossen 
Roms,  die  Veneter  liefsen,  soweit  unsere  Kunde  reicht,  Rom  seine 
Kriege  allein  ausfechten  uud  beschränkten  ihren  Beistand  auf  eine 
wolwollende  Hallung.  Dies  Beobachtungsheer  hat  mit  der  von  den 
Streitkräften  der  Halbinsel  gegebenen  Uebersicht  nichts  zu  schaffen. 
—  Was  den  Westen  betiiflt,  so  wird  eine  Menge  ligurischer  Cantone 
namentlich  erwähnt,  und  die  Kopfzahl  kann  nicht  ganz  gering  ge- 
wesen sein.  Dies  be weifst  schon  die  Verpflanzung  der  47000 
Apuaner  nach  Samnium  deren  S.  103  gedacht  wurde.  Das  keltische 
Volk  der  Salasser  wurde  25  v.  Chr.  ausgerottet,  indem  es  in  Bausch 
und  Bogen  44000  Köpfe  auf  den  Markt  kam.  Der  Kreis  Aosta 
an  dem  ihr  Name  vermöge  der  alsbald  erfolgten  Gründung  von 
Angusta  Praetoria  Salassorum  haftet,  enthält  3266  Dkm  83  000  Ein- 
wohner. Daraus  ergiebt  sich  eine  Dichtigkeit  von  13  für  das  Alter- 
tum, 25  für  die  Gegenwart.  Wenn  nur  3000  Praetorianer  das  Erbe 
des  Stammes  antreten,  so  haben  diese  klärlich  mit  Knechten  ge- 
wirtschaftet. —  Aus  den  besprochenen  Einzelposten  zu  einem  zu- 
sammenfassenden Ergebnifs  zu  gelangen  ist  hinsichtlich  des  Nordens 
noch  schwieriger  als  bei  der  Halbinsel.  Beloch  schätzt  die  Be- 
völkerung vor  dem  hannibabschen  Krieg  zu  V2— 1  Million,  so  dafs 
von    115  000  Gkm   die    des   Augustus    Grenzen    umschhefsen,    im 


110  Einleitung. 

Mitlei  der  Quadratkilometer  von  4—9  Menschen  bewohnt  gewesen 
wäre.  Für  das  jenseitige  Gallien  giebt  Caesar  2 — 4  mal  so  viel  an. 
Wenden  wir  in  Ermangelung  eines  besseren  den  Mafsstab  an  den 
Caesar  darbietet,  so  kommt  Belgica  mit  94000  Dkm  an  Umfang 
der  für  Oberitalien  bestimmten  Ziffer  nahe.  Diesem  würde  mithin 
225  V,  Chr.  eine  Bevölkerung  von  reichlich  2  Millionen  zugeschrieben 
werden,  deren  Dichtigkeit  sich  zu  derjenigen  der  Halbinsel  wie  1  :  3 
verhält.  Die  lange  Friedenszeit  die  mit  dem  2.  Jahrhundert  v.  Chr. 
anbricht,  hat  das  Verhältnifs  der  beiden  Landeshälfien  zu  einander 
von  Grund  aus  umgestaltet.  Darüber  belehren  uns  urkundhche 
Quellen. 

Die  rsachrichten  über  die  Stärke  der  römischen  Bürgerschaft 
in  älteren  Jahrhunderten  sind  allem  Anschein  nach  erdichtet. i) 
Auch  der  von  Niebuhr  empfohlene  Ausweg  die  Ziffern  sowol  Bundes- 
genossen als  Bürger  umfassen  zu  lassen  führt  auf  keinen  festen 
Boden :  von  dem  Widerspruch  der  Gewährsmänner  abgesehen,  ergäbe 
sich  noch  immer  eine  unglaubHche  Dichtigkeit  der  Bevölkerung. 
Die  Annalisten,  Fabius  an  der  Spitze,  verstehen  die  Zahlen  ausdrück- 
lich von  den  waffenfähigen  römischen  Bürgern  2),  nach  Dionys 
machen  diese  ein  Viertel  der  gesamten  Einwohnerschaft  aus.^) 
Neben  der  übertreibenden  Geschichtschreibung  jedoch,  die  sorglos 
die  Einrichtungen  der  punischen  Kriege  den  Königen  beilegt,  fehlt 
es  nicht  an  Aeufserungen  nüchterner  Kritik,  welche  die  Census- 
ziffern  auf  die  ganze  freie  Bevölkerung  bezieht. 4)  Solche  Auffassung 
giebt  die  einzige  Möglichkeit  an  die  Hand  um  die  Tradition  zu 
verlheidigen: 
550  v.  Chr.     80000  Fabius  Liv.  I  44,  84000   Eutrop  I  7,  84700 

Dion.  H.  IV  22. 
508  130  000  Dion.  H.  V  20. 

503  120000  Hieronymus  a.  Abr.  1513. 

498  150  700  Dion.  H.  V  75. 

493  110  000  Dion.  H.  VI  96. 

474  133  000  Dion.  H.  IX  36. 

465  104  714  civium  capita  censa  dicuntur  praeter  orbos  or- 

basque  Liv.  III  3. 


1)  Schwegler  Rom.  Gesch.  JI  679  fg. 

2)  Liv.  I  44  111  3.  4  VI  6  Dion.  H.  IV  22  V  20.  75  VI  63  IX  25.  36. 

3)  Dion.  H.  IX  25. 

4)  Plin.  XXX 111  16  capita  libera. 


§  9.    Die  Bevölkerung.  111 

459  117  319  Liv.  III  24. 

392  152  573  Plin.  XXXIII  16. 

Die  Helvetier  die  auf  einer  niedrigeren  Stufe  der  Entwicklung 
standen,  haben  58  v.  Ciir.  eine  Volkszählung  veranstaltet.  Man 
darf  nicht  bestreiten  dafs  solches  im  5.  und  6.  Jahrhundert  bereits 
zu  Rom  geschehen  sei,  ebenso  wenig  dafs  Berichte  darüber  den 
Gallischen  Brand  überdauern  konnten.  In  Erinnerung  freilich  an 
die  ungeheuerlichen  Verlustangaben  welche  die  Annalisten  bei  ihren 
Schlachtbeschreibungen  sich  aus  den  Fingern  sogen,  wird  das 
äufserste  Mistrauen  rege.  Nichts  desto  weniger  verdient  der  Alter- 
tumsforscher dem  Plinius  gefolgt  ist,  aufmerksames  Gebor:  er  ver- 
fügte über  ein  ungleich  reicheres  Material  als  wir,  und  der  Zu- 
weis von  152  713  freien  Bewohnern  an  eine  Grofsstadt  mit  einem 
Gebiet  von  983  Dkm  (S.  88  A.  1)  pafst  zu  den  gegebenen  Ver- 
hältnissen vortrefflich.  —  Nach  dem  jähen  Zusammenbruch  seiner 
Macht  hat  Rom  in  freigebigster  Weise  das  Bürgerrecht  ausgetheilt, 
387  aus  Vejentern  Capenaten  Faliskern  4  neue  Tribus  gebildet,  358 
im  Süden  2  weitere  hinzugefügt.!)  Die  gewaltige  Politik  die  es  in 
diesen  Jahrzehnten  einschlug,  beruhte  allein  auf  der  Vermehrung 
der  Volkskraft.  Es  ist  daher  nicht  zu  verwundern  wenn  der  nächste 
Census  auf  den  vierfachen  Betrag  des  letztvorhergehenden  anwächst; 
denn  die  nach  dem  Gallischen  Brande  überlieferten  Zahlen  lassen 
keine  andere  Deutung  als  auf  die  Waffenfähigen  zu: 
339  V.  Chr.  160  000  Hieronymus  a.  Abr.  1677. 
318  250  000  Liv.  IX  19,  irrig  150000  Oros.  V  22,2. 

Seit  dem  3.  Jahrhundert  wird  die  Ueberlieferung  reichhaltiger, 
die  Zweifel  gegen  ihre  Zuverlässigkeit  verstummen. 2)  Wol  konnten 
in  der  handschrifthchen  Fortpflanzung  von  Zahlen  sich  leicht  Fehler 
einschleichen  die  kein  Scharfsinn  aufspürt,  desgleichen  versagen 
unsere  Quellen  die  erwünschte  Auskunft  wie  die  Schwankungen 
zwischen  den  einzelnen  Aufnahmen  zu  erklären  seien,  aber  im 
Grofsen  und  Ganzen  hat  die  Liste  den  Wert  eines  Actenstücks. 
294  V.  Chr.  262321  Liv.  X  47. 
289  272000  Liv.  XI. 

280  287  222  Liv.  XIIL 


1)  Liv.  VI  4.  5.  VII  15. 

2)  Für  die  einzelnen  Ziffern  ist  nur  das  entscheidende  Zeugnifs  beige- 
bracht; das  ganze  Material  bei  C.  de  ßoor,  Fasti  censorii,  diss.  ßerl.  1873,  vgl, 
ßeloch  Bevölkerung  339  fg. 


112  Einleitung^. 

275  271234  Liv.  XIV. 

265  29-2  331  Entrop  H  18,  irrig  382234  Liv.  XVI. 

252  297  797  Liv.  XVlIl. 

247  241712  Liv.  XIX. 

241  260000  Hieron.  a.   Ahr.  1773. 

233  270  713  Liv.  XX.  Mommsen  Rom.  Forsch.  II  398. 

225  291300  Mommsen  a.  0.  401. 

208  137108  Liv.  XXVII  36  minor  aliquanto   nnmerns  quam 

qui   ante    helbim   fnerat;    Ep.    XXVII    ex    quo 

nnmero  apparnit  quantmn  hominum  tot  proelio- 

rum  adversa  fortuna  populo  Romano  abstulisset. 

204  214  000  Liv.  XXIX  37. 

Was  bedeuten  diese  Zahlen?  Sie  geben,  lautet  die  Antwort, 
die  Summe  der  in  den  tahulae  iuniorum  verzeichneten  Dienst- 
pflichtigen an,  aus  denen  die  Legionen  gebildet  wurden. i)  Die 
Dienstpflicht  beginnt  mit  dem  vollendeten  17.  und  hört  mit  dem 
abgelaufenen  46.  Lebensjahr  auf.  Innerhalb  dieses  Zeitraums  von 
29  Jahren  wird  der  Bürger  zu  20  gewöhnlichen  d.  h.  halbjährigen, 
wenn  Not  an  den  Mann  geht,  zu  20  ganzjährigen  Dienstleistungen 
herangezogen.  Aber  nur  der  Besitz  berechtigt  zum  Dienst  in  der 
Legion:  im  3.  Jahrhundert  wurde  ein  Vermögen  von  11000  As 
(957  Mark)  verlangt,  im  2.  genügten  4000  As  (348  Mark),  seit 
Marius  kam  auch  diese  Forderung  in  Wegfall.  Was  unter  der  an- 
gegebenen Vermögensgrenze  blieb,  wurde  zur  Bemannung  der  Flotte 
verwandt. 2)  Man  hat  gemeint  dafs  die  oben  zusammengestellten 
Ziffern  auch  die  sem'ores,  die  älteren  Jahrgänge  von  48 — 60  mit 
umfafst  hätten :  aber  da  diese  sowol  nach  der  Natur  der  Sache  als 
den  Zeugnissen  der  Alten^)  den  Anstrengungen  eines  regelmäfsigen 
Feldzugs  nicht  gewachsen  waren,  hätte  ihre  Aufnahme  die  praktische 
Brauchbarkeit  der  Listen  gestört.  Nun  hat  Mommsen  erkannt 
dals  die  in  der  Uebersicht  der  italischen  Wehrfähigen  von  225  ent- 
haltene Summe  der  römischen  Bürger  aufs  Beste  sich  den  über- 
beferten  Censuszahlen  einfügt,  und  bat  damit  deren  Deutung  fest- 
gestellt. Die  ansehnliche  Steigerung  gegenüber  dem  vorausgehenden 
Census   um    mehr   als  20  000  Köpfe   erklärt   sich   aus  der  Landan- 

1)  Liv.  XXIV  18  Pol.  VI  19  fg. 

2)  Liv.  I  43,  Dion.  H.  IV  18,  Cassius  Hemina    fr.  21   Peter,   Gell.  N.  A.  XVI 
10,11,  Pol.  VI  19,3. 

3)  Varro  bei  Censor.  14,2. 


§  9,     Die  Bevölkerung.  113 

Weisung  des  Gaius  Flaminiiis:  die  Ackergesetze  des  Tiberius  Grac- 
chus haben,  wie  S.  30  bemerkt,  eine  ähnliche  Wirkung  gehabt.  Man 
wendet  gegen  die  hier  vertretene  Auffassung  ein  dafs  bei  solcher 
Stärke  der  jüngeren  Altersclassen  der  Mangel  an  Mannschaften  un- 
begreiflich wäre,  den  Rom  im  Verlauf  des  hannibalischen  Krieges  mit 
allen  Mittel  zu  bekämpfen  hatte.  Der  Einwand  ruht  auf  schwachen 
Füfsen;  denn  Dienstpflicht  und  Tauglichkeit  sind  zwei  verschiedene 
Dinge,  über  jene  entscheidet  der  Censor,  über  diese  der  Consul  bei 
der  Aushebung.  Im  heutigen  Italien  werden  von  den  Gemusterten 
20  Procent  als  untauglich  erklärt,  ebenso  viel  zeitweise  gleichfalls 
wegen  körperlicher  Mängel  zurückgestellt,  ein  in  die  Augen  fallender 
Theil  (vor  1891  volle  27  Procent)  aus  Familienrücksichten  befreit. 
Im  Altertum  sind  sicherlich  nicht  zwei  Drittel  der  Gestellungspflich- 
tigen sofort  ausgeschieden:  immerhin  mufs  die  Stammrolle  einen 
grofsen  Satz  von  Halb-  und  Ganzinvahden  aufgewiesen  haben. i) 
Es  wird  erzählt  dafs  Rom  in  seiner  Redrängnifs  die  untere  Alters- 
grenze nicht  beachtete2),  auch  die  gesetzhche  Freiheit  von  der  Aus- 
hebung aufhob. 3)  Für  die  Annahme  aber  dafs  die  Legionen  aus 
alten  Männern  zusammengesetzt  gewesen  wären,  fehlt  es  an  Zeug- 
nissen.^) Hätten  die  Censusziffern  wirklich,  wie  man  meint,  die 
Summe  von  43  Jahrgängen  ausgedrückt,  so  möchte  davon  kaum 
die  Hälfte  für  den  Felddienst  brauchbar  gewesen  sein.  Den  tiefsten 
Stand  der  Wehrkraft  zeigt  das  Jahr  208  an:  dabei  ist  indessen  zu 
beachten  dafs  das  Ausschwärmen  der  Rürger  in  die  Provinzen  das 
später  sich  so  stark  bemerkbar  macht  (S.  90),  die  Niedrigkeit  zum 
Theil  erklärt. 5)  Eine  Schätzung  der  Verluste  ist  nicht  möglich,  aber 
erst  ein  Menschenalter  nach  dem  Kriege  ist  die  Zählung  von  225 
überholt  worden. 

194  V.  Chr.   143  704  Liv.  XXXV  9  verschrieben  für  243  704. 
189  258  318  Liv.  XXXVIH  36. 

179  258  794  Liv.  XLI. 

174  269015  Liv.  XLH  10. 


1)  Liv.  XXIV  18. 

2)  Liv.  XXII  57  XXV  5. 

3)  Liv.  XXVII  38. 

4)  Liv.  XLII  32  fg.  machen  die  aushebenden  Beamten  vor  dem  50.  Lebens- 
jahr nicht  Halt;  aber  es  handelt  sich  um  Offiziere,  die  länger  dienstfähig 
bleiben,  weil  sie  von  der  Last  des  Gepäcks  verschont  sind. 

5)  Liv.  XX Vm  11  XXIX  37  Pol.  III  82,8. 

Nissen,  Ital.  Landesknnde.    IL  8 


114  Einleitung. 

169  312805  Liv.  XLV. 

164  337  022  Liv.  XLV],  337  452  Plut.  Aem.  P.  38. 

159  328316  Liv.  XLVIL 

154  324000  Liv.  XLVIIL 

147  322000  Hieron.  a.  Abr.  1870. 

142  327  442  Liv.  LIV. 

136  317933  Liv.  LVL 

131  318823  praeter  pupillos  et  viduas  Liv.  LIX. 

125  394  736  Liv.  LX. 

115  394  336  Liv.  LXIIL 

Um  die  Liste  für  das  3.  und  2.  Jahrhundert  zur  Ermittelung 
der  Volksdichtigkeit  verwenden  zu  können,  mufs  zunächst  die  Frage 
entschieden  werden  ob  nur  die  Vollbürger  oder  auch  die  Bürger 
ohne  Wahlrecht  in  ihr  enthalten  sind.  Die  letzteren  wurden  von 
den  Censoren  in  einem  besonderen  Verzeichnifs  {tabulae  Caeritum) 
geführt  und  konnten  ebenso  gut  aus-  wie  eingeschlossen  sein.  Für 
jene  Annahme  beweist  die  nach  "fribus  geregelte  Aushebung,  wie 
Polybios  sie  schildert,  nichts;  denn  als  er  schrieb,  hatten  die  fiüheren 
Halbbürgergemeinden  Aufnahme  in  die  Tribus  erlangt.  Dagegen 
fällt  ins  Gewicht  dafs  die  Cam))aner  die  doch  minderes  Bürgerrecht 
besafsen,  bei  dem  Census  von  225  nicht  mitzählen,  vielmehr  eigene 
Truppenkörper  bilden. i)  Allein  die  Campaner  nehmen  eine  so  un- 
abhängige Sonderstellung  ein,  dafs  sie  nicht  selten  geradezu  als 
Bundesgenossen  bezeichnet  werden.  Campanische  Legionen  sind  be- 
zeugt; der  Masse  der  Volsker,  Etrusker,  Sabiner  usw.  die  des  Wahl- 
rechts entbehrten,  läfst  sich  eine  gleiche  Selbständigkeit  schwerlich 
zuschreiben. 2)  Wie  dem  auch  sei,  liefern  die  Censusziffern  für  sich 
den  Beweis  dafs  die  Halbbürger  mit  Ausnahme  der  Campaner  ein- 
begriffen sind.  Das  römische  Gebiet  (mit  Ausschlufs  von  Capua 
und  Bruttium)  umfafste  225  v.  Chr.  rund  25000  Dkm  und  zählte 
12  Waffenfähige  auf  den  Quadratkilometer.  Dafs  es  an  Wehrkraft 
nicht  nur  den  italischen  Bund  in  der  Gesamtheit  sondern  auch 
dessen  stärkere  Hälfte  (S.  106)  überragte,  ist  in  der  Ordnung;  denn 
die  Bömer  hatten  sich  mit  Vorliebe  fruchtbare  Landstriche  ange- 
eignet, während  das  freie  Hochgebirg  weniger  Menschen  ernähren 
konnte.      Die  Zählungen  vor  225  steigen  in  ihren  Ergebnissen  auf 


1)  Pol.  II  24,14  Fabius  Gros.  IV  13,7. 

2)  Dion.  H.  XX  1  scheint  dies  zu  thun:  ob  mit  Recht,  steht  dahin. 


§  9.     Die  Bevölkerung.  115 

und  ab.  Die  oiedrigen  Ziffern  275.  247  verraten  die  Wirkung  der 
blutigen  Kriege  mit  Pyrrhos  und  Karthago.  Wenn  sie  umgekehrt 
in  die  Höhe  schnellen,  geht  eine  bedeutende  Erweiterung  des  Ge- 
biets voraus.  So  hat  der  Latinerkrieg,  die  Zuverlässigkeit  der  über- 
lieferten Angaben  vorausgesetzt,  die  Bürgerschaft  um  90000  ver- 
mehrt. Die  Eroberung  der  Sabina  brachte  einen  Zuwachs  von 
10000,  der  gallischen  Mark  15000,  Picenums  21000.  Seit  dem 
Tiefstand  von  247  dagegen  ist  der  Staat  bemüht  gewesen  durch  An- 
weisungen aus  dem  Gemeinland  das  Bürgertum  wieder  zu  heben. 
Die  Gründung  der  drei  S.  28.  29  genannten  Colonien  sowie  die  Er- 
richtung von  zwei  neuen  Tribus  241  erklären  die  nächste  Steigerung, 
das  Ackergesetz  des  Flaminius,  wie  S.  112  gesagt,  die  folgende  die 
den  Niedergang  nach  Ausbruch  des  karthagischen  Krieges  nahezu 
ausgleicht.  So  viel  über  die  Schwankungen  der  Liste.  Dafs  sie 
aber  die  Masse  der  etruskischen  sabinischen  latinischen  hernikischen 
volskischen  ausonischen  Halbbürger  mitzählt,  lehrt  ein  Blick  auf  die 
Karte.  Welcher  Bruchlheil  des  zu  25  000  Dkm  angenommenen 
römischen  Gebiets  von  ihnen  bewohnt  wurde,  läfst  sich  nicht  be- 
stimmen. Beloch  rechnete  früher  85  Procent.  Man  mag  den  An- 
satz für  die  Vollbürger  von  15  auf  30,  selbst  50  Procent  erhöhen, 
so  wird  die  behauptete  Thatsache  nicht  erschüttert.  Sollen  die 
Censusziffern  nur  die  Wahlberechtigten  bezeichnen,  so  kämen  20 — 30 
Wehrfähige,  eine  freie  Bevölkerung  von  100 — 150  Köpfen  auf  den 
Quadratkilometer:  eine  Dichtigkeit  die  dem  gesegneten  Campanien 
(S.  104),  aber  nicht  den  Bodenverhältnissen  Miltelitaliens  ansteht. 
Der  Sieg  über  Hannibal  und  dessen  Verbündete  verdoppelte 
den  Umfang  des  bürgerlichen  Gebiets.  In  den  nächsten  50  Jahren 
sind  18  Bürgercolonien  ausgesandt  worden,  wovon  die  nördlichen  je 
2000  Ansiedler  erhielten.  Die  Annalen  übergehen  die  vielen  Markt- 
flecken deren  Ursprung  gleichfalls  mit  Landvertheilungen  zusammen- 
hing. Die  Campaner  ferner,  die  Ligurer  von  Samnium  fanden  in 
den  Censuslisten  Aufnahme,  Latiner  suchten  sich  einzuschmuggeln. i) 
Der  Vermögenssatz  endUch  wurde  ermäfsigt  (S.  112).  Die  Gründe 
warum  alle  diese  Mafsregeln  keine  raschere  und  entschiedenere 
Steigerung  der  Censusziffern  bewirkten,  sind  in  dem  S.  88  fg.  er- 
örterten wirtschafthchen  Umschwung  gegeben.     Bei  Pydna  gewann 

1)  Liv.  XLII  10. 

s* 


116  Einleitung. 

Aemilius  Paullus  168  die  Schlacht  die  den  Römern  die  Weltherr- 
schaft verschaffte,  derselbe  trug  4  Jahre  darauf  die  gröfste  Zahl  in 
die  Liste  der  Wehrmänner  ein  welche  ein  Censor  bisher  erreicht 
hatte.  Dann  geht  es  langsam  abwärts,  bis  die  Gracchen  rücksichts- 
los eingriffen.  Auf  das  plötzliche  Emporschnellen  scheint  wieder 
ein  Sinken  der  Censusziffer  zu  folgen.  Darüber  werden  wir  nicht 
unterrichtet,  weil  die  Ueberlieferung  erst  bei  dem  grofsen  durch  die 
Revolution  herbeigeführten  Wandel  einsetzt. 
86  V.  Chr.     463  000  Hieron.  a.  Abr.  1932. 

7U  900  000  Liv.  XCVIU,  910000  Phlegon  Phot.  cod.  97. 

2S  4  063000  Mon.  Ancyr.  c.  8. 

8  4233000  eb. 

14  n.Chr.  4937  000  eb. 

47  5  984  072  Tac.  Ann.  XI  25,  6 944  000  Hieron.  a.  Abr.  2064. 

Die  an  erster  Stelle  aufgeführte  Ziffer  ist  zu  unsicher  über- 
liefert um  eine  Erörterung  zu  gestatten.  Dagegen  steht  die  zweite 
vollkommen  fest.  Mit  dem  Jahre  225  verglichen  ist  die  Summe 
der  Wehrfähigen  nur  um  20  Procent  gestiegen,  obwol  das  bezügliche 
Gebiet  damals  120000  Dkm,  jetzt  ungefähr  180000  Dkm  italischen 
Rodens  umfafste.  Wenn  man  ferner  erwägt  dafs  die  Proletarier 
seit  Marius  in  der  Legion  dienten,  also  auch  bei  dem  Census  70  v. 
Chr.  in  die  Stammrolle  eingetragen  wurden,  so  erscheint  der  Nieder- 
gang der  Volkskraft  dem  dritten  Jahrhundert  gegenüber  in  noch 
grellerem  Licht.  Zwar  haben  die  Wirren  der  beiden  letzten  Jahr- 
zehnte, der  Bundesgenossen-  Bürger-  und  Sklavenkrieg  breite  Lücken 
in  der  Bevölkerung  Italiens  gerissen. i)  Aber  die  ganze  Erscheinung 
erhält  doch  erst  durch  den  früher  betrachteten  wirtschaftlichen  Um- 
schwung ihr  volles  Verständnifs.  —  Durch  die  Aufnahme  der  Trans- 
padana  49  v.  Chr.  wurde  das  Bürgergebiet  in  Italien  abermals 
(nach  Abrechnung  der  Gebirgsdistricte  minderen  Rechtes)  um  rund 
60000  Dkm  erweitert.  Aufserdem  gab  es  bei  dem  ersten  Census 
des  Augustus  gegen  120,  bei  dem  letzten  gegen  150  Gemeinden 
römischer  Bürger  innerhalb  der  Provinzen.  Dieser  zwiefache  Zu- 
wachs würde  wol  erklären  dafs  der  Census  von  28  trotz  der  vor- 
ausgegangenen Bürgerkriege  eine  bedeutende  Vermehrung  aufwiese. 
Aber  er  reicht  keineswegs  aus  den  Abstand  zwischen  beiden  Zahlen 
auszufüllen.     Die  Annahme  dass  es  unter  Augustus  4 — 5  Millionen 


1)  Vell.  II  15  Diod.  XXXVIII  15  Appian  b.  civ.  I  93  Dio.  XLIII  25. 


§  9.   Die  Bevölkerung.  117 

wehrfähiger  Bürger  gegeben  habe,  von  denen  3  Procent  ihrer 
Dienstpflicht  genügten,  fällt  aufserhalb  des  Bereichs  der  Möglichkeit. 
Deshalb  müssen  die  kaiserlichen  Censusziffern  eine  andere  Bedeutung 
haben  als  die  republikanischen.  Beloch  meint:  Augustus  habe  eine 
Zählung  der  bürgerlichen  Bevölkerung  nach  heutiger  Weise  unter 
Einschlufs  der  Frauen  und  Kinder  veranstaltet,  und  gelangt  damit 
zu  jenem  niedrigen  Ansatz  von  dem  S.  110  die  Rede  war.  Allein 
die  Mittheilungen  aus  den  Listen  des  Census  von  74  n.  Chr.  der 
sich  ganz  nach  dem  Vorbild  des  Augustus  richtete,  lehren  dafs  dieser 
ein  wesenthch  anderes  Verfahren  eingeschlagen  hatte.  Unter  den 
Langlebigen  der  8.  Region  Aemilia  werden  52  Männer  und  17 
Frauen  mit  Namen  aufgeführt,  i)  Aus  dem  Verhältnifs  der  beiden 
Geschlechter  zu  einander  ersieht  man  sofort  dafs  nur  selbständige 
Personen  eingeschätzt  worden  sind:  dafs  Wittwen  und  Waisen  eine 
eigene  Rubrik  bildeten,  wird  schon  465  und  131  v.Chr.  ange- 
merkt. Die  Annalen  der  Republik  haben  die  tabulae  iuniorum,  die 
Aushebungsliste  überliefert.  Seitdem  die  Bürgerschaft  Italiens  vom 
Kriegsdienst  thatsächlich  befreit  war,  hatte  es  keinen  praktischen 
Zweck  mehr  über  die  Wehrpflichtigen  besonders  Buch  zu  führen. 
Wol  aber  konnte  die  Hauptliste  welche  die  Aufnahme  des  Vermögeos 
enthielt,  der  Verwaltung  wesentliche  Dienste  leisten,  so  z.B.  für 
die  Durchführung  der  Ehegesetze,  die  Regelung  der  Koruzufuhr,  die 
öfl'entliche  Wollhätigkeit.  Unsere  Nachrichten  beschränken  sich  auf 
Rom:  indefs  hegt  auf  der  Hand  dafs  keine  Gemeinde  ohne  einen 
Ueberblick  über  ihre  Glieder  und  deren  Habe  zu  wirtschaften  im 
Stande  war.  Eine  Zählung  der  Kinder  hat  aber  sicherlich  nicht 
statt  gefunden.  Erst  als  die  Menschenarmut  in  erschreckender 
Weise  sich  fühlbar  machte,  hat  Marc  Aurel  die  Anmeldung  der  Ge- 
burten innerhalb  30  Tage  nach  der  Geburt  befohlen. 2)  Ungefähr 
gleichzeitig  und  aus  derselben  Ursache  wird  das  Recht  des  Vaters 
die  Kinder  auszusetzen  aufgehoben  und  die  Aussetzung  als  ein  Ver- 
brechen betrachtet. 3)  Mithin  befassen  die  ca^pita  civium  Romanorum 
des  kaiserlichen  Census  annähernd  35 — 40  Procent  der  bürgerlichen 


1)  Phlegon  ed.  Keller  p.  85  fg.  Plin.  VII  162  fg.  Es  liegt  kein  Grund  vor 
die  allgemeine  Richtigkeit  dieser  Angaben  zu  beanstanden. 

2)  Die  Nachricht  der  Vita  9,7  wird  durch  die  Inschriften  bestätigt,  wie 
die  umsichtige  Untersuchung  von  Wilhelm  Levison,  Die  Beurkundung  des  Civil- 
standes  im  Altertum,  Bonner  Jahrb.  ClI  (1898)  1—82,  gezeigt  hat. 

3)  Paulus  Dig.  XXV  3,4  Mommsen  Strafrecht  619. 


118  Einleitung. 

BevölkeruDg,  Dämlich  1.  alle  Männer  vom  Eintritt  der  Mündigkeit 
d.  h.  vom  15. — 18.  Jahr  ab,  2.  verwittwete  oder  (wenn  es  solche 
überhaupt  gab,  denn  erwähnt  werden  sie  nicht)  unverheiratete 
Frauen,  3.  begüterte  Waisen.  Nach  der  Zahl  der  Gemeinden  (wir 
haben  keinen  anderen  Vergleich)  steht  die  aufseritalische  Bürger- 
schaft zur  italischen  im  Verhällnifs  von  1  : 3.  Daraus  folgt  dafs 
Italien  zur  Zeit  des  Augustus  eine  bürgerliche  Bevölkerung  von 
9 — 10  Millionen  enthielt.  Die  einzelnen  Posten  aus  denen  die 
Rechnung  aufgebaut  ist,  mögen  noch  so  schwankend  erscheinen, 
das  Endergebnifs  ist  nicht  zu  hoch  gegriffen.  Indem  weiter  die 
Menge  der  im  Lande  lebenden  Peregrinen  berücksichtigt  wird,  d.  h, 
einerseits  der  fremden  Händler  und  Handwerker  in  den  Städten, 
anderseits  der  attribuirten  ßergstämme  im  Norden,  so  wird  inner- 
halb des  rund  250000  Dkm  betragenden  italischen  Gebiets  eine 
freie  Einwohnerschaft  von  mindestens  10  Millionen  anzunehmen  sein. 
Für  die  Ermittelung  der  unfreien  Einwohnerschaft  stehen  keinerlei 
zahlenmäfsige  Angaben  zu  Gebote.  Aus  verschiedenen  Aeufserungen 
der  Zeitgenossen  wird  geschlossen  dafs  sie  an  Umfang  die  freie 
übertroffen  habe.i)  Auf  viele  Gegenden  Italiens  trifft  der  Schlufs 
in  der  That  zu.  Die  ausgedehnte  Weidewirtschaft  in  Apulien  Cala- 
brien  Lucanien  und  Bruttium  wird  seit  Alters  mit  Sklaven  betrieben 
(S.  105);  die  Gesetzgebung  hat  verlangt  dafs  ein  Drittel  der  Hirten 
aus  freigebornen  Leuten  bestehen  müsse,  aber  ohne  Erfolg. 2)  Die 
reichen  Weizenfelder  Etruriens  werden  von  Unfreien  bestellt. 3)  In 
Latium  Campanien  (S.  94)  dem  Volskerland  (S.  99)  ist  der  unab- 
hängige Bauerstand  nahezu  ausgerottet.  Wo  er  sich  behauptet 
hatte,  wie  im  Appennin  und  dem  Norden,  ist  auch  er  auf  die  Arbeit 
von  Knechten  angewiesen  (S.  93).  Das  Verhältnifs  von  Grofs-  und 
Kleinbesitz  zu  einander  läfst  sich  nicht  bestimmen:  das  Land  als 
Ganzes  genommen,  wiegt  jener  ohne  Zweifel  vor.  Im  Einzelnen 
gelangt  die  geschichtliche  Vergangenheit  zum  Ausdruck:  so  hat  die 
etruskische  Plantagenwirtschaft  auf  ehemals  keltischem  Boden  keinen 
Eingang  gefunden  (I  438).  —  Um  die  Dichtigkeit  der  ländhchen 
Bevölkerung  aber  nicht  zu  unterschätzen,  mufs  ein  wichtiger  Wandel 
im  Gutsbetrieb  Berücksichtigung   finden.     Der  alte  Cato  verwandte 


1)  Seneca  de  dem.  I  24,1  Tac.  Ann.  IV  27  XIII  27. 

2)  Sueton  Caes.  42  Appian  b.  civ.  1  8. 

3)  Liv.  XXXIH  36  Piut.  Tib.  Gracch.  8,7  Martial  IX  22,4  et  sonet  innumera 
compede  Tuscus  ager. 


§  9.    Die  Bevölkerung.  119 

nur  ledige  Knechte  (S.  93).  Dies  war  die  Zeit  wo  das  Legen  der 
Bauern  blühte  und  auf  Delos  täglich  die  Menschenvvaare  Myriaden- 
weise nach  Italien  verschifft  wurde. i)  Die  Creatur  forderte  ihr  Recht, 
die  rohe  Kraft  zerschlug  ihre  Fesseln,  durchbrach  den  Zwinger  und 
stürzte  die  Gesellschaft  in  ernsthafte  Gefahr.  Schliefslich  mufste  der 
Aufstand  des  Spartacus  71  v.  Chr.  in  Strömen  von  Blut  erstickt 
werden.  Seitdem  hören  wir  von  derartigen  bedeutenden  Erhebungen 
nicht  wieder  und  fragen  nach  dem  Grund  dieses  bemerkenswerten 
Umschwungs.  Er  liegt  augenscheinlich  darin  dafs  dem  ländlichen 
Gesinde  die  Ehe  in  der  Regel  freigegeben  wurde  2) :  nicht  etwa  aus 
Humanität,  sondern  weil  der  einsichtige  Landwirt  aus  der  Kin- 
derzeugung gleichen  Nutzen  zog  wie  aus  der  Vermehrung  seines 
Viehstandes. •*)  —  In  den  Städten  wird  die  öffentliche  Arbeit  ganz, 
die  gewerbliche  gröfsten  Theils  von  Sklaven  geleistet  (S.  93).  Von 
den  Bedürfnissen  des  eigenen  Marktes  abgesehen,  ist  die  Ausfuhr 
gewerblicher  Erzeugnisse  als  eine  bedeutende  zu  betrachten  (S.  98). 
Dabei  darf  man  nicht  vergessen  dafs  die  antike  Industrie  ebenso 
verschwenderisch  mit  der  Menschenkraft  schaltet  wie  die  antike 
Marine  (I  125),  weil  beiden  vollkommene  Maschinen  fehlen.  Endhch 
kommt  der  Luxus  in  Rechnung.  V^^as  Staat  und  Gemeinde  an 
Fechtern  und  fahrendem  Volk  zur  Kurzweil  der  Bürger  brauchten, 
stellt  nach  heutigen  Begriffen  einen  hohen  Posten  dar,  verschwindet 
aber  gegenüber  den  Ansprüchen  die  der  Einzelne,  soweit  seine 
Mittel  es  ihm  erlaubten ,  an  die  Würde  und  Bequemlichkeit  des 
Haushalts  erhob.  Die  Behauptung  dafs  viele  Römer  ihren  10  und 
20000  Sklaven  übersteigenden  Besitz  lediglich  benutzt  hätten  um 
glänzend  aufzutreten,  ist  allerdings  stark  aufgetragen.^)  Immerhin 
geht  der  mit  der  Bedienung  getriebene  Aufwand  ins  Ungemessene.^) 
Das  Fehlen  eines  Sklaven  ist  ein  Kennzeichen  der  Armut. 6)  Der 
Bedarf  zum  anständigen  Leben  schwankt  zwischen  10  und  200.') 
Den  Verbannten    werden    12  n.  Chr.  durch   Gesetz   20   gestattet. 8) 

1)  btrab.  XIV  668. 

2)  Varro  RR.  II  10  vgl.  1,26;  anders  der  ältere  Cato  Plut.  5.  21,2. 

3)  Di[j.  IX  2,2  Golum.  I  8,19  Appian  b.  civ.  I  7  (psQovarjs  a/ia  xal  rrjaSs 
rr/S  üTTjGecos  avroTs  noXv  xbqSos  ex  noXvnaiSias  d'eqanövroiv. 

4)  Athen.  VI  272  e. 

5)  Friedländer,  Sittengeschichte  III  ^  137  fg. 

6)  Lucil.  fr.  VI  22  Catull  23,1  24,5  Epiktet  diss.  III  22,45  Did. 

7)  floraz  Sat.  I  3,11. 

8)  Dio  LVI  27. 


120  Einleitung. 

Wir  erfahren  gelegentlich  dafs  die  Dienerschaft  eines  vornehmen 
Hauses  zu  Rom  400  Kopfe  umfafste.i)  Wenn  das  ganze  Land  in 
der  ersten  Kaiserzeit  600  senatorische,  etwa  10  000  ritterliche  und 
40000  kleinere  Vermögen  aufwies  (S.  95),  so  kann  das  zu  persön- 
lichen Diensten  verwandte  Gesinde  gewifs  nicht  niedriger  als  eine 
halbe  Million  veranschlagt  werden.  In  Betreff  der  Menge  der  Er- 
werbsklaveu  tappen  wir  im  Düstern,  hegen  jedoch  gegen  die  neuer- 
dings empfohlenen  kleinen  Zahlen  ein  berechtigtes  Mistraueu. 
Die  Bevölkerung  Italiens  wurde  für  225  v.  Chr.  auf  9  MiUionen  ge- 
schätzt, wovon  2  dem  Norden  (S.  110),  7  der  Halbinsel  zuzuschreiben 
waren  (S.  107).  Seitdem  hat  ein  steter  Austausch  an  Menschen 
zwischen  dem  herrschenden  und  den  beherrschten  Ländern  an- 
gehalten. Handel  und  Colonisation  entführen  jenem  eine  Masse 
tüchtiger  Kräfte  die  in  der  Fremde  römische  Sprache  und  Sitte  ein- 
bürgern. Umgekehrt  arbeitet  die  Einwanderung,  insonderheit  die 
Sklaveneinfuhr  aus  dem  Orient  an  der  Zersetzung  des  italischen 
Volkstums  (1  412.  420).  Der  zuströmende  Reichtum  hat  den  kernigen 
wehrhaften  freiheitlichen  Sinn  einfacherer  Zeiten  untergraben.  Es 
ist  kein  erhebendes  Bild  das  die  Staatsleitung  nach  der  Niederlage 
des  Varus  darbietet:  kaum  15000  Römer  waren  gefallen ,  nicht  ein 
Hundertstel  der  dienstpflichtigen  Bürgerschaft;  aber  statt  eine  Aus- 
hebung anzuordnen  und  die  befleckte  Waffenehre  in  Blut  rein  zu 
waschen ,  rannte  der  alte  Kaiser  wehklagend  mit  dem  Kopf  gegen 
die  Wand.  Freilich  war  die  allgemeine  Wehrpflicht  in  Italien  längst 
ein  leerer  Schall  geworden:  und  wenn  die  Quinten  während  der 
Todeskämpfe  der  Republik  zu  Hause  im  Soldatenmantel  einher- 
stolzierten, so  spielten  sie  Komödie.  Den  körperhchen  Anforderungen 
des  Felddienstes  konnten  die  Städter  mit  seltenen  Ausnahmen  über- 
haupt nicht  genügen.  Aber  auch  die  Bauern  aus  denen  seit  Alters 
die  Legionen  ihren  Ersatz  bezogen  (S.  92),  folgten  den  Lockungen 
des  Werbeofficiers  an  die  Grenze  je  länger  desto  spärlicher  (I  84). 
Schhefslich  wird  die  Armee  selbst  durch  den  langen  Frieden  ver- 
weichlicht: je  üppiger  die  Ausstattung  der  Casernen  im  2.  Jahr- 
hundert erscheint,  desto  niedriger  die  Tüchtigkeit  der  Insassen. 
Der  mihtärische  Verfall  Italiens  beginnt  seit  dem  hannibalischen 
Krieg  und  erreicht  durch  die  Begründung  der  Monarchie  seine  Höhe. 


1)  Tacit.  Ann.  XIV  43,   vgl.  Gic.  pro  Mil.  55  Seneca  Dial.  XII    11,3    Plin. 
XXXIII  26. 


§  9.    Die  Bevölkerung.  121 

Dafs  die  Abnahme  der  freien  Bevölkerung  mit  diesem  Verfall  Hand 
in  Hand  gegangen  sei,  wird  vielfach  geglaubt  (S.  100):  allein  die 
geschichtliche  Erfahrung,  ein  Hinhlick  auf  die  alten  Culturreiche 
Asiens,  um  von  europäischen  Verhältnissen  abzusehen,  straft  die 
Annahme  Lügen  als  ob  die  Volksziffer  eines  Landes  unmittelbar 
mit  dessen  Wehrhaftigkeit  zusammenhinge.  Am  Po  betraten  die 
Römer  jungfräulichen  Boden:  nach  dem  Empfang  des  Bürgerrechts 
und  der  Unterwerfung  der  Alpen  (1  75)  entfaltet  er  eine  prächtige 
Blüte.  Auch  die  Halbinsel  bekundet  in  der  Ausbreitung  des  Garten- 
baus, der  Veredlung  von  Wein  Oel  und  Wolle  entschiedene  Fort- 
schritte. Damit  vollzieht  sich  ein  Umschwung  in  der  Wirtschaft 
der  bei  Betrachtungen  über  die  Volksdichtigkeit  berücksichtigt 
zu  werden  verdient.  Nicht  nur  wird  das  Los  der  Sklaven 
durch  die  Gewährung  der  Ehe  gemildert  (S.  119),  sondern  das  von 
Cato  empfohlene  rohe  System  der  Ausbeutung  auf  den  Gütern 
macht  immer  mehr  dem  Colonat  d.  h,  der  Kleinpacht  Platz.  Zeitlich 
betrachtet  ist  die  Kleinpacht  so  alt  wie  die  Clientel.  Vom  rein 
kaufmännischen  Standpunct  gilt  sie  als  weniger  vortheilhaft.i)  Aber 
die  bitteren  Lehren  des  grofsen  Sklavenkriegs  hatten  ihr  am  Aus- 
gang der  Republik  eine  weite  Verbreitung  verschafft.-)  Sie  dehnt 
sich  immer  mehr  aus  und  wird  im  2.  Jahrhundert  n.  Chr.  als  die 
gewöhnliche  Form  des  landwirtschaftlichen  Betriebes  hingesteUt.'^) 
Sicherlich  wird  Niemand  den  Colonat  eine  mustergiltige  Einrichtung 
nennen,  weder  in  seiner  heuligen  noch  in  seiner  antiken  Gestalt. 
Immerhin  leuchtet  ein  dafs  die  Volksvermehrung  durch  ihn  befördert 
worden  ist. 

Unter  Auguslus  hat  sich  die  Einwohnerzahl  Italiens  dem  Be- 
stand von  225  V.  Chr.  gegenüber  ungefähr  verdoppelt.  Der  Zuwachs 
kommt  in  erster  Linie  auf  Rechnung  der  padanischeu  Landschaften. 
Das  Vorrücken  der  Reichsgrenze  an  Rhein  und  Donau  brachte  ihnen 
den  unmittelbarsten  Nutzen  (S.  98).  Die  heutigen  Mundarten  legen 
Zeugnifs  ab  von  der  Erhaltung  der  Stämme.  Römische  Cultur  und 
römisches  Capital  vermochten  im  Bunde  mit  einem  kräftigen  Bauertum 
diesen  Gegenden  einen  hohen  Aufschwung  zu  verleihen.  Dabei 
wird  die  Periode  der  Unabhängigkeit  zum  Vergleiche  herangezogen ; 


1)  Colum.  IT  vgl.  Piin.  Ep.  III   19,7  VII  30,3  IX   37,2. 

2)  Cic.  pro  Caec.  94  Gaes.  b.  civ.  I  34.  56  Horaz  Ep.  I  14  Seneca  Ep.  123,2 
Lucan  1  170  Tacit.  Germ.  25  Marlial  I  17  lU  58,33  XI  14  Xlll  121. 

3)  Dig.  XX  1,32  XXXIII  lit.  7  12,3  20,1. 


122  Einleitung. 

denn  was  die  Gegenwart  betrifft,  so  haben  die  vier  padanischen 
Regionen  dessen  Volksmenge  schwerlich  mehr  als  zur  Hälfte  er- 
reicht. Im  Unterschied  von  dem  aufstrebenden  Colonistenland  am 
Po  gewährt  die  Halbinsel  ein  ungleichartiges  Bild.  Der  eigenthche 
Süden,  Lucanien  Bruttium  nebst  Samnium  hat  sich  von  den  im 
hannibalischen  Kriege  erlittenen  Schäden  nie  wieder  erholt.  Besser 
sieht  es  in  den  Abruzzen  Picenum  Umbrien  Etrurien  aus.  Die 
gröfste  V'olksdichtigkeit  weist  die  erste  Region  auf:  Campanien  bleibt 
kaum  hinter  der  heutigen  zurück,  Rom  mit  Latium  übertrifft  sie 
mindestens  um  das  Doppelte.  —  So  unsicher  und  ungenau  auch 
derartige  Schätzungen  sein  mögen ,  erscheint  es  doch  nützlich  das 
Verhältnifs  der  Hauptstadt  zum  Lande  durch  Zahlen  zu  veranschau- 
lichen. Setzt  man  die  Gesamtzahl  der  Bewohner  mit  16  Milhonen 
an,  so  fallen  auf  Norditalien  7,  die  erste  Region  3 — 4,  die  übrige 
Halbinsel  5 — 6.  Rom  umfafst  etwa  ein  Zwölftel  der  italischen  Be- 
völkerung (Kap.  IX  4),  besitzt  also  nicht  das  Uebergewicht  wie  heut 
zu  Tage  London  in  England  oder  Kopenhagen  in  Dänemark.  Aber 
die  Sache  gewinnt  ein  anderes  Ansehen,  wenn  wir  uns  daran  er- 
innern dafs  die  modernen  Grofsstädte  in  rastloser  Thätigkeit  neue 
Werte  schaffen,  während  die  Weltherrscherin  am  Tiber  faullenzte. 
Dazu  kommt  ein  Zweites.  Rom  hatte  die  Mitte  der  Halbinsel  unter 
seiner  Führung  geeinigt,  weil  es  die  Mitbewerber  an  Ausdehnung 
weit  übertraf  (S.  38).  Diese  seit  den  Königen  eingenommene 
Stellung  ist  im  Lauf  der  Jahrhunderte  verstärkt  worden.  Das 
italische  Festland  besitzt  gegenwärtig  (Triest  eingerechnet)  10  Städte 
mit  100 — 500  000  Einwohnern.  Für  das  Altertum  fehlt  ein  fester 
Mafsstab  um  die  Grofsstädte  aus  der  Masse  der  Municipien  auszu- 
scheiden. Der  Mauerring  der  für  die  Kämpfe  um  die  Hegemonie 
zum  Anhalt  diente,  hat  nach  der  Entfestigung  einerseits,  der  Ver- 
ödung so  vieler  Orte  anderseits  seine  Bedeutung  in  dieser  Hinsicht 
verloren.  Nach  den  Aussagen  der  Schriftsteller  und  Denkmäler 
mufs  die  Stufe  welche  den  einzelnen  Städten  in  der  Bevölkerungs- 
scala  zukommt,  bestimmt  werden.  Dabei  sind  Irrtümer  kaum  zu 
vermeiden,  und  nur  unter  Vorbehalt  können  um  den  Beginn  unserer 
Zeitrechnung  folgende  Namen  der  obersten  Classe  zugetheilt  werden : 
Patavium  Verona  Mediolanum  nördlich  vom  Po,  Ravenna  Bononia 
Mutina  in  der  Aemilia ,  Ostia  bei  Rom,  Capua  Puteoli  Neapolis  in 
Campanien.  Der  Obergrenze  kommen  Aquileia  Cremona  Placentia 
im  Norden,   Brundisiuni    Canusium   Beneventum   auf  der  Halbinsel 


§  9.    Die  Bevölkerung.  123 

nahe.     Fragt  man  bei  welcher  Einwohnerziffer  die  Grenze  zu  ziehen 
sei,  so  mufs  man  im  Auge  behalten  dafs  die  Alten  dicht  gedrängt 
wohnten,    nicht   blos  innerhalb  der  Festungsmauern  sondern  auch 
im  Freien,  ferner  dafs  z.  B.  für  Neapel  der  Hochbau  mit  4 — 5  Stock- 
werken  bezeugt   wird.     Dem  ungeachtet  ist  in  der  Kaiserzeit  eine 
jede   italische  Stadt  die  50  000  Bewohner  zählt,   als  Grofsstadt  an- 
zusehen.    Einzelne   unter  den   genannten    wie   Capua   und  Puteoli 
mögen  100000  erreicht,  selbst  überschritten  haben:   von  der  Mehr- 
zahl   —   das   spätere  Wachstum  von  Mailand   und   Ravenna   bleibt 
aufser  Betracht  —  gilt  dies  sicherlich  nicht.     Daraus  entspinnt  sich 
eine  anziehende  Erwägung.    Die  heutigen  Grolsstädte  enthalten  rund 
3  MiUionen  Menschen,    wovon   die   eine  Hälfte  ziemlich  gleich  auf 
Neapel  Rom  Mailand,  die  andere  Hälfte  mit  Abstufungen  auf  Turin 
Genua  Florenz  Venedig  Bologna  Triest  Livorno  entfällt.     Die  Ein- 
wohnerschaft der  antiken  Grofsslädte  stellt  sich  auf  2 — 21/4  Millionen: 
von  dieser  Summe  nimmt  Rom  annähernd  drei  Fünftel  in  Anspruch, 
der  Rest  geht  wie  oben  gesagt  in  10  Theile.    Vor  dem  hanuibalischen 
Krieg  konnte  von  einem  Gleichgewicht  der  Landschaften  und  Städte 
die  Rede  sein.     Seitdem  giebt  es  in  Italien  eine  einzige  urbs,   mit 
der  in  den  Wettbewerb  einzutreten  den  Municipien  erst  in  der  Zeit 
des  Verfalls  möghch  geworden  ist.     Im  Uebrigen  hat  die  römische 
Politik  aus  allen  Kräften  die  städtische  Entwicklung  auf  Kosten  des 
flachen    Landes  befördert  (S.  22).     Dadurch  wurde  der  geschäftige 
Müssiggang   vom  Tiber   in    die  Thäler  des  Appennin   und   an   den 
Fufs    der    Alpen   verpflanzt   (S.  48).     Von   örtlichen   Bedingungen, 
namenthch   der  Entfernung   von  Rom   hing   es   ab   wie   rasch   der 
Krankheitstoff"    um    sich    griff   und    seine     Umgebung    verseuchte. 
Aufserdem  bewiesen  Gegenden  die  von  dem  unaufhörUchen  Wechsel 
des   Grundbesitzes   verschont  geblieben   waren   (S.  26),    eine   ganz 
andere  Widerstandskraft  als  solche  wo   eine  Colonie  Veteranen   die 
andere  abgelöst  hatte.     Im  Allgemeinen  tritt  der  grofse  Unterschied 
zwischen  dem  Norden  und  der  Halbinsel  zu  Tage:  dort  machen  die 
Städte  etwa  ein  Fünftel, hier  die  volle  Hälfte  der  Gesamtbevölkerung  aus. 
Die  von  Augustus  veranstalteten  Zählungen  erstrecken  sich  über 
42  Jahre  und  zeigen  in  diesem  Zeitraum  ein  Wachstum  der  Bürger- 
schaft um  21  Procent.     Das  Königreich  Italien   hat  in  den  letzten 
27  Jahren   18  Procent,  also  etwas  mehr  zugenommen,  nämhch  statt 
1/2  Procent  jährlich  2/3.     In   beiden  Fällen   sind   die   äufseren   Be- 
dingungen für  eine  bedeuteude  Zunahme  der  Bevölkerung  gegeben. 


124  Einleitung. 

in  viel  stärkerem  Mafse  für  das  Altertum  als  für  die  Gegenwart. 
Trotzdem  verhält  sich  nach  den  angeführten  Zifl'ern  der  Ueberschufs 
der  Geburten  zwischen  ihnen  höchstens  wie  3:4,  in  Wahrheit  aber 
viel  ungünstiger  für  jenes.  Denn  zur  Vermehrung  der  Bürgerschaft 
liefern  Heer  und  Flotte  einen  wesentlichen  Beitrag,  da  die  einge- 
stellten Fremden  entweder  beim  Eintritt  oder  beim  Abschied  Bürger- 
recht erlangen.  Noch  höher  ist  der  Posten  den  die  Freilassungen 
in  Ansatz  bringen.  —  In  dem  weitherzigen  Verfahren  mit  dem  die 
Römer  freigelassene  Sklaven  in  den  Bürgerverband  aufnahmen,  er- 
blickte König  Philipp  214  v,  Chr.  die  Ursache  ihrer  Volksmenge 
(S.  107).  Söhne  von  Freigelassenen  gelangten  312  in  den  Senat, 
das  Schwergewicht  das  diese  Classe  in  den  Comitien  beanspruchte, 
erhellt  aus  der  Thatsache  dafs  die  Landpartei  304  sie  auf  die  vier 
städtischen  Tribus  beschränkte.^)  Seit  357  wurde  eine  Steuer  von 
5  Procent  vom  Wert  der  freigelassenen  Sklaven  erhoben  und  daraus 
eine  Rücklage  für  den  äufsersten  Notfall  des  Staates  gebildet:  als 
man  sie  209  angreifen  mufste,  enthielt  die  Rücklage  4000  Pfund 
Gold  (3  654  000  Mark). 2)  Demgemäfs  sind  in  der  Zwischenzeit  all- 
jährlich im  Durchschnitt  etwa  1200  Sklaven  zur  Freiheit  gelangt. 
Das  macht  kaum  ein  Tausendstel  der  bürgerlichen  Bevölkerung  und 
nach  der  heutigen  Fruchtbarkeil  berechnet  ein  Vierzigstel  der  freien 
Geburten  aus.  Am  Ausgang  der  Repubhk  ist  dieser  Ansatz  weit 
überschritten.  Die  Haussklaven  pflegte  man  nach  sechsjähriger  guter 
Führung  frei  zu  lassen. 3)  Die  humane  Sitte  griff  bis  zu  einem 
Grade  um  sich,  dafs  sie  als  Unfug  betrachtet  4)  und  von  der  Gesetz- 
gebung wiederholt  bekämpft  wurde. 5)  Ein  Gesetz  8  n.  Chr.  be- 
schränkte die  Zahl  der  testamentarisch  gestatteten  Freilassungen  bei 
3—10  Sklaven  auf  die  Hälfte,  bei  11—30  auf  ein  Drittel,  bei 
31 — 100  auf  ein  Viertel,  darüber  bis  500  auf  ein  Fünftel,  indem 
es  über  100  hinauszugehen  untersagte.  Dergestalt  wird  das  Bürger- 
tum in  steigender  Fülle  aus  dem  vierten  Stand  ergänzt,  aber  der 
natürliche  Nachwuchs  nimmt  mit  dem  eindringenden  Reichtum  lang- 
sam ab.  —  Polybios  stellt  eine  einsichtige  Erörterung  über  die 
damalige  Kinderlosigkeit  und  Menschenarmut  in  Hellas  an,   die  die 


1)  Liv.  IX  46  Diod.  XX  36,  vgl.  Appian  b,  civ.  I  8. 

2)  Liv.  VII  16  XXVIi  10. 

3)  Cic.  Phil.  VIII  32  vgl.  Dio  LVI  7,6. 

4)  Dion.  H.  IV  24  Suel.  Aug.  42. 

5)  Gaius  I  36fg.  II  228  Justinian  Inst.  I  7  Sueton  Aug.  40. 


§  9.    Die  Bevölkerung.  125 

Städte  verödete  und  das  Feld  unfruchtbar  machte.  Er  findet  die 
Ursache  nicht  in  Krieg  Pestilenz  oder  äufseren  Zufälligkeiten,  sondern 
in  den  Menschen  selbst.  Diese  haben  sich  der  Prahlerei  Geldgier 
und  Vergnügungssucht  in  die  Arme  geworfen,  scheuen  entweder 
überhaupt  die  Ehe,  oder  wollen,  wenn  sie  heiraten,  die  Rinder 
nicht  aufziehen  bis  auf  eins  oder  zwei,  um  solche  reich  zurück  zu 
lassen  und  in  Ueppigkeit  zu  erziehen.  Geht  davon  das  eine  durch 
Krieg  oder  Krankheit  zu  Grunde,  so  müssen  die  Häuser  notwendig 
aussterben.  Dagegen  vermag  nur  die  Umkehr  der  Sitten  oder  ein 
Gesetz  das  die  Aufzucht  der  Geborenen  vorschreibt.  Abhülfe  zu 
schaffen.  Der  Schriftsteller  deutet  verschiedentlich  an  dafs  die  hier 
berührten  Laster  auch  in  Rom  Fufs  gefafst  hatten. i)  In  der  That 
hat  ein  Zeitgenosse,  der  Gensor  Metellus  Macedonicus  131  die  Ehe- 
losigkeit von  Amtswegen  bekämpft.2)  Wenn  freilich  der  Sitten- 
meister in  einer  berühmten  Rede  die  Ehe  als  drückende  Last  kenn- 
zeichnete, welcher  der  Bürger  aus  Rücksicht  auf  das  Staatswol  sich 
unterziehen  müfste,  wenn  diese  Auffassung  von  der  Nachwelt  all- 
gemein getheilt  wurde,  so  versteht  man  warum  die  Ermahnungen 
wenig  fruchteten.  Mit  wirksameren  Mitteln  griff  Augustus  das  Uebel 
an,  als  er  die  Ehe-  und  Kinderlosen  durch  Vermogensnachtheile 
und  Ehrenstrafen  zur  Erfüllung  ihrer  staatsbürgerlichen  Pflichten 
anzuhalten  suchte.  Die  Notwendigkeit  solcher  Mafsregeln  wird  durch 
die  Nachricht  erläutert  dafs  die  Consuln  9  n.  Chr.  deren  Namen  die 
lex  Papia  Poppaea  trägt,  mitsamt  der  grofsen  Mehrheit  der  römi- 
schen Ritterschaft  dem  Gesetz  verfallen  waren. 3)  Das  Reispiel  der 
oberen  Zehntausend  hat  die  breiten  Schichten,  nicht  nur  der  Ge- 
treideerapfänger  und  Bummler  in  der  Hauptstadt,  sondern  auch  der 
Municipien  angesteckt.  Auf  seinen  Reisen  durch  Italien  pflegte 
Augustus  arme  Bürger  mit  1000  Sesterzen  (218  Mark)  für  jedes 
vorgeführte  Kind  zu  belohnen.^)  Freilich  war  die  alte  Fruchtbar- 
keit  dem    Lande   keineswegs  abhanden  gekommen.     Am  11.  April 

5  V.  Chr.,  wie  in  der  Zeitung  zu  lesen  stand,  zog  ein  freigeborener 
Mann  aus  Faesulae  zum  feierlichen  Opfer  aufs  Capitol,  gefolgt  von 

6  Söhnen  und  2  Töchtern,  27  Enkeln  und  8  EnkeUnnen,  18  Ur- 


1)  Pol.  XXXVII  9,  vgl.  XXXII  11  I  64  II  21,8  VI  9,6  fg.  12,10. 

2)  Liv.  LIX  Suet.  Aug.  89  Gell.  N.  A.  I  6  Dio  LVl  8,2. 

3)  Dio  LVI  1—10  Suet.  Aug.  34. 

4)  Suet.  Aug.  46. 


126  Einleitung. 

enkeln.')  Wir  können  es  nicht  ziffermäfsig  nachweisen,  aber  trotz- 
dem ebenso  wenig  bezweifeln  dafs  der  Ueberschufs  der  Geburten 
einen  wesentlichen  Antheil  an  der  Volksvermehrung  unter  Augustus 
gehabt  hat.  Immerhin  lagen  die  Wurzeln  des  Uebels  tiefer  als  dafs 
Regentenweisheit  sie  auszurotten  vermocht  hätte.2) 

Der  unheimliche  Wechsel  des  Grundeigentums  bildet  einen 
Haupizug  der  italischen  Bodengeschichte  (S.  26).  Damit  geht  Hand 
in  Hand  der  Wechsel  in  der  Zusammensetzung  der  Bewohner.  In 
den  älteren  Jahrhunderten  arbeitet  Rom  an  der  Auflösung  der 
Stämme  und  hat  zu  diesem  Zweck  ein  paar  Millionen  Menschen 
vernichtet  vertrieben  verpflanzt  und  angesiedelt.  Und  noch  bevor 
das  Ziel  erreicht  ist,  hebt  im  Schofs  der  Gemeinde  die  wilde  Raserei 
an  die  unter  den  Besten  gründlich  aufräumte.  Aus  dem  alten  Adel 
der  Republik  hatten  wenige  Familien  die  Stürme  der  Bürgerkriege 
überdauert,  auch  der  neugebackene  kaiserliche  Adel  schmolz  rasch 
zusammen. 3)  Die  Abneigung  gegen  die  Bande  der  Ehe  erwies  sich 
stärker  als  die  Furcht  vor  dem  Gesetz.4)  Die  Lücken  wurden  von 
unten  her  ausgefüllt:  der  vom  Gewinn  gesättigte  Kaufmann  legt 
sein  Vermögen  in  Grundbesitz  an  und  schafft  damit  das  Sprungbrett 
von  dem  aus  der  Sohn  sich  zu  den  Höhen  des  Lebens  empor- 
schwingen kann,  s)  Ein  krankhafter  Standesstolz  beherrscht  die 
damalige  Welt:  der  Senator  sieht  auf  den  Ritter,  der  Ritter 
auf  den  Plebejer,  der  Stadtrömer  auf  den  Municipalen,  der  Italiker 
auf  den  Bürger  in  den  Provinzen,  der  Bürger  auf  den  Peregrinen, 
der  Freigeborne  auf  den  Freigelassenen,  der  Freigelassene  auf  den 
Sklaven  als  ein  Wesen  herab  das  einer  fremden  niederen  Gattung 
angehört.  Alle  streben  nach  oben. 6)  Aber  die  lange  Leiter  wird 
nicht  schrittweise  erstiegen,  oft  reifst  eine  Laune  des  Schicksals 
den  verachteten  Knecht  zum  Gipfel  des  Reichtums  hinauf.  Vom 
Kaiser  angefangen  lassen  alle  Magnaten  ihr  Vermögen  durch  ihr 
Gesinde  verwalten;  wer  aus  diesem  durch  gute  und  schlechte  Eigen- 
schaften die  Gunst  seines  Herrn  zu  gewinnen  versteht,  hat  sich  und 
seinen  Nachkommen   eine   glänzende  Zukunft  gesichert:    der   Frei- 


1)  Plin.  VII  60. 

2)  Tac.  Germ.  19  Bist.  V  5. 

3)  Tac.  Ann.  I  2  Xill  27  Juvenal  1,34. 

4)  Tac.  Ann.  111  25  Plin.  Ep.  IV  15,3  vgl.  Plut.  de  amore  prolis  2. 

5)  Cic.  Off.  I  151. 

6)  Epiklet  diss.  IV  1,33  fg. 


§  9.    Die  Bevölkerung.  127 

gelassene  wird  Grofshändler,  der  Sohn  Ritter,  der  Enkel  Senator,  i) 
Durch  den  unablässigen  Nachschub  aus  solchen  Kreisen  erklärt  sich 
warum  die  Haltung  der  hohen  Gesellschaft  unter  dem  Regiment 
der  Caesaren  je  länger  desto  bedientenhafter  wird.  In  anderem 
Zusammenhange  ist  ausgeführt  worden  wie  die  massenhafte  Ein- 
wanderung aus  dem  Orient  die  seit  dem  hannibahschen  Krieg  theils 
mit  theils  ohne  Zwang  fordauert,  das  Volkstum  in  seinen  Tiefen 
ergreift  und  umbildet  (I  410  fg.)-  Dies  gilt  zunächst  von  den 
grofsen  Städten,  länger  erhält  sich  das  abendländische  Rlut  auf  dem 
Lande.  Aber  die  wirtschaftliche  Abhängigkeit  von  den  Städten  (S.  48), 
der  Druck  des  Grofscapitals  (S.  91)  hat  unter  den  iuhschen  Kaisern 
nicht  minder  auf  dem  Bauernstand  gelastet  als  im  Zeitalter  der 
Scipionen.  Wir  sahen  (S.  95)  dafs  reichlich  in  einem  Jahrhundert 
die  Zahl  der  Grundbesitzer  bei  den  Ligurern  in  Samnium  wie  bei 
den  Veleiaten  in  der  Aemilia  um  die  Hälfte  abgenommen  hatte. 
Die  Verdrängten,  die  jüngeren  Sohne  wanderten  aus,  suchten  und 
fanden  ihr  Glück  in  den  Provinzen.  Ein  Blutbad  ähnlichen  Um- 
fangs  wie  einst  Mithridates  in  Asien  (S.  90)  richteten  die  aufstän- 
dischen Briten  61  n.  Chr.  unter  den  römischen  Einwanderen  an. 
Wer  das  Geld  dazu  hat,  kauft  in  Italien  Grundstücke  zusammen  ohne 
Mafs  und  Ziel,  d']e  pulchrüudo  iungendi'^)  veranlafst  den  Grolsen  an 
den  Kleinbesitz  Hand  anzulegen.  Gerade  so  strebt  der  Staat  nach 
Erweiterung  seiner  Grenzen  um  seine  Angehörigen  zu  ernähren. 
In  alten  Zeiten  war  der  Bürger  zufrieden  gestellt,  wenn  er  das  täg- 
liche Brot  für  Weib  und  Kind  mit  saurem  Schweifs  dem  Boden  ab- 
gewann. Aber  nachdem  seine  schwielige  Faust  alles  was  ihr  in  den 
Weg  kam  niedergeschlagen  hatte,  nachdem  die  unselige  Phrase  von 
der  Wellherrschaft  ihm  in  Fleisch  und  Blut  übergegangen  war,  über- 
läfst  er  den  Knechten  die  Arbeit  und  widmet  sich  dem  neuen 
Herrscherberuf.  Als  dessen  Ausübung  einem  Einzelnen  anvertraut 
wurde,  bleibt  für  ihn  kein  anderer  Lebensinhalt  übrig  als  der  Genufs. 
Mit  dem  Sinken  jedoch  des  Pflichtgefühls  und  der  Leistungen  für 
den  Staat  wachsen  seine  Ansprüche  ans  Leben ,  und  wächst  der 
Andrang  der  Bewerber  die  von  den  Früchten  der  Herrschaft  mit- 
zehren wollen.  Augustus  glaubte  den  Landhunger  der  Römer  für 
immer  gestillt  zu  haben.     In   der  Thal  haben  die  Ungeheuern  Er- 


1)  Juvenal  3,72  viscera  magnarum  domuum  dominique  futuri. 

2)  Plin.  Ep.  III  19,2. 


128  Einleitung. 

Werbungen  die  ihm  und  seinem  Vater  verdankt  wurden,  den  glänzen- 
den Aufschwung  nach  der  Schlacht  bei  Actium  ermöglicht.  Frei- 
lich die  Eibgrenze  liefs  sich  seit  9  n.  Chr.  nicht  behaujjlen  und  der 
Verzicht  bedeutet  zugleich  die  Wende  der  bisherigen  Entwicklung. 
Dem  äufseren  Schein  nach  entfaltet  die  von  Augustus  begrün- 
dete Ordnung  auch  unter  den  nächsten  Nachfolgern  eine  immer 
reichere  Blüte.  Die  ein  Menschenalter  nach  seinem  Tode  abge- 
haltene Zählung,  die  letzte  deren  Schlufssumme  uns  überliefert  ist, 
zeigt  eine  weitere  Zunahme  der  Bürgerschaft  um  20  Procent  an 
(S.  116).  Ob  und  inwieweit  Italien  zur  Vermehrung  beigetragen 
habe,  läfst  sich  nicht  ausmachen;  vermutlich  kommt  der  Hauptan- 
theil  auf  die  Ausdehnung  des  Bürgerrechts  in  den  Provinzen.  Wirt- 
schaftlich geht  nämlich  das  Stammland  zurück.  Bereits  Augustus 
halte  zur  Hebung  des  Ackerbaus  daran  gedacht  die  Kornspenden 
in  Bom  aufzuheben. i)  Unter  Tiberius  wird  33  n.Chr.  verfügt  dafs 
die  Gelddarleiher  zwei  Drittel  ihrer  Capitalien  in  italischem  Grund- 
besitz anzulegen  hätten. 2)  Die  Klagen  über  Erschöpfung  des  Bodens 
mehren  sich  (I  435):  während  Varro  als  Ertrag  des  Weizens  das 
10-,  stellenweise  das  15.  Korn  rechnet,  erinnert  sich  Columella  kaum 
einer  Ernte  die  für  den  grofseren  Theil  Italiens  das  4.  gebracht 
hätte. 3)  Dies  Ergebnifs  ist  in  der  That  höchst  unbefriedigend 
(I  449),  findet  aber  nicht  in  der  Abnahme  der  Fruchtbarkeit,  son- 
dern im  Baubbau,  der  Unwissenheit  und  Trägheit  der  Stadtherren, 
der  Lotterwirtschaft  auf  den  Gütern  seine  volle  Erklärung.^)  Mit 
Neid  blicken  die  italischen  Senatoren  48  n.  Chr.  auf  den  Beichtum 
der  Barone  in  Gallien  5):  der  Aufschwung  der  Provinzen  bereitete 
ihnen  schwere  Sorgen.  Die  alte  Bepublik  hatte  zum  Vortheil  ihrer 
Bürger  den  Anbau  von  Weinslock  und  Oelbaum  jenseit  der  Alpen 
verboten. ö)  Mit  der  fortschreitenden  Bomanisirung  wurde  das 
Monopol  durchbrochen.  Durch  eine  unausführbare  Gewaltmafsregel 
suchte  Domitian  es  neu  zu  beleben,  indem  er  die  in  den  Provinzen 
vorhandenen  Weinberge  mindestens  zur  Hälfte  auszurotten  befahl. 
Allein  wie  vordem  der  italische  Kornbau,  so  vermag  jetzt  auch  der 


1)  Suet.  Aug.  42. 

2)  Tac.  Ann.  VI  17  Suet  Tib.  48. 

3)  Varro  RR.  I  44,1  Golum.  III  3,4. 

4)  Colum.  1  praef.  I  8. 

5)  Tac.  Ann.  XI  23. 

6)  Gic.  Rep.  III  16. 


§  9,    Die  Bevölkerung.  129 

Weinbau  den  Wettbewerb  der  Provinzen  nicht  auszuhalten,  i)  Frei- 
lich behaupten  die  Edelweine  ihr  Ansehen  bis  zum  Ausgang  des 
Altertums  (S.  98).  Dagegen  erobert  Spanien  den  gallischen  germa- 
nischen britischen  Markt  und  versorgt  über  ein  Jahrhundert  lang 
Rom:  die  Krüge  aus  deren  Scherben  der  M.  Testaccio  entstanden 
ist  (I  452),  stammen  aus  Spanien  und  zwar  aus  den  Jahren  140 — 251 
n.  Chr. 2)  —  Wirtschaftlicher  und  sittlicher  Rückgang  sind  untrennbar 
mit  einander  verbunden.  Einsichtige  Herrscher  haben  ihn  bekämpft, 
ein  Caligula  und  Nero  mächtig  gefördert.  Wann  die  Bevölkerungs- 
ziffer zu  sinken  beginnt,  läfst  sich  nicht  genau  ermitteln :  nach  dem 
Sturz  des  iulisch-claudischen  Fürstenhauses  tritt  die  Abnahme  des 
Wolstandes  wie  der  Bevölkerung  fühlbar  in  die  Erscheinung.  Das 
Neuland  das  die  Flavier  am  Oberihein  erwarben,  wird  von  Galliern, 
nicht  von  Italikern  besiedelt. 3)  Am  Ende  des  Jahrhunderts  spricht 
Plutarch  von  der  allgemeinen  Menschenarmut  auf  Erden. *)  Dies 
mag,  durch  die  Zustände  Griechenlands  veranlafst,  übertrieben  sein. 
Aber  wirklich  ersehen  wir  aus  den  Alimentartafeln  traianischer 
Zeit  dafs  die  Zahl  der  Eigentümer  unter  dem  Regiment  der  Caesaren 
auf  die  ursprüngliche  Hälfte  zurückgegangen  ist  (S.  95),  hören 
gleichzeitig  nicht  nur  von  der  Entwertung  der  Güter  sondern  auch 
von  der  Schwierigkeit  Pächter  für  sie  zu  gewinnen. 5)  Dem  näm- 
lichen Zusammenhang  gehört  es  an  dafs  Nerva  96  v.  Chr.  60  Millionen 
Sesterzen  (13  Mill.  31.)  auswarf  um  arme  Bürger  mit  Land  zu  ver- 
sorgen.ß)  Und  beredter  als  alle  sonstigen  Nachrichten  sprechen 
die  Stiftungen  die  seiner  kurzen  Regierung  zur  besonderen  Zierde 
gereichen.  Von  Nerva  rührt  der  Plan  her  in  einzelnen  italischen 
Gemeinden  Capitalien  hypothekarisch  festzulegen,  aus  deren  Zinsen 
bestimmte  Unterstützungen  für  freigeborene  Kinder  bis  zur  Mann- 
barkeit gezahlt  werden  sollten.  Traian  hat  den  Plan  ins  Werk  ge- 
setzt, andere  Kaiser  haben  ihn  fortgeführt,  Privatleute  sind  dem 
kaiserhchen  Beispiel  gefolgt.  Traian  hat  auch  versucht  durch  Er- 
oberungskriege grofsen  Stils  dem  alternden  Reiche  neues  Leben 
einzuQöfsen.     Aber  gar  bald  versagte   die   für  derartige  Pohtik  er- 


1)  Suet.  Dom.  7.  14  Stat.  Silv.  IV  3,11. 

2)  Dressel  CIL.  XV  3691  fg.  Bonner  Jahrb.  XCV  (1894)  66fg. 

3)  Tac.  Germ.  29. 

4)  Plut.  de  defectu  orac.  8. 

5)  Plin.  Ep.  III  19  VI  3. 

6)  Dio  LXVIII  2,1. 

Nissen,  Ital.  Landeskunde.    II.  9 


130  Einleitung. 

forderliche  Kraft.  Die  kriegerische  Aufwallung  machte  unter  Hadrian 
und  Antoninus  Pius  tiefem  Frieden  Platz;  dann  kam  die  Pest  und 
scheuchte  die  Menschheit  von  ihrem  beschaulichen  Genufs  auf.*) 
Um  200  beträgt  die  Einwohnerschaft  Roms  noch  nicht  die  Hälfte 
des  Bestandes  unter  Augustus  (Kap.  IX  4).  Da  aber  Rom  durch 
den  Zuzug  aus  allen  Provinzen  verstärkt  wurde,  hat  aller  Wahr- 
scheinlichkeit nach  die  Bevölkerung  Italiens  in  noch  höherem  Mafse 
abgenommen.  Pertinax  stellte  193  Jedem  frei  Oedland  sich  anzu- 
eignen, gleichviel  ob  es  dem  Kaiser  oder  Privatleuten  gehörte,  und 
sprach  es  dem  Bebaucr  in  aller  Form  zu, 2)  Urkunden  über  Schen- 
kungen die  im  2.  Jahrhundert  in  Spoletium  Ferentinum  Rudiae  ge- 
macht wurden,  sind  erhalten:  die  Ausführungsbestimmungen  weisen 
auf  eine  geringe  Einwohnerzahl  hin.  Und  als  die  Furcht  vor  den 
Barbaren  die  offenen  Städte  zur  Befestigung  nötigte,  entsprachen 
die  Mauerringe  nicht  mehr  dem  Umfang  zur  Zeit  der  Blüte.  Um 
400  ist  die  Bevölkerung  Roms  auf  ein  Zwölftel  des  ehemaligen  Be- 
standes gesunken ,  und  sinkt  immer  weiter  bis  auf  einen  winzigen 
Bruchtheil  herab.  Den  Grad  der  Verödung  der  schliefslich  das 
ganze  Land  befallen  hatte,  zifTermäfsig  auszudrücken  fehlen  die  Mittel. 


1)  Gros.  VII  15,5  Eutrop  VIII  12  vita  Marci  ph.  17,2. 

2)  Herodian  II  4,6. 


KAPITEL  I. 

Ligurien. 

Das  alte  Volk  oach  welchem  die  neunte  Region  benannt  ist, 
bewohnte  in  den  letzten  Jahrhunderten  vor  unserer  Zeitrechnung 
das  Küstenland  von  der  Rhone  bis  zum  Arno  (I  470).  Sein  poli- 
tischer Zusammenhang  der  übrigens  nie  sonderlich  stark  gewesen 
zu  sein  scheint,  wurde  durch  die  Ordnung  der  italischen  Grenze 
zerrissen.  Die  Römer  huldigten  der  verbreiteten  Auffassung  die 
Flufsläufe  als  Landmarken  hinzustellen,  seit  Caesar  vollzieht  im 
Volksbewufstsein  der  Var  die  Scheidung  zwischen  Italien  und  der 
Provinz  Gallia  Narbonensis  (I  77.  79).  Da  jedoch  der  römische 
Resitz  sich  auf  einen  schmalen  Küstensaum  beschränkte  und  die 
Seealpen  erst  14  v.  Chr.  unterworfen  wurden,  konnte  von  einer 
genau  gezogenen  Grenze  zwischen  beiden  Ländern  vorläufig  keine 
Rede  sein.  Die  Geographen  der  Kaiserzeit  betrachten  als  solche 
den  Kamm  der  Alpen. i)  Aber  politische  Rücksichten  veranlafsten 
Augustus  von  dieser  nahe  liegenden  Restimmung  abzuweichen  (I  79 
82)  und  beide  Abhänge  des  Gebirges  bis  zum  M.  La  Levanna  hin- 
auf in  zwei  Provinzen  Alpes  Maritimae  nnd  Alpes  Cottiae  zu  ver- 
einigen. Damit  mufste  auch  der  Var  auf  sein  Grenzamt,  das  der 
Neuzeit  lange  (bis  1860)  vertraut  war,  wieder  verzichten.  V^^o  der 
vom  M.  Viso  kommende  Po  unweit  Saluzzo  in  die  Ebene  hinaus- 
tritt (I  184),  bis  etwa  10  km  oberhalb  der  Einmündung  des  Tessin, 
auf  einer  Strecke  von  260  km  bildet  der  Flufs  die  Nordgrenze  der 
neunten  Region,  zuerst  gegen  das  Reich  des  Cottius,  dann  gegen 
die  Transpadana.  Endlich  von  der  siebenten  Region  Etrurien  wird 
die  neunte  im  Südosten  den  natürlichen  Verhältnissen  entsprechend 
(I  231)  durch  die  Macra  getrennt2),  so  dafs  die  Stadt  Luna  jener, 

1)  Strab.  IV  179  Plin.  lll  31. 

2)  Strab.  V  222  Plin.  III  49.  50  Ptol.  III  1,3  Flor.  I  19,4;  Dante  Paradiso 
IX  89  Macra  che  per  cammin  corto  lo  Genovese  parte  dal  Toscano. 

9* 


132  Kapitel  1.    Ligurien. 

ihr  Hafen  dieser  angehören  würde.  Von  der  Macramündung  bis 
zum  Po  steht  die  Grenzhnie  nur  im  Grofsen  und  Ganzen  fest.  Das 
derart  umschlossene  Gebiet,  welches  bürgerliche  Freiheit  genofs, 
(die  heutigen  Provinzen  Porto  Maurizio,  Genua,  Alessandria  und  zum 
Theil  Cuneo)  nimmt  einen  Flächeninhalt  von  annähernd  14  000  Dkm 
250  d.  D  IVI  ein.  —  Die  Ordnungen  des  Augustus  erlitten  am  Aus- 
gang des  Altertums  mehrfache  Abänderungen.!)  Diocletian  hob  die 
Alpenprovinzen  auf  und  machte  die  Wasserscheide  zur  Grenze 
zwischen  Gallien  und  Italien  (I  85).  Demgemäfs  fielen  die  Seealpen 
mit  der  Westhälfte  der  Cottischen  an  Gallien,  die  kleinere  Ost- 
hälfte der  letzteren  an  Italien.  In  der  Folge  hat,  durch  uns  unbe- 
kannte Theilungen  und  Zusammenlegungen  der  Landschaften  veran- 
lafst,  ein  wunderlicher  Namenwechsel  stattgefunden.  Schon  am 
Ende  des  4.  Jahrhunderts  wird  Liguria  auf  die  Transpadana  über- 
tragen ,  und  heifst  Mailand  Hauptstadt  dieser  Provinz.  Die  alte 
Heimat  des  Namens  gehört  dazu,  wird  aber  im  6.  Jahrhundert  ab- 
getrennt und  bildet  bei  den  Langobarden  unter  der  Bezeichnung 
Alpes  Cottiae  die  5.  der  italischen  Provinzen. 2)  —  Wir  fassen  hier 
das  Gebiet  nach  den  Bestimmungen  des  ersten  Kaisers  ins  Auge. 
Die  Seealpen  und  der  sie  fortsetzende  Appennin  sondern  es  in 
zwei  verschiedenartige  Hälften:  das  schmale  etwa  5000  Dkm  um- 
fassende Küstenland  mit  warmem  Klima  und  das  gröfsere  dem  Po 
zugewandte  Binnenland,  welches  einen  weit  mehr  nordischen  Charak- 
ter aufweist  (I  230).  Unter  den  italischen  Begionen  eine  der 
kleinsten,  hat  sie  an  dem  geschichtüchen  Leben  des  Altertums  ge- 
ringen Antheil  nehmen  können.  Das  Gebirge  das  sie  bis  auf  die 
beiden  Ebenen  bei  Alessandria  und  Cuneo  ganz  erfüllt,  erschwerte 
das  Eindringen  der  Cultur.  Die  Schilderung  welche  Posidonios 
von  seiner  Wildheit  entwirft,  ist  früher  (I  470)  mitgetheilt  worden. 
Auch  nach  seiner  vollständigen  Unterwerfung  unter  Augustus  er- 
scheint es  als  Waldland  (I  434)  und  bringt  aufser  Bauholz  nur 
die  Erzeugnisse  einer  auf  niedriger  Stufe  befindlichen  Wirtschaft 
auf  den  Markt.  Strabo  führt  Vieh  Felle  und  Honig  an,  ferner 
Ponies  und  Maullhiere,  endlich  Mäntel  und  Böcke.  Darnach  mufs 
die  Schafzucht  eine   ziemlich  ausgedehnte  gewesen   sein,   erzeugte 


1)  Marquardt,  Staatsverwaltung  1  81  fg.  127. 

2)  Paul.  h.  Lang.  II  16 i    Alter  und  Ursprung  der  Umnennung  sind  unbe- 
kannt, Mommsen  Ghron.  min.  I  536  (Mon.  Germ.  bist.  auct.  ant.  IX). 


Ligurien.  133 

zwar  nur  eine  grobe  braune  Wolle*),  aber  einen  geschätzten  Käse, 
der  in  riesenhaften  bis  tausend  Pfund  schweren  Laiben  verschickt 
wurde. 2)  Oel  und  Wein  mufsten  eingeführt  werden,  nach  Strabo 
brachte  das  Land  nur  wenigen  wegen  seines  herben  Pechgeschmacks 
auch  später  verrufenen  Wein  hervor.^)  Die  Rebe  deren  Anbau 
für  das  zweite  Jahrhundert  v.  Chr.  bezeugt  wird  4),  hat  dem  ein- 
heimischen Bier  langsam  den  Boden  abgewonnen,  Phnius  erachtet 
die  hier  geübte  Behandlung  der  Traube  beachtenswert.^)  Wann 
der  Oelbaum,  der  gegenwärtig  nahezu  ein  Achtel  des  Areals  ein- 
nimmt und  die  reichsten  Erträge  liefert  (1  436.  454),  an  der  Riviera 
eingebürgert  wurde,  darüber  versagt  die  Ueberlieferungß.)  Aber 
mancherlei  Anzeichen  deuten  darauf  hin  dafs  die  Oelgärten,  welche 
nach  Hehns  Worten  „die  ganze  Küste  wie  ein  endloses  graues 
schwellendes  Meer  bedecken",  in  ihren  Anfängen  bis  in  die  Kaiser- 
zeit hinaufreichen.  —  Bedeutende  Städte  hat  diese  Region  nicht  auf- 
zuweisen, die  Ligurer  wohnten  durchweg  in  Dörfern'^),  die  zahl- 
reichen Stämme  deren  Namen  wir  kennen,  lassen  sich  nur  zum 
Theil  auf  der  Karte  unterbringen.  Die  Censusliste  weist  17  Ver- 
wallungskörper  auf_,  so  dafs  im  Durchschnitt  auf  den  einzelnen 
800  Dkm  kommen.  Ein  einziger  behauptet  den  Rang  einer  Colonie. 
Der  Schöpfung  von  Grofsgemeinden  standen  dte  natürlichen  und 
geschichtlichen  Verhältnisse  im  Wege.  Die  ligurischen  Cantone 
waren  zu  ganz  verschiedenen  Zeiten  unterworfen  und  dem  Rahmen 
einer  Municipalverfassung  eingefügt  worden.  Im  Uebrigen  hat 
Augustus  nach  Kräften  sein  im  Norden  eingeschlagenes  Verfahren 
(S.  8)  auch  hier  festgehalten.  —  Die  Beschreibung  zerfällt  natur- 
gemäfs  in  zwei  Abschnitte,  zu  denen  wir  einleitend  die  Provinzen, 
insoweit  sie  innerhalb  der  natürlichen  Grenzen  Italiens  fallen,  hin- 
zufügen; denn  politisch  sind  sie  wie  gesagt  während  der  Blütezeit 
mit  demselben  nicht  vereinigt  gewesen.^) 


1)  Strab.  IV  202  Colum.  VII  2  Martial  XIV  157.  58  Sil.  It.  VIII  597. 

2)  Plin.  XI  241. 

3)  Martial  111  82,22. 

4)  Liv-  XL  41  CIL.  I  199. 

5)  Plin.  XIV  68.   125  XV  66. 

6)  Dagegen  verbreitet  sie  sich  ausführlich  über  einen  geschätzten  dem 
Bernstein  ähnlichen  Stein  der  hier  gefunden  wurde  Strab.  IV  202  Plin.  XXXVII 
33  fg.  99. 

7)  Strab.  V  218. 

8)  Quellen:  Strab.  IV  201-3  V  218  Mela  II  72  Plin.  III  47-49.     PtoL  III 


134  Kapitel  I.   Ligurien. 

§  1.     Die  Provinz  der  Seealpen. 

Die  ligurische  Küste  war  den  Einflüssen  der  Cultur  leichter 
zugänglich,  früher  und  stärker  ausgesetzt  als  das  Binnenland: 
Massalia  halte  eine  Reihe  von  Niederlassungen  an  ihr  gegründet, 
die  bequemste  Verbindungstrafse  zwischen  Gallien  und  Italien  lief 
an  ihr  hin.  Daher  rührt  die  Unterscheidung  zwischen  Küsten-  und 
Gebirgsbewohnern  die  auch  einen  sprachlichen  Ausdruck  gefunden 
hat.  Die  letzteren  heifsen  Capillati  (I  474)  ähnlich  wie  die  Galli 
Comati,  oder  auch  MontaniA)  Die  Bezeichnung  Montani  ist  in  der 
Kaiserzeit  öfl"entlich  anerkannt,  da  sie  von  einer  in  den  Donau- 
provinzen stehenden  Cohorte  geführt  wird,  die  ursprünglich  aus 
dieser  Landschaft  recrutirte.2)  Aeltere  Annalen  benennen  die  Berg- 
bewohner zwischen  den  Bagienni  und  Ingauni  ebenso.^)  Die  end- 
giltige  Unterwerfung  erfolgte  14  v.  Chr.  und  veranlafste  die  Er- 
richtung einer  Provinz.^)  Der  gröfsere  Theil  der  Provinz  erstreckt 
sich  am  weslUchen  Abhang  der  Alpen  über  die  Departements  Alpes 
Maritimes  und  Basses  Alpes  bis  in  die  Nähe  der  Durance.  Ptolemaeos 
weist  ihr  4  Städte  zu,  deren  Lage  sämthch  bekannt  ist:  im  Canton 
der  Vediantii  Cemenelum  Cimella,  und  Sanitium  Senez,  im  Canton 
der  Nerusii  Vintium  Vence,  im  Canton  der  Suetrii  Salinae  Castellane.^) 
—  Für  uns  kommt  es  darauf  an  die  GrenzHnie  zwischen  der  Pro- 
vinz und  Italien  mögUchst  genau  zu  ziehen.  Sie  beginnt  an  der 
Küste  zwischen  Monoecvs  Monaco  und  Albintimilium  Ventimiglia. 
Da  das  Flufsgebiet  des  Rutuba  Roia  zu  der  letztgenannten  Stadt 
gehört,  ist  es  nicht  ausgeschlossen    dafs  das  Siegesdenkmal  auf  der 


1,1—3.  37-41.  —  Mommsen  CIL.  V  p.  825fg.  H.  Pais  CIL.  supplementa  Italica 
1  p.  126fg.,  Rom  1884.  —  Carta  degli  ex  Stall  Sardi  In  terraferma  91  Bl. 
1852-71  mit  Nachträgen  1:50000.  Dieselbe  in  6  Bl.  1841  mit  Nachträgen 
bis  1874  1:250000.  Dies,  in  1  Bl,  1846  1:500000.  Die  vom  italienischen 
Generalstab  im  Mafsstab  1:100  000  bearbeitete  Carta  topografica  del  Regne 
d'ltaiia  behandelt  diese  Landschaft  auf  27  Blättern  (54-59  66—71  78—84 
90—96  102.3)  und  liegt  seit  1896  vor.  Sie  dient  im  ganzen  Umfang  dieses 
Bandes  als  Hauptquelle.  Leider  sind  die  im  Handel  befindlichen  Blätter  nicht 
gleichmäfsig  hergestellt  und  lassen  manchmal  an  Deutlichkeit  zu  wünschen 
übrig. 

1)  Plin.  in  135  Tac.  Hist.  II  12. 

2)  CIL.  III  4844  fg.  p.  1152. 

3)  Liv.  XXVIII  46  (Valerius  Antias)  XL  41. 

4)  Dio  LIV  24. 

5)  Hirschfeld  CIL.  XII  p.  XIII  p.  1  fg. 


§  1.    Die  Provinz  der  Seealpen.  135 

Pafshöhe  bei  Turbia  noch  auf  italischem  Boden  steht.  Ausdrück- 
lich bezeichnet  das  Reisebuch  Alpe  summa  als  den  Punct  wo  Italien 
aufhört  und  Gallien  beginnt. i)  Nördlich  vom  Col  di  Tenda  stehen 
zwei  feste  Anhaltspuncte  zu  Gebote:  in  der  INähe  von  Borgo  S. 
Dalmazzo  bei  dem  Austritt  der  Stura  in  die  Ebene  und  in  der  Nähe 
von  Piasco  bei  dem  Austritt  der  Varaita  befanden  sich  Zollslätten.2) 
Die  Seealpen  wie  das  Reich  des  Cottius  waren  nämlich  dem  gallischen 
Zollbezirk  zugetheilt,  an  dessen  Grenzen  die  quadragesima  Galliarum, 
eine  Eingangsteuer  von  2V2  Procent  erhoben  wurde.  Somit  leuchtet 
ein  dafs  das  italische  Gebiet  nicht  die  grofse  Einsenkung  von  Cuneo 
überschreitet,  welche  die  Westalpen  von  dem  hgurischen  Hügelland 
trennt.  Leider  fehlen  die  Mittel  um  nach  Norden  die  Provinz  der 
Seealpen  von  der  cottischen  mit  urkundHcher  Sicherheit  zu  scheiden. 
Man  pflegt  den  M.  Viso  als  Grenze  für  die  Anwendung  der  beiden 
Benennungen  auf  den  Gebirgszug  hinzustellen  (I  146).  Der  An- 
satz rührt  von  Cluver  her  und  hat  in  der  Litteratur  Bürgerrecht 
erlangt.3)  Aber  es  geht  nicht  an  ihn  als  historisches  Zeugnils  zu 
behandeln,  z.  B.  mit  Mommsen  und  Kiepert  die  Provinz  der  See- 
alpen nach  Norden  bis  50  km  Abstand  von  Turin  vorzurücken. 
Der  zum  Reich  des  Cottius  gehörende  Stamm  der  Vesubiani  läfst 
sich  von  dem  Namen  der  60  km  langen  Vesubia  die  hnks  in  den 
Var  einfliefst,  nicht  trennen :  Lantosca  ist  Hauptort  des  Thals.  Da- 
raus folgt  dafs  die  fragliche  Provinz  sich  nicht  bis  zum  Col  di  Tenda, 
geschweige  denn  bis  zum  M.  Viso,  sondern  kaum  30  km  von  der 
Varmündung  nordwärts  erstreckt  hat.  Indem  ferner  nur  ein  paar 
hundert  Quadratkilometer  Provinzialland  östlich  vom  Unterlauf  des 
Var  fallen,  ist  Augustus  von  der  Volksanschauung  die  diesen  Flufs 
als  Grenze  betrachtete,  nicht  allzuweit  abgewichen.  —  Der  Flächen- 
inhalt der  Provinz  mit  5 — 6000  Dkm  wird  von  einzelnen  Stadtge- 
bieten Italiens  erreicht.  Hier  wie  dort  ist  die  römische  Politik 
ihrem  Grundsatz  durch  Abstufung  der  Rechte  die  Unterworfenen 
zu  theilen  treu  geblieben.  Einzelne  Stämme  erhielten  sofort  la- 
tinisches Recht,  das  dann  64  n.  Chr.  auf  alle  ausgedehnt  wurde.*) 
Ob  das  Bürgerrecht  lange   auf  sich  hat  warten  lassen,   wissen  wir 


1)  It.  Ant.  296. 

2)  CiL.  V  7852.  7643. 
3'  It.  antiqua  336. 

4)  Plin.  lU  135  Tac.  Ann.  XV  32. 


136  Kapitel  I.   Ligurien. 

nicht.  1)  Durch  Diocletian  ist  die  Provinz  nach  Norden  und  Westen 
vergröfsert,  ihre  Hauptstadt  nach  dem  ehedem  zum  cotlischen  Reich 
gehörigen  Eburodunum  Embrun  verlegt  worden.  Sie  verbheb  auch 
damals  mit  Gallien,  genauer  der  dioecesis  Viennensts  vereinigt. 

Die  Provinz  umschlofs  massaliotisches  Gebiet,  das  so  ziemlich 
den  ganzen  Küstenstrich  vom  Var  bis  zur  italischen  Grenze  befafst 
zu  haben  scheint.  Der  Hauptort  desselben  NUaia  Nicaea  Nizza, 
während  des  machtvollen  Aufschwungs  der  Hellenen  gegründet, 
wird  zuerst  154  v.  Chr.  erwähnt,  als  seine  Bedrängnifs  durch  die 
Ligurer  den  römischen  Senat  zum  Einschreiten  veranlafsle.^)  Am- 
mian  gedenkt  seiner  in  der  geographischen  Uebersicht  die  er  von 
Gallien  giebt^),  aber  wol  mehr  des  griechischen  Ursprungs  als  der 
Bedeutung  wegen.  Die  FeldQur  kann  nicht  weit  landeinwärts  ge- 
reicht haben,  und  von  Massalia  abhängig,  besals  es  kein  eigenes 
Gemeinderecht.  Naturgemäfs  vermittelte  sein  Hafen  den  Verkehr 
der  nur  5  km  entfernten  Hauptstadt  der  Provinz  Cemenelum.  Wir 
erfahren  aus  kirchlichen  Quellen ,  dafs  der  Hafen  sich  unabhängig 
zu  machen  suchte  und  im  5.  Jahrhundert  Sitz  eines  Bischofs 
wurde.4)  Schliefslich  hat  er  das  volle  Erbe  der  Hauptstadt  ange- 
treten, als  die  Festigkeit  der  Lage  am  Ausgang  des  Altertums  die- 
selbe Wichtigkeit  erlangte  wie  vor  der  römischen  Herrschaft.  Am 
linken  Ufer  des  Palo  oder  Paulo  (I  302)  8  km  vom  Var  entfernt 
erhebt  sich  ein  97  m  hohes  Vorgebirge,  das  eine  1706  zerstörte 
Burg,  ehedem  die  Niederlassung  der  Phokaeer  trug.  Oestlich  be- 
grenzt die  Hafenbucht  Limpia,  westlich  das  breite  Kiesbett  des 
Baches  den  Fufs  des  Burghügels,  der  im  Süden  gegen  die  See, 
mit  seiner  Nordspitze  gegen  die  Ebene  steil  abfällt.  Man  kann 
nicht  absehen  wie  weit  der  Bach  durch  seine  Kiesmassen  die  Küste 
seit  dem  Altertum  vorgerückt  hat:  wo  die  jetzige  Altstadt  steht,  mag 
damals  zum  Theil  Meeresboden  und  die  natürliche  Festigkeit  des 
Platzes  eine  noch  gröfsere  gewesen  sein,  als  sie  dem  heutigen  Be- 


1)  Aus  der  Heimat  der  Soldaten  (Epti.  ep.  V  176)  sowie  den  verschiedenen 
cohortes  I  Montanorum  (Gichorius,  Pauly-Wissowa  IV  316)  ist  kein  sicherer 
Schlufs  möglich.  Bei  der  erstmaligen  Bildung  dieser  Truppen  können  ja  auch 
aus  den  an  italische  Municipien  attribuirten  Bergdistricten  Montani  ausgehoben 
worden  sein. 

2)  Strab.  IV  180.  184  Pol.  XXXIII  7  Liv.  XLVII. 

3)  Amm.  XV  11,15. 

4)  Mansi  coli.  conc.  II  476  VII  930. 


§  1.     Die  Provinz  der  Seealpen.  137 

schauer  entgegentritt.  Von  der  althellenischen  Festung  und  ihren 
Hafenanlagen  sind  keine  Spuren  vorhanden.  —  Aber  4 — 5  km 
nördlich  von  Nizza  am  rechten  Ufer  des  Paulo  erstrecken  sich  die 
Ruinen  von  Cemenelum  Cimella  Cimiez.i)  Unter  ihnen  befindet  sich 
ein  AnDphitheater  (84  X  35  m)  das  nach  neueren  Berechnungen 
6 — 7000  Zuschauer  fafste,  also  klein  aber  immerhin  die  einzige 
derartige  Schaustätte  in  der  Provinz  war.  Die  Ortschaft  gehörte 
dem  Gau  der  Vedtatitn,  der  bei  der  allgemeinen  Unterwerfung  14  v. 
Chr.  bereits  befriedet  war.  Sie  erhielt  latinisches  Stadtrecht  und 
durch  Claudius  oder  ISero  romisches  Bürgerrecht.  Ihre  Lage  an 
der  grofsen  Heerslrafse  verschaffte  ihr  die  Ehre  rehgiöser  Mittel- 
punct  der  Provinz  und  Sitz  des  Statthalters  zu  werden,  der  als 
kaiserlicher  Hausbeamler  ritterlichen  Ranges  den  Titel  Praefect,  seit 
Nero  Procurator  führt.^)  Eine  geringe  Truppenmacht,  die  sich  in 
der  Regel  auf  eine  einzige  Cohorte  beschränkte,  genügte  um  die 
Ruhe  der  Bergdistricte  aufrecht  zu  erhalten. 3) 

Nur  4  km  von  Nizza  entfernt  bietet  der  tiefe  von  dem  Vor- 
gebirge M.  Boron  und  der  weit  nach  Süden  vorspringenden  Land- 
zunge von  Cap  Ferrat  oder  Malalingua  eingefafste  Golf  von  Villa- 
franca  einen  geräumigen  und  sicheren  Ankerplatz,  der  zwar  dem 
Südwind  ausgesetzt  aber  noch  jetzt  die  beste  Rhede  auf  der  ganzen 
Strecke  von  Toulon  bis  Genua  ist.  Partus  Herculis  hiefs  sie  den 
Alten,  wir  hören  dafs  republikanische  Heere  sich  hier  nach  Spanien 
eingeschifft  haben. ^j  Indessen  die  Lage  zum  Binnenland  war  un- 
günstig und  dem  Entstehen  einer  Stadt  nicht  förderlich.  Der  Name 
Olivula,  den  der  Hafen  im  Itinerariuni  maritimum  führt,  deutet  auf 
Oelbau,  der  gerade  hier  einen  vorzügUch  geeigneten  Boden  findet.^) 
Die  nämliche  Quelle  zählt  vor  Monaco  die  beiden  Häfen  Anaone 
und  Avisione  auf,  ohne  dafs  wir  sicher  zu  sagen  wüfsten  welche 
Buchten  gemeint  sind.  —  Dagegen  hat  Monaco  seinen  uralten 
Namen  bewahrt:  MovoUov  Xi(xrjv portus  Herculis  Monoeci  oderkurz- 


1)  CIL.  V  p.  915  Pais  suppl.  p.  138.  Die  Annahme  einer  etruskischen 
Niederlassung  an  diesem  Ort  (1  473.  494)  ist  hinfällig,  weil  die  bezüglichen 
Inschriften,  wie  mir  Pais  schrieb,  zweifellose  Fälschungen  sind. 

2)  CIL.  V  p.  902  Strab.  IV  203. 

3)  Tac.  Hist.  II  14  CIL.  V  p.  903. 

4)  Ptol.  III  1,2  Valer.  Max  I  6,7  Obs.  24  It.  marit.  504. 

5)  It.  mar.  504. 


138  Kapitel  I.   Ligurien. 

weg  portus  Monoeci,  den  schon  der  angebliche  Hekataeos  kennt. i) 
Die  Fabel  von  der  Wanderung  des  Herakles  aus  Hesperien  und 
seinen  Kämpfen  mit  den  Ligurern  ist  an  die  früh  bekannte  Rüsten- 
slrafse  (1  150)  verlegt  und  die  Gründung  der  Burg  dem  Heros  zu- 
geschrieben worden.  Der  Name  wird  entweder  auf  die  Einsamkeit 
des  Ortes  oder  auf  den  Tempel  gedeutet,  in  welchem  der  Gott 
ohne  Mitwohner  verehrt  sein  sollte.'-)  Ein  Vorgänger  Strabo's  liefs 
hier  die  Alpen  ihren  Anfang  nehmen,  und  auch  in  später  Zeit,  als 
von  irgend  einer  Bedeutung  des  IMatzes  längst  nicht  mehr  die  Rede 
war,  wirkt  sein  Ansehen  in  der  Litteralur  fort.  In  der  That  war 
dies  Vorgebirge  von  derjenigen  Beschaffenheit  welche  die  Seevölker 
in  den  Anfängen  des  geregelten  Veikehrs  für  die  Anlage  ihrer 
Factoreien  liebten :  ein  schroff  abfallender  Fels  von  etwa  400  m 
Länge  und  50 — 60  m  Höhe.  Den  Hafen  am  Fufs  erklärt  Strabo 
mit  Recht  weder  für  grofse  noch  für  viele  SchifTe  geeignet:  er  ist 
seicht  und  hat  nur  einen  Flächeninhalt  von  25  Hektaren.  Dafs 
der  Mistral  allein  seine  Sicherheit  beeinträchtigt,  wird  von  Lucan  3) 
treffend  hervorgehoben : 

quaque  sub  Herculeo  sacratus  numine  portus 
urget  rupe  cava  pelagus:  non  corus  in  illum 
ius  habet  aut  zephyrus,  solus  sua  litora  turbat 
circius  et  tuta  prohibet  statione  Monoeci. 

Ptolemaeos  läfst  das  Gebiet  der  Massahoten  landeinwärts  von 
Monaco  bis  auf  die  Pafshöhe  der  Seealpen  sich  erstrecken  und 
Tropaea  Augusti  Turbia  einschliefsen.^)  Von  dem  Dorf  das  nach 
dem  Siegesdenkmal  fortan  genannt  wurde,  mag  dies  seine  Richtig- 
keit haben.  Aber  das  Denkmal  welches  Senat  und  Volk  von  Rom 
7  oder  6  v.  Chr.  dem  Kaiser  zum  Dank  für  die  Unterwerfung  der 
Alpen  errichteten,  kann  füglich  nur  auf  italischem  Boden,  etwa 
unmittelbar  an  der  Grenze  gestanden  haben  (S.  135).  Der  Platz  war 
weislich  ausgesucht:  bei  einer  Meereshöhe  von  486  m  fiel  es  weit- 
hin in  die  Augen,  wird  doch  an  hellen  Tagen  Corsica  von  hier  aus 


1)  Steph.  Byz.  Mövoixoe  nöXts  ^lyvaxixr]^  Exaraloe  Ev^cönr],  ro  e&vixbv 
Movoiy.ios.  Strab.  IV  201.  202  Ptol.  III  1,2  Movoixov  kifi^v.  Pi'in.  III  47  Tac. 
Hisl.  111  42  It.  marit.  503  portus  Herc.  Mon.  Verg.  Aen.  VI  830  Lucan  I  408 
Sil.  It.  I  586  Amm.  Marc.  XV  10,9  Paneg.  Lat.  HI  4  arx  Monoeci. 

2)  Serv.  zu  V.  Aen.  VI  831. 

3)  Lucan  I  405. 

4)  Plin.  III  136  CIL.  V  7817  Ptol.  111  1,2. 


§  2.     Die  Riviera.  139 

erblickt.  Der  Bestimmung  in  die  Ferne  zu  wirken  entsprach  der 
wuchtige  Bau:  auf  einem  42  Schritt  im  Geviert  messenden  Sockle 
ruhten  zwei  sich  verjüngende  Stockwerke,  darüber  eine  von  Säulen 
getragene  Kuppel,  deren  Spitze  das  colossale  Kaiserbild  einnahm. 
Im  Mittelalter  in  ein  Castell  umgewandelt,  ist  er  jetzt  bis  auf  un- 
förmliche Trümmer  verschwunden.  Auch  von  seiner  Inschrift,  die 
Plinius  zum  Glück  mittheilt,  sind  nur  wenige  Buchstaben  erhalten. 
Sie  nennt  46  bezwungene  Völkerschaften,  von  denen  Gallitae  Guil- 
lestre  Nerusii  Vence  Suetrii  Castellane  in  diese  Provinz,  aber  aufser- 
halb  der  natürhchen  Grenzen  Italiens  fallen. 

§  2.     Die  Biviera. 

Der  Bogen  den  das  Gebirge  vom  Var  bis  zur  Macra  beschreibt, 
ist  über  300  km  lang,  aber  der  Abfall  zum  Meer  so  schroff,  dafs 
die  Breite  des  Küstenlandes  im  Mittel  12  km,  an  den  Enden  bis  36,  an 
vielen  Orten  nur  5  km  beträgt.  Seine  Bewohner  müssen  auf  der 
See  ihren  Unterhalt  suchen  und  haben  sich  hier  früh  einen  Namen 
gemacht  (I  115.  468).  ,, Ein  braunes  Sonnen-  und  Lichtland"  nennt 
es  V.  Hehn.i)  ,,Der  Sommer  ist  heifs  und  trocken,  mit  dem  ersten 
Gewitter  im  Herbst  beginnen  erquickende  Begenschauer;  nicht  in 
den  Sommer  wie  bei  uns,  sondern  in  den  Herbst  und  Frühling,  ja 
in  den  Winter  fällt  das  Leben  der  Vegetation;  breite  Flufsbetten, 
dicht  voll  Kies-  und  Kalkgeröll,  ohne  einen  Tropfen  Wasser,  ziehen 
quer  aus  den  Bergen  dem  Meere  zu;  den  Weg  säumen  riesige  Agaven 
mit  halbabgebrochenen  blauen  Blättern  und  baumartigen  Blüten- 
spindeln; Stachelkraut  aller  Art,  vom  Staube  unkennthch,  hängt  an 
der  Mauer  und  bricht  aus  den  Bitzen  heifser  Felswände.  Führt  die 
weifse  blendende  Chaussee  im  Auf-  und  Absteigen  auf  einen  höhern 
Punct,  dann  zeichnet  sich  tief  unten  im  Lichtglanz  eine  gezackte 
Landzunge,  eine  schwimmende  runde  Insel,  ein  vorspringendes 
Vorgebirge  .  .  .  Die  Bevölkerung  führt  ein  Gärtnerleben,  pflanzt 
gräbt  und  schneitelt,  mauert  Terassen  an  felsigen  Abhängen  hin  und 
bewegt  in  der  Abenddämmerung  den  Brunnenschwengel  auf  und  ab, 
um  die  Canäle  zwischen  den  Beeten  und  um  die  Stämme  der  Frucht- 
bäume herum  mit  W^asser  zu  füllen.  W'ie  Vogelnester  drängen  sich 
die  runden  Ortschaften  zusammen,  bald  unten  in  der  Marina  im 
Grunde   halbkreisförmiger  Golfe,   bald   hoch    oben   auf  den  Gipfeln 


1)  Italien  p.  3  fg.  (Petersburg  1867,  Berlin*  1892). 


140  Kapitel  I.   Ligurien. 

der  Vorberge;  drionen  die  Häuser  mit  zerbröckelnden  Steintreppen, 
ofl'enen  Fensterhöhlen,  feuchten  Mauern  und  dunkeln  Räumen;  auf 
den  Gassen  aber,  an  den  Hecken,  längs  den  Wegen  geht  das  Menschen- 
leben vor  sich,  jedem  Blick  offen,  in  mannichfachen  Verrichtungen,  in 
wechselnden  Scenen,  bald  naiv  rührend,  bald  lächerlich,  wol  auch 
anstöfsig  durch  Natürlichkeit."  Für  die  spätere  Kaiserzeit  treffen 
wesentliche  Züge  dieses  anziehenden  Bildes  aus  der  Gegenwart  zu; 
je  weiter  wir  uns  in  Gedanken  zurückversetzen,  desto  mehr  werden 
Oel-  und  Weingärten  durch  Wälder,  die  Baumzucht  durch  Viehzucht 
und  Jagd  verdrängt  erscheinen.  Das  spärliche  Auftreten  römischer 
Inschriften  an  der  ganzen  Hiviera  gewährt  einen  Fingerzeig,  dafs 
von  einer  dichten  Besiedlung  wie  heut  zu  Tage  keine  Rede  war. 
Die  Beschreibung  schliefst  sich  ungezwungen  an  die  alte  Küsten- 
strafse  an,  um  welche  die  Römer  im  2.  Jahrhundert  v.  Chr.  mit  den 
Ligurern  kämpfen  mufsten  (I  157).  Die  Römer  haben  zunächst  die 
besten  Häfen  in  ihre  Gewalt  zu  bringen  gesucht:  den  Golf  von 
Genua  in  der  Mitte,  die  Golfe  von  Spezia  und  Villafranca  an  den 
beiden  Enden  des  hgurischen  Busens.  Den  allmählichen  Fortgang 
der  Eroberung  der  dazwischen  liegenden  Landstriche  erkennt  man 
aus  der  Wahl  der  Ortschaften,  wo  die  nach  Spanien  bestimmten 
Heere  sich  einschifften.  Bis  zum  Ende  des  hannibalischen  Krieges 
geschieht  dies  in  Pisa,  195  v.  Chr.  in  Spezia,  137  in  Villafranca. 
Der  Durchzug  ist  oft  bestritten  worden.  Die  Slrafse  zerfällt  in 
mehrere  Abschnitte,  die  zu  verschiedenen  Zeiten  ausgebaut,  mit  ver- 
schiedenen Namen  benannt  wurden.  Das  erste  Stück  gehört  zu  der 
13  V.  Chr.  von  Placenlia  über  Vada  nach  dem  Var  geführten,  nach 
Gallien  und  Spanien  fortgesetzten  via  Julia  AugustaJ)  Einige  20 
Meilensteine,  theils  vom  Erbauer  theils  von  den  Wiederhersteilern 
Hadrian  (125  n.  Chr.)  und  Antoninus  Pius  herrührend,  sind  erhalten, 
ebenso  grofse  Strecken  des  alten  Slrafsendammes.  Augustus  zählt 
bis  zur  Grenze  bei  Turbia  von  Rom  604  Millien,  womit  nicht  die 
nächste  Entl'ernung  sondern  der  Umweg  über  Ariminum  und  Pla- 
cenlia auf  der  Via  Flaminia  und  Aemilia  angegeben  wird;  Hadrian 
zählt  von  Placentia  bis  zur  Grenze  215  Milben.  Das  Poslbuch 
rechnet  6  Milben  vom  Var  bis  Cemenelum,  von  hier  bis  zur  Grenze 
Alpe  summa  9  Millien.^)     Die  Strafse  lief  von  Cemenelum  nach  dem 

1)  CIL.  V  p.  828.  95.3. 

2)  lt.  Anl.  296. 


§  2.     Die  Riviera.  141 

Pafs  durch  das  Thal  von  Laghetto  nördlich  von  der  heutigeo,  der 
berühmten  Corniche.  Auf  der  Höhe  bei  Turbia  treffen  beide  wieder 
zusammen  und  senken  sich  alsdann  nach  der  Rüste  hinab.  —  Das 
erste  italische  Municipium  ist  Album  Intmilium,  auch  Albintimilium 
oder  Intimilium  genannt,  östlich  vom  Rntuba  Roia  (I  302).  zwischen 
diesem  und  der  Nervia  gelegen. i)  Es  heifst  im  Itinerarium  maritimum 
Vintimilio,  jetzt  Ventimiglia.2)  Die  heutige  Stadt  liegt  1 — 2  km  von 
der  antiken  nach  Westen,  am  rechten  Ufer  der  Roia,  nicht  wie 
diese  am  linken.  Der  Wolstand  der  allen  Stadt  wird  im  Gegensatz 
zum  Gebirg  hervorgehoben,  Strabo  nennt  sie  ansehnlich:  unter 
ihren  Ueberresten  auf  der  Pianura  di  Nervia  ist  ein  Theater  er- 
wähnenswert. Ihr  Gebiet,  das  sich  über  30  km  an  der  Küste  hin 
und  ebenso  weit  das  Thal  der  Roia  hinauf  bis  an  den  Tenda  er- 
streckte, mag  an  1000  Dkm  befafst  haben.  Es  stellt  den  alten 
Gau  der  Intimilii  dar.  Wir  hören  dafs  der  Gau  noch  49  v.  Chr. 
in  Fehde  lebte.  Wann  er  Rürgerecht  erlangte  und  der  falerniscben 
Tribus  zugewiesen  wurde,  entzieht  sich  unserer  Runde.  —  Auf  das 
Thal  der  Nervia  folgt  dasjenige  des  Tavia  Taggia,  das  entweder 
den  Intimiliern  oder  den  benachbarten  Ingaunern  gehörte.^)  An  der 
Mündung  nahm  ein  inschrifthch  erwähntes  aber  nicht  benanntes 
Castellum  die  Stelle  des  heutigen  Caslel  dell'  Arma  ein,^)  Das  Itinera- 
rium maritimum  allein  erwähnt  den  porhis  Maurici,  noch  jetzt 
Porto  Maurizio  auf  einem  kühn  aufstrebenden  Vorgebirge  (43  m) 
mit  kleinem  Hafen. s)  —  In  den  anderen  Itinerarien  ^)  werden  die 
Stationen  Costa  balenae  (Walfischrippe,  ein  Wirtshauszeichen)  und 
Luco  Bormani  (die  Verehrung  dieses  Gottes  ist  in  Hgurischen  Landen 
weit  verbreitet)  angeführt,  hierauf  47  Milben  von  InlimiUum  ent- 
fernt Album  Ingaunum  oder  Albingaunum  Albenga.')  Die  zahl- 
reichen Wasserläufe  welche  die  Strafse   seit  der  Roia  überschritten 


1)  Liv.  XL  41  Cic.  Fam.  VIII  15,2  Strab.  IV  202  Plin.  III  48  Tac.  Bist.  II 
13  Agric.  7  Varro  RR.  III  9;  CIL.  Vp.  900,  Pais  suppl.  p.  132  Kaibel  inscr. 
Gr.  2276. 

2)  it.  marit.  503.     Guido  35  Avintimilium  79  Figentimüium. 

3)  It.  marit.  503. 

4)  CIL.  V  7809. 

5)  It.  mar.  503. 

6)  It.  Ant.  295  Tab.  Peut.  Geogr.  Rav.  IV  32  V  2  Guido  35.  79. 

7)  Strab.  IV  202  Mela  II  72  Plin.  III  48  Tac.  Bist.  II  15  vita  Proc.  12,1 
13,5  CIL.  V  p.  894. 


142  Kapitel  I.    Ligurien. 

hat '),  sind  unbedeutend.  Hier  zuerst  begegnet  wieder  eine  ent- 
wickelte Thalschaft,  welche  an  diejenige  von  Ventimiglia  erinnert 
und  deshalb  in  gleicher  Weise  den  Mittelpunct  eines  grofsen  Gaus 
zu  liefern  geeignet  war.  Gabelförmig  vereinigen  sich  die  von  Westen 
kommende  etwa  40  km  lange  Arosia  und  die  von  Nordwest  kommende 
halb  so  lange  Genta  um  nach  3  km  das  Meer  zu  erreichen.  Sie 
halten  auch  im  Sommer  Wasser,  treten  häufig  aus  und  versumpfen 
ihre  Ufer,  so  dafs  die  Malaria  hier  einen  Sitz  hat.  Solcher  Aus- 
schreitungen gedenkt  die  poetische  Inschrift  welche  die  Herstellung 
und  Befestigung  der  Stadt  durch  Constantius  (bald  nach  353  n. 
Chr.)  schildert  2): 

Constanti  virtus  Studium  victoria  nomen 

dum  recipit  Gallos,  constäuit  Ligures, 

moenibus  ipse  locum  dixit,  duxitque  recenti 

fundamenta  solo,  iuraque  parta  dedit, 

cives  tecta  forum,  portus  commercia  portas 

conditor  extructis  aedibus  instituit; 

dumque  refert  orbem,  me  primam  protulit  urbem, 

nee  renuü  titulos  limina  noslra  loqui, 

et  rabidos  contra  ßuctus  gentesque  nefandas 

Constanti  m,urum  nominis  opposuit. 
Eine  Brücke  (Ponte  Lungo)  ist  das  ansehnlichste  Denkmal  aus 
römischer  Zeit.  Nach  Strabo  war  die  Stadt  klein.  Der  Flufs  an 
dem  sie  lag,  bot  an  seiner  Mündung  nur  eine  dürftige  Rhede.  Ihr 
gegenüber  hegt  das  nach  seinen  Wildhühnern  benannte  Eiland 
Gallinaria  (90  m).3)  Die  Stadtgemeinde  war  in  der  Tribus  Publilia 
eingetragen.  Ihr  Gebiet  befafste  nur  einen  Theil  der  alten  Gau- 
grenzen, innerhalb  deren  nicht  weniger  als  dreifsigmal  Ansiedlungen 
von   den  Rumern   vorgenommen   sein   sollen. 4)     Die  Ingauni,  eines 

1)  Wie  den  I  302  nach  Plin.  111  48  erwähnten  Merula. 

2)  CIL.  V  7781  Buecheler  carm.  lat.  epigr.  893. 

3)  Varro  RR.  III  9  Golum.  Vlll  2  Sulp.  Sev.  v.  S.  Martini  6,5  Sozom.  Bist, 
ecci.  III  14,40.  Diel  444  A.  1  erwähnte  Deutung  der  gallinae  rusticae  als  ver- 
wilderte Haushühner  stützt  sich  zwar  auf  ein  antikes  Zeugnifs  bei  Varro,  aber 
die  Stütze  ist  morsch.  Nach  dem  bewährten  Uitheil  Uiyssis  Aldrovandi, 
Ornilhologia  Bonon.  1599,  üb.  XIll  cap.  11  ist  darunter  Gallina  corylorum,  nach 
heuliger  Nomenclatur  Bonnsa  sylvestris,  das  Haselhuhn  zu  verstehen,  wie  mir 
H.  Ludwig  mittheilt. 

4)  Plin.  Ill  46  nee  silus  originesque  persequi  facile  est  Ingaunis  Liguribus 
(ut  ceteri  omiltantur)  agro  Iricies  dato. 


§  2.     Die  Riviera.  143 

der  wichtigsten  Völker  Liguriens,  nahmen  einstens  die  gröfsere 
Hälfte  der  Riviera  di  Ponente  bis  nach  Genua  hin  ein.i)  Sie 
schlössen  sich  205  v.  Chr.  dem  Karthager  Mago  an,  machten  201 
mit  Rom  ihren  Frieden,  wurden  185  von  Neuem  bekriegt,  endlich 
181  durch  Aemilius  Paulus  unterworfen.  Bis  dahin  hatten  sie  zur 
See  den  Handel  von  Massalia  durch  Piraterie  arg  belästigt.  —  Als 
Stadt  der  Ingauner  wird  ein  einziges  Mal  205  v.  Chr.  das  etwa 
30  Mühen  von  Genua,  34  von  Albenga  entfernte  Savo  Savona  er- 
wähnt. 2)  Seine  heutige  Blüte  steht  im  Gegensatz  zum  Schweigen 
der  Ueberlieferung.  Der  Verkehr  zog  sich  in  römischer  Zeit  nach  dem 
4  Millien  westUch  gelegenen  Vada  Sabatia  oder  Sabata  dem  Strand- 
see von  Sabate.3)  Den  Namen  erklärt  Lucan  ^)  der  nach  der  Be- 
schreibung von  Monaco  fortfährt: 

quaque  tacet  Htm  dubium  quod  terra  fretumque 
vindkat  alter nis  vicibus,  cum  funditur  ingens 
Oceanus  vel  cum  refugis  se  fluctibus  aufert. 
Als  Knotenpunct  des  römischen  Strafsennetzes  nahm  es  in  der 
Geschichte   des  Wegebaus   einen  wichtigen  Platz   ein.     Bis  hierhin 
wurde  die  Küslenstrafse  von  Rom   aus  109  v.  Chr.  chaussirt.     Von 
hier  führte  über  den    Col  di  Cadibona  oder  dell'  Altare  die  gleich- 
zeitig  erbaute  Stiafse   nach  Placentia,   von   der  später  eine  Strafse 
nach  Turin  abzweigte.     Der  niedrige  Pafs  (490  m)  galt  den  Alten 
mit  Recht  als  Grenze  zwischen  Alpen  und  Appennin  (I  141.  220). 
Der  wichtigen  Verkehrslage   ungeachtet  scheint   die  Ortschaft    kein 
Stadtrecht    gehabt  zu    haben;   wir  wissen    nicht  welchem  Gemein- 
wesen sie  zugetheilt  war.^)     In  christlicher  Zeit  ist  sie  Bischofsitz 
gewesen,  aber  durch  Savona  zurückgedrängt  worden,  jetzt  ein  blofses 
Dorf  Vado. 

Die  Küstenstrafse  von  Vada  ab  ist  ein  Theil  der  via  Äemilia, 
die  vom  Censor  M.  Aemilius  Scaurus  109  v.  Chr.  über  Pisa  und 
Luna   am   Meer  hin   bis  Vada,   sodann   über   den   Appennin   nach 

1)  Liv.  XXVIIl  46  XXIX  5  XXX  19  XXXI  2  XXXIX  32  XL  18.  25-28. 
34  Plut.  Aem.  P.  6  Flor,  I  19. 

2)  Liv.  XXVIIl  46,10  XXIX  5,1. 

3)  rada  Cic.  Farn.  XI  10,3  13,2,  Sabatia  Mela  II  72  Steph.  Byz.  r.  Sabatia 
vita  Pert.  9,4  13,4;  portus  Fadorum  Sabatinm  Plin.  III  48,  Sabata  Strab.  IV  202 
V216.  217  Ptol.  III  1,41,  Fadis  Sabatis  Hin. 

4)  Lucan  I  409  Strab.  IV  201  tä  xah)ifuva  2aßarova8ae  oneQ  iari 
rwäyr]. 

5)  CIL.  V  p.  892.     Steph.  Byz.  ^aßßtnla  Kafiri  KaXrtxri. 


144  Kapitel  I.   Ligurien. 

Dertona  angelegt  wurde. >)  In  Dertona  mündele  sie  in  die  von 
Genua  nach  Cremona  lülirende  via  Postumia  ein.  Vom  Consul 
Sp.  Fostumius  148  v.  Chr.  angelegt,  ist  dies  die  älteste  Kunststrafse 
welche  die  Rümer  zur  Verbindung  des  Polands  mit  der  ligurischen 
Küste  erbaut  haben.  Man  begreift  dies  ohne  weiteres.  Einerseits 
läuft  hier  die  kürzeste  Linie  zwischen  Po  und  Miltelmeer,  sinkt 
die  Kammhühe  des  Appennin  am  Pafs  des  mons  loventio  Colle  de' 
Giovi2)  am  tiefsten  (472  m)  ein.  Anderseits  stellt  Genua,  am 
Schlufs  des  grofsen  Bogens  den  das  Gebirge  beschreibt  gelegen, 
den  natürlichen  Mittelpunct  des  ganzen  Küstenlandes  dar.  —  Die 
Mündung  des  Porcobera  Polcevera  (I  303)  an  dem  die  Postumia 
ansteigt,  im  Westen  ist  von  derjenigen  des  kleineren  Fertor  Bisagno  3) 
im  Osten  6  km  entfernt.  Das  von  ihnen  eingeschlossene  Hügelland 
dacht  sich  von  einer  Höhe  bis  zu  516  m  ziemlich  rasch  nach  dem 
Meer  ab.  Seine  Ausläufer  lassen  eine  halbkreisförmige  Hafenbucht 
frei,  die  zwar  dem  Südwest  und  der  ihn  begleitenden  Brandung 
ausgesetzt,  aber  im  üebrigen  sicher  tief  und  geräumig  ist.  An  ihr 
liegt  Genua^)  Genova,  das  ähnlich  wie  Ancona  vom  Ellenbogen,  von 
genu  dem  Knie  das  die  Küste  hier  bildet,  benannt  zu  sein  scheint. 5) 
Der  IName  deutet  auf  eine  italische  Niederlassung  hin,  die  unter 
dem  Schutz  der  römischen  Waffen  erfolgt  sein  mag.  In  den  Kriegen 
gegen  Kellen  und  Ligurer  diente  es  diesen  im  3.  und  2.  Jahr- 
hundert als  Stützpunct  (I  473).  Durch  Mago  205  v.  Chr.  zerstört, 
wurde  es  mit  römischer  Hülfe  nach  zwei  Jahren  wieder  hergestellt. 
Aber  mit  dem  Vorrücken  der  römischen  Eroberungen  nach  Westen 
verschwindet  es  aus  der  Geschichte.  Wir  wissen  weder  wann  Genua 
Bürgerrecht  erlangte,  noch  wie  seine  Verfassung  geordnet  war. 
Denkmäler  und  Inschriften  lassen  uns  gleichfalls  im  Stich.  Zwar 
war  es  nach  Strabo  der  Marktplatz  von  Ligurien ,  und  wird  seine 
günstige    Handelslage    noch    im   6.   Jahrhundert   n.    Chr.    betont. 6) 

1)  Stiab.  V217  Aur.  Victor  d.  vir.  ill.  72. 

2)  CIL.  I  199,17. 

3)  Plin.  III  48  vgl.  I  303. 

4)  Bewohner  insclirifllich  Genuates  oder  Genuenses.  —  Liv.  XXI  32  XXVIII 
46  XXIX  5  XXX  1  XXXII  29  Val.  Max.  1  6,7  Strab.  IV  202.  3  V  211  Meia  U 
72  Plin.  III  48  Plol.  III  1,3  Steph.  Byz.  Hin.  CIL.  V  p.  884  fg. 

5)  Im  Mittelalter  (z.  B.  Liudprand  antap,  IV  5)  Janua  und  deshalb  von  Janus 
abgeleitet.  Diese  Form  Prokop.  b.  Goth.  III  10  ist  zu  beseitigeu,  da  eb.  II  12 
die  richtige  handschriftlich  überliefert  wird. 

6)  Prokop  I).  Goth.  II  12  Tovaxias  fiev  iaxiv  ia^fi^rr],  naqaTtXov  8e  naX<Ss 
raXXcav  TB  xal  '  lanavüv  xslrat. 


§  2.     Die  Riviera.  145 

Allein  das  Hinterland  war  zu  ärmlich  und  klein.  3Iit  dem  gewal- 
tigen Aufschwung  den  die  padanische  Ebene  unter  Roms  Herrschaft 
nahm,  gewinnen  die  dem  Flufslauf  folgenden  Verkehrslinien  nörd- 
lich vom  Appennin  eine  überwiegende  Bedeutung.  Für  die  Reise 
nach  Galüen  und  Spanien  war  der  Weg  über  die  cottischen  Alpen 
ungleich  bequemer  als  die  alte  Küstenstrafse  mit  ihrem  ewigen  An- 
und  Abstieg.  1)  So  blieb  Genua  im  Altertum  auf  den  Verkehr  seiner 
Landschaft  beschränkt,  wurde  von  den  Küstenfahrern  angelaufen 
die  Schutz  suchen  oder  Wasser  einnehmen  wollten.  Welthafen  ist 
es  erst  seit  seinen  Kämpfen  wider  die  Saracenen  geworden.  Wie 
weit  das  Stadtgebiet  sich  im  Altertum  erstreckte,  ist  nicht  zu  sagen. 
Eine  Urkunde  von  117  v,  Chr.  nennt  5  von  Genua  abhängige  Ort- 
schaften, von  denen  aber  nur  das  hauptsächlich  in  Frage  kommende 
Castellum  der  Langenses  Viturii  in  dem  10  Millien  oberhalb  unweit 
der  Polcevera  gelegenen  Langasco  mit  Sicherheit  erkannt  ist.  Rö- 
mische Schiedsrichter  stellen  zu  dessen  Gunsten  die  Grenzen  der 
steuerfreien  und  steuerpflichtigen  Flur  genau  fest  (S.  48).  Die 
Fülle  von  Ortsangaben  welche  in  der  Urkunde  vorkommen ,  hat 
ausführliche  Untersuchungen  angeregt,  deren  Ergebnisse  der  Natur 
der  Sache  nach  sowol  mancherlei  Zweifel  hervorrufen,  als  über- 
haupt nicht  in  eine  allgemeine  Darstellung  gehören,'-)  Es  steht  fest 
dafs  die  Oberhoheit  von  Genua  bis  auf  die  Pafshöhe  des  m.  loventio 
Colle  de'  Giovi  reichte,  minder  fest  dafs  sie  den  Kamm  des  Appennin 
überschritt.  Aber  die  gröfste  Ausdehnung  des  Gebiets  mufs  an  der 
Küste  westwärts  wie  ostwärts  hin  gesucht  werden.  Man  darf 
schliefsen  dafs  die  Langenser  197  v.  Chr.  durch  Consul  Minucius, 
dessen  Nachkommen  den  Spruch  zu  ihren  Gunsten  fällen,  in  die 
Abhängigkeit  von  Genua  gebracht  worden  sind.  Darin  Hegt  ein 
Zeugnifs  für  die  Vortheile  welche  die  Stadt  aus  ihrem  Anschlufs 
an  Rom  zog,  zugleich  auch  für  den  bescheidenen  Umfang  der 
Grenzen  die  ihr  anfänghch  um  200  v.  Chr.  gesteckt  waren. 

Die  Riviera  di  Levante,   die  Küste   von  Genua   bis  Spezia  bot 
der  städtischen  Entwicklung  noch  gröfsere  Schwierigkeiten  als  der 


1)  Um  die  Steilheit  des  Berges  im  Purgatorio  zu  schildern  zieht  Dante  III 
49  dieselbe  an:  Tra  Lerici  e  Turbia  la  piü  diserta  la  piü  romita  via  e  una 
scala  verso  di  quella  agevole  ed  aperta. 

2)  CIL,  I  199  V  7749.  Topographisch  erläutert  von  Serra,  Memorie  dell' 
academia  imp.  di  Genova  1809  II  p.  89fg.,  am  eingehendsten  von  Sanguineti 
Grassi  und  Desimonis,  Atti  della  societä  Ligure  di  storia  palria  III  p.  357 — 744. 

Nissen,  Ital,  Landeskunde,    ü.  10 


146  Kapitel  I.   Ligurien. 

bisher  betrachtete  Abschnitt.  Die  Berge  treten  näher  an  die  See, 
die  Strafse  hat  bedeutende  Steigungen  zu  überwinden.  Von  Genua 
15  Millien  entfernt  springt  das  breite  Vorgebirge  von  Portofino  vor 
(610  m),  den  Golf  von  Rapallo  im  Westen  einschhefsend.  An  seiner 
Südspitze  am  Ausgang  des  Golfs  hat  der  kleine  geschützte  Hafen 
von  Portofino  seinen  alten  Namen  portus  Delphini  bewahrt. i)  Die 
gegenüber  liegende  Küste  ist  auf  10  Millien  hin  eben.  Hier  findet 
sich  die  einzige  bemerkenswerte  Thalschaft,  durch  den  40  km  langen 
Enteila  Lavagna  mit  seinen  Zuflüssen  gebildet.  2)  Sie  ist  wegen 
ihres  vortrefflichen  Schiefers  berühmt,  der  die  ligurischen  Küsten 
mit  Dachplatten  versorgt  und  solchen  Ruf  geniefst,  dafs  der  Name 
des  Hauptorts  den  Italienern  zur  Bezeichnung  des  Materials  dient 
(lavagna).  Die  Ausbeute  hat  bereits  im  Altertum  stattgefunden  3): 
eine  Ortschaft  Tigulia  oder  Tegulata  Ziegelbruch  wird  erwähnt"*): 
ihr  Ausfuhrhafen  Segesta  Tiguliorum  ist  das  heutige  Sestri  Levante. &) 
Ueber  die  politischen  Verhältnisse  des  ganzen  Strichs  bleiben  wir 
ohne  Nachricht. 6)  —  Nunmehr  steigt  die  Strafse  den  das  Thal  des 
Boactes  Vara  einfassenden  Bergrücken  hinan :  die  Pafshöhe  in  Alpe 
Äpennina  mifst  568  m.')  Der  Bergzug  läuft  in  zwei  Arme  aus,  die 
den  Golf  von  Spezia,  einen  der  vorzüglichsten  Häfen  Europa's  ein- 
schliefsen.  Portus  Lunae  hiefs  er  den  Römern,  die  seine  Gestalt 
einer  Mondsichel  verglichen  und  hiernach  auch  ihre  benachbarte 
Colonie  benannten. 8)  Als  Kriegshafen  wird  er  zum  ersten  Mal 
195  V.  Chr.  erwähnt  und  hat  die  Bewunderung  der  Zeitgenossen 
erregt  ^) : 


1)  Plin.III  48  Hin.  marit.  502  It.  Ant.  294. 

2)  Ptol.m  1,3. 

3)  Schieferdacli  im  Norden  bekannt  Plin.  XXXVI  159,  findet  sich  wenn 
auch  nicht  häufig  in  Römerlagern  am  Rhein. 

4)  Tfgulata  It.  Ant.  294,  Ligulia  Mela  II  72,  Sigulia  Plin.  III  48,  TiyovXUa 
{Tiyovlla)  Ptol.  III  1,3.  —  TigtUa  fl.  Tab.  Peut.  einer  der  südlich  von  Sestri 
mündenden  Bäche. 

5)  Plin.III  48  It.  marit.  501. 

6)  CIL.  V  p.  883.  1091  Pais  suppl.  p.  131. 

7)  Tab.  Peut.  in  Alpepennino  Geogr.  Rav.  IV  32  V  2  Guido  35.  79  Äpennina 
{aspinina). 

S)  Strab.  V  222  Martial  XIII  30  Rutil.  Nam.  II  64  Schol.  Pers.  6,1. 

9)  Pers.  Sat.  6,6  Nepos  Gate  1.  Liv,  XXXIV  8  XXXIX  21.  32  Strab.  V 
222,  Plin.  III  50  oppidum  Luna  portu  nobile,  Sil.  It.  VIII  480  Scrib.  Larg.  med. 
comp.  163. 


§  2.    Die  Riviera.  147 

mihi  nunc  Ligus  ora 
intepet  hibernatqiie  meum  mare,  qua  latus  ingens 
dant  scopuli  et  multa  litus  se  valle  receptat. 
Lunai  portum,  est  operae,  cognoscite  cives: 
cor  iubet  hoc  Enni. 
Ennius  wird  ihn  gesehen  haben ,   als  er  204  v.  Chr.  von  Sar- 
dinien nach  Rom  gebracht  wurde.     Es  ist  nicht  zu  bezweifeln  dafs 
die  Römer  im  Lauf  des  ersten  punischen  Krieges  oder  bald  nachher 
sich  hier  festsetzten,  wenn  auch  ihre  Herrschaft  erst  durch  die  Ver- 
treibung der  Apuaner  und  die  Gründung  von  Luna  (I  474)  endgültig 
gesichert  worden  ist.     Wie   der  Hafen    heutigen  Tages  der  Haupt- 
sitz der  Kriegsmarine  Italiens  ist,  bot  er  im  Altertum  während  des 
3.  und  2.  Jahrhunderts  v.  Chr.,  so  lange  die  Römer  um  das  west- 
liche Mittelmeerbecken    zu    kämpfen  hatten,  unschätzbare  Vorlheile 
dar.     Mit  der  Unterwerfung  der  Gallier  und  Iberer  sowie  dem  zu- 
nehmenden Verfall  des  römischen  Seewesens  geht  diese  Redeulung 
verloren.     Die  Lage  zum  Binnenland  schliefst  aber  die  Möglichkeit 
aus,  dafs  ein  friedlicher  Verkehr  in  grofsem  Umfang  sich  an  dem 
Golf  entfalten  konnte.     Silius  nennt  Luna 

insignis  portu  quo  non  spatiosior  alter 
innumeras  cepisse  rates  et  claudere  pontum. 
„Der  einzig  grofse  und  schöne  Hafen,  sagt  Strabo,  umfafst  in 
sich  mehrere  Häfen  alle  am  Strande  tief,  wie  nur  der  Stülzpunct 
einer  so  weiten  und  langdauernden  Seeherrschaft  sein  könnte. 
Eingeschlossen  wird  der  Hafen  von  (6 — 700  m)  hohen  Bergen,  von 
denen  die  Meere  und  Sardinien  und  ein  grofses  Stück  der  Küste 
nach  beiden  Seiten  hin  sichtbar  ist."  Spuren  der  Etrusker  an 
welche  Strabo  bei  diesen  Worten  denkt,  sind  in  dem  ganzen  Land- 
strich so  gut  wie  nicht  zu  Tage  getreten;  im  Uebrigen  trifft  seine 
Beschreibung  zu.  Das  Vorgebirge  welches  den  Golf  nach  Südwest 
schützt,  ist  in  der  Luftlinie  6  km  lang  und  wird  durch  die  marmor- 
reiche Insel  Palmaria  (188  m)  fortgesetzt.  An  der  jetzt  versandeten 
Durchfahrt  (I  303)  lag  und  liegt  portus  Veneris  Porto  Venere.^)  Auf 
den  äul'sersten  Vorsprung,  wo  jetzt  die  verfallene  Kirche  S.  Pietro 
weithin  sichtbar  in  das  Meer  hinausragt,  verlegt  die  Tradition  den 
Tempel  der  schaumgeborenen  Göttin:  sicherhch  könnte  keine  an- 
gemessenere Lage  gedacht  werden. 2) 

1)  It.  marit.  502  Gregor  Mag.  registr.  V  17. 18. 

2)  In  dem  an  der  anderen  Seite  des  Golfes  liegenden  Lerici  H'ill  man,  wie 

10* 


148  Kapitel  I.    Ligurien. 

Die  Romerstrafse  berührte  den  Golf  uicht,  sondern  senkte  sich 
in  das  Thal  des  Boactes  Vara  i),  folgte  ihm  bis  unterhalb  seines  Zu- 
sammenflusses mit  dem  Macra  Magra.  Dieser  reifsende  Bergstrom 
(1  303)  gilt  seit  Augustus  als  Grenze  zwischen  Ligurien  und  Etrurien 
(S.  131);  wir  brechen  demgemäfs  ab,  die  Beschreibung  von  Luna  und 
seinen  Marmorbrüchen  auf  einen  späteren  Abschnitt  (Kap.  V  1)  ver- 
schiebend. 

§  3.     Das  Reich  des  Cottius. 

Unter  allen  Alpenstrafsen  war  seit  dem  Ausgang  der  Republik 
die  über  den  M.  Genevre  führende  die  wichtigste  (I  157).  Der 
Widerstand  den  Caesar  58  v.  Chr.  bei  seinem  Uebergang  antraf  2), 
hat  sich  während  seiner  Statthalterschaft  nicht  wiederholt,  in  deren 
Verlauf  er  den  Weg  wol  10 — 15  mal  zurücklegte.  Der  hier  re- 
gierende König  Donnus  scheint  in  ein  Freundschaftsverhältnifs  zu 
ihm  getreten  zu  sein,  das  späterhin  von  den  beiderseitigen  Erben 
erneuert  wurde.  Die  Söhne  des  Donnus  erhielten  durch  Augustus 
römisches  Bürgerrecht  und  Aufnahme  unter  den  römischen  Adel.^) 
Einer  von  ihnen  hat  9  oder  8  v.  Chr.  in  Gemeinschaft  mit  den  ihm 
untergebenen  Stämmen  dem  Kaiser  in  Susa  einen  noch  vorhandenen 
Ehrenbogen  errichtet,  auf  dem  er  sich  selbst  bezeichnet  als  M.  Julius 
regis  Donni  filius  Cottius  praefectus  civitatium  quae  subscriptae  sunt. 
Cottius  wufste  demnach  dem  Schicksal  so  vieler  anderer  Fürsten 
zu  entgehen  und  auf  den  Königstitel  verzichtend,  die  angestammte 
Macht  auch  nach  der  Unterwerfung  der  Alpen  zu  bewahren,  viel- 
leicht sogar  zu  vergröfsern.  Durch  Kaiser  Claudius  erhielt  sein 
Nachfolger  mit  weiteren  Vergröfserungen  den  Königsnamen  zurück, 
aber  unter  Nero  wurde  das  Reich  nach  dem  Tode  des  letzten  Cottius 
in  eine  Provinz  verwandelt  und  einem  Procurator  als  Statthalter 
unterstellt. 4)  Den  Bewohnern  hatte  bereits,  wie  es  scheint,  Augustus 
latinisches  Recht  verliehen;  wann  sie  in  den  Bürgerverband  aufge- 

1470  A.  1  erwähnt,  einea  porius  Ery  eis  erkennen.  Aber  der  heutige  Name 
scheint  vielmehr  von  Hex  abgeleitet  (Promis,  Luni  p.  33);  bei  Ptol.  Ill  1,3 
fehlt  er  in  den  griechischen  Handschriften,  wird  deshalb  von  dem  neuesten 
Herausgeber  als  interpolirt  angesehen. 

1)  Die  Namensform  steht  nicht  fest:  Boactes  Ptol.  IH  1,3,  Boaceas  iL  kni 
293,  Boron  Tab.  Peut.  Geogr.  Rav.  IV  32  V  2  Guido  35.  78. 

2)  Gaes.  b.  Gall.  I  10. 

3)  Ovid  ex  Ponto  IV  7  Plin.  Ep.  III  1. 10. 

4)  Dio  LX  24  Suet.  Nero  18  vita  Aurel.21. 


§  3.     Das  Reich  des  Cottius.  149 

nommen  wurden ,  ist  nicht  überliefert.  Die  Provinz  heifst  Alpes 
Cottiae  oder  Cottianae,  aber  daneben  behauptet  sich  der  Name 
regnum  Cottii,  wie  auf  der  Peutingerschen  Tafel  steht. i)  Das  An- 
denken des  ersten  Cottius  wurde  noch  in  späten  Jahrhunderten  in 
Ehren  gehalten  und  blieb  mit  der  von  ihm  gebauten  Strafse  und 
dem  ganzen  Strich  dieser  Alpen  unauflöslich  verbunden.  Mit  der 
Bestimmung  seines  Gebiets  hängen  verschiedene  geographische  Fragen 
zusammen. 2) 

Dafs  der  M.  Viso  nicht  die  Grenze  der  beiden  Alpenprovinzen 
abgegeben  habe,  ward  S.  135  ausgesprochen.  Plinius  sagt  dafs  die 
14  cottischen  Gaue  auf  der  Siegesinschrift  von  Tropaea  fehlen,  weil 
sie  nicht  zu  den  Feinden  gehört  hätten. 3)  In  Wirklichkeit  gilt  dies 
nur  von  der  Mehrzahl:  ihrer  5  werden  unter  den  besiegten  aufge- 
führt. Es  ist  nicht  unmöglich  dafs  Augustus  diese  erst  dem  Reich 
des  Cottius  hinzugefügt  hat.'*)  Unter  ihnen  sind  die  Vesubiani  durch 
das  Fortleben  ihres  Namens  im  Thal  der  in  den  Var  einmündenden 
Vesubia  sicher  bestimmt.  Daraus  erhellt  dafs  das  Gebiet  dieses 
Fürsten  über  die  Wasserscheide  hinüber  mehr  als  80  km  in  der  Luft- 
linie weiter  nach  Süden  reichte  als  man  gewöhnhch  annimmt.  Wenn 
es  ferner  von  Strabo  der  ligurischen  Nation  zugerechnet  wird_,  so 
trifft  dies  auf  den  südlichen  Theil  unzweifelhaft  zu  (I  472).  —  Jen- 
seit  der  Wasserscheide  ist  die  politische  Grenze  des  Fürstentums 
gegen  Italien  mit  der  im  Allgemeinen  bekannten  Zollgrenze  gegeben. 
Nun  befand  sich  ein  Zollamt  in  Pedo  Borgo  S.  Dalmazzo.  Die  Stadt 
lag  an  der  Kreuzung  zweier  Verkehrswege :  einerseits  führt  der  Weg 
das  Thal  der  Stura  di  Demonte  hinauf  über  den  bequemen  Pafs 
des  Col  deir  Argentera  (I  157)  nach  Gallien,  anderseits  über  den 
Col  di  Tenda  (1875  m)  naeh  der  ligurischen  Küste.  Die  Stadt 
wird  von  keinem  Schriftsteller  aufser  Cassiodor,  dagegen  in  mehreren 
Inschriften  erwähnt. 5)  —  Ein  in  der  Nähe  von  Piasco  bei  dem 
Austritt  der  Varaita  in  die  Ebene  gefundener  Stein  nennt  ein  zweites 


1)  VitruvVIII  3,17  Suet.  Tib.  37. 

2)  Strab.IV204  Plin.  111  138  Ptol.  111  1,34-36  Ammian  XV  10,2— 8  CIL.  V 
p.  808  fg.    Pais  suppl.  p.  125.  R.  Rey,  le  royaume  de  Cottius,  Grenoble  1898. 

3)  Irrig  sind  15  Gaue  statt  14  genannt;  ferner  ist  §  137  Esubiani  zn  ver- 
bessern in  Fesubiani. 

4)  Strabo  unterscheidet  das  Land  des  Donnus  {iSeövvov  oder  dovdvov  die 
Handschriften)  von  dem  des  Cottius,  als  ob  beide  neben  einander  regiert  hätten. 
Der  Hergang  läfst  sich  nicht  mehr  enträtseln. 

5)  Cassiod.  Var.  1  36  CIL.  V  p.  912. 


150  Kapitel  I.    Ligurien. 

Zollamt.  1)  Der  Pafs  welcher  aus  dem  Thal  der  Varaita  in  dasjenige 
des  Gull  hinüber  führt  (Col  di  Agnello),  liegt  zwar  2744  m  hoch, 
wird  aber  viel  begangen.  —  In  dem  folgenden  Einschnitt  der  durch 
das  obere  Thal  des  Po  gebildet  wird ,  dringt  das  italische  Gebiet 
weit  ins  Gebirge  hinein,  da  die  Quelle  bei  1952  m  Meereshöhe  von 
der  Feldmark  der  Bagienni  umschlossen  wird.'-^)  —  Dann  findet 
sich  noch  eine  Grenzangabe  für  das  Thal  der  Dora  Riparia. 

Die  Hauptstrafse  des  Reiches  die  I  157  beschrieben  wurde, 
durchschneidet  dasselbe  von  Ost  nach  West.  Dem  rechten  Ufer 
des  Dujia  Dora  Riparia 3)  folgend,  erreicht  sie  16  oder  18  Milben 
von  Turin  ad  Fines  das  Zollamt  an  der  Grenze  4),  20  Millien  von 
Turin  den  Grenzort  Ocelum.  Von  hier  wurde  das  Ende  Itahens 
gerechnet,  insofern  das  Thal  sich  verengt  und  die  Ebene  der  Tauriner 
aufhört. 5)  Das  Dorf  Chiusa  de'  Longobardi  bezeichnet  die  Stelle, 
Desiderius  hat  sie  774  durch  Schanzlinien  abgesperrt,  Karl  der 
Grofse  806  zur  Grenze  zwischen  Italien  und  Frankreich  erhoben. 
—  Nach  weiteren  20  Millien  erreicht  die  Strafse  Segusio  Susa  die 
Hauptstadt  des  Reiches,  von  welcher  aus  die  Entfernung  auf  den 
Meilensteinen  gezählt  wird,  an  der  Vereinigung  der  beiden  Wege 
über  den  M.  Cenis  (I  158)  und  den  M.  Genevre.^)  Ihrer  militärischen 
Wichtigkeit  entsprechend  war  sie  im  Altertum  stark  befestigt  und 
wird  Italiae  claustrum  genannt.  Die  aus  ein  paar  Cohorten  be- 
stehende Truppe,  welche  die  Sicherheit  des  Verkehrs  durch  die 
Wildnifs  verbürgte,  gab  die  Besatzung  ab.')  Die  Könige,  späterhin 
die  Statthalter  hatten  hier  ihren  Wohnsitz.  Der  13  m  hohe  Ehren- 
bogen den  Cottius  errichtete  (S.  148),  steht  noch,  sein  Grabmal  das 
Ammian  betrachtete,  nicht  mehr.  Aber  viele  Inschriften  zeugen  von 
der  Stärke  der  römischen  Cultur.  Nach  der  Einziehung  des  Reichs 
durch  Nero  hat  Susa  Bürger-  und  Stadtrecht  erhalten.  —  Von  Susa 
(503  m)  steigt  die  Strafse  und  erreicht  nach  8  Millien  das  Dorf 
Scingomagus  in  der  Gegend  von  Exilles  (Dorf  876  m  Fort  1166  m), 

1)  CIL.  V  7643. 

2)  Plin.IlI  117. 

3)  I  185.  Strab.  V  217  Plin.  III  118  Geogr.  Rav.  IV  36. 

4)  Die  Itinerarien  sind  zusammengestellt  CIL.  Vp.  811. 

5)  Caes.  b.Gall.  I  10  Strab.  V  217  IV  179  Ptol.  III  1,34  Geogr.  Rav.  IV  30 
Guido  11. 

6)  Plin.IlI  123  Ptol.  III  1,36  Paneg.  Lat.  IX  5  X  17.  21.  22  Ammian  XV 
10,3.  7  Hin.  CIL.  V  p.  814. 

7)  Suet.  Tib.  37. 


§  3.     Das  Reich  des  Cottius.  151 

wo  Artemidor  die  natürliche  Grenze  Italiens  angesetzt  hatte  519 
Milhen  von  Rom  entfernt J)  Aber  neben  dieser  auch  bei  Ammian 
begegnenden  Anschauung  über  den  Punct  wo  Italien  anfängt,  findet 
sich  noch  eine  dritte  in  dem  Pilgerbuch  von  333,  welches  ihn 
östlich  von  Susa  zwischen  dieser  Stadt  und  dem  12.  Meilenstein 
sucht. 2)  Nun  durchmifst  die  Strafse  eine  ebene  Thalfläche  von 
7 — 8  Millien  Ausdehnung  bis  zur  Station  ad  Mortis  Oulx  (1071  m)^) 
an  der  Einmündung  der  Bardoneche  in  die  Dora.  Der  letzteren 
folgend  steigt  man  nach  Gaesaone  Cesanne  (1560  m)4)  und  gewinnt 
endlich  die  Pafshöhe  (1865  ra)  in  Alpe  Cottia,  früher  Julia,  später 
auch  nach  den  hier  verehrten  Matronae  benannt.^)  Ammian  bezieht 
den  Namen  mifsverständlich  auf  eine  verunglückte  vornehme  Dame; 
richtiger  wird  er  auf  den  in  keltischen  Landen  weit  verbreiteten 
Cultus  der  Matronen  gedeutet.  Die  Ortsnamen  an  dieser  Strafse 
tragen  wie  bemerkt  (I  472  A.  2)  mehrfach  ein  keltisches  Gepräge. 
Trotz  des  regen  Verkehrs  ist  die  Strafse  bis  zum  Bau  der  heutigen 
(1802)  äufserst  beschwerlich  gewesen,  wie  aufser  von  Ammian  in 
der  poetischen  Reisebeschreibung  des  Ennodius  ausgeführt  wird: 
Matronas  taceo  scopulos  atque  invia  dictas 
in  foribus  blandas  cetera  diffiiciles. 
Die  Itinerarien  rechnen  von  der  Pafshöhe  bis  Eburodunum 
Embrun  (854  m)  41  Millien.  Dies  ist  die  Grenzstadt  des  Reiches 
gegen  Gallien,  seine  Ausdehnung  von  Ost  nach  West  wie  sie  der 
Reisende  durchmafs,  betrug  99  Millien. 6)  Wie  weit  es  sich  nach 
Norden  hin  erstreckte  und  in  welchen  Thälern  die  am  Ehrenbogen 
namhaft  gemachten  Gaue  wohnten,  ist  nicht  genau  zu  sagen.  Caesar 
hatte  58  v.  Chr.  den  Uebergang  über  den  M.  Gen^vre  gegen  Ceu- 
trones  et  (rraioceli  et  Caturiges  zu  erkämpfen.  Der  Name  der  letzleren 
lebt  in  dem  heutigen  Chorges  fort;  ihnen  gehört  die  Stadt  Eburo- 
dunum an.')     Die  Ceutronen  bewohnten  das  obere  Thal  der  Isöre. 


1)  Strab.  IV  179  Plin.  II  244  Agath.  Geogr.  4,17. 

2)  Ämm.  XV  10,6  It.  Hier.  556. 

3)  Amm.  XV  10,6  und  lliner. 

4)  It.  Gaditana  Goesao  und  Gaesaeone  Tab.  Peut.  Gadaone  It.  Hier.  556 
Gesdaone. 

5)  Tab.  Peut.  m  Alpe  Cottia  It.  Hier.  556  Amm.  XV  10,6  Ennod.  carm.  I  1,23. 
Die  Bezeichnung  Julia  Alpis  Liv.  V  34,8  steht  allein,  ist  aber  ganz  richtig 
nach  dem  römischen  Namen  des  Königs  gebildet. 

6)  Strab.  IV  179  in  Uebereinstimmung  mit  den  Itinerarien. 

7)  Caes.  s.  Call.  I  10  Ptol.  III  1,35. 


152  Kapitel  I.     Ligurien. 

Der  ISame  der  westlich  von  beiden  sitzenden  Graioceli  hängt  augen- 
scheinhch  mit  den  Alpes  Graiae  zusammen :  er  kommt  nur  bei 
Caesar  vor  i),  und  es  läfst  sich  nicht  bestimmen  ob  der  Kamm  der 
Alpen  vom  M.  Cenis  bis  zum  kleinen  Bernhard  dem  Reich  des  Cottius 
oder  den  Colonien  Turin  und  Aosta  zufiel.  Rey  setzt  den  M.  La 
Levanna  (3669  ni)  als  Nordgrenze  an.  Da  aber  die  Medulli  in  den 
höchsten  Erhebungen  der  Alpen  dazu  gehörten  2) ,  so  hat  es  noch 
einen  Theii  von  Savoyen  umfafst.  Man  wird  den  gesamten 
Flächeninhalt  nicht  unter  15000  Dkm  schätzen  dürfen. 

§  4.     Das  Binnenland. 

Der  Bogen  in  welchem  Alpen  und  Appennin  den  hgurischen 
Busen  umziehen,  hat  im  Westen  eine  Kammhöhe  von  3000  m,  in 
der  Mitte  8—900  m,  im  Osten  15—1600  m.  Mauerartig  nach  der 
See  abfallend,  ist  er  allmälich  zum  Po  hin  abgedacht.  So  entsteht 
ein  Hügelland  das  im  Westen  an  120  km,  weiterhin  nur  die  Hälfte 
sich  von  Süd  nach  Nord  erstreckt.  Eine  etwa  70  km  lange  und 
40  km  breite  Einsenkung  trennt  dasselbe  von  der  Hauptkette  der 
Alpen.  Po  und  Tanaro  durchströmen  die  Senke  in  nördlicher 
Richtung.  Bei  Turin  biegt  der  Po  (137  m)  ostwärts  um  und  be- 
schreibt bis  Valenza  einen  110  km  langen  flachen  Bogen,  dessen 
Sehne  durch  die  Hügel  von  Monferrato  dargestellt  wird.  Diese 
Hügel  voll  mariner  Bildungen  und  sandiger  Strecken  erreichen  in 
der  Superga  bei  Turin  eine  Höhe  von  653  m,  in  la  Maddalena 
712  m.  Sie  werden  im  Süden  durch  das  Thal  des  Tanaro  begrenzt, 
der  dem  Po  parallel  gleichfalls  in  einem  grofsen  Bogen  nach  Osten 
fliefst  (I  186).  Wo  unterhalb  Valenza  bei  82  m  Meereshöhe  beide 
Ströme  sich  vereinigen ,  hören  die  Hügel  die  bis  dahin  den  Süd- 
rand des  Po  eingefafst  hatten,  auf;  eine  weite  Niederung  dringt 
golfartig  in  den  Subappennin  ein,  so  dafs  hier  au  seiner  schmälsten 
und  niedrigsten  Stelle  bei  Genua  die  Breite  des  Appennins  nur 
35  km  milst.  Alsbald  nach  Südosten  umbiegend  wächst  mit  der 
Höhe  zugleich  auch  die  Breite.  Aus  dem  Gesagten  wird  die  Ghederung 
des  Landes  und  der  Lauf  seiner  grofsen  Verkehrswege  ersichthch. 
An  der  Polinie  nahmen  Turin  und  Placentia  beherrschende  Stellungen 
ein,   dazu  trat  Mailand   als   Mittelpunct  der   lombardischen    Ebene 


1)  Plin.  III  134  Grai  nach  unbekannter  Quelle. 

2)  Strab.  IV  185.  203  Vitruv  VIII  3,20. 


§  4.     Das  Binnenland.  153 

hinzu.  Die  Hauptstrarseii  setzen  diese  Plätze  mit  dem  ligurischen 
Meer  in  Verbindung,  an  ihnen  liegen  die  von  den  Römern  gegrün- 
deten Städte.  Die  beiden  Hälften  und  Gegensätze  Liguriens  haben 
wiederholt  ihre  Rollen  auf  der  geschichtlichen  Rühne  mit  einander 
vertauscht:  in  den  Anfängen  und  seit  den  Kreuzzügen  führt  die 
Küste  das  grofse  Wort,  unter  den  Caesaren  das  Rinnenland  das  eine 
unverächtliche  Reihe  blühender  Gemeinwesen  aufweist. 

Der  Pafs  des  Colle  di  Tenda  (1875  m  von  Mai  bis  September 
schneefrei)  verbindet  auf  kürzestem  sicherstem  Wege  die  Hgurische 
Ebene  im  Westen  mit  der  Küste.  Der  Weg  führt  von  Älbintimilium 
(S.  141)  das  Thal  der  Roia  hinauf,  dann  der  Vermenagna  die  in 
den  Gesso  mündet,  folgend  hinunter  nach  Pedo  (S.  149).  Es 
läfst  sich  nicht  mit  Restimmtheit  sagen,  ob  diese  Stadt  zum  cottischen 
Reich  oder  zu  Italien  gehörte.  —  Einige  20  km  nördlich,  wir  ver- 
muten bei  Rusca  an  der  Ausmündung  der  beiden  Thäler  der  Maira 
und  Varaita,  lag  eine  nur  inschriftlich  erwähnte  Stadt  Forum  Germa[ 
natium,  orum,  ici]  deren  letzte  Namenshälfte  unbekannt  ist.  i) 
Mommsen  ergänzt  Germanorum.  Da  an  eine  Verpflanzung  von 
Deutschen  in  diese  Gegend  nicht  vor  Marc  Aurel  zu  denken  ist, 
so  müfste  ein  sonst  verschollener  einheimischer  Stamm  verstanden 
werden. 2)  Näher  liegt  es  den  Markt  mit  der  Gründung  einer 
Strafse  zusammen  zu  bringen  und  nach  dem  Urheber  benennen  zu 
lassen.  Allein  die  Ueberheferung  versagt  gleichermafsen  für  die 
eine  Annahme  wie  für  die  andere.  —  Von  hier  lief  die  Strafse  am 
Fufs  der  Alpen  weiter  über  die  zur  Transpadana  gehörenden  Städte 
Forum  Vibi  und  Caburrmn  (S.  164)  nach  Turin.  Ihre  Gesamt- 
länge beträgt  ungefähr  200  km.  Die  Anlage  der  beiden  Fora, 
welche  nach  den  Inschriften  dem  letzten  vor-  oder  dem  ersten  nach- 
christlichen Jahrhundert  zugewiesen  werden  mufs,  hängt  mit  dem 
Ausbau  der  Strafse  zu  einer  Zeit  zusammen,  wo  diese  nur  eine 
landschaftliche  Redeutung  in  Anspruch  nehmen  konnte.^)  Als  aber 
der  Schwerpunct  des  römischen  Reiches  von  der  Halbinsel  nach  der 
Poebene,  von    Rom    nach  Mailand   sich   verschob,    wurde  sie  eine 


1)  CIL.  V  p.  910  Pais  suppl.  p.  137.     Ueberlieferl  ist  Foro  Ger  und  rei- 
publicae  Gerina. 

2)  Wenn    man    will,    ein   Rest  jener   Germanen  über  die  222  v,  Chr.  die 
Fasten  einen  Triumph  verzeichnen. 

3)  Uebrigens  deuten  auf  Wagenverkehr  die  plostralia  (Kutscherfest)  einer 
Inschrift  aus  dem  Sturathal  CIL.  V  7862. 


154  Kapitel  I.    Ligurien. 

wichtige    Verkehrsader    und    durch    kaiserhche  Fürsorge  in   Stand 
gesetzt.  1) 

Ein  anderer  Weg  über  den  Col  di  Cadibona  (490  m)  setzte  die 
hgurische  Ebene  mit  Vada  (S.  143)  in  Verbindung.  Auf  ihm  suchte 
M.  Antonius  im  Mai  43  v.  Chr.  nach  der  Schlacht  bei  Mutina  die 
Poebene  zu  gewinnen;  aber  seine  Reiter  kamen  vor  PoUentia  zu 
spät  an ,  das  die  Cohorten  des  D.  Brutus  von  Aquae  Statiellae  aus 
vermittelst  einer  kürzeren  Querstrafse  eine  Stunde  zuvor  besetzt 
hatten. 2)  In  der  That  ist  der  Weg  für  den  Marsch  von  Reiterei 
nicht  günstig.  Jenseits  des  Passes  verläfst  er  im  Thal  der  öst- 
lichen Bormida  die  via  Aemilia,  steigt  hinüber  ins  Thal  der  westlichen 
Bormida,  aus  diesem  ins  Thal  des  Tanarus'^)  (1 186)  nach  Ceva  dem 
Mittelpunct  einer  früheren  Markgrafschaft.  Der  Käse  der  Gegend 
ist  berühmt  und  war  es  auch  im  Altertum ;  denn  man  wird  nicht 
anstehen  den  gerühmten  caseus  Cebanus  oder  Coebanus  auf  diesen 
Ort  zu  beziehen. 4)  —  Den  Tanaro  entlang  senkt  sich  die  Strafse 
nach  (349  m)  Augusta  Bagiennorum  Bene  (seit  1862  Bene  Vagienna) 
etwa  90  km  von  Savona  entfernt. 5)  Die  Bagienni  werden  in  der 
Kriegsgeschichte  nicht  erwähnt.^)  Ihr  Gebiet  dehnte  sich  mindestens 
60  km  von  Ost  nach  West  bis  zu  den  Quellen  des  Po  am  M.  Viso 
aus  (S.  150).  Die  Bergdistricte  —  sparst  per  saxa  Bagenni'^)  — 
hatten  nur  latinisches  Recht  und  waren  der  in  die  Tribus  Camilia 
eingetragenen  Stadt  in  der  Ebene  untergeordnet.  Augustus  ver- 
fuhr wie  im  übrigen  Umkreis  der  Alpen,  verheb  auch  der  Gemeinde 
seinen  Namen,  aber  nicht  das  Recht  einer  Colonie:  dafür  reichten 
Macht  und  Volkszahl   nicht  aus.^)     Die   Stadt  lag   1  km  von   der 

1)  Auf  der  Strecke  von  Turin  nach  Cavour  ist  ein  Meilenstein  Gonstantins 
erhalten  CIL.  V  8081;  von  demselben  bei  Genua  8082  und  Nizza  8108. 

2)  Cic.  Fam.  XI  13  a  vgl.  Philipp.  XI  14. 

3)  Plin.  111  118  Aelian  de  anim.  XIV  29. 

4)  Plin.  XI  241  Gluver  p.  83  CiL.  V  p.  895,  Cebula  an  der  Riviera  di  Le- 
vante Geogr.  Rav.  V  2  Guido  78. 

5)  Varro  RR.  I  51  Plin.  III  47.  49.  117.  135  Ptol.  III  1,31  CIL.  V  p.  873. 
Pais  suppl.  p.  131  JVIuratori  Atti  delf  Acc.  di  Torino  1865/66  p.  240  fg.  327  fg. 

6)  Wenn  die  Angabe  Vell.  I  15,5  dafs  Eporedia  Ivrea  in  Bagiennis  ge- 
gründet sei,  nicht  auf  blofsem  Versehen  beruht,  so  hat  dieser  ligurische  Stamm 
einstmals  das  westliche  Piemont  inne  gehabt,  ist  von  den  Kelten  gesprengt 
und  grofsentheiis  unterworfen  worden.  Aber  auf  die  alten  Völkerkämpfe  am 
oberen  Po  fällt  kein  Strahl  der  Ueberlieferung. 

7)  Sil.  It.  VIII  605. 

8)  Eph.  ep.  V  p.  252. 


§  4.     Das  Binnenland.  155 

heutigen  entfernt  und  war  planmäfsig  errichtet,  den  Erfordernissen 
und   dem  Geschmack   der  Kaiserzeit  angepafst:    mancherlei  Ueber- 
reste  von  einem  Amphitheater  (104  X  78  m)  Theater  Aquaeduct  Bädern 
und   anderen  BauHchkeiten   bekunden  einen  gewissen  Wolilstand.i) 
—    Indessen    wurde    sie    von    dem    16  km   nördlicheren  Pollentia 
PoUenzo  übertrofFen.2)    Am  Unken  Ufer  des  Tanaro  2  km  unterhalb 
der  Mündung  der  Stura  di  Demente  bei  dem  Dorf  Pollenzo  (198  m) 
breiten    sich    die   stattHchen  Ruinen    eines   Amphitheaters  Theaters 
Tempels  aus,   welche   der  von  den  Schriftstellern  der  Stadt  beige- 
legten Wichtigkeit   entsprechen.     Am   Eingang   der   Thalrinne   des 
Tanaro,  welche  die  Hügel  von  Monferrato  und  den  Stock  des  hgu- 
rischen  Berglands  von  einander  scheidet,  beherrscht  sie  die  nächsten 
Verbindungen   der  Ebene   mit  dem  mittleren  Po  (Ticinum  Mailand 
Placentia) ,  beherrscht  anderseits  die  Strafse  von  Vada  nach  Turin. 
Deshalb   wird   ihr  Name   in    der  Kriegsgeschichte   erwähnt.     Durch 
die  Besetzung  Pollentia's  zwang  D.  Brutus  seinen  Gegner  den  Küsten- 
weg nach  GaUien  einzuschlagen.     Hier  lieferte  Stilicho  am  Ostertag 
402  die  von  Claudian  verherrlichte  Schlacht,  welche  die  Gothen  zur 
Räumung  Italiens  bewog.3)     Die  günstige  Lage  rief  einen  namhaften 
Handel  und  Gewerbfleifs  ins  Leben:  hier  wurde  die  braune  Wolle 
der  hgurischen  Heerden  verarbeitet,  hier  Thongeschirr  von  vorzüg- 
hcher  Feinheit  erzeugt.     Von  dem  Uebermut  und  der  Schaulust  der 
Bevölkerung  wird  berichtet  dafs  sie  Kaiser  Tiberius  zu  militärischem 
Aufgebot  nötigte.4)     Die  Stadt  gehörte  zur  Tribus  Pollia;  ihre  Ent- 
fernung von  Turin  wird  auf  35  Milben  angegeben.^) 

Dem  Lauf  des  Tanaro  folgend  erreicht  man  nach  8  Millien  das 
am  rechten  Flufsufer  (173  m)  gelegene  Alba  Pompeia  Alba.t^)  Die 
Bewohner  Albenses  Pompeiani  waren  in  die  Tribus  Camilia  einge- 
tragen.    Den    Beinamen   scheint   die   Stadt   vom    Consul  des  J.  89 


1)  Atti  della  Societä  di  Archeologia  di  Torino  VII  p.  38fg.  69fg.  —  eb. 
p.  76  wird  ein  vicus  Baginas  bei  Bastia  12  km  S  von  Bene  erwähnt. 

2)  Cic.  Fam.  XI  13a  Pliilipp.  XI  14;  Colum.  VII  2  Plin.  III  49  VIII  191 
XXXV  160  Sil.  It.  VIII  597  Martial  XIV  157.  158  Ptol.  III  1,41  Not.  Dign.  Occ. 
121  CIL.  V  p.  866 ;  Franchi-Pont,  autichilä  di  Pollenzo,  Atti  dell'  Acc.  di  Torino 
1805/8  p.  321— 510. 

3)  Gros.  VII  37,2  lord.  Get.  154  Prosper  und  Cassiodor  a.  402  Claudian  b. 
Get.  635  VI  cons.  Honorii  127.  202.  281. 

4)  Suet.  Tib.  37. 

5)  Tab.  Peut.  Geogr.  Rav.  IV  33. 

6)  Plin.  III  49  XVII  25  Ptol.  lll  1,41  Peut.  CIL.  V  p.  863. 


156  Kapitel  I.     Ligurien. 

V.  Chr.  Pompeiiis  Strabo  entlehnt  zu  haben  (S.  61).  Die  Feldmark 
kann  nicht  gering  gewesen  sein.  Auf  einem  Gut  im  Appennin  ward 
Kaiser  Pertinax  als  Sohn  eines  Holzhändlers  geboren. i)  Die  hier 
gebrochene  Kreide  und  Thonerde  galt  als  vorzüglicher  Dung  für  die 
Reben.  —  Heutigen  Tages  ist  das  16  Millien  entfernte  Hasta  Asti 
(126  m)  weinberühmt,  im  Altertum  hatte  sein  Thongeschirr  guten 
Ruf. 2)  Die  Stadt  gehörte  zur  Tribus  PoUia.  Ihr  Ursprung  ist  un- 
bekannt: Ptolemaeos  nennt  sie  Colonie.  Der  erfolgreiche  Wider- 
stand den  sie  König  Alarich  402  leistete,  zeugt  für  ihre  Stärke.^) 
Sie  liegt  am  linken  Ufer  des  Tanaro.  —  Dann  folgt  22  Mühen 
weiter  am  rechten  Ufer  zwischen  den  Mündungen  des  Relbo  und 
der  Bormida  (97  m)  Forum  Fulvii  Villa  del  Foro.4)  Sein  Ursprung 
hängt  mit  dem  Bau  der  via  Fulvia,  der  Strafse  von  Dertona  nach 
Pollentia,  die  in  der  Peutingerschen  Tafel  verzeichnet  ist,  zusammen 
und  ist  vielleicht  auf  den  Consul  des  J.  179  v.  Chr.  zurückzuführen.^) 
Die  Lage  wies  ihm  eine  ähnliche  Bedeutung  zu,  wie  sie  das  1168 
gegründete  Alessandria  seither  gehabt  hat.  Man  erreichte  von  Forum 
Fulvii  ostwärts  nach  20  Millien  Dertona  und  den  Anschlufs  an 
die  Hauptlinie  Genua-Placentia,  nordwärts  nach  14  Millien  den  Po 
bei  Valenza  und  weiter  den  Anschlufs  nach  Ticinum  und  Mailand. 
Die  Stadt  war  in  die  Tribus  PoUia  eingetragen  und  wird  noch  im 
12.  Jahrhundert  unter  dem  Namen  Forum  erwähnt.  Die  Anlage 
Alessandria's,  zu  der  sie  zahlreiche  Mannschaft  stellte,  hat  sie  für 
immer  zum  Dorf  herabgedrückt.  Nach  Plinius  hatte  Forum  Fulvii 
den  Beinamen  Valentinum,  welcher  sich  in  der  heutigen  Stadt  Va- 
lenza am  Po  fortgepflanzt  hat.  Ob  Valentia  eine  Zeit  lang  mit 
Forum  Fulvii  vereinigt  und  später  selbständige  Gemeinde  gewesen, 
ist  unsicher. 

Die  von  der  eben  beschriebenen  Strafse  und  dem  Po  einge- 
lafsten  Hügel  von  Monferrato  enthalten  mehrere  antike  Städte. 
Eine  solche  findet  sich  nach  Aussage  der  Inschriften  im  Westen 
des  bezeichneten  Gebiets   bei  Chieri,   das   mit  einiger  Wahrschein- 

1)  Dio  LXXIII  3  vita  Pert.  1  Aur.  Victor  ep.  34. 

2)  Plin.  III  49  XXXV  160   Ptol.  III  1,41  Tab.  Peut.  Cassiodor  Var.  XI  15 
CIL.  V  p.  857,  Pais  suppl.  p.  130. 

3)  Claudian  VI  cons.  Hon.  203. 

4)  Plin.  III  49  Tab.  Peut.  Not.  Dign.  Occ.  121  Paul.  Diac.  bist.  Lang  VI  58 
CIL.  V  p.  840  no,  7532—36. 

5)  Liv.  XL  53  Q.  Fulvms   consul   deditos   in   campestres   agros  deduxit 
praeridiaque  montibus  imposuit  vgl.  Flor.  I  19. 


§  4.     Das  Binnealand.  157 

lichkeit  für  Correa  mit  dem  Beinamen  Potenlia  erklärt  wird.i)  — 
Am  Po  20  Millien  von  Turin  bei  Monteü  da  Po,  lag  Industria, 
welches  Plinius  unter  die  angesehenen  Städte  dieser  Region  rechnet, 
mit  ligurischen  Namen  der  die  Tiefe  des  Flufses  andeutet  (l  183) 
Bodincomagum ,  zur  Tribus  Pollia  gehörig.  2)  Die  Ausgrabungen 
lehren  dafs  Industria  unmittelbar  an  den  Flufs  stiefs,  der  sein  Bette 
jetzt  2  km  nach  Norden  hin  verrückt  hat,  bezeugen  ferner  die 
Blüte  der  im  4.  Jahrhundert,  wie  es  scheint,  verödeten  Stadt,  aber 
lassen  uns  über  die  Zeit  ihrer  Entstehung  in  Stich, 3)  —  Südlich 
von  Casale  bei  Terruggia  (198  m)  lag  die  Stadt  Vardagate '^) ;  ver- 
mutUch  gleichfalls  im  Monfenalo  die  nur  in  Inschriften  genannte 
Stadt  Dripsinum'' ) ,  deren  Selbständigkeit  sich  aus  der  Zeit  nach 
Auguslus  herschreibt. 

Die  dritte  Hauptstrafse  zwischen  Mittelmeer  und  Po  ist  die  von 
Vada  nach  Placentia  laufende  131  Milben  lange  via  Julia  Augusta 
(S.  140).  So  heifst  sie  seit  13  v.  Chr.  6):  vordem  gehörte  das  erste 
79  Milben  lange  Stück  zu  der  109  v.  Chr.  bis  Dertona  geführten 
via  Äemilia,  das  zweite  52  Milben  lange  Stück  von  Dertona  bis 
Vhcenüa  züY  via  Postumia  die  148  v.  Chr.  erbaut  wurde  (S.  143.4). 
Jenseits  des  Passes  folgt  sie,  während  der  Weg  nach  Pollentia  links 
abzweigt  (S.  155),  dem  Thal  der  östlichen  Bormida  und  langt  nach 
50  Millien  bei  Aquae  Statiellae  Acqui  (164  m)  an.")  Der  Stamm  der 
Statellates  oder  Statielli  dessen  Andenken  diese  Stadt  bewahrt,  hatte 
sich  früh  den  Römern  angeschlossen,  ward  trotzdem  173  v.  Chr. 
vom  Consul  M.  Popillius  überfallen  und  dann  als  Entgelt  zum  Theil 


1)  CIL.  V  p.  848  Plin.  111  49,  Carreo  [Leid.  Correa]  quod  Potentia  cogno- 
minatur. 

2)  Plin.  III  49.  122  CIL.  V  p.  845  Pais  suppL  p.  127  A.  Fabretti,  Atti  della 
Societä  di  Archeologia  di  Torino  III  p.  17  fg. 

3)  Die  Inschriften  zeigen  dafs  Bodincomagum  ein  eigenes  Gemeinwesen 
bildete  und  bestätigen  scheinbar  die  Ueberlieferung  der  bessern  Codices  bei 
Plinius  oppidum  iuxta  Induitriam  [al.  Industria]  vetusto  nomine  Bodincomagum. 
Aber  die  Gensusliste  kennt  den  Namen  nicht;  man  mufs  daher  der  minder  be- 
glaubigten Lesart  den  Vorzug  geben  und  schliefsen  dafs  die  Umtaufe  vor  14 
n.  Chr.  stattgefunden  hat. 

4)  Plin.  III  49  CIL.  V  p.  841,  Pais  suppl.  p.  126. 

5)  CIL.  V  4484  VI  2379,  6,43  Eph.  ep.  IV  887,  1,4. 

6)  CIL.  V  8102.  3. 

7)  Strab.  V  217  Plin.  HI  49  XXXI  4  It.  Ant.  294  Tab.  Peut.  Paul.  bist. 
Lang.  II  16  Not.  Dign.  Occ.  121  CIL.  V  p.  850  Pais  suppl.  p.  130.  Atti  d.  Soc. 
di  Torino  V  p.  30  fg. 


158  Kapitel  I.     Ligurien. 

mit  Land  nördlich  vom  Po  bedacht,  i)  Wie  weit  seine  ehemaligen 
Gebietsgrenzen  gereicht  haben ,  läfst  sich  nicht  erraten :  jedesfalls 
umfafsten  sie  die  Thäler  der  beiden  Bormida  deren  antiken  Namen 
wir  nicht  kennen,  sowie  das  Thal  der  Orba  die  den  Römern  durch 
den  Namen  Urbs  auffiel.^)  Warme  und  mächtige  schwefelhaltige 
Quellen  haben  die  Ansiedlung  hervorgerufen  die  von  den  Römern 
Stadtrecht  und  Aufnahme  in  die  Tribus  Tromentina  erlangte.  Ueber- 
reste  römischer  Badeanlagen  sind  noch  vorhanden. 3)  Im  üebrigen 
ist  auch  die  Verkehrslage  nicht  ungünstig.  Eine  in  der  Peutinger- 
schen  Tafel  verzeichnete  Seitenstrafse  verband  die  Stadt  mit  Alba 
Pompeia  und  PoUentia:  bei  Gelegenheit  der  Operationen  des  D.  Bautus 
43  V.  Chr.  ward  ihrer  schon  gedacht  (S.  154).  Die  Entfernung  von 
Alba  beträgt  32,  von  Dertona  28  Millien. 

Die  vierte  und  älteste  Hauptstrafse  ist  die  147  v.  Chr.  erbaute 
via  Postumia  von  Genua  nach  Placentia,  die  sich  von  hier  nach 
Cremona  und  Verona  fortsetzt  (S.  144).  Nachdem  sie  dem  Thal  der 
Polcevera  entlang  den  Col  di  Giove  erstiegen  hat  (S.  144),  folgt  sie 
der  Scrivia  (I  186).  Wo  diese  in  die  Ebene  hinaustritt,  26  Milben 
von  Genua  bei  dem  Dorf  Serravalle  lag  LibarnaJ)  Die  Stadt  ge- 
hörte zur  Tribus  Maecia  und  heifst  auf  einer  Inschrift  Colonie; 
wem  sie  diese  Eigenschaft  verdankte,  ist  unbekannt.  Ein  kleines 
Amphitheater  weist  ihr  eine  gewisse  Blüte  zu;  auch  erstreckte  sich 
ihr  Gebiet  nach  Osten  etwa  bis  zur  Trebia,  da  es  an  dasjenige  von 
Veleia  grenzte  (Kap.  IV  2).  Die  Alimenlartafel  erwähnt  von  seinen 
Gauen  den  pagus  Eboreus  und  Martins,  als  zu  beiden  Städten  ge- 
hörend p.  Moninas.  —  Immerhin  gebührte  der  Vorrang  dem  14  Millien 
entfernten  Dertona  Tortona.s)  Als  Knotenpunct  der  Via  Postumia 
Aemilia  und  Fulvia  die  von  hier  nach  4  verschiedenen  Richtungen 
ausliefen,  hat  es  vielleicht  schon  im  zweiten  Jahrhundert  v.  Chr., 
später  durch  Augustus  eine  Colonie  erhalten  und  durch  alle  Wechsel- 


1)  Liv.  XLII  7.  8.  22  Slatellates,  D.  Brutus  bei  Cic.  Farn.  XI  11  Statiellenses, 
Piin.  III  47.  49  StatielU,  inschriftlich  auch  Statelli. 

2)  Glaudian  b.Get.  555. 

3)  Liudprand  antap.  II  43  erwähnt  sie  als  noch  bestehend;  über  die  Reste 
Not.  d.  Scavi  1899  p.  417. 

4)  Pilo.  III  49  Ptol  III  1,41  It.  Ant.  294  Tab.  Peut.  CIL.  V  p.  838. 

5)  Artemidor  bei  Sleph.  Byz.  Jsqxa'v  Strab.  V217;  Cic.  Fam.  XI  10,5 
Vell.  I  15  Plin.lII  49;  It.  Ant.  286.  88.  94  Tab.  Peut.;  Not.  Dign.  Occ.  121  Ter- 
tona;  Cassiod.  var.  I  17  X  27  XII  27  Paul.  bist.  Lang.  II  16;  CIL.  V  p.  831 
Pais  suppl.  p.  126. 


§  4.     Das  Binnenland.  159 

fälle  des  Mittelalters  hindurch  sich  als  Stadt  behauptet.  Inschriften 
wie  Schriftsteller  bekunden  gleicher  Mafsen  dafs  es  an  Alter  und 
Ansehen  unter  den  Städten  Liguriens  eine  der  ersten  Stellen  ein- 
nahm. —  Von  Dertona  10  Miliien  entfernt  folgt  Iria  Voghera 
(95  m)i),  am  linken  Ufer  des  Ira  Staffora^),  von  dem  die  Stadt 
wie  so  oft  den  Namen  erhalten  hat.  Inschriftlich  heifst  sie  colonia 
Forum  Julii  Iriensium,  indem  Augustus  hier  das  Forum  der  von 
ihm  erbauten  Strafse  von  Placentia  an  den  Var  (S.  140)  einrichtete. 
Der  Titel  Colonie  ist  von  einem  späteren  Kaiser  verliehen  worden, 
von  wem  wissen  wir  nicht.  Trotz  solcher  Auszeichnung  hat  der 
Ort  nicht  gedeihen  wollen,  im  5  Jahrhundert  rechnen  die  Schrift- 
steller seine  Feldmark  zu  Dertona. 


1)  Plin.  III  49  Ptol.lll  1,31  CIL.  V  p.  828. 

2)  Jord.  Get.  236  Chr.  Rav.  Marceil.  unter  d.  J.  461    (Chron.  min.  I  p.  305 
II  p.  88).  Hist.  Miscella  XVI  1. 


KAPITEL  11. 


Die  Transpadana. 

Die  Ebene  am  Südfufs  der  Alpen  wird  in  älterer  Zeit  nach 
ihren  Bewohnern  Gallia,  von  hellenischen  Geographen  auch  nach 
ihrem  Hauplflufs  benannt.*)  Aus  beiden  Benennungen  hat  man  in 
der  Neuzeit  eine  Unterscheidung  von  Gallia  cispadana  und  trans- 
padana abgeleitet  welche  den  Alten  schlechterdings  unbekannt  ist 2): 
das  Beiwort  cispadanus  kommt  im  Lateinischen  überhaupt  nicht  vor, 
transpadana  nur  in  Verbindung  mit  Italia.^)  Die  wichtigen  Gesetze 
der  Jahre  90  und  89  v.  Chr.  trennten  allerdings  die  Provinz  in 
zwei  ungleich  gestellte  Hälften,  insofern  die  Landschaften  südlich 
vom  Po  in  den  Bürgerverband  aufgenommen,  die  nördlichen  nur 
mit  latinischem  Recht  bedacht  wurden  (I  75  fg.).  Das  Streben  nach 
vollem  Bürgerrecht  hat  die  nördlichen  Landschaften  zu  treusten 
Stützen  Caesars  gemacht.  In  den  Jahren  wo  die  Frage  der  Ver- 
leihung drohend  am  politischen  Himmel  stand,  taucht  der  Name 
der  Transpadani  mit  der  Geltung  eines  Volksnamens  auf,  von  dem 
sich  in  der  bisherigen  Litteratur  keine  Spur  findet.*)  Während  die 
alte  Bezeichnung  Gallia  seit  49  v.  Chr.  aus  dem  Sprachgebrauch 
rasch  verschwindet'»),  hält  die  neue  Stand  fi)  und  wird  von  Augustus 


1)  Pol.  11  17,3  111  34,2  i]  TisQi  rov  HaSov  %cöqa;  öfter  II  19,13  III  39,10 
44,5  47,4  48,6  54,3  56,3.6  61,11  t«  tieqI  rov  näSov  neSia. 

2)  Strab.  V  212  giebt  dafür  einen  schwachen  Anhalt.  In  den  Jahren 
306 — 320  kommt  vorübergehend  ein  corrector  utriusque  Itallae  vor,  worunter 
die  Ebene  diesseits  und  jenseits  des  Po  verstanden  wird,  Böcking  Not.  Dig. 
Occp.  1181. 

3)  Plin.  XVI  66  XVII  201  XVIII  66.  182  XIX  16  CIL.  VI  1418. 

4)  Catull  39,13  Cic.  Att.  V  2,3  11,2  VII  7,6  Farn.  II  17,7  VIII  1,2  XU  5,2 
XVI  12,4  Off.  III  88  Phil.  X  10  Caes.  b.  civ.  III  87  Liv.  CX. 

5)  Vgl.  I  78  A.  2.  Mifsverständlich  wendet  Ptolemaeos  III  1,42  den  Aus- 
druck Gallia  togata  auf  die  Aemilia  an, 

6)  Plin.  XVII  49  XVUI  127.  205  XXXVII  44  Solin  20,10. 


Die  Transpadana.  161 

auf  die    elfto   Region    Italiens   übertragen. i)     Neben    der   üblichen 
Adjectivbildung  braucht  man  vereinzelt  im  3.  Jahrhundert  als  Haupt- 
wort   Transpadnm^) ,   das  aber   bald    den  Namen  Itaha  (I  86)  und 
Lignria  (S.  132)  Platz  macht.  —  Die  Grüfse  des  nordlich  vom  Po 
belegenen    Landes   (1500  d.  DM)   veranlafste    dessen   Theilung    in 
zwei  Regionen,  was  spvvol  den  natürlichen  als  den  geschichtlichen  Ver- 
hältnissen  entsprach.     Wo  der  Po   sich   in   mehrere  Arme  spaltet, 
hört  er  auf  ein  dies-  und  jenseitiges  Ufer  zu  scheiden,  das  Mündungs- 
gebiet hängt  in  sich  zusammen.    Mit  diesem  venetischen  Niederland 
hat  Aiigustus  die  Cenomanen  vereinigt,  welche  als  Verbündete  Roms 
seit   Alters  die   keltischen    Stammesgenossen    bekämpft   hatten.     So 
wurde  der  Name  Transpadana  auf  die  Gebiete  der  Tauriner  Salasser 
Insubrer  um  von  den  kleineren  Stämmen  zu  schweigen  beschränkt, 
die  heutigen  Provinzen  Turin  Novara  Pavia  Mailand  Como  Sondrio 
Bergamo   und    den    Canton   Tessin.     Der  Po   bildet   die  Grenze  im 
Süden    gegen    Ligurien    und    Aemilia.     Wie    das   obere   Pothal    am 
M.  Viso  zu  Ligurien,  so  scheinen  die  Thäler  des  Pehce  und  Clusone 
zur  Transpadana   gehört   zu  haben.     An  der  Dora  Riparia  befindet 
sich  die  Grenze  gegen  das  cottische  Reich  bei  Avigliana  18  Milben 
von  Turin  (S.  150).     Im  Thal  der  Dora  Baltea   reicht   das  italische 
Gebiet   bis   an   den  Kleinen    und  Grofsen  Beruhard.     Die  Angaben 
über  die  Nordgrenze  sind  früher  mitgetheilt  worden  (1  80).     End- 
lich im  Westen  gegen  Venetien  wird  die  Scheidung  durch  den  I^o- 
see  den  Mittellauf  des  Oglio  und  die  Mündung  der  Adda  bezeichnet. 
In  runden  Ziffern  befafst  die  elfte  Region  einen  Flächeninhalt  von 
32000  Dkm  580  d.  DM.  —  Dem  Meer  entrückt  ist  sie  der  Cultur 
weit  später  erlegen  als  Venetien  oder  die  Aemilia.     unter  den  Re- 
gionen Itahens  nimmt  sie  an  äufserem  Umfang  die  zweite,  nach  der 
Zahl  der  Städte   die   allerletzte  Stelle   ein.     Im  Ganzen   lassen  sich 
ihrer  nur  12  mit  selbständiger  Verwaltung  nachweisen:  davon  haben 
4   eine   Feldmark   gewöhnlicher   Ausdehnung,    während   auf  die  8 
anderen  Gebiete  von  durchschnittlich  3 — 4000  Ckra  kommen.    Der 
Grund  dieser  aufserordentlichen  Erscheinung  liegt  einmal  darin  dafs 
die  Nordalpen  nicht  im  langsamen  Verlauf  der  Zeiten  wie  Ligurien, 
sondern    15  v.  Chr.   mit   einem    Schlage  unterworfen   und   den   an- 
stofsenden  Städten  unterstellt   wurden.     Sodann  aber  hat  Augustus 

1)  PliD.  III  123  XIV  12  Tac.  Bist.  I  70  Plin.  Ep.  IV  6  CIL.  V  1874.  3351. 
4332.  4341.  8659.  8921. 

2)  CIL.  III  249  VIII  822. 

Nissen,  ItaL  Landeskunde.    IL  11 


162  Kapitel  II.     Die  Transpadana. 

planmäfsig  die  keltischen  Stämme  dem  Rahmen  eines  städtischen 
Gemeinwesens  eingefügt  und  lebenskräftige  Grofsgemeindcn  ge- 
schaffen (S.  22).  Die  Auswahl  der  Centren  ward  durch  natürliche 
Verhältnisse  bestimmt.  Die  Städte  liegen  in  der  Regel  nicht  am  Po, 
sondern  landeinwärts  von  den  Ueberschwemmungen  und  Süinpfen 
entfernt  (I  208).  Die  Ufer  der  Ströme  waren  von  gewaltigen 
Forsleu  eingerahmt,  wie  z.  R.  der  Urbs  Silva  bei  Pavia  in  welcher 
die  langobardischen  Könige  pirschten. i)  Die  Wirtschaft  mit  ihrer 
Schweine-  und  Schafzucht  ihrem  Flachs  und  Hirsebau  steht  hier 
auf  keiner  höheren  Stufe  als  diejenige  Liguriens.^)  Die  Fundorte 
der  lateinischen  Inschriften  geben  den  verschiedenartigen  Anbau  und 
Culturstand  wieder.  Sie  fehlen  in  den  Alpenthälern  fast  ganz,  be- 
gegnen in  den  Niederungen  selten,  dagegen  häufig  in  dem  zwischen 
beiden  befindlichen  Hügelland,  welches  die  vollkommeneren  Wirt- 
schaftsformen des  Südens,  die  Raumzucht  und  den  Gartenbau  3)  sich 
rasch  angeeignet  hat.  Das  Gesamtbild  ist  ein  erfreuhches;  der  rö- 
mischen Herrschaft  zum  Trotz  blieb  die  bäuerliche  Freiheit  und 
Wehrkraft  lange  erhalten  (I  483).  Das  Land  erscheint  in  stetem 
Fortschritt  begriffen,  der  vom  Ausgang  des  Altertums  durch  Mittel- 
alter und  Neuzeit  hindurch  sich  steigern  sollte.  —  Die  Reschreibung 
schliefst  sich  der  natürlichen  Gliederung  an,  welche  durch  die  in 
den  Po  einmündenden  grofsen  Alpeuströme  hervorgerufen  wird 
und  soweit  wir  sehen  den  Wohnsitzen  der  verschiedenen  Stämme 
entspricht.^) 


1)  Paul.  h.  Lang.  V  37,  39  ad  Urbem  uastissimam  silvam  VI  58,  der  Name 
kehrt  bei  dem  Flufs  Orba  wieder  (S.  158).  Verg.  Georg.  I  481  Lucan  II  409  Sid. 
Ap.  ep.  I  5,4.  Die  grofse  Ausdehnung  des  "Waldes  im  Mittelalter  wird  durch 
Urkunden  und  Ortsnamen  (Roboretum  Carpinetum  usw.)  bewiesen  vgl.  Promis, 
Torino  p.  38. 

2)  1  446  Strab.  V  218  Pol.  II  15  Varro  RR.  II  4. 

3)  Paulus  h.  Lang.  II  15  erklärt  den  späteren  Namen  dieser  Provinz  Liguria 
a  legendis  id  est  eolb'gendis  leguminibus  quoru?n  satis  ferax  est. 

4)  Quellen:  Pol.  II  14-35  Strab.  V  212.  13.  18  Plin.  III  123fg.  Ptol.  lil 
1,29—32;  CIL.  V  p.  545-807  Pais  suppl.  p.  93— 124.  In  Betre«  der  Karten  für 
die  piemontesischen  Landschaften  vgl.  S.  134.  Von  der  österreichischen  General- 
stabskarte Lombardo-Venetiens,  Wien  1851,  (1:86400)  wurde  ein  handlicher 
Auszug  im  halben  Mafsstab  auf  56  Bl.  (Mailand  o.  J.)  veröffentlicht.  Die  neue 
italienische  Generalslabskarle  behandelt  diese  Region  auf  Bl.  5  —  8  15—19 
•27-34  41—46  55—60,  67.68. 


»  §  1.     Die  Tauriner.  163 

§  1.     Die  Tauriner. 

Die  keltische  Bezeichnung  für  Hochgebirge  (l  138)  hat  dem 
Volk  am  Fufs  der  cottischen  Alpen  den  Namen  verliehen,  der  in 
der  älteren  nachträglich  auf  Noricum  beschränkten  Form  Taurisci  •), 
in  der  jüngeren  üblichen  Form  Taurini  lautet.^)  Unter  allen  kel- 
tischen Stämmen  ist  dieser  zuerst  an  den  Po  vorgedrungen,  ge- 
raume Zeit  bevor  die  von  der  Sage  aufgezählten  Züge  die  Ebene 
ostwärts  in  Besitz  nahmen.  Wenn  er  von  einigen  Schriftstellern 
der  alteinheimischen  Nation  der  Ligurer  zugezählt  wird  3),  so  er- 
klärt sich  das  aus  dem  Umstand  dafs  zahlreiche  ligurische  Gaue 
unter  gröfserer  oder  geringerer  Abhängigkeit  im  westlichen  Piemont 
sitzen  geblieben  sind  (I  472).  Aber  die  keltischen  Herren  haben 
schliefslich  dem  ganzen  Lande  den  Stempel  ihrer  Eigenart  aufge- 
drückt. UrsprüngUch  bedeutet  ihr  Name  die  Gebirgsbewohner  und 
wird  von  Cato  auf  Salasser  und  Lepontier  ausgedehnt^);  später  er- 
scheint er  auf  das  Volk  beschränkt  das  vom  Clusone  an  die  Thäler 
des  Duria  Dora  Riparia  Stura'")  Stura  (I  185)  und  Orgm'^)  Orco 
(I  185)  bis  zur  Einmündung  dieser  Flüsse  in  den  Po  bewohnte. 
An  dem  grofsen  Zug  der  Kelten  gegen  Rom  im  J.  225  v.  Chr.  nahm 
es  Antheil,  stand  aber  beim  Ausbruch  des  hannibalischen  Krieges 
auf  römischer  Seite.  Fortab  verschwindet  es  aus  der  Ueberlieferung 
und  lebt  allein  im  Namen  seiner  Hauptstadt  der  colonia  Julia  Augusta 
Taurinorum  fort,  die  vermöge  ihrer  Lage  an  der  Einmündung  der 
Doria  Riparia  in  den  Po  den  natürlichen  Mittelpunct  des  west- 
lichen Polands  abgiebt.')  Nach  Plinius  beginnt  hier  die  Schiflbar- 
keit  des  Po  (I  213).^)  Wichtiger  war  es  dals  von  den  verschie- 
denen Weltgegenden  aus  Hauptstrafsen  bei  Turin  sich  vereinigen. 
Die  Eigenschaft  der  Stadt  als  Knotenpunct  des  Verkehrs  soll  zu- 
nächst ins  Auge  gefafst  werden. 

1)  Pol.  II  15,8  28,4  30,6  dagegen  III  60,8  TavQlvot,  Steph.  Byz.  TavQlaxoi. 

2)  Taurinates  zuerst  Pan.  Lat.  IX  6.  7,  bei  Paulus  neben  Taurini  Taun- 
naies  auch  Taurinenses. 

3)  Strab.  IV  204  Plin.  III  123  gegen  Polybios  (vgl.  Liv.  V  34  XXI  38.  39) 
im  Widerspruch  mit  Orts-  und  Personennamen  sowie  den  heutigen  Dialekt- 
grenzen. 

4)  Plin.  m  134  vgl.  Ammian  XV  10,9. 

5)  Plin.  III  118  Geogr.  Rav.  IV  36  Ennod.  carro.  I  1,39. 

6)  Plin.  HI  118  Tab.  Peut.  Geogr.  Rav.  IV  36  Ennod.  I  1,39. 

7)  C.  Promis,  Storia  dell'  antico  Torino,  Torino  1869. 

8)  Plin.  III  123. 

11* 


164  Kapitel  11.     Die  Transpadana. 

Die  über  den  Col  di  Tenda  führende  Strafse,  die  kürzeste 
Verbindung  zwischen  der  westhchen  Poebene  und  dem  Mittehneer 
ist  oben  S.  153  bis  zum  Po  beschrieben  worden.  NürdHch  vom 
Po  wu  dieser  in  die  Ebene  hinaustritt,  in  der  Gegend  von  Revello 
lag  Forum  VibiiJ)  Die  Lage  ist  durch  das  Zeugnifs  des  Plinius 
(I  185)  annähernd  bestimmt;  die  Gründung  scheint  auf  C.  Vibius 
Pansa  zurückzugehen,  der  44  v.  Chr.  Oberitahen  verwaltete.  Es 
gehörte  zur  Tribus  Stellatina,  ebenso  wie  das  vor  dem  Thal  des 
Police  belegene  Caburmm'^)  das  heutige  Cavoiir  oder  Cavorre,  das 
sich  an  einen  isolirt  aus  der  Ebene  150  m  aufsteigenden  Hügel 
(459  m)  anlehnt.  Die  Stadt  kommt  nur  inschriftlich  vor,  aber  be- 
wahrt das  Andenken  der  Caburriates,  eines  ligurischen  Stammes  der 
179  v.  Chr.  vom  Consul  Fulvius  Flaccus  (S.  156)  unterworfen 
wurde. ■^)  Caburrum  ist  45  km  von  Turin  entfernt.  Ferner  mündet 
hier  von  dem  55  km  entfernten  Pollentia  die  Strafse  ein,  welche 
einerseits  nach  Vada  an  der  Rüste  läuft  (S.  155),  anderseits  nach 
Aquae  Statiellae  abzweigt  (S.  158).  Von  Osten  her  kommt  die 
grofse  Reichstrafse ,  seit  dem  letzten  Jahrhundert  v.  Chr.  die  wich- 
tigste Verbindung  zwischen  Itahen  und  seinen  westlichen  Provinzen, 
um  bei  Turin  den  Po  zu  verlassen  und  der  Dora  Riparia  zu  folgen, 
welche  zu  den  beiden  Pässen  über  den  M.  Cenis  und  M.  Gen^vre 
hinleitet  (S.  150).  Endlich  sind  die  drei  Alpenthäler  welche  die 
Stura  entwässert,  auf  diesen  Ort  hingewiesen,  der  nur  ein  paar  Kilo- 
meter von  der  Mündung  des  Flusses  in  den  Po  abliegt.  Dergestalt 
ist  ein  natürliches  Centrum  für  ein  Gebiet  gegeben  das  sich  vom 
M.  Levanna  bis  Tenda  in  der  Luftlinie  reichlich  150  km  von  Nord 
nach  Süd^  vom  Kamm  der  Alpen  bis  zu  den  Hügeln  von  Monferrato 
etwa  110  km  von  West  nach  Ost  erstreckt. 

Diese  Verhältnisse  schufen  frühzeitig  eine  Stadt  und  zwar  die 
Hauptstadt  der  Tauriner,    welche  unter  dem  Volksnamen    Taurasia 


1)  Plin.  in  117.  123  Solin  2,25  CIL.  V  p.  825. 

2)  CIL.  V  p.  825. 

3)  Die  Lesung  der  Handschriften  Plin.  III  47  Cuburriates  ist  klärlich  in 
Caburriates  zu  ändern :  Piiniu';  benutzt  für  diese  Region  das  Verzeichnifs  des 
Augiistus  nur  als  nebensächliche  Quelle  und  greift  in  der  Aufführung  der 
ligurischen  Stämme  weit  über  die  Grenzen  der  9.  Region  hinaus.  Ferner  ist 
der  Name  bei  Florus  I  19  (Jord.  Rom.  177)  für  el  buriates  (so  der  Bamber- 
gensis)  einzusetzen.  Bei  Livius  XL  53  ist  er  in  der  Lücke  unseres  Textes  aus- 
gefallen. 


§  1.     Die  Tauriner.  165 

bei  Hannibals  Einfall  218  v.  Chr.  erwähnt  wird.')  Freihch  kann 
sie  weder  grofs  noch  stark  befestigt  gewesen  sein,  da  eine  drei- 
tägige Belagerung  hinreichte  sie  zu  bezwingen.  Auch  haben  keinerlei 
Spuren  vorrümischer  Ansiedlung  sich  erhalten.  Um  so  bedeutsamer 
steht  die  letztere  vor  unseren  Augen.  Denn  so  regelmäfsig  und 
modern  die  Bauart  des  heutigen  Turin  erscheint,  hat  der  Kern  des- 
selben den  Grundpian  der  Colonie  des  Augustus  treu  bewahrt. 2) 
Die  Bauthätigkeit  des  Mittelalters  die  anderswo  die  antiken  Züge 
bis  zur  Unkenntlichkeit  verwischte,  ist  unerheblich  gewesen:  zudem 
haben  die  Keller  welche  die  Häuser  dem  nordischen  Klima  ent- 
sprechend seit  Alters  her  besafsen,  das  Vorrücken  der  Neubauten 
sehr  erschwert.  Der  ganze  Umfang  der  romischen  Mauer  stand  bis 
1600  und  mufste  erst  von  da  ab  den  Erweiterungen  der  piemon- 
tesischen  Fürsten  zum  Opfer  fallen:  um  1600  an  der  Süd-,  1650 
an  der  Ost-,  1700  an  der  Westseite.  Ansehnliche  Strecken  sind  noch 
jetzt  nachweisbar,  namentlich  an  der  Nordseite  mit  einem  prächtigen 
Thor,  der  sogenannten  Porta  Palatina  oder  Romana.  Ferner  ist  das 
antike  Polygonalpflaster  an  vielen  Stellen  in  der  Tiefe  von  1  V2 — 2  m 
unter  dem  heutigen  angetroffen  worden:  ein  urkundhches  Zeugnifs 
dafür  dafs  das  Strafsennetz  unverändert  geblieben  ist.  Und  so  dient 
diese  Stadt  geradezu  als  Muster  um  die  Anlage  einer  Stadtfestung 
des  Augustus  zu  veranschaulichen.  In  keltischen  Landen  hebt  mit 
der  Umwandlung  der  Gau-  in  die  Stadtverfassung  eine  neue  Periode 
der  Baugeschichte  an.  Der  Lehm-  wird  durch  Kalkmörtel,  der 
Holz-  durch  Steinbau  ersetzt.  Die  Gründung  erfolgt  nach  einheit- 
lichem Plan  auf  gesäubertem  Boden.  Die  Strafsen  werden  breiter 
abgemessen  als  in  den  schicksalreichen  Städten  der  Halbinsel  üblich 
war.  Das  Streben  nach  Licht  und  Luft  das  den  Städtebau  der 
Kaiserzeit  in  ausgesprochenem  Gegensatz  zur  Republik  kennzeichnet, 
tritt  uns  aller  Orten  entgegen.  Die  Caesaren  hatten  auf  diesem 
Felde  in  Alexander  und  den  Diadochen  ihre  Vorgänger. 

Der  nach  Nordnordosten  fliefsende  Po  hat  bei  Turin  eine  Meeres- 
höhe von  137,4  m,  eine  Breite  von  160  m  und  einen  mittleren 
Abflufs  von  140  Cubikmetern  in  der  Secunde;  die  von  Westen  ein- 
mündende Dora  Riparia  einen  solchen  von  57  (I  185).  Dem  Po 
parallel  zieht  sich  in  1  km  Abstand  eine  Erhöhung  hin,  welche  in 

1)  Pol.  111  60  Liv.  XXI  39  Sil.  lt.  111  646;    den  Namen  bringt  allein  App. 
Hann.  5. 

2)  vgl.  Promis  a.  0.  dazu  die  Bemerkungen  Rh.  Mus.  XXV  418  fg. 


166  Kapitel  II.     Die  Transpadana. 

Urzeiten  den  linken  Uferrand  des  Flufsbettes  bildete  und  25  m  über 
dem  Flufsspiegel  liegt.  Sie  setzt  sich  an  der  Dora  hin  fort,  welche 
gleichfalls  einstmals  an  ihrem  Fufs  hinströmend  auf  kürzerem  Wege 
den  Po  erreichte  als  gegenwärtig.  Dieser  Erdrücken  nahm  die 
nördliche  und  östliche  Mauer  der  Stadt  auf  und  zwang  zugleich  die 
Nordost-Ecke  nicht  rechtwinklig  anzusetzen  sondern  abzurunden. 
Nach  West  und  Süd  senkt  sich  der  alte  Flufsrand  und  geht  all- 
mälich  in  die  Ebene  über.  Diese  beiden  Seiten  fordern  zum  An- 
griff auf,  während  die  Nord-  und  Ostseite  durch  die  Flüsse  und  die 
Höhenlage  der  Mauer  vorzüglich  geschützt  sind.  Die  Colonie  wurde 
in  einem  regelmäfsigen  Rechteck  angelegt,  in  welchem  nur  der 
nordöstliche  vielleicht  auch  der  südwestliche  Winkel  abgestofsen  ist. 
Sie  läfst  sich  aus  dem  Plan  des  heutigen  Turin  einfach  heraus- 
schälen: im  Westen  stellt  die  Via  della  Consolata  mit  ihrer  Ver- 
längerung dem  Corso,  im  Süden  die  Via  Sa  Teresa  die  Grenze  dar, 
im  Norden  eine  von  der  Via  Giulio  aus,  im  Osten  eine  über  Piazza 
Carignano  und  Piazza  Castello  gezogene  Parallele.  Die  Länge  von 
West  nach  Ost  beträgt  annähernd  2400  röm.  Fufs  720  m,  die  Breite 
669  m  etwa  2220',  der  Flächeninhalt  45  ha  180  iugera.  Eine  Haupt- 
sirafse  der  heutigen  Stadt,  die  Via  di  Dora  Grossa  scheidet  als  De- 
cumanus  maximus  die  Fläche  in  zwei  gleiche  Hälften.  Der  Lauf 
des  Kardo  maximus  ist  durch  das  oben  erwähnte  Thor,  die  Porta 
Palatina  bezeichnet.  Ein  Netz  von  7  Decumani  und  8  Kardines, 
die  in  gleichen  Abständen  einander  unter  rechtem  Winkel  schneiden, 
theilt  Häuserblöcke  von  je  240'  im  Geviert  oder  2  Juchert  ab. 
Derartige  Blöcke  scheint  die  Colonie  60  enthalten  zu  haben,  so  dafs 
der  dritte  Theil  der  Grundfläche  auf  Strafsen  Intervallum  und  öffent- 
liche Gebäude  entfiel.  Die  letzleren,  spurlos  verschwunden,  werden 
den  nordöstlichen  Theil,  wo  jetzt  der  Dom  liegt,  eingenommen  haben.') 
Die  colonia  Julia  Augusta  Taurinorum^)  ist  nach  Ausweis  ihres 
Namens  später  als  28  v.  Chr.  gegründet  worden,  im  Hinbhck  auf 
die  Unterwerfung  der  Alpen  welche  der  Kaiser  sich  als  Ziel  gesteckt 
hatte.  Sie  beherrscht  die  Strafse  über  den  M.  Gen^vre,  ähnlich  wie 
Aosta  die  Strafsen  über  den  Grofsen  und  Kleinen  Bernhard,  wird 
auch    eine    entsprechende    Zahl    (3—4000)    Colonisten    empfangen 

1)  Ein  Theater  Not.  d.  Scavi  1900  p.  3. 

2)  Gewöhnlicii  sh^^kmzi  Augusta  Taurinorum  so  Plin.  III  123  Tac.  Hist. 
II  66,  seit  dem  2.  Jalirliundert  Taurini  so  Ammian  XV  8,18,  Ernwohner  Tatirini 
und  später  auch  Taurinates:  die  zahlreichen  inschriftlichen  Belege  CIL.  V  p.  779. 


§  2.     Die  Salasser.  167 

haben.  Ibre  strategische  Bedeutung  gab  den  Anlafs  dafs  sie  ein 
paar  mal  in  der  Kriegsgeschichte  erwähnt  wirdi):  70  n.  Chr.  kam 
es  hier  zu  Händeln  unter  den  Truppen  des  Vitellius,  wobei  ein 
Theil  der  Stadt  eingeäschert  ward ;  312  schlug  Conslantin  vor  ihren 
Mauern  das  Heer  des  Maxentius.  In  den  Inschriften  wiegt  das 
Militär  entschieden  vor,  die  Bürger  sind  in  der  Armee  stark  ver- 
treten.2)  Aufserdem  scheint  Turin  seit  dem  3.  Jahrhundert  eine 
Besatzung  gehabt  zu  haben ;  später  war  es  Hauptquartier  für  die  in 
der  Gegend  angesiedelten  Sarmaten.3)  Im  Uebrigen  schweigt  die 
Ueberheferung,  von  den  Itinerarien  abgesehen.'*)  In  Betreff  des 
bürgerlichen  Lebens  ist  daher  wenig  zu  sagen:  die  Stadt  gehörte 
zur  Tribus  Slellatina  und  hatte  die  herkömmliche  Verfassung  einer 
Colonie.5)  Die  Mittel  fehlen  um  die  Grenzen  ihrer  Feldmark  genau 
zu  umschreiben.  Sie  mögen  an  50  d.  D  Meilen  oder  mehr  be- 
fafst  haben:  der  heutige  Kreis  enthält  2657  Dkm.  Und  wenn  auch 
der  gröfsere  Theil  auf  Weidewirtschaft  beschränkt  war,  entspricht 
doch  der  äufsere  Glanz  der  Stadt  durchaus  nicht  dem  Umfang  des 
Gebiets.  In  diesen  entlegenen  Landschaften  hat  eben  die  städtische 
Cultur  mit  ihrem  Aufwand  und  verfeinerten  Leben  nur  laugsam  und 
allmälich  Fufs  fassen  können. 

§  2.     Die  Salasser. 

Die  italischen  Alpenthäler  dringen  senkrecht  auf  die  Axe  des 
Gebirges  ein  und  sind  deshalb  in  ihrer  Ausdehnung  beschränkt. 
Von  dieser  Begel  giebt  es  im  Ganzen  nur  zwei  Ausnahmen:  das 
Veltlin  und  das  Thal  der  Salasser. 6}  Die  höchste  Erhebung  der 
Alpen  vom  Mont  Blanc  bis  Monte  Rosa,  die  Alpes  Poeninae"^)  fassen 
das  letztere  an  der  nördlichen,  die  ihr  wenig  nachstehende  Kette 
des  Gran  Paradiso  (4061  m)  an  der  südlichen  Seite  ein,  Die  Alpes 
Graiae  (I  147)  stellen  zwischen  beiden  die  Verbindung  her.  Die 
gewaltigen   Schneefelder   welche    die   Dora   Baltea   (I  185)    speisen, 

1)  Tac.  Bist.  II  66  Pan.  Lat.  IX  6.  7  X  22. 

2)  Eph.  ep.  V  p.  252. 

3)  Not.  Dign.  Occ.  121  vgl.  CIL.  V  6998  fg. 

4)  Ptol.  III  1,31  It.  Ant.34l.  356  Hier.  556,   Gaditana,  Tab.  Peut.,  Geogr. 
Rav.  IV  30. 

5)  CIL.  V  p.  770  Pais  suppl.  p.  123,  249  Kaibel  inscr.  Gr.  2278. 

6)  C.  Promis,  le  antichitä  di  Aosta,  Torino  1862.  4.  Atti  dell'  acc.  d.  T.  XXI. 

7)  Plin.  III  123  Tac.  Bist.  I  87  IV  68  CIL.  IX  5439. 


168  Kapitel  11.    Die  Transpadana. 

bewirkeu  dafs  ihre  Wassermasse  bei  halb  so  grofsem  Stromgebiet 
(79  d.  D  M.)  derjenigen  des  Po,  da  wo  sie  sich  vereinigen,  nahezu 
gleich  kommt.  Der  Beiname  den  der  Fliifs  von  dem  bei  Aosta 
einmündenden  am  iMalterhorn  entspringenden  ßuttier  empfängt, 
begegnet  zuerst  als  Duria  Bautica  in  der  ravennatischen  Kosmo- 
graphie.  1)  Der  Umstand  dafs  die  beiden  Pässe  über  den  Kleinen 
und  Grofsen  Bernhard  (l  158  fg.)  aus  dem  Thal  hinüber  führen  in 
das  Gebiet  der  Rhone,  ist  für  seine  Geschichte  von  entscheidender 
Wichtigkeit  gewesen.  —  Die  Salasser  werden  zuerst  von  Cato  er- 
wähnt der  sie  dem  tauriskischen  Stamm  d.  h.  den  keltischen  Ge- 
birgsbewohnern zuzählt  (S.  163).  Andere  nennen  sie  Kelten;  ihre 
Zugehörigkeit  zu  dieser  Nation  steht  zweifellos  fest  (I  478).  Das  Thal 
von  Aosta  hat  den  Namen  der  Salasser  bewahrt;  ob  es  den  ge- 
samten Umfang  ihres  Gebiets  darstellt,  ist  nicht  mit  Sicherheit  zu 
sagen.  Bei  der  Vernichtung  des  Stammes  25  v.  Chr.  wurden  44000 
Köpfe,  darunter  8000  Waffenfähige,  zu  Eporedia  in  die  Sklaverei 
verkauft:  eine  Menschenzahl  die  das  Thal  von  Aosta  bei  den  da- 
maligen Culturverhältnissen  recht  wol  ernähren  konnte  (S.  109). 
Strabo  berichtet  nämlich  von  der  Goldwäscherei  der  Salasser  2):  „sie 
hätten  den  Duria  in  Canäle  abgeleitet  und  damit  den  unterhalb 
wohnenden  Bauern  das  W'asser  für  die  Berieselung  ihrer  Felder  ent- 
zogen; dies  habe  den  Anlafs  zu  unaufhörlichen  Kämpfen  gegeben; 
als  aber  die  Römer  sich  der  Goldgruben  bemächtigt  hatten,  mulsten 
die  Grubenpächter  das  Wasser  von  den  Gebirgsleuten  kaufen  und 
so  dauerte  der  Streit  fort  und  lieferte  den  Statthaltern  nach  Belieben 
Anlafs  zum  kriegerischen  Einschreiten".  Gold  ist  noch  jetzt  bei 
S.  Marcel  vorhanden  und  ist  früher  bei  Courmayeur,  Challant  und 
Bard  gesucht  worden.  Aber  das  Bett  der  Dora  liegt  viel  zu  tief, 
als  dafs  der  Flufs  zum  Frommen  der  Goldgräber  hätte  abgeleitet 
werden  können.  Eher  mag  die  berichtete  Thatsache  auf  den  Cervo, 
einen  Nebenflufs  der  Sesia  bezogen  werden;  denn  bei  Biella  ist  das 
Metall  in  viel  ausgedehnterem  Mafse  gefördert  worden.  Unter  allen 
Umständen  weist  die  strabonische  Schilderung  auf  eine  aufserhalb 
des  Thals  von  Aosta  belegene  Oertlichkeit  hin.  Immerhin  lehrt 
sie  dafs  es  den  Salassern  an  einem  lohnenden  und  viele  Hände  be- 
schäftigenden Erwerb  nicht  gefehlt  hat.     Aber  wie  einstens  die  alten 

1)  Geogr.  Rav.  IV  36  Plin.  III  118.    Bautica  in  mittelalterlichen  Urkunden, 
Bautia  ina  heutigen  Dialekt. 

2)  Strabo  IV  205  Dio  fr.  74,1. 


§  2.     Die  Salasser.  169 

Stammgreozen  gegen  die  Tauriner  im  Süden  und  Libiker  Im  Osten 
gelaufen  sind,  entzieht  sich  unserer  Kunde.  —  Der  erste  Kampf 
mit  den  Römern  wird  unter  dem  J.  141  v.  Chr.  gemeldet;  in  ihm 
erlitt  Consul  Appius  Claudius  eine  schwere  Schlappe  die  sein  Triumph 
nicht  beschönigte.  1)  Um  die  Salasser  im  Zaum  zu  halten,  wurde 
100  V.  Chr.  die  Colonie  Eporedia  gegründet  ohne  viel  auszurichten. 
Während  der  Verwirrung  die  auf  den  Tod  Caesars  folgte,  scheint 
der  Ueberniut  des  Völkchens  seinen  Gipfel  erreicht  zu  haben  (I  78). 
In  den  dreifsiger  Jahren  hat  es  geraume  Zeit  die  Feldherren  Octavians 
beschäftigt,  bis  endlich  Varro  Murena  25  v.  Chr.  alle  Ueberlebeuden 
(thne  Rücksicht  auf  Alter  und  Geschlecht  der  Knechtschaft  über- 
lieferte. Fortan  knüpft  sich  das  geschichtliche  Interesse  ausschliefs- 
Uch  an  die  das  Thal  der  Salasser  durchziehenden  Stralsen. 

Die  Reichstrafsen  welche  von  Mailand  oder  Pavia  aus  nach 
Vienna  Strafsburg  und  Mainz  führen,  vereinigen  sich  in  Vercellae.'*) 
Die  Reisebücher  rechnen  33  Millien  von  hier  nach  Eporedia  Ivrea.*) 
Der  keltische  Name  soll  einen  guten  Pferdebäodiger  bedeuten;  um 
die  Salasser  zu  bändigen  war  wie  gesagt  die  Colonie  100  v.  Chr. 
gegründet  worden.  Sie  liegt  fest  an  und  auf  einem  Hügel  (269  m) 
und  beherrscht  den  Ausgang  der  Dora ,  welche  hier  bei  234  m 
Meereshöhe  durch  eine  Enge  sich  hindurch  zwängt  nach  der  Ebene 
zu.  Die  Rlüle  der  Stadt  hebt  mit  der  Vernichtung  der  Salasser  an, 
Tacitus  rechnet  sie  zu  den  tüchtigsten  (firmissimis)  Municipien  der 
Transpadana.  Ihr  Gebiet  kann  nicht  gering  gewesen  sein:  heute 
mifst  der  Kreis  Ivrea  1515  Gkm.  Sie  gehörte  der  Tribus  PoUia 
an.  Ein  Theater  dessen  Bauart  auf  die  Epoche  der  Antonine  hin- 
deutet, ist  unter  dem  heutigen  Haupiplatz  am  Fufs  des  StadthUgels 
nachgewisen  worden. 0)  Der  Unterbau  einer  zu  Anfang  des  18.  Jahr- 
hunderts zerstörten  Steinbrücke  welche  die  Stadt  mit  dem  rechten 
Ufer  der  Dora  verband,  ist  noch  sichtbar.  Auch  scheinen  die  Fels- 
ufer die  den  Strom  einengen,  von  den  Römern  künstlich  erweitert 
worden  zu  sein. 

1)  Liv.  LUI  Obseq.  21  üios.  V  4,7  Dio  fr.  74  Pliri.  XVIII  182. 

2)  App.  111.  17  Dio  XLIX  34.  38,  Llll  25  Strab.  IV  2Ü5  Liv.  CXXXV  Cassiodor 
a.  729  u.  c.  Suet.  Aug.  21  Plin.  111  137. 

3)  It.  Ant.  344.  347.  350  Tab.  Peut.  Geogr.  Rav.  IV  30. 

4)  Vell.  I  15  {in  Bagietmis  vgl.  S.  154  A.  6)  Plin.  III  123  Strab.  IV  205  Cic. 
Farn.  XI  20.  23  Tac.  Hist.  I  70  Ptol.  111  1,30  Not.  Dign.  Occ.  121;  CIL.  V  p.  751, 
Pais  suppl.  p.  119. 

5)  Atti  d.  Soc.  di  Arch.  di  Torino  IV  p.  87  fg. 


170  Kapitel  II.    Die  Transpadana. 

Die  alte  Strafse  von  Ivrea  nach  Aosla  niafs  46  Millien.  Sie 
lief  am  linken  Ufer  der  Dora,  durchweg  hüher  als  die  heutige,  war 
auch  schmäler  (16'  rüm.  der  Fahrdamm,  20'  mit  den  Gangsteigen) 
und  steiler,  aher  nicht  hlofs  kürzer  sondern  mit  grofserer  Vorsicht 
angelegt.  IVomis  dem  wir  eine  genaue  Beschreibung  verdanken, 
will  sie  der  Zeit  der  Gracchen  zuschreiben.  Indessen  kann  den  von 
ihm  angeführten  technischen  Gründen  keine  Beweiskraft  zugestanden 
werden.  Dagegen  ist  die  Thatsache  entscheidend  dafs  ein  erhaltener 
Meilenstein,  ähnlich  wie  bei  Susa  (S.  150),  die  Meilen  von  Aosta 
aus  rechnet,  also  die  Gründung  dieser  Stadt  voraussetzt.  Wir  wer- 
den mithin  den  kunstmäfsigen  Ausbau  der  Strafse  der  nämlichen 
Epoche,  d.  h.  den  zwanziger  Jahren  v.  Chr.  beilegen  müssen.  Unter 
den  erhaltenen  Brücken  verdient  diejenige  von  Ponte  S.  Martino 
mit  einer  Spannung  von  35,64  m  erwähnt  zu  werden.  Bald  darauf 
binter  Donnaz  beginnt  die  Flufsenge  von  Bard:  ein  Meilenstein 
giebt  die  Entfernung  von  Aosta  auf  36  Millien  an.  Die  Strafse  ist 
auf  einer  Strecke  von  221  m  bis  zur  Höhe  von  12  m  und  darüber 
aus  dem  Felsen  ausgehauen.  Dies  schone  Bömerwerk  wurde  im 
Mittelalter  dem  Hannibal  beigelegt  und  auf  die  Sprengung  bezogen 
welche  von  dessen  Alpenmarsch  berichtet  wird  i) :  allein  von  einer 
an  sich  wol  denkbaren  Sprengung  des  Felsens  mit  Feuer  ist  hier 
keine  Bede,  sondern  lediglich  von  einer  Arbeit  des  Meifsels.  Jen- 
seit  der  Enge  erreicht  die  Strafse  21  Millien  von  Ivrea  das  Dorf 
Vüricium  Verrez.2)  Ungefähr  5  Millien  weiter  ändert  der  Flufs  seine 
Richtung:  während  er  von  hier  bis  zu  seiner  Einmündung  in  den 
Po  eine  südsüdiistlicbe  Richtung  einhält,  strömt  er  in  seinem  Ober- 
lauf vom  M.  Blanc  bis  zu  den  Ausläufern  des  Malterhorn  geradewegs 
von  West  nach  Ost.  Die  Ufer  sind  vielfach  versumpft,  unter  den 
Anwohnern  der  Cretinismus  stark  verbreitet  (vergl.  1  172):  jedoch 
mifst  die  Thalsohle  an  der  breitesten  Stelle  kaum  mehr  als  2  km. 
Diese  wird  durch  den  Zusammenflufs  des  Bultier  und  der  Dora  be- 
zeichnet, stellt  die  natürliche  Mitte  der  Thalschaft  und  zugleich  einen 
Punct  von  hoher  strategischer  Wichtigkeit  dar. 

Zwischen  dem  Simplon  und  Grofsen  Bernhard  auf  einer  Strecke 
von  120  km  ist  das  Gebirge  nur  auf  schwierigen  Gletscherpässen 
zu  überschreiten.     Durch   diesen  Umstand  gewinnt   der  zwar  steile 

t)  Liv.  XXI  37  App.  Hann,  4  Juvenal  10,153  Ammian  XV  10,11  Plin.  XXIII 
57.  — Liudprand  Antap.  I  35  Arnulf  Gesta  arcliiep.  Mediol.ll  8  (MGH.  SS,  VIII). 
2)  It.  Ant.  345.  47.  51  Tab.  Peut.,  im  Mittelalter  Verecium. 


§  2.     Die  Salasser.  171 

aber  die  kürzeste  Verbindung  mit  dem  Genfer  See  und  dem  Rhein- 
thal von  Basel  abwärts  bildende  Saumplad  per  Alpes  Poeninas  über 
den  Grofsen  Bernhard  eine  erhöhte  Wichtigkeit.  An  dem  Ort  wo 
der  Pfad  von  der  Fahrslrafse  per  Alpes  Graias  über  den  Kleinen 
Bernhard  abzweigt ,  hatte  Varro  Murena  als  er  die  Salasser  aus- 
rottete, sein  Hauptquartier  aufgeschlagen.  Aus  dem  Lager  schuf 
Augustus  25  V,  Chr.  die  colonia  Aitgusta  Praetoria  Salassorum  und 
siedelte  in  ihr  30Ü0  Praetorianer  an.')  Die  Stadigemeinde  war 
der  Tribus  Sergia  einverleibt.  —  Das  heutige  Aosta  (583  m)  hat 
nicht  nur  den  alten  Namen  sondern  auch  die  Mauer  nebst  ansehn- 
lichen Resten  aus  der  Epoche  seiner  Gründung  bewahrt.  Es  stellt 
ein  regelmäfsiges  Rechteck  von  724  X  572  m  (ca  2400  X  1920' 
röm.)  mit  41  ha  Flächeninhalt  dar.  Der  gewählte  Platz  ist  vor 
Hochwasser  gesichert,  geniefst  aber  von  den  Flüssen  wirksamen 
Schutz,  indem  die  ostliche  Schmalseite  durch  den  Buttier,  die  süd- 
hche  Langseite  durch  die  Dora  gedeckt  wird.  Im  Altertum  hat 
man  es  nicht  für  notwendig  befunden  die  Festung  gegen  eine  regel- 
rechte Belagerung  in  Vertheidigungsstand  zu  setzen;  denn  ein 
Graben  fehlt.  Um  Ueberfälle  der  Gebirgsstämme  abzuwehren,  mit 
denen  der  Gründer  zunächst  zu  rechnen  hatte,  reichte  die  8,57  m 
(mit  dem  Zinnenkranz  10,37  ni)  hohe  Mauer  vollständig  aus.  Sie 
ist  aus  Gufswerk  mit  kleinen  Quadern  verkleidet  und  oben  nur  6' 
röm.  dick.  Die  vier  Ecken  der  Umfassung  sind  nicht  abgerundet, 
sondern  von  Thürmen  eingenommen.  Mit  einem  mittleien  Abstand 
von  169  m  liegen  an  den  Langseiten  je  5,  an  den  Schmalseiten  je 
6,  mithin  im  ganzen  Umkreis  14,  die  vier  Thore  eingerechnet  22 
Thürme.  Sie  messen  im  Mittel  32'  im  Geviert  und  springen  14' 
vor  der  Mauer  vor.  Die  Thorthürme  sind  bei  gleicher  Fronlbreite 
(10,2  m)  80'  23,52  m  tief.  Die  Bestimmung  dieser  Festung  als 
Wegesperre  zu  dienen  drückt  sich  in  ihrer  Anlage  mit  sprechender 
Deutlichkeit  aus.  Promis  hatte  sogar  angenommen  dafs  sie  im 
Unterschied  von  dem  herkömmlichen  Schema  des  Feldlagers  und  zur 
grofsen  Unbequemlichkeit  ihrer  ehemaligen  Bewohner  ursprünglich 
nur  an  den  Schmalseiten  je  ein  Thor  durch  welches  die  Alpenstrafse 
ein- und  ausmündete,  gehabt  habe:  erst  im  Mittetalter  seien  an  den 
Langseiten  vier  weitere  Thore  durchgebrochen  worden.     In  Wirk- 


1)  Strabo  IV  206  Dio  Uli  25.  26  Plin.  Ill  123  Ptol.  III  1,30  CIL.  V  p.  Töefg. 
Pais  suppl.  p.  119  fg. 


172  Kapitel  II.     Die  Transpadana. 

lichkeit  aber  entspricht  die  Anlage  der  Regel  und  mündet  im  letzten 
Drittel  die  via  principalis  nach  Nord  und  Süd  durch  Thore  ausJ) 
Den  Thoren  hat  der  Erbauer  seine  besondere  Sorgfalt  zugewandt. 
Wenn  der  Angreifer  auch  die  äufseren  Fallgitter  gesprengt  halte,  so 
gelangte  er  damit  zunächst  in  einen  an  beiden  Seiten  von  mehr- 
stückigen Thürmen  bestrichenen  und  eingefafsten  Hof  den  nach  der 
Stadt  zu  ein  zweites  Gilter  verschlofs.  Das  westliche  Thor  ist  seit 
181U  verschwunden,  das  östliche  (von  den  Neueren  mit  Recht  Porta 
Praetoria  benannt)  mit  drei  Durchgängen  steht  noch  als  leuchtendes 
Beispiel  augustischer  Baukunst  da.  Auch  die  alte  Brücke  über  den 
Buttier  ist  vorhanden,  ferner  zwischen  ihr  und  dem  Thor  ein  Ehren- 
bogen: nach  Promis'  Vermutung  derselbe  den  Roms  Senat  und  Volk 
nach  der  Unterwerfung  der  Salasser  dem  Kaiser  weihte.  Die  Land- 
slrafse  durchzieht  in  der  stattlichen  Breite  von  32'  9,46  m  die 
Stadt  von  Ost  nach  West  und  theilt  sie  als  Decumanus  maximus  in 
zwei  gleiche  Hälften.  Der  Decumanus  wird  unter  rechtem  Winkel 
von  den  Kardines  geschnitten  welche  die  Thore  und  Thürme  der 
Langseiten  mit  einander  in  Verbindung  setzen.  Im  Uebrigen  ent- 
zieht sich  der  Bebauungsplan  unserer  näheren  Kunde:  wir  mögen 
ihn  nach  der  Art  Turins  ausgeführt  denken.  Die  öffentlichen  An- 
lagen scheinen  der  Nordhälfte  anzugehören:  ein  etwa  300'  im  Ge- 
viert hallender  an  drei  Seiten  von  Magazinen  (horrea)  umgebener 
Marktplatz,  Thermen,  ein  Theater,  endlich  in  der  nordöstlichen  Ecke 
der  Umfassung  ein  Amphitheater  (86,14  X  73,86  m). 

Das  Gebiet  der  Stadt  wird  wie  der  heutige  Kreis  3266  Dkm, 
an  60  d.  D  M.  befafst  und  scheint  wie  bemerkt  (1  80)  bis  auf  die 
Pafshöhe  gereicht  zu  haben.  Der  Gang  der  Slrafse  nach  dem 
Grofsen  Bernhard  ist  unsicher:  vermutlich  stieg  sie  vom  nördlichen 
Stadtthor  aus  der  heutigen  Fahrstrafse  entsprechend  am  rechten 
Ufer  des  Buttier  an.  Von  S.  Remy  ab,  wo  die  in  der  Peutinger- 
schen  Karle  verzeichnete  Station  Eudracmum  gesucht  wird,  fällt  sie 
mit  dem  jetzigen  Saumpfad  zusammen:  diese  letzte  steilste  Strecke 
ist  auch  heule  nicht  fahrbar.  Die  Entfernung  von  Aosla  bis  zum 
Summus  Poeninus  wird  richtig  auf  25  Millien  bezilfert.2)  —  Von 
der  Fahrstrafse  nach  dem  Kleinen  Bernhard  sind  verschiedene  üeber- 
reste,   Brücken    Felsdurchschnitte   Unterbauten    sichtbar.     Sie  ging 

1)  Not.  d.  Scavi  1894  p.  367,  1895  p.  (J7,  1899,p.  108  mit  verbessertem  Plan. 

2)  It.  Aiit.  351;  Tab.  Peut.  fügt  irrig  weitere  13  Millien  ein. 


§  3.     Die  Libiker.  173 

bei  Villeneuve  auf  das  rechte  Ufer  dor  Dora  über,  erreichte  25  Millien 
von  Aosta  die  Station  Arebrigium  Derby  ^),  wandte  sich  bei  S.  Didier 
südwärts  über  Ariolicum  Thiiile-)  auf  das  Joch  in  Alpe  Graia  AI 
Millien  von  Aosta.  Von  dem  Namen  des  Jochs  war  I  147,  von  der 
Strafse  I  159,  von  der  Ungevvifsheit  wie  die  Grenze  zwischen  dem 
cotlischen  Joch  und  der  Feldmark  von  Aosta  zu  ziehen  sei ,  oben 
S.  152  die  Rede. 

$  3.    Die  Libiker. 

Die  poeninischen  Alpen  vom  Mont  Blanc  (45"  50')  bis  zum 
Monte  Rosa  (45''  56')  streichen  in  vvestüstlicher  Richtung;  von  hier 
bis  zum  S.  Gotthard  (46*^  33')  wendet  sich  die  Hauptkette  nach  Nord 
und  Nordost.  In  Folge  dessen  sind  die  Thäler  gen  Süden  geöffnet, 
strömen  die  Flüsse  nach  derselben  Himmelsgegend,  nur  dafs  sie  bei 
ihrem  Eintritt  in  die  Ebene  der  allgemeinen  Bodensenkung  ge- 
horchend ostwärts  abgelenkt  werden  und  unter  spitzen  Winkeln  in 
den  Po  einfallen.  Unter  allen  Nebenflüssen  des  Po  ist  der  JjcmMs') 
weitaus  der  mächtigste  (I  187).  Seit  dritthalb  Jahrtausenden  wird  er 
in  der  Kriegsgeschichte  genannt  4):  nach  der  keltischen  Sage  ward 
in  seiner  Nähe  die  Schlacht  geschlagen  welche  den  Etruskern  die 
Lombardei  entrifs;  sein  breites  und  tiefes  Bette  deckte  218  v.  Chr. 
den  Rückzug  der  Römer  nach  der  Niederlage  die  ihnen  Hannibals 
Reiterei  beigebracht  hatte.  Er  stellt  einen  natürlichen  Abschnitt  in 
der  padanischen  Ebene  dar.  Wie  er  politische  Bildungen  der  Neu- 
zeit, Piemont  und  Lombardei,  Mailand  und  Novara  von  einander 
trennte,  so  spricht  auch  alle  Wahrscheinhchkeit  dafür  dafs  er  einst 
als  Völkergrenze  gedient  hat.  Freihch  können  wir  nicht  daran 
denken  die  Sitze  der  alten  Stämme  genau  zu  umschreiben :  aber  die 
Ueberlieferung  gestattet  die  Ebene  zwischen  Dora  und  Ticino  als 
eine  Einheit  zu  betrachten.  —  Als  Hauptvolk  diesseit  der  Alpen 
nennt  Polybios  neben  den  Tauriskern  die  Agones.^)  Man  sieht  den 
Namen  zu  Unrecht  als  verderbt  an;  denn  er  hängt  augenscheinlich 
mit  dem  Flufs  Agunia  Agogna,   an   dem  Novaria  hegt,   zusammen. 


1)  It.  Ant.  345.  47  Tab.  Peut.  Geogr.  Rav.  IV  30  Guido  12. 

2)  Tab.  Peut. 

3)  Polybios  bei  Strab.  IV  209  nennt  ihn  fieyar.     Die  Schilderung  Sil.  lt. 
IV  81  entspricht  der  Wirklichkeit  nicht. 

4)  Liv.  V  34,9  Pol.  III  64fg.  Liv.  XXI  45fg. 

5)  Pol.  II  15,8. 


174  Kapitel  II.     Die  Transpadana, 

Aber  das  weitere  Gedächtnifs  dieses  Volkes  ist  durch  andere  Stämme 
verdrängt  worden.  An  seiner  Stelle  treten  die  Libici  oder  Libui 
um  Vercellae  und  Laumellum  hervor,  Abkömmlinge  der  keltischen 
Salluvier.i)  Der  Sage  nach  sind  sie  mit  den  Laevern  am  Tessin 
zusammen  eingewandert.  Die  Gründung  von  Novaria  aber  wird  den 
keltischen  Vertamacori  beigelegt  2) :  ihr  Name  kehrt  bei  einem  Gau 
der  Vocontier  wieder  und  wird  dort  in  dem  heutigen  Vercors  ge- 
sucht. In  Novaria  ist  sowol  eine  keltische  als  eine  griechische  In- 
schrift guter  Zeit  aufgefunden  worden  3),  zum  vollgültigen  Beweise 
dafs  die  Cullur  hier  verhältnifsmäfsig  früh  Fufs  gefafst  hatte.  — 
Den  Anlafs  bot  das  Gold  das  nach  den  vorhandenen  Spuren  einst 
bei  Biella  (410  m)  gebaut  wurde.  Die  Gruben  waren,  wie  das  Vor- 
kommen dieses  Metalls  mit  sich  bringt,  unter  Augustus  erschöpft: 
für  ihre  vormalige  Ergiebigkeit  zeugt  ein  von  den  Censoren  an  die 
Grubenpächter  ergangenes  Verbot  mehr  als  5000  Arbeiter  zu  be- 
schäftigen.4)  Der  römische  Staat  hat  diesen  Schatz  erst  nach  dem 
hannibalischen  Kriege  sich  dauernd  aneignen  können,  aber  bereits 
vorher  zu  erfassen  gesucht,  wie  auch  die  218  aufgenommene  Gold- 
prägung bekundet.  In  dem  225 — 22  v.  Chr.  geführten  Kriege  welcher 
die  Eroberung  des  Polandes  einleitete,  halten  die  Römer  den  Markt 
Victumulae  befestigt,  wo  alsbald  zahlreiche  Ansiedler  verschiedener 
Stämme  sich  niederliefsen.ö)  Hannibal  zerstörte  denselben  im  Winter 
218/17  von  Grund  aus.  In  der  Folge  wird  der  Ort  noch  als  Mittel- 
punct  des  Minendistricts  genannt,  erlangte  aber  kein  Stadtrecht  und 
mufste  wie  es  scheint  seine  Bedeutung  an  die  100  v.  Chr.  ge- 
gründete Colonie  Eporedia  abtreten.     Es   wäre  namentlich   für  das 


1)  Pol.  II  17,4  yteßsxioi,  Plin.  lil  124  Fercellae  Libiciormn  ex  Salluis 
ortae,  Ptol.  III  1,32  ylißixoi.  Liv.  V  35,2  (vgl.  I  477  A.  1)  XXI  38  XXXIII  37 
Libui.  Poiybios  und  Livius  betonen  die  keltische  Nationalität  der  Libiker. 
Wenn  die  Stammväter  die  Salluvier  Ligurer  heifsen  (Plin.  III  47),  bei  Anderen 
Gallier  (Liv.  LX),  so  rührt  dies  entweder  daher  dafs  die  älteren  Hellenen  die 
Kelten  unter  dem  Namen  Ligurer  mitbegreifen  (I  468)  und  erst  in  jüngerer  Zeit 
beide  Nationen  unterschieden  werden  Strab.  IV  203,  oder  auch  daher  dafs  die 
Ligurer  als  Unterthanen  den  Hauptstock  der  Bevölkerung  ausmachten. 

2)  Plin.  111  124,  Cato  weist  sie  nach  dem  älteren  Sprachgebrauch  (S.  163) 
irrtümlich  den  Ligurern  zu. 

3)  CIL.  V  p.  720. 

4)  Strabo  V  218  Plin.  XXXIII  78. 

5)  Liv.  XXI  57  handschriftlich  Fictumvias  zu  verbessern  nach  Diod.  XXV 
n  OvDtTOfisXav;  Liv.  XXI  45  Ficotumulis ;  Strab.  V  218  ' IxrovjuovXaiv;  Plin. 
XXXIII  78  Fictumularum ;  Geogr,  Rav.  IV  30  Fictimula. 


§  3.     Die  Libiker.  175 

Verstäodnifs  der  Kriegsereignisse  von  218  von  Wert  die  Lage  genau 
zu  ermitteln:  leider  fehlen  jedoch  inschriftliche  Zeugnisse  und  lauten 
die  Angaben  der  Schriftsteller  unbestimmt.  Der  Name  erinnert  an 
den  ßuvius  Victium  (Cervo?)  welchen  die  Peutingersche  Karte  öst- 
lich von  Vercelli  verzeichnet.  Ferner  versetzt  der  Geograph  von 
Ravenna  den  Ort  in  die  Mähe  von  Ivrea.i)  Darnach  wird  man 
ihn  in  nordwesthcher  Richtung  von  Vercelli  nach  Biella  hin  zu 
suchen  haben.  Er  gehörte  späterhin  zur  Feldmark  von  Vercellae, 
wird  aber  von  Livius  nicht  mit  Unrecht  dem  Gebiet  der  Insubrer 
zugewiesen,  insofern  die  Hegemonie  dieses  Volks  im  J.  218  sich 
bis  an  die  Grenzen  der  Tauriner  erstreckte.  Der  damals  zwischen 
Taurinern  und  Insubrern  tobende  Krieg  war  für  Hannibals  Ver- 
halten mafsgebend-):  nach  der  Erstürmung  Turins  rückte  er  zu- 
nächst auf  VicLumulae  zu,  mufste  aber  vorläufig  diese  Beute  in  Stich 
lassen,  als  das  römische  Heer  von  Placentia  her  den  Ticinus  über- 
schritten hatte.  Die  erhaltenen  Berichte  gestatten  nicht  die  Be- 
wegungen Schritt  für  Schritt  zu  verfolgen ,  noch  das  Schlachtfeld 
ausfindig  zu  machen  auf  dem  die  rönniscbe  Reiterei  von  der  kar- 
thagischen geworfen  wurde.  Die  nämliche  Unsicherheit  herrscht  in 
Betreff  des  campus  Raudius  den  Gaius  Marius  am  30.  Juli  101  v. 
Chr.  mit  dem  Blut  der  Kimbern  düngte:  er  lag  im  Gebiet  von  Ver- 
cellae und  war  für  die  Entfaltung  von  Reiterei  geeignet. 3) 

Das  Gebiet  zwischen  Dora  Baltea  und  Tessin  entspricht  der 
heutigen  Provinz  Novara  und  begreift  einen  Flächeninhalt  von 
6613  Dkm  120  d.  QM.  Davon  entfällt  reichUch  die  Hälfte  auf  die 
Ebene.  Die  ausgedehnten  Reisfelder  welche  Vercelh  und  Novara 
umgeben,  verkünden  die  Beschaffenheit  derselben  (I  415).  Ohne 
Zweifel  ist  die  Niederung  im  Altertum  weit  sumpfiger  gewesen  als 
heut  zu  Tage  und  hat  die  städtische  Entwickelung  vielfach  gehemmt. 
Die  grofse  Durchgangstrafse  welche  Italien  mit  Gallien  verband, 
läuft  am  nördlichen  Uferrand  des  Po.^)  Sie  erreicht  23  iMillien 
von  Turin    bei   der  Mündung   der  Dora  Baltea   die  Ortschaft  Qua- 


1)  G.  R.  IV  30  iuxta  Eporeiam  non  longe  ab  Alpe  est  civitas  quae  dicilur 
Fictimula,  Guido  14. 

2)  Pol.  III  60,8  Liv.  XXI  39. 

3)  Plut.  Mar.  25;  ohne  Angabe  des  Stadtgebiets  Veil.  II  12  Flor.  I  38;  un- 
genau Oios.  V  16,14,  Hieron,  ehr.  a.  Abr.  1915,  Glaudian  b.  Get.  642. 

4)  It.  Gadit.  Anton.  340.  356.  Hieros.  557.  Tab.  Peut.  Geogr.  Rav.  IV  30  CIL. 
V  p.  950.  Atti  d.  Societä  di  Arch.  di  Torino  111  p.  232  fg. 


J76  Kapilpl  11.     Die  Transpadana. 

drata^),  nach  weiteren  16  Millien  Rigomagus  Trino,  überschreitet 
den  Sesites  Sesia^)  und  trifft  bei  Cuttiae  oder  Cottiae^)  Cozzo  63 
Milli«'n  von  Turin  mit  der  vom  S.  Bernhard  herkommenden  Strafse 
zusammen.  Von  Cuttiae  zahlt  man  12  Millien  bis  Lanmellurn  Lo- 
mello.4)  Nach  diesem  Ort  wird  zwar  der  ganze  District  Lomellina 
genannt;  jedorli  hesafs  er  unter  Augustus  kein  Stadtrecht,  und  es 
ist  keineswegs  sicher  dafs  er  solches  von  dessen  Nachfolgern  er- 
langte. Den  Alten  hiefs  die  Gegend  zwischen  Tessin  und  Po  regio 
Aliana  und  war  wegen  ihres  Flachses  berühmt''):  der  Name  lebt  in 
dem  einige  Millien  nordöstlich  von  Lomello  gelegenen  Dorf  Alagna 
fort.  Von  Laumellum  nach  Ticinum  werden  21  Millien  gerechnet 
(Turin — Ticinum  96). 

Die  Dora  Baltea  bei  ihrem  Austritt  in  die  Ebene  hat,  wie  1 182 
bemerkt  wurde,  ihren  Lauf  verändert.  Aller  VVahrscheinhchkeit 
nach  bestand  hier  im  Altertum  ein  grOfserer  See  dessen  Namen  wir 
nicht  kennen.  Nördlich  von  demselben  lief  die  aus  dem  Thal  der 
Salasser  kommende  Alpenstrafse ')  und  erreichte  33  Millien  von 
Eporedia  die  Stadt  Vercellae  Vercelli  (131  m).')  Am  rechten  Ufer 
der  Sesia,  die  kurz  vorher  den  Cervo  und  Elvo  aufgenommen  hat, 
gelegen  beherrscht  sie  ein  weites  Hinterland,  das  durch  die  Erhebung 
«ler  Alpenketle  vom  Verkehr  nach  Norden  abgesperrt  war.  Die 
Goldscliälze  lockten  die  Fremden  in  diese  Bergthäler,  Die  Cultur- 
verhältnisse  des  Altertums  werden  durch  den  Umstand  angedeutet, 
dals  römische  Inschrilten  im  Gebirg  zahlreicher  angetrofl'en  werden 
als  in  der  Niederung.  Jedoch  beschränkt  sich  das  Gebirg  nalur- 
gemäfs  auf  Dörfer  oder  Flecken:  wir  kennen  die  Namen  einzelner 

1)  Nach  der  Not.  Dign.  Occ.  121   waren  Sarmafen  hier  angesiedelt. 

2)  Flin.  III  118  Sesites  Ennod.  carm.  I  1,39  Sessis  torrens  (vgl.  I  180)  Geogr. 
Rav.IV36A7*/V/o. 

3)  Cnltiae  It.  Gad.  CIL.  XI  3281—84  Tab.  Pent.,  Cottiae  It.  Ant.  340  Hieros. 
557,  Cosliae  Geogr.  Rav.  IV  30. 

4)  Ptol.  III  1,32  Ammian  XV  8,18  Paul.  h.  Lang.  III  35  Itinerarien  CIL.  V  p. 
715,  Pais  suppl.  p.  115. 

5)  Plin.  XIX  9. 

ti)  It.  Anton.  344.  347.  350  Tab.  Peut. 

7)  Cic.  Farn.  XI  19  Slrab.  V  218  Plin.  III  124  Ptol.  III  1,32  Tac.  Bist.  1  70 
Plnt.  Mar.  25  Martial  X  12  Sil.  It.  VIII  597,  Ammian  XXII  3,4  rercellum  Not. 
Dign.  Occ.  121  Hieron,  Episl.  I  3  CIL.  V  p.  735  Pais  suppl.  p.  118.  Der  Name 
der  Stadt  kehrt  im  pagus  f^ercellensis  des  Gebiets  von  Placentia  wieder  CIL. 
XI  p.  225. 


§  4.     Die  Insubrer.  177 

wie  pagus  Agaminus  Ghemme  i) ,  die  gesamte  Landschaft  zwischen 
Dora  Baltea  und  Tessin  enthält  nur  zwei  städtische  Gemeinwesen 
die  als  solche  sicher  bezeugt  sind.  Daher  mag  das  Stadtgebiet  an 
60 — 80  d.  DM.  befafst  haben.  Nichts  desto  weniger  heifst  Vercelli 
dem  Strabo  ein  Dorf  und  erscheint  erst  bei  Tacitus  unter  den  an- 
sehnlichsten Municipien  der  Transpadana.  Als  Hieronymus  schrieb, 
war  es  wiederum  verödet.  Die  Bürgerschaft  gehörte  zur  Tribus 
Aniensis.  Als  Hauptgolt  wurde  Apollo  verehrt.2)  —  Die  günstige 
Verkehrslage  hat  die  Entstehung  der  Stadt  bedingt:  von  hier  läuft 
die  Alpenstrafse  in  südöstlicher  Richtung  nacli  dem  14  MiUien  ent- 
fernten Cuttiae  und  weiter  nach  Ticinum,  während  sie  sich  ostwärts 
nach  Mailand  wendet.  An  der  letzteren  Strecke  16  Millien  von 
Vercelli  33  von  Mailand  entfernt  3)  liegt  Novaria  Novara  (164  m) 
das  zweite  Municipium  welches  der  besprochene  Bezirk  aufweist. *) 
Seines  keltischen  Ursprungs  ward  oben  S.  174  gedacht.  Es  liegt 
am  Agunia  Agogna  der  westlich  an  seiner  Mauer  vorbeiströmt.-^) 
Der  in  der  Nähe  des  kleinen  Sees  von  Orta  entspringende  Flufs 
steht  zwar  an  Länge  (140  km)  der  Sesia  gleich,  aber  an  Gebiet 
(2190  Dkm)  um  ein  Viertel  nach.  Dies  natürliche  Verhältnifs  drückt 
zugleich  die  gegenseitige  Bedeutung  von  Vercellae  und  Novaria  aus. 
Beide  werden  von  Tacitus  zu  den  hervorragenden  Municipien  der 
Transpadana  gerechnet,  aber  jenes  begegnet  öfter  in  der  Üeber- 
lieferung.  Novaria  gehörte  zur  Tribus  Claudia.  Wie  weit  seine 
Feldmark  sich  nach  Norden  erstreckt  haben  mag,  ist  nicht  zu  sagen. 

§4.    Die  Insubrer. 

Der  westliche  Teil  der  Centralalpen  vom  M.  Blanc  bis  zum  M. 
Rosa  den  wir  nach  dem  Poeninns  benennen ,  sperrt  einer  un- 
übersteigbaren  Mauer  gleich  Italien  gegen  die  Atifsenwelt  ab.*»)    In 

1)  CIL.  V  6587. 

2)  iMartial  X  12  Apollineas  Fercellas  vgl.  Stat.  Silv.  I  4,58. 

3)  It.  Ant.  344.  350  Geogr.  Rav.  IV  30. 

4)  Plin.  III  124  XVII  212  Tac.  Bist.  I  70  Suelon  d.  cl.  rhet.  6  Ptol.  III  1,29. 
Not.  Digr.  Occ.  121.  Prokop  b.  Goth.  II  12.  CIL.  V  p.  718.  Pais  suppl.  p.  116. 

5)  Einen  Flufs  Novaria  erwähnt  die  Peutingersche  Karte  irrig  statt  der 
Stadt.   Den  alten  Namen  hat  Geogr.  Rav.  IV  36  erhalten  vgl.  S.  173. 

6)  Freilich  sind  in  der  späteren  Kaiserzeit  auch  Glelscherpässe  begangen 
worden,  wie  der  am  24.  August  1895  auf  der  Höhe  des  Matterjochs  (3322  m) 
gemachte  Fund  von  22  um  350  verlorenen  Kupfermünzen  zeigt  (Edward 
Whymper,  Museum  in  Zermatt).  V 

Nissen,  Ital.  Landeskunde    11 .  t2 


178  Kapitel  II.     Die  Transpadana. 

den  raeliscliLMi  Alpen  sinkt  die  Gipfel-  und  Kammhöhe  beträchtlich. 
Auf  der  400  km  langen  Strecke  vom  M.  Rosa  bis  zum  Ortler  finden 
sich  eine  Reihe  gangbarer  Pässe,  Simplon  St.  Gotthard  Lukmanier 
St.  Bernhardin  Splilgen  Septimer  Julier  Bernina  Stilfser  Joch,  von 
denen  (wie  I  161  fg.  ausgeführt  wurde)  fünf  nachweisbar  im  Alter- 
tum ausgebaut  worden  sind.  Alle  in  diesem  weiten  Umkreis  nach  Italien 
hineinführenden  Strafsen  münden  in  den  beiden  tiefen  Einschnitten 
aus,  welche  durch  den  Verbanus  und  Larius  ausgefüllt  werden  und 
nicht  mehr  als  50  km  von  einander  abliegen.  Die  Landschaft  die 
von  den  Abflüssen  der  Seen ,  von  Tessin  und  Adda  umschlossen 
wird,  gewinnt  hierdurch  die  Bestimmung  als  Durchgangsland  zwischen 
Nord  und  Süd  zu  dienen.  Räumlich  betrachtet  fällt  die  Mitte  der 
langgestreckten  Ebene  von  den  Quellen  bis  zur  Mündung  des  Po 
weiter  OslHch  in  die  Gegend  am  Oglio  und  Mincio.  Allein  der  ge- 
samte Abschnitt  zwischen  Adda  und  Mincio  hat  kernen  Ausweg 
nach  Norden.  Ferner  steht  die  von  Tessin  und  Adda  umflossene 
Landschaft  durch  die  Einsenkung  des  Appennins  bei  Genua  in  kürze- 
ster und  bequemster  Verbindung  mit  der  italischen  Südsee.  —  Die 
aufserordentliche  Gunst  der  Verkehrslage  wird  durch  den  Reichtum 
des  Bodens  unterstützt.  Die  mächtigen  Alpenströme  verleihen  ihm 
unerschöpfliche  Fruchtbarkeit  und  werden  zugleich  durch  die  grofsen 
Sammelbecken  die  ihre  Gewässer  aufnehmen,  daran  verhindert  in 
der  Regenzeit  verheerend  über  die  Fluren  der  Niederung  einzu- 
brechen. „Dieses  Herzogthumb  —  heifst  es  in  einer  Weltbeschreibung 
von  1576  —  wirdt  für  das  beste  Herzogthumb  der  ganzen  Christen- 
heit, gleichwie  Flandern  für  die  beste  Graffschafl"!  geacht."  Die 
natürlichen  Verhältnisse  erklären  uns  warum  diese  Landschaft  von 
den  Völkern  am  heftigsten  umstritten  worden  ist,  warum  sie  das 
machtvollste  geschichlhche  Leben  aufzuweisen  hat:  in  ihr  schlägt 
das  Herz  der  padanischen  Ebene.  Während  der  älteren  Jahrhun- 
derte, als  der  ganze  Norden  in  unabhängige  Stammbünde  zerfiel, 
nahm  ihr  Bund  den  obersten  Rang  ein.  Durch  die  römische  Er- 
oberung wird  sie  geraume  Zeit  in  den  Schatten  gedrängt,  da  die 
Politik  Roms  nach  allen  übrigen  Weltgegenden,  nur  nicht  nach 
Mitteleuropa  ausschaute.  Aber  nachdem  15  v.  Chr.  die  Reichsgrenze 
an  die  Donau  vorgeschoben  war,  hebt  ein  stetiger  Aufschwung  an, 
der  politische  Schwerpunct  verschiebt  sich  allmälich  von  der  Halb- 
insel an  den  Po,  Mailand  wird  für  reichlich  ein  Jahrhundert  die 
Hauptstadt  von  Itahen.      Später    errichten    die   Langobarden    ihre 


§  4.     Die  Insubrer.  179 

Herrschaft  und  verleihen  der  Landschaft  den  Namen  den  sie  seither 
trägt.  Fortab  ist  der  Besitz  der  Lombardei  in  den  wechselnden 
Kämpfen  von  Mittelaller  und  Neuzeit  für  das  Schicksal  ganz  Italiens 
von  entscheidender  Bedeutung  geblieben. 

Die  verschiedenen  Nationen  welche  einander  ablösten,  haben 
Spuren  ihres  Daseins  zurückgelassen:  Raeto-Etrusker,  Kelten,  Römer, 
Germanen.  In  den.  Alpenthälern  sind  etruskische  Inschriften  auf- 
getaucht (I  487).  Die  heutige  Volkssprache  weist  einen  erhebUchen 
Bestand  altgermanischer  Lehnwörter  auf,  aber  ihr  Grundcharakter 
ist  durchaus  kelto-romanisch  (I  475).  Unter  den  gallischen  Stämmen 
haben  die  Insubres  die  Führung:  die  Sage  zählt  all  die  einzelnen 
Bestandtheile  auf  aus  denen  diese  Einwanderung  zusammen  gesetzt 
war,  und  leitet  den  Namen  von  einem  Gau  der  Aeduer  her.i)  Im 
engeren  Sinn  wird  er  von  den  Schriftstellern  auf  die  Stadt  der 
Insubrer  und  ihr  Gebiet  d.  h.  Mediolanum  bezogen,  im  weiteren 
Sinn  auf  den  ganzen  Umfang  ihrer  Hegemonie  ausgedehnt.  Wir 
sahen  (S.  175)  dafs  dieselbe  218  v.  Chr.  westwärts  bis  an  die  Grenze 
der  Tauriner  reichte.  Ptolemaeos  schreibt  den  Insubrern  die  Städte 
Novaria  Mediolanium  Comum  Ticinum  zu  2):  aber  nach  besseren 
Gewährsmännern  werden  drei  davon  anderen  Stämmen  beigelegt. 
Wenn  also  Polybios  die  Insubrer  das  gröfste  Volk  der  italischen 
Kelten  nennt,  so  ist  dies  von  ihrer  Clientel  zu  verstehen.  Immer- 
hin ist  222  v.  Chr.  der  Widerstand  der  Transpadaner  durch  den 
Fall  von  Mailand  gebrochen,  und  gleichfalls  194  im  Weichbild  dieser 
Stadt  die  Unterwerfung  endgültig  besiegelt  worden. 3)  —  Am  unteren 
Tessin  um  Ticinum  safsen  die  Laevi  und  Maria,  die  von  Livius 
und  Plinius  für  Ligurer  erklärt  werden,  während  Polybios  die  Laever 
mit  den  anderen  Kelten  einv^-andern  läfst.*)  OestHch  davon  um  Lodi 
safsen  Boii,  ein  Zweig  des  mächtigen  Stammes  der  in  der  Aemilia 
wohnte. 5)  Die  nördlichen  Nachbarn  der  Insubrer,  die  Comenses 
werden  in  der  Kriegsgeschichte  selbständig  neben  jenen  aufgeführt 
und  von  Cato  einem  gröfseren  Stamm  der  Orobii  beigezählt  dem 
auch  Bergomum  Forum  Licini  und  andere  Berggemeinden  angehört 


1)  Liv.  V  34  Pol.  U  17. 

2)  Ptol.  III  1,29. 

3)  Pol.  II  34  Liv.  XXXIV  46. 

4)  Pol.  II  17,4  yiäoi  Liv.  V  35,2  Plin.  III  124  vgl.  1  473  A  2  477  A  1. 

5)  Plin.  III  124. 

12* 


180  Kapitel  IL     Die  Transpadana. 

haben  sollen.')  Eine  strenge  Scheidung  der  Alpenvölker  nach  ihrer 
Ikrkunit  ist  nicht  durchführbar;  soweit  wir  sehen,  sind  die  Lepontti 
Kelten  (I  478).  die  oestlich  vom  Thal  des  Tessin  wohnenden  da- 
gegen Haeter. 

Seit  der  396  v,  Chr.  erfolgten  Zerstörung  des  etruskischen 
Melpum  (I  498)  ist  MedioJanium  oder  Mediolanum  die  Hauptstadt 
des  Land«»s.2)  Der  Sage  nach  wurde  sie  von  den  Insubrern  sofort 
bei  ihrer  Einwanderung  gegründet:  der  Name  ist  keltisch  und  kehrt 
bei  einer  ganzen  Reihe  von  Völkerschaften  im  jenseitigen  Gallien 
und  Britannien  wieder.  Bei  späten  Dichtern  wird  er  von  einem 
Wolle  tragenden  Eber  abgeleitet,  ohne  dafs  wir  über  die  zu  Grunde 
liegende  V^orstellung  näheres  wüfsten.^)  Die  Oertlichkeit  wurde  im 
Hinblick  auf  die  Mündungen  der  Alpenthäler  gewählt:  sie  ist  50  km 
vom  Süd-Ende  des  Verbanus,  35  km  vom  Süd-Ende  des  westlichen, 40  km 
von  dem  des  östlichen  Arms  des  Larius  entfernt;  sie  liegt  am  linken 
Ufer  des  Olona^)  der  vom  Lago  di  Varese  herkommt,  nicht  weit 
von  dem  Lambrus  Lambro  s)  der  aus  dem  lacus  Eupilis  (I  182) 
kommt  und  jenen  unterhalb  aufnimmt  (I  188).  Vom  Dach  des 
Mailänder  Doms  überschaut  man  das  Hochgebirge  in  seiner  ganzen 
Ausdehnung  vom  Monte  Viso  bis  zur  Ortlerspitze,  im  Süden  die 
Ebene  und  den  Appennin.  Derart  ist  hier  ein  Mittelpunct  des  Ver- 
kehrs gegeben  von  dem  die  Strafsen  nach  allen  Weltgegenden  hin 
auslaufen.  Der  Abstand  der  nächsten  Städte  im  Umkreis  wird  von 
den  Itinerarien  so  bestimmt:  nach  Novaria  33,  Ticinum  22,  Laus  16, 
Bergomum  33,  Comum  18  (28?)  Millien.  Die  Grenzen  des  Stadtgebiets 
diesen  Nachbarn  gegenüber  genau  festzustellen  fehlen  die  Mittel. 
Da  Mediolanum  sowohl  als  Comum  zur  Tribus  Ufentina  gehören,  so 
versagen  die  Inschriften,  so  zahlreich  sie  auch  in  dem  Hügelland 
südlich  von  den  Seen  begegnen,  um  das  beiderseitige  Eigentum  zu 
scheiden.^)     Jedoch  erfahren    wir  von   dem  Comenser  Plinius  dafs 


1)  Liv.  XXXni36.  37;  Piin.  III  124  die  Form  des  Namens  den  Alexander 
Polyhistor  mit  o^oe  und  ßloe  zusammenbrachte,  ist  nicht  sicher  überliefert. 

2)  Ueber  das  Schwanken  der  Namensform  CIL.  V  p,  633. 

3)  Sidon.  Ap.  ep.  Vil  17,20  lanigero  de  sue  nomen  habent;  Claudian  nupt. 
Hon.  Aug.  182  moenia  Gallis  condita  lanigeri  suis  ostentantia  pellem. 

4)  Das    Alter  des   heutigen  Namens  wird   allein  durch  Geogr.  Rav.  IV  36 
bezeugt,  aber  durch  ähnliche  Flufsnamen  beslätigl. 

5)  Piin.  III  118.  131    Sidon.  Ap.  ep.  I  5,4  ulvosum    L.  Tab.  Peut.  Geogr. 
Rav.  IV  36. 

6)  CIL.  V  p.  587.  1084  Pais  suppl.  p.  109  fg.  247. 


§  4.     Die  Insubrer.  181 

die  Insubrer  d.  h.  Mailänder  Feldmark  bei  8  Millien  Abstand  vom 
Larius  aufhörte,  i)  Desgleichen  ist  das  Hügelland  westlich  vom  See 
von  Como  bis  zu  dem  von  Varese  der  letzteren,  nicht  der  Mailänder 
Gemeinde  zugewiesen. 2)  Eine  gewaltige  Erweiterung  wurde  dieser 
dagegen  15  v.  Chr.  zu  Theil:  wir  müssen  nämlich  schliefsen  dafs 
der  Verbanus  und  alle  Thäler  bis  zum  St.  Gotthard  hinauf  an  Mai- 
land fielen,  da  nirgends  eine  selbständige  Sladtgemeinde  begegnet. 
Der  Flächeninhalt  des  Gebiets  mag  sich  hierdurch  auf  4500  Dkm 
gestellt  haben. 

Das  Wachstum  Mailands  war  durch  die  allgemeinen  geschicht- 
lichen Verhältnisse  bedingt.  Als  Hauptort  der  Insubrer  ragte  es  in 
dem  städtelosen  verkehrsarmen  Lande  bereits  während  der  Epoche 
der  Unabhängigkeit  hervor  3),  konnte  aber  doch  mit  dem  im  Süden 
geltenden  Mafsstab  gemessen  für  ein  Dorf  geachtet  werden. 4)  Der 
Friede  den  die  romische  Herrschaft  brachte,  hob  den  Ort  unmerk- 
lich in  die  Höhe.  Entscheidend  wurde  die  Verleihung  latinischeu 
Rechts  im  J.  89  v.  Chr.;  denn  damit  war  die  Umwandlung  der 
Landes-  in  eine  Stadtverfassung,  die  Abhängigkeit  aller  insubrischen 
Dorfschaften  von  Mailand  gegeben.  Dann  folgte  49  v.  Chr.  die  Er- 
theilung  des  Bürgerrechts  und  endlich  die  Erschliefsung  der  Alpen, 
als  Augustus  hier  gelegentUch  sein  Hauptquartier  aufschlug.^)  Dem 
stufenweisen  Fortgang  angemessen  nennt  Strabo  am  Beginn  unserer 
Zeitrechnung  Mailand  und  Verona  ansehnliche  Städte,  gröfser  als 
Brescia  Mantua  Bergamo  Como,  mit  Padua  freihch  nicht  vergleichbar. 
Im  J.  70  n.  Chr.  erscheint  Mailand  an  der  Spitze  der  kräftigsten 
Municipien  der  Transpadana.ß)  Seine  Bildungsanstalten  werden  von 
der  Jugend  anderer  Städte  aufgesucht.^)     Der  Angriff  der  Germanen 

1)  Plin.  N.  H.  X  77  vgl.  vita  Did.  Jul.  1,2. 

2)  CIL.  V  p.  587. 

3)  Pol.  II  34  MeSioldviov  .  .  oansQ  äari  xv^tcöruTOS  rönos  ttjs  xd>v 
^  Jvaöußqatv  xoiQas.  Plut.  Marc.  7  nohv  /ueyiaTTjv  xal  TtoXvavd'QconordTriv  täv 
rahtti.y.öiv.  MsSioXavov  xaleirai  xal  firjrgonohv  airfjv  ol  Trße  KeXroi 
vofiit,ovaiv.  Oros.  IV  13,15  ijiler  mulla  Insubrium  oppida  Mediolanium 
quoque  urbem  florenlissimam  cepit. 

4)  Slrab.  V  213  'IvaovßQOi  Se  xal  vir  siai.  MsSwXdviov  S^  s'axov 
ftrjzgojtoXtv,  7td?.ai  fiav  xcöfii]v  {anavrse  yaQ  coxovv  xoifirjSöv)  vvv  S'  a^iöXoyov 
nöXtv. 

5)  Sueton  Aug.  20  vgl.  de  gramm.  30  p.  126  Reiff. 

6)  Tac.  Bist.  1  70. 

7)  Plin.  Ep.  IV  13.  Bereits  Vergü  scheint  zum  gleichen  Zweck  nach  Mai- 
land gegangen  zu  sein  Suet.  p.  43.  55  Reitf. 


182  Kapitel  II.    Die  Transpadana. 

aut  die  nördliche  Reichsgienze  erhöht  die  Wichtigkeit  des  Platzes. 
Die  erste  Anerkennung  davon  äufsert  sich  in  dem  Umstand  dafs 
zwei  Kaiser  nach  einander  —  wir  wissen  nicht  welche  —  das  bis- 
herige Municipium  mit  dem  Rang  und  Titel  einer  Colonie  aus- 
statteten.') Ferner  wird  Mailand  bei  der  Eintheilung  Italiens  in 
Provinzen  Hauptstadt  von  Ligurien  (S.  132)2),  nach  der  Reichs- 
ordnung  Diocletians  Sitz  des  praefectus  praetorio  und  vicarius  Italiae  ^) 
und  eins  der  grofsen  Münzämler.  Von  dem  nämlichen  Kaiser  unter 
die  Residenzstädte  erhoben,  sah  es  im  Laufe  des  vierten  Jahrhunderts 
von  Maximian  bis  Honorius  den  Hof  weit  häufiger  in  seinen  Mauern 
als  Rom.^)  Der  weltlichen  Macht  entsprach  die  unabhängige  Stellung 
welche  seine  Kirche  unter  Ambrosius  eingenommen  und  in  der 
Folge  behauptet  hat.  Natürlicher  Weise  hat  die  Bedeutung  der 
Stadt  sich  in  ihrem  Aussehen  offenbart.  Beloch  berechnet  den  von 
der  Mauer  umschlossenen  Raum  zu  133  ha:  freilich  ist  die  Grund- 
lage der  Rechnung  unsicher  und  das  Ergebnifs  wol  viel  zu  niedrig. 
Nach  herkömmlicher  Sitte  gingen  die  Mitregenten  Diocletians  sofort 
daran  sie  mit  Prachtbauten  zu  schmücken.^)  Den  Glanz  der  Kaiser- 
stadt malt  Ausonius  in  seinem  ordo  urhium  nobilium  um  das  J.  390 
aus  und  weist  ihr  nach  Rom  Konstantinopel  Karthago  Trier,  vor 
Capua  und  Aquileia  ihren  Platz  an: 

Et  Mediolani  mira  omnia,  copia  verum 
innumerae  adtaeque  domus  facunda  virorum 
ingenia  et  mores  laeti,  tum  duplke  muro 
amplificata  loci  species  populique  voluptas 
circus  et  indusi  moles  cuneata  theatri, 
templa  Palatinaeque  arces  opulensque  moneta 
et  regio  Herculei  celebris  sub  honore  lavacri: 
cunctaque  marmoreis  ornata  peristyla  signis 
moeniaque  in  valli  formam  circumdata  limbo. 
omnia  quae  magnis  operum  velut  aemula  formis 
excellunt  nee  luncta  premit  vicinia  Romae. 


1)  CIL.  V  p.  034. 

2)  Die  Hunnen  verwüsten  .lord.  Get.  222  Mediolanum    quoque  Liguriae 
metropolim  et  quondam  regiam  urbem. 

3)  Gothofredus   Topogr.  cod.  Theod.  unter  Med.  Böcking   zu   Not.  Dign. 
<lcc.  440. 

4)  Gothofredus  a.  a.  0.    Ammian  XIV  10,16  u.  o.  Eutrop  IX  27. 

5)  Aur.  Victor  Caes.  39,45. 


§  4.     Die  Insubrer.  183 

Die  Verlegung  der  Residenz  nach  Ravenna  erfolgte  402  n.  Chr., 
die  Plünderung  durch  die  Hunnen  452.  Aber  noch  im  Golhen- 
krieg  meldet  Prokopi):  „Mailand  in  Ligurien  zwischen  Ravenna 
und  der  Alpengrenze,  von  beiden  8  Tagemärsche  entfernt  gelegen, 
nimmt  unter  den  Städten  des  Westens  an  Grüfse  Einwohnerzahl  und 
Wolstand  den  obersten  Rang  nach  Rom  ein,  ein  Rollwerk  des  ganzen 
romischen  Reichs  gegen  Germanen  und  andere  Rarbaren".  Als  die 
Gothen  539  dasselbe  bezwangen,  metzelten  sie  die  männlichen  Re- 
wohner,  angeblich  300000  an  der  Zahl  nieder,  sandten  die  Weiber 
in  die  Sklaverei  und  machten  die  Stadt  dem  Erdboden  gleich. 
Durch  diesen  vernichtenden  Schlag  wird  sie  geraume  Zeit  in  den 
Hintergrund  gedrängt. 

Mailand  liegt  in  der  Ebene  123  m  ü.  M.  und  war  für  seine 
Rauten  wesentlich  auf  Rackstein  angewiesen.  Es  ist  zu  wiederholten 
Malen,  namentlich  1162  durch  Friedrich  Rarbarossa  von  Grund  aus 
zerstört  worden  und  in  unverwüstlicher  Lebenskraft  immer  von 
neuem  aufgeblüht.  Diese  Umstände  erklären  warum  von  der  alten 
Herrlichkeit  so  wenig  übrig  gebUeben  ist.  Das  hervorragendste 
Denkmal  ist  eine  Halle  von  16  korinthischen  Säulen  bei  S.  Lorenzo 
die  wahrscheinlich  zu  den  von  Ausonius  besungenen  Hercules- 
thermen  gehörte.  Die  genannte  Kirche  scheint  auf  den  Trümmern 
dieser  Anlage  errichtet  zu  sein,  wie  auch  die  Gründung  von  S.  Am- 
brogio  und  S.  Eustorgio  ins  4.  Jahrhundert  zurückreicht.  Ein  be- 
redtes Zeugnifs  für  den  Wolstand  des  alten  Mediolauum  legen  die 
in  grofser  Zahl  erhaltenen  Inschriften  ab.'-)  Zugleich  tritt  aus  ihnen 
der  keltische  Charakter  der  Revölkerung  entgegen,  der  sich  einer- 
seits in  den  Personen-  und  Ortsnamen  anderseits  in  der  eifrigen 
Pflege  des  Matronen-  und  Mercurcults  äufsert.  Man  hat  die  in  der 
Lombardei  häufigen  Ortsnamen  welche  auf  ate  endigen  —  sie  kommen 
bei  mehr  als  100  Gemeinden  vor  —  aus  dem  Germanischen  ab- 
leiten wollen.  Ihr  keltischer  Ursprung  wird  durch  die  Inschriften 
erhärtet:  die  Einwohner  von  Modicia  dem  später  als  Krönungsstadt 
berühmten  Monza  heifsen  Modiciates  3),  diejenigen  des  südlich  vom 
See  von  Varese  belegenen  Dorfs  Montonate  Montunates  ^) ,  eines 
anderen  Dorfs  unbekannter  Lage  Corogennates'^)  usw.    Eine  keltische 


1)  Prokop  b.  Goth.117.  21. 

2)  CIL.  V  p.  617.  1086  Pais  suppl.  p.  112.  247.    Kaibel  inscr.  Gr.  2293— 99. 

3)  Paul.  h.  Lang.  IV  21  u.  o.  CIL.  V  5742. 

4)  CIL.  V  5604.  5)  CIL.  V  5907. 


134  Kapitel  II.     Die  Transpadana. 

Ansiedliing  am  westlichen  Ufer  des  Verbanus  bei  Chignolo  der 
Isüla  bella  gegenüber  wird  durch  5  Grabschriften  erwiesen. i)  Ferner 
führt  uns  die  Verbreitung  der  Inschriften  die  verschiedene  Art  des 
Anbaus  und  der  Besiedking  in  der  Mailänder  Feldmark  anschauUch 
vor  Augen:  sie  begegnen  in  dem  lieblichen  für  Baumzucht  vor- 
züglich geeigneten  Gelände  das  südlich  von  den  Seen  hingelagert 
ist,  ebenso  zahlreich  wie  in  der  auf  Weidewirfschaft  angewiesenen 
Niederung  selten.  Die  Lage  folgender  Ortschaften  ist  bekannt: 
Modicia  Monza  12  Millien  Nordost  von  Mailand,  Argentia  an  der 
Strafse  nach  Bergamo  in  der  Gegend  des  heutigen  Gorgonzola  2), 
Sibrium  Castel  Seprio  südlich  vom  See  von  Varese^),  Sebuinum 
Angera  am  Ost-Ufer  des  Verbanus. 4) 

Der  lacus  Verbanus  wird  selten  von  den  Alten  erwähnt''),  weil 
er  vom  grofsen  Verkehr  abseits  lag.  In  Folge  dessen  giebt  Polybios 
die  Länge  zu  klein  auf  300  Stadien  53  km  an :  sie  beträgt  gegen- 
wärtig noch  64,6  km  (I  181.  87).  Die  auf  ihn  ausmündenden  Thäler 
sind  erst  15  v.  Chr.  unterworfen  worden.  Mit  den  in  der  Sieges- 
schrift genannten  Focunates  bringt  man  den  Namen  der  Ortschaft 
Vogogna  im  Thal  des  Toce  (l  187)  vermutungsweise  in  Verbindung. 
Das  Thal  ist  arm  an  Inschriften  •>) ;  doch  befindet  sich  darunter  die 
wichtige  welche  für  die  Begehung  des  Simplon  einen  Anhalt  ge- 
währt (I  161).  Das  Hauptthal  des  am  St.  Gotthard  entspringenden 
Ticinus  heifst  Valle  Leventina  und  bewahrt  in  diesem  Namen  das 
Andenken  an  die  Lepontü  die  gleichfalls  15  v.  Chr.  besiegt  wurden.') 
Nach  Aussage  der  Alten  entsprangen  Rhein  und  Rhone  in  ihrem 
Gebiet,  Plinius  betrachtet  die  in  der  Siegesinschrift  selbständig  auf- 


1)  Atti  della  Societä  di  Archeologia  di  Toiino  VII  p.  56.  Die  Inschriften 
bedienen  sich  theils  des  einheimischen  theils  des  lateiuischen  Alphabets. 
Lateinische  Inschriften  derselben  Gegend  CIL.  V  p.  732.  1088  Pais  suppl.  p. 
118.  248. 

2)  It.  Hier.  558. 

3)  Geogr.  Rav.  IV  30  CIL.  V  p.  610. 

4)  CIL.  V  p.  590.  Pais  suppl.  p.  110. 

5)  Strabo  IV  209  Plin.  II  224  III  131  1X69,  die  Schreibung  schwankt 
zwischen  Ferbatinus  und  f  erbanus. 

6)  CIL.  V  p.  734.  Den  Namen  des  Thals  Ossola  mit  dem  Hauptort  Domo 
d' Ossola  will  man  in  Ptol.  III  \,'i^  ylrjTiovTiwv  iv  Koriiais'AXneaiv'OaxeXa 
wieder  erkennen.  Allein  in  dieser  verwirrten  Angabe  ist  offenbar  das  cottische 
Ocelum  (S.  150)  gemeint. 

7)  Caes.  b.  Call.  IV  10  Slrab,  IV  204.  20G.  Plin.  HI  134.  5.  7. 


§  4.    Die  Insubrer.  185 

geführten  Uberi  an  der  Rhonequelle  als  einen  Zweig  der  Lepontier: 
mithin  mufs  sich  dieser  Stamm  ziemlich  weit  erstreckt  haben. 
Einen  anderen  Zweig  desselben  dürfen  wir  in  den  Mesiates ')  im 
Val  Mesocco,  dem  Thal  der  Moesa  suchen,  aus  welchem  die  Römer- 
strafse  über  den  Bernhardin  nach  Chur  führt  (I  162).  Unterhalb 
der  Vereinigung  von  Moesa  und  Tessin  liegt  Bilitio  Bellinzona^), 
die  sich  ausbreitende  theilweise  sumpfige  Ebene  hiefs  campi  Canini.^) 
Zum  Gebiet  von  Mailand  gehörte  auch  der  lacus  Ceresiiis  See  von 
Lugano  ^)  der  durch  die  Tresa  nach  dem  Verbanus  abfliefsl.  Die 
Umgegend  hat  wenige  lateinische  aber  mehrere  etruskische  Grab- 
schriflen  ans  Licht  gefordert:  zum  Beweis  dafs  hier  die  raetische 
Nation  sich  behauptete  (I  487).  Am  Südost-Ende  des  Sees  bei 
Riva  S.  Vitale  lag  eine  Ortschaft  der  Subinates.'^)  Von  den  Kelten 
am  Verbanus  war  oben  die  Rede. 

Wichtiger  als  der  Verbanus  ist  für  die  Alten  der  Larius  ge- 
wesen, da  von  ihm  die  drei  Rümerstrafsen  über  Splügen  Septimer 
und  JuUer  ausliefen.  Die  Comenses  wurden  196  v.  Chr.  in  Gemein- 
schaft mit  den  Insubrern  vom  Consul  M.  Claudius  Marcellus  be- 
zwungen. 6)  Die  Stadt  Comum  soll  von  den  Galliern  nach  Ver- 
treibung der  Etrusker  gegründet  sein  ''),  nach  Cato  von  dem  Stamm 
der  Orobier  (S.  179).  Sie  hatte  von  den  raetischen  Bergstämmen 
andauernd  viel  zu  leiden.  Gnaeus  Pompeius  Strabo  siedelte  hier 
89  V.  Chr.  oder  bald  darauf  eine  latinische  Colonie  an,  die  nach- 
träglich  um  3000  Manu  verstärkt  wurde  ohne  dem  Uebel  steuern 


1)  Allein  auf  der  Peutingerschen  Karte  erwähnt:  trotz  der  Verzeichnung 
derselben  ist  an  der  Richtigkeit  der  von  Cluver  p.  100  aufgestellten  Gleichung 
nicht  zu  zweifeln. 

2)  Gregory.  Tours  X  3,  darnach  Paul.  Diac.  h.Lang.III  31 ;  Bellitiona  Geogr. 
Rav.  IV  30,  Bellinciona  Guido  14. 

3)  Gregor  v.  Tours  X  3  Sidon.  Apoll,  carm.  5,376;  irrig  an  den  Bodensee 
verlegt  von  Ammian  XV  4,1. 

4)  Die  Beschreibung  bei  Gregor  v.  Tours  X  3  ist  mit  Recht  von  Cluver 
auf  diesen  See  bezogen  worden ,  da  sie  auf  keinen  anderen  zutrifft.  Die 
Langobarden  erwarten  den  von  Beliinzona  vorrückenden  Feind  in  vortrefflich 
gewählter  Stellung  an  der  Tresa  die  aus  dem  Luganer  in  den  Langen  See 
einfliefst.  Die  Schreibung  schwankt  zwischen  Cevesius  und  Coresius.  Der 
lacus  Clisius  der  Peutingerschen  Karte  kann  auf  verschiedene  andere  Seen 
gehen,  nur  nicht  auf  diesen. 

5)  Pais  suppl.  1287. 

6)  Liv.  XXXIU  36.  37. 

7)  Justin  XX  5,8. 


136  Kapitel  II.     Die  Tianspadana. 

ZU  können J)  Dann  liat  Caesar  während  seiner  Statthalterschaft 
eine  Bürgercolonie  angelegt,  in  deren  Listen  5000  Ansiedler,  darunter 
500  angesehene  Hellenen  sich  eintragen  liefsen.  Die  Gegner  haben 
51  V.  Chr.  das  Bürgerrecht  der  Leute  bestritten,  aber  ohne  Erfolg, 
Seit  dieser  Umwandlung  führt  die  Stadt  bei  den  Zeitgenossen  den 
Namen  Novum  Comum'^)  wie  in  den  bekannten  Versen  CatuUs: 

Poetae  tenero  meo  sodali 

velim  Caecilio  papyre  dicas: 

Veronam  veniat  Novi  relinquens 

Comi  moenia  Lariumque  litus. 
Den  Zusatz  läfst  sie  wiederum  fallen ,  nachdem  sie  durch  die 
Ordnungen  des  Augustus  nur  als  Municipium  anerkannt  wurde. 3) 
Ihren  Ruhm  in  der  Kaiserzeit  verdankt  sie  zwei  in  der  Litteratur 
ausgezeichneten  Sühnen,  dem  älteren  ^)  und  jüngeren  Plinius.  Der 
letztere  hat  bedeutende  Mittel  zu  gemeinnützigen  Zwecken  ver- 
Avandt  und  in  der  Bethätigung  seiner  Heimatsliebe  auch  Nachahmer 
gefunden.^)  Die  Bewohner  der  Gegend  sind  durch  ihre  Leistungen 
im  Bauhandwerk  bekannt,  in  dem  Grade  dafs  der  Name  Comacini 
bei  den  Langobarden  die  allgemeine  Bedeutung  von  Maurer  an- 
nimmt.^) Endlich  war  Haustein  bequem  genug  zur  Hand.  Trotz 
alledem  sucht  man  in  der  anmutig  am  Seeufer  gelagerten  Stadt 
(199  m)  vergebens  nach  antiken  Bauwerken:  die  in  Menge  ans  Licht 
geforderten  Inschriften  zeugen  allein  von  der  Römerzeit. 7)  Am 
Ausgang  des  Reiches  Grenzfestung  §),  ist  sie  wiederholt  erobert  und 
zerstört  worden  ,  hat  aber  auch  in  friedlichen  Jahrhunderten  ihrer 
ganzen  Lage  nach  nur  ein  Durchgangsplatz,  nicht  Sitz  des  grofsen 
Verkehrs  sein  können.  Um  400  n.  Chr.  befehligte  in  Comum  ein 
kaiserlicher  Admiral.^)     Aeltere  Inschriften  lehren  uns  eine  Schiffer- 

1)  Strabo  V  213.  IV  206. 

2)  Cic.  an  Alt.  V  11,2  Farn.  XIII  35,1,    Catull.  35  vgl.  fr.  4,  Strab.  V  213, 
Suet.  Gaes.  28,  Plut.  Caes.  29,  App.  b.  civ.  II  26. 

3)  Gleichmärsig  bei  den  Schriftstellern  wie  auf  Inschriften  der  Kaiserzeit. 
Vereinzelt  Novocomensis  im  Leben  des  Plinius  Suet.  p.  92  Reifferscheid. 

4)  Plin.  II  232  ill  124.  131.  132  IX  69  X  77  XXXIV  144  XXXVI  159. 

5)  CIL.  V  5262.  79  Plin.  ep.  I  3  IV  13  V  11. 

6)  vgl.  das  edictum  Liutprandi  regis  de  mercedibus  comacinorum,  Mon. 
Germ.  bist,  leges  IV  176. 

7)  CIL.  V  p.  566  fg.  1083.  Pais  suppl.  p.  94-109. 

8)  Cassiod.  var.  XI  14  munimen  clauslrale  provinciae. 

9)  Not.  Dign.  Occ.  118  dazu  Böcking. 


§  4.     Die  Insubrer.  187 

gilde,  Weihungen  an  Neptun  und  die  Wassergötter,  sowie  ein  jährlich 
dem  Neptun  gefeiertes  Hauptfest  kennen,  i)  In  der  That  war  der 
See  und  die  grofse  Naturslrafse  die  er  darbietet,  für  das  Gedeihen 
der  Stadt  von  entscheidender  Bedeutung. 

Der  lactis  Larius,  zuerst  bei  Cato  und  Polybios  erwähnt  2), 
heifst  seit  dem  späten  Altertum  lacus  Comacinus  oder  Comacenus.^) 
Der  Reisende  welcher  von  Mailand  nach  dem  Norden  wollte  *),  be- 
stieg in  Comum,  wenn  er  die  umgekehrte  Richtung  einhielt,  in 
Summo  lacu  Samolaco  s)  ein  Schiff.  Die  Länge  der  Fahrt  wird  von 
allen  Gewährsmännern  von  Cato  bis  Cassiodor^)  auf  60  Millien 
89  km  angegeben  statt  64  km.  Polybios  ermäfsigt  zwar  die  Zahl 
mit  Recht  auf  400  Stadien  71  km,  theilt  aber  auch  seinerseits  den 
verbreiteten  Irrtum  wonach  der  Larius  gröfser  sein  sollte  als  der 
Verbanus.'')  Wie  stark  beide,  insonderheit  der  erstere  durch  die 
Thätigkeit  der  Flüsse  im  Lauf  der  Jahrhunderte  verkürzt  worden 
sind,  haben  wir  früher  (I  180)  dargelegt.  Die  den  Larius  einfassen- 
den Berge  steigen  bis  2200  m  an  und  fallen  vielfach  so  schroff  zum 
Seethal  ab,  dafs  der  Landweg  am  Ufer  von  den  Allen  gar  nicht 
kunstmäfsig  ausgebaut  worden  ist.  Die  Fahrt  wird  um  den  Anfang 
des  5.  Jahrhunderts®)  so  geschildert: 

protinus,  umbrosa  vestit  qua  litus  oliva 
Larius  et  dulci  mentitur  Nerea  ßuctu, 
parva  puppe  laciini  praetervolat ;  ocius  inde 
scandit  inaccessos  hrumali  sidere  montes 
Uli  hiemis  caelive  memor. 
Der  Oelbaum   dessen  Pflege  am  Larius   auch  anderweitig  ver- 
bürgt  wird  9),    bedarf   hier  im  Winter  des  künstlichen    Schutzes: 


1)  CIL.  V  5258.79.95.5911. 

2)  Strab.  IV  209  Cato  bei  Servius  V.  Georg.  II  159. 

3)  Zuerst  It.  Ant.  278,  dann  Paul.  h.  Lang.  V  39. 

4)  Die  Entfernung  von  Mailand  nach  Comum  wird  mit  18  Millien  (It.  Ant. 
278)  zu  niedrig,  mit  35  (Tab.  Peut.)  zu  hoch  angesetzt  vgl.  S.  180.  Ein  Meilen- 
stein dieser  Strafse  CIL.  V  8056. 

5)  It.  Ant.  277. 

6)  Cato  bei  Servius  Georg.  II  159.  It.  Ant.  279.  Tab.  Peut.  mit  verstellter 
Zahl.  Cassiod.  var.  XI  14. 

7)  Vgl.  S.  184  Verg.  Georg.  II  159  an  erster  Stelle  te  Lari  maxime. 

8)  Claudian  b.  Get.  319. 

9)  Ennod-  Ep.  I  6  p.  14  Hartel  riparum  Larii  conßnia  canis  ornasse 
nemoribus.     Cassiodor  a.  0. 


188  Kapitel  II.     Die  Tianspadana. 

nach  Ansicht  der  Alten  war  sein  Gedeihen  an  die  Nähe  des  Meeres 
gebunden  (I  422).  AVenn  er  nichts  desto  weniger  am  Ausgang  des 
Altpptums  an  lombardischen  Seen  eingebürgert  erscheint,  so  erkennt 
man  darin  die  Ausdauer  und  das  Geschick  der  römischen  Pflanzer.  Die 
Schönheit  der  Ufer  übte  in  der  Kaiserzeit  eine  wachsende  Anziehung 
aus.  IMinius  meldet  von  Landhäusern  auf  der  Höhe  wie  am  Gestade: 
die  Angel  wurde  aus  dem  Fenster  in  den  fischreichen  See  ge- 
worfen.') Jedoch  läfst  er  ihn  noch  von  mächtigen  Wäldern  ein- 
gefafst  sein.-)  Die  Umwandlung  der  Walder  in  Gärten  ging  mit 
dem  Aufschwung  Mailands  Hand  in  Hand:  die  Weltstadt  suchte  in 
dieser  lieblichen  Natur  ehedem  wie  jetzt  ihre  Erholung. 3)  Von  den 
Ortschaften  des  Larius  erinnert  Ossuccio  an  die  Ausuciates^);  ferner 
Galliano  an  die  Braecores  Gallianates.  •^)  Ersteres  liegt  unweit  der 
kleinen  insula  Comacina  die  in  der  Geschichte  der  Langobarden  als 
Festung  eine  Rolle  spielt.*^) 

Das  Gebiet  von  Comum  ist  15  v.  Chr.  bis  zur  Kammhöhe  der 
Alpen  ausgedehnt  worden.  Wir  hören  dafs  das  Volk  der  Bergalei, 
dessen  Name  im  heutigen  Val  ßregaglia  Bregell  oder  Bergell,  dem 
Thal  der  Maira  sich  erhalten  hat,  von  Comum  abhängig  war  und 
wie  solches  in  vielen  anderen  Fällen  wiederkehrt,  unter  der  Regie- 
rung des  Tiberius  und  Claudius  einen  lange  andauernden  Rechts- 
streit mit  der  Stadt  führte.')  Am  Ausgang  des  Thals  wo  dieses  mit 
dem  nach  dem  Splügen  führenden  Thal  des  Liro,  Valle  S.  Giacomo 
sich  vereinigt,  liegt  Clavenna  Chiavenna  Cläven  8)  (332  m  ü.  M.)  als 
Knotenpunct  der  Strafsen  über  Splügen  Septimer  und  Julier  von 
Wichtigkeit  (I  162).  Die  Ebene  von  hier  bis  Samolaco  ist  10  km 
lang;  sie  hat  von  den  üeberschwemmungen  des  Liro  und  der  Maira 
viel  zu  leiden.     Von    der  Thätigkeit  des  Äddua  Adda^)  war  früher 


1)  Plin.  NH.  II  232  IX  69  X  77.    Plin.  Ep.  I  3  II  8  IV  30  VI  24  VII 11  IX  7. 

2)  Plin.  Ep.  II  8  vgl.  Ennod.  p.  387  Hartel. 

3)  Ammiaii  XV  2,8  läTst  Constantius  in  Comum  verweilen  procudendi 
iiigenii  causa. 

4)  CIL.  V  5227. 

5)  Pais  suppl.  847. 

6)  Paul.  h.  Lang.  IV  3  VI  19.21. 

7)  CIL.  V  5050  Hermes  IV  108fg. 

8)  lt.  Ant.  278  Tab.  Peut.  Paul.  h.  Lang.  VI  21. 

9J  Pol.  II  32,2  XXXIV  10,20,  Strab.  IV  192.  204  V  213  (vgl.  I  148  A.  3),  Plin. 
II  224  III  118.  131 ,  Tac.  Hist.  II  40,  Sid.  Apoll.  Ep.  I  5,4  caerulum  Adduarn, 
ClaudiaD  VI  cons.  Honor.  195  Addua  visu  caerulut,  Ennod.  Ep.  I  6  p.  15  Hartel. 


§  4.     Die  Insubrer.  189 

die  Rede  (I  180.  88).  Wie  das  grofse  von  ihm  durchflossene 
Veltliner  Thal  das  durch  den  Berninapafs  mit  dem  Engadin,  durch 
das  Stilfser  Joch  mit  dem  Vintschgau  in  Verbindung  steht  (I  163), 
im  Altertum  geheilsen  habe,  wissen  wir  nicht.  Ein  hier  gefundener 
etruskischer  Grabstein  (I  487)  zeigt  die  Herkunft  der  Bewohner  an. 
Die  berühmten  Heilquellen  von  Bormio  die  am  Fufs  des  Stilfser 
Jochs  1450  m  hoch  entspringen,  werden  als  Aguae  Bormiae  erwähnt '): 
der  voo  einer  Gottheit,  wie  es  scheint,  herrührende  Name  kehrt  im 
ligurischen  Sprachgebiet  wieder  (S.  141). 

Von  Mailand  nach  Bergamo  werden  33  Millien  gerechnet."^)  Die 
Strafse  überschreitet  20  Millien  von  Mailand  die  Adda.  Die  Brücke 
mit  einer  anliegenden  Poststation  erhielt  den  Namen  Pons  Aureoli. 
nach  dem  Gegenkaiser  welcher  hier  268  n.  Chr.  von  Claudius  ver- 
nichtet wurde. 3)  Das  Dorf  Pontirolo  hat  den  Namen  bis  heute 
bewahrt.  Bergomum  *)  ist  von  den  Kelten  nach  Vertreibung  der 
Etrusker  gegründet  und  vielleicht  nach  einem  Gott  Bergimus,  dessen 
Verehrung  in  dem  benachbarten  Brixia  Inschriften  bezeugen,  benannt 
worden.  Ptolemaeos  theilt  die  Stadt  den  Cenomanen  zu,  Cato  den 
Orobiern:  letzterer  leitet  die  Bewohner  von  einer  untergegangenen 
Bergstadt  Parra  her.  Wenn  ihm  die  Lage  von  Parra  mehr  hoch 
als  glucklich  zu  sein  schien,  so  läfst  sich  im  Hinblick  auf  die  lom- 
bardischen Schwesterstädte  das  Gleiche  von  Bergamo  aussagen.  Es 
thront  hoch  und  fest  mit  weitem  Ausblick  auf  einem  Hügel  (380  m, 
die  heutige  Unterstadt  240  m  ü.  M.)  und  wird  trotzdem  kaum  in 
der  Kriegsgeschichte  erwähnt.'»)  Dies  rührt  daher  dafs  es  keine 
grofsen  Verbindungstrafsen  beherrschte.  Immerhin  hat  die  aus- 
gedehnte Landschaft  in  alter  wie  neuer  Zeit  die  Blüte  des  Gemein=- 
wesens  bewirkt,  von  der  zwar  keine  römischen  Bauwerke  wol  aber 
Inschriften  melden. 6)  Bergomum  war  Älunicipium  und  gehörte  zur 
Tribus  Voturia.  Der  umfang  seines  Gebiets  war  beträchthch:  es 
befafste  das  Hügelland  zwischen  Adda  und  Oglio  vom  östlichen 
Arm  des  Larius  bis  zum  Iseosee,  die  Thäler  des  Brembo  und  Sarins 


1)  Cassiodor  var.  X  29. 

2)  It.  Ant.  127  Hieros.  558. 

3)  Vita  XXX  tyrann  11  Aur.  V.  Caes.  33  It.  Hier.  558. 

4)  Streb.  V  213  (wo  Cluver  'Pr^yiov  in  BsQyofiov  verbessert  hat)  Plin.  III 
124.25  Justin  XX  5,8  Ptol.  HI  1,27  CIL.  V  p.  548.  Die  heutige  Form  Bergamo 
begegnet  zuerst  It.  Hier.  558,  sodann  bei  Paulus  Diaconus   neben  Pergamus. 

5)  Bist,  miscella  XV  7  XVI  1   Prokop.  b.  Goth.  11  12. 

6)  CIL.  V  p.  547.  1081  Pais  suppl.  p.  93. 


190  Kapitel  II.     Die  Transpadana. 

Serio  ')  Val  Brembana  und  Seriana.  Nach  den  Inschriften  zu  schliefsen 
isl  Clusone  im  Val  Seriana  vermutlich  in  Folge  des  Bergbaus  auf- 
geblüht: wir  erfahren  dafs  in  dieser  Gegend  Galmeigruben  im 
Betrieb  waren. ^)  Von  bergomaüschen  Dorfgemeinden  sind  bekannt 
die  Anesiates  jetzt  Nese  und  Bro{manenses\  jetzt  Brumano,  beide 
oberhalb  Bergamo  3),  ferner  Tellegatae  Teigale  12  Millien  östhch  an 
der  Strafse  nach  Brixia.4)  Das  Forum  Licini  welches  Cato  den 
Orobiern  zuschreibt,  ist  verschollen»),  ebenso  das  von  Ptolemaeos 
allein  erwähnte  Forum  Jutuntornm.^) 

Die  Reisebücher  zählen  22  Millien  von  Mailand  nach  TicinumJ) 
Die  Stadt  liegt  (82  m)  am  linken  Ufer  des  Ticinus  wenig  oberhalb 
der  Einmündung  in  den  ]*o  über  den  im  Altertum  eine  Brücke 
führte S),  an  zwei  Seiten  durch  die  mächtigen  Flüsse  gedeckt,  ein 
ebenso  fester  als  für  die  Kriegführung  wichtiger  Platz.  Seit  dem 
5.  Jahrhundert  wird  die  Form  Ticinus  gebraucht  9),  der  dem  Flufs 
entlehnte  Name  weicht  sodann  in  langobardischer  Zeit  dem  heutigen 
Papia  Pavia.io)  Der  Wechsel  wird  mit  der  Tribus  Papiria  der  das 
Municipium  angehörte,  schwerlich  etwas  zu  thun  haben,  sondern 
aus  dem  Fortleben  einer  alten  keltischen  Ortsbezeichnung  im  Volks- 
mund zu  erklären  sein.  Von  Laevern  und  Marikern  gegründet 
(S.  179),  hat  der  Ort  lange  Zeit  wenig  zu  bedeuten  gehabt,  wird 
in  <ler  äUeren  Kriegsgeschichte  mit  keiner  Silbe  erwähnt.  Sein 
Gebiet  ist  für  oberitalische  Verhältnisse  beschränkt  und  beträgt  nur 
3 — 500  Dkm.  Immerhin  mufste  der  grofse  Verkehr  ihn  in  die 
Hohe  bringen:  er  lag  36  Millien  von  Placentia  entfernt  ^i),  an  der 
Strafse  welche  über  die  cottische  graische  und  poeninische  Alp  sich 

1)  Geogr.  Ray.  IV  36. 

2)  Plin.  XXXIV  2  CIL.  V  557. 

3)  CIL.  V  5203. 

4)  lt.  Hieios.  558. 

5)  Plin.  111  124. 

6)  Ploi.lll  1,27  dieLesung  schwankt  q>.' lovrovvrav* lovyovvrtov  ^ Ivrovvxtov 
JiovyowTciv. 

7)  It.  Ant.  340.  347.  356.  Hier.  557  nur  20  Millien. 

8)  Prokop.  b.  Golh.  II  25 ;  eine  Brücke  über  den  Ticinus  wird  nachgewiesen 
Not.  d.  Scavi  1894  p.  73. 

9)  Namentlich  von  Ennodius  der  hier  zu  Hause  war  (seine  Grabschrift  CIL. 
V  6464),  Paulus  Diaconus  Stephanos  v.  Byzanz  u.  a. 

10)  Paul.  Ii.  Lang.  II  15  Ticinus  quae  alio  nomine  Papia  appellatur  Geogr. 
Kav.  IV  30. 

11)  Strab.  V  217  It.  Gadit.  Tab.  Peut.  Geogr.  Rav.  IV  30  CIL.  V.  p.  950. 


§  4.     Die  Insubrer.  191 

verzweigend,  Italien  mit  den  westlichen  und  nördlichen  Provinzen 
verband;  aufserdem  begann  hier  mit  dem  Unterlauf  eine  regere  Schif- 
fahrt auf  dem  Po.i)  In  Folge  dessen  begegnet  er  seit  Errichtung 
der  Monarchie  mehrfach  in  der  üeberheferung:  ein  dem  Augustus 
und  dessen  Angehürigen  geweihter  Ehrenbogen,  von  dem  wir  die 
Aufschrift  kennen,  beweist  dafs  es  an  slatthchen  Bauwerken  nicht 
gefehlt  haben  kann. 2)  Aber  etwa  von  der  Angabe  abgesehen  dafs 
hier  um  400  n.  Chr.  eine  kaiserliche  Fabrik  von  Bogen  bestand, 
erfahren  wir  von  dem  städtischen  Leben  nichts  Näheres  als  die 
gewühnhchen  Einrichtungen  eines  Muiiicipium.^)  Von  den  Hunnen 
452  zerstört  ^)  feierte  es  seine  Auferstehung  durch  die  Gothen. 
Der  festen  centralen  Lage  wegen  machte  Theoderich  es  zum  Boll- 
werk seiner  Herrschaft,  erbaute  eine  neue  Stadtmauer  einen  Palast 
ein  Amphitheater  Thermen.  5)  Später  zwei  Jahrhunderte  lang  König- 
stadt der  Langobarden,  im  Mittelalter  die  Stadt  der  hundert  Thürme 
hat  Pavia  in  bewegten  Schicksalen  die  Erinnerung  an  die  bescheidene 
Vergangenheit  von  Ticinum  völlig  eingebüfst:  nur  der  regelmäfsige 
Grundplan  mit  quadratischen  Häuserblöcken  gemahnt  an  eine  römische 
Anlage. 

Von  Mailand  sind  16  Millien  nach  Laus  Pompeia.^)  Den  Namen 
welchen  ihm  die  Boier  bei  der  Gründung  beilegten,  kennen  wir 
nicht;  seinen  römischen')  erhielt  es  89  v.Chr.  zu  Ehren  des  Pompeius 
Strabo  (S.  61).  Derselbe  nimmt  am  Ausgang  des  Altertums  die 
Form  Laude  an,  woraus  das  heutige  Lodi  entstanden  ist.*)  Die 
heutige  1158  von  Friedrich  Barbarossa  erbaute  Stadt  liegt  am 
rechten  üfer  der  Adda,  in  der  Nähe  wo  einst  nach  Ausweis  der 
Weihinschriften    ein    berühmter  Tempel  des    Hercules  sich  befand. 


1)  Sidon.  Apoll,  ep,  I  5,3  Cassiod.  var.  IV  45;  vgl.  Liudprand  bist.  Ott.  6 
anlap.  VI  4. 

2)  CIL.  V  6416  Tac.  Ann.  III  5  Bist.  II  17.  27.  30.  68.  88  Ammian  XV  8,18. 
Aur.  Vict.  Gaes.  33,28;  Plin.  III  124  Ptol.  III  1,29. 

3)  Not.  Digii.  Occ.  43  CIL.  V  p.  707  Pais  suppl.  p.  114. 

4)  Jord.  Gel.  222. 

5)  Exe.  Vales.  71  vgl.  CIL.  V  6418;  Chron.  min.  I  p.  300.  18.  19.  24.  28.  34. 
36.  37.  38  III  p.  321 ;  Cassiod.  var.  X  27  XII  27,  Prokop  b.  Gotb.  II  12.  24.  25.  30. 
III  1.  3.  4  IV  33.  34.  35. 

6)  It.  Ant.  98.  127.  Hier.  617  (wo  wegen  des  ad  nonum  VII  in  Villi  zu  ver- 
bessern ist)  Tab.  Peut.  CIL.  V  p.  949. 

7)  Plin.  III  124  CIL.  V  p.  696  Pais  suppl.  p.  112. 

8)  Itinerarien,  Paul.  h.  Lang.  V  2  VI  20. 


192  Kapitel  II.     Die  Tianspadana. 

Die  alte  von  den  Mailändern  1151  zerstörte  Stadt  lag  4  Millien 
westlich  davon,  jetzt  Lodi  vecchio  (82  m).  Sie  war  Municipium  und 
gehorte  der  Tribus  Pupinia  an.  Die  Gegend  besitzt  vorzügliche 
Wiesen  die  fünf-  ja  bis  neunmal  im  Jahr  geschnitten  werden;  aber 
der  Umfang  des  Gebiets  ist  ähnHch  wie  bei  Ticinum  beschränkt 
gewesen.  In  der  üeberlieferung  spielt  Laus  keine  Rolle.  —  In 
Laus  trafen  mehrere  Strafsen  zusammen  i):  nach  Placentia  24 Millien  2), 
von  dieser  abzweigend  nach  Ticinum  23  Millien  3),  endlich  nach 
Cremona  35  Millien. 4)  An  der  letztgenannten  22  Millien  von  Laus, 
13  von  Cremona  entfernt  verzeichnet  die  Reisekarte  Acerrae,^)  Der 
Name  hat  sich  in  Gera  und  der  Niederung  Gerondo  (I  182  A.)  er- 
balten, ersteres  bei  Pizzighettone  an  der  Adda  gelegen ;  die  Angabe 
der  Entfernungen  stimmt.  Pizzighettone  (46  m)  beherrscht  den 
Uebergang  über  die  Adda  und  ist  als  Bollwerk  gegen  Mailand  von 
den  Cremonesen  angelegt  worden.  Acerrae  war  in  dem  entschei- 
denden Feldzug  222  v.  Chr.  Waffenplatz  der  Gallier,  diente  nach 
der  Einnahme  wegen  seiner  günstigen  Lage  und  Festigkeit  den 
Römern  in  gleicher  Eigenschaft.  In  Friedenszeiten  war  der  Ort 
mit  ungesunder  Umgebung  minder  begünstigt,  hat  auch  kein  Stadt- 
recht  erlangt,  sondern  vermutlich  zu  Cremona  und  somit  zur 
10.  Region  gehört. 


1)  CIL.  V  p.  949. 

2)  It.  Ant.  127  Hier.  617. 

3)  It.  Ant.  283. 

4)  Tab.  Peut.  vgl.  Geogr.  Rav.  IV  30. 

5)  Pol.  U  34  Plut.  Marc.  6  Zonaras  VIIl  20  Strab.  V  247. 


KAPITEL  in. 

Yenetia  und  Histria. 

Während  die  neunte  und  elfte  Region  des  Augustus  dem  näm- 
lichen Stamm,  jene  dem  ligurischen,  diese  dem  keltischen  angehören, 
ist  von  einer  Stammeseinheit  bei  der  zehnten  nicht  die  Rede.  Sie 
befafst  die  Nationen  der  Kelten,  Veneter,  Raeter,  Histrer  in  ziemhch 
gleichmäfsiger  Vertheilung  neben  einander.  Die  amtliche  Bezeichnung 
lautet  Ve7ietia  et  Histria J)  Es  lag  nahe  den  IVamen  eines  so  alten 
und  angesehenen  Culturvolks,  wie  die  Veneter  waren,  über  dessen 
politische  Grenzen  hinaus  auf  das  gesammte  Mündungsland  vom  Po 
bis  zum  Isonzo  auszudehnen  2)  und  ihn  dann  weiter  auf  die  neu- 
gebildete Region  zu  übertragen.  Minder  begründet  erscheint  derZusatz 
et  Histria;  denn  durch  die  Zutheilung  der  istrischen  Halbinsel  bis  zum 
Flufs  Arsia  erhielt  Italien  nur  einen  Zuwachs  von  etwa  50  d.  DM. 
Aber  vielleicht  war  der  Zusatz  ursprünglich  in  weiterem  Sinne  be- 
rechnet: die  illyrische  Küste  ist  unter  der  Republik  nicht  als  selbst- 
sländige  Provinz,  sondern  als  Anhängsel  von  Oberitalien  verwaltet 
worden^) ;  noch  in  den  von  Plinius  benutzten  Censuslisten  werden  eine 
Anzahl  von  Bürgergemeinden  Illyriens  als  zur  zehnten  Region  ge- 
hörig aufgeführt.^)  ^'acbdem  nun  14  n.  Chr.  die  Landesgrenze  an 
den  Arsia  vorgerückt  und  Illyricum  endgillig  als  Provinz  eingerichtet 


1)  CIL.  V  1582.  2818.  3332.  4327.  4328.  8987. 

2)  Skylax  20  Skymn.  391.  Nach  Liv.  XXXIX  22  XLI  27  liegt  nicht  nur 
Patavium  sondern  auch  Aquileia  in  f'enetia. 

3)  Mommsen,  Res  gestae  Divi  Aug.-  p.  98.  121. 

4)  Plin.  III  130  Alutrenses  Asseriatcs  Flanonienscs  Vanienses  et  Curici 
Nedinates  Farvari^  die  dann  unter  etwas  anderen  Nanaensformen  und  nach 
anderer  Quelle  bei  Liburnien  §  139  wiederkehren.  Eine  reinliche  Scheidung 
der  plinianischen  Quellen  oder  Zurückführung  der  einzelnen  Nachrichten  auf 
bestimmte  Gewährsmänner  ist  unmöglich,  weil  alle  Anhaltspuncte  fehlen. 

Nissen,  Ital.  Landeskunde.    IL  13 


194  Kapitel  III.     Venetia  und  Histria. 

wurde,  blieb  der  einmal  gewählte  Doppelname  im  Gebrauch  und 
läfst  sich  bis  zum  Ausgang  des  Altertums  verfolgen. 0  —  Die  Grenze 
der  zehnten  Region  wird  im  Süden  durch  den  Po  und  nach  der 
Stromspaltung  durch  den  nördlichen  Hauptarm  (S.  214)  gebildet; 
reicht  im  Westen  an  den  untern  Lauf  der  Adda^)  Acerrae  ein- 
schliefsend (S.  192),  befafst  das  Stromgebiet  des  Oglio;  durchschneidet 
im  Norden  das  Thal  der  Etsch  bei  Partschins  wenig  oberhalb  Meran, 
das  Thal  der  Eisack  bei  dem  Engpafs  Klausen  (I  80),  folgt  hierauf 
der  Wasserscheide  zwischen  dem  adriatischen  und  schwarzen  Meer; 
wird  endlich  nach  Osten  durch  die  Adria  und  den  Kiistenflufs  Arsia 
bestimmt.  Zu  der  Region  des  Auguslus  gehören  ganz  oder  theil- 
weise  vom  heutigen  Königreich  Italien  die  Provinzen  Cremona 
Manlua  Rovigo  Ferrara  Rrescia  Verona  Vicenza  Padua  Venedig  Tre- 
viso  Relluno  Udine,  von  Oesterreich  Südtirol  Gorz  Triest  und  Istrien. 
Der  Flächeninhalt  beträgt  in  runder  Ziffer  51000  Dkm  930  d.  DM., 
mithin  ein  Fünftel  des  ganzen  Landes.  In  jüngerer  Zeit  gehört 
auch  Rergamo  zu  Venetien,  so  dafs  die  Adda  vom  Comer  See  ab 
es  gegen  Ligurien  begrenzt. 3)  —  So  sehr  diese  Region  alle  übrigen 
an  Gröfse  überragt,  steht  sie  an  Städten  zurück.  Sie  zählt  deren 
einige  zwanzig  wie  die  achtmal  kleinere  fünfte,  halb  so  viel  wie 
die  fünfmal  kleinere  sechste.  Freilich  entfalten  diese  Städte  mit 
ihren  ausgedehnten  Feldmarken  eine  Lebenskraft,  von  der  man  in 
Umhrien  und  Picenum  nichts  wufste.  Nördlich  vom  Po  standen  der 
Schöpfung  von  Grofsgemeinden  keine  Schranken  hemmend  im  Wege. 
Aber  die  Erfolge  dieses  Verfahrens  treten  in  der  zehnten  Region 
früher  zu  Tage  als  in  der  elften.  Der  Glanz  welcher  in  der  Kaiser- 
zeit über  dem  italischen  Norden  liegt,  strahlt  zunächst  von  Venetien 
aus.  Es  war  mehrere  Jahrhunderte  früher  als  die  Transpadana  den 
Einwirkungen  der  Cultur  geöffnet  gewesen,  hatte  römische  Sprache 
und  Sitten  früher  und  gründlicher  sich  angeeignet  (l  492).  Es  war 
auch  von  Natur  weit  günstiger  gestellt  als  jene:  nicht  nur  durch 
die  Nähe  der  See  und  die  vielfachen  Anregungen,  welche  der  See- 
handel mit  sich  brachte,  sondern  auch  durch  sein  Verhältnifs  zum 


1)  Paul.  h.  Lang.  II  14  Fenetiae  etiam  Histria  conectitur  et  utraeque  pro 
iina  provincia  liabentur. 

2)  Paul.  h.  Lang.  II  14  Fenetia  enim  non  soluin  in  paucis  insulis  quas 
7iunc  l  nnetias  dicimus  conslat,  sed  eins  terminus  a  Pannoniae  ßnibus  usque 
yldduam  fluvium.  protelatur. 

3)  Paul.  h.  Lang.  II  14  Bist.  misc.  XV  7  XVI  1. 


§  1.     Die  Cenomanen.  195 

Binnenland.  In  der  ganzen  Alpenkette  von  Westen  aus  gerechnet 
kommt,  wenn  man  von  der  Küstenslrafse  absieht,  kein  einziger  Pafs 
an  Leichtigkeit  dem  Brenner  gleich;  noch  bequemer  als  der  Brenner 
sind  die  Uebergänge  nach  Pannonien  (I  150).  Derart  trug  zur  Blüte 
der  venetischeo  Seestädte  ein  grofses  reiches  Hinterland  bei  das 
den  transpadanischen  fehlte.  Erst  nachdem  der  Schwerpunct  der 
Vertheidigung  gegen  die  Angrifle  der  Germanen  sich  an  die  obere 
Donau  verschob,  hat  Mailand  kraft  seiner  centralen  Lage  Padua 
Verona  und  Aquileia  den  Bang  abgewonnen.  —  Wir  theilen  den 
Stoff  nach  den  oben  genannten  Völkern  in  vier  Abschnitte:  im 
Ganzen  genommen  stimmen  die  Völkersitze  mit  der  natürlichen 
Gliederung  des  Landes  überein.  i) 

§1.     DieCeuomanen. 

Nach  der  keltischen  Wandersage  hat  Etitovius  die  Cenomani 
über  den  M.  Gen^vre  geführt.^)  Ihr  Name  kehrt  in  der  alten  Hei- 
mat bei  einem  Stamm  der  Aulerker  in  der  Gegend  von  Le  Mans 
wieder.3)  Von  den  Schriftstellern  wird  er  in  engerem  und  weiterem 
Sinne  gebraucht.  In  engerem  Sinn  bezeichnet  er  den  leitenden 
Gau  dessen  Hauptstadt  Brixia  war  4)^  ähnlich  wie  Insubrer  die  Stadt 
Mediolanium  (S.  179),  in  weiterem  Sinn  den  Bund  an  dessen  Spitze 
dieser  Gau  stand.  Der  Bund  befafste  im  Allgemeinen  das  Gebiet 
zwischen  Venetern  und  losubrern  oder  von  der  Adda  bis  zur  Etsch; 
im  Einzelnen  mag  sein  Umfang  starken  Schwankungen  unterworfen 
gewesen  sein.  Ptolemaeos  rechnet  im  Westen  Bergomum  (S.  189) 
und  Cremona  dazu,  letzteres  auch  wie  es  scheint  Plinius.^)     Allein 

1)  Quellen:  Pol.  II  17,5  18,3  23,2  24,7  Strab.  V  212—218  Mela  !I  59—63 
Plin.  111  126—138  Ptol.  III  1.21—28  Paul.  li.  Lang.  II  14;  CIL.  V  p.  Ifg.  Pais 
suppl.  p.  7fg:.  C.  Pauli,  Allitalische  Forschungen  III,  die  Veneter  und  ihre 
Schriftdenkmäler,  Leipzig  1891.  —  lieber  österreichische  Karten  vgl.  S.  162. 
Von  der  italienischen  Generalstabskarte  liegen  vor  Bl.  9.  11 — 14.  20 — 22. 
24—26.  35—37.  39.  40.  47—53.  61—65.  73—77.  89. 

2)  Pol.  II  17,4  Liv.  V  35.1.  Poiybios  II  17,4  23,2  24,7  32,4  braucht  die 
Form  rotofidvoi,  Diod.  XXIX  14  Stiab.  V  216  Ptol.  III  1,27  Kevofiavoi.  Kel- 
vins Cinna  Gell.  XIX  13,5  Genumana  per  salicla. 

3)  Caes.  b.  Gall.  VII  75  Plin.  IV  107  Ptol.  II  8,8.  Nach  Cato  bei  Plin.  III  130 
ist  der  Stammsitz  der  italischen  Cenomanen  in  der  Nähe  von  Massilia  gewesen. 

4)  Liv.  XXXII  30  Brixia  Caput  gentis.  Die  römischen  Hülfstruppen  heifsen 
XXI  25  ßrixiani,  eb.  55  Cenomani. 

5)  Ptol.  111  1,27  Plin.  111  130.  ßergomum  wird  auch  später  zur  venetischen 
Region  gerechnet  S.  194. 

13* 


196  Kapitel  Hl.     Venetia  und  Histria. 

aus  der  Kriegsgeschichte  erhellt  dafs  der  untere  Lauf  des  Ollius^) 
Oglio  223  V.  Chr.  Insubrer  und  Cenomanen  trennte.2)  Im  Osten 
gehört  Verona  den  letzteren,  sie  sind  auch  die  Etsch  erobernd  vor- 
gedrungen (1  479).  Die  Geschichte  des  Stammes  beschränkt  sich 
auf  seine  Waifengemeinschaflt  mit  Rom;  in  den  langen  Kämpfen 
welche  seit  225  v.  Chr.  das  letzte  Viertel  des  Jahrhunderts  aus- 
füllen, hat  er  gegen  seine  kellischen  Landleute  gefochten. ^j  Nach 
der  Niederlage  Hannibals  scheint  auch  bei  ihm  das  Nationalgefühl 
erwacht  zu  sein  und  Freiwillige  in  die  Reihen  der  Insubrer  getrieben 
zu  haben;  aber  die  Regierung  hielt  an  der  römischen  Freundschaft 
fest.^)  Während  des  nachfolgenden  Friedens  machte  die  Gesittung 
rasche  Fortschritte,  bis  die  Unterwerfung  der  Alpen  15  v.  Chr.  den 
Städten  einen  grofsen  Zuwachs  an  Gebiet  und  einen  entsprechen- 
den Aufschwung  des  Verkehrs  brachte. 

Die   Lage   der  Hauptstadt  schildert  CatuU  ■'')   mit  den  Worten: 

Brixia  Cycneae  siipposüa  speculae, 
fuwos  quam  molli  praemrrü  flumine  Mella, 

Brixia  Veronae  niater  amata  meae. 
Sie  lehnt  sich  an  die  Vorhühen  der  Alpen  an,  wird  im  Norden 
von  dem  Castell  (245  ni)  der  alten  Arx  (Cycnea  specula)  überragt, 
geht  nach  Westen  und  Süden  auf  ebenen  Boden  (140  m)  über. 
Die  Mella  (liefst  2  km  von  ihren  Mauern  westlich  entfernt  vorbei, 
den  alten  Namen  bewahrend.*»)  Die  Gründung  wird  übereinstimmend 
den  Kelten  zugeschrieben.')  Der  Name  Brixia  (in  langobardischer 
Zeit  bei  Paulus  Brexia,  jetzt  Brescia)  wiederholt  sich  u.  a.  in  Bri- 
xellum  am  südlichen  Ufer  des  Po  (Kap.  IV  2)  und  der  Völkerschaft 
der  Brixentes  Brixen   in  Tirol.     Es   war  die   einzige  Stadt  in  dem 


1)  Plin.  II  224  III  IIS.  131  Geogr.  Rav.  IV  36. 

2)  Die  Römer  ziehen  sich  von  der  Addamündung  ostwärts  in  der  Richtung 
der  späteren  Via  Poslumia  über  einen  Flufs  in  das  Gebiet  der  Cenomanen 
zurück.  Poiybios  II  32,4  nennt  den  Flufs  Klovaiov  Tab.  Peut.  Cleusis  Geogr. 
Rav.  IV  36  Clesus  jetzt  Ghiese,  überträgt  also  augenscheinlich  auf  den  Haupt- 
flufs  den  Namen  des  nicht  viel  kürzeren  Nebenflusses  (I  189):  ob  irrtümlich 
oder  einem  allen  Sprachgebrauch  folgend,  ist  nicht  zu  entscheiden. 

3)  Pol.  II  23.  24.  32  Strab.  V  216  Liv.  XXI  25.  55. 

4)  Liv.  XXXI  10  XXXII  30  XXXIII  23  XXXIX  3  Diod.  XXIX  14. 

5)  Cat.  67,32  mit  falscher  Lesung  percurrit  flumme  Mella,  Gluver  It.  ant. 
412  verbessert  sie. 

6)  Verg.  Georg.  IV  278  dazu  Schol.  Geogr.  Rav.  IV  36. 

7)  Liv.  V  35,1  Justin  XX  5,8. 


§  1.     Die  Cenomanen.  197 

Landstrich  zwischen  Oglio  und  Mincio  i):  in  Folge  dessen  wurden 
bei  der  Verleihung  latinischen  Rechtes  89  v.  Chr.  sämmtliche  Dorf- 
schaften dieser  Gemeinde  einverleibt.  Augustus  siedelte  eine  Colonie 
an,  die  nach  Aussage  ihres  Namens  colonia  civica  Augusta  Brixia 
nicht  dem  Heer,  sondern  der  bürgerlichen  Bevölkerung  entstammte.^) 
Wir  erfahren  dafs  derselbe  Kaiser  und  sein  Sohn  Tiberius  die 
Colonie  mit  Trinkwasser  versorgten:  auch  das  heutige  ßrescia  wird 
in  der  Güte  und  dem  Reichtum  seiner  Quellleitungen  vun  keiner 
italienischen  Stadt  aufser  von  Rom  übertroffen.  —  Den  unmittel- 
baren Anlafs  zur  Verstärkung  des  Romertums  scheint  die  Eroberung 
der  Alpenlhäler  gewährt  zu  haben.  Die  Bewohner  derselben,  der 
euganeischen  oder  raetischen  Nation  zugerechnet,  erhielten  latinisches 
Recht  und  eine  gewisse  Selbstverwaltung,  wurden  aber  der  Hoheit 
von  Brixia  unterstellt.  Dies  gilt  von  den  Camunni  deren  Name  im 
Val  Camonica  fortlebt  3):  der  Oglio  durchströmt  das  Thal  in  einer 
Länge  von  81  km  um  alsdann  in  den  lacus  Sebinus*)  Iseo  See 
(I  189)  einzumünden.  Die  Camunni  werden  in  der  Siegesinschrift 
von  Tropaea  (S,  138)  7/6  v.  Chr.  aufgeführt.  —  Ebenso  die  Trum- 
flini  im  Thal  der  Mella  das  noch  jetzt  Val  Trompia  heifst.^)  In 
Betreff  der  letzteren  wird  berichtet,  sie  wären  mitsammt  ihrem  Ge- 
biet verkauft  worden.  Dies  ist  jedoch  nicht  buchstäbhch  zu  nehmen, 
da  nach  den  Inschriften  ein  Gemeinwesen  des  Namens  fortbesteht, 
auch  vereinzelt  eine  in  demselben  ausgehobene  Cohorle  vorkommt.^) 
—  Einen  dritten  Canton  die  Sabini  im  Thal  des  Chiese  Val  Sabbia 
lernen  wir  allein  aus  Inschriften  kennen.")  Der  Ort  Idro  der  dem 
kleinen  vom  Chiese  durchflossenen  See  (I  189)  den  Namen  verleiht, 
scheint  im  Altertum  Edrum  geheifsen  zu  haben. S)  —  Ein  vierter 
zu  Brixia  gehöriger  Canton  sind  die  Benacenses  am  westlichen  Ufer 


1)  Liv.  XXXII  30  schickt  der  Gonsul  197  v.  Chr.  in  vicos  Cenomanorum 
Brixiamque  quod  Caput  gentis  erat. 

2)  CIL,  V  4212.  4309  vgl.  Momnisen  a.  0.  p.  439  Pais,  suppl.  1273.    Brixia 
war  in  die  von  Augustus  begünstigte  Tribus  Fabia  (Suet.  40)  eingetragen. 

3)  Dio  UV  20.     Nach  Cato  bei  Plin.  III  134  Euganeer,  nach  Strabo  IV  206 
Piaeter.     CIL.  V  p.  519  über  die  Rechtsstellung.     Pais  suppl.  1284. 

4)  Plin.  II  224  111  131,   die  Lesung  schwankt  Sevinnus  Sevinus  Sebinnus. 

5)  Plin.  III  134.  136  CIL.  V  p,  515.    Nach  den  Inschriften  steht  als  Namens- 
form Trumplini  oder  Tnumpilini  fest. 

6)  Allein  bezeugt  CIL.  V  4910. 

7)  CIL.  V  p.  512. 

8)  Wie  Cluver  p.  108  aus  CIL.  V  4891  schliefst. 


198  Kapitel  III.     Venetia  und  Histria. 

des  Benacus;  sie  hatten  zahlreichen  Inschriften  zufolge  in  Toscolano 
den  Sitz  ihres  Gemeinwesens. 9  —  Etidlich  kommt  ein  fünfter  Canton 
dessen  Namen  wir  nicht  kennen,  am  nördlichen  Seeufer  und  im 
Sarcalhal  hinzu:  in  Riva  dem  natürlichen  Hafen  für  die  obere 
Hälfte  des  Sees  wird  eine  Gilde  der  Schiffer  von  Brixia  erwähnt.2) 

Obwol  eine  scharfe  Bestimmung  der  Grenzen  nicht  möglich  ist, 

ersieht  man  doch  dafs  das  Stadtgebiet  von  Brixia  100  d.  D  M.  oder 
darüber  befafste:  ein  Flächeninhalt  der  von  keiner  andern  Stadt 
Italiens  erreicht  wird.  Nichtsdestoweniger  zählte  sie  nur  zu  den 
Städten  zweiten  Ranges  wie  Mantua  Bergomum  Comum,  kam  weder 
Verona  noch  Mailand  gleich.'^)  Der  Grund  hierfür  ist  durch  ihre 
ungünstige  Verkehrslage  gegeben.  Die  nach  Norden  laufenden 
Alpenthäler  führen  zu  keinem  leichten  oder  bequemen  Pafs:  vom 
Oglio  aus  gelangt  man  an  den  M.  Tonale  (1875  m)  oder  durchs 
Velllin  an  das  Stilfser  Joch  (2797  m),  die  beide  unseres  Wissens 
von  den  Alten  nicht  begangen  worden  sind  (I  163),  vom  Chiese 
aus  auf  langem  Umweg  nach  Trient  an  die  Brenn erstrafse.  Im 
Altertum  waren  die  grofsen  Verkehrslinien  nach  Süden  auf  Rom  zu 
gerichtet.  Wol  lief  eine  Reichslrafse  von  Mailand  über  Bergomum 
und  Brixia  nach  Verona  —  Brixia  ist  von  Bergomum  32,  von  Verona 
42  Millien  entfernt^)  —  aber  sie  ist  erst  seit  der  letzten  Hälfte  des 
dritten  Jahrhunderts  von  den  Kaisern  hergestellt  und  damit  als  eine 
Hauptverbindung  betrachtet  worden.  In  Folge  davon  schweigt  die 
Litteratur  von  der  Stadt.  —  Freilich  genügen  die  Denkmäler  für 
den  Nachweis  dafs  sie  zur  Römerzeit  ein  reiches  blühendes  Leben 
entfaltete.  Bauwerke  treten  weniger  zu  Tage,  weil  der  heutige 
Boden  sehr  ansehnlich  erhöht  ist.  Man  unterscheidet  ein  Theater, 
mehrere  Kirchen  sind  über  ehemaligen  Tempeln  errichtet.  Am 
Meisten  fällt  ein  dreizelliger  Tempel  am  Abhang  der  Arx  in  die 
Augen  der  1822  fg.  aufgedeckt  wurde.  Die  bei  diesen  Ausgrabungen 
gefundene  schöne  Victoria  aus  Erz  kündet  in  stummer  Weise  den 
Kunstsinn  der  Brixianer.  Gesprächiger  sind  die  überaus  zahlreichen 
Inschriften, ')  Wir  hören  dafs  die  Bürgerschaft  zur  Tribus  Fabia 
gehörte,  wie  üblich  von  Duovirn  regiert  wurde,  den  Cultus  der  ver- 


1)  CIL.  V  p.  507.  1080. 

2)  CIL.  V  p.  524,  Pais  suppl.  p,  89. 

3)  Strab.  V  213. 

4)  It.  Ant.  127  Hier.  558  Tab.  Peut.  CIL.  V  p.  9421g. 

5)  CIL.  V  p.  426.  1079  Pais  suppl.  p.  87.  243.  Kaibel  inscr.  Gr.  2302 fg. 


§  1.     Die  Cenomanen.  199 

götterten  Kaiser  eifrig  pflegte.  Wir  hören  von  mancherlei  Zünften, 
z.  B.  Filzmachern  (lanarii  coaclores)  Wollkrämplern  (lanarii  pecti- 
narii)  Apothekern  (pharmacopolae  publici),  auch  von  einer  jüdischen 
Gemeinde.!)  Am  Bemerkenswertesten  ist  das  lange  Fortwirken 
der  keltischen  Nationalität,  die  sich  in  den  Eigennamen  und  be- 
sonders im  Gottesdienste  äufsert:  nicht  nur  begegnen  Mercur  und 
die  Matronen  in  den  Weihungen ,  sondern  ganz  unbekannte  Gott- 
heiten wie  Bergimus  (S.  189)  und  Alus  oder  Dens  Alus  Saturnus. 
Auch  ist  die  einheimische  Sprache  noch  in  römischer  Zeit  geschrieben 
worden  (I  479).  Unter  den  Langobarden  Sitz  eines  Herzogs,  im 
Mittelalter  kraftige  Freistadt  hat  Brescia  den  ihm  gebührenden  Rang 
allzeit  behauptet. 

Die  Gunst  der  Verkehrslage  kam  seinen  Nachbarn  im  Osten  und 
Süden  zu  statten.  Den  besiegten  Insubrern  nahmen  die  Römer 
den  Landstrich  zwischen  Po  Oglio  und  der  untern  Adda  ab  um  Cre- 
tnona  (47  m)  zu  gründen,  das  auch  in  den  Kämpfen  der  Hohen- 
staufen  seine  ererbte  Feindschaft  gegen  Mailand  bethätigt  hat.  Der 
Name  sieht  keltisch  aus  und  ist  möglicher  Weise  einer  bereits  be- 
stehenden Ortschaft  entlehnt.2)  Placentia  und  Cremona  wurden 
218  V.  Chr.  bei  Ausbruch  des  hannibahschen  Kriegs  in  grofser  Eile 
angelegt  3)  als  Colonien  latinischen  Rechts^)  mit  je  6000  Mann  Be- 
satzung. Ihre  Aufgabe  war  die  Polinie  zu  decken  und  die  Ver- 
bindung zwischen  Insubrern  und  Boiern  zu  zerreifsen.^)  Sie  haben 
der  Aufgabe  in  dreifsigjährigen  Kämpfen  vollauf  genügt,  wenn  auch 
unter  so  schwerer  Einbufse  dafs  190  v.  Chr.  6000  Familien  zum 
Ersatz  in  die  beiden  Städte  gesandt  werden  mufsten.*^)  Cremona 
war  ein  Knotenpunct  des  römischen  Strafsennetzes:  hier  mündete 
die  148  v.  Chr.  erbaute  von  Genua  aus  122  Millien  lange  via 
Postumia  (S  144)  ein  und  setzte  sich  alsdann  über  Mantua  ostwärts  bis 


1)  CIL.  V  4411  Coeliae  Paternae  malri  synagogae  Brixianorum. 

2)  Strab.  V  247  App.  Hann.  7  KQBfioiv,  Strab.  V  216  Pol.  III  40,5  u.  A. 
KQSficövri,  Ptol.  III  1,27  KQeutovia.  Der  Name  erinnert  an  Cremonis  iugum 
(I  147). 

3)  Pol.  III  40  Liv.  XX  XXI  25  Vell.  I  14  Tac.  Hist.  I!I  34. 

4)  Liv.  XXVII  10  XLIV  40. 

5)  Liv.  XXXI  48  velut  clauslra  ad  cohibendos  Galileos  tumuUus  oppo- 
sitae  Tac.  Hist.  III  34  (Cremona)  condita  erat  .  .  .  propugnaculum  adversus 
Gallos  trans  Padurn  agentes  et  si  qua  alia  vis  per  Alpes  rueret. 

6)  App.  Hann.  7  Liv.  XXVII  10  XXVIII  11  XXXI  10.  21  XXXIV  22  XXX VII 
46.  47. 


200  Kapitel  111.     Venelia  und  Histria. 

A<|iiili'ia  fort');  <lie  jüngeren  Reisebücher  verzeichneo  eine  von  Mai- 
land ül)er  Laus  Acerrae  kommende,  sowie  eine  über  Brixelliim 
Regium  Mulina  nach  Roiionia  gebende  Strafse.2)  —  Eine  vielbesuchte 
Herbstmesse  wurde  und  wird  noch  heutigen  Tages  in  Cremona  ab- 
gehahen. ')  An  der  Verbreitung  romischer  Cultur  nahm  es  hervor- 
ragenden Antheil;  seine  Bildungsanstalten  wurden  von  der  Jugend 
benachbarter  Städte  aufgesucht. 4)  Durch  dasjulische  Gesetz  90  v.Chr. 
in  den  Bürgerverband  und  die  Tribus  Aniensis  aufgenommen,  wurde 
Cremona  sei  es  wegen  seiner  INeutralitäi  nach  Caesars  Tode,  sei 
es  wegen  seiner  Parteinahme  für  die  Republik,  den  Veteranen  der 
Triumvirn  41  v.  Chr.  ausgeliefert^)  und  führt  fortan  den  Titel 
Tolonie.*)  In  der  Kaiserzeit  galt  es  als  eine  reiche  grofse  und 
glänzende  Stadt:  die  schweren  Goldgeräte  der  Tempel,  die  hohen 
die  Mauer  überragenden  Häuser,  die  anmutigen  Villen  vor  den 
Thoren  legten  davon  Zeugnifs  ab.')  Die  Herrlichkeit  ward  von  dem 
Strudel  des  Bürgerkriegs  69  n.  Chr.  verschlungen.  Die  strategische 
Wichtigkeit  des  Platzes  forderte  im  Frühjahr  den  Angriff  der  Rhein- 
armee des  Vitellius,  im  Herbst  den  Angriff  der  Donauarmee  des 
Vespasian  heraus.  In  der  Nähe  wurden  die  beiden  Schlachten  ge- 
schlagen, welche  den  Thron  des  Otho  wie  den  des  Vitellius  stürzten. 
Nach  der  letzten  Schlacht  erstürmten  dieVespasianer  Ausgang  October 
die  Stadt,  die  Soldateska  schwelgte  in  Raub  und  Mord  und  Brand. 
Vier  Tage  lang  dauerte  es,  bis  die  Flamme  alle  Gebäude,  den  vor- 
städtischen Tempel  der  Melitis  ausgenommen,  zerstört  hatte.  „Dies 
war  das  Schicksal  Cremona's  —  fügt  Tacitus  hinzu  —  im  286.  Jahre 
seines  Bestehens.  Es  war  unter  dem  Consulat  des  Tib.  Sempronius 
und  l\  Cornelius  da  Hannibal  Italien  bedrohte,  gegründet  worden 
als  Bollwerk  gegen  die  transpadanischen  Gallier  und  sonstigen  über 
die  Alpen  einbrechenden  Angrifl'.  So  wuchs  es  heran  und  blühte 
durch  die  Menge  der  Ansiedler,  die  günstige  Flufslage,  die  Frucht- 
barkeit seines  Gebiets,  durch  Verkehr  und  Verschwägerung  mit  den 


1)  CIL.  V  8U45.  7749,8  fg.  p.  827.  Pais  suppl.  125.  Tac.  Hist.  III  21. 

2)  Tab.  Peul.  II.  Ant.  283. 

3)  Tac.  Hist.  III  30  magna  pars  llaliae  slato  in  eosdem  dies  [Ende  Oclober 
ti9  n.  Chr.]  mercatu  congregata  vgl.  c.  32. 

4)  Leben  Vergils  Suet.  p,  55  ReifT. 

5)  Probus  zu  V.  Ecl.  p.  6  Keil  Servius  Vorr.  zu  Bucol.  u.  Aeneis. 

6)  Plin.  III  130  Tac.  Hist.  111  19.  32  Ptol.  III  1,27  Feldm.  p.  30.  170  Lachm. 

7)  Slrab.  V  216  Plut.  Otlio  7,1  Tac.  Hist.  111  30  fg.  Dio  LXV  15. 


§  1.     Die  Cenomanen.  201 

umwohnenden  Vülkerschaften,  von  äufseren  Kriegen  unberührt,  im 
Bürgerkrieg  vom  Glück  verlassen."  Wol  ist  die  Stadt  nach  jenen 
Schreckenstagen  wieder  aufgebaut  worden,  aber  die  spärhche  Zahl 
der  erhaltenen  Inschriften  deutet  an,  dafs  der  ehemahge  Wolstand 
nicht  zurückkehrte.  1)  Später  wurde  sie  603  von  den  Langobarden 
dem  Erdboden  gleich  gemacht.^)  Die  Kämpfe  des  Mittelalters,  das 
Fehlen  von  Haustein  erklären  warum  antike  Ruinen  vermifst  werden. 
Das  Gebiet  von  Cremona  läfst  sich  zwar  nicht  genau  um- 
schreiben, mufs  aber  zuletzt  mindestens  einige  20  d.  D  M.  enthalten 
haben,  da  es  die  ganze  Niederung  zwischen  Adda  (S.  192)  und  Ogho 
befafste  und  41  v.Chr.  auf  Kosten  Mantua's  bedeutend  erweitert  wurde. 
Für  die  Zeit  der  Gründung  nahmen  wir  (S.  108)  einen  geringeren 
Umfang  an.  —  Die  Zwillingstadt  Placentia  ist  auf  der  Via  Fostumia 
20  Millien  entfernt;  ob  letztere  mittelst  einer  festen  Brücke  den 
Po  bei  Cremona  überschritt,  wird  nicht  überliefert.  Der  Poübergang 
bei  Brixellum  ist  30,  derjenige  bei  Hoslilia  63  Millien  von  Cremona 
entfernt;  ferner  nach  Norden  Brixia  34  Millien. 3)  Die  Via  Postumia 
nimmt  in  den  Kämpfen  des  Vierkaiserjahres,  die  Tacitus  nicht  ohne 
arge  Flüchtigkeiten  schildert  4),  eine  wichtige  Stelle  ein.  Die  Be- 
wegungen der  Heere  waren  um  so  mehr  an  sie  gebunden,  als  die 
anstofsende  Niederung  dem  Durchmarsch  vielfach  Schwierigkeiten 
bereiten  mufste.^)  Am  12.  Meilenstein  bei  Cremona  lag  im  Walde 
ein  Tempel  des  Castort*),  am  20.  oder  nach  genauerer  Angabe  22. 
das  Dorf  Bedriacum  oder  Betriacum  unweit  des  Oglio,  das  mit  Recht 
in  der  Nähe  des  heutigen  Calvatone  (30  m)  gesucht  wird.')  Dafs  die 
beiden  Schlachten  des  April  und  October  69  n.  Chr.  nach  ihm  be- 


1)  CIL.  V  p.  413  Pais  suppl.  p.  242.      Soldaten  häufig  Eph.  ep.  V  p.  253. 

2)  Paul.  h.  Lang.  IV  28  vgl.  Zosim.  V  37,3,  Exe.  Val.  53,  Chron.  min.  I  p.  339. 

3)  Tac.  Hist.  III  27  Brixiana  porta. 

4)  Hagge,  Bemerkungen  zu  dem  Feldzuge  des  Vitellius  und  Olho,  Kiel 
1864.4.     Mommsen,  Hermes  V  161  fg. 

5)  Tac.  Hist.  III  17.  21.  23. 

6)  Tac.  Hist.  11  24  Suet.  Otlio  9  Gros.  VII  8,6. 

7)  Bedriacum  Tac.  Hist.  II  23  fg.  (an  15  Stellen)  Plin.  X  135luvenal  2,106 
Gros.  VII  8,6  Joseph,  b.  Jud.  IV  9,9;  Betriacum  Suet.  Gtho  9  Vit.  10.  15Vesp.  5 
Plut.  Gtho  8.  11.  13  Eutrop.  VII  17  Aur.  Viel.  ep.  15;  Velriacum  Hieron.  ehr.  p. 
157  Schoene;  Brediaco  Geogr.  Rav.  IV  30;  Beloriaco  Tab.  Peut.;  Bebriacum 
Schol.  Juv.  2,99.  106.  Der  Sclioliast  giebt  die  Entfernung  zu  20,  die  Reise- 
karte zu  22  Millien  von  Crcmona  an.  Inschriften  aus  Calvatone  CIL.  V  p.  411 
Pais  suppl.  p.  86.  243. 


202  Kapitel  III.     Venelia  und  Histria. 

naiint  sind,  erklärt  sicli  aus  der  strategischen  Lage  des  Ortes,  der 
zwei  StralseDübergänge  über  den  Oglio  beherrschte.  Von  der  Via 
Poslumia  die  nach  dem  40  Millien  entfernten  Hostilia  führte,  zweigte 
hier  nämlich  eine  ebenfalls  40  Millien  lange  Strafse  nach  Verona 
ab:  auf  ihr  rückten  die  Donaulegionen  gegen  Cremona  an.*) 

Bei  Cremona  beginnen  die  fortlaufenden  Deiche  welche  die 
Flufsufer  bewohnbar  machen.  Auf  ihre  erste  Anlage  durch  die 
Eingeborenen ,  ihren  weiteren  Ausbau  durch  die  Römer  fällt  kein 
Strahl  der  Ueberlieferung  (I  208  fg.).  Die  eigentümlichen  Formen 
der  Ansiedlung  welche  dies  Sumpfland  ins  Leben  rief,  treten  in 
Mantua  (20  ni)  anschaulich  entgegen. 2)  Gleichwie  die  Bewohner 
der  Alpen  um  der  Sicherheit  willen  ihre  Dorfer  auf  Pfahlgerüsten 
in  den  Seen  anlegten,  haben  die  allen  Elrusker  eine  Insel  ausge- 
sucht die  nach  Westen  Norden  und  Osten  durch  seeartige  Erwei- 
terungen des  Mincius  3),  im  Süden  durch  Sümpfe  gedeckt 
propter  aquam,  tardis  ingens  ubi  ßexihus  errat 
Mincius  et  tenera  praetexit  harundine  ripas, 
und  nur  durch  lange  Holzbrücken  zugänglich  war.  Die  Festigkeit 
gab  für  die  Wahl  des  Ortes  den  Ausschlag,  bewirkte  auch  dessen 
Fortbestand  bis  auf  die  Gegenwart  herab  (I  182)  allen  Fiebern 
und  allen  Nachtheilen  der  Verkehrslage  zum  Trotz.  In  den  Kriegen 
des  Altertums  wird  die  Festung  nicht  erwähnt.  Es  wäre  wenig 
von  ihr  zu  sagen,  wenn  nicht  Vergil  ihren  Namen  der  Vergessen- 
heit entrissen  hätte.  Den  etruskischen  Ursprung  feiert  er  in  den 
Versen  *): 

nie  etiam  patriis  agmen  ciet  Ocnus  ab  oris, 
fatidicae  Mantus  et  Tusci  filius  amtiis, 
qui  muros  matrisque  dedit  tibi  Manttia  nomen 
(Mantua  dives  avis,  sed  non  genus  omnibus  unum : 
gens  Uli  triplex,  populi  sub  gente  quaterni, 
ipsa  Caput  populis,  Tusco  de  sanguine  vires). 
Dem  Dichter  scheint  die   regelmäfsige  Anlage  seiner  Vaterstadt 


1)  Tac.  HisU  III  15  II  23  B.  itiler  Feronam  Cremonamque  situs  est  vicus 

2)  Slrab.  V  213  Plin.  111  130  Ptol.  III  1,27  CIL.  V  p.  406.  1078  Pais  suppl. 
p.  85. 

3)  Strab.  IV  209  Plin.  II  224  Hl  118.  131  IX  75  Liv.  XXIV  10  XXXII  30 
Verg.  Ecl.  7,13  Georg.  III  15  Aen.  X  206  Sidon.  Ap.  ep.  I  5,4  pigrum  Mincium 
Claudian  epilii.  Pall.  107  avine  quieto. 

4)  V.  Aen.  X  198fg.  mit  Scliol. 


§  l.     Die  Genomanen.  203 

die  wie  andere  alte  Grüadungen  durch  das  Netz  von  Decumani  und 
Kardines  in  3  Drittel,  jedes  zu  4  Quartieren  zerfallen  sein  wird, 
vorgeschwebt  zu  haben.  Der  Name  mag  von  dem  etruskischen 
Todtengott  Mantus  abgeleitet  sein.  Indessen  ist  uns  nicht  gestattet 
bei  den  Lösungsversuchen  zu  verweilen,  zu  denen  alte  und  neue 
Erklärer  durch  jene  Rätselworte  aufgefordert  worden  sind.  So  sehr 
auch  der  Ort  geeignet  war  die  Erinnerungen  der  Vergangenheit  zu 
pflegen,  hat  doch  lange  vor  der  Geburt  Vergils  romische  Art  ihren 
Einzug  gehalten.  Wenn  nicht  alles  trügt,  haben  die  Römer  in  den 
grofsen  Keltenkriegen  des  3.  Jahrhunderts  diese  uneinnehmbare 
Festung  durch  eine  Riirgercolonie  in  Resitz  genommen.')  Sie  ge- 
hörte zur  Tribus  Sabatina.  Die  Einziehung  der  Cremoneser  Feld- 
mark 41  V.  Chr.  verurtheilte  sie  zur  Mitleidenschaft:  Mantua  vae 
miserae  nimium  vicina  Cremonae.  Nach  verschiedenen  VVechselfällen 
wurde  der  gröfsere  und  bessere  Theil  ihres  Gebiets  der  benach- 
barten Veteranencolonie  zugesprochen.  Ein  Jahrzehnt  später  widmete 
ihr  Vergil  die  schöne  Schilderung  2J: 

et  qualem  infelix  amisit  Mantua  campum 

pascentem  niveos  herboso  flumine  cycnos: 

non  liquidi  gregibus  fontes,  non  gramina  derunt; 

et  quantum  longis  carpent  armetita  diebus, 

exigua  tantiim  gelidus  ros  nocte  reponet. 
Der  vom  Dichter  genannte  Flufs  ist  der  Mincio:  nach  den 
Erklärern  wurde  die  Grenze  um  15  Millien  bis  in  die  unmittel- 
bare Nähe  der  Stadt  zurückgeschoben.'^)  Damit  stimmt  die  durch 
ihr  Alter,  nicht  durch  Urkunden  verbürgte  örtliche  Ueberlieferung 
welche   den    Geburtsort   Vergils  Andes  in  dem  2  Millien  südöstlich 


1)  In  den  Annalen  steht  das  nicht:  viele  Gründungen  fehlen  in  unserer 
lückenhaften  Ueberlieferung,  deren  Dasein  unzweifelhaft  bezeugt  ist.  Dagegen 
wird  214  v.Chr.  aus  .Mantua  ein  Prodigium  berichtet  (Liv.  XXIV  10),  was  be- 
kanntlich nur  aus  Bürgergemeinden  geschieht.  Ferner  vermag  ich  mit  Cluver 
p.  256  das  17.  Gedicht  Catulls  o  colonia  quae  cupis  ponte  ludere  longo 
schlechterdings  auf  keine  andere  Stadt  zu  beziehen.  Der  Titel  wird  unge- 
wifs  wann  durch  Augustus  beseitigt:  CIL.  V  4059  nennt  noch  Duovirn.  Endlich 
verdient  Erwähnung  dafs  der  Keltenkrieg  197  v.  Chr.  am  Mincio  spielt  Liv. 
XXXU  30,  sowie  dafs  Polybios  unter  dem  J.  201  oder  200  der  Stadt  als 
einer  römischen  gedenkt  XVI  40,7:  übrigens  giebt  die  neuere  Geschichte  für 
Mantua's  militärische  Bedeutung  Belege  in  Fülle. 

2)  V.  Georg.  II  198 fg.  vgL  Ecl,  9,27 fg.  Aen.  XI  458. 

3)  Serv.  V.  EcL  9,7 fg.  Donat  praef.  buc.  p.  5  Müller. 


204  Kapitel  III.     Venetia  und  Histria. 

vun  Mantiia  gelegenen  Pietole  sucht.  •)  iNach  diesem  vernichtenden 
Sciilage  wird  das  Municipiiim  nur  von  Litteraturfreunden  erwähnt-) : 
tantum  magna  suo  debet  Verona  Catullo, 
qiumhim  parva  suo  Mantua  Vergüio; 
bis  ein  kriegerisches  Zeitalter  anhebt,  das  die  Vorlheile  seiner  Lage 
zu  erneuter  Geltung  bringen  sollte.'*)  Antike  Bauwerke  sind  gar 
nicht,  Inschrilten  spärlich  erhalten. 

Mantua  galt  als  kleine  Stadt  gegenüber  dem  40  km  nach 
.Norden  zu  entfernten  Verona.*)  Der  Name  ist  keltisch^):  von 
IJrixia  aus  haben  die  Cenomanen  sich  des  Platzes  bemächtigt. 6) 
Aber  mit  gutem  Grund  wird  sein  Ursprung  hoher  hinauf  gerückt 
(1  479.  486).")  Die  Nachricht  dafs  das  Bergland  bei  Verona  von 
llaetern  bewohnt  war,  erhält  durch  die  Inschriften  volle  Bestätigung.^) 
—  Etwa  12  km  nordwestlich  von  Verona  liegt  der  weinberühmte 
Landstrich  Val  Policella,  in  welchem  einst  die  Octavier  begütert 
waren :  den  raetischen  Wein,  den  Auguslus  bevorzugte  (I  168),  wird 
er  aus  den  väterlichen  Besitzungen  von  hier  bezogen  haben.  Die 
eingeborene  Bevölkerung  bildete  der  von  Verona  abhängige  pagus 
Arusnatium,  der  neben  dem  neuen  Kaisercultus  den  altväterlichen 
Glauben  eifrig  pflegte;  in  den  Weihungen  begegnen  ganz  uner- 
hörte an  etruskische  anklingende  Götternamen:  Cuslanus,  Juppüer 
Felvennis,  Ihamnagalle,  Sqnnagalle,  der  raetische  Saturnus,  ferner 
unter  den  Priestertümern  ein  mannisnavins,  ein  pontifex  sacrorurn 


1)  Donat  (Suet.  p.  51  Reifi")  Hieron.  a.  Abr.  1948:  in  pago  gut  Andes 
dicilur  et  abäst  a  Mantua  7ion  procut.  Probus :  vico  Andibus  qui  abest  a 
Mantua  milia  passuum  XXX,  weil  verschrieben  für  III;  denn  es  ist  ganz  un- 
glaublich dafs  die  Feldmark  nach  irgend  einer  Richtung  und  vollends  nach 
Cremona  hin  sich  je  so  weit  erstreckt  habe.  Dante  Purg.  XVIII  82:  queW 
ombra  genlil,  per  cid  si  noma  Pietola  piii  che  viila  Ma?itovana. 

2)  Martial  XIV  195  I  61  Ovid  Am.  III  15,7  Stat.  Silv.  IV  2,9  Sil.  It.  VIII 
593  Auson.  Mos.  .375  Paul.  h.  Lang.  II  23. 

3)  Chron.  min.  I  p.  339.  Prokop  b.  Goth.  HI  3  Paul.  h.Lang.  II  14  IV  28. 

4)  Scipione  MalTei ,  Verona  illustrata,  4  voll.  fol.  und  8.,  V.  1731  (Opere 
IV— VIII,  Venezia  1790  und  andere  Ausg.).  CIL.  V  p.  327. 

5)  Strab.  IV  206  V  213  Ovr,Qa>v,  Prokop.  b.  Goth.  II  29  III  3  IV  26.  33 
Beqoivri.  vgl.  die  keltischen  B^qwves  Str.  III  158.  162  b.  Alex.  53  Ptol.  II  6,55 
Liv.  fr.  XCI  und  die  zahlreichen  mit  Fero  oder  Firo  anhebenden  keltischen 
Ortsnamen. 

6)  Gatull.  67,34  Liv.  V  35,1  Justin  XX  5,8. 

7)  Plin.  III   130. 

8)  Strab.  IV  206  CIL.  V  p.  390.  1077  Pais  suppl.  p.  84.  241. 


§  1.     Die  Cenomanen.  205 

Raettcorum;  ein  Gebäude  lieifsL  udisna  Angusta.  Dafs  die  Nation 
deren  Spuren  wir  in  diesen  Spracliresten  wahrnehmen,  ehemals 
nicht  nur  die  Umgegend  sondern  auch  die  Stadt  selbst  innegehabt, 
läfst  sich  kaum  von  der  Hand  weisen.  —  Wo  die  Etsch  aus  den 
Bergen  in  die  Ebene  hinaustritt  und  ihren  Unterlauf  beginnt,  ist 
ein  natürlicher  Mittelpunct  des  Verkehrs  gegeben.  Hier  kreuzen 
sich  zwei  Hauptsfrafsen:  von  Norden  her  die  Brennerstrafse  (I  164), 
die  kürzeste  und  sicherste  Verbindung  zwischen  Po  und  Donau, 
lange  vor  der  römischen  Eroberung  begangen,  seit  15  v.  Chr.  zu 
den  Reichslrafsen  gezählt;  von  West  nach  Ost  der  Richtung  des 
Landes  folgend  der  alte  Handelsweg  der  padauischen  Völker,  der 
erst  spät  von  der  römischen  Regierung  ausgebaut  (S.  198),  nament- 
lich in  frühen  Zeiten  belebt  sein  mufste,  da  er  die  sumpfigen  Flufs- 
ufer  meidend,  die  höher  gelegenen  und  dichter  bewohnten  Gegen- 
den durchschnitt.  Zugleich  ist  dieser  Ort  von  seltener  Festigkeit: 
im  Besitz  des  Südens  die  gewiesene  Stütze  der  Vertheidigung  gegen 
den  über  die  Alpen  einbrechenden  Feind,  im  Besitz  des  Nordens 
eine  Zwingburg  für  das  zu  Füfsen  liegende  Flachland.  Die  Etsch 
bei  ihrem  Austritt  in  dasselbe  (50  m  ü.  M.)  beschreibt  einen  spitzen 
Bogen  nach  Norden  zu,  dessen  Sehne  900  m,  dessen  Höhe  1200  m 
mifst.  Der  112  m  breite  3 — 4  m  tiefe  Flufs  schützt  den  Umkreis; 
an  der  offenen  Seite  konnte  man  ohne  sonderliche  Mühe,  wie  König 
Theoderich  that,  einen  Graben  ziehen,  vom  Flufs  anfüllen  lassen 
und  derart  die  Halbinsel  in  eine  Insel  umwandeln. i)  Während  der 
Boden  nach  den  übrigen  Himmelsgegenden  eben  ist  (59  m),  treten 
im  Nordosten  beherrschende  Hügel  hart  an  den  Flufs  heran,  die 
etwa  100  m  von  seinem  Spiegel  ansteigen.  Diese  Abhänge  am 
linken  Ufer  sind  allem  Anschein  nach  stets  mit  der  Insel  verbunden 
gewesen:  die  Höhe  wird  die  Arx  der  Raeter  und  Gallier  getragen 
haben,  wie  sie  später  die  Burg  Theoderichs  trug  und  gegenwärtig 
die  Castelle  der  Neuzeit  trägt. 

Verona  erhielt  89  v.  Chr.  durch  Pompeius  Strabo,  wie  es  heifst^) 
eine  Colonie,  jedesfalls  latinisches  Recht.  CatuU  und  Aemilius  Macer 
haben   ihm   alsbald   einen  Namen    gemacht. 3)     Mit   dem  Vorrücken 


1)  Vgl.  I  192.  —  Sil.  It.  Vill  595  f^erona  Atesi  circumßua  Sid.  Ap.  ep. 
I  5,4  Glaudian  VI  cons.  Hon.  196  velox  Atesin.  Seine  militärische  Bedeutunsf 
Paneg.  iat.  IX  8. 

2)  Paneg.  Iat.  IX  8. 

3)  Suet.  Caes.  73  rel.  p.  39.  43  ReilT. 


206  Kapitel  DI.     Venetia  und  Histria. 

der  Iloiclisgrenze  an  die  Donau  beginnt  seine  Blüte:  Strabo  nennt 
sie  eine  grofse,  Tacitus  eine  reiche  Stadt. i)  Sie  geborte  zur  Tribus 
PobHUa  und  wurde  in  der  ersten  Kaiserzeit  mit  dem  Titel  einer 
(Kolonie  beehrt,  der  durch  Gallienus  erneuert  265  n.  Chr.  colonia 
Augusta  Verona  nova  Gallieniana  lautet. 2)  Die  Aussage  der  Schrift- 
steller wird  durch  die  Denkmäler  bestätigt:  durch  die  Zahl  der  In- 
schrilten-^)  und  noch  mehr  die  Pracht  der  Bauwerke,  welche  in 
Oberitalien  ihres  Gleichen  nicht  findet.  Für  ihre  Erhaltung  fiel  der 
Umstand  ins  Gewicht,  dal's  ein  schöner  rötlicher  Marmor  in  der 
.Nähe  bricht  —  Verona  macht  einen  stattlichen  Eindruck,  der  ge- 
krümmte reil'seude  Flufs,  die  drohenden  Hügel  deren  Fufs  er  be- 
spült, im  Vordergrund  die  wellige  Ebene,  weit  hinten  die  grauen 
Bergspitzen  umrahmen  es  in  wirksamer  Weise.  Wir  vermögen  das 
Bild  das  die  alte  Stadt  darbot,  in  seinen  Hauptzügen  uns  zu  ver- 
gegenwärtigen. Aul'  der  Höhe  des  Castel  S.  Pietro  (155  m),  wie 
vermutet  der  alten  Arx,  lag  das  Capitolium  mit  dem  Juppitertempel 
und  anderen  Heiligtümern;  am  Abhang  nahe  beim  Flufs  ein  grofses 
Theater,  das  heute  überbaut  aber  noch  kenntlich  ist.  Die  Brücke 
welche  die  Höhe  mit  der  Insel  verbindet  (Ponte  della  Pietra),  ruht 
zum  Theil  auf  antiken  Pfeilern. 4)  Als  Wahrzeichen  seiner  Gröfse 
hat  Verona  bereits  im  Mittelalter  das  am  südlichen  Ende  der  Insel 
befindliche  mit  Marmor  bekleidete  Amphitheater  (154  X  123  m 
Arena  76  X  44  m)  angesehen.  Von  den  72  Bogen  der  äufseren 
Umfassung  (480  m)  sind  nur  4  vorhanden,  die  Sitzreihen  im  Inneren 
zwar  vollständig,  aber  neueren  Ursprungs:  man  berechnet  die  Zahl 
der  Sitzplätze  auf  25  000.    Maffei  setzt  die  Erbauung,  wie  ich  glaube 


1)  Stral).  V  213  Tac.  Bist.  III  8. 

2)  Colonie  69  n.  Clir.  bei  Tacitus  a.  0.,  in  der  Censusliste  Plin.  III  130 
vou  Auguslus  als  Municipium  aufgeführt. 

3)  CIL.  V  p.  319.  1074  Pais  suppl.  p.  79.  240.  Kaibel  inscr.  Gr.  2305—13. 

4)  Liudprand  antap.  II  40  fluvius  Athesis  sicut  Tiberis  Romam  mediam 
civilatem  Vcronam  percurrit.  super  quem  ingens  marmoreus  miri  operis 
miraeque  magniludinis  pons  est  fabricalus.  a  leva  autem  parte  flumijiisy 
quae  est  aquiloneTii  versus  posita,  civitas  est  difficili  arduoque  colle  munita, 
adeo  ut  si  ea  pars  civitatis  quam  memoratiis  ßuvius  dexteram  alluit,  ab 
hostibus  capiatur,  ea  tarnen  viriliter  possit  defendi.  m  huius  vero  collis 
summitate  preciosi  operis  est  aeclesia  fabricata^  in  honore  beatissimi  Petri 
apostolorum  pvincipis  conseerata,  ubi  et  prupter  aeclesiae  amomilatem 
locique  munitionem  Hulodoicus  rnanebat  (a.  905).  lieber  das  Capitol  Maffei 
IV  228  VIII  2  Venedig. 


§  1.     Die  Cenomanen.  207 

mit  Recht,  an  den  Ausgang  des  ersten  Jahrhunderts  n.  Chr.  Da- 
mals hatte  die  Stadt  ihre  Rüstung  ahgelegt,  sich  mit  Villen  und 
Gärten  umgeben:  als  die  Donaulegionen  sie  69  n.  Chr.  zum  Waffen- 
platz erkoren,  mufsle  eine  Feldbefestigung  den  erforderlichen  Schulz 
gewähren. 1)  —  Zwei  Jahrhunderte  später,  naclidem  die  Alamannen 
Italien  verwüstet  hatten,  wurde  sie  wieder  ummauert.  In  der  Haupt- 
strafse  steht  ein  Ehrenbogen  (Porta  de'  Borsari)  mit  der  nachträg- 
lich eingehauenen  Meldung  dafs  die  Mauer  auf  kaiserlichen  Befehl 
in  der  Zeit  vom  3.  April  bis  zum  4.  December  265  errichtet  worden 
sei. 2)  Das  Werk  entspricht  der  eilfertigen  Ausführung:  der  Ehren- 
bogen wurde  in  ein  Stadtlhor  umgewandelt,  ebenso  an  der  östlichen 
Flufsseile  ein  anderer  Ehrenbogen  (Arco  de'  Leoni);  die  Mauer 
massig  aber  roh  aus  den  Steinen  des  Amphitheaters  und  zerstörter 
Denkmäler  aufgeschichtet.  Die  Mauer  springt  in  rechtem  Winkel 
bis  an  das  Amphitheater  vor,  das  den  Winkel  als  riesiger  Eckthurm 
deckt.  Sie  umschliefst  nach  Belochs  Berechnung  nur  einen  Flächen- 
raum von  45,6  ha:  ein  merkwürdiges  Anzeichen  für  die  gesunkene 
Zahl  der  Einwohner  im  dritten  Jahrhundert  (S.  130).  Später  als 
Verona  Dietrichs  Bern  wurde,  hat  die  Einwohnerzahl  sich  wieder 
gehoben.  Der  Konig  rückte  die  Mauer  bis  dahin  wo  die  Flufs- 
krümmung  beginnt  (Castel  vecchio)  vor,  verstärkte  sie  durch  einen 
aus  dem  Flufs  abgeleiteten  Graben  (Adigelto),  befestigte  auch  den 
Höhenzug  am  östlichen  Ufer:  S.  Stefano  liegt  aufserhalb  der  Be- 
festigung, der  Umkreis  der  Insel  bheb  nach  wie  vor  offen.  Theoderich 
hat  hier  öfter  Hof  gehalten,  für  sich  einen  Palast,  für  die  Bürger 
Thermen  erbaut  und  die  seit  langem  zerstörte  Wasserleitung  her- 
gestellt.3)  INach  ihm  haben  langobardische  Herzöge  und  Könige  den 
Palast  bewohnt.  Die  Wassersnot  am  14.  Oct.  589  (I  210)  und 
zwei  Monate  darauf  eine  Feuersbrunst  verheerte  die  Stadt,  ohne  ihr 
Gedeihen  dauernd  zu  gefährden.  In  der  Kriegsgeschichte  der  Re- 
publik wird  ihr  Name  nicht  genannt,  um  so  häufiger  während 
unserer  Zeitrechnung.  Verona  wurde  u.  a.  312  von  Constantin, 
542  von  den  Byzantinern  belagert.*)  Die  Umgegend,  wie  die  Alten  her- 
vorheben^),  war   für  Entfaltung  von  Reiterei  geeignet  und  lieferte 


1)  Tac.  Hist.  III  10.  11,  das  Hauptquartier  in  hortis. 

2)  CIL.  V  3329. 

3)  Exe.  Val.  50.  71.  81fg.  Paul.  ti.  Lang.  II  28fg.  lU  23.30. 

4)  Paneg.  lat.  IX  8  Prokop  b.  Gotli.  III  3  IV  33. 

5)  Tac.  Hist.  III  8  Prokop  b.  Gotti.  III  3. 


208  Kapitel  III.     Venelia  und  Histiia. 

mehr  als  ein  Schlachtfeld:  Conslantiii  hesiogte  hier  312  die  Truppen 
des  Maxentius,  Theoderich  489  den  Odoaker.i) 

Das  Gebiet  von  Verona  kann  kaum  weniger  als  80  d.  D  M. 
betragen  haben,  wovon  reichlich  die  Hälfte  auf  die  Ebene  entfiel. 
Es  reichte  südwärts  bis  an  den  Po  und  befafsle  den  30  oder  33 
Miilien  enlfernlen  Vicus  Hostilia  der  noch  jetzt  Ostiglia  heifst  (13  m).*) 
Der  Ort  liegt  an  einem  wichtigen  Flufsilbergang:  Strafsen  von  Cre- 
mona  und  iMantua  (S.  202)  sowie  Verona  mündeten  hier  ein  um 
sich  jenseits  nach  ßononia  fortzusetzen.  Aufserdem  bestand  hier 
eine  viel  benutzte  Schiffstation  für  die  Fahrt  nach  Havenna.^)  Der 
Flecken  wird  durch  die  Erzählung  gekennzeichnet,  dals  seine  Be- 
wohner zu  Schiff  Bienenzucht  trieben  und  stromauf  fuhren  um  den 
Bienen  die  Nahrung  zu  bieten  welche  der  sumpfige  Boden  der  Heimat 
versagte.  —  im  Westen  trennte  der  Mittellauf  des  Chiese  die  Sprengel 
der  Bischöfe  und  auch  die  Stadtgebiete  von  Verona  und  Brixia.^) 
Der  Oberlauf  ferner  und  das  Westufer  des  Benacus  gehören  der 
letzteren,  .das  südliche  und  ein  Theil  des  Ostufers  der  ersteren 
Stadt  an,  so  dafs  der  ganze  See  unter  diese  beiden  vertheilt  war. 
Halbwegs  zwischen  ihnen  verzeichnet  das  Reisebuch  eine  Poststation  •>) 
benannt  nach  der  Landzunge  die  Catull  besungen  hat: 
Paemnsularum  Sirmio  insularumque 
ocelle  quascumque  in  liquentibus  stagnis 
marique  vasto  fert  nterque  Neptmms, 
quam  te  libenter  quamque  laetus  inviso. 
V^on  Landhäusern  die  diesen  lieblichen  Erdenflieck  seit  des  Dichters 
Tagen  einnahmen,  sind  ausgedehnte  Reste  erhalten.  Vermutlich  lag 
auch  hier  ein  Fischerdorf  wie  das  heutige  Sermione.  Die  Festung 
Peschiera  am  Ausflufs  des  Mincio  aus  dem  See  vertritt  die  Stelle 
des  alten  Arilica,  dessen  Schiflergilde  den  Verkehr  auf  dem  Flufs 
(I  190)  wie  auf  dem  See  besorgen  konnte,   aufserdem  ein  äufserst 


1)  Paneg.  lat.  IX  8  Cassidor  chion.  (dir.  min.  II  p.  159)  Jord.  Get.  293. 

2)  IL  Ant.  282  Tab.  Peut.  Plin.  XXI  73  Tac.  Hist.  II  100  III  9.  14.  21.  40. 
Not.  d.  Scavi  1884  p.  289  fg. 

3)  Tab.  Peut.  aO   Hoslilia    per    Padum    Ravenna    Rescript    Theoderichs 
Gassiod.  var.  11  31. 

4)  CIL.  V  p.  403.  940. 

5)  lt.  Ant.  127  Catull  31  CIL.  V  p.  402.  943. 


§  1.     Die  Cenomanen.  209 

ergiebiger  Platz  für  Fischerei,  i)  Der  lacus  Benacus -)  wird  zuerst  von 
Polybios  erwähnt,  der  wie  die  Alten  iusgesammt  dessen  Ausdehnung 
überschätzte  (500x130  Stadien  =  88,7  x  23  km,  in  Wirklichkeil 
52  X  16,5  km  vgl.  I  190).  Das  Westut'er  ist  geschützter  und  war 
in  Folge  dessen  im  Altertum  dichter  bewohnt  als  das  östliche, 
welches  von  dem  laugen  Rücken  des  Moute  Baldo  (2200  m)  ein- 
gefafst  wird.  Am  Südfufs  des  M.  Baldo  liegt  die  Ortschaft  Garda, 
von  der  der  See  jetzt  den  Namen  führt. 3)  Die  genannte  ßergmasse 
scheidet  den  See  und  das  von  der  Brennerstrafse  durchzogene  Thal 
der  Etsch;  die  Veroneser  Feldmark  erstreckt  sich  jenseit  der  Klause 
(1 193)  noch  ziemlich  weit  nach  Norden,  etwa  bis  Ala  oder  Mori,  kann 
aber  nicht  mit  Sicherheit  gegen  die  Tridentiner  abgegrenzt  werden. *) 
Ebenso  wenig  ist  dies  nach  Osten  gegen  Vicetia  und  Ateste  möglich. 
Die  Brennerstrafse  (I  164)  erreicht  60  oder  62  Millien  von 
Verona  »)  Tridentum,  auch  wol  Tridente^)  genannt  (218  m).  Dasselbe 
bildete  gewisser  Mafsen  ein  Vorwerk  'der  Etschfestung  und  geht  auf 
den  nämlichen  Ursprung  zurück:  von  den  Raetern  gegründet,  kam 
es  späterhin  in  die  Hände  der  Cenomanen.'')  Die  raetische  Natio- 
nalität der  Gegend  äufsert  sich  in  den  zahlreichen  Weihungen  an 
Saturnus:  von  diesem  Stamm  abgesehen,  wird  der  Gott  fast  nur 
noch  auf  africanischen  Inschriften  erwähnt;  in  Africa  stellt  er  den 
Bai  Moloch  dar,  sein  raetischer  Name  ist  verschollen. 8)  Die  Stadt 
war  bereits  24  v.  Chr.  von  den  Römern  besetzt  9)  und  wird  ver- 
muthch   als  Waffenplatz   für   die  Unterwerfung    der  Alpen    gedient 


1)  Die  Inschriften  CIL.  V  p.  400  haben  die  Form  Arilica  und  Arelica, 
Tab.  Peut.  ArioUca,  Geogr.  Rav.IV30  Ariolita;  vgl.  Piin.  IX  75,  Ver^.  Aen.  X  206. 

2)  Strab.  IV  209  Schol.  V.  Georg.  II  160.  Aen.  X  205  Plin.  II  224  III  131 
IX  75  Aur.  Victor  ep.  48  vita  Probi  24,1  Glaudian  carm.  min.  20,18  25,107. 

3)  Geogr.  Rav.  IV  30. 

4)  CIL.  V  p.  398.  1078  Pais  suppl.  p.  84.  242.  P.  Orsi,  La  topografia  del 
Trentino  all'  epoca  romana,  Rovereto  1880. 

5)  It.  Ant.  275  giebl  60,  Tab.  Peut.  62  Millien;  auf  der  Eisenbahn  sind  es 
92  km. 

6)  Ptol.  III  1,27  und  zwei  Inschriften  CIL.  V  p.  530,  Iredente  Tab.  Peut. 
Bei  Paulus  Diac.  kommt  neben  Tridentum  auch  Trientum  und  Tredentum  als 
Uebergang  zum  heutigen  Trento  vor. 

7)  Den  Raetern  schreibt  sie  Plin.  III  130,  den  Galliern  Justin  XX  5,8,  den 
Cenomanen  Ptol.  III  1,27  zu. 

8)  Jordan  zu  Preller,  Rom.  Myth.  IP  10.  Jung,  die  roman.  Landschaften 
des  RR.  p.  425. 

9)  CIL.  V  5025. 

Nissen,  Ital.  Landeskaade.    IL  14 


210  Kapitel  III.     Venetia  und  Histria. 

haben.  Sie  gewann  dadurch  einen  gewissen  Rnf,  so  dafs  das  um- 
hegende Gebirge  als  Alpes  Tridentinae  (I  149)  und  die  Bergvölker 
als  Tridentini^)  bezeichnet  werden.  Sie  ist  in  Gestalt  eines  Halb- 
kreises am  1.  Ufer  der  Etsch  erbaut,  die  hier  früher  einen  Bogen 
beschrieb  (I  193):  von  ihrer  unter  Theoderich  aufgeführten  Mauer 
sind  noch  grofse  Stücke  erhalten. 2)  Als  Municipium  in  die  Tribus 
F'apiria  eingetragen,  hat  Trient  etwa  im  Laufe  des  2.  Jahrhunderts 
den  Titel  Colonie  bekommen.  Kaiser  Claudius  beehrt  das  Muni- 
cipium zwar  mit  dem  Beiwort  glänzend  (splendidum  municipium), 
auch  beziffert  sich  der  Flächeninhalt  seines  Gebiets  auf  etwa  60  d.  DM.: 
nichts  desto  weniger  tritt  es  im  Altertum  ähnlich  wie  die  unter 
entsprechenden  Verhältnissen  gegründeten  Colonien  Turin  und  Aosta 
durchaus  in  den  Hintergrund,  wird  in  der  Ueberlieferung  selten 
erwähnt  und  hat  einen  bescheidenen  Bestand  an  Inschriften  auf- 
zuweisen.3)  Unter  den  Langobarden  lenkt  es  als  Herzogsitz  die 
Blicke  auf  sich. 

In  Trient  vereinigt  sich  die  von  Altinum  kommende  via  Claudia 
Äugnsta  (I  163)  mit  der  Brennerstrafse:  an  jener  hin  hat  die  Feld- 
mark kaum  die  Wasserscheide  überschritten,  da  das  Suganathal  zu 
Fellria  gehurt.  Um  so  weiter  erstreckt  sie  sich  nach  ^'orden  und 
Westen.  —  Erwähnung  verdient  das  Val  di  Non  4)  oder  Nonsberger 
Thal ,  das  von  der  Noce  durchströmt  und  durch  den  Tonalpafs 
(1875  m)  vom  Val  Camonica  (S.  197)  getrennt  wird.  Hauptort  ist 
Cles  (652  m),  war  es  auch  ehedem  als  hier  ein  Saturntempel 
stand  •'');  die  Märtyreracten  schildern  anschaulich  wie  der  Gott  im 
Frühling  (29.  Mai)  durch  Bittgang  Gesang  und  Opfer  gefeiert  wurde. 
Aus  dem  Tempel  ist  ein  Erlafs  vom  J.  46  auf  uus  gelangt,  durch 
welchen  Kaiser  Claudius  den  Anauni  Tulliasses  und  Sinduni,  die 
bisher  theils  Unterlhanen  des  Kaisers  theils  der  Tridentiner  gewesen 
waren,  das  längst  angemafste  und  thatsächlich  ausgeübte  Bürgerrecht 
in  aller  Form  bestätigt.     Der  heutige  Name  Non  ist  aus  demjenigen 


1)  Strab.lV204. 

2)  Cassiodor  var.  V  9. 

3)  Phlegon  fr.  53  (III  623  Müller)  Ammian  XVI  10,20  XXIX  2,22  CIL.  V 
p.  531  Pais  suppl.  p.  90. 

4)  CIL.  V  p.   537.  1081    Pais   suppl.   p.  91    Acta  Sanctorum  zum   29.  Mai 
p.  38  fg.  Hermes  IV  p.  99fg. 

5)  Arch.-  epigr.  Mitth.  aus  Oesterreich  XVI  p.  69 fg. 


§  2.     Die  Veneter.  211 

der  Anauui  entstanden  i),  die  beiden  anderen  Cantone  sind  ver- 
schollen, mögen  sie  nun  ini  Hauptthal  oder  Seitenthälern  gewohnt 
haben.  Das  westlich  abzweigende  Seitenthal  von  Vervö  bewahrt 
das  Andenken  an  die  Vervasses  deren  castellum  in  demselben  lag.2) 
—  Von  Trient  geht  die  Brennerstrafse  über  Salurnis  Salurn  3) 
Endidae  Egna  (deutsch  INeumarkt)  4)  nach  dem  Thalkessel  von  Bau- 
zanvtn  Bozen. s)  Während  sie  von  Verona  ab  sich  ununterbrochen 
auf  dem  1.  Ufer  gehalten  hatte,  folgt  sie  nunmehr  dem  Isargus 
Eisack  (1  192)6),  überschreitet  bei  der  Station  Pons  Dnisi  Blumau  "^ 
denselben,  durchbricht  die  den  Flufs  einengenden  Porphyrfelsen 
auf  einer  Strecke  von  10  Millien  und  erreicht  bei  Sublavio  Sehen 
bei  Klausen  ^)  das  Zollamt  und  die  etwa  60  Millien  von  Trient  ent- 
fernte Grenze.  —  Die  Via  Claudia  Augusta  läuft  von  Bozen  ab  mit 
der  Etsch  weiter  durch  den  nach  den  Yenostes  benannten  Vintschgau 
Val  Venosta  9) ;  ungefähr  bei  Partschins  wenig  oberhalb  Meran  war 
die  Grenze. 

§2.     Die  Veneter. 

Die  Mitte  der  zehnten  Region  nimmt  der  Stamm  ein  der  ihr 
den  Namen  verüehen  hat.  Seit  Alters  bewohnt  er  die  Niederlande 
von  der  nördlichen  Mündung  des  Po  bis  zu  den  Lagunen  von  Con- 
cordia.  Die  heulige  Grenze  zwischen  der  venezianischen  und  fur- 
ianer  Mundart  fällt  annähernd  mit  der  ehemaligen  Grenze  zwischen 
Venetern  und  Carnern  zusammen  (I  484);  Strabo  bestimmt  sie 
durch  den  Tagliamento,  aber  Concordia  liegt  nach  der  richtigen 
Angabe  des  Ptolemaeos  auf  carnischem  Gebiet  ^o);  (jjes  ist  eben  eine 
Gründung    der  Römer,    die   innerhalb    des   eigentlichen   Venetiens 


1)  Ptol.  III  1,28  'udvaivtov  Paul.  h.  Lang.  III  9  Anagnis  castrum  quod 
super  Tridentum  in  confinio  llaliae  positum  est,  jetzt  Nano  am  rechten  Ufer 
der  Noce. 

2)  CIL.  V  5059. 

3)  Paul.  h.  Lang.  III  9. 

4)  It.  Ant.  275,  24  Millien  von  Trient. 

5)  PeuI.  h.  Lang.  V  36. 

6)  Gonsol.  ad  Liviam  386  nach  der  Verbesserung  von  Zeufs,  die  Deutschen 
p.  237.     Das  Volk  heifst  nach  den  Handschriften  Plin.  111  137  Isarchi. 

7)  Tab.  Peut.  I 

8)  It.  Ant.  275  Tab.  Peut.  beide  mit  verderbten  Zahlen,  Paul.  h.  Lang.  III 
26.  31  Sabio  oder  Savio,  CIL.  III  p.  707  V  p.  542.  949. 

9j  Plin.  III  136  CIL.  V  p.  543  v^l.  ßöcking,  Not.  Dign.  Occ.  779. 
10)  Strab.  V  214  Plin.  111  126.  130  Plol.  IIl  1,25.  26. 

14* 


212  Kapitel  III.     Venetia  und  Histria. 

keinen  Platz  hatte.  Die  Veneter  sind  alterprobte  Bundesgenossen 
denen  Landabtretungen  nicht  zugemutet  werden  konnten,  daher  auch 
die  Namen  ihrer  Städte  einheimischen  Ursprungs.  Die  südliche 
Sprachgrenze  am  jetzigen  Hauptarm  des  Po  (I  475)  entspricht  der 
antiken:  nach  Skylax  sitzen  in  diesem  Theil  des  Delta  Kelten,  die 
Eigennamen  der  hier  gefundenen  Inschriften  bestätigen  die  Aus- 
sage, i)  Wie  die  Stammgrenzen  dem  Binnenland  gegenüber  verlaufen 
sind,  läfst  sich  um  so  weniger  sagen,  als  die  venezianische  Mundart 
in  neuerer  Zeit  eine  weite  V^erbreitung  gewonnen  hat  (I  488).  — 
Die  frühe  Blüte  der  Nation  welche  die  Bewunderung  der  Hellenen 
hervorrief,  ist  in  anderem  Zusammenhang  geschildert  worden.  Der 
Anschlufs  an  Born  hat  dieselbe  erhöht.  Indem  die  Veneter  dessen 
Oberhoheit  anerkannten,  Kriegsfolge  leisteten,  ihm  das  Durchzugs- 
recht durch  ihr  Land  und  die  Schlichtung  innerer  Streitigkeiten 
überliefsen,  bezog  Bom  die  Wacht  gegen  die  Barbaren.  Damit  erhielt 
das  Leben  einen  anderen  Anstrich.  Zu  einer  Zeit,  als  sie  jeden 
Augenblick  bereit  sein  mufsten  an  die  ringsum  bedrohte  Grenze  zu 
reiten,  haben  die  Veneter  als  Pferdezüchter  grofsen  Buhm  erlangt. 
Davon  erzählte  man  unter  Augustus  wie  von  einer  verklungenen 
Sage.  Aus  den  Bittern  sind  Patricier  geworden,  desgleichen  in  den 
neueren  Freistaaten  Italiens  leibhaftig  vor  unseren  Augen  stehen, 
Kauf-  und  Fabrikherren,  die  ihre  Tuche  nach  allen  Märkten  ver- 
senden und  aus  Grund  und  Boden  die  höchsten  Erträge  erzielen. 
Der  Wechsel  spricht  sich  in  deutlicher  Weise  darin  aus,  dafs  zur 
Kaiserzeit  die  Bossezucht  in  den  verödeten  Landschaften  des  Südens 
gedeiht,  die  einst  Weizen  gebaut  hatten,  während  die  Binder  und 
Schafe  Venetiens  gelobt  werden  und  seine  Fabrikate  massenhaft  den 
Weg  nach  Bom  finden. 2) 

Die  Grenzfestung  Aquileia  wurde  181  v.  Chr.  angelegt  und  wie 
ihre  Sicherheit  erheischte,  an  das  italische  Strafsen-  und  Festungs- 
netz angeschlossen.  Die  kürzeste  Verbindung  lief  an  der  Küste  hin 
nach  Ariminum  als  dem  Centrum  für  die  Vertheidigung  gegen  Norden. 
Die  Strafse  ist  alsbald  abgesteckt  und  ausgemessen  worden :  Polybios 
giebt  die  Entfernung  richtig  auf  178  Millien  an. 3)    Kunstmäfsig  aus- 


1)  Skyl.  18  CIL.  V  2380  fg.     Die  Widmung  an    Saturn   2382  deutet   auf 
raetischen  Einflufs  hin  (S.  209). 

2)  Colum.  VI  24  VII  2  Strab.  V  213  Martial  XIV  143.  155. 

3)  Polybios   giebt   nach    Strab.  VI  285   die    Entfernung    vom    iapygischen 
"Vorgebirge  eis  UCkav  vtoXiv  auf  562,   von  hier   bis  Aquileia  auf  178  Millien 


§  2.    Die  Veneter.  213 

gebaut  wurde  sie  132  v.  Chr.  vom  Consul  P.  Popillius,  was  ein  bei 
Atria  aufgefundener  Meilenstein  mit  der  Ziffer  81  bezeugt. i)  Von 
Ariminum  führte  sie  auf  dem  Lido  nach  dem  33  Millien  entfernten 
Ravenna.  Hier  bestieg  der  Reisende  in  der  Kaiserzeit  ein  Schiff, 
um  auf  den  von  Augustus  und  Vespasian  eröffneten  Canälen  bis 
Altinum  zu  fahren  (I  200),  so  dafs  der  Landweg  auf  dieser  Strecke 
kaum  benutzt  wurde.  Immerhin  verzeichnet  die  Reisekarte  die  einzelnen 
Poststationen,  auch  vollführte  Narses  auf  ihm  552  den  von  den 
Gothen  für  unmöglich  gehaltenen  Marsch  von  Aquileia  nach  Ravenna.^) 
Im  Uebrigen  war  der  Gang  der  via  Popillia  durch  den  alten  (nicht 
den  heutigen)  Uferstreifen  bestimmt  (I  204). 

Rei  TrigaboU  in  der  Nähe  von  Ferrara  3)  theilte  sich  der  Po 
(I  191),  der  südliche  Hauptarm  Padua  oder  Padusa  Po  di  Primaro  ^) 
hatte  zwei  Mündungen:  Messanicus  oder  Padusa  bei  Ravenna  und 
etwa  12  Millien  nördlich  bei  S.  Alberto  ostium  Eridanum  oder 
Spinetkum.  Die  letzteren  Namen  weisen  darauf  hin  dafs  Hellenen 
hier  in  frühen  Zeiten  verkehrt  haben.  Spina  war  dem  Hellanikos 
und  Eudoxos  bekannt,  besafs  in  Delphi  ein  eigenes  Schatzhaus,  galt 
sogar  als  eine  griechische  Gründung.^)  Die  Auffahrt  von  der  See 
auf  dem  ^rclvog  oder  ^Ttivrjg  Ttorafxog  betrug  nach  damaliger 
Rechnung  im  4.  Jahrhundert ß)  20  Stadien  372  km,  zu  Strabo's 
Zeit  lag  die  Stadt  90  Stadien  16  km  von  der  See  als  Dorf  im 
Rinnenland,  wie  man  annimmt  bei  Longastrino:  doch  ist  der  Ort 
durch  Funde  noch  nicht  sicher  gestellt  (I  205).  —  Nach  der  allen 
Küstenbeschreibung  wohnten  nördlich  von  Spina   bis  Atria  Kelten. 


an.  Nach  Cluver  p.  608  wird  für  das  sinnlose  e.  UiXav  7t.  etq  Ilfivav  nöXiv 
geschrieben.  Allein  es  handelt  sich  hier  um  eine  zuverlässige  amtliche  Mes- 
sung, für  welche  lediglich  ds  " ^Qifiivov  (vgl.  III  61,11)  pafst.  Damit  wird 
auch  die  Abweichung  gegen  die  auf  anderem  Material  beruhende  Berechnung 
II  14,11  angemessen  vermindert,  bleibt  aber  gerade  grofs  genug.  Die  palaeo- 
graphisch  nahe  liegende  Aenderung  eis  ^TiTvav  n.  ist  sachlich  kaum  an- 
nehmbar. 

1)  CIL.  V  p.  939  It.  Ant.  126  Tab.  Peut. 

2)  Prokop  b.  Goth.  IV  26. 

3)  Pol.  II  16,11  CIL.  V  p.  225  Pais  suppl.  p.  62. 

4)  naSöa   Pol.  H   16,11,    Padua  Catull  95,7,    Padusa  Verg.  Aen.  XI  457 
Plin.  111  119,  vgl.  Jord.  Get.  150. 

5)  Stcph.  Byz.  Dion.  Hai.  I   18.  28  Slrab.  V  214  Justin  XX  1,11  Fun.  III 
120.  125. 

6)  Der   Name    Spina   ist  Skyl.  17   nur  nach   einer  wahrscheinlichen  Ver- 
mutung eingefügt. 


214  Kapitel  III.     Venelia  und  Histria. 

Die  fossa  Augusta  lief  von  Ravenna  nordwärts,  durchschnitt  den 
Arm  von  Spina,  folgte  hierauf  dem  Landstreifen  zwischen  Valle  del 
Mezzano  und  Valle  Fossa  di  Porto,  mündete  schliefslich  in  den  Sagis 
ein  (l  205).  Der  Sagis  zweigte  von  dem  zweiten  Hauptarm  Volane 
Po  di  V^olano  in  der  Nähe  von  Ostellato  ab,  flofs  mit  reichlichem 
Wasser  in  südöstlicher  Richtung  auf  die  Insel  von  Comacchio  (0,8  m) 
zu,  die  nach  deu  Inschriflenfunden  zu  schliefsen  in  römischer  Zeit 
bewohnt  war  (I  205),  mündete  endlich  in  dem  ostium  Caprasiae 
Porto  di  Belocchio  und  Sagis  Porto  di  Magnavacca  aus.  Am  Sagis') 
befand  sich  die  Station  ad  Padum  24  Millien  von  Ravenna:  von 
dieser  Station  fuhr  man  in  der  Kaiserzeit  stromauf  nach  Hostilia 
(S.  208)  Placenlia  Ticinum.  —  Dagegen  führte  nach  Norden  ein 
Canal  der  ursprünglich  von  den  Eingebornen  angelegt,  von  Nero^) 
und  Vespasian  erneuert  wurde  und  seitdem  fossa  Flavia  heifst. 
Seine  Richtung  steht  nur  im  Allgemeinen  fest.  Er  traf  zuerst 
(Argine  Trebha?)  auf  den  nach  Polybios  allein  schiffbaren  Hauptarm 
Olana  oder  Volane  Po  di  Volano^j  der  in  der  Nähe  von  Pomposa 
mündete  (I  205).  Sei  es  der  Volane  oder  sein  Ableger  Sagis  hiefs 
im  Altertum  Padus  Magnus,  ähnlich  wie  der  Po  di  Venezia  gegen- 
wärtig Po  Grande  oder  della  Manstra  heifst. *)  Der  Canal  lief  weiter 
wie  der  heutige  Canale  di  Mezzogoro  zwischen  den  Valli  d'  Ambrogio 
und  Valli  di  Mezzogoro  auf  Ariano  zu  und  traf  auf  einen  neuen 
Arm,  den  Po  di  Ariano  oder  di  Goro,  dessen  verstopfte  Mündung 
Carbonaria  hiefs,  endlich  auf  den  Wasserlauf  der  Atria  mit  dem 
Meer  verband. 

Die  Grenze  zwischen  den  Stadtgebieten  von  Ravenna  und  Atria, 
damit  zugleich  zwischen  der  achten  und  zehnten  Region  wird  ge- 
bildet durch  Sagis  und  Volane,  die  reichste  Wasserader  der  römischen 
Zeit.  Die  Laguuen  von  Atria,  Septem  Maria  genannt,  beginnen  am 
Sagis   und   enden    an    der  Etsch.^)     Der  Vergleich    mit  dem  Delta 

1)  Und  zwar  wenn  die  Tab.  Peut.  genau  ist,  am  südlichen  Arno  Caprasia. 

2)  Man  darf  die  Theiinahme  dieses  Kaisers  aus  dem  Namen  der  Station 
Neronia  folgern  welche  die  Reisekarte  am  Volane  ansetzt:  sie  kann  auch 
weiter  nördlich  liegen,  da  auf  der  Karte  Stationen  ausgefallen  sind. 

3)  Pol.  II   16,11   Plin.  111   120  Volane  quod  ante  Eolane  vocabatur. 

4)  Mela  11  62. 

5)  Plin.  III  119  qua  largius  voviit  Septem  Maria  dictus.  120  iii  Atria- 
norum  paludes  quae  Septem  Maria  appellantur.  Nach  Tab.  Peut.  lag  die 
Station  Septem  Maria  an  der  Etsch.  Uebrigens  bestätigen  die  Inschriften  dafs 
das  Gebiet  von  Ravenna  bis  in  die  Gegend  von  Ferrara  reichte  CIL.  V  2381 
vgl.  mit  CIL.  XI  199. 


§  2.    Die  Veneter.  215 

des  Nil  ist  ursprünglich  in  Atria  aufgestellt  worden  und  auf  die 
Gemarkung  dieser  Stadt  beschränkt;  später  übertrug  man  ihn  auf 
die  sieben  Mündungen  des  Pol)  oder  auf  das  gesamte  Gebiet  der 
Lagunen  von  Ravenna  bis  Aliinum.'-)  Im  Hinblick  auf  die  Ver- 
änderungen, welche  die  Oertlichkeit  seit  dem  Altertum  erfahren 
hat,  nehmen  wir  biUiger  Weise  von  jeder  Erörterung  darüber  Abstand, 
welche  7  Lagunen  die  Atriaten  und  welche  7  Mündungen  die 
Römer  im  Sinne  gehabt  haben  mögen  (I  204).  Das  heutige  Adria 
ist  im  kürzesten  Abstand  22  km  vom  Meer  entfernt  und  liegt  im 
Binnenland  (4  m).  Der  Boden  des  alten  Atria  ^)  ist  über  3  m,  ja 
bis  6  m  unter  den  heutigen  gesunken.^)  Es  lag  am  Westrand 
einer  Lagune  12  km  vom  Meer  entfernt  3):  dafs  östlich  von  der 
Stadt  im  Altertum  Lagune  war,  kündet  das  Fehlen  antiker  Funde 
deutUch  an.  Der  Lido  hatte  zwei  Einfahrten:  fossiones  und  nördlich 
davon  fossa  Philistina  oder  Tartarus  Porto  di  Loreo  oder  Porto 
Viro  (1  206).  Der  Tartarus  Tartaro  oder  Canale  Bianco  6)  entwässert 
die  Niederungen  zwischen  Po  und  Mincio  auf  der  einen,  Etsch  auf 
der  anderen  Seite,  fliefst  bei  Atria  vorbei  und  wird  danach  in 
seinem  Unterlauf  auch  i/nanws  genannt.')  Der  Name  der  Stadt  hat 
eine  weite  Geltung  erlangt:  mit  ihm  bezeichnen  wir  die  italische 
Nordsee  (1 89),  bezeichneten  die  äheren  Hellenen  das  Land  der  Veneter  *). 
Ihre  Gründung  wird  von  den  römischen  Gelehrten  den  Etruskern  ^), 
von  griechischen  entweder  Dionys  I  von  Syrakus^oj  oder  den  Kelten 
und  zwar  den  Boiern^i),  endlich  von  Theopomp  dem  zeitlich  ersten 


1)  Mela  II  62  Herodian  VIII  7,1. 

2)  Herodian  a.  O.It.  Ant.  126. 

3)  lieber  die  Namensform  I  91  A.  4. 

4)  Not.  d.  Scavi  1879  p.  88  fg. 

5)  Wie  Strabo  V  214  richtig  andeutet. 

6)  Plin.  III  121  Tac.  Hisl.  lU  9  Geogr.  Rav.  IV  36. 

7)  Ptol.  III  1,21  Tab.  Peut.,  vgl.  Hekataeos  fr.  58  bei  Stepli.  Byi.WSQ. 
Theopomp  bei  Strab.  VII  317. 

8)  Steph.  Byz.  Herod.  I  163  IV  33  V  9  Eurip.  Hippol.  736  Arist.  hist.  anim. 
VI  1  de  gen.  anim.  III  1  Theophr.  hist.  plant.  IV  5,6  Theopomp  fr.  143 
M.  Athenaeos  VII  285  d. 

9)  Varro  LL.  V  161  Fest.  p.  13  M.  Liv.  V  33  Plin.  III  120  Piut.  Cam.  16,1. 
Das  mare  Tiiscum  und  das  atrium  tu$canium  legten  die  Annahme  sehr  nahe. 

10)  Etym.  M.  'iSQias  Justin  XX  1,9;  vgl.  Schöne,    le   antichitä  del    museo 
Bocchi  di  Adria,  Roma  1878,  p.  IX. 

11)  Hesych  'AS^iavoi  Steph.  Byz.  l^r^ta. 


216  Kapitel  III.     Venetia  und  Histria. 

unserer  Gewährsmänner  den  lllyriern  i)  zugeschrieben.  Da  die 
Veneter  nach  Ansicht  Ilerodots,  der  dem  Theopomp  als  Vorbild 
diente,  lllyrier  sind,  so  wird  damit  die  Zugehörigkeit  der  Stadt  zu 
diesem  Volke  ausgesprochen.  Solche  kann  auch  füglich  nicht  in 
Zweifel  gezogen  werden,  denn  in  Adria  finden  sich  keine  etrus- 
kischen,  sondern  die  nämlichen  venetischen  Inschriften  wie  in  Padua 
(1  492);  so  auch  wird  die  Gleichsetzung  von  Stadt  und  Land  bei 
den  altgriechischen  Schriftstellern  befriedigend  erklärt;  mit  gutem 
Grund  endlich  rechnen  jüngere  Geographen  Atria  zu  den  venetischen 
Städten.-)  Ob  es  vorübergehend  von  den  Kelten  erobert  worden, 
ist  nicht  zu  sagen.  Dagegen  gewähren  die  beschriebenen  Vasen 
den  urkundlichen  Beleg  für  die  Anwesenheit  hellenischer  Kaufleute 
seit  der  letzten  Hälfte  des  5.  Jahrhunderts  v.  Chr.  (I  491).  Der 
Verkehr  der  Hellenen  reicht  aber  viel  weiter  zurück  (I  174.183): 
in  dem  frühen  Auftreten  der  Hühnerzucht  (I  444)  und  der  be- 
sonderen Race,  welche  die  Aufmerksamkeit  des  Aristoteles  erregte  3), 
erkennen  wir  ein  vereinzeltes  Beispiel  von  dem  Einflufs  dieses  alten 
Verkehrs  auf  die  Volkswirtschaft.  Die  grofsen  Wasserbauten,  die 
Canäle  nach  dem  Sagis,  der  Etsch  und  dem  Meer  bekunden,  wie 
kraftvoll  die  Stadt  die  feindlichen  Naturmächte  bekämpft  hat.  In 
der  Kaiserzeit  befafs  sie  noch  freien  Zutritt  zum  Meer  und  eine 
eigene  Schiffergilde'),  war  aber  inzwischen  mit  dem  Fortschreiten 
der  Anschwemmung  von  anderen  Häfen  völlig  überflügelt  worden. 
Die  lateinischen  Inschriften  sind  an  Zahl  gering,  ihrer  Form  nach 
schlicht  und  altertümlich  ^):  sie  verraten  die  gesättigte  Bildung,  aber 
auch  den  Stillstand  und  Rückgang  eines  ehedem  blühenden  Gemein- 
wesens.     Es  war  Municipium  und  gehörte  zur  Tribus  Camilia.ß) 

Sein    Gebiet   mag  eine  Fläche  von    20  d.  D  M.,   meist  Sumpf 
und  Lagune  umfafst  haben.     Es   stöfst  im  Westen  und  Norden  an 


1)  Theop.  fr.  140  und  die  Zeugnisse  bei  Schöne  a.  0.  p.  VIII;  ähnlich 
Eudoxos  V.  Rhodos  Möller  IV  407, 

2)  Strab.  V  214  Plol.  III  1,26.  Dafs  der  Pataviner  Livius  der  stadtrömischen 
Ansicht  huldigend  die  Nachbarstadt  den  Etruskern  zuweist,  ist  allerdings  merk- 
würdig, kann  aber  auf  mancherlei  Weise  erklärt  werden,  fällt  jedenfalls  den 
angeführten  Gründen  gegenüber  nicht  ins  Gewicht. 

3)  Arist.  bist.  anim.  VI  1  de  gen.  anim.  III  1  Steph.  ßyz.  Fun.  X  146  u.  a. 
vgl.  I  491.     Weinhandel  von  Atria  Plin.  XIV  67  XXXV  161. 

4)  Strab.  V  214  Tac.  Bist.  III  12  CIL.  V  2315. 

5)  Die  Namen  sind  zum  Theil  illyrisch:  Mommsen  zu  n.  2327. 

6)  CIL.  V  p.  220.  1072  Pais  suppl.  p.  61. 


§  2.    Die  Veneter.  217 

dasjenige  von  Ateste  Este.  Der  Atesis  welcher  im  Lauf  der  Zeiten 
sich  immer  weiter  südwärts  wandte  (I  193),  scheint  der  Stadt  den 
Namen  verliehen  zu  haben.  Sie  liegt  (13  m)  am  Südfufs  jener 
vulkanischen  Hilgelgriippe  die  in  der  Neuzeit  den  Namen  Colli  Eu- 
ganei  erhalten  hat  (I  253.  486.  A.  5.).  Das  Alter  der  Ansiedlung 
wird  durch  ausgedehnte  Grabfelder  bekundet. i)  Auch  ersehen  wir 
dafs  die  einheimische  Schrift  sich  neben  der  lateinischen  behauptet 
und  nur  allmälich  den  Platz  geräumt  hat. 2)  Der  Name  der  Stadt 
erscheint  zuerst  auf  den  Grenzsteinen,  welche  angeben  wie  nach 
Beschlufs  des  römischen  Senats  die  Proconsuln  141  v.  Chr.  gegen 
Patavium,  135  v.  Chr.  gegen  Vicetia  die  beiderseitige  Gemarkung 
abstecken. 3)  Die  Grenze  reicht  im  Nordwesten  bis  Lobia  bei  Lonigo 
westlich  von  den  Mouti  Berici,  wird  im  Westen  gegen  Verona  durch 
die  Etsch  gebildet,  dringt  im  Süden  weit  über  diesen  Flufs  vor, 
wird  im  Osten  durch  die  Feldmarken  von  Atria  und  Patavium  von 
der  Lagune  ferngehalten  und  läuft  endlich  auf  der  Höhe  der  sog. 
euganeischen  Hügel  hin.  Das  umschriebene  Gebiet  wird  15d.  DM. 
oder  mehr  betragen  haben.  In  demselben  sind  nach  der  Schlacht 
bei  Actium  Veteranen  aus  verschiedenen  Legionen  versorgt  worden, 
wonach  Ateste  Colonie  heifst  (S.  32).  Im  üebrigen  wird  es  selten 
erwähnt. 4)  Dem  grofsen  Verkehr  war  es  angeschlossen  durch  die 
Strafse  die  von  Aquileia  über  Patavium  nach  Mutina  und  Bononia 
lief.  Die  Entfernung  von  Patavium  nach  Ateste  wird  ziemlich  genau 
zu  22  Millien  angesetzt:  für  die  folgenden  Stationen  aber  zu  hoch. 
Die  Strafse,  ungefähr  dem  Lauf  der  Eisenbahnlinie  Padua-Bologna 
entsprechend,  mündet  nicht  in  Hostilia  (S.  208),  sondern  langte 
weiter  üsthch  am  Po  wenig  oberhalb  Ferrara  an,  wo  damals  die 
Stromspaltung  war.  Auf  dieser  Linie  ist  das  allein  von  Tacitus  bei 
Gelegenheit  des  Feldzuges  von  69  n.  Chr.  erwähnte  Forum  Älieni 
(etwa  bei  Lendinara  an  der  Etsch)  zu  suchen. •'^)  Das  heutige  Mon- 
selice  scheint  die  Stelle  eines  antiken  Vicus  einzunehmen ;  es  kommt 


1)  Prosdocimi,  Not.  d.  scavi  1882  p.  5  fg.  mit  Plänen. 

2)  CIL.  V  p.  241  fg.  Pais  suppl.  p.  62  fg.  239.  Ghirardini  seit  1883  und 
Prosdocimi  berichten  in  den  Notizie,  fast  in  jedem  Jahrgang,  über  den  gedeih- 
lichen Fortgang  der  Eslenser  Ausgrabungen. 

3)  CIL.  I  547—49  V  2490—92.  Die  Grenzen  des  Gebiets  werden  von 
Mommsen  a.  0.  im  Einzelnen  bestimmt. 

4)  Plin.  in  130  XVII  122  Tac.  Bist.  III  6  Martial  X  93  Ptol.  III  1,26.  It. 
Ant.  281. 

5)  Tac.  Bist.  III  6. 


218  Kapitel  III.     Venetia  und  Histria. 

als  Moiis  Silicis  schon  569  u.  Chr.  vor.i)  Atesle  war  in  die  Tribus 
Romiha  eingetragen. 

Der  Trihns  Menenia  gehört  das  benachbarte  Municipium  Vicetia 
an  2):  seit  dem  2.  Jahrhundert  n.  Chr.  wird  daraus  in  Anlehnung 
an  die  auf  entia  auslautenden  Städtenameu  welche  südlich  vom  Po 
so  häufig  begegnen,  Vicentia  gemacht'^),  jetzt  Vicenza.  Es  liegt 
(36  m)  am  Nordlufs  der  BasalthiJgel  M.  Berici  (1  253)  am  Bacchig- 
lione,  der  hier  aus  der  Vereinigung  mehrerer  Bäche  entsteht,  an 
Padua  voibeifliefst  und  von  Vicenza  an  schifTbar  (1 194) ist.  Eigentlich 
ist  der  Ostliche  Quellarm  Astagus  Astico  länger  und  bedeutender.  Mit 
derselben  Willkür  sah  man  im  Altertum  den  kleinen  von  Westen  her 
bei  der  Stadt  einfliefsenden  Eretetms  Reteyio  Retroji  Relrone,  durch 
den  Sprachgebrauch  der  Vicetiner  veranlafst,  als  Hauptstrom  an: 
eine  Schilderung  des  in  demselben  betriebenen  Aalfangs  ist  erhalten.^) 
Auf  den  Unterlauf  oder  Bacchiglione  ist  der  Name  Togisonus  zu  be- 
ziehen.^) Die  Gründung  Vicetia's  wird  vereinzelt  den  Kelten  zuge- 
schrieben 6) ;  gemeinhin  und  mit  Recht  gilt  es  als  venetisch.  7)  Gelegent- 
lich eines  Streites  zwischen  der  Bürgerschaft  und  ihren  Unterthanen  wird 
die  Stadt  zuerst  43  v.  Chr.  erwähnt^),  zählte  in  der  Folge  nur  zu  den 
Plätzen  dritten  Ranges. 9)  Von  Gebäuden  ist  ein  Theater  aufgefunden 
worden. 

Vermöge  seiner  centralen  Lage  war  Patavium  zum  Haupt  der 
venetischen  Städte  bestimmt.  Die  grofse  Strafse  von  Verona  mifst 
33  Millien  bis  Vicetia,  von  hier  22  bis  nach  Patavium:  die  halb- 
wegs auf  der  letzteren  Strecke  befindliche  Station  ad  Finem  zeigt 
die  Grenze  der  beiderseitigen  Feldmark  an.i^)    Die  Strafse  setzt  sich 

1)  Paul.  h.  Lang.  II  14  IV  25. 

2)  So  durchweg  in  den  Inschriften  und  bei  den  älteren  Autoren,  Mommsen 
CIL.  V  p.  306. 

3)  Ptol.  111  1,26  Justin  XX  5,8.  —  It.  Ant.  128  Hieros.  559  Tab.  Peut.  Paul, 
h.  Lang.  II  14  V  23  auch  Fincentia. 

4)  Aelian  de  nat.  anim.  XIV  8.  Venant.  Fort.  Vita  Mart.  IV  677  Reteno, 
Geogr.  Rav.  IV  36  Retron  quod  Redenovo  dicebatur.  Ders.  bezeugt  allein  den 
antiken  Namen  Astaf^us,  übergeht  aber  Togisonus. 

5)  Plin.  111 121.  In  seinem  Bereich  sind  vielleicht  die  unbekannten  Togienses 
Plin.  III  130  zu  suchen. 

6)  Justin  XX  5,8. 

7)  Plin.  Ill  130.  132  VI  218  Ptol.  III  1,26. 

8)  Cic.  ad  Fam.  XI  19. 

9)  Strab.  V  214  Tac.  Hist.  Ill  8  Plin.  Ep.  V  4.  13  Suet.  de  grannm.  23. 
CIL.  V  p.  304.  1074  Pais  suppl.  p.  77.  240  Kaibel  inscr.  Gr.  2314. 

10)  If.  Ant.  128  Hieros.  559  Tab.  Peut.  CIL.  V  p.  940. 


§  2.    Die  Veneter.  219 

nach  dem  33  Millien  entferolen  Allinura  fort.  Vou  der  südwärts 
über  Ateste  nach  Mutina  führende  Strafse  war  S.  217  die  Rede. 
Aufserdem  war  die  Stadt  zu  Wasser  zugänglich.  Ihr  gehörten  die 
Lagunen  an,  welche  niirdlich  auf  diejenigen  von  Atria  folgen.  Zu- 
nächst schliefst  an  die  fossa  Philistina  (S.  215)  die  Einfahrt  von 
Brundulum  Brondolo  *)  an,  durch  welche  die  Etsch  ausmündete 
(I  206);  die  betreffende  Lagune  ist  in  der  Neuzeit  durch  die  Brenta 
ausgefüllt  worden  (I  203).  Dann  kommt  der  portus  Aedro"^)  Chioggia 
mit  der  fossa  Clodia,  die  beiden  Mündungen  des  Mednacus:  minor 
Porto  Secco  (?)  und  maior  Malamocco.  Es  ist  früher  (I  202)  dar- 
gelegt worden,  wie  die  Beschreibung  welche  Livius  von  der  seiner 
Vaterstadt  benachbarten  Lagune  giebt,  im  Wesenthchen  noch  jetzt 
zutrifft.  Die  Auffahrt  vom  Meer  aus  zur  Stadt  wurde  zu  30  Millien 
45  km  gerechnet.  —  Die  Altstadt  (12  m  ü.  M.)  lag  und  liegt  auf 
einer  vom  BacchigHone  (S.  218)  umflossenen  Halbinsel  die  ungefähr 
1  km  lang  und  am  Fufs  650  m  breit  ist.  Eine  von  Nord  nach 
Süd  laufende  Hauptstrafse  scheidet  sie  in  zwei  Hälften ;  die  weitere 
Einlheilung  scheint  in  derselben  Weise  planmäfsig  gewesen  zn  sein. 
Die  offene  Südseite  war  durch  einen  querüber  gezogenen  Canal 
gedeckt,  so  dafs  das  Wasser  den  ganzen  Umkreis  der  Stadt  schirmte. 
Der  Meduacus  oder  Brinta  welcher  im  Altertum  in  gröfserer  Nähe 
als  gegenwärtig  an  der  Nord-  und  Ostseite  vorbeiflofs  (I  194),  er- 
höhte die  Festigkeit  der  Lage.  Das  heutige  Padua  ist  mit  einem 
Netz  von  Wasserläufen  übersponnen:  von  seinen  46  Brücken  gehen 
4  auf  antiken  Ursprung  zurück. 3)  Ein  Flächeninhalt  von  65  ha 
weist  bereits  der  venetischen  Stadt  nach  den  Verhältnissen  des 
Nordens  eine  hervorragende  Bedeutung  zu  (S.  38).  In  der  Friedens- 
zeit unter  den  Römern  dehnt  sie  sich  weiter  aus:  dies  lehrt  z.  B. 
das  Amphitheater  dessen  Umfang  noch  wahrnehmbar  ist  (99,26  X 
62,56  m  Arena  74,3  X  36  m).4)  Im  Uebrigen  hat  die  wiederholte 
Zerstörung  unter   den  alten  Bauwerken  gründhch  aufgeräumt. 

Die  Stadt  beansprucht  ein  hohes  Aller.»)     Sehen  wir  von  der 

1)  Plin.  III  121. 

2)  So  Plin.  III  121,  Ebrone  Tab.  Peut.  Die  Inschriften  von  Chioggia  CIL. 
V  p.  219. 

3)  Vgl.  CIL.  V  2845. 

4)  Not.  d.  Scavi  1881  p.  154.  225. 

5)  Der  Nanae  hängt,  wie  I  183  A.  1  bemerkt,  wahrscheinlich  mit  Padus 
zasammen.  Ebenso  Servius  V.  Aen.  I  247  der  noch  zwei  andere  Ableitungen 
beifügt. 


220  Kapitel  III.     Venetia  und  Histria. 

Fabel  ab  welcbe  den  troischen  Antenor  als  Gründer  feierte  (I  490), 
so  erinnerten  lakonische  Beutestücke  im  Tempel  der  Juno  und  ein 
alljährlicher  Wettkampf  auf  dem  Fliifs  in  der  Stadt ')  an  die  301 
V.  Chr.  gelungene  Abwehr  des  Königs  Kleonymos  (I  175).  Was 
von  ihren  Kämpfen  mit  den  Kelten  berichtet  wird,  ist  in  anderem 
Zusammenhang,  da  die  ältere  Geschichte  der  Stadt  mit  der  Geschichte 
der  Nation  zusammenfällt,  mitgetheilt  worden  (I  491  fg.)  Aus  dem 
Jahre  174  v.  Chr.  hören  wir  von  inneren  Streitigkeiten,  die  durch 
das  Eingreifen  Roms  geschlichtet  werden  mufsten.2)  Sie  wurde 
49  V.  Chr.  römisches  Municipium  und  in  die  Tribus  Fabia  aufge- 
nommen. Sie  entrann  glücklich  den  Wirren  des  Bürgerkriegs 3), 
galt  unter  Augustus  als  die  reichste  Stadt  Italiens  nach  Rom  und 
fand  in  dieser  Hinsicht  innerhalb  der  Bürgerschaft  ihres  Gleichen 
nur  in  dem  spanischen  Gades.*)  „Patavium  —  schreibt  Strabo  — 
in  der  Nähe  der  Lagunen  gelegen,  übertrifft  alle  Städte  des  Nordens. 
Bei  dem  jüngsten  Census  (14  n.  Chr.)  wurden,  heifst  es,  500  Männer 
ritterlichen  Vermögens  (400000  Sesterzen  =  87  000  M.)  hier  geschätzt, 
vor  Alters  steUte  es  120  000  Mann  ins  Feld.  Auch  zeigt  die 
Masse  der  nach  Rom  versandten  WoU-'')  und  sonstigen  Waaren 
die  Dichtigkeit  und  Kunstfertigkeit  der  Bevölkerung  an.  Die  Auf- 
fahrt von  der  See  auf  einem  durch  die  Sümpfe  fliefsenden  Flufs 
ist  250  Stadien  (45  km)  lang  und  geht  von  einem  grofsen  Hafen 
aus,  der  ebenso  wie  der  Flufs  Meduacus  heifst."  Patavium  hat 
nichts  von  dem  Wesen  eines  Emporkömmlings  das  so  viele  römische 
Städte  kennzeichnet,  erinnert  an  manche  Reichsstädte  unserer 
Heimat.  In  seinen  altgefestigten  Verhältnissen  bewahrte  es  die 
Ehrbarkeit  der  Sitten  «),  mied   kleinbürgerliche  Prahlerei^),   führte 


1)  Liv.  X  2  Patavii  monumentum  7iavaH$  pvgnae  eo  die  quo  pugnatum 
est,  quotannis  solenmi  certamine  navium  in  flumine  oppidi  media  exercetur: 
zugleich  ein  Zeugnifs  für  die  zu  Livius  Zelt  vollzogene  Erweiterung  der  Stadt 
vgl.  CIL.  V  2856.  2878. 

2)  Liv.  XLI  27. 

3)  Plut.  Caes.  47  Gell.  N.  A.  XV  18  Dio  XLI  61  Lucan  VII  193  CIc! 
Philipp.  XII  10. 

4)  Strab.  V  213  III  169,  Mela  II  60  opulentissima. 

5)  Martial  XIV  143  Strab.  V  218. 

6)  Plin.  Ep.  I  14,6  Martial  XI  16,8. 

7)  Mommsen  a.  0.  p.  268  id  ipsum  eliam  tituU  lestantur  numero  multi, 
sed  anliquae  fere  simplicilatis,  item  mira  paucilas  tituloTnim  honorariorum. 
CIL.  Vp.  263.  1073  Pais  suppl.  p.  75.  239  Kaibel  2315—17. 


§  2.     Die  Veneter.  221 

bei  dem  alle  30  Jahr  zu  Ehren  Antenors  gefeierten  Gründungsfeste 
Tragoedien  auf.^)  Den  ehrenhaften  Charakter  der  Vaterstadt  spiegeln 
Livius,  Asconius,  Thrasea  in  der  Litteratur  wieder:  die  Selbständig- 
keit mit  der  er  in  Worten  und  Wendungen  (I  492)  vor  allem  in 
seiner  ganzen  Haltung  auftrat,  galt  hauptstädtischem  Dünkel  als  Pata- 
vinitas.'^)  In  dem  Krieg  69  n.  Chr.  erwähnt 3),  wird  Patavium  in 
der  Folge  von  anderen  Städten,  namentlich  Mailand  und  Aquileia 
überholt.4)  Die  Langobarden  zerstörten  es  mit  Feuer  und  Schwert. 5) 
Aus  der  Menge  der  erhaltenen  Inschriften  geht  hervor  dafs 
die  Umgegend  dicht  bewohnt  war;  auch  in  den  Niederungen  wurde 
Weinbau  getrieben.®)  JNach  den  Alpen  zu  versagen  die  Inschriften: 
das  Gebiet  von  Patavium  scheint  sich  bis  zu  den  Quellen  des  Astico 
erstreckt '')  und  einen  Flächenraum  von  40 — 50  d.  D  M.  enthalten 
zu  haben.  —  Am  Ostfufs  der  sog.  euganeischen  Hügel  entspringen 
in  Abano,  S.  Pietro,  Monte  Grotto,  Battagha  warme  Schwefelquellen 
die  im  Altertum  wie  in  der  Gegenwart  starken  Zuspruch  fanden. 
Der  erstgenannte  von  Padua  11  km  entfernte  Badeort  ist  der  be- 
suchteste, in  seinem  griechischen  Namen  Aponus  an  die  alte  Bildung 
dieser  Landschaft  erinnernd. 8)  Herakles  hatte  mit  dem  Pflug  den 
schmerzstillenden  Quell  ans  Licht  gebracht.  Ein  Orakel  das  man 
mit  Würfeln  befragte,  war  mit  der  Heilstätte  verbunden. 9)  Claudian 
hat  sie  besungen,  Cassiodor  ausführlich  beschrieben.  —  Der  Ort  wo 
Antenor  zuerst  gelandet  sein  sollte,  hiefs  nach  Livius  Troia  und 
danach  eine  Dorfschaft  pagus  Troianus;  derselbe  erwähnt  ohne 
Namenangabe  drei  patavinische  Dörfer  an  der  Lagune.io) 

1)  Tac.  Ann.  XVI  21  Dio  LXII  26  vgl.  CIL.  V  2787  Pais  599. 

2)  Ouintil.  15,56  VIII  1,3. 

3)  Tac.  Hist.  11  100  III  6  fg. 

4)  Es  wird  seit  dem  2.  Jahrhundert  kaum  genannt:  Not.  Dign.  Occ.  121. 

5)  Paul.  h.  Lang.  II  14  IV  23. 

6)  Plin.  XIVllO. 

7)  Plin.  III  121  accedentibus  Atesi  ex  Trideniinis  Alpibus  et  Togisono 
ex  Patavinorum  agris. 

8)  Lucan  VlI  192  Sil.  It.  XII  218  Martial  VI  42,4  AnthoL  lat.  36  Riese 
Auson.XIX  161  Claudian  carm.  min.  26,89  felices  proprium  qui  te  meruere  coloni 
fas  quibus  est  Aponon  iuris  habere  su>.  Cassiod.  Var.  II  39  Aponum  Graeca 
lingua  nominavit  antiquitas,     Plin.  II  227  XXXI  61. 

9)  Suet.  Tib.  14  vgl.  CIL.  I  p.  267  fg.  Die  Formel  A.  A.  in  den  Weihin- 
schriften CIL.  V  2783  fg.  8990.  3101  ist  doch  wol  nach  den  Veroneser  Scholien 
zu  Aen.  I  247  Apollini  Apono  aufzulösen;  Mommsen  zieht  Apono  Augusto 
oder  aquis  Aponi  vor. 

10)  Liv.  I  1,3  X  2,7. 


222  Kapitel  111.     Venetia  und  Histria. 

Die  Reisekarte  verzeichnet  die  einzelnen  Wegstrecken  auf  dem 
Lido  die  hei  den  zahlreichen  Mündungen  kurz  ausfielen  und  durch 
Fähren  unterhrochen  waren.  Sie  rechnet  von  der  Mündung  des 
Meduacus  Maior  3  Millien  bis  ad  Porhim  den  oben  von  Strabo  er- 
T^rähnten  Hafen  Pataviums,  vermutlich  die  heutige  Ortschaft  Mala- 
mocco  im  Unterschied  von  der  Einfahrt  gleichen  Namens;  von  hier 
16  Mdlien  bis  Altinum.  So  heifst  noch  jetzt  die  nördUch  von 
Burano  am  Rand  des  Festlands  unweit  des  Suis  Sile  i)  befindliche 
Trümmerstätte  (2  m).  Der  kleine  Flufs  (I  194)  hat  rüstig  an  der 
Ausfüllung  der  Lagune  geschafft;  denn  die  alte  Stadt  war  auf  einem 
Pfahlrost  innerhalb  der  Lagune  erbaut,  wie  das  damalige  Ravenna 
und  das  heutige  Venedig.'^)  Von  Hause  aus  wahrscheinlich  ein 
Fischerdorf  —  seine  Muscheln  halten  späterhin  weiten  Ruf^)  — 
erscheint  es  am  Ausgang  der  Republik  als  Municipium  der  Tribus 
Scaptia.4)  Die  nordische  Politik  des  Augustus  und  seiner  Nach- 
folger hat  dessen  Aufblühen  mächtig  gefördert.  Seit  der  Anlage  des 
Kriegshafens  zu  Ravenna  und  der  Herstellung  der  Wasserstrafsen 
führte  die  kürzeste  und  bequemste  Verbindung  zwischen  dem  Nord- 
osten und  der  Halbinsel  über  Altinum  (S.  213).  Ungefähr  gleich- 
zeitig wurde  von  hier  aus  die  Via  Claudia  Augusta  erbant,  welche 
die  Rrennerstrafse  schneidend  und  wie  es  scheint  am  Bodensee  aus- 
mündend (I  163),  die  kürzeste  Verbindung  zwischen  dem  oberen 
Rhein-  und  Donauthal  einerseits,  der  Adria  und  Rom  anderseits 
herstellte.  Derart  liegt  Altinum  an  der  Kreuzung  der  von  Nord 
nach  Süd  und  von  Ost  nach  West  laufenden  Hauptstrafsen,  von  hoher 
Bedeutung  für  den  Handelsverkehr  wie  für  kriegerische  Unter- 
nehmungen.s)  Seine  Feldmark  kann  nur  eine  bescheidene  Aus- 
dehnung gehabt  haben:  wenn  deshalb  von  seiner  Schaf-  und  Vieh- 
zucht die  Rede  ist  6),  wird  dies  vorwiegend  auf  die  Ausfuhr  des 
Hinterlandes  zu  beziehen  sein.  Die  Machthaber  wandten  der  durch 
Tüchtigkeit  ausgezeichneten  Gemeinde  ihre  persönliche  Gunst  zu  ^) : 

1)  Plin.  III  126  Geogr.  Rav.  IV  36. 

2)  Vitruvl  4,11  Slrab.  V  214. 

3)  Plin.  XXXII  150. 

4)  Veil.  II  76,2  Plin.  III  119  VI  218  Ptol.  III  1,26  CIL.  V  p.  205.  1070  Pais 
p.  58.  238  Einwohner  Allinntes. 

5)  Vell.  11   76,2   Tac.  Hist.  III  6   Herodian  VIII   7,1    vita  Ver.  9,11   Zosim. 
V  37,2. 

6)  Colum.  VI  24  Vil  2  Martial  XIV  155. 

7)  CIL.  V  2419  Plin.  Ep.  III  2. 


§  2.    Die  Veneter.  223 

das  milde  Klima  mochte  sie  fesseln,  wenn  sie  gezwungen  waren 
den  Winter  im  Norden  zu  verbringen.  Die  Umgebung  wurde  mit 
Landhäusern  bedeckt,  deren  Pracht  mit  Baiae  wetteifern  konnte. i) 
Altinum  ward  452  durch  Attila  zerstört  2):  die  geflüchteten  Bewohner 
siedelten  sich  auf  geschützteren  Inseln  an  und  legten  damit  den 
Grund  des  heutigen  Venedig.^) 

Nach  Aussage  der  Meilensteine  verband  die  Via  Claudia  Augusta 
Altinum  oder  den  Po  mit  der  350  Millien  entfernten  Donau.  Sie 
führte  zunächst  nach  dem  12  Millien  landeinwärts  am  Sile  (15  m) 
gelegenen  Tarvisium  Municipium  der  Tribus  Claudia,  jetzt  Treviso.^) 
Es  wird  erst  am  Ausgang  des  Altertums  in  der  Kriegsgeschichte 
mehrfach  erwähnt  und  war  Sitz  eines  langobardischen  Herzogs.  — 
Noch  weniger  ist  über  das  25  Millien  von  Treviso  in  nordwestlicher 
Richtung  entfernte  Municipium  Acelum  Asolo  (207  m)  zu  sagen. ^) 
Dasselbe  wird  ausdrücklich  den  Venetern  zugeschrieben  und  scheint 
nicht  ganz  unbedeutend  gewesen  zu  sein.  —  Von  Treviso  bis  Feltria 
Feltre  (327  m)  sind  ungefähr  40  Millien.  Die  Strecke  von  Altinum 
bis  hierher  wird  in  den  Itinerarien  nicht  erwähnt,  so  dafs  die  durch  die 
Via  Claudia  Augusta  eröffnete  Verbindung  nicht  in  dem  Mafse  benutzt 
zu  sein  scheint  wie  man  hätte  erwarten  sollen.  Am  Plavis  Piave, 
von  dessen  Veränderungen  früher  die  Rede  war  (I  195),  vereinigt 
sich  die  Strafse  mit  der  von  Opitergium  kommenden.  Feltria 
war  venetischen  Ursprungs  und  gehörte  als  Municipium  der  Tribus 
Menenia  an.^)  Sein  Gebiet  dehnt  sich  über  das  Suganathal  bis  zur 
Wasserscheide  gegen  Trient  hin  aus.')  Das  von  der  oberen  Brenta 
(I  194)  durchflossene  Suganathal  heifst  in  langobardischer  Zeit 
Alsuca;  das  Reisebuch  nennt  30  Milben  von  Feltre,  23  von  Trient 


1)  Martial  IV  25  aemula  Baianis  Altini  litora  villis,  Cassiod.  var.  XII  22. 

2)  Bist.  Miscella  XV  7  vgl.  Jord.  Get.  222,  Geogr.  Rar.  IV  30  Guido  20.' 

3)  Erste  Erwähnung  Paul.  h.  Lang.  II  14. 

4)  Plin.  III  126.  130  Geogr.  Rav.  IV  30  Venant.  Fort.  v.  S.  Mart.  IV  665 
(Tarvisvs)  Cassiod.  var.  X  27  {Tarvisiani)  Prokop  b.  Golh.  II  29  III  1.  2  Paul.  h. 
Lang.  IV  3  V  39  CIL.  V  p.  201  Kaibel  2322.  23.  Die  Einwohner  Tarvisani,  ver- 
einzelt Tai'visiüJii. 

5)  Plin.  III  130  Ptol.  III  1,26  "AxsSov,  Bischofsitz  nach  Paul.  h.  Lang.  III  26 
Acilium,  CIL.  V  p.  198.  1068  Pais  p.  56.  238. 

6)  Plin.  III  130  Fertini,  zu  lesen  Feltrini ,  so  Cassiod.  var.  V  9  Paul.  h. 
Lang.  III  26.  It.  Ant.  280  Geogr.  Rav.  IV  30.  Die  Inschriften  sowol  Feltria  als 
Feltriae  CIL.  V  p,  196.  1068  Pais  p.  56.  238. 

7)  Wie  bezeugen  Cassiod.  var.  V  9  Paul.  h.  Lang.  III  31. 


224  Kapitel  III.     Venetia  und  Histiia. 

Ausugum,  was  auf  den  Ilauptort  Borgo  di  Val  Sugaoa  (375  m)  zu- 
trilTt.')  —  Das  obere  Thal  der  Piave  hat  seinen  Miltelpunct  in 
Bellunnm  Belluno'-^),  das  an  der  Vereinigung  von  Ardo  und  Piave 
hegt  (385  m).  Es  wird  den  Venetern  beigelegt  und  war  als  Muni- 
cipium  in  der  Tribus  Papiria  eingetragen.  Weiter  aufwärts  im  Val 
Cadore  hewahrt  Castell  Lavazzo  seinen  alten  Dorfnamen :  dies  lehrt 
eine  Inschrift^),  laut  welcher  zu  Ehren  des  Kaisers  Nero  den  Dorf- 
genossen eine  Sitzbank  mit  daran  angebrachter  Sonnenuhr  gestiftet 
wird  (horilogium  cum  sedibus  pagam's  Laebactibus  dederunt). 

Die  Liquentia  Livenza  (I  195)^),  bildete  die  Grenze  zwischen 
Venetern  und  Carnern:  an  ihrer  Mündung  befand  sich  ein  Hafen 
gleichen  Namens,  jetzt  Caorle.^)  In  dem  von  Piave  und  Livenza 
umrahmten  Landstrich  ist  Opüergium  Oderzo  (16  m)  die  Haupt- 
stadt ♦>),  von  Altinum  und  Concordia  je  20  Millien  entfernt,  Das 
Reisehandbuch  erwähnt  die  Verbindung  mit  diesen  beiden  Städten 
nicht,  statt  dessen  eine  Strafse  nach  Feltria  die  an  die  Via  Claudia 
Augusta  anschlofs:  es  giebt  die  Entfernung  nach  Feltria  zu  56  MiUien 
an,  das  ist  um  10  zu  hoch.  Die  Reisekarte  läfst  eine  Strafse  von 
Vicelia  über  Opitergium  nach  Concordia  und  Aquileia  gehen.  Die 
Gemeinde  wird  zum  ersten  Mal  in  dem  Bürgerkrieg  49  v.  Chr.  er- 
wähnt wegen  des  Heldenmuts  mit  dem  ihre  Söhne  gegen  die  Pom- 
peianer  fochten.  Da  alle  den  Tod  der  üebergabe  vorzogen,  ge- 
währte ihr  Caesar  Freiheit  von  der  Aushebung  für  20  Jahre  und 
eine  Gebielsvergröfserung  von  151  Dkm.  Die  Stadt  gehorte  der 
Tribus  Papiria  an.  Sie  wird  unter  Marc  Aurel  von  den  Marco- 
manen, im  7.  Jahrhundert  von  den  Langobarden  von  Grund  aus 
zerstört,  —  Etwa  20  Millien  nördlich  von  Opitergium  liegt  Ceneta 
Ceneda.^)     Dasselbe  wird   im   6.  Jahrhundert    als   Bistum   genannt, 

1)  It.  Ant.  280  Paul.  h.  Lang.  III  31  CIL.  V  p.  536.  Pais  1065  p.  91. 

2)  Plin.  in  130  Felunum,  Ptol.  III  1,26  BeXoivov ,  Paul.  h.  Lang.  III  26 
VI  26.  Die  Namensfoi  m  steht  durch  Inschriften  fest  CIL.  V  p.  192. 1068  Pais  p.  55. 238. 

3)  CIL.  V  p.  191.  1068. 

4)  Plin.  III  126  Serv.  V.  Aen.  IX  679  Tab.  Peut.  (Licenna)  Paul.  h.  Lang. 
V  39  Geogr.  Rav.  IV  36. 

5)  Plin.  11!  126  CIL.  V  p.  185. 

6)  Liv.  CX  Lucan  IV  462  dazu  Schol.  Bern.  Flor.  11  13;  Strab.  V  214  Plin. 
III  130  Ptol.  III  1,26;  Tac.  Hist.  III  6  Ammian  XXIX  6,1;  It.  Ant.  280  Tab. 
Peut.  Geogr.  Rav.  IV  30;  PauL  h.  Lang.  IV  38.  45  V  28;  CIL.  V  p.  186.  1066 
Pais  p.  54.  234. 

7)  Venanl.  Fort.  v.  S.  Marl.  IV  668  Agathias  II  3  Geogr.  Rav.  IV  30  Paul, 
h.  Lang.  II  13  V  28  VI  24  CIL.  V  p.  1067. 


§  3.     Die  Carner.  225 

kann  aber  erst  in  der  späten  Kaiserzeit  Stadtrecht  erlangt  haben, 
da  es  bei  älteren  Schriftstellern  nicht  vorkommt.  —  Unbekannt 
ist  die  genaue  Lage  der  Stadt  Berua  der  Plinius  raetischen  Ursprung 
beilegt.  1)  Da  sie  in  Verbindung  mit  Feltria  und  Tridenlum  auftritt, 
wird  die  Gegend,  wo  sie  zu  suchen,  wenigstens  angedeutet. 

§  3.     Die  Carner. 

Die  Landschaft  zwischen  den  Carnischen  Alpen  und  dem  Meer, 
der  Livenza  sowie  der  oberen  Piave  im  Westen  und  dem  Isonzo 
im  Osten  heifst  FriauK  benannt  nach  Forum  Julii,  wo  die  Lango- 
barden bei  ihrer  Einwanderung  569  ihr  erstes  Herzogtum  einge- 
richtet hatten.  Etwa  125  d.  □  M.  grofs  bildet  sie,  von  einem 
venezianischen  Bruchtheil  zwischen  Livenza  und  Tagliamento,  ferner 
einem  slavischen  Bezirk  im  Nordosten  abgesehen,  eine  Sprachein- 
heit, die  wir  nach  der  Ansicht  Ascoh's  und  anderer  namhafter 
Sprachforscher  der  raetischen  Familie  zugewiesen  haben  (I  484). 
Um  diese  Thatsache  zu  erklären  bleibt  kein  anderer  Ausweg  übrig 
als  den  Grundstock  der  Bevölkerung  für  raetisch  zu  halten.  Neuer- 
dings ist  vermutet  worden,  die  Raeter  seien  aus  Tirol  seit  Karl  dem 
Grofsen  in  das  verödete  Land  eingewandert:  jedoch  fehlt  bislang 
ein  Versuch  die  Vermutung  irgendwie  zu  begründen.^)  Wir  haben 
keinen  Anlafs  von  der  früher  (I  487)  aufgestellten  Meinung  abzu- 
gehen, dafs  die  Gallier  in  Friaul  den  herrschenden  Theil,  die  Raeter 
die  unterworfene  Masse  ausmachten. 3)  Gleicher  V^'eise  sind  die  an- 
stofsenden  Japudes  deren  Name  keltisch  ist,  nach  dem  Zeugnifs  der 
Alten  aus  Illyrern  und  Kelten  gemischt.^)  Aehnlich  scheint  es  im 
westlichen  Piemont  mit  Ligurern  und  Kelten  gewesen  zu  sein  (S.  163). 


1)  Plin.  in  130  CIL.  V  p.  537. 

2)  Carl  Freiherr  v.  Czoernig,  die  alten  Völker  Oberitaliens,  Wien  1885, 
p.  54.  Der  Beweis  müfste  sich  aus  den  Ortsnamen  führen  lassen,  wenn  die 
Vermutung  richtig  wäre.  Freilich  erscheint  die  Annahme  des  Verf.  dafs  Friaul 
186  v.  Chr.  und  abermals  in  langobardischer  Zeit  unbewohnt  gewesen  wäre, 
recht  unglaublich.  Eher  würde  man  an  eine  ausgedehnte  Verpflanzung  raetischer 
Bevölkerung  durch  Augustus  denken  können,  nach  Dio  LIV  22. 

3)  Eine  eingehende  Untersuchung  über  die  inschriftlich  erhaltenen  Eigen- 
namen Oberitaliens  würde  für  die  Aufhellung  der  Stammesverhältnisse  von 
Nutzen  sein.  Es  fehlt  nicht  an  Bezügen  zwischen  raetischen  und  furlaner 
Namen  z.  B.  Clavenius  CIL.  V  1920  Clavenna ;  Truttidia  eb.  1946  in  Ateste 
und  Verona  wiederkehrend. 

4)  üeber  den  Namen  I  507  A.  Strab.  IV  207  VII  313.  315. 
Nissen,  Ital.  Landeskunde.    II.  15 


226  Kapitel  lil.     Venetia  und  Hislria. 

Das  Einilringcn  der  Germanen  in  das  römische  Reich  kann  der- 
artige Hergänge  veranschaulichen  und  zeigen  wie  das  herrschende 
Volk  die  Sprache  und  Art  des  besiegten  annimmt.  Im  Jahre  186  v. 
Chr.  wanderte  eine  Schar  von  12  000  waffenfähigen  Galliern  in  die 
Nähe  von  Aquileia  und  begann  sich  hier  anzusiedeln,  räumte  aber 
auf  den  Befehl  Roms  hin  das  besetzte  Land.i)  Frühere  Versuche 
mögen  von  besserem  Erfolg  begleitet  gewesen  sein.  Die  Besitz- 
nahme des  Friaul  durch  Gallier  ist  allem  Anschein  nach  spät  er- 
folgt: es  ist  wol  möglich  dafs,  wie  behauptet  wird  (S.  225  A.  2),  die 
Veneter  einst  bis  zum  Timavus  reichten  und  durch  den  Druck  der 
kellischen  Massen  zum  bedingungslosen  Auschlufs  an  Rom  getrieben 
wurden.  —  Die  Carner  werden  bei  Erwähnung  eines  115  v.  Chr. 
über  sie  gefeierten  Triumphes  als  GaUier  bezeichnet. 2)  Zeufs  leitet 
den  IVamen  vom  keltischen  carn  (lat.  cornu  deutsch  Hörn)  ab'^), 
das  ähnlich  wie  das  deutsche  Hörn  (Breithorn  Matterhorn  Schreck- 
horn  usw.)  von  Bergspitzen  gebraucht  wird:  mithin  würde  er  das- 
selbe bedeuten  wie  Taurisker  Tauriner  (S.  163),  die  Bergbewohner. 
Die  Ausdehnung  des  Volkes  steht  im  Allgemeinen  fest:  es  wird  im 
Westen  durch  die  Livenza  von  den  Venetern  (S.  224),  im  Norden 
durch  die  Alpes  Carnicae  auf  denen  die  Save  entspringt,  von  den 
Norikern  geschieden,  umfafst  im  Osten  noch  Tergeste.*)  Dafs  Carner 
im  Gebiet  der  letzteren  Stadt  wohnten,  wird  urkundlich  bezeugt. 
Trotzdem  ziehen  Plinius  und  Plolemaeos  in  ihrer  Darstellung  die- 
selbe nicht  zu  den  carnischen  Städten.  Wir  folgen  ihnen;  denn 
einmal  erhält  Italien  am  äufsersten  Nordende  der  Adria,  dem  Busen 
von  Monfalcone,  wo  das  Niederland  aufhört  und  das  Gebirge  hart 
an  das  Ufer  tritt,  seinen  natürlichen  Abschlufs;  sodann  ist  hier  bis 
auf  Caesar  die  politische  Grenze  gelaufen  (I  77  A.  3).  Während 
der  Republik  war  Aquileia  Grenzstadt  und  Zollamt :  kurz  hinter 
dem  Timavus,  bei  Duino  sul  Carso  am  Golf  von  Monfalcone  befand 
sich  die  Zollstätte  und  damit  auch  die  Grenze  Italiens.^) 


1)  Liv.  XXXIX  22.  45.  54.55.  Plin.  III  131, 

2)  Fasten  (CIL.  I  p,  460)  de  Galleis  Karneis;  Liv,  XLIII  5    scheint  Carner, 
Hislrer,  Japuden  von  den  Galliern  zu  unterscheiden. 

3)  Zeufs  p.  248. 

4)  Liv.  XLlll  5  Mela  II  59  Plin.  III  127.  147  Strab.  IV  206  VII  292.  314Ptol. 
III  1,25. 

5)  Caes.  b.  Call.  I  10  Cic.  pro  Font.  2  CiL.  V  703.  704.  792.    Strabo  V  215 
bezeugt  die  Grenze  zwischen  Italien  und  Istrien. 


§  3.    Die  Carner.  227 

Die  Städte  in  Friaul  tragen  romische  Namen  und  führen  ihren 
Ursprung  auf  die  Römer  zurück.  Daraus  geht  schon  hervor,  dafs 
die  Entwicklung  einen  wesenthch  anderen  Gang  genommen  hat  als 
bei  den  Insubrern  Cenomanen  und  Venetern.  Der  Plan  Künig 
Phihpps  von  Macedonien,  einen  grofsen  Einfall  barbarischer  Völker 
in  Italien  von  Osten  her  ins  Werk  zu  setzen  i) ,  hat  die  römische 
Regierung  genötigt  eine  feste  Stellung  am  Fufs  der  Ostalpen  ein- 
zunehmen. Angeblich  soll  bereits  187  v.  Chr.  der  Consul  M.  Aemi- 
lius  Lepidus  mit  Umgehung  der  Niederungen  am  Saum  der  Alpen 
hin  eine  Slrafse  von  Rononia  nach  Aquileia  erbaut  haben. 2)  Dies 
kann  nicht  richtig  sein,  da  Aquileia  erst  181  v.  Chr.  gegründet 
wurde.  Aber  die  im  Reisebuch  verzeichnete  Strafse  zwischen  beiden 
Städten  kann  füglich  im  zweiten  Consulat  des  Lepidus  175  v.  Chr. 
entstanden  sein.  Sodann  wurde  die  Grenzfestung  148  v.  Chr.  mit 
Genua  in  Verbindung  gesetzt  durch  die  Anlage  des  Sp.  Postumius, 
deren  Renennung  für  den  Anfang  bei  Genua,  für  die  Strafse  von 
Cremona  nach  Redriacum,  endlich  für  die  Einmündung  in  Aquileia 
überliefert  wird  (S.  200  A.  1).  In  Altinum  nahm  sie  die  132  v.  Chr. 
erbaute  Via  PopilHa  auf.  Die  Entfernung  von  Altinum  beträgt  60 
oder  62  Millien.3)  Während  der  Republik  hat  hier  ein  ähnliches 
Verhältnis  obgewaltet  wie  an  der  ligurischen  Küste  (S.  140):  die 
Herrschaft  erstreckt  sich  nicht  weit  über  den  Strafsendamm  hinaus, 
und  das  ganze  binnenländische  Friaul  geniefst  der  Unabhänigkeit. 
Es  liegt  in  der  Natur  der  Dinge  dafs  Uebergriffe  von  der  einen  wie 
der  anderen  Seite  nicht  ausgeblieben  sein  können.  Wo  ihr  Name 
zum  ersten  Mal  auftaucht,  170  v.  Chr.  führen  die  Carner  im  Senat 
Reschwerde,  115  v.  Chr.  werden  sie  besiegt,  52  v.  Chr.  überfallen 
sie  Tergeste.4)  Die  üeberheferung  bekümmert  sich  kaum  um  das 
Völkchen.  Aber  wir  erkennen  doch  dafs  Octavian  das  Schicksal 
desselben  endgiltig  bestimmt  hat.     Nachdem  Caesar  im  Westen  die 


1)  Liv.  XXXIX  35  XL  21.  57. 

2)  Strab.  V  217  hat  vielleicht  Aquileia  mit  Placentia,  Alpen  mit  Appennin 
verwechseU.  Aber  da  Aquileia  aller  Wahrscheinlichkeit  nach  bald  an  das 
italische  Strafsennetz  angeschlossen  wurde,  da  anderseits  Lepidus  zu  den 
Venelern  Beziehungen  hatte  (Liv.  XLl  27),  so  hat  man  guten  Grund  ihn  als 
ersten  Urheber  der  lt.  Anton.  281  beschriebenen  Strafse  anzusehen.  Der  kunst- 
mäfsige  Ausbau  mufs  aber  viel  später  erfolgt  sein  (S.  53). 

3)  It.  Ant.  126.  128.  281  Hieros.  559  Tab.  Peut.  CIL.  V  p.  935  fg. 

4)  Liv.  XLIII  1.5,  Triumphalfasten,  Hirt.  b.  Call.  Vlll  24,  Strab.  IV  206 
V  216. 

15* 


228  Kapitel  III.     Venetia  und  Histria. 

Reichsgrenze  an  den  Rhein  und  Canal  vorgeschoben  hatte,  ging 
sein  Sohn,  sohahl  die  Umstände  es  gestatteten,  daran  Italien  nach 
Osten  hin  zu  sichern.  Er  unterwarf  die  Carner  35  v.  Chr.  und 
führte  alsbald  diejenigen  Einrichtungen  durch,  welche  wir  in  der 
Kaiserzeit  antreffen. ') 

Halbwegs  zwischen  Altinum  und  Aquileia  gründete  Octavian 
unter  den  Namen  Julia  Concordia  eine  Colonie  die  er  mit  der 
Herrscliaft  über  das  westliche  Friaul  zwischen  Livenza  und  Taglia- 
mento  betraute. 2)  Ein  älterer  römischer  Vicus  lag  an  der  Stelle, 
wie  begreiflich  durch  den  Verkehr  ins  Leben  gerufen. =^)  Jedoch 
zeugt  der  Grundplan  der  Colonie  von  grofser  Regelmäfsigkeit.4) 
Die  Stadt  hat  ihren  Namen  bis  auf  die  Gegenwart  bewahrt,  ist  aber 
wieder  zum  Flecken  herabgesunken  (2  m).  Das  Flüfschen  Lemene 
—  wie  es  einst  hiefs,  wissen  wir  mit  Sicherheit  nicht'')  —  setzt 
sie  mit  dem  anstofsenden  Lagunengebiet  in  Verbindung.  IVach  dem 
Binnenland  laufen  zwei  Strafsen  von  ihr  aus:  erstens  nach  dem 
20  Millien  entfernten  Opitergium  •>)  und  damit  weiter  über  Feltria 
(S.  223)  und  Trient  nach  Rhein  und  Donau;  sodann  hat  Augustus 
2/1  V.  Chr.  von  Concordia  eine  Strafse  erbaut  die  sich  mit  der  von 
Aquileia  ausgehenden  vereinigt  und  vom  oberen  Thal  des  Taglia- 
raenlo  über  M.  Croce  wie  über  den  Saifnitzpafs  (I  165)  nach 
Noricum  verzweigt."^  Daraus  erhellt  sofort  dafs  der  Platz  eine 
militärische  Bedeutung  gehabt  hat.    Solche  tritt  namentlich  im  4.  und 


1)  Appian  III.  16.  Dafs  die  Unterwerfung  erst  15  v.  Chr.  vollendet  wurde, 
darf  man  nicht  aus  Strabo  IV  206  schliefsen :  die  Carner  werden  in  der  Sieges- 
inschrift nicht  genannt  und  die  Stadtgründungen  in  Friaul  fallen  vor  27  v.Chr. 
Ebensowenig  darf  man  sie  Caesar  beilegen,  da  nichts  von  seinem  Vorgehen 
in  diesen  Gegenden  bekannt  und  eine  Befriedung  derselben  vor  dem  Jahr  35 
ausgeschlossen  ist. 

2)  Strab.  V  214  Mela  II  61  Plin.  III  126  Ptol.  III  1,25  CIL.  V  p.  178.  1035 
Pais  p.  50.  237  Kaibel  inscr.  Gr.  2324-36. 

3)  CIL.  V  1890  dazu  Pais. 

4)  Not.  d.  Sc.  1880  p.  411  tav.  12,  leider  ohne  Mafsstak 

5)  Wie  I  196  A.  1  bemerkt,  ist  das  flumen  ReaUnuvi  Plin.  III  126  wahr- 
scheinlich der  Lemene,  der  Hafen  gl.  N.  vielleicht  Porto  di  Falconera. 

6)  Bezeugt  durch  einen  Meilenstein  CIL.  V  p.  937. 

7)  Nach  den  Meilensteinen  CIL.  V  p.  936.  Die  beiden  Strafsen  von  Con- 
cordia und  von  Aquileia  sind  nahezu  gleicher  Länge  und  vereinigen  sich  in 
der  Gegend  von  Pers  (166  m)  bei  S.  Daniele  unweit  des  Tagliamento.  Im  CIL.  wird 
Pers  (495  m)  am  Fufs  des  M.  Chiampon  (1709  m)  östlich  von  Gemona  ver- 
standen, was  in  mehrfacher  Hinsicht  unmöglich  ist. 


§  3.     Die  Garner.  229 

5.  Jahrhundert  zu  Tage,  als  hier  eine  kaiserhche  Fabrik  von  Pfeilen 
bestand,  und  wie  die  kürzlich  entdeckte  Gräberstätle  beweist,  ver- 
schiedene Truppenkürper  lagerten. i)  Die  Feldmark  der  Gemeinde 
mag  an  40  d.  D  M.  enthalten  haben.'-)  Jedoch  hat  sie  den  Ver- 
kehr der  Nachbarn  in  Altinum  und  Aquileia  lange  nicht  erreicht. 
Sie  war  der  Tribus  Claudia  einverleibt;  über  ihr  Stadtrecht  werden 
wir  durch  Fronto  unterrichtet. 3) 

Der  Tiliaventus  Tagliamento  *)  scheidet  die  West-  von  der  Ost- 
hälfte Friauls  (I  195).  In  dieser  nimmt  Aquileia  eine  ähnliche 
Stellung  ein  wie  Concordia  in  jener,  hat  aber  als  Ausfuhrhafen 
der  Alpenländer  einen  ganz  anderen  Aufschwung  genommen,  ja 
den  Rang  einer  Grofsstadt  im  römischen  Reich  bekleidet.  Um  390 
singt  Ausonius^): 

Notia  inter  ciaras  Aquileia  cieberis  urbes 

Itala  ad  Illyricos  obiecta  colonia  montes 

moenibns  et  portu  celeberrima. 

Sie   hegt  am   Rand   der   Lagune   (5  m)    ungefähr  10  km  vom 

Meer  entfernt.**)     Mehrere  Flüsse  münden  in  die  Lagunen  ein:  im 

Westen   der   kleine   Alsa  Ausa'),    im   Osten   der  Natiso  Natisone^) 

mit  dem  Turrus  Torre.'J)     Es   wurde    früher  bemerkt  (I  196)  dafs 

der   Natiso   nicht   wie  jetzt   in   den  Sontius  Isonzo  lO)  einmündete, 

sondern  nahe   bei  Aquileia   vorbeiflofs:   er  schützte  dasselbe  gegen 


1)  Not.  Dign.  Occ.  43  CIL.  V  p.  1035  Kaibel  2324—36;  vgl.  Cod.  Theod. 
XI  39,1 1  XVI  7,5  Eutrop  VllI  10  Zosim.  V  37  Nol.  d.  Scavi  1883.  86.  93. 
94.  95. 

2)  Cassiod.  var.  XII  26. 

3)  Fronto  ad  amicos  II  6.  7. 

4)  Plin.  III  126,  Ptol.  I  15.  4  111  l,t.  22  Tilavenlus,  Tab.  Peut.  Tiliabfnte, 
Venant.  Fort,  praef.  4  vita  S.  Mart.  IV  655  Teliamentus ,  Paul.  h.  Lang.  II  13 
Tiliamentus,  Geogr.  Rav.  IV  36   Taliamentus. 

5)  Auson.  ordo  urb.  nobil.  65.  Voraus  gehen  Rom  Constantinopel  Gar- 
thago  Antiochia  Alexandria  Trier  Mailand  Capua;  es  folgen  Arelate  Hispalis 
Athen  usw. 

6)  Strab.  V  214  richtig  60  Stadien,  während  Plin.  III  126  irrig  die  Zahl 
verdoppelt. 

7)  Plin.  III  126  Hieron.  a.  Abr.  2356  vgl.  Eutrop.  X  9  Bist,  misceiia  XI  17. 

8)  Strab.  V  214  Mela  II  61  Flin.  III  126  Ptol.  lil  1,22  Annmian  XXI  12,8; 
Hist.  niisc.  XV  7  Jord.  Get.  219  Natissa;  Paul.  h.  Lang.  V  23  Natisio. 

9)  Plin.  III  126. 

10)  Vgl.  1 196  A.2Tab.  Peut.  Cassiod.  var.  I  18  Jord.  Get.  293  Exe.  Vales.  50; 
Cassiod.  ehr.  a.  489  Isontius  (Chr.  min.  II  159.  233). 


230  Kapitel  III.     Venetia  und  Histria. 

den  von  Osten  her  anrückenden  Feind  und  setzte  es  in  unmittel- 
bare Verbindung  mit  dem  Meer.  Das  alte  Flufsbett  bei  der  Stadt 
ist  noch  in  dem  wasserreichen  Bach  Natissa  vorhanden.  Dieser 
natürUche  Graben ,  dazu  die  Feuchtigkeit  des  Bodens  welche  die 
Anliige  von  Minen  uimiOglich  machte,  gewährte  eine  ungewöhnliche 
Festigkeit'),  die  mehrfache  Proben  bestanden  hat 2):  unter  Marc 
Aurel  gegen  Quaden  und  Marcomannen,  238  gegen  Maximious, 
361  gegen  Julian,  452  gegen  Attila.  Nach  neueren  Berechnungen  3) 
betrügt  der  von  der  Mauer  umschlossene  Raum  nur  64  ha:  ebenso 
viel  wie  in  Pompeji  (S.  37),  halb  so  viel  wie  in  Mediolanum  (S.  182). 
Indefs  sieht  der  Umfang  keineswegs  völhg  fest,  und  die  aufgedeckten 
Mauerstrecken  stammen  frühestens  aus  der  Zeit  Marc  Aureis. 
Uebrigens  würde  der  angegebene  Flücheninhalt  für  die  ursprüng- 
liche Zahl  der  Ansiedler  sehr  gut  passen.  Der  Senat  beschlofs 
183  V.  Chr.  die  Anlage  einer  latinischen  Colonie,  die  181  v.  Chr.  in 
der  Stärke  von  3000  Mann  aufser  Centurionen  (60)  und  Beilern 
(300)  entsandt  wurde. ^)  Der  Mann  bekam  50,  der  Centurio  100, 
der  Reiter  140  Juchert  zugelheilt:  mithin  sind  im  Ganzen  an 
50  000  ha  9  d.  DM.  Ackerland  angewiesen  worden.  Auf  wieder- 
holte Vorstellungen  erhielten  die  Ansiedler  169  v.  Chr.  eine  Ver- 
stärkung von  1500  Familien.^)  Wenn  nun  Aosta  mit  41  ha  Flächen- 
inhalt auf  3000  Praetorianer  berechnet  war,  so  würden  64  ha  einer 
Besatzung  von  gegen  5000  Mann  entsprechen.  Ein  Adler  der 
Glück  verheifsend  bei  der  Gründung  erblickt  wurde,  hat  der  Stadt 
den  Namen  verliehen. 6)  Ihre  Gemarkung  war  zunächst  dasjenige 
Land,  welches  die  oben  erwähnte  keltische  Wanderschar  186  v.  Chr. 
in  Besitz  genommen  und  wieder  geräumt  hatte.  Durch  Octavian 
ist  das  Gebiet  auf  ungefähr  50  d.  D  M.  erweitert  worden.  Die 
Bedeutung  Aquileia's  in  Krieg  und  Frieden  wird  durch  den  Um- 
stand gekennzeichnet,  dafs  nicht  weniger  als  6  Hauptstrafsen  von 
hier  auslaufen:  1.  die  via  Postumia  nach  Allinum  welche  den  Ver- 


1)  Ammian  XXI  11,2  12,8  Herodian  Vlil  2,6. 

2)  Lukian.  Alex.  48  Ammian  XXIX  6,1;  Herodian  VIII  2  fg.  vita  Maximin.  22; 
Ammian  XXI  12:  Jord.  Get.  219fg.  Hist.  misc.  XV  6  Prokop  b.  Vand.  I  4;  vgl. 
Tac.  Hist.  H  46.  85  III  6.  8. 

3)  Belocli,  Bevölkerung  p.  488. 

4)  Liv.  XXXIX  55  XL  34  Vell.  I  15  CIL.  V  873. 

5)  Liv.  XLHl  1.  n  vgl.  XLI  1.  5. 
R|  Julian  or.  II  72a. 


§  3.     Die  Garner.  231 

kehr  mit  Italien  vermittelt  i);  2.  über  ad  Trkesimum  Tnge&imo  Julium 
Carnicum  Zuglio  nach  Yeldidena  Wüten  bei  Innsbruck  (I  165,  13); 
3,  über  den  Tarvispafs  nach  Virunum  Klagenfurt  und  weiter  Lauri- 
acum  Lorch  an  der  Donau'^);  4.  über  den  Birnbaumer  Wald  nach 
Emona  Laibach  und  Sirmium  Mitrovvitz '^j ;  5.  nach  Tarsalica  bei 
Fiume  und  weiter  Siscia  Sissek*);  6.  nach  Ter^es/e  Triest  und  der 
islrischen  Küste. s) 

Die  um  150  v.  Chr.  fallende  Entdeckung  der  Goldfelder  bei 
Klagenfutt  (I  167)  brachte  die  Stadt  in  Aller  Mund.^)  Jedoch  ist 
sie  während  der  Republik  zu  keiner  friedlichen  Entwicklung  ge- 
langt und  von  den  Japuden  noch  während  Caesars  Statthalterschaft 
heimgesucht  worden.'}  Erst  nach  den  Eroberungen  Octavians 
35  V.  Chr.  konnte  sie  die  Gunst  ihrer  Lage  voll  ausnutzen.  —  Die 
ganze  Umgegend  war  vortrefflich  angebaut  (I  453  A  5),  sandte  Aepfel 
nach  Rom  *),  Wein  nach  Pannonien.'')  Die  hölzernen  Weinfässer 
welche  zu  Wagen  über  die  Ocra  (I  149)  von  Maullhieren  geschleppt 
und  in  Nauportus  auf  der  Save  verschifft  wurden,  haben  die  be- 
sondere Aufmerksamkeit  der  südlichen  Berichterstatter  auf  sich  ge- 
lenkt. Aus  Italien  werden  Wein  Oel  und  die  Erzeugnisse  des 
Gewerbfleifses ,  aus  den  Donauländern  Sklaven  Vieh  Häute  aus- 
geführt. Dieser  Handel  sammelte  in  Aquileia  ungezählten  Reichtum.  lO) 
Die  oben  mitgelheilte  Angabe  über  den  von  der  Mauer  umschlossenen 
Flächenraum  entspricht  der  wirklichen  Grüfse  durchaus  nicht. ^i) 
Die  alte  Mauer  war  238  u.  Chr.  niedergerissen  und  wurde  eilfertig 
hergestellt,  indem  man  die  Vorstädte  preisgab.  Namentlich  nach 
der  Lagune  hin  müssen    diese  sehr  ansehnlich  gewesen  sein.     Ein 


1)  lt.  Ant.  126.  128.  281  Hieros.  559  Tab.  Peul.  vgl.  S.  200  A.  1. 

2)  Vgl.  I  165,14;  It.  Ant.  276  Tab.  Peut.  Mommsen  CIL.  Vp.  935  ver- 
mutet in  ihr  die  n.  1008a.  7992  erwähnte  Fia  Amiia  und  schreibt  dem  Consui 
von  153  oder  128  v.  Chr.  den  Bau  zu. 

3)  Vgl.I  166,15;  lt.  Ant.  129  Hieros.  560  Tab.  Peut. 

4)  Vgl.  I  166,16;  It.  Ant.  272  Tab.  Peut. 

5)  lt.  Ant.  270. 

6)  Polybios  bei  Strab.  IV  208. 

7)  Appian  111.  18  Caes.  b.  Gali.  1  10  Cic.  in  Vatin.  38. 

8)  Athen.  III  82  c. 

9)  Strab.  IV  207  V  214  VII  314  Herodian  VIII  2,3  4,4.  5  Julian  or.  II  72  a. 

10)  Mela  II  61  ditem  Aq.  Julian  or.  II  71  d  eftnoQtov  nQoe  d'aXärrri  fiaXa 
evSatfiov  xai  nXovioJ  ßgiov. 

11)  Herodian  VIII  2,3  /xeyioTTi  nö/.is  iSiov  St]fiov  Ttolvävd'^cojto, ,  Prokop 
b.  Vand.  I  4. 


232  Kapitel  III.     Venelia  und  Histiia. 

redendes  Zeiignifs  für  die  Ilülie  der  Bevölkerung  liel'eru  die  erhaltenen 
InsclirÜten,  deren  Zahl  uiigeLlhr  2000  beträgt. i)  —  Als  latinische 
Colonie  gestiftet,  hat  Aqiiileia  90  v.  Chr.  das  Bürgerrecht  und  Auf- 
nahme in  die  Tribiis  Velina  erlangt.  Durch  Augustus  wurde  es 
zum  Hang  einer  Colonie  erhoben,  büfste  denselben  aber  wieder 
ein  und  erlangte  ihn  später  zurück  2):  seine  höchsten  Beamten 
lieifsen  durchweg  Quattuorvirn.  Die  Fülle  von  Gottheiten  welche 
in  den  \yeihiiischriften  begegnet,  spiegelt  die  bunte  Zusammen- 
setzung der  durch  den  Handel  vereinigten  Einwohnerschaft  wieder. 
Ilaupigolt  ist  der  als  Apollo  bezeichnete  Belenus  oder  Belinus  dessen 
Verehrung  die  Grenzen  der  Carner  nicht  überschreitet,  deshalb  auch 
innerhalb  derselben  entstanden  sein  wird.*)  Der  Schutz  den  er 
238  gegen  Maximin  geleistet  haben  soll,  hat  ihm  einen  geschicht- 
lichen Ruf  verschafft. ')  Sein  Tempel  stand  südöstlich  von  Aquileia 
bei  Beligna  das  vom  Gott  den  Namen  führt.  —  Während  die  meisten 
Städte  am  Ausgang  des  Altertums  im  Sinken  begriffen  sind,  ist  hier 
das  Gegentheil  der  P'all.  Aquileia  wird  Hauptstadt  der  Provinz 
Venetien^),  Kriegshafen  und  Münzamt"),  erhält  einen  Palast  in 
welchem  die  Kaiser  seit  Diocletian  häufig  weilten  ") ,  sein  Bischof 
wird  Patriarch.  Mit  der  Zerstörung  durch  Attila  452  ist  die  Blüte 
für  immer  dahin;  bei  dem  Einfall  der  Langobarden  568  siedelt 
der  Patriarch  nach  der  Insel  Gradus^)  über,  von  wo  er  1450  seinen 
Sitz  nach  Venedig  verlegte.  Dafs  auf  der  Insel  Grado  bereits  im 
Altertum  ein  Hafenort  lag,  ist  so  gut  wie  gewifs,  aber  fraglich  ob 
er  denselben  Namen  hatte.  Mit  seinem  Aufschwung  im  Mittelalter 
geht   der   Verfall   Aquileia's   Hand  in    Hand.     Im    Umkreis   der  zu 


1)  CIL.  V  p.  83.  1023.  1096  Pais  p.  14.  225  Kaibel  inscr.Gr.  2337—78  Arch.- 
epigr.  Mitlh.  aus  Oesterreich  I  36  fg.  IX  248  XIX  205. 

2)  Colonie  Plin.  III  126  Ptol.  III  1,25  CIL.  V  1084.  1127  Pais  93.  198.  211.  — 
Municipium  Vitruv  I  4,11  CIL.  V  903.  968. 

3)  Mommsen  zu  CIL.  V  732.  Tertullian  apolog.  24  ad.  nat.  II  8  nennt  ihn 
einen  norischen,  Ausonius  prof.  5,9  11,24  einen  keltischen  Gott,  vgl.  Ihm, 
Pauly-Wissowa  Encycl.  III  199. 

4)  Hcrodian  VIII  3,8  vila  Maxim.  22. 

5)  Jord.  Get.  219  Paul.  h.  Lang.  II  14. 

6)  Not.  Dign,  Occ.  47.  48.  118  Tab.  Peut.  Die  Münzstätte  .hat  eine  um- 
lassende Thäligkeit  entfaltet,  Mommsen  Salicis  Zeitschr.  XV  239 fg. 

7)  Paneg.  Lat.  VI  6  Gothofredus  Top.  Cod.  Theud.  Justinian  Nov.  XXlX 
praef.  Bevejias  iv  ah  Stj  xal  ^^KvXrjia  nöXii  roöv  inl  rijs  eansQas  fieyCotr] 
y.aTujxiaTai  xal  ßaaihxrjv  noXkäxis  Süuxav  Se^a/ievrj. 

8)  Paul.  h.  Lang.  11    10  III   26  IV  4.  33  V  17. 


§  3.     Die  Carner.  233 

einem  ärmlichen  Dorf  gewordenen  Stadt  hat  die  Malaria,  befördert 
durch  den  Reisbau,  sich  eingenistet.  Seit  Jahrhunderten  haben 
die  alten  Prachtbauten  Tempel  Circus  Amphitheater  Theater  usw. 
als  Steinbruch  gedient.^) 

Von  Aquileia  bis  Triest  sind  26  Minien.2)  Halbwegs  bei  S. 
Giovanni  di  Duino  entspringt  der  Timavus,  welcher  die  Einbildungs- 
kraft der  Alten  viel  beschäftigt  hat.^)  Das  Karstgebirge  (I  149)  ist 
eine  einförmige  Hochfläche,  die  mit  einem  Absturz  von  350  m  am  Golf 
von  Triest  endigt.  Innerhalb  derselben  ist  die  Bildung  von  Längslhälern 
in  der  Richtung  von  Nordwest  nach  Südost  zwar  begonnen,  aber 
nicht  vollendet  worden.  Die  Flüsse  strömen  in  unterirdischen  Ein- 
senkungen,  deren  Decke  nur  stellenweise  eingebrochen  ist.  So  der 
Reka  oder  Recca,  dessen  Quellen  nördlich  von  Fiume  liegen:  er 
läuft  5  d.  Meilen  über  der  Erde,  verschwindet  zeitweilig,  wird 
wieder  sichtbar,  fällt  bei  S.  Canzian  (253  m)  in  eine  tiefe  Schlucht, 
um  5  Meilen  weiter  am  Rand  des  Gebirges  bei  S.  Giovanni  2  km 
vom  Meer  entfernt  hervor  zu  brechen.  Die  Alten  reden  von  7  oder 
9  Quellen  des  Timavus.^)  Cluver  zählt  6  bei  S.  Giovanni;  eine 
siebente  kommt  aus  einem  Sumpf,  aufserdem  achtens  der  Abflufs 
des  4  km  entfernten  Lago  di  Pielra  Rossa  latus  Timavi-^)  hinzu: 
alle  ergiefsen  sich  in  einem  Bett  vereint  ins  Meer.  Polybios  be- 
hauptet dafs  die  Quellen  bis  auf  eine  einzige  salziges.  Andere  be- 
haupten dafs  alle  süsses  Wasser  hätten.  Beide  Theile  haben  Recht: 
bei  niedrigem  Seestand  sind  die  Queilen  süfs;  bei  hohem  Seestand 
dringt  das  Seewasser  durch  unterirdische  Verbindungspalten  in  die 
Quellen  und  macht  sie  brakisch,  die  eine  ausgenommen,  welche 
oberhalb  der  genannten  Kirche  entspringt.  Zu  diesen  Naturwundern 
kam  noch  hinzu,  dafs  etwa  2  km  nach  West  entfernt  heifse  Quellen 
am  Meer  zu  Tage  treten  (Bagni  di  Monfalcone),  die  von  den 
Römern  wie  ihren  Nachkommen  zu  Badezwecken  benutzt  wurden.^) 

1)  Maionica,  Aquileia  zur  Römeizeit,  Görz  1881;  ders.  Fundkarte  von 
Apuileia,  Görz  1893, 

2)  lt.  Ant.  270.  273  rechnet  je  12  vom  Timavus  nach  Aquileia  und  Triest, 
Tab.  Peut.  richtiger  14  nach  Triest.  Strab.  V  215  180  Stadien  zu  niedrig, 
Flin.III  127  33  Millien  zu  hoch. 

3)  Ausführlich  und  einsichtsvoll  behandelt  von  Cluver  It.  ant.  I89fg. 

4)  Polybios  bei  Strab.  V  214  Martial  IV  25,6  Serv.  V.  Aen.  I  244  geben  7, 
Vergil  a.  0.  Mela  II  61  Claudian  VI  cons.  Hon.  197  geben  9  an. 

5)  Liv.  XU  1  Claudian  III  cons.  Hon.  120. 

6)  Plin.  II  229  HI  151  verlegt  sie  lalschlich  auf  eine  Insel  statt  einer  Halb- 
insel. Tab.  Peut. 


234  Kapitel  III.     Venetia  und  Histria. 

In  Anlehnung  an  alte  weit  verbreitete  Anschauungen  (I  103)  suchten 
die  Lniwohner  an  dieser  Stelle  die  Quelle  und  Mutter  des  Meeres.') 
Den  Geographen  gab  sie  den  Anlafs  zu  jenem  Zerrbild  von  der 
Gabelung  «ler  Donau,  welches  vom  vierten  Jahrhundert  v.  Chr.  bis 
in  die  Kaiserzeit  hinein  in  der  Lilleratur  begegnet  (I  10).  Die 
Dichter  verknüpfen  den  Timavus  mit  den  Fahrten  der  Argonauten 
und  der  Helden  von  Troia.^j  Mit  dem  Vordringen  der  römischen 
Waffen  wird  der  wahre  Zusammenhang  der  merkwürdigen  Er- 
scheinung den  Naturkundigen  im  letzten  Jahrhundert  v.  Chr.  ge- 
läufig.^) Die  Heiligkeit  des  Ortes  (and  in  einem  dem  Timavus 
geweihten  Tempel  seinen  Ausdruck;  aus  Inschriften  erfahren  wir 
dafs  in  römischer  Zeit  der  Minerva  und  Spes  Augusta  Capellen 
errichtet  worden  sind.^)  Der  Timavus  wird  noch  vom  Gebiet 
Aquileia's  eingeschlossen  ^),  liegt  aber  nahe  bei  der  Grenze  gegen 
Istrien,  der  alten  Landesgrenze  Italiens  (S.  226  A.  5).  Am  Timavus 
zweigt  von  der  Küsten-  die  binnenländische  Strafse  nach  Finme 
ab  (S.  231). 

Die  grofse  pannonische  Strafse*»)  läuft  am  rechten  Ufer  des 
Isonzo  und  überschreitet  ihn  auf  dem  Pons  Sonti  16  Millien  von 
Aquileia  wenig  oberhalb  der  Einmündung  der  Wippach.')  Dem 
Thal  des  Frigidus  fluvius  der  Wippach  **)  folgend ,  steigt  sie  zur 
Pafshöhe  in  Alpe  Julia  an. 9)  In  der  Kriegsgeschichte  wird  die 
Strafse  häufig  erwähnt:  der  Isonzo  dessen  Brücke  die  Aquileienser 
238  zerstört  halten,  hielt  den  Maximin  3  Tage  lang  auf;  an  dem- 
selben erfocht  Theoderich  489  seinen  ersten  Sieg  über  Odoaker; 
an  der  Wippach  wurde  Eugenius    394    von  Theodosius  geschlagen. 


1)  Polybios  bei  Strab.  V  214  Varro  bei  Serv.  V.  Aen.  I  246. 

2)  Strab.  1  46  (Arisl.)  de  mirab.  ausc.  105  Veig.  Aen.  1  244  Ecl.  8,6  Georg. 
III  475  Martial  IV  25,6  VIII  28,7  Lucan  VII  194  Auson.  ordo  uib.  nob.  162. 

3)  Posidonios  bei  Strab.  V  215  Plin.  II  225. 

4)  Strab.  V  214   CIL.  V   706  fg.     Eine  Weihinschrift   an  Timavus  in    der 
Fremde  Pais  380. 

5)  Plin.  II  225  iMartial  IV  25,5  Vib.  Sequ.  fontes. 

6)  Alfons  Müllner,  Emona,  Laibach  1879,  p.  109  fg. 

7)  CIL.  V  79S9  Tab.  Peul.  Herodian  VIII  4,1  vita  Maximin.  22,4;  Gassiod. 
var.  I  18  ehr.  a.  489  Exe.  Vaies.  50  Jord.  Gel.  293. 

8)  It.  Ant.  128  Tab.  Peut.  Glaudian  III  cons.  Hon.  99.   Sokrates  h.  eccl.  V  25 
Pbilostorg.  h.  eccl.  XI  2  Hist.  misc.  XIII  14. 

9)  Die  Grabschrift  eines  im  Kampf  mit  den  Räubern  in  ^l/jes  Jul{ias)  loco 
qtind  apellatur  Scelerata  gefallenen  Soldaten  ist  erhalten  Pais  58  =  1110. 


§  3.    Die  Carner.  235 

Der  Pafs  wie  die  anstofsenden  Alpen  sind  nach  Octavian  benannt 
(I  149).  Das  Pilgerbuch  von  333  verzeichnet  auf  der  Pafshöhe 
eine  Station  ad  Pirum  zum  Birnbaum  ^):  an  dies  "Wirtshauszeichen 
(S.  59)  knüpft  die  heutige  Benennung  Birnbaumer  Wald  an, 
welche  die  ehemalige  Ocra'^)  verdrängt  hat.  Jenseit  der  Pafshöhe 
folgt  die  Station  Longaticum  Loitsch,  dann  Nauporttis  Oberlaibach 
und  Emona  Laibach  (F  166).  Wie  weit  die  Feldmark  Aquileia's  auf 
der  Hochfläche  sich  erstreckt  habe,  ist  nicht  zu  sagen.  Zwischen 
derselben  und  der  Station  ad  Fines  20  Milben  westlich  von  Siscia 
befindet  sich  ein  Bezirk  mit  der  Hauptstadt  Emona,  welcher  eine 
ähnliche  Sonderstellung  zwischen  Pannouien  und  Italien  einnimmt 
wie  die  Seealpen  und  das  cottische  Reich  zwischen  diesem  und 
Gallien. 3)  Er  hat  in  langobardischer  Zeit  den  Namen  Carniola 
Kleincarnia,  von  seinen  slavischen  Bewohnern  den  Namen  Rrain 
(Grenzland)  erhalten.'*)  Im  dritten  Jahrhundert  wird  er  unzwei- 
deutig als  zu  Italien  gehurig  betrachtet;  ob  und  seit  wann  er  dessen 
Rechtstellung  getheilt  hat,  lassen  wir  auf  sich  beruhen,  da  in  der 
früheren  Kaiserzeit  solches  nicht  der  Fall  war.^) 

Die  norische  Strafse  verband  Aquileia  mit  Virunum  und  der 
Donau  (S,  231).  Ihr  Gang  läfst  sich  genauer  bestimmen  als  I  165 
geschehen  ist.  Sie  führte  den  Natiso  aufwärts  nach  dem  30  Millien 
entfernten  Forum  Julii  Cividale  d'  Austria  oder  del  Friuli  (135  m), 
dessen  Name  deuthch  mit  einer  Strafsenanlage  zusammen  hängt. ß) 
Diese  Gründung  Octavians  welche  zur  Unterscheidung  von  Iria  in 
Ligurien  (S.  159)  den  Beinamen  Transpadanorwn  bekommen  hat, 
fällt  35  V.  Chr.  oder  kurz  darauf,  hat  aber  nach  dem  Vorrücken 
der  Reichsgrenze  an  die  Donau  ihre  Wichtigkeit  verloren.  Wenn 
daher  Ptoiemaeos  die  Stadt  Colonie  nennt,  so  kann  dieser  Rang 
höchstens  von  den  Mafsnahmen    eines  späteren  Kaisers   herrühren. 


1)  It.  Hieros.  560. 

2)  Strab.  IV  202.  207  V  211  VII  314  Ptol.  II  12,1  III  1,1.  Plin.  III  131 
bezieht  den  Namen  wol  mirsverständlicii  auf  eine  untergegangene  Stadt  der 
Carner. 

3)  Ptol.  II  14,5  Mommsen  CIL.  III  p.  483.  489  Detlefsen  Herrn.  XXI  552  fg. 

4)  Zeufs,  die  Deutschen  620. 

5)  Emona  fehlt  in  den  augustischen  Gensuslisten  von  Italien  die  Plinias 
giebt,  steht  vielmehr  unter  Pannonien  III  147.  Zu  Italien  gerechnet  Herodian 
"VII  12,8  VIII  1,4. 

6)  Plin.  III  130  Ptol.  in  1,25  Cassiodor  var.  XII  26  Geogr.  Rav.  IV  30.  31 
V  14  Paul.  h.  Lang.  II  14  und  oft.  CIL.  V  p.  163.  1051   Pais  p.  47,  Kaibel  2379. 


236  Kapitel  III.     Venetia  und  Histria. 

Die  Bilrgerschalt  war  in  die  Tribus  Scaptia  eingetragen.  Dafs  die 
I>angobarden  den  Ort  berühmt  machten,  wurde  S.  225  angedeutet. 
—  Das  Reisebuch  giebt  die  Entfernung  von  Aquileia  nach  Viruuum 
zu  108  Milben  an.  Dies  Mals  ist  lür  den  Weg  aus  dem  Thal  des 
Tagliamenlo  und  Fella  über  den  Saifnitzpafs  nach  Tarvis  zu  klein. 
Dafs  der  letztere  einer  Romerstrafse  entspricht,  wird  nicht  be- 
stritten: aber  das  Reisebuch  bezieht  sich  auf  eine  andere.  Von 
Forum  Jiilii  läuft  nämlich  eine  Strafse  den  Naliso  hinauf,  auf  be- 
quemem Uebergang  an  den  Isonzo,  von  diesem  über  den  Predilpafs 
(1165  m)  nach  Raibl  und  das  Schlitzathal  abwärts  nach  Tarvis. 
Diese  kürzeste  Verbindung  zwischen  Aquileia  und  Virunum  triflt 
allein  auf  die  Angaben  des  Reisebuchs  zu ;  die  angeführten  Stationen 
sind  bisher  noch  nicht  ermittelt  worden. i)  —  Der  Zug  den  die 
Reisekarte  verzeichnet,  ist  auf  einen  Umweg  sei  es  durch  das  Thal 
des  Tagliamento  oder  wol  eher  des  Isonzo  zurückzuführen. 

Die  raetische  Strafse  wird  bei  Venantius  von  Aguontum  Lienz 
an  der  Drau  ausgehend  so  beschrieben: 

hinc  pete  rape  vias  uhi  Julia  tendüur  Alpes 
altivs  adsurgens  et  mons  in  nubila  pergit. 
inde  Foro  Juli  de  nomine  principis  exi 
per  rupes  Osope  tuas,  qua  lamhilur  nndis 
et  super  instat  aquis  Reunia  Teliamenti. 
hinc  Venetum  saltus  campestria  perge  per  arva 
submontana  quidem  castella  per  ardua  tendens 
aut  Aquiliensem  si  forte  accesseris  nrbem  ... 
Von  dem  Irrtum  abgesehen  dafs  der  Dichter  Julium  Carnicum 
mit  Forum   Juhi   verwechselt,    ist    seine    Schilderung    vollkommen 
klar,2)     Das  Reisebuch    erwähnt   als   erste  30  Millien   von  Aquileia 
entfernte  Station  ad  Tricesimum   die   ihren  alten  Namen  Tricesimo 
(197  m)  nördlich  von  Udine  bewahrt  hat.-^)     Von  hier  wendet  sich 
die  Strafse  nach  West  dem  Tagliamenlo  zu  und  vereinigt   sich  mit 


1)  F.  Pichler,  Virunum  p.  106  fg.,  Graz  1888.  —  Als  erste  Station  von 
Aquileia  30  Millien  entfeint  wiid  genannt  ^lawi  öeleio  f  .  heloio  F.  bellono: 
es  mufs  Forum  Julii  heifsen.  Wie  die  Verderbnils  entstanden  sei,  läfsl  sich  nicht 
erraten.  Die  zweite  Station  Aarrce  fällt  an  den  oberen  Isonzo ;  der  Name  mag 
ähnlich  wie  ad  Pirum  (S.  235)  von  einem  Wirtshauszeichen  herrühren. 

2)  Venant,  vita  S.  Martini  IV  651  fg.  Paulus  der  den  Inhalt  dieser  Verse 
h.  Lang.  II  13  wiedergiebl,  hat  den  Irrtum  bemerkt;  denn  er  läfst  bei  der  Auf- 
zählung der  berührten  Ortschaften  verständiger  Weise  Forum  Julii  weg. 

3)  II.  Ant.  279  CIL.  V  p.  167  Pais  p.  48. 


§  4.     Die  Hislrcr.  237 

der  von  Concordia  kommenden  (S.  228  A.  7).  Die  von  Venanlius  auf- 
gezählten Ortscliaften  Reunia  Ragogna  (235  m)  am  Tagliamento  bei 
S.  Daniele  und  Osopus  Osoppo  (185  m)  nürdlich  davon  kommen  bei 
älteren  Schriftsteilern  nicht  vor.')  Abseits  von  der  Strafse  liegt 
das  gleichfalls  von  keinem  antiken  Schriftsteller  erwähnte  Glemona 
Gemona  (307  m)  das  nach  einer  Inschrift  später  Stadtrecht  erlangt 
zu  haben  scheint. 2)  Weiler  gabelt  sich  die  Strafse:  der  rechte  Arm 
führt  über  den  Saifnitzpafs  (I  165,  14)  und  erreicht  bei  Pontebba 
die  Zollgrenze  gegen  Illyrien^);  der  linke  Arm  erreicht  60  Millien 
von  Aquileia  Julinm  Carnicum  Zuglio  (430  m)  6  km  nördlich  von 
Tolmezzo.^)  Nach  der  ausdrücklichen  Angabe  des  I'tolemaeos  nimmt 
die  Stadt  eine  Sonderstellung  zwischen  Italien  und  Noricum  ein.^) 
Bei  der  Unterwerfung  der  Carner  35  v.  Chr.  hat  Octavian  in  diesem 
castellum  oder  conciliabulum  —  auf  eine  derartige  Eigenschaft  deutet 
die  neutrale  Form  des  Namens  hin  —  das  Centrum  für  die  Ver- 
waltung des  Gebiets  am  oberen  Tagliamento  geschaifen.  Als  Kaiser 
hat  er  ihm  Stadtrecht  verliehen,  da  der  Ort  in  den  Censuslisten 
bei  Plinius  vorkommt.  Weiter  wird  er  vor  Claudius'  Tod  colonia 
Julium  Carnicum  und  Sitz  des  procurator  in  Norico;  seine  Beamten 
heifsen  Duovirn,  seine  Bürger  geboren  der  Tribus  Claudia  an.  Das 
Gebiet  wird  im  Norden  durch  die  Wasserscheide  begrenzt  und  stiefs 
im  Süden  an  dasjenige  von  Aquileia.  In  der  Langobardenzeit  war 
Julium  Carnicum  noch  Bischofsitz,  ist  aber  jetzt  nur  ein  Dorf. 
Von  hier  läuft  die  alte  Strafse  den  But  aufwärts  auf  die  Höhe  des 
M.  Croce  (1  165,  13)  und  erreicht  die  Zollgrenze.'-) 

§  4.     Die  Histrer. 

Die  64  d.  GM.  grofse  Halbinsel  welche  dem  venetischen  Niederland 
gegenüber  vorspringt,  trägt  denselben  Charakter  wie  das  angrenzende 
Karstgebirge.     Ihre   höchsten  Erhebungen  liegen   an  der  Ost-Seite, 


1)  Wol  aber   bei   Paulus   b.  Laug.  IV  37  II  13  der  auch  Arlenia  Artegna 
(189  m)  in  der  Nähe  anführt. 

2)  Paul.  h.  Lang.  IV  37  CIL.  V  p.  169.     Die  Uebereinstimmung  der  Tribus 
zeigt  dafs  es  früher  zu  Julium  Carnicum  gehörte. 

3)  CIL.  V  8650. 

4)  Piin.  m  130  Ptol.  II  13,3  VIII  7,5  It.  .\nt.  279  Paul.  h.  Lang.  II!  26  CIL. 
V  p.  172.  1053  Pais  p.  49. 

5)  Detlefsen  Herrn.  XXI  547  fg. 

6)  CIL.  V  1864. 


238  Kapitel  111.     Venelia  und  Histria. 

wo  tier  M.  xMaggiore  1396  ni  ansteigt.  Von  hier  fällt  sie  stufen- 
lörniig  ohne  durchgefüinte  Thalhildiing  nach  Westen  ab:  die  Flüsse 
verlieren  sich  streckenweise  iu  unterirdischen  Betten,  das  Meer 
dringt  in  schmalen  Führden  tief  in  das  Land  ein.  Der  Kalkboden 
aus  dem  es  besteht,  ist  dem  Oelbaum  dienlich  :  durch  seine  Pflege 
hat  die  istrische  Halbinsel  (I  454)  wie  die  verwandte  apulische  ihren 
Wolstand  begründet.  Freilich  mufs  die  Schilderung  welche  das 
Klima  loht,  den  Reichtum  an  Oel  Wein  und  Weizen  hervorhebt, 
Istrien  als  das  Campanien  Ravenna's  bezeichnet^),  auf  den  West- 
Rand  beschränkt  werden:  die  Hochflächen  im  Innern  haben  von 
der  Bora  (I  384)  viel  zu  leiden.  —  Der  Zusammenhang  des  illyrischen 
Stammes,  dem  Hislrer  wie  Veneter  angehörten  (I  493),  ist  durch 
das  Vordringen  der  Kelten  zerrissen  worden.  Auf  der  Halbinsel 
eingeengt,  machten  die  histrischen  ähnlich  wie  die  ligurischen  oder 
die  anderen  illyrischen  Gaue  die  See  unsicher,  bis  ihnen  von  Rom 
das  Handwerk  gelegt  wurde.  Da  die  römische  Herrschaft  von  der 
Liveriza  ab  über  einen  schmalen  Küstensaum  nicht  hinausreichte, 
so  sah  die  Regierung  der  Republik  in  der  Regel  davon  ab  einen 
eigenen  Statthalter  nach  Illyrien  zu  entsenden.  Am  Timavus  war 
die  italische  Grenze:  Aquileia  war  die  erste  italische  (S.  226),  Ter- 
geste  die  letzte  iflyrische  Stadt.^)  Caesar  rückte  die  Grenze  Italiens 
6  Mühen  südlich  von  Tergeste  an  den  kleinen  Formio  Risano  oder 
Reka^)  bei  Capo  d'  Istria  an  den  Fufs  der  Halbinsel  vor  (1  77  A.  3). 
Im  Anschlufs  an  die  Ordnungen  der  Republik  lassen  Strabo  und 
Ptolemaeos  Istrien  am  Timavus  beginnen,  während  Plinius  der  durch 
Caesar  veranlafsten  Aenderung  folgend,  den  Formio  für  den  Timavus 
einsetzt.  Als  Ostgrenze  Istriens  g<'gen  Liburnien  betrachten  alle 
drei  den  Arsia  Arsa^),  der  nach  einem  von  Nord  nach  Süd  gerich- 
teten Lauf  von  40  km  durch  einen  an  der  Mündung  nur  600  m 
breiten,  aber  nicht  weniger  als  17  km  in  das  Land  einschneidenden 
Meerescanal  fortgesetzt  wird.  Diesen  Einschnitt  hat  Augustus  kurz 
vor  seinem  Tode  (I  81  A.  1),  als  gleichzeitig  die  illyrischen  Provinzen 
neu  eingerichtet  wurden,  zur  Grenze  von  Italien  gemacht,  die  auch 
im  Altertum  nicht  überschritten  worden  ist. 


1)  Cassiodor  var.  XII  22. 

2)  Mela  II  57. 

3)  Plin.  III  127  Ptol.  III  1,23;  Geogr.  Rav.  IV  36  Rusano. 

4)  Flor.  I  21,1   Plin.  III  44.  129.  132.  139.  150. 


§  4.     Die  Histrer.  239 

Nicht  weit  vom  Timavus  —  Cluvcr  vermutet  an  der  Stelle  von 
Castel  Duino  —  lag  castellum  Pucinum,  dessen  vorzüglichem  Wein 
die  Gemahlin  des  Augiistus  ihre  S2  Lebensjahre  zuschrieb. i)  Die 
Strafse  von  Aquileia  erreicht  nach  26  Millien  (S.  233  A.  2)  Tergeste 
Triest.2)  Die  Stadt  liegt  am  Abhang  des  vom  Castell  gekrönten 
Hügels  (94  m)  an  einer  nach  Nordwest  geöffneten  Bucht.  Der  gute 
Hafen  hat  naturgemäfs  den  Verkehr  angelockt:  eine  alte  Strafse 
führte  über  die  Ocra  hinüber  nach  Nauportus^),  sich  mit  derjenigen 
von  Aquileia  vereinigend.  Um  100  v.  Chr.  wird  der  Ort  zum  ersten 
Mal  von  Artemidor  genannt.^)  Wie  der  Ueberfall  52  v.  Chr.  lehrt  ^), 
hatte  er  die  benachbarten  Alpenvölker  zu  fürchten.  Von  solcher 
Furcht  wurde  er  durch  die  Siege  Octavians  befreit.  Octavian 
stiftete  hier  eine  Colonie,  errichtete  33  v.  Chr.  Mauer  und  Thürme 
zu  ihrem  Schutz,  verlieh  ihr  die  Herrschaft  über  Stämme  der  Carner 
und  Cataler.6)  Der  Eigenschaft  als  Colonie  entsprechend  heifsen 
die  Beamten  Duovirn;  die  Bürger  gehören  der  Tribus  Pupinia  an. 
Dergestalt  wurde  Tergeste  in  den  Gürtel  von  Festungen  ein- 
gefügt, welche  der  Kaiser  nach  und  nach  zur  Sicherung  Italiens 
und  zur  Wahrung  der  eigenen  Macht  gegründet  hat.  Allerdings 
kam  es  der  Mehrzahl  weder  an  Bedeutung  noch  an  Gebiet  gleich. 
Die  Feldmark  mit  etwa  30  d.  DM.  erstreckte  sich  über  das  Ge- 
lände vom  Timavus  bis  zum  Formio,  weiter  über  die  tributpflich- 
tigen und  erst  durch  Antoninus  Pius  mit  latinischem  Recht  be- 
dachten Stämme  der  Catali  im  Innern  der  istrischen  Halbinsel  und 
der  Carni  auf  dem  Karst.')  Davon  kann  aber  nur  der  kleinere 
Theii  als  fruchtbar  gelten.  Als  Ausfuhrhafen  stand  Tergeste  eben- 
so weit  hinter  Aquileia ,  wie  im  Mittelaller  hinter  Venedig  zurück. 


1)  PÜD.  III  127  XIV  60  XVU  31  Ptol.  III  1,24. 

2)  Artemidor  (bei  Steph.  Byz.  Te'yeaT^a)  Ptoi.III  1,23  T^'^/eaT^«)»' Marinos 
bei  Ptol.  I  15,4  TsoyeoTOv  Dion.  Per.  382  Tsyear^dioi.  Bei  den  Römern  Ter- 
geste Tergestini. 

3)  Strab.  VII  314  eis  SXoe  Aovyeov  xahivftsvov  d.  h.  das  grofse  Laibacher 
Moos,  vgl.  Veli.  II  HO. 

4)  Bei    Steph.   Byz.,     nach    ihm    Stiab.   VII   314  xio^r}    Kuqvixti  V  215 

tpQOVQlOV. 

5)  Hirt.  b.  Call.  VIII  24. 

6)  Plin.  III  127  Ptoi.III  1,23  CIL.  V  p.  53.  1022  Kaibel  2383. 

7)  Plin,  III  133  CIL.  V  532.  Der  Name  des  zwischen  Görz  und  Fiume 
liegenden  Gebirges  m.  Carmadins  Carso  Karst  scheint  von  den  Carnern  her- 
zurühren. 


240  Kapitel  III.     Venelia  und  Histria. 

Der  von  ilim  bedeckte  Flächenranm,  die  heulige  Altstadt  über- 
schreitet kaum  20  lia.  Sein  Aufschwung  beginnt  erst  im  18.  Jahr- 
hundert. 

Von  Triest  führt  die  78/79  n.  Chr.  erbaute  via  Flavia  nach 
dem  78  Milben  entfernten  Pola,  wo  sie  endigt.  •)  Unter  den  Küsten- 
plätzen wird  von  fMinius  Agida  als  von  römischen  Bürgern  bewohnt 
erwähnt:  darunter  scheint  das  auf  einer  Insel  befindliche  mit  dem 
Festland  durch  einen  Damm  verbundene  Capodistria  verstanden 
werden  zu  müssen,  weil  es  den  gröfsten  Bestand  an  Inschriften  auf- 
weist. 2)  —  An  der  Mündung  des  48  km  langen  Quieto  liegt  Neapolis 
Cittanuova,  das  nach  den  Inschriften  zu  schliefsen  in  der  späteren 
Kaiserzeit  Stadtrecht  besafs.^)  —  Die  Via  Flavia  die  sich  vom  Formio 
ab  landeinwärts  gehalten  hatte,  tritt  bei  Parentimn  Parenzo  wieder 
an  die  Küste.'*)  Die  Stadt  heifst  colonia  Julia:  Pliuius  kennt  sie  nur 
als  oppidum,  mithin  wird  wol  die  Erhebung  zur  Colonie  dem  Kaiser 
Tiberius  verdankt.  Die  Bürgerschaft  war  der  Tribus  Lemonia  zuge- 
theilt.  Der  Hafen  ist  im  Altertum  wie  im  Mittelalter  viel  besucht 
worden;  an  ihm  erhob  sich  ein  Tempel  des  Neptun.  —  Von  Parenzo 
bis  Pola  werden  31  Millien  gezählt.  Die  Strafse  berührt  südUch 
von  der  Mündung  des  43  km  langen  in  engem  und  tiefem  Spalt 
fliefsenden  Lerne  den  blühenden  Ort  Bovigno  der  durch  seine  Oel- 
und  Weinausfuhr  bekannt  ist.  Er  wird  als  Ruginium  Ruignum 
Revingum  in  der  ravennatischen  Rosmographie  erwähnt  und  gehörte 
zum  Gebiet  von  Pola.'')  —  Ein  dichter  Saum  von  Eilanden  und 
Klippen  fafst  die  ganze  Küste  ein,  die  überlieferten  Namen  lassen 
sich  nicht  auf  der  Karte  mit  Sicherheit  unterbringen.  ,,Pola,  schreibt 
Strabo,  ist  an  einem  Golf  der  einem  Landsee  gleicht  und  kleine 
Inseln  mit  guten  Ankerplätzen  und  fruchtbarem  Boden  enthält,  ge- 
gründet." Die  grüfste  Insel  heifst  jetzt  Brioni,  bei  den  Alten 
Pullaria.*')  Ein  mit  Sklaven  und  anderem  Besitztum  ausgestatteter 
Tempel  der  Minerva  lag  auf  der  insula  Minerma  wo  den  Apsyrios 
Jason   getödtet   und  Medea   bestattet  hatte:    sie   stiefs  an  die  Insel 


1)  It.  Ant.  271  Tab.  Peut.  CIL.  V  p.  934. 

2)  Plin.  III  129  CIL.  V  p.  49.  1022  Pais  p.  13.  224. 

3)  Geogr.  Kav.  IV  30.  31   V  14  CIL.  V  p.  39.  1021  Pais  p.  11. 

4)  Plin.  III  129  Ptol.  III  1,23  Steph.  Byz.  H.  Anl.  271  Tab.  PeuL  Geogr.  Rav. 
IV  30.  31  V  14  CIL.  V  p.  35.  1020  Pais  p.  10.  223. 

5)  Geogr.  Rav.  IV  30.  31  V  14  CIL  V  p.  33.  1020  Pais  p.  10. 
ii)  Plin.  III  151  Tab.  Peul.:  Strab.  V  215. 


§  4.     Die  Histrer.  241 

CanlaJ)  Welche  aus  der  Brioni  umgebenden  Gruppe  gemeint  sind, 
wissen  wir  nicht.  Dagegen  begegnet  die  derselben  angehörige  Orzera 
als  Ursaria  auf  der  Reisekarte  verzeichnet,  Man  kann  den  Namen 
Absyrtides  auf  die  Brioniinseln  beziehen,  aber  mit  gleichem  Recht 
auf  andere  Orte  des  illyrischen  Archipel  an  denen  die  Medeafabel 
haftet. 2)  Noch  unbestimmter  sind  die  in  ihre  Nähe  verlegten 
Electrides  oder  Bernsteininseln,  die  in  älterer  Zeit  an  den  Po- 
mündungen  gesucht  wurden. 3) 

Die  Fahrten  der  Argonaulen  in  denen  das  Erdwissen  des  alten 
Hellas  seinen  dichterischen  Ausdruck  erhielt,  wurden  seit  dem 
Wachstum  des  Verkehrs  im  vierten  Jahrhundert  über  das  Nordende 
der  Adria  ausgedehnt.  Die  verfolgenden  Kolcher  verzichteten  auf 
Heimkehr  und  gründeten  am  sinns  Polaticus  *)  Tlölai  wie  Kalli- 
machos  sagt^): 

Ol  (.iBV  STt   ' IkkvQioio  nÖQov  oxoioaavreg  kgerfia 

Xäa  naga  ^avd^fjg  '^Q/novitjg  räcpiov 
aatvQOv  tKTiaaavTO,  x6  x€v  g)vyädojv  rig  eviOTtoi 
Fguixog,  araq  xslviov  ylwao^  ovofxrjve  IloXag. 

Wol  war  es  nach  den  Worten  des  Dichters  ein  Städtchen;  denn 
die  von  der  Mauer  umschlossene  Fläche  mifst  wenig  über  16  ha. 6) 
Heute  ist  es  auf  denselben  Stand  zurückgekehrt  und  nur  wegen 
seiner  vorzüglichen  Rhede  die  von  keiner  anderen  an  der  oberen 
Adria  erreicht  wird,  als  oesterreichischer  Kriegshafen  bekannt. 
Dagegen  hat  es  in  der  Kaiserzeit  eine  Epoche  des  Glanzes  durch- 
lebt von  der  die  Schriftsteller  schweigen,  die  Denkmäler  reden.'') 
Den  Römern  hiefs  die  Stadt  Pola,  die  Einwohner  Polates^)  später 
Polenses.  Etwa  gleichzeitig  mit  Tergeste  34  v.  Chr.  wurde  sie  zur 
Colonie  erhoben,  nach  Piinius  unter  dem  Namen  Pietas  Julia,  nach 
einer  Inschrift  colonia  Julia  Pola  Pollentia  Herculanea,  wozu  die 
Bezeichnung  der  städtischen  Freigelassenen  Pollentii  stimmt. 9)    Aus 


t)  CIL.  V  8139  vgl.  170.  244  Hygin  fab.23. 

2)  Smb.  VII315  Plin.  111151  ApoUon.  IV  4SI. 

3)  PliD.  III  152  Strab.  V  215  Skylax  21  Skymnos  374. 

4)  Mela  II  57. 

5)  Bei  Strab.  I  46  V  215  vgl.  Lykopli.  AI.  1021  fg.  Mela  li  57  Fliii.  lU  129. 

6)  Kandier,  Notizie  di  Pola,  Parenzo  1876. 

7)  CIL.  V  p.  3.  1016  Pais  p.  8.  222  Kaibel  2384—88. 

8)  Steph.  Byz.  CIL.  V  8184. 

9)  Plin.  HI  129  Mela  II  57  CIL.  V  8139. 

Nissen,  Ital.  Landeskunde.    IL  16 


242  Kapitel  III.     Venetia  und  Histria. 

deo  Inschriften  geht  hervor  dafs  eine  ausgedehnte  Doniänenver- 
wahung  in  Pola  ihren  Sitz  hatte,  dafs  Pola  hohen  Gefangenen  zum 
Aufeiilhalt  diente,  endlich  seine  Ergehenheit  gegen  den  Kaiser  jeder- 
zeit beflissen  kund  gab.  Die  spärhchen  Erwähnungen  in  der  Littera- 
lur  nehmen  ausschhefslich  auf  seine  Eigenschaft  als  Hafenplatz  Be- 
zug.i)  Als  solcher  halte  es  für  den  Verkehr  zwischen  Italien  und 
der  dalmatinischen  Küste  eine  ungleich  gröfsere  Wichtigkeit  als 
Tergeste.  Von  seiner  Blüte  zeugt  am  Lautesten  das  stattliche  Amphi- 
theater aus  istrischem  Marmor  (Umfang  138  X  1^3  m  Arena  70  X 
45  m)  das  zu  den  bedeutendsten  Bauwerken  dieser  Gattung  zählt. 
Erhalten  ist  ferner  ein  nach  2  v.  Chr.  der  Roma  und  Augustus  er- 
richteter Tempel,  ein  anderer  zum  Rathaus  umgebauter  Tempel,  ein 
Ehrenbogen  aus  augustischer  Zeit,  ein  Theater,  zwei  Thore.  Die 
Stadt  dehnte  sich  weit  über  den  ihr  durch  die  Mauer  angewiesenen 
Raum  hinaus.  Ihr  Niedergang  war  entschieden,  sobald  der  politische 
Schwerpunct  von  der  italischen  Halbinsel  fortgerückt  wurde.  Im 
Mittelalter  diente  sie  den  neu  erblühenden  Seestädten  als  Steinbruch. 
Die  Halbinsel  endigt  im  promunturium  Polaticum'^)  Punta  di 
Promontore  45^  14'.  An  der  Ostseite  in  der  Nähe  von  Altura  am 
Val  Bado  lag  Nesactium,  sei  es  von  Pola  abhängig  oder  ein  selbst- 
ständiges Gemeinwesen. 3)  Im  Inneren  wohnten  von  Pola  bis  Tergeste 
die  Stämme  der  Fecusses,  Siibocrini,  Catali,  Menoncaleni,  Carni*): 
Cataler  und  Carner  waren  bezeugter  Mafsen  Unlerthanen  von  Ter- 
geste (S.  239);  in  ähnlicher  Weise  werden  die  übrigen  Pola  und 
Parentium  zugelheilt  gewesen  sein.  Einer  von  ihnen  hatte  in  Pi- 
quenlum  Pinguente  eine  städtische  Vereinigung.^)  Die  zahlreichen 
Grabschriflen  mit  ihren  barbarischen  Namen  zeigen  anschauUch,  dafs 
die  illyiische  Nationalität  in  diesem  abgelegenen  Landstrich  bis  tief 
in  die  Kaiserzeit  sich  behauptete. 


1)  Ptin.  111  129.  140  It.  Ant.  271.  mar.  496  Tab.  Peut.  Geogr.Rav.  IV  30.31 
V  14  Plol.  III  1,23  Prokop.  b.  Golh.  III  10. 

2)  Sleph.  Byz,  Strab.  VII  314. 

3)  Piin.  III  129.  14U  Ptol.  III  1,23  Geogr.  Rav.  IV  31  V  14  CIL.  V  p.  2.  1015 
Pais  p.  7.  Bei  Liv.  XLI  11  mit  einiger  Wahrscheinlichkeit  aus  et  maltius 
hergestellt. 

4)  Piin.  III  133. 

5)  Ptol.IU  1,24  CIL.  V  p.  44.  1022  Pais  p.  12. 


KAPITEL  IV. 


Die  Aemilia. 

Die  achte  Region  wird  im  Norden  vom  Po  und  nach  der  Strom- 
spaltung vom  Hauptarm  Volane  (S.  214),  im  Osten  von  der  Adria, 
im  Süden  durch  den  Flufs  Crustumium  Conca  i),  im  Westen  durch 
den  Appennin  und  den  Ira  StalTora  (S.  159)  begrenzt.  Sie  ent- 
spricht annähernd  der  heutigen  Landschaft  Emilia  mit  den  Provinzen 
Piacenza  Parma  Reggio  Modena  Bologna  Ferrara  (zum  Theil)  Ravenna 
Forli  und  einem  Flächeninhalt  von  rund  355  d.  Q  M.  19500  Dkm. 
Sie  reicht  so  weit  nach  Süden  wie  die  Ebene  des  Po  und  endigt 
ungefähr  da,  wo  der  Subappennin  an  die  Küste  herantritt.  Ihre 
grofse  Verkehrsader  ist  die  Strafse  deren  Namen  sie  trägt.  Die 
via  Aemilia  187  v.  Chr.  vom  Consul  M.  Aemilius  Lepidus  erbaut, 
verbindet  die  Grenzfestung  der  Halbinsel  Ariminum  mit  der  Pofestung 
Placentia.2)  Diese  176  Millien  lange  Strafse  einem  riesigen  Decu- 
manus  vergleichbar  scheidet  das  Land  in  zwei  Hälfien:  rechts  nach 
Nordost  die  dem  Meer  zugeneigte  Ebene,  links  nach  Südwest  das 
ansteigende  Hügelland  des  Appennin.  Die  Ebene  theilt  die  Frucht- 
barkeit der  venelischen  und  transpadanischen,  ist  aber  der  Halbinsel 
viel  näher  gerückt.  Während  die  Gewässer  nördlich  vom  Po  den 
Alpen  entströmen  und  in  die  fremdartige  Gebirgswelt  Mitteleuropa's 
hineinführen,  schneiden  zahllose  Querlhäler  in  den  Stamm  des 
Appennin  ein  und  erleichtern  den  Uebergang  zu  den  Gestaden  der 
tyrrhenischen  See.  Der  Umstand  dafs  die  Aemiha  einen  Breilengrad 
südlicher  liegt  als  die  Transpadana,  offenbart  sich  in  der  geschicht- 
lichen   Entwicklung.   —   Sie    weist   uralte   Städte    auf,    wie  Spina 


1)  Plin.  III  115,  Lucan  II  406  rapax,  Tab.  Peul.,  Vib.  Sequ.  p.  147  Riese. 

2)  Strab.  V  217  It.  Gadit.  Ant.  99.  126.  286  Hier.  615  Tab.  Peul.  CIL.  I 
535—37  Liv.  XXXIX  2;  die  Angabe  Strab.  V  217  von  dem  Lauf  der  Via  Aemilia 
nach  Aquileia  beruht  auf  Verwechslung  (S.  227). 

16* 


244  Kapitel  IV.     Die  Aemilia. 

RavoDDa  Bononia  Ariminum,  die  voo  der  erstgenaunteu  abgesehen 
alle  Slilrme  überdauert  haben.  Die  See  übt  ihre  bildende  Kraft 
aus.  Ein  Durchgangsland  für  alle  Wanderscharen  ist  es  von  Um- 
brern  und  Elruskern  umstritten  worden,  bis  die  Kelten  in  breiten 
Massen  im  fünften  Jahrhundert  v.  Chr.  Besitz  ergriffen:  die  Änamari 
im  Nordwesten  am  Po,  die  112  Gaue  der  Boii,  die  Lingones  in  den 
Niederungen  am  Meer,  die  Senones  südlich  vom  Ulis  Montone 
(1  477),  Daneben  erhielten  sich  einzelne  ligurische  umbrische  und 
etruskische  Gemeinden.  Im  dritten  Jahrhundert  dringen  die  Römer 
erobernd  vor,  fassen  268  mit  der  Gründung  einer  Colonie  in  Ari- 
minum am  Südende,  218  mit  der  Gründung  von  Placentia  am 
Nordende  festen  Fufs,  nehmen  den  Boiern  191  ihre  halbe  Feldmark 
ab  und  verleihen  durch  umfassende  Ansiedlungen  dem  Lande  das 
romanische  Gepräge  welches  seitdem  Stand  gehalten  hat  (I  76.  482). 
Damit  geht  die  Anlage  von  Städten  Hand  in  Hand.  Die  Census- 
listen  des  Augustus  zählen  26  selbständige  Gemeinden  in  dieser 
Region,  so  dafs  sie  die  Mitte  hält  zwischen  den  grofsen  Verwaltungen 
des  Nordens  und  den  kleinen  der  Halbinsel,  zwischen  der  Armut  und 
dem  Reichtum  an  Städten.  Auch  ist  das  römische  Btirgerrecht  bereits 
90  V.  Chr.  bis  an  den  Po  ausgedehnt  worden,  40  Jahre  früher  als 
es  den  Fufs  der  Alpen  erreichte.  Die  Blüte  der  Städte  eilt  der- 
jenigen in  der  Transpadana  zeitlich  weit  voraus  und  wird  erst  im 
Lauf  der  Kaiserzeit  von  jener  übertroffen.  Zum  Schlufs  wechselt 
das  Blatt  wieder:  im  fünften  Jahrhundert  mufs  Mailand  hinter  Ra- 
venna  zurücktreten,  aus  dem  allgemeinen  Verfall  der  italischen 
Städte  leuchtet  Ravenna  in  strahlendem  Glänze.  —  Ein  unter- 
scheidender Name  hat  dieser  Landschaft  lange  gefehlt.  In  älterer 
Zeit  heifst  dem  Römer  das  von  Kelten  bewohnte  Land  innerhalb 
der  Alpen  schlechthin  Gallia  oder  provincia  Ariminum.^)  Die  ein- 
zelnen Theile  werden  nach  den  Stämmen  bezeichnet,  der  südlich 
vom  Po  gelegene  Theil  nach  den  Boiern,  dem  mächtigsten  Stamm, 
ohne  dafs  doch  ein  fester  Sprachgebrauch  sich  ausgebildet  hätte.2) 
Vorübergehend  von  Sulla  bis  Caesar  hat  der  Rubicon  Italien  und 
Gallien  getrennt  (I  76).  Die  Eintheilung  des  Augustus  entsprach 
den  natürlichen  Verhältnissen    besser;    auch   mag  wol  ihr  Urheber 


1)  Liv.  XXIV44XXVIII  38.  46  XXIX  5  XXX  1  XXXII  l  XXXVIII  42  XL  18. 

2)  Wunderlicher  Weise  schreibt  Ptolemaeos  III  1,20  die  Küste  vom  Rubicon 
bis  zur  Pomündung  den  Boiern  zu  und  bezeichnet  eb.  42  das  Binnenland  als 
Gallia  Togata. 


§  1.     Die  Küste.  245 

absichtlich  mit  der  von  Sulla  herrührenden  Tradition  gebrochen 
haben.  Im  Volksmund  kommt  sodann  die  Uebung  auf  die  Region 
nach  ihrer  Hauptslrafse  zu  benennen:  in  amtlicher  Sprache  wird 
sie  im  zweiten  Jahrhundert  angenommen,  i)  Durch  Marc  Aurel  oder 
Diocletian  wurde  der  Küstenstrich  um  Ravenna  abgetrennt  und  nur 
kurze  Zeit  um  399  n.  Chr.  wieder  mit  ihr  vereinigt.^)  In  der 
Langobardenzeit  gilt  die  Aemilia  als  zehnte  Provinz  Italiens.  —  Die 
heulige  Mundart  erinnert  durch  ihr  ausgesprochen  gallisches  Ge- 
präge daran  dafs  die  Gallier  den  Hauptstock  der  Revölkerung  gestellt 
haben.  Aber  im  Unterschied  von  der  Transpadana  (S.  22)  ist  der 
Zusammenhang  der  Stämme  südlich  vom  Po  durch  die  Politik  Roms 
völlig  zersprengt  worden.  Deshalb  läfst  sich  die  in  den  vorigen  Kapiteln 
eingehaltene  Gliederung  des  Stoffes  nach  Stammgebieten  bei  dieser 
Region  nicht  durchführen.  Die  natürlichen  Verhältnisse  geben  eine 
Zweitheilung  an  die  Hand.  Die  gesonderte  Rehandlung  von  Küste 
und  Binnenland  erscheint  um  so  mehr  gerechtfertigt,  als  diese 
beiden  Naturgegensätze  zu  wiederholten  Malen  verschiedene  Bahnen 
in  der  Geschichte  eingeschlagen  haben. 

§  1.     Die  Küste. 

Die  Aemilia  wird  auf  einer  100  km  langen  Strecke  vom  Meer 
bespült;  die  grüfsere  Hälfte  ihrer  Küstenentwicklung  gehört  dem 
adriatischen  Lagunengebiet  an.  Die  Thätigkeit  der  Flüsse  hat  dessen 
Aussehen  gründlich  verändert  und  die  hohe  Bedeutung  die  ihm  einst 
zukam,  für  den  flüchtigen  Betrachter  verwischt  (1  200).  Zu  An- 
beginn der  Geschichte  ging  der  Abflufs  des  Po  nicht  wie  jetzt  nach 
Ost  sondern  nach  Südsüdost,  eine  seitdem  ausgefüllte  Lagune,  aus- 
gedehnter als  die  von  Comacchio  (I  204) ,  reichte  bis  in  die  Nähe 
des  Rubicon.  Die  Fischerei  und  der  von  Natur  gebotene  Schutz 
hat  die  Besiedlung  der  Laguneninseln  veranlafst  (I  207).  An  den 
Orten  wo  die  grofsen  Verkehrswege  zusammenstiefsen,  sind  die 
Fischerdörfer  zu  Städten  angewachsen.  Dies  war  an  den  südlichsten 
Lagunen  der  Fall,  insofern  der  Po  auf  der  einen,   die  Appennin- 


5)  Martial  III  4  VI  85,6;  CIL.  VI  332  VIII  597.5354  X  5178.  5398. 

6)  Paul.  h.  Lang.  11  18  CIL.  VI  1715. 

7)  Quellen:  Strab.  V  216—18  Plin.  III  115.  16  Ptol.  III  1,20.42  CIL.  XI  1. 
Galindri,  Dizionario  topografico  della  provincia  ßolognese,  6  vol.  Bologna 
1781  fg.  Von  der  italienschen  Generalslabskarte  kommen  in  Betracht  die  Biälter 
59-65.  71—77.  84-89.  98—101. 


246  Kapitel  IV.     Die  Aemilia. 

thäler  auf  der  anderen  Seite  hier  ausmündeten.  Der  Aufschwung 
dieser  Städte  fallt  in  sehr  frühe  Zeil:  Spina  war  bereits  dem  Hella- 
nikos  bekannt  (S.  213),  seine  Gründung  wie  diejenige  Ravenna's 
wurde  den  Hellenen  beigelegt.  Ihre  Macht  kann  nicht  ganz  gering 
gewesen  sein:  wenn  auch  die  Kelten  den  Zugang  zum  Meer  er- 
kämpften (S.  212),  scheinen  einzelne  ihre  Unabhängigkeit  gerettet 
zu  haben.  Hom  fand  in  den  erhaltenen  umbrischen  und  etrus- 
kischen  Gemeinden  natürliche  Verbündete,  gewann  zunächst  die 
Küste,  um  seiner  aller  Orten  befolgten  Politik  gelreu  von  dieser  aus 
in  das  keltische  Binnenland  vorzudringen.  In  der  Zwischenzeit 
welche  nach  der  Colonisirung  Ariminums  268  und  vor  dem  Aus- 
bruch des  grofsen  Kriegs  225  v.  Chr.  fällt,  hat  es  das  Ziel  erreicht 
das  Mündungsgebiet  bis  zur  carnischen  Grenze  seiner  Bundes- 
genossenschaft einzuverleiben.  Als  seine  Waffen  sodann  den  Sieg 
errungen  hatten,  und  seit  dem  Anfang  des  zweiten  Jahrhunderts 
V.  Chr.  der  Friede  im  Korden  heimisch  wird,  konnten  die  Seestädte 
ungestört  alle  die  Vortheile  geniefsen,  welche  die  Ausfuhr  eines 
reichen  Hinterlandes  ihnen  verschaffte.  In  demselben  Mafse  wie 
der  Po  die  nordlichen  Flüsse  an  Länge  und  Verzweigung  seines 
Systems  überragte,  waren  auch  die  aemilianischen  Häfen  vor  den 
venelischen  bevorzugt.  Ravenna  wird  der  beherrschende  Platz  an  der 
nördlichen  Adria,  mit  der  Auflösung  des  Reichs  die  Hauptstadt  Italiens. 
Die  Erscheinung  dafs  Küste  nnd  Binnenland  abgesonderte  Bahnen 
beschreiben,  begegnet  wo  die  geschichtliche  Kunde  anhebt,  und 
wiederholt  sich  am  Schlufs  einer  tausendjährigen  Entwicklung. 
Jene  wird  vom  römischen  Kaiser  in  Byzanz  bis  zur  Mitte  des  achten 
Jahrhunderts  behauptet. 

Unter  den  Gewässern  welche  in  zahlloser  Menge  vom  Appennin 
herabkommen ,  hat  keines  die  Aufmerksamkeit  in  alter  und  neuer 
Zeil  so  gefesselt  wie  der  Rubicon:  nicht  so  sehr  weil  er  ein  Menschen- 
alter lang  (I  76)  Italien  und  Gallien  begrenzte i),  als  weil  Caesars 
Uebergang  die  Vernichtung  der  Republik  einleitete  und  als  die 
Wende  in  den  Geschicken  Roms  betrachtet  wurde.2)  Die  Alten 
leiten  den  Namen  von  der  Farbe  seines  Kiesbettes  her  3); 


1 )  Cic.  Phil.  VI  5    VII  26  Sirab.  V  217.  227  Plin.  III  1 15  Ptol.  III  1,20  Tab. 
Peut.  Vib.  Sequ.  p.  150  Riese. 

2)  Piut.  Pomp.  60,2  Caes.  20,1  32,4  Appian  b.  civ.  II  35  III  61.  88  Suet. 
Caes.  31.  81   Vell.  II  49. 

3)  Liican  I  214  Sidon.  Ap.  ep.  I  5,7. 


§  1.    Die  Küste.  247 

Fönte  cadit  modico  parvtsque  impellüur  undis 
puniceus  Rttbicon,  cum  fervida  canduü  aestas, 
perqne  imas  serpü  volles  et  Gallka  certus 
limes  ab  Ausoniis  disterminat  arva  colonts. 

Zwischen  RimiDi  und  Cesena  fliefsen  3  Bäche  welche  um  die 
Ehre  streiten  der  wahre  Rubicon  zu  sein :  der  Uso  bei  S.  Arcangelo, 
der  Fiumicino  bei  Savignano,  der  Pisciatello  unweit  Cesena.  Die 
Ansprüche  der  verschiedenen  Gemeinden  sind  in  einem  Dutzend 
Schriften,  sogar  vor  Gericht  verfochten  worden  und  haben  viel 
Staub  aufgewirbelt,  ohne  dafs  doch  eine  derselben  unbedingt  Recht 
behalten  hätte.  Der  Uso  (dem  die  Generalstabskarte  rälschiich  den 
Beinamen  Hubicone  zuschreibt)  kommt  überhaupt  nicht  in  Betracht; 
mit  den  beiden  anderen  sind  erhebliche  Aenderungen  vorgegangen. 
Der  Oberlauf  des  Pisciatello  heifst  ürgone  oder  Rugone,  noch  in 
Urkunden  des  11.  und  12.  Jahrhunderts  Rubigone,  hing  aber  ehe- 
dem mit  dem  Pisciatello  genannten  Unterlauf  gar  nicht  zusammen. 
Vielmehr  wandle  sich  der  Urgone  unterhalb  Montiano  ostwärts  (die 
Generalslabskarte  bezeichnet  ein  Pisciatello  und  Fiumicino  verbin- 
dendes Bette  als  Rubicone  Cesenate),  nahm  den  Rigossa  oder  Rubi- 
cossa,  endlich  den  Fiumicino  auf  und  mündete  in  dem  vom  letzteren 
inne  gehabten  Bett  ins  Meer.  An  der  Via  Aemilia  12  Millien  von 
Ariminum  verzeichnet  die  Reisekarle  eine  Station  ad  Conßuentes, 
so  benannt  nach  der  Vereinigung  von  Rubicon  und  Fiumicino. 
Unterhalb  derselben  bei  Savignano  ist  eine  aus  3  Bogen  bestehende 
Brücke  der  Aemilia  erhallen,  die  auf  ganz  andere  VVassermengen 
berechnet  erscheint,  als  der  Fiumicino  gegenwärtig  mit  sich  führt. 
Ferner  bestimmt  die  Reisekarle  an  der  Küslenstrafse  den  Rubicon 
durch  die  Angabe  der  Entfernung  von  Ariminum  zu  12  Millien. 
Auch  diese  Angabe  trifft  genau  zu,  wenn  man  berücksichtigt  dafs 
die  antike  Strafse  4  km  mehr  landeinwärts  lief  als  die  heutige. 
Endlich  erklärt  sich  in  befriedigender  Weise  wie  Strabo  den  Flufs 
in  die  Nähe  von  Caesena,  Vibius  in  die  Nähe  von  Ariminum  ver- 
legen konnte:  jenes  ist  vom  Oberlauf,  dieses  vom  Unterlauf  gesagt 
vollkommen  richtig.  Die  Gesamtlänge  des  Rubicon  im  Altertum 
betrug  etwa  30  km. 

Die  ehemalige  Landesgrenze  am  Rubicon  und  die  spätere  Re- 
gionengrenze am  Crustumium  (S.  243)  schliefsen  die  Feldmark  von 


248  Kapitel  IV.     Die  Aemilia. 

Ariminum  ein  deren  Grüfse  513  Ci^m  9  d.  D  M,  belrägtJ)  Die 
Stadt  lag  am  Meer  welches  seitdem  nahezu  1  km  zurückgewichen 
ist.  Ihr  Hafen  wird  in  der  Geschichte  öfters  erw;ihnt2):  die  leichte 
Ziigänglichkeit  desselben  bezeugen  die  erhallenen  Rümerbauten,  die 
Hrücke  und  der  Bogen  desAuguslus,  für  welche  die  Quadern  aus 
Istrien  herbei  geholt  worden  sind.  Zwei  Flüsse  die  bei  ihrer 
Mündung  einander  bis  auf  den  geringen  Absland  von  300  m  nahe 
kamen,  bestimmten  den  Platz  der  Ansiedlung:  der  60  km  lange 
Ariminus  (MaricIa)  Marecchia  nach  dem  die  Stadt  benannt  ist  (S.  61), 
im  Westen  ^),  der  kleine  Aprusa  Ausa  im  Osten. 4)  Die  Hauptslrafse 
des  heutigen  Rimini  in  der  Länge  von  880  m  3000  rom.  Fufs  stellt 
den  Dccumanus  maximus  dar:  im  Osten  durch  den  Ehrenbogen  den 
die  römische  Regierung  dem  Augustus  27  v.  Chr.  für  die  Herstellung 
der  Via  Flaminia  weihte  5),  im  Westen  durch  die  von  demselben 
Kaiser  begonnene,  von  seinem  Nachfolger  20  n.  Chr.  vollendete 
prächtige  Brücke  über  die  Marecchia  (5  Bogen  mit  8,75,  der  mitt- 
lere 10,5  m  Spannung)  bezeichnet.  Am  Schnittpunct  von  Decumanus 
und  Kardü  maximus  war  das  Forum,  die  jetzige  Piazza.  Im  üebrigen 
ist  der  Grundplan  durch  das  Mittelalter  regellos  geworden.  Nicht 
einmal  der  Umfang  steht  fest.  Zwar  ist  eine  Mauer  die  bei  2600  m 
Länge  eine  Fläche  von  34  ha  einschliefst,  erkennbar,  aber  die  gröfsere 
Nordhälfte  derselben  ist  mit  Steinen  vom  Amphitheater  und  anderen 
antiken  Gebäuden  errichtet,  so  dafs  solche  frühestens  dem  Ausgang 
des  Altertums  entstammen  kann.  Ueberhaupt  hat  es  den  Anschein 
dafs  ursprünglich  nur  die  Süd-  oder  Landseite  ummauert  war, 
während  sonst  die  Flüsse  und  das  Meer  genügende  Deckung  ge- 
währten, die  bei  einer  Belagerung  leicht  durch  Pfahivverk  verstärkt 
werden  konnte.  Es  giebt  keine  Festung  des  alten  Italiens  die  so 
oft  in  der  Kriegsgeschichte  dem  Leser  begegnet:  am  Ende  der  pa- 
danischen  Ebene  gelegen,  beherrscht  sie  die  Küsten-  (Via  Popillia) 


1)  Luigi  Tonini,  Rimini  avanli  il  principio  dell'  era  volgare,  Rimini 
1848.  R.  dal  principio  dell'  era  volgare  all'  anno  1200,  R.  1856.  CIL. 
XI  p.  73fg. 

2)  Liv.  XXI  51,7  Eulrop  V8  Appian  b.  civ.  I  91  Strab.  V  217  Tac.  Bist.  III 
42  Ravenn.  Chr.  a.  492  (Chr.  min.  1  p.  319).  Den  Verkehr  mit  Aquileia  deutet 
die   Weihinschrift  an  Belenus  an  CIL.  XI  353. 

3)  Fest.  25  Müller  Strab.  V  217  Plin.  III  115  Sfeph.  Byz.  Maricia  8chon 
Geogr.  Rav.  IV  36. 

4)  Plin.  111  115. 

5)  CIL.  XI  365  Dio  LIII  22  Suct.  Aug.  30  Mon.  Ancyr.  c.  20. 


§  1.    Die  Küste.  249 

wie  die  Binnenland&trafse  (Via  Aemilia),  aufserdem  mit  der  Via 
Flamioia  den  Zutritt  zur  Halbinsel.  Aber  dies  zum  Ausfall  wie  zur 
Verlheidigung  gleich  geeignete  Bollwerk  ist  von  Hause  aus  auf  keinen 
seemächtigen  Feind  berechnet.  Als  man  die  Seeseite  durch  eine 
Mauer  sicherte,  war  es  mit  der  römischen  Seeherrschaft  längst  vorbei. 
Eine  Gründung  der  Umbrer  ')  ist  Ariminum  268  v.  Chr.  in  eine 
latinische  Colonie  umgewandelt  worden.-)  Als  solche  hat  es  in 
Kupfer  gemünzf^),  ist  überhaupt  die  nordhchste  der  autonomen 
Münzstätten  Italiens  (S.  72).  Diese  Thalsache  weist  darauf  hin 
dafs  es  nicht  nur  ein  Waffen-  sondern  auch  ein  Handelsplatz  werden 
sollte.  Von  seinem  Handel  wissen  wir  wenig:  in  der  Kaiserzeit 
unterhielt  es  ^Yeinlager  in  Rom  und  verschiffle  die  Erzeugnisse 
seiner  Ziegeleien  an  alle  Küsten  der  Adria.*)  Der  fortschreitende 
Ausbau  der  Heerstrafsen,  der  Flaminia  220,  der  Aemiha  187,  der 
Popillia  132  v.  Chr.  kam  dem  Verkehr  zu  statten.  Die  weit  über- 
wiegende Masse  des  Landverkehrs  zwischen  Rom  und  den  europä- 
ischen Provinzen  schlug  den  Weg  über  Ariminum  ein:  deshalb 
wird  dasselbe  ungemein  häufig  erwähnt '")  >achdem  die  Stadt  in 
den  ^cUen  des  hannibalischen  Kriegs  treu  ausgehallen  hatte,  erlangte 
sie  90  V.  Chr.  das  Bürgerrecht  und  Aufnahme  in  die  Tribus  Aniensis.^) 
Im  Bürgerkrieg  82  von  den  Marianern  besetzt,  wurde  sie  von  den 
Sullanern  geplündert  und  durch  die  Ansiedlung  einer  Militärcolonie 
bestraft  (S.  31  A.  1).")  Mit  der  Ueberrumpelung  Ariminums  49 
bahnte  sich  Caesar  den  Zugang  zur  Halbinsel.  Unter  den  18  reich- 
sten Städten  derselben  welche  die  Triumvirn  43  zur  Relohnung 
ihrer  Truppen  auswählten ,  befand  sich  auch  diese.^)  Augustus 
machte  sie  zu  einer  der  Säulen  seiner  Macht  in  Italien  und  ver- 
ewigte in  ihr  seinen  Namen.  Man  sieht  dafs  er  die  Stadt  nach 
27  neu  colonisirte,  insofern  sie  den  Titel  colonia  Äugusla  Arminensis 

1)  Strab,  V  217.    Herkömmlich  wird  der  Tyrrhenerkönig  Arimnestos  Paus. 
V  12,5  mit  der  Stadt  in  Verbindunng  gebracht,  aber  ohne  Gewähr. 

2)  Vell.   I   14   Liv.  XV  Eulrop  II  16.     Der   oberste    Beamte   heifst  Consol 
CIL.  XIV  4269. 

3)  Mommsen,  Rom.  Münzwesen  250 fg. 

4)  CIL.  VI  1101.  Xi  p.  1023fg. 

5)  It.  Gadit.  Hieros.  615,  Cic.  Alt.  V  19,1  Farn.  VIII  4,4  Quint.  fr.  II  12,1, 
Sidon.  Ap.  ep.  I  5,7. 

6)  Liv.  XXVII  10  Plin.  X  50  CIL.  XI  p.  76. 

7)  Appian  b.  civ.  I  87  Cic.  Verr.  II  1,36  pro  Caecina  102. 

8)  Appian  b.  civ.  IV  3. 


250  Kapitel  IV.     Die  Aemiiia. 

annahm.  Von  ihm  wird  auch  die  Einlheilung  der  städtischen  Plebs 
in  7  vici  herrühren,  deren  Namen  aus  Rom  entlehnt  sind  (wir 
kennen  ihrer  5:  vicus  Aventinensis  Dianensis  Cermalus  Velabrensis 
For\ensisl])  und  an  die  neue  Ordnung  der  Hauptstadt  erinnern. 
Seiner  grofsartigen  Bauten  ist  bereits  gedacht  worden.  Von  dem 
jungen  Gaius  Caesar  meldet  eine  Inschrift  dafs  er  sämtliche 
Strafsen  1  n.  Chr.  pflastern  liefs.  Im  Bürgerkrieg  69  n.  Chr.  ward 
Ariminum  von  den  Flavianern  angegrifl'en ,  in  den  Gothenkriegen 
wiederholt  belagert. i)  —  Während  der  langen  Friedensepoche  war 
die  Stadt  bedeutend  angewachsen.  Das  in  derselben  erbaute  Amphi- 
theater (120  X  91  m,  Arena  76  X  47  m)  dessen  steinerne  Stufen 
an  12000  Sitzplätze  enthalten,  giebt  eine  richtigere  Vorstellung  von 
der  Einwohnerzahl  als  die  in  den  Zeiten  des  Verfalls  und  der  Ent- 
völkerung aufgeführte  Ringmauer.  Aus  einer  im  zweiten  Jahrhundert 
gemachten  Stiftung  darf  man  schliefsen  dafs  die  städtische  Plebs 
damals  17 — 1800  freie  Männer  befaföte.2)  Für  das  Ansehen  der 
Stadt  zeugt  der  Umstand  dafs  der  aus  der  Flaminia  Umbrien  und 
Picenum  gebildete  Gerichtssprengel  hier  seinen  Mittelpunct  halte  3j, 
sowie  dafs  ein  viel  besuchtes  Concil  358  hier  tagte.  Ariminum 
war  eine  der  5  Seestädte  die  den  Byzantinern  bis  auf  König  Pipin 
verblieben. 

Die  Via  Popillia  verbindet  Ariminum  mit  dem  33  Millien  ent- 
feroten  Ravenna.*)  Sie  läuft  einige  Kilometer  hinter  der  jetzigen 
Küste,  um  welchen  Betrag  diese  seit  dem  Altertum  vorgerückt  ist. 
Nördlich  vom  Rubicon  hei  Bagnarola  (1  204)  begann  der  über  50  km 
lange  Strandsee,  den  die  einmündenden  Appenninflüsse  mitsammt 
dem  Po  inzwischen  ausgefüllt  haben:  der  Sapis  Savio  s)  Bedesis 
RoDco  *>)  Ulis  oder  Utens  Montone  ")  Anemo  Lamone  '')  Sinnius  Senio  ^) 


1)  Tac.  Bist.  III  41.  42  Prokop  b.  Gotli.  II  10.  17  III  37  IV  28  Zosim.  V  37,3. 

2)  CIL.  XI  379  den  Zinsfufs  wie  in  Veleia  zu  5  p.  C,  die  normale  Spende 
nach  der  Inschrift  zu  4  Sesterz  gerechnet. 

3)  CIL.  XI  376.  377. 

4)  It.  Ant.  126;  37  Millien  nach  Tab.  Peut.  wo  die  einzelnen  Stationen  auf- 
gezählt werden;  30  Millien  nach  Zosim.  V  48,2. 

5)  Strab.  V  217  Plin.  III   115  Lucan  II  406  Sil.  lt.  VIII  448  Geogr.  Rav.  IV 
36;  Tab.  Peut.  Sabis. 

6)  Plin.  III  115,  An.  Vales.54  Bedeute. 

7)  Liv.  V  35  ab  Ulenle,  Plin.  III  115  rHet. 

8)  Plin.  III  115,  Tab.  Peut.  /inimo  an  falscher  Stelle. 

9)  Tab.  Peul.  Sinnum. 


§  1.    Die  Küste.  261 

Vatrenus  oder  Satenms  Santerno.i)  Die  unablässig  fortschreitende 
Umgestaltung  des  Bodens,  die  durch  dessen  Erhöhung  und  den 
Wechsel  der  Abflüsse  und  Canäle  bedingt  wird,  erschwert  die  Er- 
kenntnifs  der  ehemaligen  Verhältnisse.  „Ravenna  —  schreibt  Strabo'^ 
—  ist  die  gröfste  Stadt  in  den  Lagunen,  ganz  aus  Holz  erbaut  und 
von  Wasser  durchflössen,  in  seinem  Verkehr  auf  Brücken  und 
Fähren  angewiesen.  Es  nimmt  nicht  wenig  Meerwasser  bei  der 
Flut  auf,  so  dafs  sowol  von  der  Flut  als  von  den  Flüssen  aller 
Unrat  fortgespült  und  die  Luft  gereinigt  wird.  Die  Gesundheit  des 
Ortes  ist  durch  Erfahrung  so  erprobt,  dafs  die  Fürsten  ihre  Gladia- 
toren hier  aufziehen  und  ausbilden  lassen."  Im  6.  Jahrhundert 
war  Ravenna  400  m  vom  Rand  der  Lagune,  6,4  km  vom  freien 
Meer  abgerückt,  heutigen  Tages  nach  Ausfüllung  der  Lagune  8 — 9  km. 
Die  Küste  ist  gegenwärtig  von  der  Pineta,  dem  berühmten  Pinien- 
wald eingenommen,  der  bei  4 — 5  km  Breite  sich  50  km  entlang 
zieht  und  wesentlich  die  jetzt  sehr  schlechte  Luft  der  Gegend  ver- 
bessern soll.  Der  Wald  war,  wenn  auch  nicht  in  der  heutigen 
Ausdehnung,  bereits  im  Altertum  vorhanden;  die  Pineta  d.  h.  der 
alte  Lido  war  ungefähr  3  Milben  4 — 5  km  von  der  Stadt  entfernt.^) 
Da  auf  dem  Lido  die  einzige  Kunststrafse  lief,  welche  die  Stadt  mit 
dem  italischen  Strafsennelz  in  Verbindung  setzte,  hat  derselbe  in 
der  Kriegsgeschichte  eine  hohe  Bedeutung  gehabt.  Auf  ihm  rückte 
Caesar  49  v.  Chr.  in  den  Bürgerkrieg,  Theoderich  490  und  Narses 
552  gegen  Ravenna;  er  stellte  die  natürliche  Basis  für  jeden  An- 
griff gegen  die  Meereskönigin  dar.  Vom  Festland  führte  nur  ein 
schmaler  gangbarer  Streifen  der  wie  ein  Thor  abgesperrt  werden 
konnte,  durch  die  Sümpfe  zu  ihr.  Man  sieht,  die  Hauptzüge  des 
Bildes  kehren  in  Venedig  wieder  und  dürfen  danach  im  Einzelnen 


1)  Plin.  III  120,  Tab.  Peut.  Satemum  an  falscher  Stelle. 

2)  Strab.  V  213  Vilruv  I  4,11  II  9,11.  16  Plin.  III  115.  119  Ptol.  III  1,20 
Sidon.  Ap.  ep.  I  5,5  I  8  Prokop  b.  Golh.  11  II  29  Jord.  Get.  148  fg.  293  Geogr. 
ßav.  IV  31  V  1.  Annalen  v.  Ravenna  a.  379 — 572  hergestellt  von  0.  Holder- 
Egger,  Neues  Archiv  f.  d.  G.  I  p.  347  fg.  vgl.  Mommsen  Chron.  min.  I  p.  249  fg. 
(M.  G.  H.  auclores  antiquissimi  IX).  CIL.  XI  1  fg.  Kaibel  2280.  81.  —  Hiero- 
nymi  Rubel  Italicarum  et  Ravennatum  historiarum  libri  XI,  Venedig  1571, 
Graev.  Thes.  VII  1.     Fiebiger,  Leipziger  Studien  XV  (1894). 

3)  Jord.  Get.  293  An.  Vales.  37.  53.  54  Ravenn.  Chr.  a.  476.  491  vgl.  Snet. 
Caes.  31.  In  griechischer  Uebersetzung  Strovilia  Peucodis  Agnellus  Chron. 
min.  I  p.  313. 


262  Kapitel  IV.     Die  Aemilia. 

ausgemalt   »erden;    in   Bezug   auf    ihr   Verhallen    zu   den    FiUsseu 
jedoch  gleichen  sich  die  beiden  Städte  nicht  (I  203). 

In  ältester  Zeit  mündete  die  Masse  des  Po  in  zwei  Armen  aus: 
Messanicus  oder  Padusa  bei  Ravenna  und  etwa  12  Millien  nürdlich 
Eridanus  oder  Spines  bei  Spina  (S.  213).  In  der  Kaiserzeit  war 
Ravenna  der  Ilauplhafen  für  die  Holzausfuhr  der  Alpen  (I  170): 
da  die  Flofse  füglich  nicht  durch  Canälc  gefördert  werden  konnten, 
mufs  der  Flufsarm  damals  noch  ofl'en  gewesen  sein.  Wie  Spina 
soll  auch  Ravenna  von  Hellenen  und  zwar  von  Thessalern  gegründet 
sein;  indem  sie  aber  die  Unbilden  der  Etrusker  nicht  ertrugen, 
heifst  es^),  nahmen  sie  freiwillig  umbrische  Mitwohner  auf,  über- 
liefseu  diesen  das  Gemeinwesen  und  fuhren  selbst  nach  Hause.  Des- 
halb gilt  es  gemeinhin  als  italischen  Stammes.'^)  Den  Kellen  gegen- 
über behauplele  es  seine  Selbständigkeit  und  schlofs  sich  wie  die 
übrigen  Seestädte  an  Rom  an.  Sein  altes  Bündnifs  ist  vermutlich 
erst  49  v.  Chr.  mit  dem  Bürgerrecht  verlauscht  worden.^)  Die  Er- 
oberung des  Polands  befürderle  den  Aufschwung  der  Stadt:  während 
seiner  Stalthalterschalt  hielt  sich  Caesar  im  Winter  öfters  in  ihr 
auf  und  errichtete  eine  Gladiatorenschule  4);  aus  dieser  Zeit  mag 
die  Statue  des  Marius  stammen,  die  Plulaich  hier  sah  und  beschrieb.^) 
Immerhin  lag  sie  von  der  grofsen  Wellslrafse  abseits,  solange  die 
römische  Politik  ihre  Thätigkeit  fast  ausschliefslich  dem  Westen  zu- 
wandle. Dies  änderte  sich  als  Oclavian  seine  Waffen  siegreich  nach 
Osten  trug:  die  kürzeste  Verbindung  mit  den  Donauländern  führte 
eben  über  Ravenna.  Bereits  38  v.  Chr.  hatte  er  an  diesem  grofsen 
und  geschützten  Holzmarkt  eine  Flotte  ausrüsten  lassen.**)  Nach 
der  Schlacht  bei  Aclium  schuf  er  sodann  den  grofsen  Kriegshafeu 
für  die  Adria  und  das  gesamte  östliche  Mittelmeer.')  Der  Ort 
war  im  Hinblick  auf  die  Reichsgreuze  gewählt,  da  er  im  Mitlel- 
punct  eines  vom  ßodensee  bis  nach  Macedonien  reichenden  Kreises 
liegt,  von  allen  durch  Augustus  eroberten  Provinzen  gleichmäfsig 
entfernt  ist.     Der  Hafen  bot  Unterkunft  für  250  Kriegsschiffe,   die 

1)  Strab.  V  214  Zosim.  V  27. 

2)  Piin.  111   115  schreibt  es  den  Sabinern  zu,  Strab.  V  217  den  Umbrerii. 

3)  Es  blieb  &9  foederirt  Cic.  pro  Balbo  50. 

4)  Cic.  Farn.  1  9,9  VllI  1,4  Alt.  Vll   1,4  Caes.  b.  civ.  I  5  Suet.  Caes.  31. 

5)  Plut.  Mar.  2. 

ti)  Appian  b.  civ.  V  8U.  • 

7)  Suel.  Aug.  49  Tac.  Ann.  IV  5  Vegel.  IV  31.  32. 


§  1.    Die  Küste.  253 

Besatzung  der  classis  praetoria  Ravennas  war  in  10  Cohorten  ge- 
theilt,  deren  Sollstand  10000  Mann  betrug.  Zur  sicheren  Ver- 
bindung mit  den  venetischen  Lagunen  einer-  dem  Mittellauf  des  Po 
anderseits  liefs  der  Kaiser  die  fossa  Augusta  graben.  Dieser  40  km 
lange  Canal  führte  vom  Sagis  an  in  südlicher  Richtung  durch  die 
Lagune  von  Comacchio  (S.  214),  durchschnitt  den  Po  von  Spina, 
führte  an  der  Landseite  von  Ravenna  vorbei  und  mündete  im  Süden 
von  der  Stadt,  da  wo  die  5  km  entfernte  Basilika  S.  Apollinare  in 
Classe  die  Stelle  des  ehemaligen  Kriegshafens  anzeigt.  Nördlich  von 
der  Stadt  lief  die  fossa  Asconis  i),  vielleicht  ein  ursprünglicher  Arm 
des  Po  der  nachher,  wir  wissen  nicht  durch  wen,  ausgebaggert 
wurde,  und  leitete  zu  dem  Handelshafen  dessen  Stelle  gegenwärtig 
durch  die  Basilika  S.  Maria  in  Porto  fuori  3  km  vom  Thor  bezeichnet 
wird.  Die  Einfahrt  durch  den  Lido  wurde  durch  einen  Leucht- 
thurm  erbellt,  den  einzigen  der  im  Norden  des  alten  Italien  nam- 
haft gemacht  wird.^)  Man  begreift  ohne  weiteres  wie  aus  den 
Anlagen  des  Kriegshafens  eine  Stadt  erwuchs,  die  bei  den  späteren 
Schriftstellern  seit  Prokop  kurzweg  den  Namen  Classis  führt.  Alt- 
und  Neustadt  sind  in  dem  Mosaik  von  S.  Apollinare  nuovo  dargestellt. 
Sie  waren  mit  einander  durch  die  vta  Caesaris  verbunden,  die 
als  dritte  Stadt  Caesarea  betrachtet  wurde  3)  und  bis  in  die  Neuzeit 
in  der  Kirche  S.  Lorenzo  in  Cesarea  fortlebte:  jetzt  erinnert  eine 
Säule  (la  Crocetta)  an  die  1553  abgebrochene  Kirche.  Die  An- 
schwemmung machte  sich  allerdings  nach  einigen  Jahrhunderten 
fühlbar,  so  dafs  ein  unbekannter  Gewährsmann  des  Jordanes  sagen 
konnte:  was  einst  Hafen  gewesen,  sei  jetzt  ein  geräumiger  Obst- 
garten. Doch  ist  der  in  stetem  Vorrücken  begriffene  Hafen  (Porto 
Candiano)4)  in  dieser  Gegend  bis  zum  18.  Jahrhundert  verblieben 
und  erst  1737  der  heutige  Porto  Corsini  10  km  weiter  nördlich  an- 
gelegt worden. 

Durch  Augustus   war  Ravenna   ein  Waffenplatz   geworden  der 
in  den  ivriegen   der  Kaiserzeit   mehrfach   erwähnt  wird,   auch    zur 


1)  Allein  Jord.  Get.  149  und  Agnellus  79  (Chr.  min.  I  p.  335)  erwähnt.   Die 
Verzweigung  der  Canäle  in  und  um  die  Stadt  bestätigt  Sidon.  ep.  I  5,5. 

2)  Plin.  XXXVI  83. 

3)  Sidon.  ep.  I  5.5  Jord.  Get.  151  Geogr.  Rav.  IV  31  Prokop  b.  Goth.  II  29. 

4)  Cassiodor  (II  p.  159)  Jordanes  Get.  147  a.  491  erwähnen  einen  poTis  Can- 
didiani,  Agnellus  (I  p.  319)  einen  campus  Candiani  vgl.  Cluver  p.  306. 


264  Kapitel  IV.     Die  Aemilia. 

Unterbringung  von  Gefangenen  diente, i)  Hiervon  ist  die  bürger- 
liche Freiheit  nicht  unberührt  gebheben.  Die  Stadt  gehörte  zur 
Tribus  Camiha  und  hatte  die  herkömmUche  Municipalverfassung,  nur 
dafs  die  obersten  Beamten  fehlen:  die  Gerichtsbarkeil  scheint  des- 
halb, was  bei  der  starken  Garnison  sich  empfeldcn  mochte,  den 
Händen  des  Admirals  anvertraut  gewesen  zu  sein. 2)  Die  Feldmark  war 
nicht  eben  ausgedehnt 3),  aber  IrefTlich  angebaut*):  mit  berühmter 
Spargelzucht  (I  457)  und  reich  an  Reben,  die  freilich  alle  4 — 5 
Jahre  erneuert  werden  mufslen.^)  Dafs  die  Fischerei  blühte,  ver- 
steht sich  von  selbst.^)  Das  Handwerk  war  stark  vertreten:  der 
Flachs  des  Folands  wurde  in  einer  kaiserlichen  Fabrik  verarbeitet 
(I  449);  nirgends  zählt  die  Zunft  der  Zimmerleute  so  viele  Ab- 
Iheiluiigen  wie  hier.')  Prokop  schildert  den  regen  Verkehr  der 
mit  Flut  in  die  Stadt  einlaufenden  Schiffe.  Der  Wechsel  der  Ge- 
zeiten wurde  den  Südländern  hier  vertraut  8); 

Dtxü  et  antiquae  muros  egressa  Ravennae 
Signa  movet;  iamque  ora  Padi  porlusqiie  relinquit 
fJummeos,  certis  übt  legibus  advena  Nereus 
aestuat  et  yronas  piippes  nunc  amne  secundo 
nunc  redeunte  vehit,  nudataque  litora  flnctu 
deserit,  Oceani  lunaribus  aemnia  damnis. 
Der  Mangel  an  Trinkwasser,  die  Mücken  und  Frösche  prägten 
sich  gleichfalls  dem  Gedächtnifs  der  Reisenden  ein.'J)     Es  war  ein 
wertvolles  Geschenk  das  Traian   der  Stadt  mit  einer  Wasserleitung 
machte,  die  aus  reichlich  30  km  Entfernung  von  Süden,  von  Teo- 
dorano  her  ihr  Quellwasser  zuführte.    Die  Leitung  verfiel  im  Laufe 
der  Zeiten  und  ward  503  von  Konig  Theoderich  erneuert^*);  einige 

1)  Tac.  Ann.  I  58  II  63  IV  5.  29  XIII  30  Hist.  II  100  III  6.  40.  50  Dio  LXXI 
11  LXXill   17  Vita  Maximini  24. 

2)  Böcking  zu  Not.  Dign.  Occ.  118.     Aehnlich    in    Köln,    Bonner   Jahrb. 
XCVIII  163. 

3)  CIL.  XI  p.  70.     Ob  sie  den  fruchtbaren  ager  Uritanu»  Appian  b.  civ.  I 
89  Feldm.  p.  29.  262  Lachm.  umfalste,  ist  sehr  fraglich. 

4)  Colum.  III   13   Fallad.  11    13. 

5)  Sliab.  V  214  Fun.  XIV  34  Martial  111  56. 

6)  Plin.  IX  169. 

7)  CIL.  XI  p.  6. 

8)  Claudian  VI  cons.HonAM  Prokop. b.Golh.  1 1  Sidon.  ep.  I  5,6  Cassiodor 
var.  XII  24. 

9)  Mailial  111  56  Sidon.  ep.  I  5,6  8,2  carm.  IX  298. 
10)  Cassiodor  chron.  An.  Vales.  71. 


§  1.    Die  Küste.  255 

Bögen  sind  im  Bett  des  Ronco  noch  vorhanden.  —  Fafst  man  die 
Gesamtentwicklung  ins  Auge,  so  bewegt  sich  diese  in  aufsteigender 
Linie.     Während  Ravenna  unter  Caesar   nur  auf  den  Namen  einer 
blühenden  Mittelstadt  Anspruch  machen  konnte,  wird  sie  nach  dem 
für   das   Altertum    giltigen    Mafsstab   (S.  122)   durch  Augustus   zur 
Grofsstadt  erhoben.    Den  Wechsel  ihrer  Schicksale  in  den  nächsten 
Jahrhunderten  vermögen  wir  nicht  im  Einzelnen  zu  verfolgen.     In 
einer  Inschrift  von  399  heifst  Ravenna  Hauptstadt  von  Picenum.i) 
Als  404  das  Kaisertum  in  ihren  Sümpfen  Schutz  suchte,  wurde  sie 
die  Hauptstadt  von  Italien,  an  Rang  Rom  gleichgestellt,  an  Bedeutung 
dasselbe  übertreffend.     Diese  Periode  höchsten  Glanzes  hat  andert- 
halb Jahrhunderte  gedauert:  sie  ist  es  die  zu  dem  Besucher  redet. 
Allein    die   märchenhafte   Pracht   der  erhaltenen    Bauwerke  welche 
römische  Kaiser,  deutsche  Könige,  byzantinische  Statthalter  aus  dem 
edelsten  Material   des  Miltelmeers   errichtet  haben  2),   ist   nicht  ge- 
eignet das  Bild  der  antiken  Stadt  zu  veranschaulichen.    Wir  ziehen 
Venedig  zum  Vergleich   heran   und  erinnern   uns  dafs  die  Konigin 
der   Adria   ihre  Gröfse    eigener   Kraft   verdankte,    Ravenna  seinen 
Herrschern.     Und  dann  hat  in  dem  Jahrtausend  das  zwischen  dem 
baulichen  Aufschwung   beider  Städte    in    der  Mitte   liegt,   die  Ent- 
waldung   im   Süden   gewaltige    Fortschritte    gemacht.      Mit    gutem 
Grund  erscheint   nach    den  Inschriften   die  Feuerwehr    in  Ravenna 
besonders  zahlreich.   Wenn  es  in  der  Chronik  heifst:  „455  am  15. 
März   brannte  Ravenna,   und   viele  Güter  wurden   vom  Feuer  ver- 
zehrt" oder  „489  in  der  Osternacht  brannte   die  Apollinarisbrücke 
ab",   so  folgern    wir  dafs  die   Rrücken    von   Buden    eingenommen 
waren    wie    am   Rialto   in  Venedig    und  Ponte  vecchio    in  Florenz, 
dafs  der  Holzbau  im  5.  Jahrhundert  noch  ebenso  vorherrschte  wie 
nach  Strabo's  Aussage  im   ersten.     Es  hält  schwer   in   den  weilen 
von    Gärten   erfüllten  Mauern    der  heutigen  Stadt  das  Gedränge  der 
alten   dem  geistigen  Auge  vorzuführen.     Als   die  Langobarden  761 
den  oströmischen  Statthalter  vertrieben   und  Classis  dem  Erdboden 
gleich  gemacht  hatten,  war  der  frühere  Glanz  für  immer  verblichen. 
Die  Reisekarte  setzt  6  Millien  nördlich  Butrium  an,  auch  eine 
Gründung   der  Umbrer  und   in   der  Kaiserzeit  selbständiges  Muni- 

1)  CIL.  VI  1715. 

2)  Ueber  die  Baugeschichte  vom  5.  Jahrhundert  ab  Agnellus  (um  840) 
Über  ponlificalis  ecclesiae  Ravennatis,  M.  G.  H.  scr.  Langob,  p.  265—397.  — 
Zirardini,  degli,  antichi  edifizj  profani  di  Ravenna,  Faenza  1762. 


256  Kapitel  IV.     Die  Aemilia. 

cipium,  aber  durch  Ravenna  völlig  in  den  Schatten  gedrängt. i)  Die 
Lage  ist  noch  unermillelt.  Dafs  mit  Spina  das  Gleiche  der  Fall 
sei,  haben  wir  oben  (S.  213)  angemerkt. 

§  2.     Das  Binnenland. 

Die  Mannichlaltigkeit  welche  bei  aller  Uebereinstimmung  in  den 
Hauptzügen  dem  nördlichen  Poland  eignet,  wird  im  südlichen  ver- 
mifst.  Die  Gliederung  des  einen  ist  durch  die  Alpen,  die  Gliederung 
des  anderen  durch  den  Appennin  bestimmt.  Die  Ost-  oder  Aufsen- 
seite  des  italischen  Gebirges  bekundet  einen  ermüdend  regelmäfsigen 
Aufbau.  Die  politische  Eintheilung  des  Augustus  schliefst  sich  an 
die  natürliche  an:  südlich  von  Ariminum  beim  Flufs  Crustumium 
tritt  der  Appennin  hart  an  die  Küste,  und  mit  dem  Ende  der  Po- 
ebene  fällt  zugleich  die  Grenze  der  Region  zusammen;  das  Gleiche 
ist  westlich  von  Placentia  der  Fall,  wo  ein  Ausläufer  des  Gebirgs 
an  den  Flufs  vorspringend,  die  aemilische  von  der  ligurischen  Ebene 
scheidet.  Auf  dieser  300  km  langen  Strecke  streicht  die  Hauptkette 
mit  Gipfeln  von  1600—2000  m  in  Südost-Richtung;  davor  dacht 
sich  der  Subappennin  in  einer  Breite  von  50  km  nach  der  Niede- 
rung ab.  In  das  Gebirge  schneiden  etwa  30  Querthäler  ein,  Bäche 
und  Flüsse  entsendend  welche  nach  Nord  ©der  Nordost  dem  Po  zu- 
strömen. Indem  wir  uns  vergegenwärtigen  dafs  im  Altertum  der 
Strandsee  von  Ravenna  noch  nicht  ausgefüllt,  sowie  dafs  der  Po 
nach  Südost  gewandt  war,  dürfen  wir  den  Lauf  desselben  als  einen 
flachen  um  das  Gebirge  beschriebenen  Bogen  betrachten.  In  der 
Mitte  an  breitester  Stelle  mifst  die  Niederung  zwischen  Gebirg  und 
Flufs  etwa  70  km,  an  den  beiden  Endpuncten  bei  Placentia  und 
Ariminum  sinkt  die  Ausdehnung  auf  5—10  km  herab.  —  Der  Ein- 
förmigkeit in  der  Bodengestallung  entspricht  das  geschichtliche  Leben. 
Als  die  Römer  festen  Fufs  fafsten,  war  die  Ebene  noch  zum  grofsen 
Theil  mit  Wald  und  Sumpf  bedeckt^):  die  silva  Litana  brachte 
einem  römischen  Heer  den  Untergang 3);  die  Dörfer  waren  zum 
Schutz  gegen  die  Feuchtigkeit  des  Grundes  auf  Pfahlrosten  errichtet, 

1)  Streb.  V  214  Plin.  III  115  Ptol.  III  1,27  Stepli.  Byz.  Tab.  Peut.  CIL.  VI 
2379  a  5,51  XI  p.  70. 

2)  Pol.  II   15,3    III  40,12    Strab.  V  217    Liv.  XXI  25  XXXIII  37  XXXIV  48 
Fronlin  Strat.  II  .S,39. 

3)  Liv.  XXIII  24  XXXIV  22.  42  (daraus  Frontin  Strat.  I  6,4  Zonar.  IX  3),  die 
Lage  ist  ungewifs. 


§  2.     Das  Binnenland.  257 

der  Verkehr  hatte  nur  spärliche  Städte  hervorgebracht.  Fast  zwei 
Jahrhunderte  lang,  von  der  Gründung  .\riminums  268  bis  zur  Er- 
theilung  des  Bürgerrechts  90  v.  Chr.  hat  die  römische  Cultur  damit 
zugebracht  die  Wildnifs  zu  bändigen,  bevor  ihre  Arbeit  einen  ge- 
wissen Abschlufs  erreichte.  Trotzdem  erscheint  das  Ergebnils  wie 
nach  einem  einzigen  zielbewufsten  Plan  vollendet.  Mit  wenig  Ab- 
sätzen zieht  die  176  Millien  lange  Via  Aemilia  in  schnurgerader  Linie 
durch  das  Land,  bildet  die  Basis  für  die  Vertheilung  der  Aecker 
wie  für  die  Anlage  der  städtischen  StrafsenJ)  Das  Walten  der 
römischen  Feldmesser  ist  noch  heutigen  Tages  zu  verspüren :  die 
Flurgrenzen  zeigen  vieler  Orten  das  Mafs  der  Centurie  (I  204),  die 
Städte  werden  durch  die  aemilische  Strafse  nach  alter  Regel  in 
gleiche  Hälften  zerlegt.  Die  Städte  haben  alle  ein  gleichmälsig 
nüchternes  Aussehen,  und  so  wenig  sichtbare  Reste  des  Römertums 
dem  Beschauer  entgegen  treten,  um  so  mehr  fühlt  er  sich  inner- 
halb dieser  Mauern  vom  Geist  desselben  angeweht.  Ihre  Zahl  ist 
ziemlich  grofs,  die  Zahl  sowol  als  die  Lage  durch  die  ausmündenden 
Appenninthäler  gegeben.  Wo  die  Via  Aemilia  von  anderen  Ver- 
kehrstrafsen  gekreuzt  wird,  die  zu  bequemen  Uebergängen  über  den 
Po  einer-  den  Appennin  anderseits  hinleiten,  finden  sich  die  ältesten 
und  wichtigsten  Gründungen.  Im  Uebrigen  haben  die  römischen 
Feldherren  im  Lauf  der  Zeiten  der  fortschreitenden  Gesittung  durch 
Anlage  von  Marktflecken  Rechnung  getragen,  die  entweder  Stadt- 
recht erhielten  oder  sich  solches  anmafsten,  jedenfalls  in  seinem 
Besitz  von  Kaiser  Augustus  anerkannt  worden  sind.  Unsere  Be- 
schreibung beginnt  im  Süden. 

Der  Utis  Montone  schied  die  keltischen  Stämme  der  Senonen 
und  Boier  von  einander.  Mit  der  Vernichtung  der  Senonen  und 
der  Gründung  einer  Colonie  in  Ariminum  ist  die  römische  Macht 
um  268  V.  Chr.  bis  zu  dieser  Grenze  vorgedrungen.  Im  Gebirge 
oberhalb  des  bezeichneten  Landstrichs  halte  sich  ein  umbrischer 
Gau,  die  tribus  Sapinia  behauptet,  dessen  Wohnsitze  gemäfs  der 
Namensgleichheit  im  Thal  des  Sapis  Savio  (S.  250)  zu  suchen  sind, 
aber    auch    in    die    6.  Region    hineinreichen. 2)     Demselben    gehört 


1)  Die  Stationen  sind  in  11  Itinerarien  überliefert:  den  4  Silberbecliern  von 
Gades  (CIL.  XI  3281—4)  It.  Ant.  99.  126.  2S6  Hieros.  615  Tab.  Peut.  Geogr,  Rav. 
IV  33  Guido  37.  Mit  den  erhaltenen  Meilensteinen,  deren  älteste  der  Erbau- 
ung IS"  V.  Chr.  angehören,  zusammen  gestellt  CIL.  XI  p.  1001  fg. 

2)  Liv.  XXXI  2  XXXIII  37. 

Nissen,  Ital.  Landeskunde    U.  17 


268  Kapitel  lY.     Die  Aeroilia. 

vielleicht  das  am  Ausgang  des  Thals  gelegene  Caesena  Cesena  an.i) 
I)ie  Stadt  ist  von  Ariminum  20  Millien  entfernt.  Sie  lehnt  sich  an 
einen  Hügel  an,  so  dafs  die  Reisebücher  ihr  das  Beiwort  bucklig 
Curva  Caesena  anheften  2),  wird  in  ruhigen  Zeiten  ihrer  Weine,  in 
den  Gothenkriegen  ihrer  Festigkeit  wegen  erwähnt.  ümbrisch 
scheint  ferner  das  in  den  Kämpfen  mit  den  Boiern  erwähnte  castrum 
Mutibim  gewesen  zu  sein,  das  Cluver  in  Meldola  am  Eingang  in 
das  Thal  des  Bedesis  Ronco  (S.  250)  wiederfinden  will. 3)  —  Hinter 
Caesena  durchläuft  die  Via  Aemilia  vier  Städte  deren  Name  sofort 
den  römischen  Ursprung  ankündet.  Zuerst  Forum  Popili  Forhm- 
popoli  im  2.  Jahrhundert  v.  Chr.  von  einem  der  Consuln  dieses 
Geschlechts  (173.  172.  132)  angelegt.*)  —  Sodann  13  Millien  von 
Caesena  entfernt  Forum  Livi  ForlL^).  Am  Ulis  Montone  gelegen, 
ist  der  Platz  für  den  Verkehr  geeignet:  flufsaufwärts  führt  ein  Weg 
über  den  bequemen  Pafs  von  S.  Godenzo  ins  Arnothal  (1  231),  flufs- 
abwärts  ein  Weg  nach  Ravenna.  In  der  Kriegsgeschichte  scheint 
derselbe  eine  Rolle  gespielt  zu  haben :  ihn  schlug  vermutlich  An- 
tonius für  die  Ueberrumpehing  von  Arretium  am  14.  oder  15.  Januar 
49  V.  Chr.  ein. 6)  Die  Anlage  des  Forums  wird  man  dem  Consul 
von  188  C.  Livius  Salinator  zuschreiben  dürfen.'')  —  Häufiger  be- 
gegnet in  der  Ueherlieferung  das  10  Millien  entfernte  Faventia 
Faenza^)  am  linken  Ufer  des  Ayiemo  Lamone  (S.  250).  Von  hier 
führt  das  Thal  hinauf  über  den  Pafs  von  Casa  Alpe  eine  von  den 
Römern  ausgebaute  Strafse  an  die  Sieve  nach  Florenz  und  Luca: 
der  Abstand  zwischen  Faventia  und  Luca  wird  zu  120  Millien  an- 


1)  Cic.  Farn.  XVI  27;  Strab.  V  217  Plin.  III  116  XIV  67  Ptol.  III  1,42;  lt. 
Gadit.  Anton.  100.  126.  286  Hier.  615  Tab.  Peut.  Geogr.  Rav.  IV  33;  Sidon.  Ap. 
ep.  I  8  Prokop  b.  Goth.  I  1  II  11.  19.  29  III  6;  CIL.  XI  p.  108. 

2)  It.  Gadit.  IV  Anton.  286  Tab.  Peut. 

3)  Liv.  XXXI  2  XXXIII  37  Cluver  p.  279. 

4)  Plin.  III  116  CIL.  XI  p.  111.  Im  Uebetgang  zur  heutigen  Form  Forum 
Populi  It.  Hier.  616  Tab.  Peut.  Geogr.  Rav.  IV  33  Paul.  h.  Lang.  V  27. 

5)  Plin.  III  116  It.  Gadit.  Anton.  287  Hieros.  616  Tab.  Peut.  Geogr.  Rav.  IV 
33,  CIL.  XI  p.  115. 

6)  Caes.  b.  civ.  I  11  Lucan  II  462  Flor.  II  13,19  Eutrop  VI  19  Bist.  Zeitschr. 
N.  F.  X  98. 

7)  Liv.  XXXVIII  35  ohne  von  seiner  Amtsthätigkeit  in  Gallien  etwas  zu 
berichten. 

8)  Strab.  V  217  Plin.  III  116  VII  163  Phleg.  macrob.  1.  2  Ptol.  Hl  1,42;  vita 
Hadr.  7  Helii  2,8  Ver.  1,9;  Jord.  h.  Rom.  379  Prokop  b.  Goth.  III  3;  Steph.  By^. 
It.  Gadit.  Anton.  100.  126.  287  Hieros.  616  Tab.  Peut.  Geogr.  Rav.  IV  33.  CIL. 
XI  p.  120. 


§  2.     Das  Binnenland.  259 

gegeben:  die  ersten  Stationen  sind  noch  nicht  bestimmt.i)  Die 
Strafsenkreuzung  bewirkt  dafs  die  Umgebung  der  Stadt  mehr  als 
einmal  das  Schlachtfeld  geliefert  hat:  am  bekanntesten  ist  die  Nieder- 
lage die  Metellus  82  v.  Chr.  den  Marianern  hier  beibrachte.2)  Eine 
römische  Bürgergemeinde  war  in  dieser  fruchtbaren  Feldmark 
bereits  vor  dem  Bundesgenossenkrieg  angesiedelt  worden :  der  Zeit- 
punct  ergiebt  sich  aus  dem  Umstand  dafs  sie  zur  Tribus  PoUia 
gehörte,  in  die  des  guten  Omens  wegen  älterer  Zeit  die  Gemeinden 
an  der  gallischen  Grenze  eingetragen  wurden. 3)  Der  überschweng- 
liche Ertrag  ihrer  Reben  wird  gepriesen  4),  desgleichen  ihr  Flachs 
und  ihre  Pinien 

undique  sollers 
arva  coronantem  nutrire  Faventia  pinum. 

INach  10  Millien  folgt  Forum  Corneli  Imola  dessen  Gründer  von 
Prudentius^)  erwähnt  wird: 

Sulla  forum  statuit  Cornelius,  hoc  halt  urbem 
vocitant  ab  ipso  conditoris  nomine. 

Die  Stadt  auch  Forum  Comelium  genannt  gehörte  zur  Tribus 
Pollia.6)  Sie  liegt  am  linken  Ufer  des  Vatrenus  Santerno  (S.  251) 
und  wird  zuerst  43  v.  Chr.  bei  Gelegenheit  des  Kriegs  gegen  An- 
tonius erwähnt.')  In  der  Langobardenzeit  heifst  ihre  Burg  Imolas^): 
durch  diese  Bezeichnung  ist  die  frühere  verdrängt  worden.  —  Die 
Via  Aemilia  überschreitet  den  Silarus  Silaro^)  und  erreicht  13  Millien 
von  Imola,  10  von  Bologna  das  in  der  Tribus  Pollia  eingetragene 
Municipium   Claterna  oder  Claternae,  zuerst  43  v.  Chr.  erwähnt. i<>) 


1)  It.  Ant.  283  vgl.  Appian  b.  civ.  I  91. 

2)  Liv.  LXXXVIII  Vell.  II  28  App.  b.  civ.  I  91. 

3)  Bormann,  Arch.-  ep.  Mitlh.  a.  Oesterr.  X  (1886)  227 fg.  Kubitschek 
imp,  Rom.  93. 

4)  Varro  RR.  I  2,7  (Colum.  III  3,2)  vgl.  Appian  b.  civ.  I  91;  Plin.  XIX  9 
Sil.  It.  Vm  595. 

5)  Prud.  passio  Gassiani  Forocorn.  peristephanon  9,1. 

6)  Plin.  III  116.  120  Martial  III  4  Phlegon  macrob,  1.  2.  3;  Strab.  V  216 
Ptol.  III  1.42;  Prokop  b.  Goth.  II  19  Hist.  misc.  XIII  28;  It.  Gadit.  Anton.  100. 
127.  287  Hieros.  616  Tab.  Peut.  Geogr.  Rav.  IV  33;  CIL.  XI  p.  126. 

7)  Cic.  Fam.  XII  5,2  Dio  XLVI  35. 

8)  Paul.  h.  Lang.  II  18  Agnellus  1.  pont.  S.  Petr.  XXI  47. 

9)  Tab.  Peut. 

10)  Cic.  Fam.  XII  5,2  Phil.  VIII  6;  Strab.  V  216  Plin.  III  116  Ptol.  III  1,42; 
lt.  Gadit.  Anton.  287  Hieros.  616  Tab.  Peut.  Geogr.  Rav.  IV  33;  Ambros.  ep.  II  8 
CIL.  XI  p.  128. 

17* 


260  Kapitel  IV.     Die  Aemilia. 

Die  Nachbarschaft  von  Bologna  hat  seinen  Aufschwung  gehemmt. 
Nach  Slrabo  unbedeutend,  ist  das  Städtchen  später  untergegangen 
und  hat  seinen  Namen  nur  in  dem  FluTs  Quaderna  und  der  Kirche 
S.  Maria  di  Quaderna  fortgepflanzt. i) 

NVo  die  Ebene  sich  verbreitert,  werden  die  Aenderungen  in 
den  Flufsläufen  bedeutender.  Der  kleine  Idex  Idice  2)  strömte  ehe- 
dem gerades  Weges  zum  Po.  Ebenso  mündete  der  ÜÄemts  Reno  ^) 
mit  dem  Scultenna  Panaro  (1  190)4)  vereint  oberhalb  Ferrara  in 
den  Po  ein  (I  191).  Unter  den  Bächen  welche  der  Reno  an  seinem 
linken  Ufer  aufnimmt,  wird  der  Lavinius  Lavino  erwähnt. s)  Bei 
seiiitr  xMündung  apud  Confluentes  zwischen  Perusium[?]  und  Bononia 
schlössen  Octavian  und  Antonius  im  October  43  v.  Chr.  ihren  Bund. 
So  lautet  die  genaueste  Ortsangabe;  Appian  setzt  dafür  eine  kleine 
niedrige  Insel  des  Lavinius  in  der  Gegend  von  Mutina,  Dio  eine  Insel 
des  bei  Bononia  vorbeifliefsenden  Flufses,  Dio  wie  Plutarch  die 
Gegend  von  Bononia.*)  Die  Frage  wo  denn  eigentlich  die  bedeu- 
tungsvolle Zusammenkunft  stattgefunden  habe,  ist  in  der  Neuzeit 
vielfach  erörtert  worden. 7)  —  Sie  läfst  sich  ohne  Schwierigkeit 
lösen,  wenn  man  die  scheinbaren  Widersprüche  der  Schriftsteller 
in  Uebereinstimmung  mit  einander  bringt.  Zunächst  ist  klar  dafs 
die  betreffende  Insel  von  einer  Strafse  durchschnitten  war,  da  von 
beiden  Seiten  Brücken  hinüberführten.  Diese  Strafse  ist  aber  nicht 
die  aeniilische,  sondern  die  von  Aquileia  kommende,  deren  Lauf 
wir  S.  217  bis  zum  Po    begleitet   haben. 8)     An  ihr  lag  18  Millien 


1)  Not.  d.  Scavi  1892  p.  133  1898  p.  233. 

2)  Tab.  Peut.  verschrieben  hex. 

3)  Plin.  III  118  XVI  161  Sil.  It.  VIII  599. 

4)  Plin.  III  118  Liv.  XLI  12.  18  Strab.  V  218  Frontin  Strat.  III  13,7  14,3 
Paul.  h.  Lang.  IV  45. 

5)  Appian   b.  civ.  IV  2. 

6)  Flor.  II  16  Perusium  cod.  Bamberg.  Perusiam  cod.  Nazar.  Appian  b. 
civ.  IV  2  Dio  XLVI  55  Plut.  Cic.  46  Ant.  19  vgl.  Suet.  Aug.  96. 

7)  Calindri,  Dizionario  VI  vertritt  zuerst  die  übliche  Meinung  dafs  der 
Zusannmenflurs  von  Reno  und  Lavinio  nicht  wie  jetzt  23  km  Nord  von  Bologna, 
sondern  in  gröfserer  Nähe  war. 

8)  Die  Kenntnifs  dieser  Strafse  verdanken  wir  allein  It.  Ant.  281,  wo 
freilich  die  richtige  Einsicht  in  den  Gang  derselben  durch  Schuld  der  Ab- 
schreiber verdunkelt  ist.  Sie  lassen  die  Strafse  sinnloser  Weise  von  Padua 
nach  Bologna  gehen.  Vielmehr  hat  sie  sich  bei  f^ico  Sernino  getheilt,  so 
daTs  ein  Arm  nach  dem  23  .Millien  entfernten  Mutina,  der  andere  Arm  nach 
dem    IS  .Millien    entfernten  Bononia   führte.     Nach   diesen   Mafsangaben   mufs 


§  2.     Das  Binnenland.  261 

nördlich  von  Bononia  bei  Galliera,  wo  die  Inschriften  das  Dasein 
eines  alten  Vicus  erwieseo  haben  ^),  der  Vicus  Sernmus;  von  hier 
10  Millien  weiter  Vicus  Varianus  Vigarano  2)  wahrscheinlich  am 
früheren  F'o  und  zwar  am  rechten  Ufer  bei  Vigarano  Mainarda, 
wenig  oberhalb  der  Stromspaltung  bei  Ferrara  (I  191).  Bei  dem 
Vicus  Serninus  gabelte  sich  die  Strafse,  insofern  ein  Arm  nach 
Bononia,  ein  zweiter  nach  dem  23  Millien  entfernten  Mutina  lief. 
Der  letztere  mufste  zuerst  den  Reno  hierauf  den  Lavino  oder  die 
Samoggia  überschreiten.  Es  ist  bereits  anderweitig  nachgewiesen 
worden,  dals  in  der  unmittelbaren  Nähe  von  Bologna  keine  wesent- 
lichen Aenderungen'der  Flufsläufe  eingetreten  sind.^)  Unsere  Er- 
wägung führt  zum  nämlichen  Ergebnifs.  In  der  Gegend  von  Bagno, 
südlich  von  welchem  noch  jetzt  ausgedehnte  Sümpfe  vorhanden 
sind,  wird  die  Errichtung  des  Triumvirats  anzusetzen  sein.  Der 
Weg  von  Mutina  hierher  ist  nur  5  Millien  weiter  als  von  Bononia. 
Ein  Gewährsmann  im  Lager  des  Antonius  —  aus  einem  solchen 
hat  Appian  geschöpft  —  bestimmte  die  Oertlichkeit  naturgemäfs 
nach  Mutina  seinem  Hauptquartier  und  nach  dem  überschrittenen 
Flufs  Lavinius.  Mit  gleichem  Rechte  benannten  die  auf  Octavians 
Seite  stehenden  Geschichtschreiber  die  Insel  nach  dem  Rhenus  und 
Bononia.  Die  Lesung  apud  Confluentes  inter  Perusium  [Periisiam] 
et  Bononiam  ist  vielleicht  richtig,  da  ein  Ort  des  INamens  in  der 
Gegend  von  Modena  gelegen  zu  haben  scheint 4),  vielleicht  verderbt. 
Dem  Sinn  nach  würde  auch  passen  tnter  Otesiam  et  Bononiam;  denn 
dies  halb  verschollene  Municipium  lag  bei  S.  Agata  Ost  von  Modena.^) 


die  Strafsentheilung  bei  Galliera  stattgefunden  haben.  Der  Umstand  dafs  die 
Handschriften  die  letzten  Ziffern  genau  erhalten  haben  (die  Entfernung  von 
Mutina  nach  Bononia  beträgt  25  Milien)  ermöglicht  eine  sichere  Deutung. 
Der  Strecke  Vicus  Serninus-Mutina  gehören  die  Meilensteine  6646.47  an:  sie 
scheinen  von  Patavium  aus  zu  rechnen. 

1)  CIL.  XI  804  fg.  Die  Ortsbezeichnung  macht  nur  auf  annähernde  Genauig- 
keit Anspruch. 

2)  Es  giebt  zwei  Vigarano  nördlich  und  südlich  vom  alten  Po.  Die  Lage 
des  Vicus  Varianus  wird  durch  Zosim.  V  37,2  bestimmt:  eis  ti  t^s  Bovoiviae 
OQfirj'irjQiov  TjX&ev  o  xaXovaiv  Otxovßa^iav.  Das  Reisebuch  giebt  irrig  20 
statt  10  Millien. 

3)  Frati,  Atti  della  deputazione  di  storia  patria  per  le  province  di 
Romagna,  1868  p.  1.  Not.  d.  Scavi  1896  p.  125. 

4)  Darauf  führt  die  uva  Perusinia  Plin.  XIV  39. 

5)  Plin.  III  116  Phlegon  macrob.  (fr.  29,1  Müller  III  608)  'O^jiota  ^ircu'aia 
CIL.  V  5126  XI  p.  151  an.     Calindri,  Dizionario  VI  19  fg. 


262  Kapitel  IV.     Die  Aemilia. 

Dafs  die  Strafse  von  Bouonia  nach  Aquileia  175  v.  Chr.  erbaut 
wurde,  haben  wir  S.  227  vermutet.  Die  Strafse  von  ßononia  nach 
Arrelium,  als  deren  Fortsetzung  sie  betrachtet  werden  kann,  stammt 
aus  dem  Jahre  187  v.  Chr.  und  ist  vom  Consul  Gaius  Flaminius, 
dem  Collegen  des  Aemihus  Lepidus  angelegt.')  Die  kürzeste  Ver- 
bindung mit  Arretium  ungefähr  150  km  läuft  die  Savena  aufwärts 
über  den  Pafs  la  Futa  (975  m)  und  Faesulae.  Aus  der  Litteralur 
läfst  sich  ihre  Benutzung  nicht  vor  dem  9.  Jahrhundert  belegen. 
Dieser  Umstand  berechtigt  indefs  keineswegs  zu  dem  Schlufs  das 
Dasein  der  Strafse  im  Altertum  zu  leugnen.  —  Bequemer  aber 
länger  ist  der  Weg  welcher  durch  das  Thal  dfes  Reno  die  Wasser- 
scheide (1007  m)  oberhalb  Pistoria  am  Nordende  des  Beckens  von 
Florenz  erreicht.  Am  Reno  ist  bei  Marzabotto  27  km  von  Bologna 
eine  etruskische  Niederlassung  entdeckt  worden  die  leider  für  uns 
namenlos  bleibt. 2)  Jenseit  des  Reno  unterbricht  der  im  M.  Cimone 
2165  m  aufsteigende  Gebirgsstock  den  Verkehr  zwischen  Etrurien 
und  der  Aemilia.  Demnach  lag  Bononia  (55  m)  am  Ausgang  der 
beiden  an  den  mittleren  Arno  führenden  Appenninstrafsen,  von  der 
Theilung  des  Po  etwa  45  km  entfernt  und  stellt  die  natürliche  Ver- 
mittlerin zwischen  beiden  Flufsgebieten  dar.  In  alten  Zeiten,  heifst 
es  3),  war  sie  als  Felsina  das  Haupt  der  etruskischen  Städte  des 
Nordens,  von  Aucnus  aus  Perusia  gegründet: 

Ocni  prisca  domus  parvique  Bononia  Rheni. 

Die  reiche  Ausbeute  innerhalb  der  Stadt  (S.  11)  und  besonders 
aus  der  bei  der  Certosa  aufgefundenen  Gräberstadt,  welche  jetzt 
das  stattliche  Museum  füllt,  beweist  die  frühe  Blüte  des  Gemein- 
wesens.*) Wann  dieselbe  geknickt  wurde,  ist  nicht  zu  sagen.  Wo 
die  geschichtliche  Ueberheferiing  anhebt,  196  v.  Chr.  erscheint 
Felsina  im  Besitz  der  Boier,  welche  die  Elrusker  vertrieben  hatten. 
Die  Boier  ihrerseits  mufsten  den  Römern  Platz  machen:  189  v.Chr. 
wurde  eine  latinische  Colonie  in  der  Stärke  von  3000  Mann  ange- 
siedelt, der  Reiter  mit  je  70,  der  Fufsgänger  mit  50  Juchert  aus- 
gestattet. 5)     Also  sind  über  40  000  ha  Ackerland  vertheilt  worden, 


1)  Liv.  XXXIX  2,6. 

2)  Gozzadini  in  mehreren  Abhandlungen,  Bologna  1865.  70. 

3)  Piin.  III  115  Bononia  Fehina  vocitatum  cum  princaps  Etruriae  esset 
Serv.  V.  Aen.  X  198  Sil.  It.  VIII  599. 

4)  Zannoni,  gli  scavi  della  Certosa,  2  v.  Bologna  1876 fg. 

5)  Liv.  XXXIII  37  XXXVII  57  Vell.  1  15. 


§  2.    Das  Binnenland.  263 

zu  deren  Bestellung  die  Ansiedler  nicht  ausreichten,  sondern  augen- 
scheinlich die  bisherigen  Inhaber,  kellische  Bauern  herangezogen 
werden  mufsten.  Fortan  wechselt  die  Stadt  ihren  Namen ,  der  in 
keltischen  Landen  mehrfach  begegnet,  also  weder  von  bonus  noch 
von  den  Boiern  abgeleitet  scheint.  Die  Ringmauer  umschliefst  einen 
Flächenraum  von  83  ha,  doppelt  so  viel  als  in  Aosta:  man  könnte 
daraus  folgern  dafs  neben  den  Colonisten  eine  an  Zahl  gleiche  ältere 
Bevölkerung  sefshaft  gewesen  sei,  wenn  das  Alter  der  Umwallung 
sicher  verbürgt  wäre,  i)  Nach  der  Ueberwältigung  der  Bergstärame2) 
und  der  Anlage  der  grofsen  Verkehrstrafsen  ist  Bononia  so  rasch 
emporgeblüht,  dafs  es  der  lateinischen  Litteratur  Vertreter  schenkte.-*) 
Mit  dem  Bürgerrecht  90  v.  Chr.  begabt,  wurde  es  der  Tribus  Lemonia 
zugetheilt.4)  Beziehungen  zum  Hause  der  Antonier  haben  bedeutsam 
in  seine  Geschicke  eingegriffen.  M.  Antonius  machte  die  Stadt 
43  V.  Chr.  im  Krieg  mit  D.  Brutus  zu  seinem  wichtigsten  Waffen- 
platz ^),  siedelte  hierauf  in  ihr  Colonisten  an,  zu  denen  Octavian 
später  neue  hinzufügte. 6)  Der  Eigenschaft  als  Colonie  entsprechend 
heifsen  die  obersten  Beamten  des  Gemeinwesens  Duovirn.  Reiche 
Gunstbezeugungen  sind  aus  dem  Verhältnifs  zum  Kaiserhause  ge- 
flossen. Augustus  verheb  eine  18  km  lange  Wasserleitung  aus  dem 
Setta,  einem  Nebenflufs  des  Reno,  die  neuerdings  hergestellt  worden 
ist.^)  Claudius  gewährte  nach  einem  Brande  53  v.  Chr.  eine  Unter- 
stützung von  10  Millionen  Sesterzen  (2 175000  M.).*)  Unter  den 
binnenländischen  Städten  der  Aemilia  nahm  Bononia  wenn  nicht 
die  erste,  so  doch  eine  der  ersten  Stellen  ein.  Dies  erhellt  sowol 
aus  den  Aussagen  der  Schriftsteller  9)  als  daraus  dafs  das  Reisebuch 
willkürlich   die   Strafsen    nicht  nur    nach    Aquileia,    sondern    auch 


1)  Gozzadini,  studi  archeologico  -  topografici  sulla  cittä  di  Bologna, 
B.  1868. 

2)  Liv.  XXXIX  2  Oros.  V  6,2. 

3)  Suet.  p.  38,13  Reiff.  Cic.  Brut.  169. 

4)  Fest.  p.  127  Müller  CIL.  XI  p,  132. 

5)  Cic.  Fam.  XII  5,2  XI  13,2  Dio  XLVI  36  Appian  b.  civ.  III  69.  73. 

6)  Suet.  Aug.  17  Dio  L  6  Plin.  XXXllI  S3  Hl  115.  CIL.  XI  720  divtu 
Augustus  parens  (coloniae), 

7)  Gozzadini,  intorno  all'  acquedotto  ed  alle  terme  di  Bologna,  B.  1864. 

8)  Tac.  Ann.  XII  58  Suel.  Nero  7. 

9)  Strab.  V  216  Mela  II  60  urbium.  quae  procul  a  mari  hobitantur, 
opulentistimae  sunt  ad  sinistram  Patavium  Mutina  et  Bononia,  ad  dextram 
Capua.    Tac.  Bist.  II  53  Plin.  VII  159.  163  Phlegon  fr.  29,1.  2.  4  Ptol.  III  1,42. 


264  Kapitel  IV.     Die  Aetnilia. 

nach  Verona  und  Cremona  von  ihr  statt  von  Mutina  ausgehen 
lälstJ)  Es  unlerhegt  keinem  Zweifel,  dafs  Bononia  im  Altertum 
wie  in  der  Gegenwart  zu  den  Grofsstädten  Itahens  zählte  (S.  122). 
Die  Lust  der  Bewohner  an  Fechterspielen  hebt  der  mit  dieser  Land- 
schalt  vertraute  Martial  hervor  2): 

Stit07'  cerdo  dedit  tibi  culta  Bononia  munus, 
fullo  dedit  Mutinae:  nunc  nbi  copo  dabit? 

Die  nicht  gerade  reichlich  vorhandenen  Inschriften  3)  lehren 
die  Verbreitung  grofsstädlischer  Gottesdienste  kennen;  z.  B.  stand 
ein  Tempel  der  Isis  in  der  Nähe  von  S.  Stefano.  Die  Feldmark 
erstreckte  sich  an  der  Via  Aemilia  nur  über  eine  Breite  von  etwa 
25  km  vom  Idice  bis  zur  Samoggia,  dagegen  bezeugter  Mafsen 
(S.  261  A.  2)  bis  an  den  Po  und  vermutlich  bis  auf  die  Hohe  des 
Appennin,  so  dafs  sie  an  40  d.  D  M.  enthalten  haben  mag  (S  108); 
der  heutige  Kreis  enthält  2237  Dkm.  Die  Stadt  hat  in  den  Zeiten 
des  allgemeinen  Verfalls  sich  zu  behaupten  gewufst,  widerstand  410 
dem  Konig  Alarich  und  wurde  von  Paulus  zu  den  wolhahendcn 
Gemeinwesen  der  Aemilia  gerechnet.^) 

Mit  der  gröfseren  Erhebung  welche  der  Appennin  nordwest- 
lich vom  Reno  annimmt,  werden  auch  die  Pässe  schwieriger  (I  231). 
Aus  dem  Thal  der  Scullenna  führt  um  den  M.  Cimone  herum  der 
Pafs  von  Fiumalbo  (1388  m)  nach  Luca ;  aus  dem  Thal  des  Gabellus 
Secuta  oder  Secia  Secchia  &)  (I  190)  der  Pafs  von  Sassalbo  (1261  m) 
nach  Luna.  In  der  Mitte  zwischen  beiden  Flüssen  liegt  Mutina 
Modena  (34  m)  an  der  aemilischen  Strafse,  75  Mühen  von  Placentia, 
25  von  Bononia,  101  von  Ariminum  entfernt.  Denkt  man  sich 
die  sildpadanische  Ebene  als  eine  halbe  Ellipse  deren  Durchmesser 
die  Via  Aemilia  bildet,  so  werden  die  beiden  Brennpuncte  durch 
Mutina  und  Bononia  bezeichnet.  Diese  Stadt  ist  durch  ihre  bessere 
Verbindung  mit  Etrurien  bevorzugt,  jene  beherrscht  drei  Slrafsen- 
ilbergänge  über  den  Po.  —  Die  Stralse  von  Aquileia   welche  nach 


1)  It.  Ant.  281.282.283.  99Hieros.  616  It.  Gadit.Tab.  Peut.  Geogr.  Rav.lV33. 

2)  Marl.  III  59  Tac.  Bist.  II  67.  71. 

3)  Naciiträge  zum  CIL,  Not.  d,  Scavi  1896  p.  146  1897  p.  330;  griechische 
Kaibel  22S2fg.     Soldaten  sind  zahlreich  Eph.  ep.  V  p.  252. 

4)  Zosim.  V31.33.37VI10Prokopb.Golh.IIlll  Paul.h.Lang.II  18  VI49.54. 

5)  CIL.  XI  826  meldet  die  von  den  Kaisern  260  vollzogene  Herstellung 
an  der  Aemilia  des  pons  Secul\ae]  vi  ignis  constimplus.  Reste  des  Neubaus 
sind  noch  vorhanden.  It.  Hieros.  616  mulaiio  Ponte  Secies,  Plin.  III  118 
Gabellus  nach  einem  anderen  Dialekt. 


§  2.     Das  Binnenland.  265 

beiden  Städten  auslief,  haben  wir  oben  S.  261  betrachtet.  Von 
dem  Uebergang  bei  Vicus  Varianus  bis  zu  dem  von  Hostiiia  (S.  208) 
sind  40  km  in  der  LuflHnie.  In  dem  Zwischenraum  darf  man  die 
in  den  Censuslisten  des  Augustus  stehende  Gemeinde  der  Padinates 
suchen:  Cluver  hält  das  heutige  Bondeno  für  PadinumA)  Die  Wich- 
tigkeit von  Hostiiia  als  Knotenpunct  des  Verkehrs  ist  früher  dar- 
gelegt worden.  Auf  dasselbe  führt  von  Mulina  eine  Strafse  die 
nach  Ausweis  eines  Meilensteins  von  Augustus  ausgebaut  worden 
ist.  Das  Reisebuch  giebt  die  Entfernung  mit  50  Millien  um  10  zu 
hoch  an.  Es  nennt  halbwegs  den  Ort  Colicaria  dessen  Lage  durch 
die  Kirche  S.  Possidonio  (zwischen  Mirandola  und  Concordia),  wo 
Inschriften  zufolge  ein  antiker  Vicus  war,  angezeigt  wird.'^)  Von 
Hostiiia  bis  zum  nächsten  Uebergang  bei  Brixellum  mifst  man  in 
der  Luftlinie  ungefähr  50  km.  Der  Po  machte  im  Altertum  bei 
Guastalla  nicht  jene  scharfe  Wendung  nach  Norden  wie  jetzt,  sondern 
flofs  bei  Gonzaga  vorbei  (1  189).  In  dieser  Gegend  wird  die  eine 
oder  andere  von  den  verschollenen  Gemeinden  des  plinianischen 
Verzeichnisses  gelegen  haben. 3)  In  Brixellum  mündete  die  Strafse 
von  Cremona  ein  und  erreichte  von  hier  aus  über  Regium  nach 
35  Millien  Mutina.  Nach  dem  Gesagten  begreift  man  ohne  weiteres 
warum  dieser  Name  in  der  Kriegsgeschichte  so  oft  begegnet.  — 
Verschiedene  Stämme  stiefsen  bei  Mulina  auf  einander.  Die  Appennin- 
thäler  befanden  sich  im  Besitz  der  Ligurer.*)  Am  Austritt  der 
Secchia  in  die  Ebene  lagen  die  Campi  Macri,  deren  Name  in 
dem  heutigen  Dorf  Magreta  7  km  westlich  von  Modena  fortlebt.  Sie 
werden  mehrfach  erwähnt,  des  berühmten  Viehmarkts  wegen  der 
hier  alljährlich  bis  zur  Regierung  Nero's  abgehalten  wurdc^)  Die 
Boier  hatten  die  Ebene  an  sich  gerissen,  während  Mutina  wie  es 
scheint  etruskisch  geblieben  war.^)  Es  schlofs  sich  vor  dem  hanni- 
balischen  Kriege  an  die  Römer  an,  erhielt  183  v.  Chr.  eine  Colonie 
von  2000  römischen  Bürgern  und  ward  nach  damaliger  üebung 
(S.  259)   der  Tribus  Pollia  zugetheilt.     In   den  ersten  Jahrzehnten 

1)  Pliii.  III  116  Cluver  p.  282. 

2)  It.  Anton.  282  CIL.  XI  p.  170  eb.  665U.  Dieser  Stein  (bei  S.  Martino 
Carano  2  km  W  von  Mirandola  gefunden)  giebt  mit  lier  Ziffer  19  die  Ent- 
fernung von  Mutina  an.     Auf  dieselbe  Strafse  beziehen  sich  6651.  52. 

3)  CIL.  XI  p.  171. 

4)  Liv.  XLI  12.  18. 

5)  Liv.  XLI  18  XLV  12  Vaiio  RR.  II  praef.  6  Colum.  VII  2,3  Strab.  V  21G 
CIL.  X  1401  XI  p.  170  A.  6)  Liv.  XXXIX  55. 


266  Kapitel  IV.     Die  Aemilia. 

nach  der  Niederlage  Hannibals  ist  oft  in  seiner  Umgebiiog  gekämpft, 
ja  die  Stadt  selbst  177  von  den  Ligurern  erobert  worden,  bevor 
die  Verbältnisse  sich  beruhigten. i)  Man  erkennt,  unter  wie  ganz 
anderen  Bedingungen  Mutina  colonisirt  worden  ist  als  Bononia: 
die  Ansiedler  wurden  in  ein  bereits  bestehendes  Gemeinwesen  ein- 
geschoben und  bekamen  nur  je  5  Juchert  Land.  Mithin  sind  hier 
nicht  mehr  als  250U  ha  welche  die  Boier  ehedem  den  Etruskern 
abgenommen  hatten,  eingezogen  und  vertheilt  worden,  während  in 
Bononia  40  000  verfügbar  waren.  In  der  That  blieb  das  Stadtge- 
biet auch  späterhin  ein  beschränktes.'-^)  Gegen  Regium  bildet  die 
Seccbia  die  Grenze.  Nach  Norden  lag  in  der  Gegend  von  Carpi 
ein  Gemeinwesen  dessen  Name  verschollen  ist;  nach  Osten  Otesia 
bei  S.  Agata  (S.  261).  An  der  Via  Aemilia  reichte  nach  Südost 
die  Feldmark  bis  zur  Samoggia  welche  sie  von  der  bologneser 
trennte.  Sie  umschlofs  nach  dieser  Seite  den  8  Millien  von  Mutina, 
17  von  Bononia  gelegenen  Vicus  Forum  Gallorum  bei  dem  heutigen 
Castelfranco,  wo  Antonius  im  April  43  v.  Chr.  siegte  und  geschlagen 
ward. 3)  Nach  Südwest  erstreckte  sie  sich  sicher  bis  Sassuolo,  wo 
Erdülquellen  und  ein  erloschener  Krater  (Salsa  nach  Montegibbio 
zu)  sind:  der  Ausbruch  dem  der  letztere  seine  Entstehung  91  v. 
Chr.  verdankt,  wird  ebenso  wie  andere  vulkanische  Erscheinungen 
ausdrücklich  dem  Gebiet  von  Mutina  zugeschrieben. 4)  Aber  da  das- 
selbe aufserdem  eine  schwimmende  Insel  enthielt^),  und  Seen  sich 
nur  in  der  Nähe  der  Hauptkette  fanden,  wird  man  annehmen 
müssen  dafs  die  ligurischen  Stämme  von  der  Seccbia  und  Scoltenna 
bis  zur  Wasserscheide  der  Stadt  unterstellt  gewesen  sind.  Sie  be- 
trieb ansehnlichen  Weinbau,  fertigte  geschätzte  Thonwaaren  und 
lieferte  nach  Strabo  die  feinste  Wolle  (S.  98)  in  ganz  Italien. f') 
Durch  ihre  günstige  Verkehrslage  erwarb  sie  einen  Reichtum  der 
mit   demjenigen   Bononia's   wetteiferte''),   sah  ihn  aber  oftmals  ge- 

1)  Pol.Ill40,8Liv.XX125XXVlI  21  XXXV  4.  6  XXXIX  55  XLl  12. 14.  16.18. 

2)  CiL.  XI  p.  151. 

3)  Cic.  Farn.  X  30  Appian  b.  civ.  111  70  Frontin  Strat.  II  5,39  Tab.  Peut. 
Geogr.  Rav.  IV  33. 

4)  Pliu.  II  199.  240. 

5)  Plin.  II  209. 

6)  Plin.  XIV  39  XXXV  161  Slrab.  V  218  vgl.  Martial  III  59  Blümner  zu  Ed. 
Diocl.  19,13. 

7)  Mela  II  60  Cic.  Philipp.  V  24  firmüsima  et  splendidissima  populi 
Romani  colonia  Appian  b.  civ.  III  49  nöXiv  elSaifiova.  Griechische  Inschriften 
Kaibel  2287.  88.     Soldateninschriften  Eph.  ep.  V  p.  255. 


§  2.     Das  Binnenland.  267 

fährdet.  In  ihren  Mauern  setzte  sich  Gnaeus  Pompeius  78  v.  Chr. 
gegen  Brutus  fest,  Cassius  72  gegen  Spartacus,  D.  Brutus  43  gegen 
Antonius,  Maxentius  312  n.  Chr.  gegen  Constantin,  tagte  der  Senat 
69  n.  Chr.  während  des  Krieges  zwischen  Olho  und  VitelHus.i)  Sie 
gehörte  zu  den  Städten  welche  von  den  Triumvirn  den  Truppen 
nach  der  Schlacht  bei  Phihppi  (S.  32)  ausgeliefert  wurden. 2)  Wir 
tragen  kein  Bedenken  der  Liste  italischer  Grofsstädte  ihren  ISamen 
einzureihen  (S.  122).  In  der  Langobardenzeit  war  sie  ganz  ver- 
ödet, ein  Gedicht  aus  dem  Ende  des  7.  Jahrhunderts  preist  ihre 
Herstellung  durch  König  Cunincpert.3) 

Der  Erbauer  der  aemilischen  Strafse  legte  17  Millien  von 
Mutina,  18  von  Parma  ein  Forum  an,  das  vereinzelt  Forum  Lepidi, 
öfter  Regmm  Lepidum  oder  Lepidum  Regium,  gewöhnlich  kurzweg 
Regium,  jetzt  Reggio  (53  m)  genannt  wird. 4)  Die  Entstehung  des 
Namens  bleibt  dunkel.  Mit  dem  Lateinischen  hat  er  nichts  zu 
thun,  sondern  ist  der  Landessprache  entnommen,  wie  denn  die 
Veleiates  (S.275)  Regiates  heifsen.  Die  Gemeinde  gehörte  zur  Tribus 
Pollia  und  erlangte  nach  dem  Zeugnifs  des  Ptolemaeos  den  Titel 
Colonie,  den  sie  in  der  Censusliste  des  Augustus  noch  nicht  führt. 
Strabo  rechnet  Regium  zu  den  kleinen  Städten  ;  auch  kann  sein 
Gebiet  nicht  ausgedehnt  gewesen  sein,  aber  da  die  Strafse  von 
Cremona  hier  iu  die  aemiüsche  einmündet,  ist  es  einerseits  von 
kriegerischen  Ereignissen  berührt  worden,  hat  anderseits  einen 
gewissen  Wolstand  erworben ,  der  bis  in  langobardische  Zeit  fort- 
dauerte.^) —  Es  liegt  im  gleichen  Abstand  wie  von  Parma  und 
Mutina    so    auch    von   Brixellum  Brescello    (24  m).  ^)      Diese    der 


1)  Plut.  Pomp.  16;  Flor,  II  8,10;  Appian  b.  civ.  111  49  Frontin  Strat.  III 
14,3  13,7  Dio  XLVI  35  fg.  u.  a.;  Tac.  Hist.  II  52;  Pan.  Lat.  X  27. 

2)  Plin.lll  115. 

3)  Carmen  de  synodo  Ticinensi  (Anhang  zu  Paul.  h.  Lang.  Hannover  1878). 
Paulus  erwähnt  die  Stadt  nicht. 

4)  Forum  Lapidi  Fest.  270  M. ;  Regium  Lepidum  Strab.  V  216  Tac.  Hist. 
II  50  Ptol.  III  1,42  CIL.  XI  972;  Lepidum  Regium  CIL.  XI  p.  173  It.  Gadit.  I. 
m  Tab.  Peut.  Geogr.  Rav.  IV  33;  Regium  Lepidi  Cic.  Fam.  XII  5,2  It.  Gadit.  II ; 
Regienses  a  Lepido  Plin.  III  116;  nöXecos  Baadsiae  Phlegon  fr.  29,1; 
Regium  Cic.  Fam.  XI  9,2  Fest.  270  Ammian  XXXI  9,4  Üros.  V  22,17  It.  Ant. 
99.  127.  283.  287  Gadit.  IV  Hier.  616  u.  a. 

5)  Oros.  V  22,17  vgl.  Plut.  Pomp.  16;  Cic.  Fam.  XII  5,2  XI  9,2;  Paul.  h. 
Lang,  n  18. 

6)  It.  Ant.  283  giebt  irrig  40  statt  18  Millien  an. 


268  Kapitel  IV.     Die  Aemilia. 

Namensform ')  nach  kellische  Stadt  heifst  in  der  Censusliste  des 
Augustus  Colonie  —  ein  Beweis  dafs  ihre  Feldmark  ziemlich  er- 
heblich Nvar  —  und  gehörte  der  Tribus  Arnensis  an. 2)  Die  Po- 
schifler  hielten  hier  Rast,  indem  bei  der  Thalfahrt  der  aemilische 
Ruderer  den  venetischen  ablöste.^)  Sodann  führte  vom  jenseitigen 
Ufer  eine  Strafse  nach  dem  30  Millien  entfernten  Cremona  (S.  200). 
Die  militärische  Wichtigkeit  des  Platzes  tritt  in  der  Ueberlieferung 
des  Jahres  69  n.  Chr.  zu  Tage,  als  Otho  in  demselben  sein  Haupt- 
quartier aufgeschlagen  hatte.  Nachdem  die  Entscheidung  bei  Betria- 
cum  (S.  201)  gefallen  war,  gab  sich  der  Kaiser  in  Brixellum  den 
Tod:  Plutarch  beschreibt  sein  bescheidenes  Denkmal.^) 

Von  gröfseren  Gewässern  folgt  auf  die  Secchia  der  Flufs  Inda 
Enza.ä)  Vor  dem  Flufs  erreicht  die  Via  Aemilia  10  Millien  von 
Regium  Tannetum,  jetzt  ein  kleines  Dorf  Taneto  bei  S.  llario,  das 
bereits  218  v.  Chr.  als  befestigter  den  Römern  freundlicher  Ort  vor- 
kommt f»),  später  Stadtrecht  besafs.^)  Der  nächste  Flufs  ist  der 
Parma  Parma«),  sodann  der  Tarus  Taro  9)  mit  einem  Stromgebiet 
von  38  d.  D  M.  (I  189).  —  Am  rechten  Ufer  der  Parma  35  Millien 
von  Mutina,  40  von  Placentia,  wie  alle  diese  Städte  von  der  Via 
Aemilia  in  der  Mitte  durchschnitten  —  die  alte  Brücke  auf  welcher 
sie  die  Stadt  verüefs,  ist  noch  erkennbar  —  liegt  die  nach  dem 
Flufs  benannte  Colonie  Parma.  Die  Colonie  sperrt  nicht  nur  die 
Via  Aemilia,  sondern  auch  eine  bequeme  Verbindung  zwischen  dem 
Po  und  dem  tynhenischen  Meer.  Ihr  Abstand  von  Biixellum  am 
Po  beträgt  18  Millien,  von  Forum  novum  Fornovo  am  rechten  Ufer 
des  Taro  wo  der  Ceno  in  ihn  einmünder,  14  Millien.  Dies  letztere 
allein  durch  eine  Inschrift  bekannte  Municipiumio)  hängt  seiner  Ent- 


1)  Regeimäfsig   Brixellum,  vereinzelt  ßrixillum,   Paul.  III  18.   19  IV  28 
Brexillus. 

2)  Plin.  III  115  VII  163  Phlegon  fr.  29,1.3  Ptoi.  III  1,42  Geogr.  Rav.  IV  33 
CIL.  XI  p.  183. 

3)  Sidon.  Ap.  ep.  I  5,5. 

4)  Plut.  Oth.  5.  10.  18  Tac.  Bist.  II  33.  39.  51.  54  Suet.  Oth.  9. 

5)  Plin.  III  118  Geogr.  Rav.  IV  36  Entiajni/s. 

6)  Pol.  III  40,13  Liv.  XXI  25.  26  XXX  19. 

7)  Plin.  III  116  Phlogon  fr.  29,2   Plol.  III   1,42  It.  Ant.   287   Hieros.  616 
Tab.  Peut.  Geogr.  Rav.  IV  33  CIL.  XI  p.  181   Paul.  h.  Lang.  II  2  (?). 

8)  Geogr.  Rav.  IV  36  Tab.  Peut.  verschrieben  Paala. 

9)  Plin.  III  118  Geofir.  Rav.  IV  36. 

10)  CIL.  XI  p.  201.     Plin.  III  116   nennt  es   nicht,    dafür  aber  zwei  unbe- 
stimmte Fora  Forum  Cloäi  und  Licini,  mit  deren  einem  es  vielleicht  identisch 


§  2.     Das  Binnenland.  269 

stehung  nach  mit  der  Strafse  zusammen  die  von  Parma  über  den  Pafs 
la  Cisa  (1040  m,  auch  nach  PontremoH  benannt)  in  das  Thal  der  Macra 
nach  Luna  und  Luca  führt.  Ihre  Länge  von  Parma  nach  Luca  be- 
stimmt das  Postbuch  zu  100  MiUien.i)  —  Ehedem  haben  die  Etrus- 
ker  an  beiden  Seiten  des  Appennin  geboten,  sind  aber  in  der  Folge 
im  Westen  von  den  Ligurern,  im  Osten  von  den  Boiern  bedrängt 
worden.  Aehnhch  wie  Mutina  wird  auch  Parma  als  etruskische 
Gründung  zu  betrachten  sein.  Zuerst  183  v.  Chr.  erwähnt,  wurde 
sie  gleich  jener  römische  Biirgercolonie  in  der  Tribus  Pollia.2)  Die 
2000  Ansiedler  bekamen  je  8  Juchert,  so  dafs  im  Ganzen  4000  ha 
den  Boiern  abgenommenen  Ackers  vertheilt  wurden  (S.  108).  Die 
Feldmark  erstreckte  sich  zwischen  Taro  und  Enza  bis  an  den  Po, 
stiefs  landeinwärts  am  Taro  an  diejenige  von  Forum  novum;  ihre 
Ausdehnung  thalauf  an  der  Parma  ist  nicht  bekannt.  Immerhin 
hat  sie  genügt  um  eine  grofsarlige  Schafzucht  ins  Leben  zu  rufen, 
die  dem  Martial  als  Beispiel  zur  Veranschaulichung  des  Beichtums 
dient,  während  er  an  anderer  Stelle  die  Feinheit  ihrer  Wolle  lobt  3); 

magnaque  Niliacae  sermt  tibi  gleba  Syenes 
tondet  et  innumeros  Gallica  Parma  greges.  — 

velleribus  primis  Appulia,  Parma  secundis 
nobilis:  Altinnm  tertia  laudat  ovis. 
Von  den  Schicksalen  der  Stadt  hören  wir  wenig*):  176  v.  Chr. 
ist  sie  Hauptquartier  des  römischen  Statthalters  gegen  die  Ligurer; 
43.  V.  Chr.  wird  sie  von  L.  Antonius  bei  dem  Abzug  von  Mutina 
grausam  geplündert.  Mit  der  Ansiedlung  neuer  Bürger  durch 
Augustus  nimmt  die  colonia  Julia  Augusta  Parmensis  ihren  Platz 
unter  den  bevorzugten  Gemeinwesen  Italiens  ein^):  Theater  und 
Amphitheater  welche  Ausgrabungen  am  Südende  bei  S.  Udalrico 
kennen  gelehrt  haben  6),  bekunden  den  äufseren  Glanz  des  Lebens. 


ist.  Auch  das  unbestimmte  Fonnn  Druentinorum  wird  nach  der  Inschrift 
CIL.  XI  1059  in  dieser  Gegend  eher  als  bei  Bertinoro  CIL.  XI  p.  112  zu 
suchen  sein. 

1)  It.  Ant.  284. 

2)  Liv.  XXXIX  55  CIL  XI  p.  188. 

3)  Mart.  V  13,7  XIV  155  Colum.  VJI  2,3. 

4)  Liv.XLI17;  Plut.IVlar.27;  Cic.  Phil.XIVSfg.  Fam.X  33,4  XI  13b.  XII5,2. 

5)  Strab.  V  216  Plin.  III  115  VII  163  Phlegon  fr.  29,1.  2_Ptol.  III  1,42 
Steph.  Byz.;  Geogr.  Rav.  IV  33  Julia  Chrisopolis  quae  dicitur  Parma.  Dem 
kaiserlichen  Heer  liefert  sie  viel  weniger  Rekruten  als  Mutina  t-ph.  ep.  V  p.  25S. 

6)  Bull,  deir  Instituto  1844  p.  168. 


270  Kapitel  IV.     Die  Aemilia. 

Während  Mulina  verfiel,  wird  Parma  von  Paulus  zu  den  begüterten 
Städten  der  Aemilia  gezählt  i) ,  von  den  Byzantinern  Chrysopolis 
benannt. 

Der  Tarus  empfängt  in  seinem  Unterlauf  von  links  her  mehrere 
Zuflüsse  unter  denen  der  Sesterio  Stirone')  der  gröfste  ist.  Am 
rechten  Ufer  des  Stirone  15  Millien  von  Parma  erreicht  die  Via 
Aemilia  eine  nach  Ausweis  ihres  Namens  von  den  Römern  gegründete 
Stadt  Fidentia.  Der  Sieg  den  M.  LucuUus  hier  82  v.  Chr.  über 
die  Demokraten  unter  Garbo  erfocht,  hat  ihr  ein  Andenken  in  der 
Ueberlieferung  verschafl't."*)  Ihre  Feldmark  kann  nur  eine  geringe 
Ausdehnung  gehabt  haben.  Noch  unter  Vespasian  selbständig'*), 
ist  das  Gemeinwesen  wie  es  scheint  bald  darauf  aufgehoben  und 
als  vicus  Fidentiola  dem  benachbarten  Parma  einverleibt  worden.") 
Borgo  S.Donnino  nimmt  gegenwärtig  dessen  Stelle  ein.  —  10  Millien 
weiter  folgt  der  Ort  Florentia  oder  Florentiola  Fiorenzuola^)  an  der 
Arda.  Sodann  überschreitet  die  Strafse  den  Clenna  Chiavenna') 
und  dessen  Zuflufs  Rtgonus  Riglio®),  hierauf  den  Nure  Nure^)  und 
langt  endlich  40  Millien  von  Parma  bei  Placentia  Piacenza  an.  Da 
Ueberreste  von  Bauwerken  nicht  vorhanden  sind^o),  erinnert  allein 
der  regelmäfsige  Grundplan  an  die  alte  Römerfestung.  Ihr  Abstand 
von  der  Nure  im  Osten  beträgt  ungefähr  8,  von  der  Trebia  im  Westen  4, 
vom  Po  im  Norden  kaum  1  km.  Wir  wissen  nicht  ob  der  Po  sein 
altes  Bett  genau  bewahrt  hat,  doch  kann  der  Hafen  von  der  Stadt 
nicht  wesentlich  weiter  abgelegen  haben.  Der  Hafen  war  befestigt;  von 
ihm  aus   wurde   eine  ziemlich  lebhalte  Schiffahrt  betrieben. '')     Die 


1)  Paul.  h.  Lang.  II  18  IV  20.  28  Ammian  XXXI  9,4  Agathias  b.  Goth.  I  14  fg. 

2)  Der  Name  zuerst  bezeugt  Liudprand  antapod.  I  41  und  Acta  S.  S. 
zum  9.  October. 

3)  Liv.  LXXXVIII  Vell.  II  28,1  Plut.  Sulla  27,7  vgl.  Appian  b.  civ.  I  92. 

4)  Piin.  III  116  Phlegon  fr.  29,1   Ptol.  III  1,42. 

5)  It.  Anton.  99.  127  Hieros.  616  ;  It.  Ant.  288  Tab.  Peut.  Geogr.  Rav.  IV  33; 
CIL.  XI  p.  202. 

6)  It.  Gadit.  Anton.  288;  das  Deminutiv  Geogr.  Rav.  IV  33;  Hieros.  616 
7nansio  ad  Fonteclos;  CIL.  XI  p.  203. 

7)  Geogr.  Rav.  IV  36. 

8)  Tab.  Peut. 

9)  Geogr.  Rav.  IV  36. 

10)  Not.  d.  Scavi   1899  p.  124  über  den  Juppitertempel. 

11)  Liv.  XXI  57  Tac.  Bist.  II  17.  22  Appian  Kann.  7  Strab.  V  217  vgl. 
Plin.  III  119  Sidon.  Ap.  ep.  I  5,3  Cassiod.  var.  IV  45  Liudprand  bist.  Ott.  6 
antap.  VI  4. 


§  2.     Das  Binnenland.  271 

Stadt  (61  m)    liegt   an    einem    der   wichtigsten   Knotenpuncte    des 
italischen  Strafsennetzes:    einmal   endigt   hier   die  Via  Aemilia   und 
wird  jenseits   des  Po   (über   den    keine   Brücke  führte)    nordwärts 
über  Laus   nach  Mailand  (40  Millien  S.  191)    westwärts  über  Laus 
nach   Ticinum   (47  Mühen    S,  192)    fortgesetzt;    sodann  wird  diese 
Haupthnie  von    Nord  nach  Süd   durch   die  West    und  Ost,   Genua 
mit   Aquileia   verbindende    Via   Postumia   (S.  199)   geschnitten.   — 
Wir  haben  S.  158  den  Gang  der  Via  Postumia  von  Genua  bis  Iria 
Voghera  verfolgt.     7  Milben  weiter  in  Clastidium  Casteggio  (90  m) 
befinden  wir  uns  innerhalb   der  achten  Region    und   der  Feldmark 
Placentia's,  zu  welcher  dieser  Vicus  gehörte,  i)    Er  war  wie  die  Um- 
gegend von  Hause  aus  von  dem  Volk  der  Anamaren  bewohnt,  das 
223  V.  Chr.   die   römische  Partei   ergriff  (l  473  A.  2  477).     Unter 
seinen  Mauern  erfocht  M.  Marcellus  im  nächsten  Jahr  einen  glän- 
zenden von  Naevius  verherrlichten  Sieg.^)     Die  Römer   hatten  dort 
21.8  grofse  Getreidevorräte  aufgespeichert,  die  Hannibal  wegnahm. 3) 
Der    Ort   diente   ihm   nun   als   Stützpunct    in    dem   Winterfeldzug, 
der  mit  der  Schlacht  an  der  Trebia  abschlofs,  wurde  erst  197  von 
den  Römern  zurück  gewonnen  und  in  Brand  gesteckt.'*)    Bei  dieser 
Gelegenheit,  darf  man  annehmen,  erfolgte  seine  Zutheilung  an  Pla- 
centia.    Von  späteren  Schriftstellern  wird  er  kaum  noch  erwähnt  ^), 
auch  in  den  Reisebüchern  übergangen,   die  statt  seiner  16  Millien 
von  Iria,   25  von   Placentia   Comillomagus  Broni  (88  m)  nennen. 6) 
Immerhin  mufs  Clastidium    ziemlich   belebt  gewesen    sein :    es  liegt 
etwa  8  Millien  vom  Po  entfernt,  über  den  im  Altertum  eine  feste 
Brücke  nach  Ticinum  führte   (S.   190).     Die  Entfernung  Ticinums 
von  Placentia  betrug  auf  der  Via  Postumia  über  Clastidium  47  Millien: 
ebenso   viel   wie   über   Laus   am    nördlichen    Flufsufer.    —   Da  der 


1)  CIL.  V  p.  828. 

2)  Fast,  triumpli.  Gapit.  Pol.  II  34,5  Plut.  Marc.  6,3  Liv.  XXIX  11,14  Cic. 
Tusc.  IV  49  Val.  Max.  I  1,8  Varro  LL  VII  107  IX  78. 

3)  Pol.  III  69,1  Liv.  XXI  48,9  Nepos  Mann.  4. 

4)  Liv  XXXII  29.  31.  Die  neben  Clastidium  genannte  ligurische  Stadt 
Litubium  bringt  Cluver  p.  78  mit  den  lina  Retovina  Plin.  XIX  9  zusammen. 
Die  Lage  der  Gegend  ist  durcti  die  Nachbarschaft  von  Alagna  (S.  176)  bestimmt. 
Cluver  findet  den  Namen  in  Retorbido  (170  m)  S  von  Voghera  SW  von  Casteggio 
wieder:  was  in  der  That  recht  gut  pafst. 

5)  Strab.  V  217. 

6)  Tab.  Peut.  Cameliomagus  und  Comeli  jnagus ,  lt.  Ant.  288  Comillo- 
magus, CIL.  V  p.  827. 


272  Kapitel  IV.     Die  Aemilia. 

Ticirius  bei  seiner  EinmUnduog  in  den  Po  diesem  an  Wassermenge 
ziemlich  gleich  kommt  (1  187),  so  begreift  man  dafs  oberhalb  ihrer 
Vereinigung  der  gewiesene  Ort  für  den  üebergang  vom  nördlichen 
nach  dem  südlichen  l*oul'er  war.*)  Ihn  haben  die  Insubrer  222  v. 
Chr.  ausgesucht,  als  sie  sich  auf  ClasUdium  warfen  und  die  Rück- 
zugslinie der  Römer  nach  Genua  bedrohten.  Hier  schlug  218  v. 
Chr.  Hannibal  eine  Schiffbrücke,  nachdem  er  den  Consul  Scipio  zum 
Rückzug  nach  Placentia  gezwungen  hatte.  Die  späterhin  bei  Ticinum 
befindHche  stehende  Brücke  ermöglichte  539  n.  Chr.  den  Einfall  der 
Franken  in  die  Aemilia.  Heutigen  Tages  hören  am  Lambro  die 
Furten  im  Pobett  völlig  auf  (I  183).  Durch  die  Tiefe  des  Flusses 
war  Placentia  gegen  einen  Angriff  von  Norden  her  gut  geschützt. 
Ferner  war  es  im  Osten  durch  Cremona  gedeckt.  Dagegen  bot 
sich  von  Westen  eine  natürliche  Marsclilinie  für  den  Angreifer  dar. 
Bald  hinter  dem  oben  erwähnten  Ort  Comillomagus,  bei  Stradella 
treten  die  Hügel  des  Subappennin  bis  auf  3  km  an  den  Po  heran. 
Dann  wird  die  Ebene  wieder  breiler  und  erreicht  bei  Placentia  eine 
Ausdehnung  von  15  km  vom  Flufs  bis  an  den  Fufs  der  Hügel. 
Dies  flache  Schwemmland  ist  von  einer  Reihe  von  Bächen  durch- 
zogen, die  mit  ihren  Kiesmassen  tiefe  und  breite  Betten  ausge- 
waschen haben.  Der  bedeutendste  unter  ihnen  ist  die  Trebia 
Trebbia.2)  Die  früher  (I  188)  angeführten  Daten  kennzeichnen 
dies  Wild  Wasser:  die  Brücke  auf  welcher  die  heutige  der  Via  Postu- 
mia  entsprechende  Strafse  es  überschreitet,  mifst  425  m.  Das 
mehr  als  1  km  ausgebreitete  Flufsbelt  umschliefst  ebenso  wie  die 
benachbarten  Bäche  zahlreiche  mit  Buschwerk  bestandene  Werder, 
die  zum  Hinterhalt  vorzüglich  geeignet  sind.^)  Es  vermag  ein  feind- 
liches Heer  wegen  der  geringen  Wassermenge  nicht  aufzuhalten; 
doch  bietet  der  hohe  Uferrand  dem  Vertheidiger  unschätzbare  Vor- 
theile.  Die  Bewegungen  welche  dei'  blutigen  Niederlage  der  Römer 
im  December  218  v.  Chr.  vorausgingen,  sind  vollkommen  deutlich; 
auch  stimmen  die  Schlachtbeschreibungen  mit  der  Oerthchkeit  gut 


1)  Pol.  II  34,5  111  64,1  66,1  fg.  Liv.  XXI  45,1  fg.  47,2  fg.  Prokop  h.  Goth.II  ?5. 

2)  Pol.  111  67  fg.  Liv.  XXI  48  fg.  Appian  Kann.  6  Strab.  V  217  Plin.  III118 
Trebi'am  Placentirium  u.  a. 

3)  Liv.  XXI  54  erat  in  medio  rivus  pej-altis  utrimqiie  clausus  ripis  et 
circa  obsilus  palustribus  lierhis  et  quibus  incuUa  forme  vesliuntur,  virgultis 
vepribuxque,  vgl.  Pol.  lil  71,1. 


§  2.     Das  Binnenland.  273 

tiberein,  wenn  man  von  einem  vereinzelten  Irrtum  absieht.^)  Consul 
Scipio  hatte  Anfang  October  westlich  von  Placentia  (etwa  bei 
Stradella)  eine  Brücke  über  den  Po,  sodann  (etwa  bei  Pavia)  über 
den  Tessin  geschlagen  und  nach  dem  unglücklichen  Reitergefecht, 
dessen  Platz  auf  der  Karte  sich  nicht  näher  angeben  läfst  (S.  175), 
seinen  Rückzug  auf  das  südliche  Poufer  auf  dem  nämhchen  Wege 
bewerkstelligt.  Er  blieb  zunächst  in  ziemlicher  Entfernung  von 
Placentia  stehen,  um  die  Verbindung  mit  Clastidium  und  zugleich 
mit  Genua  offen  zu  halten,  mufste  aber  wiederum  weichen  und  über 
die  Trebia  zurück  gehen.  Er  bezog  jetzt  etwa  10  km  südlich  von 
Placentia  auf  den  Anhohen  am  rechten  Ufer  der  Trebia  ein  Lager, 
das  den  Anmarsch  gegen  die  Festung  zwar  frei  gab,  aber  die  offene 
Flanke  und  den  Rücken  des  Angreifers  bedrohte.  Von  hier  aus 
hat  sich  der  Verlauf  der  Dinge  in  übersichtlicher  Weise  abgespielt. 
Die  Anwohner  suchen  das  Schlachtfeld  bei  Campremoldo  und  den 
Hinterhalt  der  Karthager  in  einem  der  Betten  des  Lurettabaches. 
Im  Einzelnen  wolle  man  sich  daran  erinnern  dafs  alle  diese  Geröll- 
betten mannichfachen  Aenderungen  unterworfen  und  damals  weit 
schmäler  gewesen  sind  als  heut  zu  Tage.  In  den  Quellen  wird 
nicht  ausdrücklich  erwähnt  dafs  die  Abtheilung  des  römischen  Heeres 
welche  sich  nach  Placentia  durchschlug,  die  Trebia  durchschreiten 
mufste:  in  der  Nähe  der  Mündung  war  dieselbe  ohne  Schwierig- 
keit zu  durchwaten.  Ob  hier  eine  Holzbrücke  für  die  grofse  Strafse 
nach  Genua  und  Pavia  im  Jahre  218  sich  befand,  ist  nicht  zu  sagen; 
gab  es  eine  solche,  so  wird  sie  vor  der  Schlacht  von  den  Römern 
zerstört  worden  sein.  —  Während  die  Placentiner  Feldmark  nach 
Westen  das  34  Millien  entfernte  Clastidium  umfafst,  reicht  sie  im 
Osten  bis  Cremona  das  20  Millien  abliegt,  vielleicht  noch  weiter  am 
Po  entlang.  Desgleichen  scheint  ihre  Grenze  nach  Südost  an  der 
Via  Aemilia  jenseit  Florentia  (S.  270)  bei  20  oder  mehr  Millien 
Abstand  gewesen  zu  sein.  Somit  wird  sie  15 — 20  d.  D  M.  ebenes 
Land  enthalten  haben,  von  dem  freihch  Sümpfe  einen  guten  Theil 
einnahmen. 2}  Dazu  kam  ein  Saum  der  subappenninischen  Hügel, 
dessen  Ausdehnung  wir  wenigstens  an  einer  Stelle  bestimmen  können. 


1)  Liv.  XXI  56,8  läfst  die  Besatzung  des  römischen  Lagers  nach  der 
Schlacht  auf  Fiöfsen  die  Trebia  überschreiten  um  nach  Placentia  zu  gelangen : 
eine  arge  Flüchtigkeit  die  bei  den  neueren  Gelehrten  viele  Verwirrung  ange- 
stiftet hat. 

2)  Strab.  V  217  Liv.  XXXIV  48. 

Nissen,  Ital.  Landeskunde.    II.  18 


274  Kapitel  IV.     Die  Aemilia. 

Im  Thal  der  Trebia  20  Millien  aufwärts  sliefs  das  Gebiet  von  Pla- 
cenlia  an  dasjenige  von  Veleia.  Hier  lag  bei  Travo  oder  Travi 
(171  ni),  vermutlich  an  der  Stelle  der  berühmten  Kirche  S.  Maria 
di  Travi,  ein  gefeiertes  Heiligtum  der  Minerva  memor  oder  medica 
Cabardiacensis,  wie  sie  in  den  Weihinschriften  heifst.i)  Das  Beiwort 
das  auch  in  einem  fundus  Cabardiacus  begegnet-),  hat  sich  in  dem 
heutigen  Caverzago  erhalten.  Die  veleiatische  Alimentartafel  nennt 
als  zu  IMacentia  gehörend  die  pagi  Apollmaris  Briagontinus  Cerialis 
Farraticanus  Herculanius  Julius  Mitiervius  Noviodunus  Sinnensis 
Yalentinus  Vercellensis  Yeronensis.  während  Salutaris  Valerius  Vene- 
rius  von  der  Grenze  beider  Städte  durchschnitten  wurden.  Der  Kreis 
Piacenza  mit  seinen  1623  Qkm  ist  ungleich  dichter  bevölkert  als 
im  Altertum  (S.   108). 

Immerhin  entspricht  der  Ausdehnung  der  Feldmark  die  Wich- 
tigkeit der  Stadt.  Sie  ist  218  v.  Chr.  gemeinschaftlich  mit  Cremona, 
aber  nicht  wie  diese  an  einem  von  Kellen  bewohnten  Ort  (S.  199), 
sondern  nach  Ausweis  ihres  Namens  von  Grund  aus  neu  angelegt 
worden. 3)  Zur  Beherrschung  des  Polaufs  bestimmt  und  mit  6000 
Ansiedlern  (darunter  200  Reitern)  ausgestaltet,  hatte  sie  alsbald  die 
Angrille  Hannibals  und  Hadrubals  sowie  der  mit  ihnen  verbündeten 
Kelten  auszuhalten  4),  wurde  schliefslich  200  v.  Chr.  von  den  letzteren 
genommen  und  zerstört. &)  Sie  erhob  sich  schnell  wieder  aus  ihrer 
Asche,  hatte  indessen  in  den  drei  ersten  Jahrzehnten  ihres  Bestehens 
die  volle  Hälfte  ihrer  Einwohnerschaft  eingebüfst,  so  dafs  190  v.  Chr. 
eine  aufserordentliche  Ergänzung  nötig  wurde. ^)  Mit  dem  Bau  der 
Via  Aemilia  und  der  Sicherung  des  Friedens  beginnt  ein  entschie- 
dener Aufschwung:  die  Bürgerschaft  nimmt  Gallier  in  ihre  Mitte 
auf)  und  stellt  Vertreter  zur  lateinischen  Litteratur.^)  Das  Jahr 
90  brachte  ihr  das  römische  Bürgerrecht  und  die  Zutheilung  zur 
Tribus  Voturia.^)   Im  Bürgerkrieg  87  fiel  Placentia  den  Demokraten 


1)  CIL.  XI  p.  253. 

2)  CIL.  XI  1147.  2,48. 

3)  Pol.   III   40   Liv.   XX   XXI    25   Ascon.   Pis.   2  Kiefs.   Vell.  I    14  Plaut. 
Caplivi  162. 

4)  Pol.  III  66.  74  Liv.  XXI  56.  57.  59.  63  XXVII  10.  39.  43  Appian.  Kann. 
5.  7  Plin.  VII   105. 

5)  Liv.  XXXI  10.21. 

6)  Liv.  XXVIII  11  XXXIV  22.  56  XXXVII  46.  47  vgl.  XLI  1  XLIV  40. 

7)  Cic.  in  Pis.  53.  67  Ascon.  Pis.  3. 

8)  Cic.  Brut.  172  Quintilian  I  5,12.  9)  CIL.  XI  p.  242. 


§  2.     Das  Binnenland.  275 

in  die  Hände  •),  die  fünf  Jahr  später  bei  Fidentia  von  Luculi  ge- 
schlagen wurden  (S,  270).  Es  verwandte  sich  für  den  verbannten 
Cicero  2)  und  ward  von  den  Märschen  der  caesarischen  Truppen  oft 
berührt. 3)  Augustus  machte  es  zur  Colonie  und  damit  zur  Stütze 
seiner  Macht.*)  Der  Glanz  der  Stadt  wird  mehrfach  erwähnt 5): 
als  das  Amphitheater  vor  den  Thoren  bei  den  Kämpfen  zwischen 
Otho  und  Vitellius  69  n.  Chr.  in  Flammen  aufging,  meinte  man 
neidische  Nachbarn  hätten  es  angezündet,  weil  ganz  Italien  kein 
Gebäude  gleicher  Gröfse  aufzuweisen  habe.  6)  Die  spätere  Kriegs- 
geschichte bietet  gleichfalls  Anlafs  genug  des  Namens  zu  gedenken: 
hier  schlug  Aurelian  271  mit  den  Marcomannen/);  hier  ward 
Orestes  476  auf  Odoakers  Befehl  enthauptet 8);  die  starke  Festung 
mufste  sich  546  den  Gothen  ergeben. 9)  Zeitweise  verfallen,  wird 
sie  unter  den  Langobarden  zu  den  ansehnhchen  Städten  der  Aemiha 
gerechnet.  lOj 

Von  den  Gemeinden  im  Gebirg  haben  mehrere  ihre  Unab- 
hängigkeit bewahrt  und  werden  als  selbständige  Verwaltungskörper 
fortgeführt.  Plinius  erwähnt  unter  den  Hgurischen  Stämmen  die 
Veleiates^  unter  den  Municipien  der  achten  Region  dieVeletatescognomine 
veteri  RegiatesJ^)  Darnach  scheint  ein  Theil  des  Stammes  mit  dem 
nämlichen  Beinamen  den  wir  bei  Forum  Lepidi  kennen  lernten 
(S.  267),  als  eigenes  Gemeinwesen  eingerichtet  und  der  Tribus 
Galeria  zugetheilt  worden  zu  sein.  Desselben  geschieht  nur  noch 
bei  der  Volkszählung  Vespasians  Erwähnung,  wegen  der  vielen  alten 
Leute  die  sich  hier  vorfanden.  Erst  als  1747  in  der  Nähe  von 
Macinesso   am  rechten  Ufer  der  Chiavenna  oder  wie  sie  im  Ober- 


1)  Val.  Max.  IV  7,5  VI  2,10  App.  b.  civ.  I  92. 

2)  Cic.  in  Pis.  fr.  3. 

3)  Cic.  ad  Qu.  fr.  II  13,1  ad  Att.  VI  9,5  Suet.  Gaes.  69  App.  b.  civ.  II  47.48 
Dio  XLI  26  XLVIII  10. 

4)  Plin.  III  115  Tac.  Hist.  II  19  coloniam  virium  et  opum  validam 
CIL.  XI  1217.  Es  ist  im  Heer  vertreten  Eph.  ep.  V  p.  256,  aber  schwächer  als 
Cremona  Mutina  und  Bononia. 

5)  Streb.  V  216.  17  Plin.  VI  218  VII  163  VllI  144  Tac.  Ann.  XV  47  Phlegon 
fr.  29  It.  Gadit.  Ant.  98.  127.  288  Hier.  616  Tab.  Peut. 

6)  Tac.  Hist.  11  21.  36.  49. 

7)  vita  Aur.  21  Hist.  misc.  X  35.  — 

8)  An.  Vales.  37  Hist.  misc.  XVI  10  Ennod.  p.  356  Hartel. 

9)  Prokop  b.  Golh.  III  13.  16. 

10)  Ambros.  Ep.  1  39  Paul.  h.  Lang.  II  18  IV  51  V  39. 

11)  Plin.  m  47.  116  Vn  163  Phlegon  fr.  29  CIL.  XI  p.  204. 

18* 


276  Kapitel  IV.     Die  Aemilia. 

lauf  heifst  Chero,  etwa  35  km  südlich  von  Placentia  die  Alimentar- 
tafel  entdeckt  wurde,  tauchte  der  Name  von  Veleia  aus  der  Ver- 
gessenheit auf.  Diese  gröfste  aller  beschriebenen  Erztafeln  des 
Altertums  (1,38  X  2,86  m)  enthält  das  Verzeichnifs  der  für  ein 
kaiserliches  Darlehen  zum  zehnten  Theil  ihres  Wertes  verpfändeten 
Güter  aus  den  Gemarkungen  von  Veleia  Libarna  (S.  158),  Placentia 
Parma  und  Luca  (S.  288).  Traian  hat  zuerst  (vor  102  n.  Chr.) 
72000,  dann  aber  (nach  102  und  vor  113 n.Chr.)  1  044 000 Sesterzen 
hergegeben,  die  mit  5  vom  Hundert  verzinst  zum  Unterhalt  von  im 
(ianzen  266  Knaben  und  36  Mädchen  dienen  sollten:  jene  erhalten 
16  diese  12  Seslerz  monatlich;  unter  der  Zahl  befinden  sich  je  ein 
unehelicher  Knabe  und  Mädchen  die  12  bez.  10  Sesterz  bekommen. 
Das  Vorhandensein  ähnlicher  Stiftungen  am  Ort  wird  durch  Bruch- 
stücke von  Erztafeln  erwiesen.  Von  ihrer  Zweckbestimmung  war 
S.  129  die  Rede,  desgleichen  S.  94  von  den  Aufschlüssen  über 
die  Bildung  von  Latifundien,  die  wir  der  umfangreichen  Urkunde 
verdanken.  Aufserdem  aber  enthält  sie  eine  wahre  Fülle  von  Orts- 
angaben, u.  a.  die  Namen  von  32  pagi.  Die  zu  Placentia  gehörigen 
wurden  S.  274  aufgeführt;  veleiatisch  sind  Albensis  (an  der  Grenze 
von  Libarna  und  Luca)  Ambitrebius  (an  der  oberen  Trebia)  Bagiennus 
Dianius  Domitius  Floreivs  Junonius  Laras  Medutius  Moninas  (theil- 
weise  hbarnisch)  Salvius  (theilweise  parmensisch)  Salutaris  (theil- 
weise  placentinisch)  Slatiellus  Sulcus  Valerius  (theilweise  placentinisch) 
Velleius  Venerius  (theilweise  placentinisch).  Der  Versuch  die  Gaue 
nebst  12  Vici  und  reichlich  500  Gutsbezeichnungen  topographisch 
fest  zu  legen  bietet  geringe  Aussichten  auf  Erfolg,  würde  auch 
wenn  dies  anders  wäre,  die  Aufgabe  dieses  Handbuchs  überschreiten. i) 
—  Die  Auffindung  der  Alimentartafel  gab  den  Anstofs  zu  Aus- 
grabungen 1760 — 65  die  das  Museum  von  Parma  mit  reichem  In- 
halt anfüllten,  später  oftmals  (zuletzt  1876)  ohne  wesentUche  Aus- 
beute wieder  aufgenommen  worden  sind.  Sie  gewähren  ein  anschau- 
liches Bild  von  der  Stadtanlage,  welche  die  Ligurer  etwa  im  letzten 
vorchristlichen  Jahrhundert  als  Mittelpunct  ihres  Gemeinwesens  nach 
allen  Regeln  der  Kunst  geschaffen  haben. 2)  Das  Forum  ist  nach 
Vitruvs   Vorschrift  anderthalb   mal   so  lang  als  breit  (30  X  20  m), 

1)  Die  neuere  Litteratur   führt  Bormann  CIL.  XI  p.  219  an  und  beurtheilt 
sie  p.  222  in  gleichem  Sinne. 

2)  Giov.  Antolini,    le    rovine    di  Veleia    misurate    e    disegnate    2  p.  fol. 
Milano  1819.  22. 


§  2.     Das  Binnenlantl.  277 

mit  Statuen  geschmückt,  von  einem  Tempel  einer  Basilica  und  an- 
deren öffentlichen  Gebäuden  eingefafst.  Freilich  zeigt  die  Kleinheit 
der  Verhältnisse,  die  ungefähr  ein  Achtel  derjenigen  von  Pompeji 
betragen,  dafs  für  die  freie  Entfaltung  von  Handel  und  Verkehr  in 
diesen  Bergen  keine  Stätte  war.  Das  älteste  datirle  Denkmal  ist 
die  49  v.  Chr.  oder  bald  nachher  erlassene  Gerichtsordnung  für 
Oberitalien  (S.  8),  das  jüngste  eine  Inschrift  von  276  n.  Chr. 
Der  Untergang  des  Ortes  wird  herkömmlich  auf  einen  Bergsturz 
zurückgeführt  (I  297);  die  Richtigkeit  der  Annahme  ist  neuerdings 
bestritten  worden. i) 

In  ähnlicher  Weise  wie  die  Veleiaten  sind  andere  Gemeinden 
nach  den  augustischen  Censuslisten  als  Saltus  Galliani  qui  cognomi- 
nantur  Äquinates  zu  einem  Municipium  vereinigt  worden.'^)  Die 
Lage  ist  unbekannt;  dafs  sie  im  Gebirg  zu  suchen  sei,  beweist  der 
Name.  Das  Gleiche  gilt  von  den  Solonates  die  wir  im  Süden  dieser 
Region  in  der  Nähe  von  Ariminum  und  Sassina  ansetzen  müssen^): 
der  zwischen  beiden  Städten  gelegene  Ort  Sogliano  den  man  in 
Vorschlag  gebracht  hat,  pafst  recht  gut. 


1)  Not.  d.  Scavi  1876  p.  98  1877  p.  158  mit  Plan. 

2)  Plin.  III  116. 

3)  Plin.  III  116  CIL.  XI  414. 


KAPITEL  V. 


Etriirien. 

Das  Volk  der  Etrusker  hat  der  siebenten  Region  den  Namen 
verliehen.  Der  Name  Rasenna  den  das  Volk  sich  selbst  beilegte, 
ist  verschollen');  den  italischen  Anwohnern  (1496)  hiefs  es  Tusci 
Etrusci.  Während  die  Römer  beide  Formen  gleichmäfsig  neben  ein- 
ander verwenden,  wird  für  das  Land  ausschliefslich  die  Bezeichnung 
Etruria  gebraucht,  die  Bezeichnung  Tuscia  geradezu  verpünt.2)  Aber 
am  Ausgang  des  zweiten  Jahrhunderts  n.  Chr.  ist  die  letztere  aus 
dem  Volksmund  in  die  amtliche  Sprache  eingedrungen  3),  greift  auch 
in  der  Litteratur  um  sich  ■*)  und  verdrängt  am  Ausgang  des  Alter- 
tums das  classische  Etruria  völlig.^)  Den  wechselnden  politischen 
Verhältnissen  des  Mittelalters  angepafst,  ist  sodann  Tuscien  auf  das 
heutige  Toscana  beschränkt  worden.  Augustus  hatte  ihm  weitere 
Grenzen  gesteckt.  Die  Macra  trennt  die  siebente  Region  von 
Ligurien,  der  Appennin  von  der  Aemilia,  der  Tiber  von  Umbrien 
der  Sabina  und  Latium.  Sie  umfafst  das  heutige  Toscana  (24 104Dkm) 
ganz,  ferner  Theile  des  heutigen  Ligurien  (Sarzana)  Umbrien  (Perugia) 
und  Latium  (Civitavecchia  Viterbo).  Sie  steht  mit  31000  Dkm 
560  d.  DM.  Flächeninhalt  der  Transpadana  ungefähr  gleich.  —  Der 
in  bedeutender  Höhe  nach  Südost  streichende  Appennin  schützt  das 
Land  gegen  die  Rauheit  des  Nordens  (I  379);  die  ihn  begleitenden 


1)  Allein  bezeugt  durch  Dion.  H.  I  30. 

2)  Serv.  V.  Aen.  X  164  Isidor  XIV  4,32. 

3)  Aeltesle  Beispiele  CIL  XI  2106  XIV  2922  III  1464. 

4)  Varro  LL.  V  32  hat  Scaliger  Tuscia  in  Tusci  verbessert.  Zuerst  findet 
eich  Tuscia  unter  Claudius  bei  Scrib.  Larg.  med.  comp.  146,  sodann  Flor.  I  5,5 
Tertull.  Apol.  40,  Ammian  XXI  \.,\.Q  Etruria  nach  alten  Quellen,  5,12  und  sonst 
von  seiner  Zeit  Tuscia;  Eutrop.  I  11  111  9  VII  3. 

5)  Paul.  h.  Lang.  11 '20  f^aleriae  pars  occidua  quae  ab  urbe  Roma  initium. 
capit,  olim  ab  Elruscorum  populo  Etruria  dicta  est. 


Etrurien.  279 

Züge  des  Antiappennin  (I  232  fg.)  bewirken  dafs  die  Halbinsel  bier 
ibre  grofste  Breite  von  3ü  d.  M.  und  darüber  erreicbt.  Aber  eine 
natürlicbe  Einheit  feblt  durcbaiis.  Vier  Hauptabscbnitte  sind  zu 
unterscbeiden.  Die  Abbänge  des  Appennin  mit  dem  Tbal  des  Arnus 
stellten  eine  Grenzmark  dar  die  sich  grofstentbeils  in  liguriscben 
Händen  befand:  die  Etrusker  vermocbten  allein  von  Faesulae  und 
Arretium  aus  die  binüenländiscben  Verbindungen  mit  ihren  Stammes- 
genossen in  Felsina  und  Mutiua  zu  behaupten.  Die  Einsenkungen 
des  Arnus-  und  Clanisthals  umscbliefsen  im  Norden  und  Osten  das 
toscanische  Hügelland  mit  seinen  Metallschätzen  (I  233),  welches 
im  Süden  an  das  in  weit  jüngerer  Epoche  durch  vulkanische 
Thätigkeit  entstandene  Tafelland  (I  254)  anstöfst.  Der  vulkanische 
Theil,  durch  gröfsere  Fruchtbarkeit  des  Bodens  und  übersichtliche 
Gestaltung  vor  seinem  Nachbar  ausgezeichnet,  hat  den  Alten  als  die 
Wiege  der  etruskischen  Cultur  gegolten,  ist  jedenfalls  der  wichtigste 
Sitz  der  etruskischen  Macht  gewesen ,  deren  Verwicklung  mit  der 
Geschichte  Roms  einen  erhöhten  Reiz  ausübt.  Immerbin  zerfällt 
dieser  Theil  in  zwei  gesonderte  Abschnitte,  das  Tolfagebirge  und 
der  ciminische  Wald  bilden  die  Grenze.  Die  Landschaft  welche 
sich  von  den  genannten  Bergzügen  nach  dem  Tiber  hin  abdacht 
(1  259),  ist  den  etruskischen  Waffen  nie  vollständig  erlegen,  von  den 
Römern  als  Weichbild  ihrer  Stadt  mit  Recht  betrachtet  und  früh- 
zeitig erobert  worden.  —  Die  Censuslisten  weisen  dieser  Region 
49  selbständige  Verwaltungskorper  zu,  von  denen  nach  Abzug  der 
römischen  Gründungen  einige  dreifsig  auf  etruskischen  Ursprung 
zurückgeben.  Das  angrenzende  ümbrien  enthält  ebenso  viele  Ge- 
meinden und  doch  nur  ein  Drittel  der  Bodenfläche.  Aber  mit 
gutem  Grund  haben  alte  Gelehrte  Tvqoi]voI  als  die  Städtebauer  er- 
klärt i);  denn  die  Etrusker  haben,  wie  die  S.  37  gegebene  Ueber- 
sicht  lehrt,  Grofsstädle  geschaffen  und  die  Landschaften  diesen  unter- 
stellt. Aehnlich  wie  bei  den  loniern  in  Kleinasien  nahm  ein  Bund 
von  zwölf  Städten  die  Leitung  der  Nation  in  Anspruch  2);  dessen 
Vertreter  kamen  beim  Tempel  der  Voltumna  im  Gebiet  von  Volsinii 
zur  Beschlufsfassung  über  Bundeskriege  und  gemeinsame  Ange- 
legenheiten  zusammen.     Das  Fest   und    die  Messe  welche  mit  der- 


1)  Dion.  H.  I  26.  30,  während  Ttisci  von  d-vaiv  abgeleitet  wird  Plin.  III50 
und  die  S.  278  A.  2  angeführten  Stellen. 

2)  Dion.  H.  VI  75    TvQQTjviav  anaaav  eis  dcöSexa  vsrs/xrjfievrjv  rjyefiovias, 
Liv.  18  IV  23  V  1.  33. 


280  Kapitel  V.     Etrurien. 

artigen  Vereinen  gewöhnlich  verbunden  waren,  bestanden  noch  im 
4.  Jahrhundert  nach  Chr.,  aber  die  Zahl  der  theilnehmenden  Städte 
war  in  der  Kaiserzeil  auf  fünfzehn,  vielleicht  in  Folge  der  Scheidung 
von  Arreliuni  in  drei,  von  Clusium  in  zwei  Gemeinden  erhöht 
worden.')  Mit  Wahrscheinlichkeit  kann  für  die  Epoche  der  Unab- 
hängigkeit die  Liste  der  zwölf  berechtigten  folgender  Mafsen  bestimmt 
werden :  Arrelinm  -)  Caere  3)  Chtsium  ^)  Cortona  ■')  Perusia  ^)  Rusellae ') 
Veii^)  Vetulontum^)  Fo/«'**)  VoJaterrae^^)  Volsinii^'^)  Tarquinii  i^). 
Ihre  geographische  Anordnung  ist  beachtenswert.  Die  eine  Reihe 
liegt  im  Bereich  der  Küste:  Volaterrae  Rusellae  Vetulonium  Volci 
Tarquinii  Caere,  die  zweite  im  Bereich  des  Clanis:  Arretium  Cortona 
Clusium  Vülsinii  (Orvieto)  und  Tiber:  Perusia  Veji,  während  das 
innere  Hügelland  vergleichsweise  wenige,  auf  weiten  Strecken  gar 
keine  Ueberreste  etruskischer  Cultur  zu  Tage  fördert.  Mit  der  ver- 
einzelten Ausnahme  von  Perusia  sind  alle  diese  Stadtgebiete  der 
Malaria  entweder  noch  jetzt  verfallen  oder  erst  seit  dem  18.  Jahr- 
hundert (I  299)  entrissen  worden.  Wie  sehr  haben  die  Lebens- 
bedingungen des  Landes  sich  verändert!  Mit  zäher  Kraft  hatten 
Umbrer  und  Etrusker  in  unvordenklichen  Zeiten  die  Niederungen 
bemeistert  deren  fetter  Boden  fünfzehnfaltigen  Weizen  trug,  i^) 
Toscana   wird   von   den  Alten    als  Kornland    betrachtet  i^),   Wälder 


1)  An  der  Spitze  des  Festveibandes  steht  ein  Praetor  und  Aedil  CIL.  XI 
2116.  3364.  3257,  praetor  Elruriae  XV  yopulorum  2114.  2699.  In  der  späteren 
Kaiserzeit  nahm  Umbrien  an  der  Feier  Theil  CIL.  XI  5265.  83. 

2)  Liv.  IX  37  a.  308  Perusia  et  Cortona  et  Arretium  .  .  ferme  capita 
Etruriae  populorum  ea  tempestate  erant  Diod.  XX  35  Dion.  H.  III  51. 

3)  Herod.  1  167. 

4)  Liv.  II  9  Dion.  H.  III  51  V  21. 

5)  Liv.  IX  37  Diod.  XX  35. 

6)  Appian  b.  civ.  V  49  nennt  es  ausdrücklich  eine  der  Zwölfstädte 
vgl.  A.  2. 

7)  Dion.  H.  III  51. 

8)  Liv.  V  1  Dion.  H.  IX  18. 

9)  CIL.  XI  3609  Dion.  H.  III  51. 

10)  CIL.  XI  3609. 

11)  Dion.  H.  III  51. 

12)  Liv.  X  37  Etruriae  capita  Folsinii  Perusia  Arretium  Val.  Max.  IX  l 
ext.  2  Plin.  11  139. 

13)  CIL.  XI  3609. 

14)  Varro  RR.  I  9.  44.  Plin.  XVIII  66  vgl.  Golum.  II  6  Strab.  V  226. 

15)  Diod.  V  40,3  Liv.  II  34  IV  12  XXVIII  45. 


Etrurien.  281 

nahmen  die  Stelle  der  heutigen  Wein-  nnd  Oelgärten  ein.^)  Durch 
Ackerbau  sind  die  Etrusker  grofs  geworden  -),  ihre  Sage  läfst  Tages 
den  Schopfer  der  Cullur  durch  den  Pflug  ans  Licht  gezaubert 
werden.  Freilich  würde  die  Fruchtbarkeit  des  Bodens  ihnen  nicht 
diejenige  Bedeutung  verschafft  haben,  welche  sie  für  die  Entwicklung 
Italiens  beanspruchen.  Solche  wird  vielmehr  zunächst  den  unter- 
irdischen Bodenschätzen  verdankt.  Auf  dem  Bergbau  der  später 
beschrieben  werden  soll,  beruhte  der  grofsarlige  Aufschwung 
von  Gewerbe  und  Handel  der  die  Schrift  mit  so  vielen  anderen 
Elementen  der  Gesittung  verbreitet  hat. 

Die  Ursachen  welche  den  Zusammenbruch  der  etruskischen 
Macht  veranlafsten ,  liegen  klar  zu  Tage.  Dem  Stammland  fehlte 
die  beherrschende  Mitte;  statt  einträchtig  gegen  Rom  und  die  Kelten 
zusammen  zu  halten  gingen  Ost  und  West  ihre  eigenen  Wege. 
Das  Beispiel  der  Hellenen  in  Lydien  wie  in  Lucanien  lehrte  dafs 
ein  Städtebund  gegen  die  nachhaltige  Kraft  eines  freien  Bauern- 
volks einen  schweren  Stand  hat.  Im  Altertum  beforderten  Handel 
und  Gewerbe  aller  Orten  das  Wachstum  der  Sklaverei,  bei  den 
Etruskern  bot  kein  freier  Bauernstand  das  erforderhche  Gegen- 
gewicht, herrschte  ausschhefslich  der  Adel  und  bewirtschaftete  seine 
Güter  mit  umbrischen  Leibeigenen  (I  499).  Daraus  entsprang  die 
mihtärische  Schwäche  der  >'ation:  225  v.  Chr.  betrug  der  vereinigte 
Landsturm  der  Etrusker  und  Sabiner  nicht  mehr  als  4000  Reiter 
und  50  000  Mann  zu  Fufs^);  auf  der  ganzen  Halbinsel  stand  die 
W'ehrkraft  nirgends  so  lief  wie  hier  (S.  106).  Unter  den  Fittichen 
Roms  ergab  sich  die  Nation  jenem  früher  (I  501)  geschilderten 
Stillleben,  das  nur  gelegentlich  durch  einen  Sklavenaufstand  gestört 
wurde. 4)  Nachdem  Rom  die  Grenzwacht  im  Norden  übernommen 
hatte,  ging  der  Grofshaudel  in  dessen  Hände  über;  die  Eroberung 
Sardiniens  und  Spaniens  entwertete  die  Bergwerke  der  Maremmen. 
Als  Tiberius  Gracchus  137  v.  Chr.  diesen  Strich  durchreiste,  waren 
Hirten  wie  Ackersleute  lauter  aus  der  Fremde  eingeführte  Knechte, 
rief  die  Einöde   den  Plan    der   socialen  Reform   in    seiner  jungen 


1)  Strab.  V  222  Liv.  XXVIIl  45.     Oelbau    wird   nicht   erwähnt,    Weinbau 
Dion.  H.  1  37  Plin.  XIV  67  Athen.  XV  702 b. 

2)  Verg.  Georg.  II  533  sie  foriis  Etruria  crevit. 

3)  Polyb.  II  24,5. 

4)  Bürgerkrieg  in  Arretium  301   Liv.  X  3,   in  Volsinii  265  Zonar.  VIII  7, 
Sklavenaufstand  196  Liv.  XXXIII  36. 


282  Kapitel  V.     Etruiitn. 

Seele  wach.')  Die  Eriheiluag  des  Bürgerrechts  89  v.  Chr.  leitete 
die  vollige  Latitiisirung  des  Landes  ein  (1  495) ,  aber  der  nach- 
folgende Bürgerkrieg  schlug  ihm  entsetzliche  Wunden,  Die  demo- 
kratische Sache  ist  in  Etrurien  am  hartnäckigsten  verlheidigt,  die 
Umwälzung  der  Besitzverhältnisse  durch  den  siegreichen  Sulla  am 
gründlichsten  betrieben  worden,  die  Schilderhebung  Catihna's  fand 
hier  63  v.  Chr.  geeigneten  Boden.^)  Mit  der  Monarchie  hebt  eine 
Nachblüte  an.  Freilich  gestattete  die  veränderte  Weltlage  nicht  die 
grofse  Vergangenheit  früher  Jahrhunderte  ins  Leben  zurück  zu 
rufen,  die  Sklaverei  bleibt  in  voller  Härte  bestehen  (S.  118),  in 
ihrem  Gefolge  schleicht  die  Malaria  geräuschlos  heran  um  von  den 
Stätten  die  eine  alte  Cultur  künden,  dauernd  Besitz  zu  ergreifen.  — 
Die  Beschreibung  ist,  wie  oben  angedeutet  ward,  in  5  Theile  ge- 
gliedert.3) 

§  1.    Die  N  ordmark. 

Der  Zug  nach  Norden  welchen  die  italische  Geschichte  im 
Grofsen  offenbart,  wiederholt  sich  im  Kleinen  an  Etrurien.  Der 
Arno  ist  seit  dem  Mittelalter  die  Lebensader  Toscana's,  bildete  da- 
gegen in  den  letzten  vorchristlichen  Jahrhunderten  dessen  politische 
Grenze  (I  71)  und  Schutzwehr  (I  303).  Ehedem  als  sie  auf  der 
Hohe  ihrer  Macht  standen,  hatten  die  Etrusker  darüber  hinaus  ge- 
griffen und  ebenso  wie  die  nordlichen  Abhänge  des  Appennin  bei 


1)  Plut.  Tib.  Gr.  8,7. 

2)  Sali.  28,4  56  Cic.  in  Cat.  11  20 fg. 

3)  Slrab.  V  219-227  zum  Theii  als  Augenzeuge,  Plin.  III  50—52,  Plol.  III 
1,4.  43.  CIL.  XI  (Bormann)  p.  258-594.  C.  I.  Etrusc.  ed.  C.  Pauli  (und 
A.  Danielsson)  Lips.  1893  fg.  (bis  jetzt  9  Hefte  und  4737  Nummern).  —  Tar- 
gioni  Tozzetti,  Relazioni  d'  alcuni  viaggi  fatti  in  diverse  parli  della  Tos- 
cana  per  osservare  le  produzioni  natural!  e  gli  antichi  monumenti  dl  essa 
11  vol.  ed.  2  Fir.  1768  fg.  E.  Repetti ,  Dizionario  geografico  fisico  storico 
della  Toscana  6  vol.  Fir.  1833  fg.  Micali,  Italia  avanti  il  dominio  dei 
Bomani  Fir.  1810  und  Storia  degli  antichi  popoli  Italiani  3  vol.  mit  Atlas 
Fir.  1832.  L.  Canina,  L'antica  Etruria  marittima,  2  vol.  fol.,  Roma  1846.51. 
George  Dennis,  Tlie  cities  and  cemeteries  of  Etruria  2  vol.  (1848)  3  ed. 
London  1883.  Noel  Des  Vergers,  1'  Etrurie  et  les  Etrusques  2  vol.  Paris  1865. 
0.  Müller  s.  I  493  A.  11.  —  Die  italienische  Generalstabskarle  stellt  diese  Region 
dar  auf  Bl.  95—98.  104-107.  111—114.  119  —  122.  126—130.  135  —  137. 
142—144.  149.  150.  Im  Anschlufs  daran  war  vor  Jahren  eine  archaeologische 
Fundkarte  Etruriens  von  der  Generaldirection  der  Ausgrabungen  in  Angriff  ge- 
nommen worden. 


§  1.     Die  Nordmark.  *     '  283 

Parma  Modena  Bologna  (S.  262)  auch  die  südlichen  besetzt:  der 
Golf  von  Spezia  (S.  147)  und  die  Küstenebene  zwischen  Macra  und 
Arno  waren  einst  in  ihren  Händen. i)  Aber  der  ligurische  Stamm 
dev  Apuani  hat  ihnen  den  Besitz  wieder  entrissen  2):  die  etruskische 
Cullur  konnte  in  dem  ganzen  Gebiet  so  wenig  tiefe  Wurzeln  schlagen 
dafs  einzig  und  allein  eine  Inschrift  aus  dem  Thal  der  Vara  (I  303) 
von  ihr  Zeugnifs  ablegt.^)  In  der  That  hat  erst  das  Schwert  der 
Römer  eine  dauernde  Herrschaft  begründet,  ^^achdem  sie  sich 
während  der  punischen  Kriege  am  Golf  von  Spezia  eingenistet  und 
180  V.  Chr.  47000  Apuaner  nach  Samniura  abgeführt  hatten, 
gründeten  sie  177  die  Bürgercolonie  Luna.*)  Die  der  Tribus 
Galeria  angehörenden  Ansiedler  waren  2000  Mann  stark  und  er- 
hielten Jeder  5IV2  Juchert  zugewiesen.  Um  25  750  ha  Ackerland 
zu  beschaffen  mufste  die  Feldflur  weithin  an  der  Küste  ausgedehnt 
werden;  da  diese  durch  die  andauernden  Ueberfälle  der  Bergbe- 
wohner zu  leiden  halte  und  sich  vermuthch  in  arg  verwüstetem 
Zustand  befand,  konnten  Grenzstreitigkeiten  mit  den  Pisanern  ent- 
springen, deren  Austrag  168  v.  Chr.  den  römischen  Senat  beschäf- 
tigte. In  den  ersten  Jahrzehnten  ihres  Bestehens  hat  die  Colonie 
den  Feind  oft  auf  ihren  Fluren  gesehen:  eine  erhaltene  Inschrift 
ist  dem  Consul  Marcellus  geweiht  der  155  v.  Chr.  einen  Triumph 
über  die  Apuaner  feierte.^)  Die  geschichtlichen  Verhältnisse  er- 
klären die  Wahl  des  Orts  die  von  den  Römern  für  ihre  Ansiedlung 
getroffen  wurde.  Sie  führt  den  Mond  im  Stadtwappen  und  ist  nach 
der  sichelförmigen  Gestalt  des  Golfs  von  Spezia  benannt.**)  INichis- 
destoweniger  ist  sie  durch  einen  Bergrücken  der  im  ■promunturium 
Lunae  Punta  Bianca  '^)  ausläuft,  und  eine  Entfernung  von  8  km  dem 
Golf  entrückt.  Am  linken  Ufer  des  Macra  (I  303)  3  km  von  dessen 
Mündung  gelegen  beherrschte  Luna  (4  m)  das  ganze  Stromgebiet, 
namenthch  auch  die  nach  Parma  und  Reggio  hinüber  leitenden 
Pässe  (I  231).     Wie  der  Augenschein  lehrt,  als  Zwingburg  des  Ge- 


1)  Liv.  XLl  13. 

2)  Liv.  XXXIX  2.  20  XL  1.  38.  41  Triumphalfasten  d.  J.  599  u.  c. 

3)  Fabretti  Gl  It.  101. 

4)  Liv.  XLI  13  CIL.  XI  p.  258fg.     C.  Promis,    Memoiie    dell'  antica   cittä 
di  Luni,  Turin  1839,  2.  Ausg.  Massa  1857. 

5)  Liv.  XXXIV  56  XLI  19  XLIII  9  XLV  13  CIL.  XI  1339. 

6)  Martial  XllI  30  SchoL  Pers.  6,1  Rutil.  II  64. 

7)  Ptol.  111  1,4. 


284  •  Kapliel  V.     Etrurien. 

birgs  gegrüodet,  ist  sie  mit  dem  Namen  des  bekämpften  Volkes  so 
eng  verwaclisen  dafs  die  Umgegend  vielfach  auch  dann  noch  als 
ligurisch  bezeichnet  wird,  seitdem  sie  durch  Augustus  politisch  mit 
Etrurien  vereinigt  war.')  Sie  hat  ihre  Bestimmung  den  Frieden  im 
Gebirge  heimisch  zu  machen  erfüllt  und  tritt  fortab  weniger  in  der 
Ueberlieferung  hervor,  als  man  ohnehin  zu  erwarten  geneigt  wäre. 2) 
Luna  heifst  in  den  Berichten  der  Kaiserzeit  eine  kleine  oder  gar 
verlassene  Stadt. 3)  Die  1 — 2  m  unter  der  heutigen  Oberfläche  be- 
findlichen Ueberreste,  ein  Amphitheater  (Arena  63  X  37  m)  und 
Theater,  die  aus  der  Epoche  des  Augustus  der  Antonine  und  Dio- 
cletians  gefundenen  Münzen  bekunden  zwar  einen  gewissen  Wol- 
stand.  Allein  die  Vorbedingungen  für  eine  kräftige  Entfaltung 
städtischen  Lebens  fehlten:  der  grofse  Landverkehr  nach  Norden 
und  Westen  mied  die  unbequeme  KUstenstrafse  (S.  145),  in  unmittel- 
barer Nähe  der  Stadt  war  kein  Hafen  für  die  Verschiffung  der 
wertvollen  Bodenerzeugnisse  vorhanden.  Und  wenn  Rutilius  den 
Marmorglanz  ihrer  Mauern  preist,  so  strafen  die  Ausgrabungen  den 
Dichter  Lügen;  denn  durchweg  ist  ein  gewohnlicher  brauner  Bruch- 
stein verwandt.  Nach  mehrfacher  Heimsuchung  durch  Langobarden 
Saraceuen  und  Normannen  siechte  Luna  langsam  dahin,  bis  die 
Malaria  im  13.  Jahrhundert  die  Üebertragung  des  Bischofsitzes  nach 
dem  5  km  entfernten  Sarzana  und  die  Verödung  der  Stätte  ver- 
anlafste.4) 

Die  Feldmark  umfafste  soviel  wir  sehen  das  Stromgebiet  der 
Macra  nebst  der  Küste  etwa  bis  Pietrasanta,  d.  h.  einen  Flächen- 
inhalt von  30 — 40  d.  D  M,  Ihre  Ausdehnung  lockte  die  Triumvirn 
zur  Ansiedlung  von  Veteranen  s):  in  Folge  dessen  nennen  sich  die 
Bürger  in  der  Kaiserzeit  Colonisten,  ihre  Vorsteher  Duovirn;  auf 
einer  Inschrift  heifst  der  Triumvir  Octavian  Patron.  Als  Allein- 
herrscher jedoch  hat  Augustus  Luna  nicht  zu  seinen  Colonien  ge- 
rechnet: in  der  Censusliste  steht  es  als  Municipium.^)  Die  Berg- 
weiden ernährten  zahlreiche  Herden :  die  mit  dem  Mond  gestempelten 


1)  Mela  II  72  Juvenal  3,257  Stat.  Silv.  IV  3,99. 

2)  Obseq.  22.  27.  43  Plin.  III  50  VI  217  Ptol.  111  1,4  Serv.  V.  Aen.  VIU  720 
Paul.  h.  Lang.  IV  45. 

3)  Strab.  V  222  Lucan  I  586  desertae  moenia  Lunae, 

4)  Dante  Paradiso  XVI  73. 

5)  Feldmesser  223  CIL.  XI  1330.  31  fg. 

6)  Plin.  III  50. 


§  1.     Die  Nordmark.  285 

Käse  fielen  diircli  ihre  Gröfse  auf  dem  römischen  Markt  in  die 
Augen,  da  einzelne  Laihe  tausend  Pfund  (327  kg)  wogen. i)  Auf 
den  Vorbergen  wurde  der  beste  Wein  in  ganz  Etrurien  gebaut. 2) 
Aber  seinen  Weltruf  verdankte  Luna  dem  Marmor.  Die  Apuaner 
Alpen  sind  vermöge  ihrer  W'ildheit  der  Cultur  spät  erschlossen 
worden  (I  232):  ein  sprechender  Beweis  hierfür  liegt  in  dem  Um- 
stand dafs  kein  Stück  carrarischen  Marmors  in  einem  etruskischen 
Grabe  gefunden  wird.  Als  die  römischen  Grofsen  im  letzten  Jahr- 
hundert V.  Chr.  anfingen  ihre  Paläste  mit  marmornen  Säulen  und 
Wandtafeln  zu  schmücken,  hat  man  diese  Bezugsquelle  entdeckt  die 
durch  gröfsere  Nähe  den  Vorzug  vor  Africa  und  Griechenland  ver- 
diente: um  50  V.  Chr.  wird  zum  ersten  Male  ihre  Verwendung  be- 
zeugt. 3)  Mit  der  Monarchie  steigt  der  Verbrauch  in  gewaltigem 
Umfang,  und  wenn  Augustus  sich  rühmen  konnte  Rom  aus  einer 
Lehm-  in  eine  Marmorstadt  umgewandelt  zu  haben,  so  haben  ihm 
die  Brüche  von  Luna  die  Mittel  dazu  gewährt.  ,, Brüche  von 
weifsem  und  bläulichem  Stein  —  schreibt  Strabo  —  die  Quadern 
und  Säulen  aus  einem  Stück  liefern ,  sind  in  solcher  Menge  und 
Ausdehnung  vorhanden,  dafs  die  meisten  hervorragenden  Bauten  in 
Rom  und  anderen  Städten  von  hier  das  Material  beziehen;  denn 
der  Stein  läfst  sich  auch  leicht  ausführen,  da  die  Brüche  oberhalb 
in  der  Nähe  des  Meeres  liegen,  vom  Meer  aus  aber  der  Tiber  die 
Zufuhr  vermittelt."  Von  den  beiden  unterschiedenen  Arten  ist  der 
weifse  oder  Statuenmarmor  später  zur  allgemeinen  Anerkennung 
gelangt,  als  der  gewöhnliche  der  einen  Stich  ins  BläuHche  zeigt.  Erst 
seitdem  in  der  Zeit  des  Plinius  Gänge  aufgeschlossen  wurden  deren 
Glanz  den  parischen  übertraf,  erringt  derselbe  in  der  bildenden 
Kunst  jene  Herrschaft  die  er  noch  immer  behauptet:  der  Apollo 
von  Belvedere  ist  aus  ihm  gearbeitet.  Dafs  Italien  und  manche 
Provinzen  aus  Luna  Marmor  bezogen,  berichten  die  Schriftsteller*) 
und  noch  deutlicher  die  Denkmäler  selbst.  Juvenal  hat  so  Unrecht 
nicht  wenn  er  ligurische  Berge  durch  Rom  schleppen  läfst,  enthält 
doch  allein  die  Grabpyramide  des  Cestius  2300  Cubikmeter  dieses 
Gesteins      Das   Pantheon   ist  der  älteste  erhaltene  Bau  an  dem  es 


1)  Fun.  XI  241  Marlial  XIII  30. 

2)  Plin.  XIV  68  CIL.  IV  2599  fg.  Lun(ense)  vet(us). 

3)  Plin.  XXXVI  48.  135   vgl.    14.     Bruzza,  Ann.  dell'  Inst.  d.  corr.  arch. 
1870  p.  166  fg. 

4)  Strab.  V  222  Serv.  V.  Aen.  VIII  720  Suet.  Nero  50  Sil.  It.  VJII  480  Juvenal 
3,257  Stat.  Silv.  IV  2,29  3,99. 


286  Kapitel  V.     Etrurien, 

verwandt  wurde.     Weiter  begegnet  lunensischer  Marmor  am  Tempel 
der  Concordia  und  auf  dem  Palatin,  vor  allem  aber  auf  dem  Forum 
Traians:  das  Gewicht  der  aus  demselben  gebildeten  Säule  berechnet 
Promis    zu    28295  Centner.      In    der   Epoche    von   Vespasian    bis 
Commodus   steht    die   Nachfrage    auf   der   Hübe;    unter   Septimius 
Severus   wendet  sich   der    Geschmack   bunten  Steinarten    des  Aus- 
landes zu,  seit  Constantin  wird  der  Bedarf  durch  Zerstörung  älterer 
Bauwerke  befriedigt.  —    Den  plötzlichen  Abbruch  der  Arbeiten  in 
den  Bergen  Luna's  kündeten  die  vielen  Säulen  und  Blöcke  an,  die 
nach  Biondo's  Angabe  im  15.  Jahrhundert  herrenlos  umher  lagen, 
da  Jeder   die  Kosten    des  Transports   scheute.     Der   Marmor  wird 
heutigen  Tages  im  Thal  der  Avenza  an  Carrara  und  Avenza  vorbei 
an  den  Strand  hinabgeschleift  und  hier  verschifft:   anders  kann  es 
im  Altertum  nicht  gewesen  sein;    der  Name  des  Flüfschen  Aventia 
steht  auch  auf  der  Peutingerschen  Karte.    Die  Ausbeute  beschränkte 
sich  indefs  auf   einen  kleinen  Theil   der  verfügbaren  Naturschätze. 
Die  auf  der  Insel  Palmaria  und   im  ganzen  Umkreis  des  Golfs  von 
Spezia   vorhandenen    Adern    sind   von    den   Römern   unberührt  ge- 
hliehen.    Nachweisbar    wurden    hauptsächlich   die  vier  Gruben  von 
Poggio  Domizio,  del  Polvaccio,  Canal  grande  und  Fanti  scritti  aus- 
gebeutet, von  denen    die  beiden  erstgenannten  Statuenmarmor,  die 
beiden    anderen   gewöhnlichen    Marmor  Ueferten.      Die   Werkzeuge 
und  das  Vorgehen  der  Alten  weicht  von  dem  heutigen  nicht  wesent- 
lich ab,  nur  dafs  jene  die  fehlenden  Sprengstoffe  durch  bedeutende 
Vermehrung   der  Menschenkraft   ersetzen   mufsten.     Da    ferner  die 
Ausfuhr   aus  Carrara    in    der  Kaiserzeit   die  gegenwärtige  vielleicht 
übertrifft,  so  wird  die  Zahl  der  damals  in  den  Gruben  beschäftigten 
Arbeiter  hinter   der  heuligen  Ziffer   von  6000  gewifs  nicht  zurück 
geblieben  sein.     Auch  das  Sägen  Schleifen  Aushauen  der  Marmor- 
blöcke das  fast  ganz  Carrara    und   zum  guten  Theil  die  Umgegend 
bis  Massa    und    Serravezza   hinunter   beschäftigt,    ist   nach  Ausweis 
unvollendeter  Statuen    und  Bauglieder   geradeso   an  Ort  und  Stelle 
betrieben  worden  wie  heute.    Das  Volk  von  Steinmetzen  und  Berg- 
leuten das  in  diesen  Thalschluchten  zusammengepfercht  war,  bestand 
begreiflicher  Weise  aus  Sklaven,  denen  man  eine  bescheidene  Selbst- 
verwaltung gönnte.     Die  Gruben  sind  aus  dem  Privatbesitz  dem  sie 
nach  Ausweis  der  Inschriften  ursprünglich  angehörten,  in  llavischer 
Epoche  wenigstens  zum  Theil  an  den  Fiscus  übergegangen. i) 

Ij  OIL.  XI  1 3 19.  20.  27.  56  VI  8484.  85. 


§  1.     Die  Nordmark.  287 

Die   109  V.  Chr.    von    Aemilius  Scaurus  erbaute    Kilstenstrafse 

verbindet  Luna    mit    dem  35  Millien   entfernten  Pisa.     Dazwischen 

liegen  die  Stationen   Taberna  frigida  ^)  bei  Massa  und  Fossae  Papi- 

rianae-)  bei  Viareggio.    Südlich  von  diesem  Ort  ziehen  sich  sumpfige 

Niederungen  (Lago  di  MassaciucoH)  nach  dem  Arno  hin :  der  Name 

bewahrt  das  Andenken  an   einen  Canal   der  während  der  Republik 

wir   wissen    nicht    wann    zur   Entwässerung    der   Gegend   angelegt 

wurde.   —   Zum   Schutz    der  Nordmark    führten    die   Römer    eine 

33  Millien    lange   Strafse    von   Luna    nach    Luca  3);    das    halbwegs 

zwischen    beiden    Colonien    befindliche   Forum   Clodii   kündet   den 

Namen  des  Erbauers  der  vielleicht  für  den  Sieger  des  Jahres  155 

v.  Chr.  (S.  283)  gehalten  werden  darf.    Der  Flecken  wird  allein  von 

der  Peutingerschen  Karte  erwähnt,  ist  auch  nicht  durch  Denkmäler 

nachgewiesen;  jedoch  fehlt  das  Recht  an  seinem  Dasein  zu  zweifeln. 

—  In   demselben   Jahr  177  v.  Chr.  wo  Luna   eine  Bürger-,  erhielt 

Luca    eine   latiniscbe  Colonie.^)     Die   Lage   beider  Festungen   zeigt 

eine  bemerkenswerthe  Aehnlichkeit:  wie  jenes  den  Lauf  der  Macra, 

beherrsrht   dieses   den   Lauf  des  Ausar  Serchio   (I  306).     Es  liegt 

(16  m)  am  linken  Ufer  bei  dem  Austritt  des  Flusses  in  die  Ebene. 

Die  Wichtigkeit   welche   es  in  den  Augen  der  Alten  hatte,  leuchtet 

sofort  aus  dem  Reisebuch  ein   das  nicht  weniger  als  fünf  Strafsen 

von  hier  ausgehen  läfst^):    1.  nach  Pisa  14  Millien;  2.  nach  Luna 

33  Millien;  3.  nach  Parma  100  Millien;  4.  nach  Faventia  120  Millien; 

5.  nach  Rom  239  Millien.    In  Wirklichkeit  sind  es  nur  drei;  denn 

4  und  5  laufen  bis  Florenz  zusammen  und  die  Strafse  nach  Parma 

bat  über  Luna    und    den  Cisapafs  (S.  269)  geführt. 6)      Aber  trotz 

dieser  Einschränkung  bleibt  Luca  ein  Kreuzpunct  in  den  nordsUd- 

lichen   und   westüstlichen   Verbindungen    der   Halbinsel.     Die  erste 

Erwähnung  stammt  aus  dem  Jahr  218,  als  Consul  Sempronius  seinen 

1 )  Tab.  Peut.  Geogr.  Rav.  IV  32  V  2. 

2)  Ptol.  III  1,43  Tab.  Peut.  Geogr.  Rav.  IV  32  V  2,  Papiriana  It.  Anl.  293. 

3)  It.  Ant.  289  Tab.  Peut. 

4)  Vell.  I  15  Liv.  XL  43.  Durch  die  Namensähnlichkeit  verführt  hat 
Velleius  die  eine,  Livius  die  andere  Colonie  ausgelassen,  wie  Bormann  CIL.  XI 
p.  295  richtig  ausführt. 

5)  lt.  Ant.  283.  284.  289  Tab.  Peut.  Geogr.  Rav.  IV  36. 

6)  So  sehr  auch  die  Appenninstrafsen  noch  der  Aufhellung  durch  topo- 
graphische Specialstudien  bedürfen,  scheint  eine  andere  Deutung  kaum  möglich, 
da  der  Weg  durch  das  Thal  des  Serchio  und  den  Pafs  von  Sassalbo  das  an- 
gegebene Mafs  erheblich  übersteigt. 


288  Kapitel  V.     Etrurien. 

Rückzug  von  Placentia  hierhin  richtete. i)  Der  Ort  scheint  zu  Pisa 
gehört  zu  haben  und  180  für  die  Gründung  einer  lalinischen  Colonie 
abgetreten  worden  zu  sein.  Diese  erhielt  89  Bürgerrecht  und  damit 
Aufnahme  unter  die  Municipien^),  verbHeb  aber  aufserhalb  der  Grenze 
Italiens  (I  76).  Die  Zusammenkunft  welche  die  Triumvirn  56  in 
ihr  abhielten,  brachte  die  Stadt  in  Aller  Mund. 3)  Der  Umstand  dafs 
Caesar  sie  zum  Winterquartier  auswählte  sowie  dafs  sein  Sohn  sie 
den  Veteranen  zweier  Legionen  überwies  (S.  32),  beweist  genugsam 
ihre  Blüte.  Luca  heifsl  seitdem  Colonie  und  gehört  zur  fabischen 
Tribus.4)  In  der  UeberHeferung  wird  endlich  noch  der  tapferen 
Vertheidigung  aus  dem  Gothenkrieg  553  n.  Chr.  gegen  Narses  ge- 
dacht. 5)  Das  heutige  Lucca  bewahrt  Ueberreste  eines  Theaters  und 
eines  grofsen  Amphitheaters  aus  der  ersten  Kaiserzeit  (124x96  m 
Arena  80X53  m):  das  letztere  ein  mächtiger  Steinbau  lag  aufser- 
halb  der  Thore.  In  den  Kirchen  sind  antike  Säulen  in  grofser  Zahl 
vorhanden  als  sprechender  Beweis  für  die  glänzende  Entfaltung  des 
städtischen  Lebens.  Auch  ist  in  dem  Grundplan  die  römische  An- 
lage noch  kenntlich :  sie  bildet  ein  regelmäfsiges  Rechteck  (von  an- 
nähernd 800  X  1200  m)  mit  zwei  in  rechtem  Winkel  sich  schneidenden 
Haupt-  und  entsprechenden  Nebenstrafsen ;  die  Mitte  nimmt  das 
Forum  die  Piazza  S.  Michele  ein.  —  Das  Stadtgebiet  hat  an  Um- 
fang demjenigen  Luna's  schwerlich  nachgestanden:  es  umschlofs 
die  Niederungen  zwischen  den  Monti  Pisani  und  dem  M.  Albano 
(I  305)  und  das  Thal  des  Ausar  nebst  den  angrenzenden  Bergzügen. 
Nach  der  Alimentartafel  besafs  die  Gemeinde  aufserdem  Weiden  in 
der  Gegend  von  Veleia  (S.  276):  diese  müssen  indefs  eine  abge- 
sonderte Enclave  gebildet  haben,  weil  es  ganz  undenkbar  ist  dafs 
die  Feldflur  sich  zusammenhängend  über  den  Kamm  des  Appennin 
120  km  von  der  Stadt  nach  Norden  erstreckt  haben  sollte. 

Seit  177  V.  Chr.  fiel  die  Grenzwacht  gegen  die  Ligurer  den 
Colonien  Luna  und  Luca  zu,  vordem  der  alten  Stadt  Pisae.^)  Sie 
bildet  das  Gegenstück  zu  Ariminum:  wie  in  den  Annalen  das  öst- 
liche Armeecommando  provinda  Gallia  oder  Ariminum,   heifst  das 

1)  Liv.  XXI  59. 

2)  Fest.  127  Cic.  Fam.  XIFI 13. 

3)  Cic.  Fam.  1  9,9  Suet.  Caes.  24  Plut.  Caes.  21  Grass.  14  Pomp.  51. 

4)  Plin.  III  50   VI  217  Ptol.  III   1,43  Strab.  V  222  CIL.  VI  1460  XI  p.  296. 

5)  Agathias  I  12  fg. 

6)  Targioni  Tozetti  a.  0.  11   1  fg.  IX  271  fg.  CIL.  XI  p.  273. 


§  1.     Die  Nordmark.  289 

westliche  provincia  Lignres  oder  Pisae  (I  74).  Die  natürliche  Festig- 
keit des  Platzes  leuchtet  dem  Besucher  nach  den  grofsen  durch  die 
Thätigkeit  der  Flüsse  und  der  Menschen  bewirkten  Veränderungen 
nicht  ohne  Weiteres  ein.  Er  lag  am  rechten  Ufer  des  Arno  an 
der  Stelle  der  jetzigen  Altstadt  (3  m).  Freilich  sind  die  Bauten  der 
Romer  durch  die  ruhmreiche  Entwicklung  des  mittelalterlichen  Frei- 
staats hinweg  gefegt  worden:  doch  sieht  man  noch  Reste  von 
Thermen  bei  dem  nach  Lucca  führenden  Thor,  Reste  eines  Tempels 
im  Archivio  del  Duomo;  die  Umgebung  der  Piazza  de'  Cavalieri  auf 
alten  Fundamenten  ruhend  entspricht  genau  den  Aufsenmauern  eines 
Theaters,  das  in  den  Hauptplatz  der  mittelalterlichen  Stadt  umge- 
wandelt ward.  Aber  während  diese  nur  durch  eine  Mauer  geschützt 
ist,  war  die  alte  Stadt  an  drei  Seiten  vom  Arno  und  Serchio  um- 
flossen und  entbehrte  nur  nach  Osten  des  natürlichen  Schutzes. i) 
So  schildert  es  Rutilius: 

Alpheae  veterem  contemplor  originis  urbem 

quam  cingnnt  geminis  Arnus  et  Ausur  aqiiis; 
comim  pyramidis  coeuntia  ßumina  dncunt, 

intratur  niodico  frons  patefacta  solo: 
sed  proprium  retinet  commnni  in  gurgite  nomen 

et  pontum  solus  scilicet  Arnus  adit. 
Märchenhafte  Kunde  drang  über  den  Zusammenflufs  zu  den 
Hellenen:  in  solch'er  Wildheit  sollten  die  Ströme  aufeinander  stofsen 
und  solche  Schaummassen  aufwirbeln  dafs  man  nicht  vom  einen 
zum  anderen  Ufer  hinüber  sehen  könne.  In  Wirklichkeit  war  die 
Marsch  durch  die  der  Arno  in  drei  Armen  ausmündete,  von  Ueber- 
schwemmungen  bedroht  und  der  Plan  den  Ausar  abzuleiten ,  wie 
er  seit  dem  12.  Jahrhundert  8  km  nördlich  von  Pisa  sein  eigenes 
Bette  bewahrt,  den  Alten  nicht  unbekannt.  Die  Anschwemmung 
hat  im  Lauf  unserer  Zeitrechnung  den  Boden  erhobt  und  um  6  km 
gegen  das  Meer  hin  vorgeschoben  (I  306).  Greifen  wir  zwei  Jahr- 
tausende zurück,  so  war  Pisa  auf  einer  4  km  langen  Flufsfahrt  von 
der  See  zu  erreichen  und  bot  ein  Bild  ähnlicher  Festigkeit  und 
ähnlicher  Lebensbedingungen  wie  wir  im  Podelta  kennen  gelernt 
haben.  Unter  Augustus  führt  es  Weizenmehl  von  hervorragender 
Güte,  Speltgraupeu,  Wein,  Marmor  aus  den  Monti  Pisani,  Bauholz 


1)  Rutil.  I  565  Strab.  V  222  (Arist.)  de  mirab.  ausc.  92  Plin.  III  50. 

Nissen,  Ital.  Landeskunde.    11.  19 


290  Kapitel  V.    Etrurien. 

für  Rom  und  dessen  Villen  ausJ)  Der  Verkehr  folgte  damals  nicht 
dem  kürzesten  sondern  dem  südlichsten  12  km  langen  Arm  des 
Arno,  Der  Portus  Pisanns  hefand  sich  noch  im  Mittelalter  nördlich 
VCD  Livorno  bei  der  Kirche  S.  Stefano  und  ist  inzwischen  völlig 
verlandet. 2)  Ein  Meilenstein  der  ihn  mit  der  Stadt  verbindenden 
Nebenstrafse  ist  bei  S.  Pietro  in  Grado  3),  an  Ort  und  Stelle  aufser 
anderen  Ueberresten  eine  Anzahl  römischer  Inschriften  aufgefunden 
worden.  Rulilius  beschreibt  den  Hafen  als  ganz  offen  und  nur 
durch  Bänke  von  Seetang  gegen  den  Anprall  der  Wogen  geschirmt. 
Er  erwähnt  ferner  eine  daran  stofsende  Villa  Triturrita  deren  Bau- 
grund dem  Meere  abgewonnen  war;  dieselbe  hat  als  Turrita^woh  auf  der 
Reisekarte  Aufnahme  gefunden.  Aufser  der  Hafenstrafse  liefen  solche 
von  Luna  (S.287)  Luca  (S.  287)  Florenz  (S.  292)  und  Rom  (S.  299)  in 
Pisa  ein.  —  An  dem  Punct  wo  das  ganze  180  d.  Geviertmeilen 
grofse  Stromgebiet  mit  dem  Meer  in  Verbindung  trat,  mufste  früh 
eine  Ansiedlung  entstehen  und  aufblühen.  Welchem  Volk  dieselbe 
ihren  Ursprung  verdankte,  läfst  sich  nicht  sagen.  Der  alle  Cato 
bekannte  seine  Unwissenheit 4);  die  Uebereinstimmung  des  Namens 
mit  dem  elischen  Pisa  verlockte  die  Griechen  in  verschiedener  Weise 
die  Gründung  mit  ihrer  mythischen  Geschichte  zu  verflechten. s) 
Die  griechischen  Vasen  alten  Stils  welche  in  den  Gräbern  gefunden 
wurden,  lehren  dafs  der  Verkehr  mit  Hellas  hoch  hinauf  reicht. 6) 
„Die  Stadt  —  schreibt  Strabo  —  scheint  einst  vom  Glück  begünstigt 
gewesen  zu  sein,  hat  auch  jetzt  noch  Ruf  wegen  ihrer  Feldl'rüchte 
Steinbrüche  nnd  Bauhölzer.  Das  Holz  verwandten  sie  in  alten 
Zeiten  für  ihre  Flotte;  denn  sie  waren  streitbarer  als  die  Elrusker, 
dazu  nötigte  die  schlechte  Nachbarschaft  der  Ligurer  aus  nächster 
Nähe."  Pisa  für  etruskisch  zu  erklären  oder  gar  den  Zwölfstädten 
zuzurechnen,  wie  oft  geschieht,  gestatten  weder  die  Denkmäler  noch 
die  Geschichtschreiber.     Nach   der   älteren  Ueberlieferung   liegt   es 


1)  Strab.  V  223  Plin.  XIV  39  XVIII  86fg.  109;    CIL.  XI  1415  marmorari, 
1436  collegium  fabruyti  navalium  Pisanorum. 

2)  Cic.  ad  Qu.  fr.  II  5,3  It.  marit.  501  Tab.  Peut.  Rutil.  I  531  Claudian  b.  Gild. 
483  CIL.  XI  p.  293. 

3)  CiL.  XI  6665. 

4)  Cato  Or.  II  13  Jord.  Dion.  H.  I  20  schreibt  sie  den  Pelasgerii  zu. 

5)  Lykophr.  AI.  1241.  1359  Verg.   Aen.  X  179  dazu   Serv.  Strab.  V  222 
Justin  XX  1,11  Plin.  III  50  Rutil.  I  565  Claudian  b.  Gild.  483. 

6)  Bull,  deir  Inst.  1849  p.  22. 


§  1.     Die  Nordmark.  291 

in  Ligurieni),  nach  der  späteren  in  Etrurien.2)  Wenn  seine  Er- 
oberung durch  die  Etrusker  gemeldet  wird  3),  so  hat  solche  ebenso 
wenig  Bestand  gehabt  wie  deren  Herrschaft  am  Busen  von  Luna; 
denn  weder  wird  Pisa's  Name  in  den  Bundeskriegen  mit  Rom  er- 
wähnt, Docli  sein  Gebiet  von  der  italischen  Grenze  umschlossen 
(1  71).  Seit  wann  Pisa  mit  Rom  verbündet  war,  wissen  wir  nicht: 
im  Zeitalter  der  punischen  Kriege,  zuerst  im  Jahre  225  erscheint 
der  Hafen  als  wichtiger  Stützpunct  für  maritime  Unternehmungen.^} 
In  der  ersten  Hälfte  des  zweiten  Jahrhunderts  verheerten  die  Ligurer 
oftmals  die  Fluren,  bedrohten  sogar  gelegentlich  die  Mauern  der 
Stadt.»)  Die  römischen  Waffen  gewährten  zwar  wirksamen  Schutz, 
aber  auf  Kosten  bedeutender  Gebietsabtretungen  für  die  Colonien 
in  Luna  und  Luca.  Damit  ist  die  selbständige  Rolle  Pisa's  in  der 
alten  Geschichte  ausgespielt.  Es  wird  eine  behäbige  Landstadt,  er- 
hält 89  V.  Chr.  mit  dem  Bürgerrecht  Aufnahme  in  die  Tribus  Galeria, 
durch  Augustus  eine  Colonie.^)  Die  Beschlüsse  welche  die  colonia 
Opsequens  Julia  Pisana  zu  Ehren  von  dessen  Söhnen ,  ihren  ver- 
storbenen Patronen  L.  und  C.  Caesar  gefafst  hat,  eröffnen  einen 
Einbhck  in  die  Verhältnisse  dieses  blühenden  Gemeinwesens.') 
Seine  Feldmark  reichte  etwa  70  km  bis  zum  Grenzflufs  Eine  an  der 
Küste  hin  ohne  doch  sich  landeinwärts  entsprechend  auszudehnen. 
Gegen  Luca  stellten  die  Monti  Pisani  eine  natürliche  Scheidewand 
dar. 8)  Am  westlichen  Fufs  befinden  sich  die  aquae  Pisanae  die 
Bäder  von  S.  Giuliano  (10  m).^)  Nach  Ausweis  der  Inschriften  lag 
eine  Ortschaft  bei  S.  Pietro  in  Grado:  diese  alte  Kirche  wird  von 
der  Tradition  mit  einem  Hafen,  vermutlich  also  einer  der  drei 
Mündungen  des  Arno  in  Verbindung  gebracht. 

Wir  haben  am  Po  gesehen  dafs  die  älteren  Ansiedlungen  seine 
Ufer  meiden.  Die  gleiche  Erscheinung  wiederholt  sich  am  Arno: 
von  Pisa   aufwärts   ist  Florenz   die   einzige  Stadt   in    unmittelbarer 


1)  Justin  XX  1,11  (Arist.)  de  mirab.  ausc.  92  Lykophr.  AI.  1359. 

2)  Pol.  1116,2  Mela  II  72. 

3)  Lykophr.  AI.  1359  vgl.  Serv.  Veig.  Aen.  X  179. 

4)  Poi.I!  27,1  28,1  III  41,4  56,5  96,9  Liv.  XXI  39. 

5)  Liv.  XXXIII  43  XXXV  3  XXXIX  2  XL  17.  43  XLI  9  XLIII  11  XLV  13. 

6)  Fest.  127  Fun.  VII  181  Ptol.  III  1,43  Ciaudian  b.  Gild.  483  Agathias  1  11. 

7)  CIL.  XI 1420.  21. 

8)  Dante    Inferno    XXXIII     30    raonte,    per    che    i    Pisan    veder    Lucca 
non  ponno. 

9)  Plin.  II  227  CIL.  XI  1418. 

19* 


292  Kapitel  V.     Etrurien. 

Nähe  des  Stroms  und  Florenz  ist  von  den  Römern  gegründet. 
Die  Thalsohle  wird  aller  Orten  durch  den  abgelagerten  Schutt  den 
die  Gebirgsbäche  mit  sich  führen,  erhobt,  aber  es  bedarf  langer 
ungestörter  Arbeit  um  die  Wildwasser  zu  bändigen  und  die  Sümpfe 
auszutrocknen.  Als  Hannibal  217  in  Etrurien  einfiel,  brauchte  er 
4  Tage  und  3  Nächte  um  den  in  der  Lulllinie  35  km  langen  Marsch 
vom  Fuls  des  Appennin  bis  zu  den  Höhen  am  Arno  zurück  zu 
legen:  in  einen  so  grundlosen  Zustand  war  die  Florentiner  Ebene 
durch  die  Frühjahrsregen  versetzt  worden J)  Erst  nachdem  der 
Bauer  die  P'urcht  vor  den  Unholden  des  Gebirgs  verlernt  hatte, 
konnte  geduldige  Arbeit  Wandel  schalTen.^)  Die  Thalkessel  von 
Lucca  Pescia  und  Florenz  (I  305)  wurden  durch  die  Römer  für  die 
Cultur  erobert.  Freilich  deutet  das  s|)ärliche  Auftreten  römischer 
Inschriften  darauf  hin  dafs  sie  ihre  Blüte  erst  in  einer  jüngeren 
Epoche  entfalten  sollten.  —  Zwei  Strafsen  heutigen  Eisenbahnlinien 
entsprechend  erschliefsen  dies  Neuland,  indem  sie  von  Pisa  aus- 
laufen, in  Florenz  wieder  zusammen  treuen.  Die  kürzere  ist  123 
V.  Chr.  ausgebaut  worden. 3)  Ihren  Gang  kennen  wir  allein  aus  den 
unvollständigen  Angaben  der  Karten  4):  sie  mifst  75  km,  folgt  dem 
südlichen  Ufer  des  Arno  über  Yalvata  Cascina?  Inportti  (Emporium 
Empoli?)^)  und  geht  bei  der  Golfolina  15  km  von  Florenz  auf  das 
nördliche  Ufer  über.  Die  zweite  Strafse  verhält  sich  zur  ersten 
wie  der  Bogen  zur  Sehne.  Sie  führt  zunächst  von  Pisa  nach  dem 
14  Milben  entfernten  Luca  (S.  287);  erreicht  von  hier  über  die 
halbwegs  in  der  Gegend  von  Pescia  gelegene  Station  ad  Martis^) 
nach  25  Milben  Pistoriae  Pistoia  (65  m).^)  Trotz  der  überaus 
spärlichen  Funde  scheint  die  alte  Stadt  keine  andere  Stelle  als  die 
heutige  eingenommen  zu  haben.  Sie  liegt  am  Ombrone  dessen 
Name  vermutlich  aus  dem  Altertum  stammt  und  der  ebenso  wie  der 


1)  Pol.  m  79  Liv.  XXII  2,  dazu  meine  Ausführung  Rhein.  Mus.  XXII  574. 

2)  Liv.  XXXIX  2  unter  dem  J.  187  Iranslalum  ad  A/manos  Ligures 
bellum ,  qui  in  agruvi  Pisanum  Bononiensemquc  ita  incursaverant  ut  coli 
71071  passet. 

3)  CIL.  XI  6671. 

4)  Tab.  Peut.  Geogr.  Kav.  IV  36. 

5)  Die  Gleichung  rührt  von  Cluver  511  her. 

6)  Tab.  Peut.  Geogr.  Rav.  IV  36;  vom  lt.  Ant.  284.  285  übergangen. 

7)  Diese  Form  scheint  durch  die  Inschriften  bezeugt  CIL.  XI  p.  298.  Plin. 
111  52  Pisloriu?/!,  Ptol.  III  1,43  JJiaxcoQia,  It.  Ant,  284.  85  Pistures,  Tab.  Peut. 
Pistotns,  Geogr.  Rav.  IV  36  Pislurias. 


§  1.    Die  Nordmark.  293 

Bisemio  (Visentus 2)  den  Thalkessel  von  Florenz  durchströmt,  liegt 
ferner  am  Ausgang  der  bequemen  Strafse  welche  durch  das  Thal 
des  Reno  nach  Bologna  läuft  (S.  262).  Man  darf  annehmen  dafs 
in  diesem  Theil  des  Appennin  wie  am  Fufs  von  Hause  aus  um- 
brische  Stämme  safsen.  Das  Alter  des  Orts  erhellt  aus  dem  Scherz 
des  Plautus: 

multis  ei  muUigeneribus  opus  est  tibi 
militibus:  primumdum  opus  Pistoriensibust; 
eorum  aliquot  genera  sunt  Pistoriensium ; 
Paniceis  opus  est,  opus  Placentinis  quoque, 
opus  Tnrdetanis,  opus  est  Ficedulensibus. 
Die  Erklärung  des  Namens  als  Bäckersheim  mag  auf  sich  be- 
ruhen.     Eher    denken    wir   an    einen    umbrischen   Gau   der  seine 
Selbstverwaltung  dauernd  rettete  und  als  Municipium  in  den  Census- 
listen  steht.     Die  Stadt   wird    kaum   erwähnt')  aufser  bei  der  Ver- 
nichtung Calilina's  62  v.  Chr.     Dieser  Bandenführer  ward  bei  einem 
Versuch  den  üebergang  nach  Bologna  zu  gewinnen  von  zwei  Heeren 
der  Regierung  in  die  Mitte  gefafst,  da  Metellus  Celer  das  Thal  des 
Reno   besetzt   hielt,   Antonius  von   Süden   heranrückte.     Die   Ent- 
fernung von  Pistoia  nach  Florenz  geben  die  Reisebücher  derjenigen 
von  Luca  nach  Pistoia  gleich  zu  25  Millien  an  2);  die  heutige  Eisen- 
bahn rechnet  unbedeutend  weniger  34  km. 

Die  älteste  187  v.  Chr.  ausgebaute  Kunststrafse  zwischen  der 
Aemilia  und  Etrurien  umgeht  die  sumpfige  Niederung  und  hält  die 
gerade  Richtung  über  den  Pafs  la  Futa  und  die  Berge  des  Mugello 
ein  (S.  296).  Diese  Berge  im  M.  Giovi  979  m  ansteigend  scheiden 
das  Florentiner  Becken  von  dem  Thal  der  Sieve.  Wo  sie  nach 
Süden  gegen  den  Arno  abfallen,  thront  das  alte  Faesulae  Fiesole. 3) 
Die  Lage  ist  sehr  fest  4):  der  Stadthügel  erhebt  sich  etwa  150,  an 
seinem  höchsten  Punct  200  m  über  der  Thalsohle  und  besitzt  nach 
allen  Seiten  natürliche  Deckung,  die  stärkste  nach  Nordwesten  wo 
der  Mugnone  in  tiefer  Schlucht  sein  Bett  bereitet  hat.     Die  Mauer 


1)  Plaut.  Captivi  160  Sali,  Cat.  57  Ammian  XXVII  3,1  Priscian  IV  28. 

2)  It.  Ant.  284.  285  Tab.  Peut.  Geogr,  Rav.  IV  36. 

3)  Flor.  I  5.8  II  6,11  Obseq.  49.  51.  53  Plin.  MI  52  VII  60  Ptol.  III  1,43  Geogr. 
Rav.  IV  36  CIL.  XI  p.  298. 

4)  Prokop  b.  Goth.  II  24  ol  Se  .  .  noho^xoivres  tw  fiiv  TtsQtßöXco  ngoa- 
ßäXXeiv  rj  äyxtaxd  nov  avrov  Wvat  oiSafirj  el^ov  SvanQoaoSov  yao  rovro 
TiavTaxod'ev  to  ipgovQiov  tjv. 


294  Kapitel  V.     Etrurien. 

aus  hartem  Sandstein  (Macigno)  in  unregelmäfsiger  Quaderform 
errichtet,  steht  zum  Theil  und  läfst  sich  in  ihrem  ganzen  2570  m 
messenden  Umfang  verfolgen.  Sie  zeigt  annähernd  die  Gestalt  eines 
Trapez  dessen  Basis  (950  m)  dem  Appennin  in  gerader  Linie  zu- 
gekehrt ist,  während  die  Südseile  sich  dem  Abhang  anschmiegt.  Die 
Schmalseiten  messen  jede  gegen  400  m.  Die  Ecken  sind  nicht  ab- 
gerundet, Thürme  fehlen.  Der  umschlossene  Raum  von  35  ha  In- 
halt gliedert  sich  in  zwei  Kuppen  mit  verbindendem  Sattel  den  das 
ärmliche  Städtchen  der  Gegenwart  einnimmt.  Die  West- Kuppe 
(345  m)  trägt  ein  Franciscanerkloster  und  lockt  den  Besucher  durch 
ihre  Aussicht  an.  Sie  stellt  die  Arx  dar,  die  unerachtet  des  jähen 
Absturzes  nach  dem  Mugiione  stellenweise  durch  eine  dreifache 
Mauer  geschirmt  ist.  Unterhalb  des  Klosters  liegt  die  Kirche 
S.  Alessandro  mit  antiken  Cipollinsäulen  vermutlich  auf  der  Stätte 
eines  Tempels.  Endlich  verdient  das  jüngst  ausgegrabene  Theater 
Erwähnung.  —  >Yenn  die  Annalen  schweigen,  reden  die  Steine. 
Faesulae  ist  als  Bollwerk  Etruriens  im  ISorden  um  das  Gebirge  zu 
beherrschen  und  die  Verbindung  mit  Felsina  zu  sichern  gegründet 
worden :  sicherlich  nicht  als  eine  der  zwölf  Städte  sondern  als 
Colonie  des  Bundes  oder  einzelner  seiner  Glieder  (S.  37).  In  der 
Eigenschaft  einer  Sperrfestung  begegnet  es  225  v.  Chr.  bei  dem  Ein- 
fall der  Kelten,  217  bei  dem  Einfall  Hannibals,  405  n.  Chr.  bei  dem 
Einfall  des  Radagais.  i)  Sodann  wird  es  unter  den  Städten  aufge- 
zählt, welche  im  Bundesgenossenkrieg  mit  Feuer  und  Schwert  ver- 
wüstet wurden.  Den  von  Sulla  78  entsandten  Colonisten  leisteten 
die  ihrer  Aecker  beraubten  Eigentümer  bewaffneten  Widerstand. 
Grofse  Räuberbanden  suchten  die  Gegend  heim.  Die  Zerrüttung 
aller  Verhältnisse  machte  63  Faesulae  zum  Hauptquartier  für  die 
Schilderhebung  CatiHna's.2)  Endlich  hat  sich  539  n.  Chr.  die  Festig- 
keit seiner  Mauern  erprobt,  als  die  Gothen  nur  durch  Hunger  zur 
Uebergabe  genötigt  werden  konnten. 3)  Die  Gemeinde  gehörte  zur 
Tribus  Scaptia. 

Unter  der  Herrschaft  des  Faustrechts  suchen  die  Städte  die 
schirmende  Berghöhe  auf,  unter  der  Herrschaft  des  Landfriedens 
das   dem  Verkehr   zugängliche   Thal   (S.   58).      Die   mittelalterliche 


1)  Pol.  II  25,6  III  82,t  Liv.  XXII  3  Sil.  It.  VIII  476  Oros.  VII  37,13. 

2)  Flor.  II   6,11  Gran.  Licin.  p.  42  Bonn  Gic.  Cat.  II  14.  20  fg.  III  14  pro 
Mur.  49  Sali.  Cat.  24.  27.  28  Appian  b.  civ.  II  2  Dio  XXXVU  30.  33.  39. 

3)  Prokop  b.  Goth.  II  23.  24.  27. 


§  1.     Die  Nordtnark.  295 

Tradition  welche  den  Ursprung  von  Florenz  auf  Fiesole  zurück 
führt,  drückt  diesen  auf  den  ersten  Blick  einleuchtenden  Gedanken 
aus.i)  Die  Geschicke  beider  sind  unzertrennlich  verwoben,  der 
Aufschwung  der  einen  bedeutete  den  Niedergang  der  anderen.  Nach 
Ausweis  des  Namens  ist  das  etrurische  Florentia  ebenso  wie  das 
aemilische  (S.  270)  und  die  vielen  anderen  auf  -entia  auslautenden 
Städte  von  den  Römern  gegründet  worden. 2)  Mit  einiger  Wahr- 
scheinhchkeit  darf  die  Gründung  zu  der  154  oder  125  v.  Chr.  er- 
folgten Anlage  der  Via  Cassia  in  Beziehung  gesetzt  werden,  welche 
nach  einem  Meilenstein  Hadrians  hier  endigte. 3)  Die  Gunst  der 
Lage  hat  ihr  Wachstum  im  Altertum  wie  im  Mittelalter  bedingt. 
Aehnlich  wie  in  Mailand  die  Strafsen  der  Alpen,  laufen  von  einem 
150  km  langen  Bogen  des  Appennin  alle  Strafsen  in  Florenz  als 
dem  gegebenen  Centrum  ein.  Die  Reisebücher  führen  an  die  von 
Pisa  und  Luca  (S.  292)  sowie  die  von  Faenza  (S.  258)  und  von 
Rom  über  Arezzo  kommenden  Strafsen  4):  zu  diesen  vier  fügen  wir 
drei  Appenninstrafsen  eine  von  ForÜ  (S.  258)  und  zwei  von  Bologna 
(S.  262)  hinzu,  deren  eine  nach  der  Ueberlieferung  von  den  Romern 
ausgebaut  worden  ist.  Trotz  ihrer  Lage  in  der  Ebene  entbehrte 
die  Stadt  keineswegs  des  natürlichen  Schutzes.  Der  Arno  war  noch 
im  Mittelalter  nicht  in  ein  einziges  Bett  gezwängt,  sondern  bildete 
Sümpfe  und  Werder.  Florenz  (55  m)  lag  am  rechten  Ufer  des 
Hauptarms;  aus  diesem  zweigte  sich  nach  einer  mittelalterlichen 
Chronik  bis  586  n.  Chr.  ein  Nebenarm  ab,  der  an  der  Nordseite 
mit  dem  Mugnone  zusammen  sliefs.  Der  Mugnone  aber  hat  seine 
Mündung  gegen  5  km  nach  Westen  verschoben:  während  er  jetzt 
unterhalb  der  Cascinen  mündet,  flofs  er  ehemals  an  der  Stadtmauer 
hin  zwischen  Ponte  S.  Trinitä  und  Ponte  Carraia  in  den  Arno  ein. 
Derart  war  die  Ansiedlung  rings  von  fliefsenden  Gräben  umgeben. 
Anderseits  verstehen  wir  dafs  den  Florentinern  15  n.  Chr.  die  Ver- 
mehrung der  Wassermenge  durch  Ableitung  des  Clanis  in  den  Arno 
(1321)  als  eigenes  Verderben  erscheinen  konnte. 3)     Der  Grundplan 

1)  Dante  Inferno  XV  60      ma  quell'  ingrato  popolo  maligno, 

che  discese  di  Fiesole  ab  antico 

e  tiene  ancor  del  monte  e  del  macigno. 

2)  CIL.  XI  p.  302 fg.  0.  Hartwig,  Quellen  und  Forschungen  zur  ältesten 
Geschichte  der  Stadt  Florenz  1  p.  73  (Marburg  1875)  Plan  II  (Halle  1880). 
Milani  Mont.  ant.  d.  Lincei  VI  l  fg. 

3)  CIL.  XI  6668. 

4)  It.  Anton.  284  Tab.  Peut.  Geogr.  Rav.  IV  36.         5)  Tac.  Ann.  I  79. 


296  Kapitel  V,     Elrurien. 

der  Römerstadt  läfst  sich  in  den  Hauptzügen  herstellen:  sie  bildete 
ein  Rechteck  von  annähernd  400  X  600  m  und  25  ha  Flächen- 
inhalt, hatte  4  Thore  an  den  Enden  des  Decumanus  (Via  Strozzi 
Via  del  Corso)  und  Kardo  Maximus  (Via  Calimara),  in  der  Mitte  am 
Schnittpunct  lag  das  Forum  (Mercato  vecchio).  Zu  diesem  ver- 
hältnifsmäfsig  beschränkten  Kern  sind  Ansiedlungen  vor  den  Thoren 
hinzugekommen ,  wie  das  ausgedehnte  in  der  Nähe  von  S.  Croce 
gelegene  Amphitheater  vor  dem  Ost-Thor  beweist.  Der  Grund  und 
Roden  von  Florenz  gehörte  von  Hause  aus  zur  Feldmark  von  Faesulae. 
Zwischen  beiden  Gemeinden  blieb  eine  engere  Verbindung  bestehen: 
sie  waren  beide  in  der  Tribus  Scaptia  eingetragen,  hatten  Heilig- 
tümer und  Priestertümer  mit  einander  gemein.  Wenn  es  nun  in 
der  ältesten  Erwähnung  von  Florenz  heifsti):  Sulla  habe  die 
blühendsten  Landstädte  Italiens  Spoletium  Interamnium  Praeneste 
Florentia  versteigert,  so  ist  dasselbe  klärlich  den  nach  Faesulae 
entsandten  Veteranen  ausgeliefert  worden,  die  nach  einer  bestimmten 
Angabe  in  Dörfern  oder  Flecken  der  Feldmark  angesiedelt  wurden. 
Von  dem  Veikommen  dieser  Colonie  liefern  die  Rerichte  über 
Catilina's  Verschwörung  ausreichende  Kunde.  Nach  der  Schlacht 
bei  Philippi  hat  Octavian  eine  neue  Vermessung  und  Vertheilung 
der  Flur  an  Veteranen  vorgenommen  und  Florenz  hat  Colonialver- 
lassung  gehabt,  wenn  es  auch  in  der  Censusliste  unter  den  bevor- 
rechteten Colonien  fehlt. 2)  In  der  Ueberlieferung  begegnet  sein 
Name  selten,  zuletzt  im  Gothen krieg  wo  es  542  den  Gothen  wider- 
stand, später  die  Thore  öffnete,  553  sich  dem  Narses  ergab. 3) 
Die  Ausdehnung  der  Feldmark  zu  bestimmen  oder  gar  zwischen 
Faesulae  und  Florenz  abzugrenzen  sind  wir  aufser  Stande.  Das 
Mugello  oder  Sievethal  durch  das  die  Strafse  nach  Faenza  führte, 
als  Mucella  in  den  Gothenkriegen  erwähnt,  gehörte  dazu.*)  Der 
Name  des  oberen  Arnolhales  Casentino  (1  304)  rührt  vermutüch 
von  der  zur  sechsten  Region  gehörenden  umbrischen  Gemeinde  der 
Casuentillani  her.^) 


1)  Flor.  II  9,27. 

2)  Feldm.  212.  213.  214.  223.  225.  349  Plin.  III  52  XIV  36  Ptol.  III  1,43. 
Colonie  Tac.  Ann.  I  79  CIL.  XI  1617.  1600. 

3)  Prokop  b.  Golh.  III  5.  6  Agath.  I  11. 

4)  Prokop  b.  Golh.  III  5.     Mucelli  auct.  Marc.  Chr.  min.  II  p.  107,5. 

5)  Plin.  III  113. 


§  2.     Das  Erzgebirge.  297 


§  2.     Das  Erzgebirge. 

Die  Bildung  des  toscanischeo  Hügellands  ist  früher  (I  232) 
beschrieben  worden.  Mit  dem  Auftreten  von  Bruchstücken  aus  der 
ursprünglichen  zertrümmerten  Hauptgebirgszone  (1  222)  hängt  der 
verhältnifsmäfsig  grofse  Reichtum  an  Metallen  zusammen  der  diesen 
Theil  Italiens  vor  allen  anderen  auszeichnet. i)  An  erster  Stelle  ist 
als  das  verbreiteste  Nutzmetall  des  Altertums  das  Kupfer  zu  nennen. 
Es  kommt  im  Gefolge  basischer  Eruptivgesteine  (Gabbro  rosse  und 
Serpentin)  vor.  Beyer  unterscheidet  vier  Formen  des  Auftretens  von 
Kupfererzen:  „1,  man  trifft  sie  eingesprengt  in  den  Eruplivmassen; 

2,  als  Ausfüllung  von  Verwerfungen  in  den  Eruptivgesteinen  (Gänge); 

3,  im  Contact  zwischen  zwei  Eruptivmassen  (Conlactgänge);  4,  im 
Contact  zwischen  den  Eruptivkuppen  und  den  überlagernden  Sedi- 
menten (Contactlager).  Die  Vorkommnisse  2.  3.  4.  sind  oft  durch 
nachträgliche  Verschiebungen  im  Gebirge  zerrüttet  und  zertrümmert. 
Gerade  diese  Brecciengänge  und  Lager  sind  besonders  reich."  Die 
Minen  Hegen  in  der  Gegend  von  Volterra  Massa  Marittima  und 
Campiglia  d.  h.  in  den  alten  Stadtgebieten  von  Volaterrae  Populonium 
Vetulonium,  möglicher  Weise  auch  —  da  scharfe  Grenzen  sich  nicht 
ziehen  lassen  —  Rusellae:  in  den  genannten  Städten  haben  wir  die 
Sitze  des  etruskischen  Bergbaus  zu  suchen.  Die  ergiebigste  Grube 
unseres  Jahrhunderts  ist  diejenige  von  Monte  Catini  bei  Volterra 
welche  jährlich  1—2000  (1860  sogar  3000)  Tonnen  Erze  mit 
30  p.c.  Gehalt,  also  3  —  600  Tonnen  Kupfer  liefert.  Sie  ist  den 
Alten  schwerlich  unbekannt  geblieben;  alle  Anzeichen  führen  in- 
dessen darauf  dafs  die  reichste  Ausbeute  von  ihnen  bei  Campigha 
und  Massa  gewonnen  wurde.  Beyer  beschreibt  ihr  Verfahren  wie 
folgt:  „die  etruskischen  Verhaue  zeichnen  sich  vor  denen  des  Mittel- 
alters durch  besonders  enge  und  unregelmäfsig  verlaufende  Schachte 
aus.  Auch  die  Strecken  (enge  tunnelartige  Gänge  im  Berg)  folgen 
regellos  dem  Verlauf  der  Erzvorkommnisse.  Wo  grüfsere  Massen 
harter  Gesteine  von  Erz  durchschwärmt  waren ,  da  wurde  Feuer 
gesetzt.  Grofse  Hohlräume  sind  durch  diese  Methode  des  Abbaues 
entstanden.     Die  Männer  welche  in  neuer  Zeit  die  alten  Bergwerke 


1)  E.  Reyer,  Aus  Toscana,  geologisch -technische  und  kulturhistorische 
Studien,  Wien  1884.  G.  vom  Rath,  Zeitschrift  der  deutschen  geologischen 
Gesellschaft  1865.  68.  7o.  73. 


298  Kapitel  V.     Etrurien. 

wieder  aufgenommen  haben,  waren  beim  ersten  Betreten  dieser 
Räume  überrascht  von  der  Ausdehnung  der  alten  Arbeiten  und  von 
der  Pracht  des  Anblicks.  Die  Brandweilungen  waren  ausgekleidet 
mit  schönen  blauen  Stalaktiten,  der  Boden  war  in  gleicher  Weise 
von  blauem  Sinter  (Gips  durch  Kupfersalz  blau  gefärbt)  überdeckt 
und  überwuchert.  Auf  einer  Strecke  von  mehreren  hundert  Metern 
und  in  einer  Breite  von  10—30  m  beherrschen  diese  prächtigen 
Abbauräume  das  ganze  Gebiet  der  Cava  del  Temperino  bei  Campiglia. 
All  diese  Gesteinsmassen  deren  Härte  selbst  unseren  modernen  Werk- 
zeugen bedeutenden  Widerstand  entgegengesetzt,  sind  in  jenen  frühen 
Zeiten  durch  die  Gewalt  des  Feuers  bezwungen  worden.  Noch 
heute  lassen  sich  die  Schlackenhalden  II/2  km  weit  verfolgen,  viele 
kleine  Schmelzöfen  wurden  im  selben  Gebiet  aufgefunden.  Soweit 
man  aus  den  Besten  der  Erze  und  aus  dem  Befund  der  Halden 
schliefsen  kann ,  haben  die  Etrusker  selbst  ziemlich  arme  Erze  zu 
Gute  gemacht,  eine  Erscheinung  welche  Hand  in  Hand  gehl  mit 
dem  hohen  W'ert  des  Kupfers  in  der  allen  Zeit.  Anderseits  ist  es 
charakteristisch  für  jene  frühe  Cultur  dafs  der  Abbau  sich  immer 
nur  auf  die  obersten  Horizonte  beschränkt  hat.  Die  schlechten  engen 
Schachte  und  Strecken  und  die  mangelhaften  Mittel  der  Wasser- 
hebung und  Ventilation  gestatteten  ein  Vordringen  in  die  Tiefe  nicht." 
Von  der  hohen  Vollendung  zu  der  die  elruskische  Metallarbeit  ge- 
dieh, zeugen  die  noch  erhaltenen  Werke.  Ihr  Absatz  reichte  zu 
Lande  bis  nach  Dänemark  und  Schweden,  bis  Ungarn  und  Irland, 
eroberte  sich  auf  den  alten  Kunstmärkten  des  Ostens  einen  Platz. 
Im  fünften  Jahrhundert  v.  Chr.  rühmt  sich  ein  reicher  Athener  alles 
Erz  das  zu  irgend  einem  Gebrauch  sein  Haus  schmücke,  sei  etrus- 
kischer  Herkunft.i)  In  allen  Ländern,  bemerkt  Plinius^),  sind  tus- 
canische  Bildsäulen  aus  Erz  zerstreut;  ihrer  2000  sollen  die  Römer 
in  Volsinii  erbeutet  haben.  Der  Bergbau  mufs  mit  vielem  Eifer 
betrieben  worden  sein  um  den  nötigen  Rohstoff  für  dies  blühende 
Gewerbe  zu  beschaffen.  Aber  nach  der  Eroberung  Sardiniens  und 
Spaniens  kam  er  in  Etrurien  wie  in  anderen  Landschaften  Italiens 
zum  Stillstand ,  weil  das  Erzeugnifs  der  provincialen  Gruben  viel 
reichhaltiger  und  billiger  ausfiel.^)     Strabo  sah  bei  Populonium  ver- 


1)  Alhenaeos  I  28b.  XV  700c. 

2)  Plin.  XXXIV  34  Hör.  Ep.  II  2,180. 

3)  Streb.  V  218.  223  Verg.  Georg.  II  165  Plin.  XXXVII  202. 


§  2.     Das  Erzgebirge.  299 

lassene  Werke.  Dies  isl  die  einzige  Notiz  welche  die  antike  Litteratur 
über  diesen  wichtigen  Erwerbszweig  enthält.  —  Auch  Silber  ist 
nach  den  vorhandenen  Spuren  von  den  Etruskern  gefordert  worden : 
silberhaltiger  Bleiglanz  tritt  im  krystallinischen  Kalk  bei  Montieri 
und  Massa  auf.  Während  die  Kupfergruben  durchweg  ruhten,  war 
das  Silberwerk  von  Montieri  seit  dem  frühen  Mittelalter  in  Betrieb. 
Die  mittelalterliche  Arbeit  übertriflt  in  technischer  Hinsicht  die 
etruskische,  wird  doch  sogar  die  für  die  damaligen  Mittel  erstaun- 
hche  Tiefe  von  90  m  erreicht.  Die  ins  sechste  Jahrhundert  v.  Chr. 
hinauf  reichende  Silberprägung  des  Bundes  wie  einzelner  Städte 
(S.  73)  ist  als  Ausflufs  des  Bergbaus  zu  betrachten.  Wenn  da- 
gegen gleichfalls  alte  Goldmünzen  vorkommen,  so  ist  das  Gold  wol 
eher  aus  den  Alpen  eingeführt  (I  167)  als  im  Lande  selbst  gegraben 
zu  denken.  —  EndHch  verdient  der  Betrieb  der  Eisengruben  Elba's 
(I  367)  Erwähnung.  Wegen  der  Schwierigkeit  seiner  Bearbeitung 
ist  das  Eisen  später  als  das  Kupfer  in  den  allgemeinen  Gebrauch 
gelangt.  Diese  bekannte  Thatsache  erhält  in  der  Ueberlieferung  dafs 
die  Gruben  Elba's  zuerst  Kupfer,  späterhin  nach  dessen  Erschöpfung 
Eisen  geliefert  hätten,  ein  mythisches  Gewand.')  In  Wahrheit  gehört 
die  Insel  zu  den  jüngeren  Eroberungen  der  Etrusker.  Wenn  ihr 
Name  Ilva  bei  dem  liguriscben  Stamm  der  Ilvates  in  der  Gegend 
von  Placentia  wiederkehrt  2) ,  so  wird  man  dieser  Nation  den  ur- 
sprünglichen Besitz  zuweisen  müssen.  Auch  ist  die  Stadt  Populonium 
welche  die  Erze  verhüttete,  nach  der  Errichtung  des  etruskischen 
Bundes  gegründet  worden.  Ungleich  der  Gewinnung  von  Kupfer 
hat  diejenige  von  Eisen  in  römischer  Zeit  fortgedauert  und  den 
Wellmarkt  beherrscht.  Aber  das  Metall  wurde  zur  Verarbeitung 
nach  anderen  Städten  verschickt,  und  die  Schmelzhütten  haben  das 
Bild  des  Verfalls  welches  der  einst  so  blühende  Minendistrict  dem 
Besucher  unter  der  Regierung  des  Augustus  darbot,  nicht  wesentlich 
beleben  können. 3) 

Die  grofse  Strafse  welche  die  etruskische  Küste  durchzieht,  ist 
die  Via  Aurelia  nach  dem  Censor  des  J.  241  C.  Aurelius  Cotta  be- 
nannt.*)    Sie  reichte  anfänglich  von  Rom  wol  nur  bis  Cosa  (S.  311), 


1)  (Aristot.)  de  tnirab.  ausc.  93. 

2)  Liv.  XXXI  10  XXXIl  3t. 

3)  Diod.  V  13  Strab.  V  223. 

4)  Cic.  Gatil.  II  6  Phil.  XII  22. 


300  Kapitel  V.     Etrurien. 

wurde  später  bis  Pisa,  109  v.  Chr.  bis  Genua  und  Dertona  (S.  143) 
geführt.  Der  ursprüngliche  Name  wurde  auf  diese  Fortsetzungen, 
ja  sogar  auf  die  ganze  Strecke  bis  Arles  in  Gallien  ausgedehnt. i) 
Unter  den  von  Pisa  ab  verzeichneten  Stationen  gedenken  wir  der 
auf  der  Reisekarte  erhaltenen  ad  Eines  welche  die  alte  Landesgrenze 
Italiens  anzudeuten  scheint  (I  71).  Sie  ist  ungefähr  24  Milben  von 
Pisa  entfernt;  30  Milben  von  Pisa  Hegt  Vada  Volaterrana,  wie  der 
Name  besagt,  der  Hafen  der  mächtigen  Etruskerstadt.2)  Das  heutige 
Torre  di  Vada  (2  m)  nördlich  vom  Flufs  Cecina  bewahrt  sein  An- 
denken, aber  im  üebrigen  hat  die  Gegend  ihr  Aussehen  sehr  ver- 
ändert (I  306).  Der  von  Ost  nach  West  strömende  78  kui  lange 
Caedna'^)  entwässert  ein  Gebiet  von  937  Dkm.  Die  Hügel  welche 
dasselbe  zu  neun  Zehntel  einnehmen,  steigen  gegen  das  Meer  hin 
bis  619  m  an.  Die  höheren  Kuppen  sind  durch  eruptive  Massen 
gebildet,  an  deren  Flanken  sich  Sedimente  zumeist  Mergel  abgelagert 
haben.  Den  Charakter  der  Landschaft  beschreibt  Reyer  also:  „zu- 
hüchst  ragen  die  dunklen  eruptiven  Waldkuppen ,  die  oberen  Ge- 
hänge bestehen  aus  harten  Mergeln  und  sind  von  Cultur  überkieidet, 
tiefer  unten  folgt  das  flache  junge  Mergelland  schlecht  bewachsen 
misfarbig  und  zerrissen.  VVeifsgrau  ist  dieser  Mergelboden,  weich 
und  schlammig  wenn  es  regnet,  hart  und  rissig  nach  langer  Dürre. 
Jeder  Bach ,  ja  jeder  Wasserfaden  reifst  in  diese  Massen  tiefe 
Schrunden.  Dann  werden  die  Gehänge  lose  und  rutschen  nach. 
Die  Wasser  stauen  sich  und  dringen  tiefer  ein.  Da  wird  das  ganze 
Erdreich  breiig  und  bewegt  sich  als  träger  Schlammstrom  durch  die 
Schrunden.  Der  Pflanzenwuchs  kann  gegen  diese  unaufhörliche 
Verwüstung  nicht  aufkommen  und  so  trägt  das  ganze  Land  jahraus 
jahrein  den  Stempel  der  Aenderung  und  Zerstörung."  Aus  dem 
Gesagten  erklärt  sich  die  Mächtigkeit  der  Anschwemmung,  indem 
der  kleine  Caecina  eine  Bucht  von  30  km  Länge  und  5  km  mittlerer 
Breite  ausgefüllt  hat.  Im  Altertum  war  der  Hafen  nach  Ausweis 
seines  Namens  noch  von  Lagunen  umgeben.  Ich  kann  mir  nicht 
versagen  die  nalurwahre  Schilderung  die  Rulilius  von  der  Einfahrt 
giebt,  an  dieser  Stelle  zu  wiederholen: 


1)  lt.  Ant.  289. 

2)  Cic.  pro  Quinct.  24  Plin.  III  50  Rutil.  I  453  It.  knL  292   It.  mar.  501 
Tab.  Peut.  Geogr.  Rav.  IV  32  V  2  CIL.  XI  p.  325. 

3)  Plin.  III  50;  von  Mela  II  72  fälschlich  als  Stadt  aufgefafst. 


§  2.     Das  Erzgebirge.  301 

in  Volaterraniim  vero  Vada  nomine  trachim 
iyigressns  duhii  tramitis  dita  lego. 

despectat  prorae  custos  davumque  sequentem 
dirigit  et  puppim  voce  monente  regit. 

incertas  gemina  discriminat  arbore  fauces 
defixasque  offert  limes  nterque  sudes: 

Ulis  proceras  mos  est  adnectere  lauros 
conspicuas  ramis  et  fruticante  coma, 

ut  praehente  viam  densi  symplegade  limi 
servet  inoffensas  semita  clara  notas. 
Die  Verse  welche  die  in  den  Lagunen  von  Volterra  betriebene 
Gewinnung  von  Seesalz  beschreiben,  sind  früher  (I  107)  mitgetheilt 
worden.  —  Der  traurige  Anblick  den  die  Gegend  jetzt  darbietet, 
kann  ihr  im  Altertum  nicht  geeignet  haben.  Erst  durch  die  Aus- 
rottung des  Waldes  sind  die  Abhänge  entblüfst  und  den  Angriffen 
des  Regens  schulzlos  preisgegeben  w^orden.  Mag  auch  der  Salz- 
gehalt des  iMergels  an  vielen  Orten  zur  Verkümmerung  der  Pflanzen 
beitragen,  so  hat  doch  Volterra  im  hannibalischen  Kriege  den  Scipio 
Africanus  mit  Weizen  unterstützt  und  hätte  ohne  ergiebigen  Acker- 
bau niemals  seine  stolze  Hübe  erringen  können.  Zwischen  dem 
Caecina  und  der  nordwärts  zum  Arno  fliefsenden  Era,  20  Millien 
von  der  Küste  entfernt  erhebt  sich  531  m  der  Stadthügel  welcher 
auf  seinem  Scheitel  Volaterrae,  etruskisch  Velaihri,  Volterra  trägt.i) 
Die  Stadt  ist  von  allen  Seiten  viele  Meilen  weit  sichtbar,  ihr  Ge- 
sichtsfeld umfafst  im  Norden  die  Apuaner  Alpen,  im  Westen  die 
tyrrhenische  See  mit  zahlreichen  Inseln  und  dem  Gebirgsrücken 
Corsica's.  „Die  Feldmark  von  Volterra  —  schreibt  Strabo  —  wird 
vom  Meer  bespült,  die  Stadt  nimmt  den  oberen  Gipfel  eines  aus 
tiefer  Schlucht  hoch  aufsteigenden  abschüssigen  Hügels  ein.  Der 
Aufstieg  zu  ihr  vom  Fufs  ist  15  Stadien  lang,  ganz  steil  und 
schwierig."  Die  heutige  Fahrstrafse  vertheilt  die  Steigung  nicht 
wie  die  Alten  auf  2660  m  sondern  auf  mehr  als  die  dreifache  Länge 
(8 — 9  km).  Der  Umfang  der  Mauer  mifst  7280  m,  annähernd  das 
dreifache  der  gewöhnlichen  Durchschnittslänge  italischer  Stadtmauern 
(S.  39).  Die  unregelmäfsige  Form  des  Hügels  bewirkt  freilich 
dafs  der  eingeschlossene  Raum  den  Umfang  an  entsprechender 
Gröfse   nicht  erreicht,   da   er   nur  etwa  130  ha  beträgt.     Von  der 


1)  Strab.  V  223  Plin.  111  52  X  78  Plol.III  1,43  CIL  XI  p.  324. 


302  Kapitel  V.     Etruiien. 

Mauer  sind  zwei  Thorburgen  und  viele  Stücke  bis  12  m  Höhe  und 
4  m  Dicke  erhalten:  sie  ist  aus  rechtwinkligen  Blöcken  eines  gelb- 
lichen Kalksteins  (Panchina)  geschichtet  der  an  Ort  und  Stelle 
bricht;  denn  eine  Kalkplalte  bedeckt  auf  dem  ganzen  Höhenzug 
die  tertiären  Mergel.  Ferner  werden  aus  römischer  Epoche  eine 
Piscina,  unbedeutende  Reste  von  Thermen  sowie  einem  Theater 
oder  Amphitheater  gezeigt.  —  Das  Stadtbild  hat  seit  dem  Altertum 
seine  Züge  mannichfach  verändert.  Die  Scheitelfläche  war  ehedem 
ausgedehnter:  namentlich  an  der  West-  doch  auch  an  der  Nordseite 
wäscht  das  Wasser  den  Mergel  aus  und  bringt  die  unterhöhlte 
Kalkplatte  mit  den  aufstehenden  Gebäuden  zum  Einsturz;  stellen- 
weise gähnen  100  m  tiefe  Abgründe.  Aber  wenn  auch  minder 
stark  als  der  Augenschein  des  heutigen  Tages  lehrt,  besafs  der 
Platz  doch  eine  Festigkeit  die  allen  Angriffsmitteln  einer  früheren 
Zeit  Hohn  sprach.  Angesichts  ihrer  Mauern  begreifen  wir  alsbald 
wie  diese  königliche  Stadt  ein  Gebiet  beherrschte,  dem  an  Aus- 
dehnung kein  anderes  in  Etrurien  gleich  kam.  Dasselbe  wird  kaum 
weniger  als  50  d.  D  M.  befafst  haben:  landeinwärts  begegnet  bis  zu 
dem  in  der  Luftlinie  80  km  entfernten  Arretium  keine  etruskische 
Stadt;  nach  Norden  reichte  es  noch  in  römischer  Epoche  bis  an 
oder  über  den  Arno^J  Jna  Süden  ist  Populonium  eine  Colonie 
Volaterrae's,  hat  sich  aber  früh  losgerissen.  Für  die  Begrenzung 
im  Süden  gewährt  die  Münze  einen  wichtigen  Anhalt;  Kupferstücke 
mit  dem  etruskischen  Stadtnamen  sind  ziemlich  häufig,  auch  mögen 
die  seltenen  Goldmünzen  einseiliger  Prägung  und  ohne  Aufschrift 
aus  Volaterrae  stammen,  aber  Silber  ist  hier  nicht  geschlagen  worden 
(S.  73):  ein  deutlicher  Beweis  dafs  die  Silbergruben  bei  Montier! 
und  Massa  anderen  Herren  angehörten.  —  Die  römische  üeber- 
lieferung  erwähnt  Volaterrae  in  der  Epoche  der  Könige,  läfst  die 
Römer  298  v.  Chr.  in  der  Nähe  eine  Schlacht  gewinnen,  berichtet 
205  dafs  Scipio  Weizen  und  Holzwerk  für  seine  Schilfe  geliefert 
erhielt. 2)  Sodann  ist  die  Stärke  der  Mauer  82 — 80  erprobt  worden, 
als  Geächtete  und  Etrusker  in  ihnen  eine  zweijährige  Belagerung 
aushielten  und  schliefslich  unter  Vertrag  abzogen. 3)  Ein  Gesetz 
Sulla's  nahm  den  Volaterranern  das  Bürgerrecht  und  einen  grofsen 


1)  CIL.  XI  1745  p.  325. 

2)  Dion.  H.  III  51  Liv.  X  12  XXVIII  45  interamenla  navium. 

3)  Cic.  pro    Kose.  Amer.  20.  105    Liv.  LXXXIX    Gran,  Lic.  p.   38   Bonn 
Strab.  V  223. 


§  2.     Das  Erzgebirge.  303 

Theil  ihrer  Feldmark.  Das  Bürgerrecht  in  der  Tribus  Sabatina 
blieb  unaogetastet,  aber  das  Schicksal  des  Gebiets  ist  erst  nach 
langen  Streitigkeiten,  in  denen  Cicero  63  und  Caesar  59  beide  als 
Consuln  für  die  Geschädigten  eintraten,  endgültig  geregelt  worden,  i) 
Die  Colonie  Saena  wurde  mit  den  eingezogenen  Ländereien  aus- 
gestattet (S.  312).  —  Das  verbreitetste  Geschlecht  der  Stadt  führte 
vom  nahen  Flufs  Caecina  den  Namen :  drei  Grabstätten  desselben 
mit  etruskischen  und  lateinischen  Inschriften  sind  im  18.  Jahrhundert 
aufgefunden  worden.  Der  Name  wiederholt  sich  Öfter  in  der  Ueber- 
lieferung2):  Cicero  hat  in  der  erhaltenen  Rede  den  A.  Caecina  ver- 
theidigt  und  war  mit  dessen  Sohn  befreundet  der  Streitschriften 
gegen  Caesar  und  theologische  Tractate  verfafste;  ein  anderer  wird 
als  Gefolgsmann  Octavian's  erwähnt;  für  die  verschiedenen  Träger 
des  Namens  im  ersten  Jahrhundert  n.  Chr.  fehlt  das  ausdrückliche 
Zeugnifs  volaterranischer  Herkunft;  aber  der  Stadtpraefect  von  414 
war  noch  in  der  Heimat  begütert  und  wurde  416  von  Rutilius 
auf  seiner  Villa  besucht.  In  der  romischen  Dichtung  wird  ferner 
als  ihr  Bürger  Persius  aufgeführt:  Grabschriften  von  Geschlechts- 
genossen sind  erhallen. 3)  Im  Uebrigen  wissen  wir  wenig  von 
Volaterrae  zu  sagen.  Die  Umgegend  birgt  Lager  weifsen  und 
bunten  Alabasters,  dessen  Verarbeitung  gegenwärtig  den  Gewerb- 
fleifs  des  Städtchens  beschäftigt.  Aus  ihm  sind  zumeist  die  1  m 
langen  Aschenkislen  gefertigt  welche  Grabungen  in  der  nahen  Ne- 
kropoHs  zu  Hunderlen  an  den  Tag  gefordert  haben.  Sie  ent- 
stammen der  jüngsten  Entwicklung  der  etruskischen  Kunst,  etwa 
dem  2.  Jahrhundert  v.  Chr.,  die  Darstellungen  gewähren  lehrreiche 
Aufschlüsse  über  das  Eindringen  griechischer  Mythen  wie  über  die 
einheimischen  Anschauungen.  Während  der  Kaiserzeit  wird  die 
von  den  grofsen  Verkehrswegen  abseits  gelegene  Stadt  kaum  ge- 
nannt, von  ihrer  Uebergabe  an  Narses  511  abgesehen. 4)  Auch  als 
sie  im  Mittelalter  wieder  aufblühte,  hat  sie  nur  ein  Drittel  der  von 
den  Etruskern  errichteten  Ringmauer  ausgefüllt. 


1)  Cic.  pro  domo  79  pro  Caec.  18.  102  ad  Alt.  I  19  Fam.  XIII 4. 

2)  Cic.  pro  Caec.  Ifg.  Orat.  102  Fam.  VI  6,3;  Cic.  Fam.  VI  5—8  X  25,3 
XIII  66  Suet.  Caes.  75  b.  Afric.  89  Plin.  I  2  XI  197  Sen.  Nat.  Qu.  II  39,1  49,1 
56,1;  Cic.  Alt.  XVI  8,2  Appian  b.  civ.  V6Ü;  Plin.  X  71  Tac.  Ann.  I  72  XIII  20 
Hist.  I  52  u.  a.  —  Rutil.  I  466. 

3)  Sueton  p.  50.  72  Reiff.  CIL.  XI  1784.  85. 

4)  Agath.  111. 


304  Kapitel  V.     Etrurien. 

Von  Vada  bis  Popdonium  sind  30  Millien.')  Dies  286  m 
ansteigende  9  km  lange  Vorgebirge  ist  durch  die  Thätigkeit  der 
Cornia  deren  antiken  Namen  wir  nicht  kennen,  landfest  geworden 
(I  306).  Aehnlich  wie  der  M.  Argentaro  hing  es  ehedem  durch  zwei 
Nehrungen  mit  dem  Continent  zusammen.  Die  dazwischen  befind- 
liche Lagune  deren  Fischreichtum  Rutilius  und  Cluver  rühmen,  ist 
verschwunden,  ebenso  die  Hafenbucht  von  porlus  Faleria  oder  Falesia 
Porto  Falese  1  Millie  nördlich  von  Piombino.^)  Auf  der  Nordspitze 
(79  m)  wo  das  Vorgebirge  nach  drei  Seiten  steil  zum  Meer  abfällt, 
thront  die  demselben  gleichnamige  Stadt  Popnloniwn,  etruskisch 
Pupluna.^)  Die  Aussicht  scheint  durch  die  kaufmännischen  Be- 
sucher in  der  hellenischen  Welt  Ruf  erlangt  zu  haben.  Während 
Eratosthenes  die  Sichtbarkeit  Sardiniens  und  Corsica's  vom  Fest- 
land aus  leugnet,  Artemidor  ihre  Entfernung  auf  1200  Stadien 
erhöht,  behauptet  Strabo  er  habe  Corsica  in  einem  Abstand 
von  600  Stadien  deutlich,  in  gröfserer  Ferne  Sardinien  schwach 
mit  eigenen  Augen  wahrgenommen.  Die  erste  Hälfte  seiner 
Aussage  trifft  zu,  die  zweite  beruht  auf  einem  Irrtum:  wenn  auch 
das  Auge  bei  hellem  W'etter  die  20  d.  M.  entfernten  Berge  von 
Spezia  erspäht,  so  wird  doch  die  Richtung  nach  dem  30  d.  M. 
entfernten  Sardinien  durch  das  massige  Elba  völlig  verdeckt.  Der 
Umkreis  der  Mauer  mifst  reichlich  272  km  und  läuft  in  einer  ziem- 
lich unregelmäfsigen  birnenföimigen  Gestalt  25  ha  umschliefsend 
(S.  37).  Die  insulare  Lage  der  Stadt  welche  in  Etrurien  ohne 
gleichen  ist,  weist  klar  darauf  hin  dafs  sie  nicht  von  Ackerbauern, 
sondern  als  Seeburg  zur  Beherrschung  des  benachbarten  Elba  das 
ein  an  schmälster  Stelle  9  km  breiter  Sund  vom  Festland  trennt, 
gegründet  ward.  Damit  stimmt  die  Ueberlieferung  in  ihren  ver- 
schiedenen Fassungen  überein:  die  eine  läfst  Populonium  nach  Er- 
richtung des  Zwölfstädtebundes  von  einem  aus  Corsica  kommenden 
Stamm,  die  andere  als  Colonie  Volaterrae's  erbaut,  eine  dritte  den 
Corsen    durch   Volaterrae  entrissen   werden.      Die   Erwähnung  der 

1)  So  It.  mar.  501;  It.  Ant.  292  giebt  25,  Tab.  Peut.  nur  12  an.  Geogr. 
Rav.IV32  V2. 

2)  Rutil.  I  371  f?.  It.  mar.  501  Cluver  475. 

3)  Ptol.  111  [,A  no7T?.Cbviov  nöXi-s  nonlciviov  äxoov;  (Aristot.)  de  mir.  ausc. 
93  Diod.  V  13  Strab.  V  222 fg.  Steph.  ßyz.;  Liv.  XX VIII  45  XXX  39  Plin.  III 
50.  81  XIV  9.  Die  Form  Populonia  findet  sich  Mela  II  72  Verg.  Aen.  X  172 
dazu  Serv.  Rutil.  I  401;  Frontin  Str.  I  2,7  nur  durch  Conjeclur  die  sachlich 
verfehlt  ist  (S.  306  A.  5).     CIL.  XI  p.  412. 


§  2.     Das  Erzgebirge.  305 

Corsen  wird  verständlich,  wenn  wir  daran  erinnern  dafs  die  Ueber- 
fahrt  nach  dem  den  Etriiskern  vom  6.  bis  4.  Jahrhundert  zins- 
pflichtigen Waldland  (I  365)  von  diesem  Hafen  aus  stattfand. i)  Von 
der  Mutterstadt  Volaterrae  mufs  sich  Populonium  bald  unabhängig 
gemacht  haben.  Darauf  führt  die  auf  seinen  Namen  geschlagene 
altertümliche  Münze,  wie  es  denn  die  wichtigste  Prägstätte  Etruriens 
in  Silber  und  Kupfer  gewesen  ist  (S.  73).  Im  Kampfe  mit  den 
Hellenen,  z.  B.  453  als  eine  syrakusische  Flotte  vorübergehend  Elba 
eroberte  2),  Gel  ihm  die  Rolle  eines  Vorkämpfers  zu.  Am  Fufs  des 
Stadthügels  öffnet  sich  die  geschützte  Hafenbucht  Baratti,  wo  die 
fremden  Kauffahrer  das  jedem  Wettbewerb  trotzende  Eisen  von 
Elba  einluden.  Dafs  die  Hellenen  auch  unmittelbar  von  der  Insel 
Erze  geholt  haben,  lehrt  der  von  ihnen  benannte  portus  Argous 
Porto  Ferraio  (I  368).  Aber  in  den  erhaltenen  Berichten  hat 
Populonium  durchaus  den  Betrieb  der  Gruben  in  der  Hand  und 
liegen  die  Schmelzen  auf  dem  Festland. 3)  Aufserdem  besafs  es  einen 
guten  Theil  des  festländischen  Minendistricts:  10  km  entfernt  bei 
der  Eisenbahnstation  Campiglia  liegen  die  heifsen  Quellen  le  Caldane 
Aquae  Populoniae,  noch  jetzt  zu  Badezwecken  verwandt. *)  Wie 
weit  sich  indessen  sein  Gebiet  erstreckte,  läfst  sich  bei  der  äufser- 
sten  Seltenheit  lateinischer  Inschriften  in  diesen  wenig  durchforsch- 
ten Strichen  nicht  bestimmen.  —  Nach  Vergil  kamen  dem  Aeneas 
600  Mann  von  Populonium,  300  von  Ilva  zu  Hülfe;  205  ward  für 
Scipio's  Rüstung  das  erforderliche  Eisen  beigesteuert.  Wie  in  Vo- 
laterrae haben  die  Gegner  SuUa's  auch  hier  hartnäckigen  Wider- 
stand geleistet:  von  der  Zeit  schreibt  sich  der  Niedergang  der 
Stadt  her.  Strabo  fand  sie  bis  auf  die  Tempel  und  wenige  Häuser 
verlassen,  dagegen  den  Hafen  mit  zwei  Werften  ziemlich  belebt. 
Er  sah  die  Schmelzöfen  für  die  ilvatischen  Erze  in  Thätigkeit,  er- 
wähnt auch  eine  Warte  zur  Ausschau  nach  den  Zügen  des  Thun- 
fisches (I  111).  Vier  Jahrhunderte  später  schildert  Rutilius  die 
Verödung:  agnosci  tiequennt  aevi  momimenta  prioris, 
grandia  C07isumpsit  moenia  tempus  edax. 
sola  manent  intercepti's  vestigia  muris, 


1)  Liv.  XXX  39  Slrab.  V  223  lt.  mar.  513  wo  die  Entfernungsangabe  von 
600  Stadien  zeigt  dafs  Gorsica  ausgefallen  ist. 

2)  Diod.  XI  88. 

3)  (Aristot.)  de  mir.  ausc.  93  Varro  bei  Serv.  V.  Aen.  X  174  Strab.  V  223. 

4)  Tab.  Peut.  Geogr.  Rav.  IV  36. 

Kissen,  Ital.  Landeskunde.    II.  20 


306  Kapitel  V.     Etruiien. 

ruderihus  latis  tecta  sepnlta  iacent. 
non  indignemur  mortalia  corpora  solvi: 

cernimus  exemplis  oppida  posse  mori. 
Der  HafeDort  hat  sich  länt^er  behauptet  und  ist  Bischofsitz  ge- 
wesen 1),  bis  die  Wildheit  der  Zeiten    den  Schutz  der  Hohe  aufzu- 
suchen nötigte:  ein  mittelalterhches  Castell  liegt  jetzt  innerhalb  der 
Etruskerfeslung. 

Von  der  Via  Aurelia  zweigte  eine  Strafse  über  Aquae  Populo- 
niae  nach  dem  56  Millien  entfernten  Siena  ab.  Dieselbe  durch- 
schnitt den  eigentlichen  Bergwerksdistrict  von  Campiglia  Massa 
Marittinia  und  Montieri;  aber  die  antike  Topographie  der  ganzen 
Gegend  liegt  im  Unklaren,  und  die  zweite  dieser  Ortschaften  für 
Massa  Veternensis  auszugeben  ist  reine  Willkür,  da  der  IName  Massa 
an  vielen  Stellen  Toscana's  wiederkehrt. 2)  Das  Vorgebirge  Popu- 
lonium  begrenzt  nach  INordwesten  den  halbkreisförmigen  Golf  von 
Piombino  oder  FoUonica;  ihm  gegenüber  bei  20  km  Abstand  im 
Südosten  springt  das  Vorgebirge  Troia  vor. 3)  Der  letztere  Stock 
steigt  im  M.  Ballone  630  m,  weiter  westlich  im  Hügel  von  Colonna 
12  km  vom  Meer  345  m  an.  Neuere  Forschungen  haben  gelehrt 
dafs  der  Hügel  von  Colonna  eine  ansehnliche  elruskische  Stadt  trug, 
die  bei  einem  Mauerring  von  rund  5  km  und  einem  Flächeninhalt 
von  120  ha  unbedenklich  den  Grolsslädlen  Etruriens  wie  Italiens 
(S.  37)  zuzurechnen  ist. 4)  J.  Falchi  hat  1881  zuerst  in  ihr  das 
lange  vermifste  und  an  vielen  Orten  gesuchte  Vetulonmm  erkannt 5): 
die  spärlichen  Anhaltspuncte  zur  Bestimmung  der  Lage  trelfen  zu, 
das  entscheidende  Zeugnifs  einer  Inschrift  steht  noch  aus.  Seinen 
Ruhm  bei  der  Machwelt  verdankte  Vetulonium  dem  Silius  der  den 
Verfall  innerhalb  der  verödeten  Mauern   vielleicht  aus  eigener  An- 


1)  Gregor  M.  Reg.  1  15. 

2)  Animian  XIV  11,27. 

3)  Ptol.  III  1,4  nennt  an  dieser  Stelle  Tqdiavov  Xifiiyv;  jedoch  ist  der 
Name  vermutlich  verschoben  und  auf  Centumcellae  oder  Porliis,  nicht  auf  Troia 
zu  beziehen. 

4)  Notizie  degli  Scavi  1882  p.  251  fg.  1885  p.  9Sfg.  mit  Plan. 

5)  Der  Name  der  Bürger  Vetulonenses  steht  inschriftlich  fest  CIL.  XI  p, 
414,  nicht  der  Stadtname:  Vetulonü  Plin.  II  227  Vutulonia  Sil.  It.  VIII  483 
Velulonhim  Ptol.  III  1,43.  Der  Name  wird  Frontin  Str.  I  2,7  für  das  hand- 
schriftliche oppidiim  vel  coloniam  einzusetzen  sein.  Der  erzählte  Vorgang 
bezieht  sich  auf  den  Feldzug  von  225  der  bei  Telamon  zum  Abschlufs  kam 
(S.  309). 


§  2.     Das  Erzgebirge.  307 

schauuDg  kannte  und  nun  zur  Steigerung  des  Gegensatzes  die  In- 
signien  der  römischen  Magistratur,  Lictoren  curulischen  Sessel  Pur- 
purtoga und  Kriegstrompete  von  hier  ableitete,  i)  Sein  Rang  als 
Zvvolfstadt  ist  unbestritten  (S.  280),  auch  ist  es  Municipium  in  der 
Tribus  Scaptia  gewesen  und  hat  Rekruten  zur  Besatzung  des  kaiser- 
lichen Rom  gestellt  2);  aber  da  seiner  in  der  Ueberlieferung  histo- 
rischer Zeiten  nirgends  gedacht  wird,  mufs  die  Bedeutung  früh  auf- 
gehört haben. 3)  Seit  dem  ersten  Jahrhundert  unserer  Zeitrechnung 
(I  417  A.  7)  hat  das  Fieber  von  der  ganzen  Gegend  Besitz  ergriffen 
und  die  Beute  nicht  wieder  fahren  lassen.  Die  Oede  und  Schreck- 
nifs  der  Maremma  hat  die  Herrlichkeit  der  alten  Etrusker  in  einem 
Grade  unversehrt  erbalten  der  sich  nirgends  wiederholt.  Nachdem 
der  Schleier  des  Geheimnisses  gelüftet  ward,  haben  die  fortgesetzten 
Ausgrabungen  das  Museum  von  Florenz  um  eine  schier  unüberseh- 
bare Fülle  von  Gerätschaften  bereichert.*)  Der  bereits  (I  44)  vor- 
gesehene Fall  dafs  der  monumentale  Thatbestand  das  fehlende 
Zeugnifs  der  Schrift  ersetzen  kann,  liegt  hier  zweifellos  vor.  In- 
dessen beschränkt  sich  der  geschichtliche  Gewinn  der  den  Gräber- 
schätzen enthoben  wird,  auf  ein  paar  allgemeine  Umrisse.  Die 
etruskische  Cultur  zeigt  in  Vetulonium  die  altertümhchsten  Formen. 
Ihre  Blüte  ist  vor  dem  Eingreifen  der  Römer  geknickt  worden. 
Man  erstaunt  über  die  Masse  von  Goldschmuck  die  den  Todten  als 
Mitgift  gesteuert  wurde^):  im  Leben  ist  das  edle  Metall  nicht  in 
den  Dienst  des  Verkehrs  gestellt  worden  wie  andere  Schwesterstädte 
gethan  haben.  Vetulonium  hat  nur  Kleinkupfer  gemünzt  (S.  73). 
Daraus  läfst  sich  der  Scblufs  ziehen  dafs  es  bereits  früh  im  5.  Jahr- 
hundert von  schweren  Schlägen  heimgesucht  und  ins  Hintertreffen 
gedrängt  wurde. 

Zwischen    den   Vorgebirgen    von    Troia    und    Talamone   drang 
ehedem   eine   Bucht   von   etwa  20  km   Länge   und   Breite   ein    die 


1)  VIII  483  Maeoniaeque  decus  quondam  VeUdonia  genlis. 

2)  Epii.  ep.  V  p,  258. 

3)  Diori.  H.  IJI  51  Plin.  III  52. 

•1)  Die  ziemlich  umfassende  Litleratur  beginnt  mit  Falchi,  Ricerche  di 
Vetulonia,  Piato  1881,  und  setzt  sicli  in  den  Zeitschriften,  namentlich  den 
Not.  d.  Scavi  1882 — 1900  fort.  Seine  Berichte  aus  den  Notizie  hat  Falchi 
Firenze  1892  gesondert  herausgegeben. 

5)  G.  Karo,  Le  oreficerie  di  Vetulonia  in  Milani's  Studi  di  Archeologia, 
Firenze  1901. 

20* 


308  Kapitel  V.     Etrurien. 

nachgerade  fast  völlig  ausgefüllt  oder  in  Sumpf  umgewandelt  ist. 
Daran  arbeiten  im  Norden  die  kleine  Bruna  (Prilis?)  im  Süden  der 
reifsende  Umbro  Ombrone  (I  307)J)  Der  erstgenannte  Flufs  mündete 
in  den  lacus  Prilins  die  grofse  Lagune  von  Castiglione  ein.  An 
der  Mündung  des  Ombrone  befand  sich  im  Altertum  ein  sicherer 
Hafen.  In  dem  zwischen  beiden  Flüssen  vorspringenden  Höhenzug 
nahm  Rusellae  auf  einem  abgestumpften  Kegel  (184  m)  gelegen  eine 
die  Umgegend  beherrschende  Stellung  ein. 2)  Es  ist  in  der  Luft- 
linie nur  15  km  von  Vetulonium  entfernt  und  scheint,  obwol  nur 
halb  so  grofs,  diesem  in  historischen  Zeiten  den  Rang  abgelaufen 
zu  haben.  Die  Ringmauer  in  verschiedener  Bauart  und  zum  Theil 
aus  gewaltigen  Blöcken  geschichtet,  steht  stellenvveis  bis  zur  Höhe 
von  7 — 10  m.  Ihr  Umfang  mifst  3150  m.  Sie  beschreibt  ein 
längliches  Viereck  mit  verschiedenen  Ausbuchtungen  und  umschUefst 
eine  Fläche  von  reichlich  60  ha.  Sechs  Thore  sind  kenntlich,  ferner 
Ruinen  aus  römischer  und  Gräber  aus  etruskischer  Zeit  vorhanden. 
Rusellae  wird  unter  den  Zwullstädten  genannt  und  hat  an  den 
Kämpfen  gegen  Rom  Theil  genommen :  294  v.  Chr.  hören  wir  ward 
sie  mit  grofser  Einbufse  an  Menschen  von  den  Römern  erobert. 
Die  von  ilir  205  dem  Scipio  geleistete  Beisteuer  von  Getreide  und 
Bauholz  läfst  Ackerbau  und  Waldwirtschaft  als  ihre  vornehmsten 
Erwerbszweige  erkennen.  Für  die  Ausdehnung  und  Güte  der  Feld- 
mark zeugt  der  Umstand  dafs  eine  Colonie  sei  es  von  den  Triumvirn 
sei  es  von  Augustus  hier  angesiedelt  wurde  (S.  32).  Die  Ueber- 
heferung  schweigt  über  deren  Sciiicksale,  aber  die  langsame  Zu- 
nahme der  Malaria  (1417)  kündet  nichts  Erfreuliches.^)  Bis  1138 
hat  die  Stadt  fortbestanden:  damals  ward  das  Bistum  nach  dem 
5  Millien  entfernten  Grosseto  übertragen  und  der  alte  Cullursitz 
der  Wildnifs  des  Waldes  preis  gegeben. 

Südlich  vom  Ombrone  streicht  an  der  Küste  15  km  lang  eine 
Bergkette  hin  die  bis  415  m  ansteigt  und  im  promnntiirium  Telamon 
Punta  di  Talamoue  (35  m)  endigt.4)  Das  Vorgebirge  wird  nach 
dem   gleichnamigen   Hafen   bezeichnet.     Talamoue   ist  gegenwärtig 


1)  Plin.  111  51  Rutil.  I  337  Steph.  Byz.  II.  mar.  50ü  Tab.  Peut.  Geogr.  Rav. 
IV  32  V  2. 

2)  Dion.  H.  III  51  Liv.  X  4.  37  XXVIII  45  Plin.  III  51    Plol.  III  1,43  CIL. 
XI  p.  414. 

3)  Gregor  M.  Reg.  1  15  V  57  a  subscr. 

4)  Ptol.  III  1,4. 


§  2.     Das  Erzgebirge.  309 

ein  armseliges  Nest  mit  versandeter  Rhede.  Die  aus  römischer  Zeit 
vorhandenen  Ruinen  beu'eisen  dafs  dieser  verfieberte  Strand  einst 
mit  Villen  bedeckt  war.  Wenn  die  Kupfermünzen  mit  der  etrus- 
kischen  Aufschrift  Tla^  wie  man  mit  gutem  Grund  annimmt  (S.  73), 
wirklich  Telamon  angehören,  so  kann  die  Stadt  nicht  unbedeutend 
gewesen  sein.  Zum  gleichen  Ergebnifs  führt  die  Ueberlieferungi): 
Timaeos  kannte  den  Ort  und  brachte  ihn  mit  der  Fahrt  der  Argo- 
nauten in  Verbindung;  in  der  Nähe  ward  225  v.  Chr.  der  grofse 
Sieg  über  die  Kelten  erfochten;  in  diesem  Hafen  landete  Marius 
87  bei  seiner  Rückkehr  aus  Africa.  Von  den  Erwähnungen  bei 
den  Geographen  abgesehen,  verschwindet  er  sodann  bis  zum  14. 
Jahrhundert.  Freilich  kann  der  Hafen  in  romischer  Zeit  kein  selbst- 
ständiges Gemeinwesen  gebildet  haben,  das  ihm  von  Stephanos  von 
ßyzanz  beigelegt  wird.  Allein  grofse  Umwälzungen  haben  in  dieser 
Gegend  stattgefunden.  Eine  verschollene  Stadt  lag  10  km  von  der 
Küste  bei  Magliano,  wo  Dennis  die  Spuren  einer  grofsen  etruskischen 
Anlage  entdeckt  hat. 2)  —  In  dem  durch  das  Vorgebirge  von  Tala- 
mone  und  dem  M.  Argentaro  begrenzten  Golf  ergiefsen  sich  das 
Flüfschen  Osa  Osa  3)  und  die  Albinia  Albegna  ^) :  Ueberreste  der 
Römerbrücke  sind  in  der  Osa  noch  sichtbar.  Der  mons  Argenta- 
rius^)  ist  der  letzte  unter  jenen  Gebirgstocken  der  etruskischen 
Küste,  die  vermöge  ihrer  älteren  Gesteinbildung  als  Trümmer  der 
teklonischen  Hauptaxe  Italiens  betrachtet  werden  (I  222).  Er  steigt 
steil  in  zwei  Gipfeln  bis  zur  Höhe  von  635  m  an.  Rutilius  hat 
seinen  Umfang  nahezu  um  das  doppelte  überschätzt: 

tenditur  in  niedias  mons  Argentarius  undas 
ancipitt'que  iugo  caerula  curva  premit; 

transversos  colles  bis  ternis  milibus  artat, 
circuitu  ponti  ter  duodena  patet. 


1)  Diod.  IV  56,6  (aus  Timaeos);  Pol.  II  27,2;  Plut.  Mar.  41,2;  Steph.  Byz. 
Mela  II  72  Plin.  III  51,  It.  mar.  500  Talamon,  Tab.  Peut.  Geogr.  Rav.  IV  32  V  2. 

2)  Dennis  II  263  fg.  nimmt  sie  für  Vetulonium  in  Anspruch.  Eher  wäre 
an  Calelra  zu  denken  Plin.  HI  52  Liv.  XXXIX  55. 

3)  Dafs  Ptol.  III  1,4  unter  den  Flüssen  Elruriens  aufser  dem  Arno  nur 
diesen  winzigen  Bach  namhaft  macht,  ist  Zufall,  die  Nennung  indefs  ein  be- 
merkenswertes Zeugnifs  für  die  Ausführlichkeit  seiner  Vorlagen. 

4)  Tab.  Peut.  Geogr.  Rav.  IV  32  V  2;  It.  mar.  500  Alminia. 

5)  Rutil.  I  315.  Nach  Gluvers  Vermutung  Cosanum  promunturium  Tac. 
Ann.  11  39  (cod.  coram,  Lipsius  Cosam). 


310  Kapitel  V.    Etrurien. 

Von  den  Nehrungen  die  ihn  mit  dem  Festland  verbinden  und 
der  von  diesen  umschlossenen  Lagune    ward  schon  früher  (I  307) 
berichtet.      Auf  der  Spitze  der  mittleren  liegt,  an  drei  Seiten  vom 
Wasser  geschützt  (der  Damm  nach  dem  Argenlaro  stammt  aus  neuerer 
Zeit),  das  Städtchen  Orbelello.    Es  hat  eine  antike  Mauer  im  Poly- 
gonalstil,  antike    Gräber  werden   auf  dem   Isthmus   wie  innerhalb 
der  Stadt  selbst  gefunden :  den  Namen  der  antiken  Ortschaft  wissen 
wir  leider  nicht.     An  der  Nordspitze  des  Argentaro  liegt  der  portus 
Incüaria  Porto  S.  Stefano  i),  an  der  Südspilze  der  portus  Cosatms'^) 
oder  portus  Hercuh's  ^)  Porto  Ercole  genannt.    Letzterem  gegenüber 
auf  dem  Festland    wo   der  Lido,  Tombolo  di  Feniglia   an  dasselbe 
stufst,    erhebt   sich   ein    114  m  hoher   Kegel  mit  den  Ruinen  von 
Cosa.*)      Wiewol   die   Tradition   seit   Karl   dem  Grofsen  ihnen  den 
Namen  Ansedonia  beilegt,  gestattet  die  Beschreibung  Strabons  keinen 
Zweifel  über  ihre  Zugehörigkeit.    „Nach  Populonium  folgt  Cosa  eine 
Stadt  ein  wenig  oberhalb  des  Meeres;  es  befindet  sich  am  Golf  ein 
hoher  Hügel,  auf  diesem  die  Anlage;   darunter  liegt  Herculeshafen 
und   in    der  Nähe  eine  Lagune  und  an  dem  Vorgebirge  über  dem 
Golf  eine   Warte   zur   Ausschau  nach   den  Zügen  der  Thunfische." 
Die   Anlage   bildet   ein    unregelmäfsiges  Viereck   von    1470  m  Um- 
ang   und   14  ha  Flächeninhalt  (S.  39).    Die  2  m  dicke  Mauer  steht 
noch  stellenweise  in  einer  Hohe  von   10  m;  sie  ist  aus  vieleckigen 
Blöcken  die  in  den  oberen  Schichten  in  Rechtecke  übergehen,  mit 
höchster   Sorgfalt   errichtet.      Die   Angriffseite    nach   dem   Meer  zu 
wird  durch  8,  die  Südseite  durch  6  Thürme  verstärkt;    aufserdem 
linden  sich  ihrer  an  der  Ost-  2,  an  der  schmalen  Nordseite  1 ;  von 
2  von  Innen    an    die  Mauer   angelehnten  Rundthürmen  abgesehen, 
sind    die    übrigen  viereckig  in   die  Mauer  eingebaut  und  springen 
4 — 5  m    aus   der  Flucht   vor.     Die  Stadt   hat   3  Thore,  jede  Seite 
eins,  nur  die  Seeseite  bietet  eine  ununterbrochene  Wehr.    Die  Aus- 
rüstung mit  Thürmcn  weist  die  Mauer  einer  jüngeren  Epoche  zu; 
wir  dürfen  ihre  Entstehung  den  Römern  und  der  ersten  Hälfte  des 
dritten  Jahrhunderts  v.  Chr.  unbedenklich  zuschreiben.     Das  Gebiet 


1)  it.  mar.  499. 

2)  Liv.  XXII  11  XXX  39  Geogr.  Rav.  IV  32  V  2. 

3)  Sirab.  V  225  Rutil.  I  293  It.  mar.  499  Tab.  Peut. 

4)  Streb.  V  222.  225  Mela  11  72  Plin.  111  51.  81  Solion  14  (FHGr.  IV  437); 
Ptol.  III  1,4  Köaaai  Verg.  Aen.X  168  Cosac  dazu  Serv.  u.  Macrob.  Sat.  V  15,4.  7; 
It.  Ant.  292.  300  lt.  mar.  514  Tab.  Peut.  Geogr.  Rav.  IV  32  V  2  CIL.  XI  p.  415. 


§  2.    Das  Erzgebirge.  311 

ist  den  280  besiegleu  Volcienteru  abgenommen,  die  Stadt  273  als 
latinische  Colonie  gegründet  worden. i)  Der  Augenschein  lehrt  dafs 
die  Stadt  nicht  die  Gesamtheit  der  Ansiedler  aufnahm,  sondern 
vielmehr  als  Waffenplatz  zur  Beherrschung  der  Häfen  des  Argeniaro 
dienen  sollte.  Für  die  ihm  zuerkannte  Wichtigkeit  zeugt  der  Um- 
stand dafs  er  durch  die  Via  Clodia  unmittelbar  mit  Rom  verbunden 
war;  für  seine  politische  Bedeutung  zeugt  der  Umstand  dafs  er  in 
Kupfer  gemünzt  hat  (S.  73).  Die  Stürme  des  hannibalischen 
Krieges  hindurch  hielt  die  Colonie  standhaft  zu  Rom  und  schmolz 
schhefslich  so  zusammen  dafs  sie  nach  einer  199  vergeblich  vorge- 
brachten Bitte  um  Verstärkung  197  wirklich  1000  neue  Ansiedler 
zugestanden  bekam. 2)  In  der  Folge  werden  nur  die  Häfen  und 
zwar  ziemhch  oft  erwähnt.^)  Inschriften  der  Gemeinde  aus  dem 
3,  Jahrhundert  n.  Chr.  sind  erhalten,  aber  die  Stadt  sah  Rutilius 
verödet:  ceinimus  antiqnas  nullo  custode  ruinas 

et  desolatae  moenia  foeda  Cosae. 

Am  Fufs  des  Stadlhügels  künden  romische  Ruinen  den  Ort 
Succosa  an,  wo  die  binnenländische  Via  Clodia  mit  der  an  der  Küste 
hinlaufenden  Via  Aureha  zusammen  traf.^) 

Der  Flufs  Armenta  Fiora^)  stellt  die  ungefähre  Grenze  des 
vulkanischen  Gebiets  dar  (I  257).  Durch  das  zu  der  eben  be- 
schriebenen Küste  gehörende  Hinterland  führte  keine  grofse  Römer- 
strafse  von  Süden  nach  Norden;  auch  hat  die  Natur  solche  weiter 
ostwärts  in  der  Einsenkung  des  Tiber  und  Clanis  vorgezeichnet. 
Dem  toscanischen  Hügelland  fehlt  die  übersichthche  Ghedernng 
(1233):  demgemäfs  sind  die  binnenländischen  Städte  durch  Neben- 
strafsen  die  den  Flufsläufen  folgen,  mit  den  Haupllinien  verbunden. 
Unsere  Kenntnifs  dieser  wenig  besuchten  Gegenden  ist  recht  dürftig. 
—  Am  linken  Ufer  der  Albegna  30  km  von  der  Küste  nimml  Saturnia 
einen  Bergkegel  (290  m)  ein.ß)    Der  heutige  kümmerliche  Ort  bean- 


1)  Vell.  I  14  Liv.  XIV  Plin.  111  51. 

2)  Liv.  XXVII  10  XXXII  2  XXXIII  24. 

3)  Vgl.  S.  310  Ann.  1—3.  Sallust  Hist.  fr.  I  82  (p.  22.  37  Maurenbrecher), 
Caes.  b.  civ.  1  34  Cic.  Alt.  IX  6,2  9,3.  An  die  Güter  des  Domitius  erinnert  die 
Domitiana  positio  am  nördlichen  Lido,  Tombolo  della  Giannella  It.  mar.  499 
sowie  CIL.  XI  2638. 

4)  Tab.  Peut.  Geogr.  Rav.  IV  32  V  2. 

5)  Geogr.  Rav.  IV  82  V  2;  Armenita  Tab.  Peut.:  Amine  It.  mar.  499. 

6)  Plin.  III  52  Ptol.  III  1,43  Tab.  Peut.  Geogr.  Rav.  IV  36  V  2  CIL.  XI  p.  419 
Not.  d.  Scav.  1882  p.  53  fg. 


312  Kapitel  V.    Etrurien. 

sprucht  nur  einen  kleinen  ßruchtheil  der  alten  Umwallung.  Diese 
in  der  Länge  von  3  km  sclilofs  ein  uuregelmäfsiges  Viereck  mit 
50  ha  Fläche  (S.  37)  ein.  Die  vorhandenen  Mauerreste  weisen  die 
nämliche  Bauart  wie  in  Cosa  auf.  Allerlei  Ruinen  aus  römischer 
Zeit  sowie  ein  ausgedehntes  Gräberfeld  mit  eigentümHchen  rohen 
Steinsärgen  sind  vorhanden.  Aus  den  Thoren  führen  Sirafsen  mit 
tlieilweise  erhaltenem  antiken  Pflaster  südwärts  nach  Rom  zu,  in 
südweslUcher  Richtung  die  Albegna  hinunter,  in  nordwestlicher  nach 
Rusellae,  in  nördlicher  nach  Siena,  in  östlicher  nach  Volsinii.  Es 
ist  klar,  die  Stadt  kann  nicht  unbedeutend  gewesen  sein.  Nach 
der  Ueberheferung  i)  stammt  sie  aus  der  Epoche  vor  Ankunft  der 
Etrusker  und  ist  von  diesen  später  erobert  worden.  Immerhin 
schreibt  sich  der  Name  Saturnia  von  der  römischen  Colonie  des  J. 
183  v.  Chr.  her,  während  er  vordem  Anria  gelautet  halte.  Auch 
ist  sie  vordem  nicht  selbständig,  sondern  von  Caletra  (S.  309  A.  2) 
abhängig  gewesen.  Die  römische  Colonie  bestand  aus  Bürgern  der 
Tribus  Sabatina,  von  denen  Jeder  ein  Los  von  10  Juchert  zuge- 
wiesen bekam.  Dafs  die  Colonie  einem  fremden  Gemeinwesen  ein- 
gefügt wurde,  erhellt  auch  daraus  dafs  nicht  von  Beamten  eigener 
Wahl,  sondern  von  Praefecten  die  der  Praetor  aus  Rom  alljährlich 
entsandte.  Recht  gesprochen  wurde.  Wie  lange  die  Scheidung  in 
zwei  Gemeinden  innerhalb  derselben  Mauer  gedauert  habe,  ist  nicht 
zu  sagen:  jedesfalls  hörte  sie  mit  der  allgemeinen  Erlheilung  des 
Bürgerrechts  an  die  Italiker  auf.  In  den  Listen  des  Augustus  steht 
Saturnia  unter  den  Municipien,  erhielt  aber  später  den  Titel  Colonie. 
—  Zwischen  dem  Quellgebiet  des  Ombrone  einer-  und  der  nach 
Norden  in  den  Arno  fliefsenden  Elsa  anderseits  auf  einem  Hügel- 
rücken liegt  Saena  oder  colonia  Julia  Saena  Siena  319  m  ü.  Meer. 2) 
Von  einer  älteren  etruskischen  Ansiedlung  fehlt  jede  Spur;  alle 
Wahrscheinlichkeit  spricht  dafür  dafs  die  Stadt  auf  dem  den  Vola- 
terranern  abgenommenen  Gebiet  (S.  303)  von  Octavian  gegründet 
worden  sei  (S.  32).  Wie  eine  Erzählung  bei  Tacitus  beweist,  hat 
es  den  Bewohnern  an  Selbstgefühl  nicht  gebrochen.  Sie  gehörten 
zur  Tribus  Ufentina.  Mit  den  Ueberresten  des  Altertums  hat  im 
Uebrigen  der  glorreiche  Aufschwung  des  Mittelalters  gründlich  auf- 
geräumt. 

1)  Dion.  H.  1  20  Liv.  XXXIX  55  Fest.  233  iM.  App.  b.  civ.  I  89. 

2)  Plin.  III  51  Tac.  Bist.  IV  45  Ptol.  III  1,43  Tab.  Peut.  Geogr.  Rav.  IV  36 
CIL.  XI  p.  332. 


§  3.    Der  Osten.  313 


§  3.     Der  Osten. 

Das  toscanische  Hügelland  wird  im  Norden  durch  das  Arno-, 
im  Osten  durch  das  Chianathal  begrenzt  (!  232).  Der  Arno  flofs 
ehemals  nach  Süden  und  vereinigte  sich  mit  dem  Tiber  bei  Orvieto 
(I  304).  In  Folge  dessen  hängen  die  grofsen  inneren  in  der  Rich- 
tungsaxe  des  Appennin  streichenden  Längenthäler  unter  einander 
zusammen  und  bestimmen  damit  zugleich  den  Gang  des  Verkehrs. 
Drei  Hauptstrafsen  führten  und  führen  von  Rom  nach  iNorditalien: 
die  Via  Aureha  an  der  tyrrhenischen,  die  Flaminia  an  der  adriatischen 
Küste,  in  der  Mitte  durch  Etrurien  die  Cassia.i)  Die  letztgenannte 
ist  die  jüngste  unter  ihnen:  während  die  Küstenstrafsen  aus  den 
Jahren  241  und  220  v.  Chr.  stammen,  ist  diese  sei  es  154  oder 
wahrscheinlicher  125  vom  Censor  Cassius  gebaut  worden.  Die 
Römer  haben  der  Flaminia  als  der  bequemsten  den  Vorzug  ge- 
geben 2),  da  sie  nur  den  Pafs  von  Scheggia  zu  überwinden  hat  und 
sonst  ohne  plötzhche  Steigungen  in  der  Ebene  hin  läuft.  Aber  sie 
macht  einen  Umweg  von  etwa  40  km  gegenüber  der  Cassia.  Wenn 
daher  in  der  Gegenwart  die  kürzeste  und  wichtigste  Verbindungs- 
linie zwischen  Rom  und  dem  Norden  die  Mitte  der  Halbinsel  ein- 
hält, so  mufs  solche  auch  für  das  Altertum  von  hervorragender 
Wichtigkeit  gewesen  sein.  Insonderheit  erhellt  dies  aus  der  Kriegs- 
geschichte: von  Brennus  bis  auf  Hannibal  sind  all  die  gallischen 
Heerscharen  welche  die  Freiheit  Itahens  bedrohten,  durch  das  Chiana- 
thal gezogen.  Der  W^eg  selbst  konnte  nach  Beute  lüsterne  Gesellen 
iinlocken;  was  217  v.  Chr.  von  dem  Anfang  ausgesagt  wird,  gilt 
vom  Ganzen'^):  „die  Gegend  gehörte  zu  den  fruchtbarsten  Italiens,  das 
etruskische  Gefilde  zwischen  Faesulae  und  Arretium,  mit  Getreide 
und  Heerden  und  allen  Bedürfnissen  reichUch  ausgestattet."  In 
wechselnder  Breite  von  4—10  km  erstreckt  sich  das  Thal  70  km 
von  Nord  nach  Süd:  auf  seiner  Fruchtbarkeit  beruhte  vornehmhch 
der  Ruf  dessen  Etrurien  als  Kornland  bei  den  Allen  genofs  (S.  280). 
Wenn  es  durch  lange  Verwahrlosung  versumpft,  im  Mittelalter  ein 
einziger  Fieberherd  geworden  war  (I  299),  so  stand  es  zur  etrus- 
kischen  Zeit  in  kräftiger  Blüte:  eine  Fülle  von  Nekropolen  kündet 


1)  Cic.  Philipp.  XII  22. 

2)  Strab.  V  226. 

3)  Liv.  XXII  3  von  Pol.  III  80,3  82,1  auf  das  Chianathal  bezogen. 


314  Kapitel  V.     Etrurien. 

(las  Dasein  von  Ortschaften  deren  Namen  wir  nicht  kennen,  deren 
Wolstand  durch  die  Ausstattung  der  Gräber  bezeugt  wird.  Die 
günstige  Verkehrslage  rief  einen  bedeutenden  Gewerbfleifs  ins  Leben, 
der  noch  in  der  Kaiserzeit  auf  dem  Weltmarkt  seine  Geltung  be- 
hauptete. Ein  volles  Drittel  von  den  zwölf  herrschenden  Städten 
fällt  auf  diesen  Theil  des  Landes.  Sie  verfolgen  in  der  Regel  eine 
Sonderpolitik,  von  den  Seestädten  durch  die  ausgedehnten  Waldungen 
der  toscauischen  Hügel  geschieden  und  darauf  angewiesen  sich  der 
andrängenden  ümbrer  und  Kelten  zu  erwehren. 

Die  Via  Cassia  von  Florenz  bis  Arezzo  mifst  50  Millien.  Halb- 
wegs bei  S.  Giovanni  verzeichnet  das  Heisebuch  die  Station  ad 
Fines  sive  Casas  Caesarianas  ^) :  die  erste  Bezeichnung  erinnert  an 
die  alte  Grenze  des  italischen  Bundes  (I  71),  die  zweite  an  die 
Landanweisungen  Octavians  (S.  296);  zugleich  wird  hier  die  Grenze 
zwischen  den  Gemarkungen  der  beiden  genannten  Städte  anzu- 
setzen sein.  Die  übrigen  Gewährsmänner  theilen  den  Weg  nach 
anderen  Stationen  ab:  ad  Aquilam  Wirtshaus  zum  Adler^j  und  einer 
Ortschaft  unsicherer  Lesung.^)  —  Während  der  römischen  Herrschaft 
nimmt  Arretium  unter  den  ostetrurischen  Städten  den  obersten 
Platz  ein.-i)  Die  Bodengestaltung  sicherte  ihm  eine  hervorragende 
Wichtigkeit  im  Krieg  wie  \n\  Frieden.  Am  Nordende  des  Chiana- 
thals  wo  der  Arno  seine  rückläufige  Wendung  um  den  Stock  des 
I'ratomagno  beginnt  (I  304),  lehnt  es  sich  an  den  Gebirgszug  der 
die  Chiana  von  dem  oberen  Tiber  scheidet.  Indem  derart  zwei 
Einsenkungen  wie  die  Zinken  einer  Gabel  au  den  langen  südwärts 
gerichteten  Spalt  der  Chiana  ansetzen,  hat  die  kürzere,  das  Casen- 
tino,  keine  bequemen  Pässe  nach  der  adriatischen  Küste  aufzu- 
weisen. Dagegen  münden  alle  Uebergänge  welche  an  die  Sieve  und 
an  den  mittteren  Arno  führen,  naturgemäfs  in  das  Chianathal  aus: 
zumal  in  einer  Epoche  als  die  Ufer  des  unteren  Arno  noch  ver- 
versumpft waren  (S.  292)  und  keine  grofse  Heerstrafse  die  tosca- 
nische  Waldlandschaft  durchschnitt.    Aufserdem  aber  sinkt  der  den 


1)  IL  Ant.  285. 

2)  Tab.    I^eut.    ad   Aquileia   Geogr.    Rav.  IV  36    Equilia    Ptol.    III    1,43 
"AxovovXa  (Paris.  A). 

3)  Tab.  ^evii.  Bituriza  Geogr.  Rav.  IV  36  Delurnis  Ptol.  III  1,43  BirovQyia 
Guido  52  Veturris. 

4)  Strab.  V  222.  226  Plin.  IM  52  Ptol.  III  1,43  Steph.  Byz.  It.  Ant.  285  Tab. 
Peut.  Geogr.  Rav.  IV  36  CIL.  XI  p.  336. 


§  3.     Der  Osten.  315 

Tiber  und  Clanis  trennende  Bergzug  bei  Arezzo   lief  ein,   so  dafs 
man   ohne  wesentliche  Steigung   sei   es   nach  Anghiari   und  Borgo 
S.  Sepolcro  (beides  wie  es  scheint  antike  Ortschaften  unbekannten 
Namens)  sei  es  weiter  unterhalb  geradewegs  nach  Tifernum  gelangt. 
Da  begangene  Pässe  vom  oberen  Tiber  an  den  Ariminus  und  Me- 
taurus  hinüber  leiten,    so  führt    eine  ununterbrochene  Verbindung 
zwischen    den    beiden  italischen  Meeren   an  den  Mauern  Arretiums 
vorbei.     Nach   dem    Gesagten   versteht  man    dafs   dasselbe   für  die 
Vertheidigung  der  Halbinsel  einen  ähnlichen  Stützpunct  im  Westen 
wie  Ariminura  im  Osten  des  Appennin  abgab.     Im  3.  Jahrhundert 
V.  Chr.  war  es  Grenzfestung  gegen  den  feindlichen  Norden ,    unter 
deren  Schutz  die  Römer  283  und  217  den  Angriff  der  Kelten  er- 
warteten, i)     Die  Grenzfestung  ward  49  von  Caesar  besetzt,  um  nach 
der  Ueberrumpelung  von  Ariminum  auch  die  zweite  Anmarschlinie 
auf  Rom  in  seine  Gewalt  zu  bringen. 2)    Sie  diente  82  den  Marianern, 
40  dem  Octavian  als  Waffen  platz.  3)  —  Ihr  Gebiet  hat  sich  weithin 
erstreckt.     Nach  Norden  behaupteten  zwar  die  Umbrer  im  Casentino 
ein    selbständiges   Gemeinwesen    (S.  296);   aber  im   Nordosten  ent- 
sprang der  Tiber  auf  Arretiner  Grund  und  Boden  der  auch  ein  gut 
Stück  abwärts  nach  Tifernum  zu  reichte.^)     Im  Nordwesten  nahmen 
wir  die  Grenze  gegen  Florenz  bei  S.  Giovanni  am  Arno  an  (S.  314); 
indessen   ist  recht   wol   möglich   dafs   sie   in  etruskischer  Zeit  viel 
weiter  hinausgriff,   sogar  Faesulae   als  Colonie   einschlofs  (S.  294). 
Nach  Westen    stiefs    sie    mit  derjenigen   von  Volaterrae  zusammen 
(S.  302).    Endlich  gehörte  ein  ziemlicher  Theil  vom  Chianathal  hinzu. 
Im  Jahre  108  v.  Chr.  richtete  eine  Ueberschwemmung  des  stagnum 
Arretimim  schweres  Unheil  an  5):   diese  Niederung  wird  am   Clanis 
zu  suchen  sein.     Letzterer  heifst  bei  Pliuius  Arretinus^):    der  Ab- 
flufs   nach   dem  Tiber  mufs  also  jedenfalls   nördlich   von    Cortona 
begonnen   haben.     Aber  bei  der  völligen  Umgestaltung  des  Bodens 
im  vorigen  Jahrhundert  (I  305)  wird  es  schwer  halten  das  ehemahge 
Verhältnifs  von    Sumpf-   und   Ackerland  zu   einander  festzustellen. 


1)  Pol.  II  16,2  19,7  III  77,1  80,1  Liv.  XXII  2.  3  Gic.  Div.  I  77. 

2)  Caes.  b.  civ.  I  11   Gic.  Fam.  XVI  12,2  Lucan  II  462  Flor.  II  13,19. 

3)  Appian  b.  civ.  I  91  III  42. 

4)  Plin.  III  53  CIL.  XI  1843. 

5)  Obseq.  40  vgl.  49.  52.  53.  54. 

6)  Plin.  III  54.     Der  Aulaut  schwankt  zwischen  Media  undTenuis:  Glanis 
Plin.  a.  0,  App.  b.  civ.  I  89  Clanis  Strab,  V  235  Tac.  Ann.  I  79. 


316  Kapitel  V.     Etrurien. 

Die  Fruchtbarkeit  ist  die  gleiche  wie  am  oberen  Tiber  (I  463):  der 
Weizen  der  im  Altertum  hier  Jahraus  Jahrein  gebaut  wurde  (I  449), 
war  berühmt;  auch  der  auf  den  Hügeln  gezogene  Wein  stand  in 
gutem  Ansehen.^)  —  Neben  dem  Ackerbau  unterhielt  Arretium  ein 
ausgedehntes  Gewerbe:  205  v.  Chr.  lieferte  es  an  Scipio  3000  Schilde, 
ebenso  viel  Helme,  50  000  Lanzen  und  Wurfspiefse ,  Aexte  Spaten 
Sicheln  Kürbe  Älühlen  für  40  Schiffe,  120  000  Scheffel  Weizen  nebst 
einer  Beisteuer  für  das  Zehrgeld  der  Ruderer. 2)  Dafs  die  Metalle 
des  Erzgebirges  hier  verarbeitet  wurden,  hat  offenbar  darin  seinen 
Grund  dals  die  Stadt  einen  Hauplmarkt  der  inneren  Halbinsel  dar- 
stellte. Dem  entsprechend  hat  sie  auch  aller  Wahrscheinlichkeit 
nach  in  Kupfer  gemünzt.  Das  Florentiner  Museum  bewahrt  be- 
achtenswerte Beispiele  (Chimaera,  Minerva)  der  in  der  Metallarbeit 
erreichten  Vollendung.  Mit  dem  Aufhören  des  etrurischen  Berg- 
baus wendet  Arretium  sein  ganzes  technisches  Können  der  Töpferei 
zu.  Der  Diluvialboden  der  Umgegend  birgt  reiche  Thonlager  vor- 
züglicher Güte.  Daraus  ist  jenes  rote  Arretiner  Geschirr  gefertigt, 
das  in  der  römischen  Welt  eine  ähnliche  Verbreitung  erlangte  wie 
bei  uns  in  Deutschland  Meifsner  Porcellan.3)  Die  getriebene  Arbeit 
in  Silber  wird  hier  von  griechischen  Künstlern  mit  Glück  auf  Thon 
übertragen :  einzelne  Stücke  zeugen  von  wahrer  Schönheit.  Ein 
Dutzend  gröfsere  Werkstätten  sind  im  Umkreis  der  Mauer,  auch 
wol  in  weiterer  Entfernung,  festgestellt  worden.  Ihre  Thätigkeit 
läfst  sich  vom  zweiten  vor-  bis  ins  erste  nachchristliche  Jahrhundert 
verfolgen.  Ihr  Absatzgebiet  umfafst  Italien  Spanien  Südfrankreich 
Rheinland,  weniger  die  übrigen  Provinzen.'*)  —  Die  Ueberlieferung 
erwähnt  die  Stadt  in  der  Epoche  der  römischen  Tarquinier.^)  Die 
Furcht  vor  den  Kelten  hat  sie  vermutlich  von  der  Betheiligung  an 
den  Bundeskriegen  gegen  Rom  abgehalten.  Der  310  v.  Chr.  abge- 
schlossene Vertrag  wurde  zwar  301  durch  einen  Aufstand  der  das 
Herrschergeschlecht  der  Cilnier  zu  stürzen  suchte,  gestört  aber 
bereits  294  wieder  erneuert. c)     Als  der  hannibalische  Krieg  sich  in 

1)  Plin.  XVllI  87  XIV  36  CIL.  X  8056,1.  —  Plin.  XXVI  87  Nepos  AU.  14,3 
Tibull  IV  8,4. 

2)  Liv.  XXVIII  45. 

3)  Plin.  XXXV  160  Martial  I  53,6  XIV  98  Isidor  Or.  XX  4,5  Antli.  Lat.  259 
Riese  Macrob.  II  4,12  iaspi  figulo/'um. 

4)  Ihm  CiL.  XI  p.  1081  —  1160.    Ders.  Bonner  Jalub.  GII  (1898)  p.  106fg. 

5)  Dion.  H.  III  51. 

6)  Liv.  IX  32.  37  Diod.  XX  35  Liv.  X  3.  37. 


§  3.     Der  Osten.  317 

die  Länge  zog,  drohte  der  Abfall  und  mislang  nur  durch  das 
schleunige  Eintreffen  römischer  Truppen.')  Arretium  ergriff  in  der 
Folge  die  Partei  der  Marianer  und  wurde  mit  Gebietsverlust  sowie 
der  Entziehung  des  Bürgerrechts  bedroht.  Letztere  kam  nicht  zur 
Ausführung,  dagegen  hat  Sulla  Veteranen  angesiedelt  und  mit  Land 
ausgestattet.2)  Somit  war  ein  neuer  Nährboden  für  Catilina's  Um- 
triebe bereitet.3)  Späterhin  hat  Octavian  gleichfalls  Colonisten  her- 
geführt, so  dafs  die  Stadt  in  die  drei  Sondergemeinden  der  Arretini 
Veteres  Arretini  Fidentiores  Arretini  Julienses  zerfiel.^)  Die  Ab- 
grenzung der  Sonderrechte  innerhalb  der  gemeinsamen  Verfassung 
ist  unbekannt:  die  Vertretung  durch  Duovirn  und  Decurionen,  die 
Zugehörigkeit  zur  Tribus  Pomptina  erstreckt  sich  auf  alle  gleich- 
mäfsig.  Unter  der  Monarchie  hat  Cilnius  Maecenas  Arretium  berühmt 
gemacht;  gelegentlich  wird  das  Selbstgefühl  seiner  Bewohner  ver- 
spottet. 5)  —  Die  Topographie  bietet  eine  wesentliche  Schwierigkeit. 
Arretium  war  nach  Vitruv's  Zeugnifs  von  einer  alten  Mauer  aus 
Luftziegeln  umgeben  6);  dafs  diese  spurlos  verschwunden  ist,  kann 
die  Vergänglichkeit  des  Materials  sowie  wiederholte  Zerstörung  und 
Neubau  im  Mittelalter  erklären.  Das  heutige  Arezzo  liegt  in  der 
Ebene  und  steigt  nur  nach  Norden  beim  Dom  30—40  m  an. 
Mancherlei  Ueberreste  zu  denen  ein  Amphitheater  gehört,  beweisen 
unzweideutig  dafs  die  römische  Stadt  die  nämliche  Stelle  einnahm. 
Nicht  minder  beweisen  zahlreiche  etruskische  Gräber  die  innerhalb 
derselben  aufgedeckt  wurden,  dafs  dieser  Boden  in  älterer  Zeit  nicht 
ummauert  war.  Nun  hat  der  verdiente  Localforscher  Gamurrini 
Beste  einer  Quadermauer  entdeckt,  die  in  unregelmäfsiger  Gestalt 
um  die  heutige  Fortezza  streicht  und  eine  Länge  von  ungefähr 
2  km  erreicht.")  Die  Bichtigkeit  der  Beobachtungen  vorausgesetzt, 
wird  man  in  dieser  Citadelle  die  Altstadt  mit  etwa  15  ha  Flächeninhalt, 
den  Sitz  der  herrschenden  Geschlechter,  der  Cilnier  und  später  der 


1)  Liv.  XXVII  21.22.24. 

2)  Cic.  pro  Caec.  97  pro  Mur.  49  Att.  I  17,4. 

3)  Sali.  Cat.  36  Cic.  pro  Mur.  49. 

4)  Feldm.  215  Laclim.  Plin.  III  52.     CIL.  XI  1849  decuriones  Arretinorum 
veteriian)  eb.  6675,1  Ziegelstempel  {reipublicae)  col{onorum)  F id(entiorum). 

5)  Sil.  It.  VII  29  Pers.  1,129. 

6)  Vitr.  II  8,9  daraus  Plin.  XXXV  173. 

7)  Vgl.  die    Kartenskizze    CIL.  XI    p.   1082    Not.  d.  Scavi    1883   p.    262 
1887  p.  437. 


318  Kapitel  V.     Etriiiieii. 

romischen  Coloiiisten  zu  erblicken  haben.  Dazu  müfsle  denn  in 
etruskischer  Zeit  eine  bedeutende  Stadterweiterung  gekommen  sein, 
zu  deren  Schutz  die  erwälinte  Lehmmauer  diente.  Andere  haben 
den  Ort  wo  die  Zwülfstadt  in  ihrer  Machtfülle  gestanden  hat,  in 
der  Ferne  gesucht:  der  von  Dennis  in  Vorschlag  gebrachte  4  km 
nach  Südost  gelegene  Hügel  Poggio  di  San  CorneHo  genügt  den 
Erwartungen  nicht.  Eine  Verlegung  kann  wie  in  anderen  Fällen 
sei  es  auf  Rechnung  der  römischen  Politik,  sei  es  auf  die  in  Folge 
des  Landfriedens  gesteigerten  Bedürfnisse  des  Verkehrs  geschoben 
werden.  Der  ortlichen  Untersuchung  bleibt  eben  eine  wichtige 
Aufgabe  zu  lösen  übrig. 

Abseits  der  grofsen  Landstrafse  28  km  südlich  von  Arezzo  liegt 
die  ßergstadt  CortonaJ)  Mit  einem  Umfang  von  etwa  2700  m  und 
einem  Inhalt  von  40  ha  (S.  37)  ein  langgezogenes  Rechteck  bildend, 
steigt  ihre  aus  grofsen  Sandsteinbl()cken  wagerecht  geschichtete 
Mauer  bis  zum  Gipfel  der  Anhöhe  hinaul',  den  die  Arx  die  heutige 
Fortezza  einnimmt  (660  m).  Von  der  Mauer  abgesehen  sind  nur 
geringfügige  Baureste  erhalten;  aber  ein  Kronleuchter  im  Museum 
von  Cortona  liefert  einen  neuen  Beweis  für  die  Vortrefflichkeit 
etruskischer  Erzarbeit.  Der  Name  der  Stadt  ist  von  den  Hellenen 
ihrer  mythischen  Geschichte  früh  einverleibt  worden :  Theopomp 
läfst  den  Odysseus  hier  seine  Tage  beschliefsen  2) ;  nach  den  Dichtern 
hat  Corylhus  der  Sohn  Juppiters  die  Stadt  besessen,  Corythus  Sohn 
ist  Dardanus  der  Gründer  Troia's.^)  Wie  ihr  etruskischer  Name 
gelautet  habe,  wissen  wir  nicht:  die  Kupfermünzen  die  ihr  ver- 
mutungsweise beigelegt  werden,  sind  nur  durch  den  Anfangsbuch- 
staben C  bezeichnet.  Die  älteren  Hellenen  geben  ihn  durch  die 
ihnen  geläufige  Form  Kqotiov  wieder.'*)  Nach  der  durch  Hellanikos 
vertretenen  Ueberlieferung  des  5.  Jahrhunderts  v.  Chr.  haben  die  vom 
Po  einwandernden  Etrusker  die  Stadt  den  Umbrern  entrissen  und 
zum  Stützpunct  für   die  Eroberung  des  ganzen   Landes  gemacht.'') 


1)  Pün.  III  52  Ptol.  III  1,43. 

2)  Lykophr.  AI.  8ü5f^.  dazu  Scliol.  Theopomp  fr.  114  wie  Lykophron  geben 
die   Form  roQXvpaia. 

3)  Verg.  Aen.  lil    170    VII  209  IX  10   X  719   dazu  ScIiol.  Sil.  It.  IV  720 
V  123  Rutil.  I  600. 

4)  Dion.  H.  (Hellanikos)  I  20.  26.  28.  29  Theopomp.  (A.  2)  Poorwaia  Pol.  IH 
82,9  KvQrcüviov. 

5)  Dion.  H.  a.  0.  Steph.  Byz.  TvQprjvias  ftrjxQonoXi?. 


§  3.     Der  Osten.  319 

Sie  gehörte  wie  Perusia  und  Arretium  zu  den  herrschenden  Bundes- 
gliedern und  schlofs  gleich  jenen  310  v.  Chr.  Frieden  mit  Rom.i) 
In  der  Folge  wird  sie  nicht  mehr  erwähnt,  fehlt  auch  unter  den 
Gemeinwesen  welche  205  die  Rüstung  Scipio's  unterstützten:  ein 
deutlicher  Beweis  dafs  sie  weder  durch  Gebiet  noch  durch  Reichtum 
hervorragte.  Ob  Cortona  gleich  seinen  Nachbarn  zu  den  Marianern 
hielt  und  zur  Strafe  Veteranen  Sulla's  aufnehmen  mufste,  ist  zweifel- 
haft. 2)  Die  spärlichen  Inschriften  weisen  die  Bürgerschaft  der  Tribus 
Stellatina  zu. 3) 

Bei  Cortona  gabelt  sich  die  Einsenkung  des  Chianathales:  der 
längere  und  schmälere  Westarm  reicht  bis  zum  Tiber,  der  kürzere 
Ostarm  endigt  im  Trasimener  Becken.  Der  lacns  Trasumenus  be- 
deckt eine  Fläche  von  120  Dkm. 4)  Seine  rundliche  und  durch 
Buchten  belebte  Gestalt  mifst  in  gröfster  Ausdehnung  von  Nord 
nach  Süd  und  von  West  nach  Ost  je  15  km.  Zwei  Vorgebirge, 
die  Landzunge  von  Castiglione  von  Westen ,  der  Monte  del  Lago 
von  Osten  her  engen  ihn  in  der  Mitte  ein:  in  der  südlichen  Hälfte 
liegt  die  Isola  Polvese,  in  der  nordlichen  die  Isola  Maggiore  und 
I.  Minore.  Die  Schwemmstoffe  der  einmündenden  Bäche  haben  die 
Tiefe  nachgerade  auf  7  m  vermindert,  so  dafs  seine  bereits  von 
Napoleon  I,  geplante  Austrocknung  nur  eine  Frage  kurzer  Zeit  ist 
(I  298).  Bei  einer  Meereshohe  von  257  m  ist  das  Becken  rings 
von  Hügeln  eingefafst  die  mit  Olivenhainen  bepflanzt,  im  Süden  bis 
600 ,  im  Norden  bis  670  m  ansteigen.  Nur  im  Nordwesten  bei 
Borghetto  reicht  in  einer  Breite  von  3  km  das  Chianathal  unmittel- 
bar an  den  See;  sonst  stellt  er  sich  dem  Auge  des  Beschauers  der 
ihn  von  einem  höheren  Standort  überblickt,  durchaus  als  einge- 
schlossenen Kessel  dar.  Da  ein  natürlicher  Abflufs  fehlt,  ist  sein 
Wasser  auf  Verdunstung  angewiesen;  um  den  Ueberschufs  zur 
Regenzeit  abzuführen  ist  an  der  Südostecke  ein  unterirdischer 
Stollen  gegraben  worden  (I  298).  —  Der  Name  des  Sees  rief  den 


1)  Diodor  XX  35,5  Liv.  IX  37. 

2)  Allenfalls  aus  Dion.  H.  I  26  zu  folgern,  wenn  nicht  eine  Verwechslung 
mit  Kroton  vorliegt. 

3)  CIL.  X!  p.  349. 

4)  Pol.  III  82,9  TaQotfievrj;  die  Schreibung  der  besten  Handschriften  ist 
Trasumenus  oder  Trasumenntis  Cic.  Brut.  57  pro  S.  Roscio  89  de  deor.  nat.  II  8 
de  divin.  II  21  Liv.  XXII  4  Strab.  V  226  Quintil.  1  5,13;  daneben  Trasymenus 
und  Ti-asimenus  Flor.  1  22,13  Val.  Max.  I  6,6  III  7  ext.  6  IV  8  ext.  1  IX  11 
ext.  4  12,2  Oros.  IV  15,5  fg.  SiL  It.  V  8  fg.  Plin.  H  200.  241. 


320  Kapitel  V.     Etrurien. 

Römern  die  Mederlage  ins  Gedächtnifs,  der  Consul  FInminius  mit 
seinem  Heere  im  Frühjulir  217  zum  Opfer  fiel.  Das  Schlachlfeld  i) 
ist  am  Nordufer  zu  suchen,  an  dem  die  Strafse  von  Cortona  nach 
Perusia  hinläuft. 2)  Hier  haben  die  Bergwasser  mit  ihren  Schult- 
massen  eine  ehemalige  Seebucht  ausgefüllt  und  eine  kleine  Ebene 
geschaffen.  Die  Ebene  im  Westen  vom  M.  Giialandro,  im  Osten 
von  der  Anhöhe  mit  dem  Capuzinerkloster  vor  Passignano  begrenzt, 
ist  6 — 7  km  lang  und  1 — 3  km  breit.  Ihre  Form  kann  man  einem 
Bogen  vergleichen;  denn  wie  bei  diesem  der  Handgriff  zwischen 
zwei  gekrümmten  Bogenarmen  vorspringt,  so  schnürt  die  Berghöhe 
welche  das  Dorf  Tuoro  trägt,  den  Thalgrund  in  der  Mitte  zusammen, 
zu  beiden  Seiten  zwei  gröfsere  Ausbuchtungen  frei  lassend.  Wenn 
man  verfolgt  wie  die  Bäche  (namentlich  der  grüfste  unter  ihnen, 
der  Macchiarone  oder  Sanguinetlo  zwischen  M.  Gualandro  und  Tuoro) 
dem  See  andauernd  Boden  abgewinnen,  zunächst  in  schilfbewach- 
senen Sumpf  umwandeln,  allmählich  erhöhen  und  austrocknen,  so 
erscheint  es  unzweifelhaft  dafs  der  Uferrand  vor  zwei  Jahrtausenden 
weit  schmäler  war  als  er  gegenwärtig  ist.  Das  Verständnifs  der 
Schlacht  bietet  keine  Schwierigkeit.  Hannibal  war  an  dem  römi- 
schen Lager  vorbeigerUckt,  halte  das  Chianathal  verwüstet  und  sich 
scheinbar  am  nördlichen  Ufer  des  Trasimeniis  nach  Umbrien  zu 
gewandt  um  die  von  Ariminum  her  im  Anmarsch  begriffene  Ost- 
armee der  Römer  abzufassen.  Wie  seine  Pflicht  war,  folgte  Flami- 
nius  dem  Feinde,  wurde  aber  frühmorgens,  am  freien  Umblick  durch 
einen  über  dem  See  lagernden  Nebel  verhindert,  bei  dem  Durch- 
zug zwischen  M.  Gualandro  und  Tuoro  überfallen.  Hannibal  hatte 
seine  Kernlruppen  auf  der  Höhe  von  Tuoro,  daran  anschliefsend 
nach  Osten  die  Leichlbewaflneten  aufgestellt,  während  die  Kelten 
mit  der  Reiterei  am  M.  Gualandro  standen.  Der  gröfste  Theil  der 
römischen  Marschcolonne  hatte  bereits  den  Durchgang  zwischen  M. 
Gualandro  und  dem  See  passirt  und  näherte  sich  dem  Centrum 
Hannibals,  als  dieser  das  Zeichen  zum  Angriff  gab.  Seine  Reiterei 
warf  sich  auf  den  Nachtrab  in  der  Ebene  bei  Borghetto  aufserhalb 

1)  Rliein.  Mus.  XXII  580  fg. 

2)  Dennis  II 2  413:  happy  tlie  man  who  witli  mind  open  to  Ihe  influences 
of  Nature  journeys  on  a  briglit  day  froin  Cortona  to  Perugia!  He  passes 
ttirougli  some  of  ihe  most  beauliful  scenery  in  all  beautiful  Italy,  by  the  most 
lovely  of  lakes,  and  over  ground  hallowed  by  events  among  ttie  most  memo- 
rable  in  the  history  of  the  ancient  world. 


§  3.     Der  Osten.  321 

der  Enge  und  trieb  ihn  in  die  Enge  hinein.  Sein  Fufsvolk  fiel 
den  Legionen  in  die  Flanke,  deren  tapferer  Widerstand  an  dem 
Schicksal  des  Tages  nichts  zu  ändern  vermochte.  Solches  war  durch 
die  Oertlichkeit  von  vornherein  besiegelt. ^ 

Der  Trasimenus  liegt  an  der  Grenze  der  Stadtgebiete  von  Cor- 
tona  Clusium  und  Perusia.  Die  Entfernung  von  Cortona  nach 
Perusia  beträgt  reichlich  30  Millien.  Der  Weg  läuft  das  ganze 
INordufer  des  Sees  entlang,  überschreitet  dann  den  Monte  del  Lago 
und  langt  im  Thal  des  Caina  an,  von  dem  aus  der  lange  Anstieg 
beginnt.  Perusia'^),  die  Altstadt  des  heutigen  Perugia,  thront  auf 
einem  Hügelknoten  520  m  ü.  M.,  während  der  Tiber  an  seinem 
Fufs  bei  Ponte  S.  Giovanni,  der  nach  Umbrien  hinüber  führenden 
Brücke,  eine  Meereshöhe  von  166  m  hat.  Die  Länge  der  alten 
Mauer  mifst  ungefähr  2800  m;  viele  Reste  davon,  vereinzelt  bis  zur 
Höhe  von  10 — 15  m,  sind  vorhanden,  auch  6  Thore  kenntlich. 
Die  unregelmäfsige  Form  der  Stadt  wird  durch  das  Zusammenstofsen 
zweier  Hügel  bewirkt:  sie  nimmt  einen  von  INNO  nach  SSW  ge- 
richteten Rücken  mit  ungefähr  750  m  Länge  und  300  m  Breite  ein, 
dazu  einen  zweiten  nach  Wi\W  gewandten  mit  einer  quadratischen 
Erweiterung  von  300  m  Seitenfläche.  Der  von  der  Mauer  um- 
schlossene Raum  stellt  sich  auf  etwa  32  ha:  wahrscheinlich  kamen 
ausgedehnte  Vorstädte  hinzu.  Die  hochragende  Stadt  ist  in  den 
umbrischen  Gauen  weithin  sichtbar.  Dafs  der  Tiber  sie  von  diesen 
ausschliefsen  soll,  beruht  auf  Willkür;  die  Stellung  als  Hauptstadt 
Umbriens  die  sie  im  Mittelalter  wie  der  Gegenwart  einnimmt,  kommt 
ihr  von  Natur  zu.  In  ihrem  Bereich  trifft  das  grofse  umbrische 
Thal  mit  dem  des  Tiber  zusammen;  von  hier  gehen  wichtige  V^er- 
kehrswege  nach  allen  Richtungen  der  Windrose  aus:  nordwärts  die 
beiden  Strafsen  nach  dem  Chianathal,  südlich  vom  Trasimenus  nach 
Clusium,  nördlich  vom  Trasimenus  nach  Cortona,  sodann  nordwärts 
nach  dem  oberen  Tiberthal,  nordöstlich  nach  Iguvium  und  dem 
Appenninübergang  von  Scheggia,  südöstlich  durch  die  städtereiche 
umbrische  Ebene,  südwärts  den  Tiber  hinab.  Damit  ist  zugleich 
die  strategische  Wichtigkeit  des  Platzes  ausgesprochen,  die  durch 
eine  ungewöhnliche  Festigkeit  gesteigert  wurde.    Die  Ueberlieferung 


1)  Pol.  m   82  fg.  Liv.  XXII  4 fg.  App.  Hann.  10  Ov.  Fast.  VI  765  Plin.  II 
241  Sil.  It.  V  1  fg. 

2)  Strab.  V  226  Plin.  III  52.  53  Ptol.  III  1,43  Tab.  Peut.  Geogr.  Rav.  IV  33 
CIL.  XI  p.  352. 

Nissen,  Ital.  Laadeskonde.    IL  21 


322  Kapitel  V.    Etrurien. 

welche  seine  Besiedlung  den  Sarsinaten,  dem  grofsen  nördlichen 
Ast  des  umbrischen  Stammes  zuschreibt,  verdient  allen  Glauben. i) 
in  der  Folge  haben  die  Etrusker  sich  seiner  bemächtigt  und  eine 
Zwingburg  der  umbrischen  Lande  daraus  gemacht.  Dies  erhellt 
aus  der  Geschichte  der  Samniterkriege.^)  Durch  das  verbündete 
Umbrien  dringt  Consul  Fabius  310  v.  Chr.  gegen  die  ostetrurischen 
Städte  vor  und  nötigt  sie  durch  harte  Schläge  zum  Frieden.  Perusia 
bricht  ihn  sofort,  mufs  sich  aber  nach  einer  neuen  Niederlage  309 
ergeben  und  römische  Besatzung  aufnehmen ;  295  ist  es  wieder  unter 
Waffen  und  läfst  erst  nach  blutiger  Lehre  vom  Widerstand  294  ab. 
Die  Herrschaft  über  die  kleinen  Nachbargemeinden  jenseit  des  Tiber, 
Arna  Asisium  ürvinum  Vettona  usw.  war  damit  zu  Ende.  Immerhin 
verbheb  der  alten  Zwölfstadt  (S.  280)  ein  ansehnliches  Gebiet;  sie 
stellte  216  eine  Cohorte  von  460  Mann  zum  Bundesheer,  unter- 
stützte Scipio  205  mit  Getreide  und  Bauholz. 3)  Die  umliegenden 
Gräber,  unter  denen  dasjenige  der  Volumnier  besonders  bekannt  ist, 
zeugen  von  Wolstand  wie  zähem  Festhalten  an  heimischer  Sprache 
und  Sitte.  Die  Etruskerstadt  ging  ini  März  40  v.  Chr.  zu  Grunde. 
L.  Antonius  nahm  im  Herbst  41  in  der  Festung  seine  Zuflucht, 
wurde  von  Octavian  mit  7  Millien  langen  Werken  eingeschlossen 
und  durch  Hunger  bezwungen.  Die  Stadt  ward  mit  einziger  Aus- 
nahme der  Tempel  des  Vulcan  und  der  Juno  eingeäschert,  der  Bat 
dem  Henker  überantwortet,  die  Bevölkerung  gröfstenteils  vernichtet. 
Der  Sieger  gab  die  Brandstätte  nebst  einem  Umkreis  von  einer  Millie 
zur  beliebigen  Besitznahme  preis. 4)  Nach  dem  Ausweis  von  In- 
schriften hat  er  später  als  Kaiser  das  Gemeinwesen  wieder  her- 
gestellt.^) Andere  Inschriften  lehren  dafs  der  von  hier  gebürtige 
Kaiser  C.  Vibius  Trebonianus  Gallus  (251 — 53)  die  Heimat  zum  Bang 
einer  Colonie  erhob:  Colonia  Vibia  Augusta  Perusia  heifst  sie  auf 
einem    Stadllhor.6)     Schon   vorher   führten   die  Bürgermeister  den 


1)  Serv.  V.  Aen.  X  201,  eb.  198  etruskischer  Gründer.  Justin  XX  1,11 
führt  den  Ursprung  auf  die  Achaeer  zurück. 

2)  Diod.  XX  35.  44  Liv.  IX  35.  37.  40  X  30.  31.  37. 

3)  Liv.  XXIIl  17  XXVIII  45. 

4)  App.  b.  civ.  V  32—49  Dio  XLVIII  14  L  9  Liv.  CXXVI  Flor.  II  16  Oros. 
VI  18,2  Vell.  II  74  Suet.  Aug.  14.  15.  96  Tib.  4  Tac.  Ann.  V  1  Hist.  I  50  Plin.  V I 
148  Seneca  de  dem.  I  11,1  Prop.  II  1,29  Lucan  I  41  Serv.  V.  Aen.  VI  833  und 
die  Schleuderkugeln  Ephem.  ep.  VI  p.  52  fg. 

5)  CIL.  XI  1922.23. 

6)  CIL.  XI  1926  fg. 


§  3.     Der  Osten.  323 

Titel  Duovirn ;  die  Gemeinde  gehürt  zur  Tribus  Tromentina ;  von 
anderen  Einzelheiten  sehen  wir  ab.i)  Im  6.  Jahrhundert,  als  Gothen 
und  Oströmer  um  den  Besitz  kämpften,  wird  Perusia  die  erste  Stadt 
Tusciens  genannt  2);  unter  den  Langobarden  Herzogtum  wird  es  zu 
Umbrien  gerechnet,  mit  dem  wie  oben  bemerkt  ursprüngliche  Stammes- 
gemeinschaft bestanden  hatte. 3) 

Die  Peutingersche  Karte  verzeichnet  eine  Strafse  die  von  Clusium 
über  Perusia  am  linken  Tiberufer  hinab  nach  Tuder  und  Ameria 
führt;  die  Entfernung  der  beiden  Zwölfstädte  von  einander  beträgt 
38Millien.  Der  westliche  Arm  des  Chianathals,  durch  einen  3 — 400m 
hohen  Rücken  vom  Trasimenus  getrennt,  schrumpft  nach  Süden 
zu  bis  auf  eine  Breite  von  2  km  ein.  Zwischen  den  länglichen 
Seen  von  Montepulciauo  (3  Dkm)  und  Chiusi  (8  Gkm)  ist  gegen- 
wärtig die  Wasserscheide  zwischen  Arno  und  Tiber  künstlich  herge- 
richtet (I  305).  Der  von  Strabo  erwähnte  lacus  Clusinus  umfafste 
beide  Becken  und  stellte  eine  natürliche  Thalsperre  dar  die  der 
Stadt  ihren  lateinischen  Namen  verlieh.^)  Chisntm  hiefs  ehedem 
Camars ^):  die  ihm  beigelegten  etruskischen  Kupfermünzen  (S.  74) 
tragen  die  Anfangsbuchstaben  Cha;  die  Uebereinstimmung  des 
Namens  mit  demjenigen  der  Camerter  weist  ihm  einen  umbrischen 
Ursprung  zu  (I  506).  In  der  ältesten  annalistischen  Ueberlieferung 
ist  er  noch  gebraucht,  aber  um  die  Mitte  des  zweiten  Jahrhunderts 
V.  Chr.  durch  den  lateinischen  verdrängt  gewesen.  Wie  weit  sich 
der  See  ehedem  über  seine  jetzige  Ausdehnung  hinaus  nach  dem 
Stadthügel  zu  erstreckt  habe,  ist  nicht  zu  sagen.  Die  Stadt  Hegt 
147  m  höher  als  der  See  auf  einem  von  Nordwest  nach  Südost 
lang  hingestreckten  Rücken  der  sich  nach  einer  Einsattlung  weiter 
nach  Norden  fortsetzt.  —  Die  Stadt  beherrscht  den  Durchzug  durch 
das  Chianathal  und  damit  überhaupt  den  geraden  Weg  nach  Rom. 
Man  kann  sie  nur  mit  grofsem  Zeitverlust  umgehen.  Nach  Westen 
erheben  sich  die  Berge  von  Cetona  (1142  m)  und  daran  anschliefsend 
derM.  Amiata  (1732  m),  die  Strafse  welche  heute  dies  unruhige  Berg- 


1)  Plin.  XXVI  3  CIL.  XI  p.  353. 

2)  Prokop  b.  Goth.  I  16.  17  II  11  III  6.  12.  23.  25.  35  IV  33. 

3)  Panl.  h.  Lang.  II  16  IV  8  VI  54. 

4)  Strab.  V  226.     Die  gleiche  Namenbildung  am  Velinus  Clusiolum  supra 
Interamnam  Plin.  III  114,  an  der  latinischen  Küste  Clostra  Romana  eb.  57. 

5)  Liv.  X  25  Pol.  II  19,5.     Der    letztere   hat  die  Identität  der  KafisQxicov 
xdqa  mit  dem  c.  25,2  erwähnten  KXov<hov  nicht  erkannt. 

21* 


324  Kapitel  V.     Etrurien. 

land  (I  254)  von  Nord  nach  Süd  durchschneidet,  hat  eine  Höhe  von 
910  in  zu  überwinden.  Ini  Osten  bietet  die  Hügehnasse  zwischen 
Chiana  und  Tiber  ein  Hindernifs.  Wenn  im  Altertum  der  Weg  bei 
Clusium  verlegt  war,  blieb  einem  auf  Rom  zu  rückenden  Feind 
nichts  übrig  als  entweder  nach  der  etrurischen  Seeküste  oder  nach 
Umbrien  abzuschwenken.  Die  strategische  Bedeutung  wird  durch 
die  Kriegsgeschichte  erläutert.  Als  die  Kelten  391  Clusium  be- 
lagerten ,  mischten  sich  die  Römer  ein  und  lulirten  dadurch  die 
Zerstörung  der  eigenen  Vaterstadt  herbei. i)  Der  innere  Zusammen- 
hang der  Operationen  des  entscheidenden  Jahres  295  wird  nicht 
überliefert;  aber  das  erste  Treffen  vor  der  Schlacht  bei  Sentinum 
erfolgt  bei  Clusium.2)  Bis  hierher  gelangen  die  Kelten  bei  dem 
grofsen  Einfall  225.'')  Im  Bürgerkrieg  82  haben  die  Marianer  bei 
Clusium  Stellung  genommen  und  zwei  blutige  Schlachten  geliefert.'*) 
Endlich  im  Gothenkrieg  spielt  die  Festung  wieder  eine  Rolle. ^) 
Ihre  Entfernung  von  Rom  beträgt  auf  der  Via  Cassia  102  Millien.^) 
—  Von  der  alten  Mauer  sind  Reste  vorhanden;  jedoch  reichen  sie 
nicht  aus  um  den  Umfang  von  Clusium  zu  bestimmen  der  den- 
jenigen des  heutigen  Chiusi  weit  übertraf.  Im  Mittelalter  hatte  das 
Fieber  das  in  der  ganzen  Thalspalte  seinen  Hauptsitz  aufgeschlagen, 
den  Ort  entvölkert  (1  299);  auch  jetzt  noch  tragen  die  Ausdünstungen 
der  Seen  keineswegs  zur  Gesundheit  bei.  Aber  die  Fruchtbarkeit  des 
Bodens  ist aufserordentHch  :  Getreide  trägt  in  der  Regel  10 — 12  fach; 
es  kommen  auch  Ernten  von  20,  ja  Ausnahmsweise  von  40  Körnern 
vor.  Im  Altertum  wurde  vortrelflicher  Spelt  gebaut,  war  ferner 
der  Wein  bekannt.'')  Von  der  Dichtigkeit  der  Besiedlung  gewähren 
die  Nekropolen  ein  überraschendes  Bild.  Nach  ihrem  Ausweis  haben 
Ortschaften  in  Montepulciano  Chianciano  Sarteano  Cetona  bereits  in 
früher  Zeit  bestanden.  Es  würde  zwecklos  sein  all  die  einzelnen 
Fundstätten  im  Chianathal  die  das  Dasein  von  Dörfern  oder  Flecken 
bezeugen,  aufzuzählen ,  da  wir  deren  Namen  nicht  kennen.  Aber 
Erwähnung  verdient  dafs  die  neue  Sammlung  der  etruskischen  In- 


1)  Diod.  XIV  1 13  Liv.  V  33  fg.  Dion.  H  Xlü  11  Plut.  Cam.  17  App.  Kelt.  2. 

2)  Liv.  X  25  Pol.  II  19,5. 

3)  Pol.  11  25,2. 

4)  App.  b.  civ.  1  89.  92  Vell.  II  28  Liv.  LXXXVIII  Plin.  VIH  221. 

5)  Piokop  b.  Golh.  II  11.  13. 

6)  Strab.  V  226  II.  Ant.  285  Tab.  Peut.  Geogr.  Rav.  IV  36. 

7)  Colum.  II  6  Plin.  XIV  38  XVIII  66.  87  Martial  XIII  8. 


§  3.     Der  Osten.  325 

Schriften  unter  Chiusi  die  unerhörte  Zahl  von  nahezu  3000  ver- 
zeichnet. Nicht  minder  bekundet  die  Ausstattung  der  Grabkammern 
den  von  den  Alten  gepriesenen  Reichtum  der  Landschaft.  Von  dem 
mafslosen  Aufwand  mit  dem  die  Etrusker  die  äufsere  Erscheinung 
der  Gräber  schmückten^  dient  die  ausführliche  Beschreibung  die 
Varro  von  dem  sog.  Labyrinth,  dem  Denkmal  des  Königs  Porsena 
entworfen  hat,  als  Beispiel. i)  Dasselbe  war  schon  zur  Römerzeit 
verschwunden;  für  uns  gilt  dies  von  allen  ähnlichen  Prachtbauten. 
Dankbar  begrüfsen  wir  die  althellenischen  Vasen  die  den  Todten 
mitgegeben  wurden,  als  Denkmäler  der  Kunst  sowol  als  des  Ver- 
kehrs. Die  Culturentwicklung  die  aus  den  Grabfunden  erschlossen 
wird,  reicht  hoch  hinauf,  sichere  Zeitbestimmungen  fehlen.  Immerhin 
steht  die  monumentale  Ueberlieferung  im  besten  Einklang  mit  der 
litterarischen  und  bestätigt  den  hohen  Rang  den  diese  der  Stadt  in 
der  Epoche  als  die  Könige  zu  Rom  herrschten ,  zuschreibt.^)  — 
Es  genügt  die  einzelnen  Daten  anzudeuten.  Clusium  gehörte  zu 
den  Zwölfstädten  (S.  280).  Sein  König  Porsena  stand  an  der  Spitze 
des  Heerzugs  der  Rom  demütigte  3),  wird  sogar  geradezu  König  der 
Etrusker  genannt.*)  An  den  Kämpfen  des  Jahres  295  nahm  es 
Theil,  lieferte  205  dem  Scipio  Holz  und  Getreide.^)  Nach  Ver- 
leihung des  Bürgerrechts  der  Tribus  Arnensis  zugewiesen,  wurde 
die  Stadt  von  Sulla  mit  Gebietsverlust  bestraft  und  zerfällt  fortan 
in  die  beiden  Gemeinden  Clusini  novi  und  Clusini  veteres,  die  in- 
defs  später  verschmolzen  zu  sein  scheinen. 6)  Die  Inschriften  welche 
die  hohe  Ziffer  von  500  erreichen,  erwähnen  u.  a.  einen  Schiffbauer 
und  Purpurfärber:  für  die  Blüte  von  Handel  und  Gewerbe  spricht 
noch  mehr  das  Auftreten  des  Christentums.  Die  Grabschrift  eines 
322  verstorbenen  Bischofs  ist  erhalten.')  Chiusi  besitzt  zwei  Kata- 
komben die  gleich  den  römischen  im  Tuff  ausgehauen,  freilich  von 
viel  bescheidenerem  Umfang  sind:    die  Katakombe  von  S.  Mustiola 


1)  Plin.  XXXVl  90  fg. 

2)  Inghirami,  Monumenti  etruschi,  Fiesole  1826fg.,  10  vol.;  zahlreiche 
Berichte  in  den  Schriften  des  Arch.  Instituts  und  den  Not.  d.  Scavi.  Dennis  IP 
p.  290—373. 

3)  Liv.  II  9fg.  Dion.  H.  V  21  fg.  Plut.  Publ.  16fg.  Sil.  It.  VIII  478.  —  Aeitere 
sagenhafte  Erwähnungen  Verg.  Aen.  X  167.655  Dion.  H.  Iil  51. 

4)  Flor.  I  4  DioD.  H.  V  26.  28.  36  VI  74. 

5)  Liv.  X  25.  27.  30  XXVIII  45. 

6)  Plin.  III  52  CIL.  XI  p.  372. 

7)  CIL.  XI  2548.  Gregor  M.  Reg.  X  13  XI  3. 


326  Kapitel  V.     Etrurien. 

der  Schutzpatronin  aus  dem  4.  und  von  S.  Caterina  aus  dem  3.  Jahr- 
hundert, jene  1  km  Ost  diese  1^2  km  Süd  von  der  Stadt.i)  Die- 
selbe ist  und  war  ein  Knotenpunct  des  Verkehrs.  Aufser  den  schon 
erwähnten  Strafsen  nach  Perusia  und  Rom  verzeichnet  die  Reise- 
karte drei  weitere:  1,  nach  Saena  57  Mühen  und  weiter  nach  Popu- 
lonium  (S.  306);  2,  von  der  Westseite  des  Chianathals  ohne  Arezzo 
zu  berühren  nach  Fh)renz  das  laut  der  Aussage  eines  Meilensteins 
82  Millien  von  der  clusinischen  Feldmark  entfernt  war;  3,  mit  dem 
Umweg  über  Arezzo  nach  Florenz  87  Millien. 2) 

§  4.     Das  Tafelland. 

Die  Fiora  im  Westen  und  die  Paglia  im  Osten  dienen  zur 
Grenzbestimmung  des  vulkanischen  Etrurien.  Seine  Entstehungs- 
geschichte (I  254  fg.)  erklärt  die  gröfsere  Fruchtbarkeit  des  Rodens 
und  das  zahlreiche  Vorkommen  von  Städten  gegenüber  dem  los- 
canischen  Hügelland.  Von  den  herrschenden  zwölf  Städten  ent- 
fallen nicht  weniger  als  fünf  auf  den  vulkanischen  Theil,  obwol 
derselbe  kaum  ein  Fünftel  des  Rundesgebiets  ausmacht;  der  Mauer- 
ring dieser  Städte  übertrifft  denjenigen  der  nördlichen  an  Aus- 
dehnung weitaus.  Von  den  selbständigen  Gemeinden  aber  welche 
die  Censuslisten  des  Augustus  aufführen,  gehört  ihm  reichlich  die 
Hälfte  an.  Wir  haben  früher  daran  erinnert  dafs  die  Zerklüftung 
des  Rodens  das  Zusammensiedeln  befördert  und  zugleich  den  ein- 
zelnen Anlagen  ein  übereinstimmendes  Gepräge  verliehen  hat.  Die 
Städte  liegen  durchweg  auf  Landzungen  die  durch  zwei  unter 
spitzem  Winkel  sich  vereinigende  Räche  gebildet  werden.  Die  senk- 
recht bis  zu  bedeutenden  Tiefen  ausgewaschenen  Schluchten  ge- 
währen einen  starken  natürlichen  Schutz  (I  256),  freilich  auch  ein 
nicht  zu  unterschätzendes  Hindernifs  für  den  Verkehr.  Der  Wanderer 
erblickt  eine  Stadt  in  absehbarer  Entfernung  und  vermeint  sie  in 
einer  kurzen  Spanne  Zeit  zu  erreichen,  bis  er  an  der  Schlucht 
angelangt  wider  Erwarten  zu  einem  stundenlangen  Umweg  genötigt 
wird  um  zum  Ziel  zu  gelangen  das  ihm  schon  so  lange  greifbar 
vor  Augen  gaukelte.  In  Folge  dessen  ist  die  Richtung  der  Verkehrs- 
strafsen  weit  mehr  durch  die  Wasserläufe  eingeengt  als  man  in 
einem  anscheinend  so  ebenen  Lande  bei  oberflächlieher  Retrachtung 


1)  CIL.  XI  p.  403.  —  Andere  Erwähnungen  Hör.  Ep.  I  15,9  Ptol.  III  1,43. 

2)  It.  Ant.  285  CIL.  XI  p.  1011. 


§  4.     Das  Tafelland.  327 

glauben  sollte.  —  Das  südliche  Etrurien  ist  eio  Land  der  Todten: 
seine  ehemalige  Herrlichkeit  vermelden  die  Gräber  welche  der 
Spaten  des  Schatzfinders  myriadenweise  im  verflossenen  Jahrhundert 
geöfl'net  hat.  Die  Ausbeute  an  Thongeschirr  Schmuck  und  Waffen 
die  frommer  Sinn  den  Geschiedenen  in  ihre  Gruft  gestiftet,  erregt 
durch  ihre  Massenhaftigkeit  um  so  mehr  Erstaunen,  als  die  Nekro- 
polen  noch  immer  schier  unerschöpflich  sind.  Die  statistischen 
Theorien  welche  die  Bevölkerungsziffer  der  alten  Welt  möglichst 
herabzudrücken  suchen,  werden  hier  nachdrückhch  Lügen  gestraft. 
Mit  dem  Eintritt  der  römischen  Herrschaft  beginnt  die  Blüte  der 
Städte  zu  welken;  im  Laufe  des  Mittelalters  gehen  die  meisten, 
grofse  wie  kleine  zu  Grunde;  in  der  weiten  dem  Fieber  verfallenen 
Einüde  begegnen  nicht  wenige  Stätten  die  im  Altertum  nach  dem 
Befund  der  Gräber  ansehnliche  Ortschaften  trugen,  ohne  dafs  wir 
im   Stande  wären  deren  Namen  zu  ermitteln. 

Wir  beschreiben  in  diesem  Abschnitt  die  vulkanische  Land- 
schaft bis  zu  der  Scheidewand  die  im  Ciminer  Wald  und  Tolfa- 
gebirge  aufgerichtet  ist.  Auf  die  jenseit  gelegene  Grenzmark  trifft 
zwar  die  oben  gegebene  Charakteristik  auch  zu;  indefs  erheischt 
dieselbe  aus  historischen  Gründen  eine  abgesonderte  Behandlung. 
Das  bezeichnete  Gebiet  in  seinem  nördlichen  Theil  3 — 500  m  ü.  M., 
fällt  gegen  das  Tiberthal  schroff",  gegen  die  Rüste  allmäUch  ab 
(I  257).  Es  wird  von  drei  römischen  Heerstrafsen  durchzogen,  an 
welche  unsere  Darstellung  sich  unmittelbar  anschUefst.  —  Wir 
beginnen  mit  der  Küstenstrafse  der  Via  Aurelia,  die  in  Succosa  von 
der  Clodia  abzweigt  (S.  311).  Die  Reisebücher  nennen  25  Millien 
von  Cosa  das  vom  Erbauer  der  Strafse  gegründete  Forum  iwre?«».') 
Stadtrecht  hat  der  bei  der  Abreise  Catilina's  von  Rom  erwähnte 
Ort  nicht  erlangt.  Er  mufs  in  der  Nähe  von  Montalto  am  linken 
Ufer  der  Fiora  nach  dem  Bach  Arrone  zu  gelegen  haben.  —  Land- 
einwärts in  der  Lufthnie  10  km  von  der  Küste  entfernt,  ist  die 
Stätte  von  Yolci  der  ehemaligen  Herrin  eines  ausgedehnten  Gebiets.2) 

1)  lt.  Ant.  291  Tab.  Peut.  Cic.  Catil.  1,24. 

2)  Als  ältestes  geschichtliches  Zeugnifs  sind  die  Wandmalereien  eines  1857 
aufgedeckten  Grabes  aus  dem  4.  Jahrhundert  zu  nennen,  die  Kämpfe  mit  den 
Römern  in  der  Königszeit  darstellen,  G.  Körte  Jb.  d.  D.  arch.  Inst.  XII  (1897) 
p.  57  fg.  Fest,  355  (nach  Müllers  durch  diese  Malereien  bestätigter  Ergänzung) 
Arnob.  adv.  nat.  VI  7 ;  Pol.  bei  Steph.  Byz.  "OXxiov  fast.  Gap.  a.  280  Plin.  III 
51.  52;  Plol.  III  1,43  CIL.  XI  p.  447.  Das  Ethnikon  Folcientet,  seltener 
yolcentani. 


328  Kapitel  V.     Etrurien. 

Sie  nimmt  am  rechten  Ufer  der  Fiora  eine  mäfsige  Anschwellung 
des  Bodens  (etwa  73  m  ü.  M.)  ein  und  besitzt  nur  an  der  Flufs- 
seite  natilrliclien  Schulz,  ihr  Umfang  mifst  etwa  6  km,  Reste  der 
Ringmauer  und  Spuren  von  5  Tiioren  werden  unterschieden.  Die 
zu  Tage  tretenden  Gebäude  gehören  der  römischen  Epoche  an. 
Erwähnung  verdient  der  Ponte  della  Badia  (80  m)  oberhalb  der 
Stadt,  welcher  zugleich  Brücke  und  Wasserleitung  in  kühnem  Bogen 
die  Fiora  überspannt  (Höhe  über  dem  Wasser  30  m  Spannung 
20  m  Gesamtlänge  80  m  Breite  3  m).  Freilich  werden  die  sicht- 
baren Ueberreste  an  Bedeutung  weit  überlroffen  durch  die  in  der 
Erde  verborgenen  Schätze.  Mit  der  1828  begonnenen  Ausbeute 
der  Nekropole  die  sich  oberhalb  über  beide  Flufsufer  erstreckt, 
hebt  die  griechische  Vasenkunde  an;  denn  das  den  Todten  mit- 
gegebene Geschirr  ist  grofsentheils  aus  Griechenland  eingeführt. i) 
Die  Ausdehnung  des  Todtenfeldes  mag  eine  Schätzung  des  Jahres 
1856  veranschaulichen,  nach  der  bis  dahin  über  1500U  Grab- 
kammern geöffnet  worden  waren.  Das  Andeuken  dieser  reichen 
kunstliebenden  Etruskerstadt  ist  in  der  Ueberlieferung  nahezu  ver- 
schollen. Auf  die  nackten  Tlialsachen  dafs  sie  zur  Königszeit  Be- 
ziehungen mit  Rom  unterhalten ,  280  in  Gemeinschaft  mit  Volsinii 
im  Kampf  gegen  Rom  den  kürzeren  gezogen,  für  die  römische 
Colonie  Cosa  (S.  310)  Land  abgetreten  hat,  beschränkt  sich  unsere 
litterarische  Kunde.  Ihren  Rang  unter  den  zwölf  Hauptstädten 
Etruriens  bezeugt  ein  unserer  Zeitrechnung  angehöriges  Denkmal 
(S.  280).  Aber  nach  Ausweis  der  spärlichen  Inschriften  konnte  sie 
damals  keinesfalls  zu  den  blühenden  Gemeinwesen  gerechnet  werden. 
Die  Bürgerschaft  war  in  der  Tribus  Sabatina  eingetragen.  Der  Ort 
wird  noch  als  Bischofsitz  erwähnt  2)  und  hat  nach  völligem  Verfall 
wenigstens  den  Namen  g(;rettet:  Piano  di  Voce.  —  Nach  Nordost 
in  einer  Entfernung  von  8  km  steigt  der  M.  Canino,  eine  Kalk- 
steinmasse aus  der  vulkanischen  Umgebung  434  m  auf:  nach  den 
Gräbern  zu  schhefsen  lag  an  seinem  Fufs  eine  etruskische  Ortschaft. 
Der  nächsleansehnlicheW^asserlaufist  der  mit  seinen  Krümmungen 
zu  75  km    geschätzte  Abflufs   des  Sees   von  Bolsena,  jetzt  wie  im 


1)  Berühmt  ist  E.  Gerhard's  Rapporto  intorno  i  vasi  Volcenli,  Ann.  dell' 
Inst.  III  (1831).  Neuerlich  St.  Gsell,  Fouilles  dans  la  N<^cropole  de  Vulci 
Paris  1891.4. 

2)  Holste  zu  Cluver  515,10. 


§  4.     Das  Tafelland.  329 

Altertum  Marta  benaunt.^)  Er  durcliströmt  in  ganzer  Länge  das 
Gebiet  des  mächtigen  Tarquinii  das  sich  noch  in  römischer  Zeit  bis 
an  den  See  von  Bolsena  erstreckte  2)  und  vordem  an  die  Gebiete 
von  Volci  und  Caere  grenzend  40  d.  DM.  und  mehr  umlafst  haben 
mag.  Am  hnken  Ufer  des  Flusses  bei  8  km  geradem  Abstand  von 
der  Küste  liegt  die  Stadt.  Die  Lage  entspricht  dem  allgemeinen 
Typus  den  wir  für  diese  Gegenden  aufgestellt  haben.  Ein  läng- 
hcher  169  m  ü.  M.  ansteigender  Hügelrücken  wird  von  zwei  Thälern 
eingefafst  die  gabelförmig  an  der  Marta  zusammenstofsen  und  von 
Bächen  durchzogen  sind.  Der  Rucken  mifst  an  seinem  breiten  Ost- 
ende etwa  1  km  und  läuft  bei  3  km  Länge  nach  Westen  spitz  zu. 
Seit  1307  völlig  verlassen,  bewahrt  er  noch  den  Namen  Turchina 
oder  Piano  di  Civita.  Die  Mauer  dem  Absturz  des  Hügels  folgend  er- 
reicht ungefähr  einen  Umfang  von  8  km.  Am  höchsten  Ort  im 
Osten  (er  heifst  Ära  della  Regina)  wird  die  Arx  anzunehmen  sein. 
Die  vorhandenen  Reste  der  Mauer  und  öflentlicher  Gebäude  fallen 
wenig  in  die  Augen.  Aber  die  Gröfse  der  Stadt  drückt  sich  deulhch 
durch  ihre  Ausdehnung  aus.  Sie  besafs  auch  aufserhalb  des  Rings 
mehrere  gesonderte  Vorwerke:  so  nach  Nordost  auf  der  Höhe  la 
Castellina^),  nach  Südwest  im  heutigen  Corneto.  Im  Süden  durch 
den  Thalgrund  getrennt,  zieht  sich  der  lange  Rücken  Monterozzi 
(157  m)  hin,  bedeckt  mit  prächtigen  Grabkammern,  nach  der  Marta 
zu  in  einem  Vorsprung  (149  m)  endigend,  auf  dem  die  Bewohner 
Tarquinii's  vor  den  Saracenen  Schutz  suchten  und  Corneto  grün- 
deten. Die  Ihurmreiche  mittelalterliche  Stadt  nimmt  wie  bemerkt 
die  Stelle  einer  etruskischeu  Niederlassung  ein.  Es  scheint  sogar 
dafs  dies  der  ursprüngliche  Herrschersitz  war  und  dafs  die  Grofs- 
sladt  auf  Piano  di  Civita  (S.  37),  dem  servianischen  Rom  vergleich- 
bar, einer  Neuschöpfung  ihr  Dasein  verdankt.^)  Corneto  ist  die 
Königin  der  römischen  Maremma,  wie  einst  Tarquinii  gewesen  war. 
Weit  reicht  der  Blick  von  der  verlassenen  Trümmerstätte,  bei  klarem 


1)  It.  Ant.  291  Tab.  Peut.  Auch  der  Landeplatz  It.  mar.  499  wird  statt 
des  überlieferten  Maltanuvi  vielmehr  Martanum  geheifsen  haben. 

2)  Der  See  heifst  lacus  Tarquiniensis  Plin.  II  209,  bestätigt  durch  Vitruv 
11  7,3  Plin.  XXXVI  168. 

3)  Westphal,  Ann.  dell'  Inst.  1830  p.  37. 

4)  Cozza  und  Pasqui,  Not.  d.  Scavi  1885  p.  513  fg.  Die  Annahme  dafs 
Corneto  die  alte  etruskische  Stadt  sei  und  die  Ansiedlung  auf  Turchina  erst 
unter  römischem  EinfluTs  gegründet  sei,  erscheint  ganz  unglaublich. 


330  Kapitel  V.     Etrurieii. 

Weller  die  Berge  von  Elba,  landeinwärts  Monlefiascone  und  den 
Ciminer  Wald,  im  Süden  das  Tolfagebirg  umspannend.  —  Die  Sage 
hat  die  Vorzeit  Roms  aufs  Engste  an  diesen  Ort  geknüpft,  läfst  von 
ihm  das  Geschlecht  seiner  mächtigsten  Könige  abstammen,  von 
ihm  die  äufsere  Ausstattung  der  Magistratur,  den  Triumph,  die 
Lictoren,  die  Trompete,  die  ofTenlliche  Einrichtung  des  Opfers, 
Mantik  und  Musik  entlehnt  sein.')  Folgerichtig  weist  sie  Tarquinii 
unter  den  Zwülfslädlen  (S.  280)  den  vornehmsten  Plalz  zu:  der 
Eponymos  Tarchon  wird  Sohn  oder  Bruder  des  Tyrsenos  der  die 
hungernden  Lyder  nach  Italien  führte,  genannt  und  soll  aufser 
Tanjuinii  auch  die  übrigen  Zwölfslädte  erbaut  haben. 2)  Daneben 
begegnet  eine  Nachricht  die  den  Thessalern  den  Ursprung  der  Stadt 
zuschreibt. 3)  Aber  bedeutsamer  als  derartige  Fabeln  ist  die  That- 
sache  dafs  die  etruskische  Theologie  auf  ihren  Boden  die  Offen- 
barung der  Zeichenschau  verlegte:  in  der  Kaiserzeit  bestand  hier 
noch  ein  Collegium  von  60  Ilaruspices.^)  —  Der  einheimische  Name 
dieser  allen  Gründung  ist  nicht  überliefert:  von  den  Griechen  wird 
er  vereinzelt  Tag/coviov  ^),  gewohnlich  im  Anschlufs  an  die  latei- 
nische Form  durch  Taq-Kwia  TaQy,vvLOL  wiedergegeben.  Sie  stand 
bereits,  heifst  es,  in  voller  Blute,  als  Demaralos  aus  Korinlh  mit 
einer  Schar  von  Handwerkern  einwanderte  und  griechischen  Kunst- 
fleifs  einbürgerte.*')  In  Gemeinschaft  mit  Veji  machte  sie  509  den 
Versuch  dem  vertriebenen  Tarquinius  Superbus  den  Thron  zurück 
zu  gewinnen.")  Dann  schweigt  die  Ueberlieferung  bis  zu  der  ein- 
silbigen aber  darum  nicht  minder  beredten  Schilderung  der  im 
4.  Jahrhundert  geführten  Kriege  s):  im  Jahre  358  fallen  307  römische 
Soldaten  den  Tarquiniensern  in  die  Hände  und  werden  den  Göttern 


t)  Strab.  V  220  vgl.  Posidonios  bei  Dlod.  V  40  Liv.  I  8  Flor.  I  1,5  Sali.  Cal. 
51,38  Dion.  H.  III  61  u.a. 

2)  Cato   bei  Serv.  V.    Aen.  X   179.  198    Strab.   V  219    Eustath    z.  Dion. 
Per.  347. 

3)  Justin   XX    1,11.     Tarchon   heifst  Enkel   des   Herakles   Lyk.  AI.  1248 
Steph.  Byz.  Taq%üüvtov . 

4)  Cic.  Divin.  II  50  Censorin.  d.  die  nat.  4,13  Lydus  Ostent.  3  CIL.  XI  3382 
vgl.  3370. 

5)  Steph.  Byz.  Ellinikon  Taoxoivlvos  laoxoviEve.     Derselbe  Tagxvvia  mit 
TaQxi/vios  TaQxvvievs,  lat.  stehend   Tarquiniensis. 

6)  Cic.  Rep.  II  34  Strab.  V  220  Liv.  I  34  Dion.  H.  III  46  Plin.  XXXV  152. 

7)  Liv.  II  6  Dion.  H.  V  3.  14  fg. 

8)  Diodor  XVI  45  XX  44  Liv.  V  16  VI  4  VII  12.  15.  17.  19.  2^^  IX  41. 


§  4.     Das  Tafelland.  331 

auf  dem  Markt  geopfert;  zur  Sühne  werden  vier  Jahre  nachher 
358  tarquinische  Adhche  in  Rom  gestäupt  und  enthauptet.  Durch 
planmäfsige  Verwüstung  wird  die  Stadt  351  mürbe  und  erlangt  einen 
vierzigjährigen  Waffenstillstand,  der  ohne  dafs  wir  von  einer  Auf- 
lehnung hören,  308  für  die  gleiche  Frist  erneuert  wird.  Vermutlich 
hat  sie  an  dem  Aufstand  welcher  der  Landung  des  Pyrrhos  voraus- 
ging, Theil  genommen;  denn  sie  wurde  durch  Gebietsabtretungen 
bestraft.  Damit  wurde  die  Colonie  Graviscae  ausgestattet,  auch 
später  von  den  Gracchen  eine  Ansiediung  armer  Bürger  versorgt. i) 
—  Ob  Tarquinii  selbst  mit  minderem  Recht  in  den  romischen 
Bürgerverband  eintrat  2)  oder  bis  90  v.  Chr.  zu  den  Bundesgenossen 
zählte,  ist  unsicher.  Seit  der  Ertheiluug  des  Bürgerrechts  gehört 
es  zur  Tribus  Stellatina. 3)  Die  Inschriften  erläutern  das  allmäliche 
Erlöschen  der  heimischen  Sprache.  Sie  zählen  fast  200  Nummern 
und  beweisen  die  Fortdauer  eines  gewissen  Wolstands.  Bei  den 
Schriftstellern  ist  von  dem  römischen  Municipium  selten  die  Rede*) : 
es  lag  einige  Millien  von  der  Küstenstrafse  abseits,  war  dagegen 
durch  die  hier  einmündende  Via  Clodia  mit  Rom  verbunden. s)  Er- 
wähnt wird  der  Flachsbau  sowie  der  Waldreichtum  seiner  Feld- 
mark.6)  Ein  halbes  Dutzend  Ortschaften  die  ansehnliche  ausgedehnte 
Nekropolen  und  gelegentlich  auch  Festungswerke  besitzen,  lassen 
sich  innerhalb  derselben  nachweisen.  Aber  leider  bleiben  sie  für 
uns  namenlos.  Nur  das  50  Millien  von  Rom  entfernte  castellum 
Axia  ist  mit  Wahrscheinlichkeit  auf  das  durch  seine  stattlichen  Grab- 
fafaden  ausgezeichnete  Castellaccio  oder  Castel  d'  Asso  (8  km  westlich 
von  Viterbo)  bezogen  worden.") 

Auf  dem  abgetretenen  Rüstensaum  gründeten  die  Romer  181 
V.  Chr.  die  Bürgercolonie  Graviscae;  die  Ansiedler  erhielten  je 
5  Juchert  1^4  ha  angewiesen.^)  Dafs  Vergil  den  Ort  schon  zur  Zeit 
des  Aeneas  bestehen  läfst,  scheint  nur  auf  Willkür  des  Dichters  zu 
beruhen.^)     Cato  ein  Zeitgenosse  der  Gründung  leitet  ihren  Namen 

1)  Feldmesser  219. 

2)  Liv.  XXVI  3  XXVII  4. 

3)  aL.  XI  p.  510  fg. 

4)  Cic.  pro  Gaecina  11  Val.  Max.  V  3,3  Plin.  III  52  Plol.  III  1,43. 

5)  It.  Ant.  300  Tab.  Peut.  Geogr.  Rav.  IV  36. 

6)  Liv.  XXVIII  45  Vairo  RR.  lil  12  Plin.  VIII  211  IX  173  Stat.  Silv.  V  2,1. 

7)  Cic.  pro  Gaecina  20  Steph,  Byz.  'A^ia. 

8)  Liv.  XL  29  XLI  16  Vell.  I  15  CIL.  I  p.  279. 

9)  V.  Aen.  X  184  Macrob.  Sat.  V  15,4  Sil.  It.  VIII  473. 


332  Kapitel  V.     Etnirieii. 

von  der  schweren  Luft  die  über  ihr  la^rert,  ab.i)  Unter  Augustus 
und  Tiberius  sind  neue  Ansiedler  zugeführt  worden.^)  Aber  unbe- 
achtet einer  bedeutenden  Weinausfuhr  und  der  von  ihr  betriebenen 
Korallenfischerei  hat  die  Stadt  in  der  ungesunden  Umgebung  nicht 
gedeihen  wollen.  Sie  gehörte  zur  Tribus  Slellatina.^)  _  Man  hat 
sie  theils  am  Nordufer  der  Marta  halbwegs  zwischen  Corneto  und 
dem  3Ieer,  theils  südlich  vom  Flufs  bei  Porto  Clementino  am  Meer 
gesucht:  beide  Stätten  weisen  antike  Ueberreste  auf.  Die  zweite 
Annahme  verdient  den  Vorzug,  da  Graviscae  abseit  von  der  Via 
Aurelia,  nach  Strabo  300  Stadien  =  30  Millien  von  Cosa,  180  Stadien 
=  18  Millien  von  Pyrgi  entfernt,  endlich  am  Meer  zwischen  den 
beiden  Flüssen  Mignone  und  Maria  gelegen  war.'')  Rutilius  erwähnt 
den  verödeten  Ort^): 

inde  Graviscarnm  fastigia  rara  videmus 

qnas  premit  aestivae  saepe  paludis  odor: 
sed  Jiemorosa  vir  et  densis  vidnia  lucis 
pineaque  extremis  ßucluat  umhra  fretis. 
8  km   von   der  Marta  überschreitet  die  Via  Aurelia  den  Minio 
Mignone  der  vom  Ciminerwald  herkommend  in  grofsem  nach  Norden 
gewandten  Bogen    das  Tolfagebirge   umfliefst.^)     10  km  weiter  er- 
reicht sie  Centumcellae  CWxld.  vecchia.'^)     Der  Mangel  an  natürhchen 
Hsfen  an  dem  die  ganze  Küste  vom  Argentarius  bis  zum  Vorgebirge 
der  Circe    herab   leidet,   hat   zu  künstlichen   Anlagen   aufgefordert. 
Unter  diesen  gilt  eine  noch  immer  als  Muster,  ist  von  dauerndem 
Erfolg   gekrönt   worden,    giebt   auch  heuligen  Tages  den  Ausfuhr- 
hafen Roms  ab:  das  von  dem  baulustigen  Kaiser  Traian  um  106/7 
ins  Leben   gerufene  Centumcellae.     UrsprüngHch  befand  sich  hier 
nur  eine  oflene  Bucht,  in  der  Nähe  eine  von  den  Kaisern  im  2.  Jahr- 
hundert viel  besuchte  Villa.*')     Dies  bot  den  Anlafs  und  den  Anhalt 

1)  Serv.  V.  Aen.  X  184. 

2)  Feldmesser  220. 

3)  CIL.  XI  p.  511  Plin.  XIV  67  XXXII  21. 

4)  Dig.  XXXI  30  Slrab.  V  225.  26  Plin.  III  51  Mela  II  72  Ptol.  III  1,4  It. 
mar.  498.  99  Tab.  Peul.  Geogr.  Rav.  IV  32. 

5)  Rul.  Nam.  I  281. 

6)  Verg.  Aen.  X  183  dazu  Serv.;    Vib.  Sequ.  Tab.  Peut.  Geogr.  Rav.  IV  32 
V  2.  —  Rutilius  I  279  hat  die  Form  Mjinio. 

1)  Plin.  Ep.  VI  31  Rutil.  Nam.  I  237  fg.  It.  Ant.  291.  300  It.  mar.  498  Tab. 
Peut.  Geogr.  Rav.  IV  32  V  2  Gregor  M.  Registr.  I  13. 
8)  Fronto  an  Marcus  III  20  V  59  vita  Comm.  1. 


§  4.     Das  Tafelland.  333 

für  die  Schöpfung  eines  unmittelbar  für  die  Aufnahme  der  Kriegs- 
marine, weiterhin  auch  Handelszwecken  dienenden  Hafenbeckens, 
das  mit  6  m  Tiefe  eine  Überfläche  von  13  ha  aufweist.  Bei  der 
Anwesenheit  des  jüngeren  PHnius  war  der  Süd-iMolo  fertig,  der 
nordUche  sowie  die  den  Eingang  deckende  Insel  im  Bau  begriffen. 
Butihus  schildert  den  Hafen  also: 

ad  CentumceUas  forti  defleximus  austro : 

tranqinlla  puppes  in  statione  sedent. 
molihis  aequoreum  concluditur  amphitheatrnm 

angustosqne  adilus  insula  facta  tegit; 
attollit  geminas  tnrres  hißdoque  meatu 

faucibus  artatis  pandit  ntrumque  latns. 
nee  posuisse  satis  laxo  navalia  portu, 

ne  vaga  vel  tntas  ventilet  aura  rates, 
interior  medias  simis  invitatus  in  aedes 
instabilem  fixis  aera  nescit  aquis. 

Von  den  100  Docks  oder  Anlegestellen  abgesehen,  die  ihm  den 
Namen  verliehen,  trifft  die  Beschreibung  noch  jetzt  zu;  denn  die 
Grundmauern  der  heutigen  Anlage  stammen  aus  traianischer  Zeit. 
Grabschrilten  lehren ,  dafs  Abtheilungen  der  Flotten  von  Misenum 
und  Ravenna  hierhin  commandirt  waren. ^)  Daraus  erklärt  sich  auch 
dafs  dieser  Platz  ebenso  wenig  wie  die  beiden  anderen  eine  eigene 
Selbstverwaltung  gehabt  hat.  Seine  Bedeutung  mufste  sich  freilich 
andauernd  heben,  je  weiter  die  Versandung  der  Tibermündung  fort- 
schritt,  indem  er  an  Stelle  von  Ostia  und  Portus  der  eigentliche 
Hafen  der  47  Millien  entfernten  Hauptstadt  wurde.  Centumcellae 
heifst  im  sechsten  Jahrhundert  eine  grofse  und  volkreiche  Seestadt, 
deren  Besitz  von  Gothen  und  Byzantinern  hart  umstritten  worden 
ist. 2)  Von  den  Saracenen  812  zerstört  und  von  seinen  Bewohnern 
verlassen  erhielt  es  seinen  heutigen  Namen,  als  nach  vierzigjähriger 
Verödung  wieder  Ansiedler  sich  einfanden. 3).  Mancherlei  Spuren 
von  Traians  Thätigkeit  sind  noch  vorhanden:  namentlich  eine 
Wasserleitung  die  aus  20  Millien  Entfernung  den  Hafen  mit  treff- 
lichem Ti'inkwasser   versorgt.     In   politischer  Beziehung  hat  dieser 


1)  CIL.  XI  p.  525  fg. 

2)  Prokop  b.  Goth.  II  7  III  13.  36.  37.  39  IV  34  Agath.  I  11. 

3)  Nach  Alberti  p.  36  hat  sich  im  16.  Jahrhundert  der  Name  Cincelle  noch 
behauptet,  verschwindet  aber  im  17.  nach  Cluver  p.  482. 


334  Kapitel  V.     Etrurien, 

Landstrich  ehedem  zur  Gemeinde  der  Aquenses  Taurini  gehört,  die 
im  Verzeicbnifs  des  Augustus  aufgeführt  vvird.i)  Den  Mittelpunct 
der  Gemeinde  gab  der  Badeort  Aq%iae  Tauri  ab,  der  drei  Millien 
oberhalb  Civita  vecchia's  nach  dem  Tolfagebirg  zu  gelegen  ist. 
Ruinen  (147  m)  sind  erhalten,  er  führt  jetzt  den  Namen  Bagni  di 
Ferrata,  seine  Schwefelquellen  werden  geschätzt.^)  Dieselben  sollen 
nach  Rulilius  von  einem  Stier  zu  Tage  gescharrt  worden  sein; 
solche  Fabel  wurde  durch  den  Namen  nahe  gelegt.  Woher  der  Name 
rührt,  wissen  wir  nicht.  Aber  nach  Ausweis  der  Gräber  ist  der 
frühere  Sitz  der  Gemeinde  in  etruskischer  Zeit  weiter  landeinwärts 
im  Gebirge  bei  Tolfa  zu  suchen. 

Die  Rüste  streicht  bis  zum  Cap  Linaro  nach  Südost  oder  Süd- 
südost und  nimmt  alsdann  eine  östliche  Richtung  an,  so  dafs  dies 
Vorgebirge  passend  als  Grenze  zwischen  Mittel-  und  Südetrurien 
betrachtet  werden  kann.  Eine  Landsenkung  hat  hier  stattgefunden 
da  die  Mauern  römischer  Bauten  bei  Torre  Chiaruccia  unter  Wasser 
liegen.  Dieselben  gehören  der  römischen  Colonie  Castrum  novum 
an  die  4 — 5  Millien  von  Centumcellae  die  Nordseite  des  Vorgebirges 
einnahm.^)  Ehemals  müssen  in  dieser  Gegend  die  Herrschaften 
von  Caere  und  Tarquinii  zusammen  geslofsen  sein.  Die  Römer 
haben  sich  zu  Anfang  des  dritten  Jahrhunderts  anscheinend  die 
ganze  Rüste  abtreten  lassen  und  nicht  lange  nach  290  Bürger  in 
der  genannten  Festung  angesiedelt.  Die  Bezeichnung  neu  hefs  an 
einen  älteren  vorausgegangenen  Ort  denken,  als  welchen  die  Er- 
klärer Vergils  fälschlich  das  in  der  Aeneis  beiläufig  erwähnte  und  zu 
Ardea  gehörige  Castrum  Inui  ausgaben  *):  Dennis  weist  nach  dafs 
der  alte  Ort  ein  wenig  landeinwärts  auf  dem  Puntone  del  Castrato 
(auch  Guardiola  genannt)  zu  suchen  sei.  Viel  bedeutet  hat  die 
Colonie  zu  keiner  Zeit:  Augustus  erkennt  ihren  Rang  als  solche 
nicht  an,  obwol  sie  von  Caesar  oder  einem  der  ersten  Nachfolger 
durch  Ansiedler  verstärkt  worden  ist  und  seitdem  colonia  Julia 
Castronovom  auf  Inschriften  heilst.  Zu  Anfang  des  5.  Jahrhunderts 
war  sie  verödet,  wie  Rutilius  bezeugt: 


1)  Plin.  III  52  Rutil.  Nam.  1  249  fg.  Tab.  Peut.  Geogr.  Rav.  IV  36  Aquepurgo 
Gregor  M.  Dial.  IV  55. 

2)  Hierauf  bezieht  sich  Scrib.  Larg.  med.  comp.  146. 

3)  Liv.  XI  XXXVI  3  Mela  II  72   Plin.  III  51   Ptol.  III  1,4  It.  Ant.  291.  301 
lt.  mar.  498  Tab.  Peut.  Geogr.  Rav.  IV  32  V  2  CIL.  XI  p.  530. 

4)  Verg.  Aen.  VI  775  dazu  Serv.  Rutil.  Nam.  I  227 fg. 


§  4.     Das  Tafelland.  335 

stringimus  hinc  canens  et  fluctu  et  tempore  Castrum: 
index  semiruti  porta  vestusla  loci. 
Die  Mitte  des  Tafellandes  nimmt  der  runde  fischreiche  locus 
Volsiniensis  Lago  di  Bolsena  eiu.i)  Bei  einer  Meereshöhe  von 
305  m  und  einer  Tiefe  von  140  m  bedeckt  er  einen  Flächenraum 
von  114  Ckm.  Diese  vulkanische  Einsenkung  (I  258)  wird  von 
einem  15 — 20  km  im  Durchmesser  haltenden  Randgebirge  eingefafst, 
das  im  Süden  wo  die  Marta  aus  dem  See  ausfliefst,  sich  verflacht, 
dagegen  im  Südosten  bei  Montefiascone  633  m,  im  Westen  639  m 
ansteigt.  Von  dem  Bergrund  laufen  strahlenförmig  in  tief  ausge- 
waschenen Betten  die  Bäche  nach  West  Südwest  und  Süd  dem  Meer 
zu,  nach  Ost  in  den  Tiber.  Auf  der  Wasserscheide  zwischen  Meer 
und  Tiber  ist  die  Via  Cassia  angelegt.  —  Die  Landschaft  westlich 
vom  See  nach  der  Fiora  hin  wird  von  keiner  grofsen  Strafse  durch- 
zogen 2)  uad  hat  wenig  römische  Ueberreste  aufzuweisen.  Wol 
finden  sich  Nekropolen  bei  Castro,  Farnese,  Ischia,  Piansano,  aber 
wir  wissen  diese  Niederlassungen  weder  auf  einen  etruskischen  noch 
einen  lateinischen  Namen  zu  taufen.  In  ihrem  Bereich  hat  die 
Gemeinde  der  Statonienses  gewohnt  die  als  Praefectur  bezeichnet 
wird:  das  Städtchen  Statonia  gab  den  Mittelpunct  des  Sprengeis 
ab. 3)  Die  Lage  wird  annähernd  bestimmt  durch  den  locus  Stato- 
niensis  der  kein  anderer  sein  kann  als  der  kleine  Lago  di  Mezzano 
(455  m)  9  km  West  vom  See  von  Bolsena.4)  Vom  Lago  di  Mezzano 
14  km  weiter  westlich  ist  jüngst  bei  Pitighano  eine  kleine  etrus- 
kisch-römische  Stadt  entdeckt  worden,  für  die  man  mit  allem  Grund 
den  Namen  Statonia  in  Anspruch  nimmt. 5)  Der  Weiu  den  die  Ge- 
meinde auf  den  Markt  brachte,  war  gut  angesehen.  —  Nur  4  km 
nördlich  von  Pitigliano  liegt  durch  tiefe  Schluchten  geschirmt  Suana 
Sovana.6)     Sein  Umfang  von  IV2  km   weist  auf  einen  ehemahgen 

1)  VitruvII  7,3  Colum.  VIII  16  Streb.  V  226  Plln.  XXXVI  168  Liv.  XXVll  23. 

2)  Die  Peutingersche  Tafel  läfst  die  Via  Clodia  über  Tuscana  u.  Muternum 
(sonst  nirgends  genannt)  nach  Saturnia  (S.  312)  und  Succosa  (S.  311)  laufen  : 
was  geographisch  betrachtet  sinnlos  ist. 

3)  Varro  RR.  III  12  Vitruv  II  7,3  Strab.  V  226  Plin.  III  52  XIV  67 
XXXVI  16b. 

4)  Sen.  Nat.  quaest.  III  25,8  Plin.  II  209.  Cluver  p.  517  weist  mit  Recht 
darauf  hin. 

5)  Pellegrini  Not.  d.  Scavi  1896  p.  263  1898  p.  432  vgl.  Jb.  d.  D.  arch. 
Inst.  XV  (1901)  p.  155. 

6)  Plin.  III  52  Ptol.  III  1,43  Gregor  M.  Reg.  II  33  CIL.  XI  p.  422 
Dennis  II  1  fg. 


336  Kapitel  V.     Etrurien. 

Pagus;    allein  es  steht  in  der  Censusliste,   hat   also    Municipalrecht 
gehabt.     Auch  sind  die  Denkmäler  der  etruskischen  Epoche  glänzend 
und    zahlreich,   um   so  spärlicher   die    romischen.     Als    Geburlsort 
Gregors  VII  ist  Sovana  berühmt  geworden,  aber  gegenwärtig  nahezu 
verlassen.  —  An  der  Westseite  des  Sees  von  Bolsena  weithin  sichtbar 
erhebt   sich   ein    steiler   in   den  See  vorspringender  und  nach  ihm 
abfallender  Hügel    (409  m),   der  ehedem  die  Stadt  Visentum  trug.') 
Eine    einsame  Landkirche  hält  ihr  Andenken  wach,    Trümmer  aus 
dem  Mittelalter  und    Altertum  kennzeichnen   ihre   Ausdehnung,    im 
Uebrigen  ist  die  Stätte  wie  die  ganze  westliche  Seite  des  Sees  ver- 
lassen.    Die  Gemeinde   wird   in  der  pHnianischen  Liste  aufgeführt, 
eine  anderweitige  Erwähnung  in  der  Litteratur  fehlt.     Aus  den  In- 
schriften   erhellt    dafs   sie   der   Tribus   Sabatina   angehorte,    Senat 
Augustalen    und   Duovirn    hatte,    an  Würde   und   Selbstbewufstsein 
keiner  anderen   nachstand.  —  Von  den  beiden  Inseln  die  der  See 
umschHefst,    heifst    die    nördliche    Isola  Bisentina  (361  m).     Sie  ist 
nach  Süden  und  Osten  felsig,  nach  den  anderen  Seilen  eben.    Die 
zweite  Isola  Martana   ist   ein    wenig   bebauter  Felsen  (377  m).     Er 
trug  ehedem  eine  Burg,  in  der  Amalasuntha  Theoderich  des  Grofsen 
Tochter    von    ihrem  Vetter   gefangen   gehalten    und   534   ermordet 
ward. 2)    —    Unter   den  Städten    dieses  Landstrichs   hat  sich  einzig 
Tuscana  Toscanella  (166  m)  am  rechten  Ufer  der  Maria,   halbwegs 
zwischen    dem    volsinischen  See   und  Tarquinii  an  alter  Stelle  und 
mit  altem  Namen  erhalten. 3)     Die   mittelalterlichen  Denkmäler  und 
die  Grabfunde   der  Campanari   verleihen  Toscanella   in    den  Augen 
des  heutigen  Besuchers  einen  Glanz,    der  ihm  für  die  Epoche  des 
Altertums  nicht  zukommt.    Die  antike  Ueberheferung  gedenkt  seiner 
nicht;   vermutlich    ist  es  ehedem  von  Tarqninii  abhängig  gewesen, 
in   römischer   Zeil   dagegen    selbständiges   Municipium.     Bömisches 
Mauerwerk   tritt   namentlich   auf  der  Höhe  mit  der   lombardischen 
Kirche  S.  Pietro  zu  Tage,  wohin  die  Arx  verlegt  wird.     Ueherhaupt 
dehnte   sich   die   römische  Stadt   behaglicher  aus  als  ihre  in  einen 
Mauergürtel    gezwängte    mittelalterliche    Nachfolgerin.      Unter   den 
Gräbern  begegnen  Columbarien. 


1)  Plin.  III  52  CIL.  XI  p.  444.    Das  Ethnikon  lautet  Fisens  uud  Fisentinus, 
der  Stadtname  Fisenltim  oder  -tium  oder  -tia. 

2)  Piokop  b.  GoUi.  I  4. 

3)  Plin.  III  52  Tab.  Peut.  Geogr.  Rav.  IV  36  CIL.  XI  p.  450. 


§  4.     Das  Tafelland.  337 

Wir  haben  die  grofse  bionenländische  Verkehrsader  Etruriens 
die  Via  Cassia  (S.  313)  bis  Clusium  verfolgt  (S.  323).  40  km  unter- 
halb dieser  Stadt  fliefsen  Clanis  Chiana  i)  und  Pallia  Paglia^)  zu- 
sammen um  nach  einem  Lauf  von  7  km  in  den  Tiber  einzumünden 
(I  311).  Das  Thal  der  Paglia  bildet  die  Naturgrenze  zwischen  dem 
etrurischen  Bergland  und  dem  vulkanischen  Tafelland  ([  254).  Die 
Thalsohle  am  Zusammeuflufs  von  Chiana  und  Paglia  liegt  111  m  U.  M. 
Von  ihr  steigt  auf  der  vulkanischen  Seite  ein  vereinzelter  Tuffhiigel 
bis  315  m  an.  Er  ist  1600  m  lang,  halb  so  breit  und  fällt  rings 
schroff  ab.  Die  auf  ihm  gelegene  Stadt  heifst  seit  dem  Ausgang 
des  Altertums  Urbs  vetus  Orvieto  3)  und  kommt  wegen  ihrer  aufser- 
ordentlichen  Festigkeit  in  dem  Gothenkrieg  wie  den  Kämpfen  des 
Mittelalters  oft  vor.  Prokop  schildert  sie  bei  Gelegenheit  der  Aus- 
hungerung durch  Belisar  539  folgender  Mafsen  :  „ein  isolirter  Hügel 
steigt  aus  dem  Thal  auf,  mit  flachem  ebenem  Gipfel,  mit  steilem 
Absturz  am  Fufs.  Den  Hügel  umgeben  rings  im  Kreise  Felsen  von 
gleicher  Ausdehnung,  jedoch  nicht  in  unmittelbarer  Nähe  sondern 
einen  Steinwurf  entfernt.  Auf  diesem  Hügel  erbauten  die  Alten 
die  Stadt  ohne  Mauern  herumzuführen  noch  eine  andere  Befestigung 
anzubringen,  da  der  Ort  ihnen  von  Natur  uneinnehmbar  zu  sein 
schien.  Denn  ein  einziger  Zugang  zu  ihm  ist  von  den  Felsen  her 
vorhanden,  wenn  dieser  von  den  Bewohnern  bewacht  wird,  brauchen 
sie  keinen  feindlichen  Angriff  auf  irgend  einer  anderen  Seite  zu 
fürchten.  Denn  abgesehen  von  dem  Puncte  wo  die  Natur  wie  ge- 
sagt den  Zugang  zur  Stadt  gebahnt  hat,  fliefst  ein  stets  grofser  un- 
durchschreitbarer  Flufs  zwischen  dem  Hügel  und  den  oben  erwähnten 
Felsen.  Deshalb  haben  auch  die  Römer  an  diesem  Eingang  ein 
kleines  Werk  errichtet  und  darin  ist  ein  Thor."  Die  Grundzüge 
der  Beschreibung  sind  vollkommen  richtig,  aber  von  Prokop  falsch 
zusammengefügt  und  übertrieben  worden:  die  umgebenden  Hügel 
nähern  sich  der  Stadt  nicht  bis  auf  einen  Steinwurf,  sondern  im 
Westen  bis  auf  einen,  an  den  anderen  Seiten  mehrere  Kilometer; 
der  Anmarsch  ist  zwar  fast  im  ganzen  Umkreise  durch  Wasserläufe 
erschwert,  aber  nur  von  Norden  her  durch  die  Paglia ,  nach  West 


1)  Strab.  V  235  Plin.  III  53  Tac.  Ann.  l  79  App.  b.  civ.  I  89  Steph.  Byz. 
rlävis  Sil.  It.  VIII  453. 

2)  Tab.  Peuf.  Geogr.  Rav.  IV  36. 

3)  Paul.  h.  Lang.  IV  32;    Ovgßißsprös  Prokop.  b.  Goth.  II  11.   18.   19.  20: 
Gregor  M.  Registr.  I  12  II  11  VI  27;  Geogr.  Rav.  IV  36  Orbevehts. 

Nissen,  Ital.  Landeskonde.    II.  22 


338  Kapitel  V.     Etrurieo. 

und  Ost  durch  blofse  Bäche.  Imnierhiu  wird  zutreffend  bemerkt 
dafs  die  Stadt  von  Südwest  allein  wo  der  Aufgang  war,  angegriffen 
werden  konnte,  im  ganzen  übrigen  Umkreis  keines  künstlichen 
Schutzes  bedurfte.  Zu  der  Festigkeit  kommt  die  hohe  Bedeutung 
der  Lage  hinzu:  die  Stadt  erscheint  als  vorgeschobenes  Bollwerk 
der  vulkanischen  Hochebene  gegen  das  Bergland  im  Norden  und 
Osten,  hat  ferner  den  Einblick  in  vier  grofse  Thäler.  An  ihrem 
Fufs  stofsen  von  Norden  her  die  Chiana,  von  Westen  her  die  Pagha 
zusammen ;  in  einem  Abstand  von  7  km  wo  beide  in  den  Tiber 
münden,  beschreibt  dieser  einen  rechten  Winkel  indem  der  obere 
Lauf  ONO  auf  das  umbrische  Tuder  zu  gerichtet  ist,  während  der 
untere  SSO  dem  Meer  entgegeneilt.  Die  Bezeichnung  „alte  Stadt" 
deutet  an  dafs  ihr  ursprünglicher  Name  auf  einen  andern  Ort  über- 
tragen worden  ist.  Olfried  Müller  hat  zuerst  die  Vermutung  aus- 
gesprochen dafs  die  altetruskische  Zwülfstadt  Volsinii  hier  gestanden 
habe.  Nachdem  am  nordlichen  Fufs  des  Stadthügels  seit  1874  ein 
reicher  Begräbnifsplatz  der  etwa  aus  dem  5.  Jahrhundert  v.  Chr. 
stammt,  aufgedeckt  worden,  ist  die  Vermutung  zur  allgemeinen  An- 
nahme gelangt.!)  sje  reicht  übrigens  bis  ins  6.  Jahrhundert  zurück 
(S.  340  A.  4),  kann  auch  nicht  durch  den  8 — 9  Millien  betragenden 
Abstand  des  römischen  Volsinii  erschüttert  werden;  denn  auf  alle 
Fälle  hat  einst  eine  königliche  Stadt  die  beherrschende  Hohe  ein- 
genommen. Die  einheimische  Namensform  wird  durch  Goldmünzen 
mit  der  Aufschrift  velsu  und  velznani  die  ihr  mit  Recht  zugeschrieben 
werden  (S.  74),  bezeichnet.  Bei  den  Romern  lautete  sie  Volsinii, 
das  Elhnikon  Volsinienses ,  vereinzelt  Volsones.'^)  Ihr  Machtgebiet 
gegenüber  den  Nachbarn  in  Clusium  Volci  Tarquinii  abzugrenzen 
ist  nicht  möglich:  aber  sie  wird  zu  den  mächtigsten  Städten  Elruriens 
gezählt. 3)  Den  Aufschwung  des  Gewerbes  bezeugt  die  Nachricht 
dafs  die  Mühle  hier  erfunden  sei,  sowie  die  Nachricht  dafs  bei  der 
Eroberung  2000  eherne  Bildsäulen  von  den  Römern  erbeutet 
wurden. 4)  Unter  den  zu  Volsinii  verehrten  Göttern  wird  Vertumnus 
angeführt,  sowie  die  Nortia  die  auch  nach  der  Verpflanzung  an  den 


1)  Ganiurrini  Ann.  dell'  Iiistit.  d.  c.  a.  1881   p.  28  fg. 

2)  Triuniphalfasteii  des  J.  460  u.c,  die  freilich  auch  unter  den  J.474  u.  490 
die  schlechte  Form  VuLsinienses  bieten. 

3)  Liv.  X  37    Ires   validissimae  urbes  Elruriae   capita  f^olsiriii  Perusia 
Arrelium. 

4)  Plin.  XXXVJ  135  XXXIV  34. 


§  4.    Das  Tafelland.  339 

See  von  Bolsena  ihr  Ansehen  behauptetet)  In  der  Chronik  war 
zu  lesen  dafs  Volsinii,  die  reichste  Stadt  von  Etrurien,  durch  den 
Bhtz  eingeäschert  ward,  an  anderer  Stelle  dafs  ihr  König  Porsina 
den  Bhtz  auf  ein  Ungeheuer  herabrief  das  nach  Verwüstung  des 
Landes  die  Stadt  mit  gleichem  Schicksal  bedrohte. 2) 

Nach  dem  Fall  Veji's  beginnen  die  Kriege  mit  Rom.  392.  91 
leisten  die  Salpinates  Beistand  3),  deren  Sitze  nordwestlich  vom  See 
gesucht  werden  mögen:  der  Wame  kommt  nur  bei  dieser  Gelegen- 
heit vor,  die  Lage  ihres  Hauptortes  der  die  Gemeinde  schützend 
aufnahm,  ist  unbekannt.  Gleiches  ist  von  Trossubim  zu  sagen  das 
9  Millien  Süd  von  Volsinii  belegen  durch  römische  Reiter  ohne 
Fufsvolk  eingenommen  ward. 4)  Im  Lauf  der  samnitischen  Kriege 
werden  volsinische  Dörfer  307  erstürmt,  erleiden  die  Bürger  294 
unter  den  eigenen  Mauern  eine  Niederlage  und  müssen  den  Frieden 
erkaufen. 5)  Kurz  vor  Pyrrhos'  Landung  ergreifen  sie  in  Gemein- 
schaft mit  Volci  die  Waffen. 6)  Das  Mifsgeschick  im  Felde  führt  im 
Innern  zum  Sturz  des  Adels,  die  zum  Kriegsdienst  aufgebotenen 
unteren  Stände  bemächtigen  sich  der  Herrschaft,  die  dabei  verübte 
Ungebühr  wird  in  grellen  Farben  ausgemalt.') 

Die  Römer  wurden  vom  Adel  265  herbeigerufen ,  bezwangen 
die  Stadt  durch  Hunger,  zerstörten  sie  und  verpflanzten  die  Ein- 
wohnerschaft an  den  See.  Damit  schied  aus  den  Reihen  der  Zwölf- 
städte die  reichste  aus,  die  Gemeinde  wurde  dem  Bürgerverband 
ohne  Stimmrecht  wie  es  scheint  einverleibt,  nachträglich  der  pomp- 
tinischen  Tribus  zugetheilt.S)  Das  römische  Volsinii  liegt  30  Millien 
von  Clusium  an  der  Nordostecke  des  Sees  und  bedeckt  vom  Ufer 
an  dem  das  heutige  Bolsena  sich  hält,  aufwärts  steigend  den  Hügel- 
rand.^)    Ein  kleines  Amphitheater,  der  bemerkenswerteste  unter  den 

1)  Properz  V  2,4.  —  Liv.  VII  3  Juvenal  10,74  Tertullian  Apol.  24  ad  nat. 
II  8  CIL.  XI  2686. 

2)  Plin.  II  139.  140.     Tertullian  de  pallio  2  Apol.  40  ad.  nat.  I  9. 

3)  Liv.  V  31.  32. 

4)  Plin.  XXXÜI  35  Fest.  367  M.  Schol.  Pers.  1,82  Varro  bei  Non.  p.  49,1. 

5)  Liv.  IX  41  X  37  Triumphfast. 

6)  Liv.  XI  Triumphfast.  474  u.  c. 

7)  Zonaras  Vlll  7  Liv.  XVI  Flor.  I  16  Valer.  Max.  IX  1  ext.  2  Oros.  IV  5,3 
de  vir.  ill.  36  Triumphfast.  490  u.  c. 

8)  Obseq.  43.  51.  52  CIL.  XI  p.  424.  Sie  fehlt  unter  den  etruskischen 
Gemeinden  die  Scipio  unterstützen  Liv.  XXVIII  45. 

9)  Strab.  V  226  Plin.  III  52  Ptol.  III  1,43  It.  Ant.  286  Tab.  Peut.  Geogr. 
Rav.  IV  36. 

22* 


340  Kapitel  V.     Etrurien. 

vorhandenen  Ueberresten,  ist  ungelähr  eine  Millie  oberhalb  des 
Städtchens  erkennbar.  Die  Hügel  sind  mit  Oliven  und  darüber  mit 
Kastanien  bepflanzt,  das  gleiche  Bild  wird  dem  Juvenal  vorgeschwebt 
haben  wenn  er  Volsinii  zwischen  bewaldeten  Höhen  gebellet  sein 
läfst.i)  In  der  Kaiserzeit  wird  es  als  Geburtsort  des  mächtigen 
Seianus  und  des  Stoikers  Musonius  genannt.2)  Die  Denkmäler 
lehren  dals  es  zu  den  ansehnlichen  Städten  dieser  Uegion  gehörte. 
Das  Christentum  fand  verhältnifsmäfsig  früh  Eingang:  die  älteste 
datirte  GrabschriCt  von  dem  Coemeterium  der  h.  Christina  stammt 
aus  dem  J.  376. 3)  Dann  aber  hat  das  einbrechende  kriegerische 
Zeitaller  den  Niedergang  des  römischen  und  die  Erneuerung  des 
etruskischen  Volsinii  bewirkt.^) 

Neben  Orvieto  wird  605  n.  Chr.  Balneum  Regis  in  der  Kriegs- 
geschichte erwähnt,  von  jenem  in  der  Luftlinie  10  km  nach  Süd, 
mittwegs  zwischen  dem  See  und  dem  Tiber  gelegen. 5)  Der  Ort 
führt  die  Thätigkeit  des  Wassers  in  anziehender  Weise  vor  Augen. 
Er  nimmt  die  höchste  Erhebung  (512  m)  eines  von  West  nach  Ost 
streichenden,  im  Norden  und  Süden  von  tief  eingeschnittenen  Thälern 
begrenzten  Rückens  ein.  Der  vulkanische  Boden  auf  dem  der  Ort 
ruht,  wird  durch  den  Regen  erweicht  und  stürzt  herab;  man  kann 
den  Verfall  von  Jahr  zu  Jahr,  ja  von  Monat  zu  Monat  verfolgen. 
Der  Stadthügel  schrumpft  in  Folge  dessen  ein:  er  hing  1864  nur 
durch  einen  schmalen  Isthmus  der  in  Bälde  vöUig  durchsägt  sein 
wird ,  mit  der  breiten  Hochfläche  zusammen ;  die  Einwohner  (bis 
auf  150  Seelen)  hatten  auf  gesicherte  Stätte  nach  dem  heutigen 
Bagnorea  übersiedeln  müssen.  Wie  die  Halligen  unseres  heimat- 
lichen Meeres  geht  die  Civita  oder  Civita  antica  ihrem  Untergang 
durch  unerbittliche  Naturgewalten  entgegen.  Dafs  einst  Etrusker 
in  dieser  Festung  gehaust,  beweisen  die  zahlreichen  Gräber  in  den 
nahen  Felswänden.  Auch  an  römischen  Inschriften  und  Trümmern 
ist  kein  Mangel;  aber  wie  die  Ansiedlung  geheifsen  habe  und  der 
wunderliche  Name  am  Ausgang  des  Altertums  entstanden   sei,   läfsl 

1)  Juv.  3,191  positis  yieinorosa  inier  iuga  Folsiniis. 

2)  Tac.  Ann.  iV  1  VI  8  XIV  59  Juvenal  10,74  Suidas  u.  Mova.  CIL.  VI  537. 

3)  CIL.  XI  2834  Not.  d.  Scavi  1880  p.  262  fg. 

4)  Der  Bischof  von  Orvieto  unterschreibt  sich  595  als  episcopus  civitatis 
Bultinensis  Gregor  M.  Registr.  V  57  a  vgl.  II  11  VI  27. 

5)  Paul.   h.  Lang.  IV  32  Balneut  regis  Gregor  M.  Registr.  X  34    Geogr. 
Rav.  IV  36  Baineon  regis  CIL.  XI  p.  443. 


§  4.     Das  Tafelland.  341 

sich  nicht  errateo.  —  In  der  Kaiserzeit  versammelten  sich  die  Ver- 
treter der  führenden  Städte  (S.  280)  in  der  Nähe  des  römischen 
Volsioii.i)  Es  kann  nicht  wol  bestritten  werden  dafs  diese  Fest- 
t'eier  sich  aus  der  Epoche  der  Unabhängigkeit  herschrieb  und  am 
Fanum  VoUumnae  dem  Heiligtum  des  Zwölfstädtebundes  abgehalten 
wurde. '-^j  Die  Lage  ist  unbestimmt:  ansprechend  denkt  Dennis  an 
den  8  Millien  von  Bolsena  am  Südostrand  des  Sees  633  m  auf- 
steigenden Hügel  von  Monteüascone  (I  259).  Aehnlich  wie  der 
latinische  Juppiter  vom  Albaner  Berg  Latium  überschaut,  würde  die 
etruskische  Bundesgöttin  das  ganze  Land  vom  M.  Amiata  bis  zum 
Ciminerwald  mit  ihren  Blicken  von  hier  aus  umspannt  haben.  Aber 
bequem  erreichbar  wäre  der  Ort  nicht  gewesen;  gleichwie  die 
Latiner  in  der  Ebene  zusammenkamen,  wird  solches  auch  bei  den 
Etruskern  anzunehmen  sein. 

Die  3 — 400  m  ü.  M.  liegende  Ebene  zwischen  dem  volsinischen 
See  und  dem  Ciminer  Wald  weist  zahlreiche  Ueberreste  aus  römi- 
scher Zeit  auf  die  gegen  die  jetzige  Oede  stark  abstechen.  Unge- 
fähr 14  MiUien  von  Volsinii  erreichte  die  Via  Cassia  den  Badeort 
Aquae  Passeris  oder  Passerianae"^) :  die  ausgedehnten  Ruinen  5  Millien 
nördlich  von  Viterbo  heifsen  gegenwärtig  le  Casaccie  del  Bacucco.  — 
Abseits  von  der  Strafse  5  km  nach  Ost,  9  km  Nord  von  Viterbo  nimmt 
Ferentum  auf  drei  Seiten  durch  tiefe  Thäler  geschützt  einen  von 
West  nach  Ost  streichenden  Rücken  (305  m)  ein.'*)  Seine  Feldflur 
grenzte  an  diejenige  von  Tarquinii  und  Volsinii  und  wurde  bereits 
in  die  Landauftheilung  der  Gracchen  hineingezogen. 5)  Die  Bürger- 
schaft war  in  der  Tribus  Stellatina  eingetragen.  Der  von  hier  ge- 
bürtige Kaiser  Otho  hat  die  Stadt  vorübergehend  ins  Gerede  ge- 
bracht. 6)  Sie  ward  im  11.  Jahrhundert  von  Viterbo  aus  zerstört, 
ihre  Trümmer  führen  noch  immer  den  alten  Namen  Ferento.  Unter 
ihnen  sind  Stücke  der  Ringmauer,  besonders  aber  ein  mehrfach 
umgebautes   Theater   hervorzuheben.  —    Weiter   ostwärts  liegt  auf 


1)  CIL.  XI  5265  aput  Fulsinios. 

2)  Liv.  IV  23.  25.  61  V  17  VI  2. 

3)  Tab.  Peut.  CIL.  XI  30U3  Martial  VI  42,5. 

4)  Strab.  V  226  Plin.  III  52  Ptol.  III  1,43.  Die  handschriflliche  Namens- 
form schwankt  zwischen  Ferenlum-ium-ia- injim,  das  Elhnikon  Ferentiensis 
CIL.  XI  p.  454. 

5)  Vitruv.  II  7,4  (daher  Plin.  XXXVI  168)  Feldm.  216. 

6)  Tac.  Bist.  II  50  Suet.  Otho  1  Vesp.  3. 


342  Kapitel  V.     Etrurien. 

Steilem  Felsen  (263  m)  über  dem  Tiberlhal  Polimartium  Bomarzo.^) 
Gräber  aus  römischer  und  vornehmlich  etruskischer  Zeit  bezeugen 
das  Alter  des  Orts.  Er  wird  aber  erst  am  Ausgang  des  6.  Jahr- 
hunderts n.  Chr.  erwähnt:  wie  er  ursprünglich  geheifsen  habe,  ist 
nicht  zu  sagen.  —  Bei  Bomarzu  reichen  die  vulkanischen  Höhenzüge 
nahe  an  den  Tiber,  bis  dieser  einige  Millien  abwärts  nach  Norden 
gekrümmt  auf  der  etruskischen  Seite  beim  heutigen  Bassano  eine 
Ebene  (64  m)  frei  läfst.  In  ihr  zeigt  ein  mit  Schilf  und  Binsen 
bewachsener  Pfuhl  die  Stelle  des  berühmten  lacus  Vadimonis  an, 
der  nach  irgend  einer  unbekannten  Gottheit  benannt  zu  sein  scheint. 
Einen  bedeutenden  Baum  kann  dieser  See  nie  eingenommen  haben. 
Der  jüngere  Plinius  beschreibt  ihn  als  einen  rund  abgecirkelten 
Teich  mit  weifslichem  Schwefelwasser,  auf  dessen  Geruch  und  Ge- 
schmack die  Heiligkeit  des  Ortes  zurückgeht.  Wegen  seiner  Heilig- 
keit durfte  der  Teich  von  keinem  Nachen  befahren  werden,  war 
dagegen  durch  eine  schwimmende  Insel  belebt.  Plinius  verweilt 
ausföhrlich  bei  dem  eigenartigen  Schauspiel. 2)  Die  Alten  haben 
dasselbe  auch  anderswo  z.  B.  an  den  Seen  von  Statonia  und  Cutiliae 
beobachtet  (heutigen  Tages  wiederholt  es  sich  an  dem  Lago  delle 
Isole  natanti  bei  Tivoli)  und  richtig  erklärt.  Schilf  trockene  Gräser 
und  äiinliche  Gewächse  von  leichtem  Gewicht  die  auf  dem  minera- 
lischen Wasser  schwimmen ,  werden  durch  den  Ansatz  von  Kalk 
und  Schwefel  an  einander  gekittet,  der  Wind  weht  Staub  und  Pflanzen- 
samen darauf,  die  lockere  Decke  begrünt.  In  buntem  Spiel  treiben 
die  Schollen  herum  und  bleiben  schliefslich  am  Ufer  hängen,  das 
Becken  allmälich  einengend  und  versumpfend.  Die  Frage  nach 
dem  vadimonischen  See  hat  die  früheren  Topographen  viel  be- 
schäftigt: Cluver  erzählt  dafs  er  keine  Fische  sondern  Schlangen 
und  Schildkröten  ernähre,  von  unermefslicher  Tiefe  sei,  durch  unter- 
irdische Luftströmungen  erregt  werde,  bisweilen  ein  ganzes  Jahr 
keinen  Abflufs  habe,  dann  aber  einen  mächtigen  Bach  zum  Tiber 
ergiefse,  der  in  seinem  kurzen  Lauf  mehrere  Mühlen  treibe.  Nicht 
gerade  wegen  solcher  ungenügenden  Naturbeobachtungen  zieht  die 
Gegend  unsere  Aufmerksamkeit  an,  sondern  als  Schauplatz  der  ent- 
scheidenden Niederlagen  welche  die  Bömer  308  den  Etruskern,  283 
den  vereinigten  Boiern  und  Etruskern  beibrachten. 3)    Die  Wahl  des 

1)  Paul.  h.  Lang.  IV  8.     CIL.  XI  p.  461. 

2)  Plin.  Ep.  VIII  20  Seneca  nat.  qu.  III  25,8  Pün.  II  209  Sotion  38. 

3)  Liv.  IX  39;  Pol.  II  20  Flor.  I  8.  Cluver  552. 


§  4.     Das  Tafelland.  343 

Schlachtfeldes  wird  durch  die  Bodengestallung  erklärt.  Seitdem 
Sutrium  in  römischen  Händen  sich  befand,  war  den  binnenländischen 
Etruskern  das  Ausfallsthor  nach  Süden  gesperrt  (I  257  fg.);  da  die 
üeberschreiluag  des  hohen  Gebirgskamms  unthunlich  war,  blieb  für 
einen  Anmarsch  auf  Rom  nichts  übrig  als  dem  Tiber  folgend  das 
Gebirge  zu  umgehen.  Die  natürliche  Verbindungslinie  zwischen 
Rom  und  dem  cisappennischen  Norden  läuft  im  Tiber-  und  dem 
damit  zusammenhängenden  Chianathal  aufwärts  (I  304);  ihr  folgt 
die  heutige  Eisenbahn.  In  der  älteren  Kriegsgeschichte  sehen  wir 
die  Kellen  und  Etrusker  diesen  Weg  ziehen.  Auf  den  ersten  Blick 
befremdet  es  dafs  der  Weg  in  der  Folge  nicht  ausgebaut  ward,  dafs 
keine  römische  Kunststrafse  den  Flufs  begleitet.  Aber  mit  gutem 
Grund  führten  die  Römer  die  Via  Cassia  von  Orvieto  aus  durch 
das  Binnenland,  nicht  nur  weil  die  eingehaltene  Richtung  kürzer, 
sondern  auch  weil  sie  trockner  und  bequemer  war:  am  Tiber  ist 
die  [Niederung  zu  feucht  (I  320),  der  am  Höhenrand  hinführende 
Weg  wird  durch  die  vielen  ausmündenden  Thäler  genötigt  in  er- 
müdendem Wechsel  bergauf  bergab  zu  laufen ;  während  der  auf  Ge- 
winnung einer  wagerechten  Bahn  gerichtete  Bau  der  Gegenwart 
solche  Schwierigkeiten  durch  Durchstiche  und  Brücken  überwindet, 
war  für  die  Alten  die  vor  starker  Steigung  nicht  zurückscheuten, 
überhaupt  kein  Anlafs  vorhanden  mit  grofsem  Aufwand  von  Mitteln 
eine  Weltstrafse  den  Flufs  entlang  zu  führen.  Pflaster  der  hier 
laufenden  Nebenstrafsen  kann  man  gelegentlich  antreffen. 

Hauptstadt  der  mittelelrurischen  Ebene  ist  seit  dem  Mittelalter 
Viterbo  (327  m).  Der  Name  „alte  Stadt"  der  schon  am  Ausgang 
des  Altertums  begegnet  i),  deutet  an  dafs  sie  eine  Doppelgängerin 
gehabt  habe.  In  der  That  war  hier  ein  Knotenpunct  des  Verkehrs 
gegeben.  Von  der  Cassia  zweigt  die  Via  Ciminia  ab  um  den  Ge- 
birgskamm  (Pafshöhe  839  m)  zu  überschreiten  und  über  Ronciglione 
bei  Sulrium  Avieder  in  sie  einzumünden^);  desgleichen  die  Via 
Ferentiensis  ^)  die  nach  Ferentum  führt  und  nach  den  Tiberort- 
schaften sich  fortsetzt.  Etruskische  Gräber  sind  bei  Viterbo  in 
grofser  Zahl  vorhanden ,  römische  Badeanlagen  bei  der  1  km  ent- 
fernten Schwefelquelle  Bullicame.  Nach  Aussage  der  Inschriften 
erscheint  es  unzweifelhaft  dafs  die  Gemeinde  der  Sorrinenses  (oder 


1)  Geogr.  Rav.  IV  36  Beturbon  Guido  51   Felui'bo. 

2)  Sie    gehört    zu    den   Staatstrafsen,    Curatoien  z.  B.  CIL.  IX  5155.5833 
X  6006.  Auch  die  Form  Cimina  kommt  inschriftiich  vor.     3)  CIL.  XI  3003. 


344  Kapitel  V.     Elrurien. 

Surrinenses)  hier  gewohnt  hahe. ')  Zwei  Inschril'ten  hahen  den 
Namen  ohne,  zwei  mit  dem  Beiwort  Sorrinenses  Novenses.  Mög- 
hcher  Weise  geht  das  Beiwort  auf  eine  gesonderte  Verwaltung  wie 
in  CUisium  (S.  325)  Arretium  (S.  317)  und  anderen  Slädten  zurück. 
Da  Viterbo  zwischen  VVasserläufen  dem  Typus  einer  etruskischen 
Ansiedhing  entspricht,  wird  die  Neustadt  an  der  westhch  bei  den 
erwähnten  Bädern  vorheifühienden  Via  Cassia  gestanden  haben.  In 
der  Litteratur  kommt  ein  Sorrinum  überhaupt  nicht  vor;  jedoch 
scheint  es  in  dem  von  Ptolemaeos  zwischen  Volsinii  und  Ferentum 
gesetzten  ^oideQvov  zu  stecken.  Das  Fehlen  in  den)  Gemeinde- 
verzeichnifs  des  Augustus  nuifs  man  denn  so  erklären  dafs  entweder 
der  Name  bei  IMinius  ausgefallen,  oder  dafs  das  Stadtrecht  erst  von 
einem  späteren  Kaiser  verliehen  worden  sei.  Bormann  vermutet 
dafs  die  in  jenem  Verzeichnifs  stehenden  Suberlani  mitsamt  dem 
bereits  211  v.  Chr.  erwähnten  Forum  Subertatmm  nur  eine  andere 
Namensform  von  Sorrinum  wiedergeben. 2)  Allein  da  beide  Namen 
in  gleichzeitigen  Inschriften  vorkommen ,  erscheint  eine  so  fremd- 
artige Gleichstellung  im  amthchen  Sprachgebrauch  nicht  möglich ; 
deshalb  becjuemen  wir  uns  zu  dem  Geständnifs  die  Lage  jenes  Forum 
nicht  zu  kennen.  —  Am  Ostabhang  des  Ciminerwaldes  nimmt  Soriano 
(510  m)  die  Stätte  einer  alten  Ortschaft  ein  die  dem  Pagus  Stella- 
linus zugeschrieben  werden  darf. 3)  —  Die  Cassia  erreicht  9  Mdlieu 
von  Viterbo  das  nach  dem  Erbauer  benannte  Forum  Cassit  dessen 
verlassene  Stätte  die  Kirche  S.  Maria  di  Forocassi  anzeigt 4):  das 
eine  Millie  nordöstlich  entfernte  Vetralla  (343  ni)  ist  nach  etrus- 
kischer  Art  von  zwei  Wasserläufen  eingefaf^t  und  nach  Ausweis 
der  Gräber  von  Etruskern  bewohnt  gewesen.  Stadtrecht  hat  Forum 
Cassii  nicht  besessen.  Von  hier  läuft  die  Cassia  nach  dem  11  Mühen 
entfernten  Sutrium  durch  einen  natürlichen  Gebirgseinschnitl  der 
so  eng  ist  dafs  er  früher  durch  eine  noch  stehende  Mauer  gesperrt 
werden  konnte.  An  der  Wasserscheide  (465  m)  4  Millien  von  Forum 
Cassii  liegt  Victis  Malrini  le  Capannaccie.^) 

Die  Verbindung  des  mittleren  und  südlichen  Elrurieos  ist  am 

\)^\L/k\  p.  454  Ptol.  III  1,43. 

2)  Liv.  XXVI  23,5   Pliii.  III  52  Aelliicus   Cosmogr.  I  19   Foro    Subverle 
CIL.  VI  2404  a  I  11  Bormann  CIL.  XI  p.  454. 

3)  CIL.  XI  3040. 

4)  It.  Ant.  286  Tab.  Peut.  Geogr.  Rav.  IV  36    Aethcius    Cosmogr.   I    19 
(p.  80  Riese)  CIL.  XI  p.  505. 

5)  Tab.  Peut.  Geogr.  Rav.  IV  36  entstellt  Magnensis  CIL.  XI  p.  505. 


§  5.     Die  Südmark.  345 

Ausgang  der  Republik  durch  Anlage  der  Via  Clodia  gefördert  worden. 
Obwoi  sie  zu  den  Slaatslrafsen  der  Kaiserzeit  gehört,  steht  ihr 
Gang  keineswegs  fest.i)  Von  dem  mit  der  Strafse  zugleich  errichteten 
Forum  Clodii  am  Sabalinersee  rechnet  die  Reisekai  te  richtig  16 
Millien  bis  Blera  Rieda.^)  Diese  Sladt  bietet  ein  hervorragendes 
Muster  der  Ansiedlungen  im  Tafelland:  sie  nimmt  eine  schmale 
von  zwei  zusammei>stofsenden  liefen  Schluchten  geschützte  Land- 
zunge ein;  die  Wände  der  Schluchten  sind  von  rcgelmäfsig  ge- 
ordneten Grabkammern  durchlöchert;  zwei  alte  RrUcken,  Spuren 
der  Befestigung  werden  wahrgenommen.  Die  Gemeinde  war  der 
Tribus  Arnensis  einverleibt.  Blera  ist  5  Millien  von  Forum  Cassii 
entfernt.  >'ach  der  Reisekarte  lülirt  die  Via  Clodia  von  Rlera  nach 
Tuscana;  halbwegs  8  Millien  von  einer  jeden  ist  die  stattliche  unter 
dem  i\amen  ISorchia  bekannte  Nekropole  (155  m).  Sie  gehorte  zu 
einer  kleinen  verödeten  Ortschaft  von  der  wir  nichts  Näheres  wissen. 

§  5.  Die  Sudmark. 

Die  Bodengestaltung  der  Landschaft  die  vom  Ciminerwald  und 
Tiber  begrenzt  wird,  ist  im  ersten  Theil  beschrieben  worden  (l  259): 
sie  liegt  niedriger  als  das  Tafelland  und  weist  im  Unterschied  von 
diesem  zahlreiche  Maare  auf.  Ihre  geschichtliche  Stellung  erinnert 
an  die  Nordmark:  wie  dort  mit  den  Ligurern  haben  die  Etrusker 
hier  mit  italischen  Stämmen  um  den  Besitz  zu  kämpfen  gehabt. 
Freilich  treten  sie  im  Süden  mit  ganz  anderer  Wucht  auf.  Nörd- 
lich vom  Arno  haben  sie  nur  die  Grenzfestimg  Faesulae,  südlich 
vom  Ciminerwald  die  mächtigen  Zwolfstädte  Veji  und  Caere  be- 
hauptet. Immerhin  ist  ihnen  in  keinem  von  beiden  Fällen  gelungen 
die  Eingeborenen  zu  erdrücken:  im  Osten  wo  der  Tiber  einen 
grofsen  Bogen  um  den  Soracle  beschreibt,  bewahren  Falisker  und 
Capenaten  eine  gewisse  Selbständigkeit.  Der  Kampf  der  im  Schofse 
dieser  Gemeinden  zwischen  einheimischem  und  etruskischem  Wesen 
geführt  wird,  wäre  zu  Gunsten  des  letzteren  entschieden,  das  aus- 
schliefsliche  rein  etruskische  Gepräge  das  jenseits  des  ciminischen 
Gebirges  herrscht,  wäre  den  diesseitigen  Landen  aufgedrückt  worden, 


1)  It.  Anl.  284  wird  der  Name  irrtümlich  auf  die  Cassia  übertragen.  Die 
Peulingersctie  Tafel  läfst  sie  wie  S.  335  A.  2  bemerkt,  unmöglicher  Weise  von 
Tuscana  über  Saturnia  nach  Succosa  laufen. 

2)  Strab.  V  226  Plin.  III  52  Ptol.  III  1,43  Tab.  Peut.  Geogr.  Rav.  IV  36 
Aethicus  Cosm.  I  19  CIL.  XI  p.  507. 


346  Kapitel  V.     Etrurien. 

wenn  nicht  Rom  die  Fremdherrschaft  innerhalb  der  eigenen  Mauern 
gestürzt  und  fortan  in  unablässigem  Ringen  ein  Jahrhundert  lang 
auch  aufserhalb  niedergeworfen  hätte.  Als  dies  zu  Anfang  des  vier- 
ten Jahrhunderts  erreicht  und  Rom  damit  italische  Grofsmacht  ge- 
worden war,  hebt  das  stete  Zurückweichen  der  etruskischen,  das 
stete  Vordringen  der  lateinischen  Sprache  au.  Wie  das  Land  zum 
Theil  von  den  Sieben  Hügeln  aus  übersehen  wird,  erscheint  es  als 
Weichbild  der  Hauptstadt,  die  erhaltenen  Denkmäler  gehören  ihrer 
Masse  nach  der  römischen  Epoche  an.  Sieben  Heerstrafsen  durch- 
ziehen dasselbe  vom  Mittelpunct  aus  und  gewähren  einen  festen 
Anhalt  für  die  Aufzählung  der  Städte  und  Ortschaften.') 

xNachdem  die  Via  Aurelia  die  Biegung  des  Cap  Linaro  hinler 
sich  gelassen  hat,  trifft  sie  auf  die  Station  Punicum  „zum  Granat- 
apfel" Sa.  Marinella  2j,  dann  8  Millien  von  Castrum  novum  auf  die 
uralte  Hafenstadt  Pyrgi  Sa.  Severa.3)  Die  Fundamente  der  Ring- 
mauer aus  hartem  vieleckigem  Kalkstein  zeigen  die  aufserordentliche 
Dicke  von  3  —  5  m.  Sie  ergeben  ein  regelrechtes  Trapez  von  200  m 
Breite  und  220  m  grofster  Länge;  doch  bleibt  die  Möglichkeit  dafs 
ähnlich  wie  in  Castrum  novum  (S.  334)  das  Meer  ein  Stück  von 
der  Läugenausdehnuug  verschluckt  bat.  Aber  mehr  als  4 — 5  ha 
kann  der  Flächeninhalt  innerhalb  der  Mauer  nicht  betragen  haben; 
wie  weit  die  Vorstädte  sich  erstreckten,  ist  unbestimmbar.  Vergii 
zeichnet  den  Ort  durch  das  Beiwort  all  aus;  sein  Name  ist  griechisch 
und  kehrt  gerade  wie  der  ISame  ven  Pisa  in  Elis  wieder.^)  Die 
Kleinheit  des  Berings  weist  in  eine  Zeil  zurück,   als  die  Seevülker 


1)  I,  H.  Weslphal,  Die  Römische  Kampagne  in  lopographisclier  und  anti- 
quarischer Hinsicht,  nehst  Karte,  Berlin  und  Stellin  1S29:  eine  hervorragende 
Leistung  wissenschaftlicher  Wanderlust.  A.  Nibby,  Analisi  storico-topografico- 
aniiquario  della  carta  de'  dintorni  di  Roma  3  vol.  Roma  1837  2  ed  1848:  die 
Karle  wurde  1822 fg.  in  Gemeinschaft  mit  Sir  William  Gell  aufgenommen  und 
zuf-rsl  1827  veröffentlicht.  W.  Gell,  Topography  of  Roma  and  its  vicinity, 
2  ed.  London   1846.    Vgl.  die  Litleratur  zu  Kap.  IX. 

2)  Tab.  Peul.  Geogr.  Rav.  IV  32  V  2.  Der  Name  hat  gewifs  nicht  das  An- 
denken einer  phoenikischen  Factorei  festgehalten  1  122  (Mommsen  Rom.  Gesch. 
I  130  u.  a.),  sondern  rührt  wie  so  viele  ähnliche  von  einem  Wirtshausschild 
her  (S.  .59). 

3)  Strab.  V  225.  26  Mela  II  72  Plin.  111  51  Ptol.  III  1,4  It.  Ant.  290.  301 
mar.  49S  Tab.  Peut.  Geogr.  Rav.  IV  32.  36  CIL.  XI  p,  546. 

4)  Bei  den  Griechen  JJvgyoi,  vereinzelt  Steph.  ßyz.  Ilv^yrjaaa.  Pyrgensis 
Liv.  XXV  3  Cic.  de  er.  11  287.  —  Verg.  Aen.  X  184  dazu  Serv.  Macrob.  V  15,4. 
CIL.  XF  3710  nennt  als  Stadtgründer  den  Pater  Pyrgensis. 


§  5.     Die  Südmark.  347 

an  fremden  Gestaden  ihre  Burgen  oder  Factoreien  gründeten.  Der- 
selbe umschlofs  einen  reichen  Tempel  der  Leukothea  oder  Ilithyia 
dessen  Stiftung  den  Pelasgern  zugeschrieben  wird:  Dionys  d.  ä.  über- 
fiel 384  V.  Chr.  das  Heiligtum  und  erbeutete  darin  1000  Talente,  i) 
In  der  Folge  geriet  Pyrgi  in  Abhängigkeit  von  Caere,  wird  in  den 
griechischen  Quellen  geradezu  als  dessen  Hafen  bezeichnet;  doch 
lehrt  ein  Blick  auf  die  Karte  dafs  es  diesem  Zweck  ursprünghch 
nicht  gedient  haben  kann.  Allen  Glauben  beansprucht  dagegen 
die  Nachricht  dafs  es  ein  Sitz  der  etruskischen  Piraterie  gewesen 
sei.  Nachdem  die  Römer  die  ganze  Küste  sich  hatten  abtreten 
lassen,  verpflanzten  sie  eine  Bürgercolonie  hierher,  deren  zuerst 
191  V.  Chr.  beiläufig  Erwähnung  geschieht.^)  In  den  Friedenszeiten 
versorgt  es  den  hauptstädtischen  Markt  mit  Seefischen  und  wird  als 
Sommerfrische  aufgesucht.^)  Es  bewahrt  seine  Selbstverwaltung, 
bis  das  städtische  Leben  allmälich  erlischt;  um  mit  Rutilius  zu 
reden :  Alsia  praelegitur  tellus  Pyrgique  recedunt, 

7iunc  villae  grandes,  oppida  parva  prius. 

Von  der  Küstenstrafse  abseits,  im  geraden  Abstand  4  iMillien 
von  der  See  liegt  die  alte  Zwölfstadt  Caere*),  unmittelbar  daneben 
das  Dorf  Ceivetri  (81  m),  zur  Unterscheidung  von  dem  Anfang  des 
13.  Jahrhunderts  3  Millien  weiter  ostlich  erbauten  Ceri  „das  alte" 
zubenannt.  Caere  nimmt  einen  von  Nordost  nach  Südwest  lang 
gestreckten  Tuffhügel  ein ,  der  von  Norden  her  wo  er  mit  dem 
Grundstock  des  ansteigenden  Binnenlandes  zusammenhängt,  zugäng- 
lich, an  den  Lang-  wie  auch  der  Seeseite  durch  Thäler  geschützt 
ist.  Den  wirksamsten  Schutz  gewährt  der  im  Osten  vorbeifliefsende 
Caeretamis  amnis  Fosso  della  Vaccina^);  der  in  ihn  einmündende 
Bach  der  den  Stadthügel  im  Westen  unifafst  und  von  der  Nekro- 
polis  scheidet,  ist  unbedeutend.  Aufser  einigen  geringfügigen  Resten 
der  Ringmauer  tritt  von  der  alten  Anlage  nichts  mehr  zu  Tage: 
man  will  8  Thore  unterscheiden  und  den  Umfang  zu  5  km  oder 
darüber  annehmen  (S.  37).  Um  so  bedeutsamer  erscheinen  die 
Gräber  die   im    ganzen  Umkreis,   vornehmlich  auf  dem  ßanditaccia 


1)  Diod.  XV  14  Arislot.  Oek.  II  20,9  Slrab.  a.  0. 

2)  Liv.  XXXVI  3. 

3)  Athen.  VI  224  c  Lucilius  bei  Serv.  V.  Aen.  X  184  Sueton  Ner.  5  Martial 
XII  2  Rutil.  Nam.  I  223.     CIL.  XI  p.  546. 

4)  Strab.  V  220  Plin.  III  51  Ptol.  III  1,43  CIL.  XI  p.  533. 

5)  Verg.  Aen.  VIII  597  Plin.  III  51. 


348  Kapitel  V.     Efrurien. 

benannleo  jeoseit  des  westlichen  VVasseilaiifs  belindlichen  Hügel- 
rücken entdeckt  worden  sind.  Unter  ihnen  übt  die  Grotta  delle 
Iscrizioni  eine  besondere  Anzichuiiff  aus.  Die  Kammer  12  m  im 
Geviert,  durch  zwei  IMeiler  gestützt,  ist  16  m  unter  die  Oberlläclie 
herabgetrieben.  In  den  Wänden  sind  13  Betten  ausgehöhlt,  an 
ihnen  lauten  Bänke  hin,  beides  l'iir  die  Aufnahme  der  Leichen  be- 
stimmt. Auf  dem  Stuck  der  Wände  ist  31  mal  in  etruskischer 
Schrift  der  Name  Tarchnas,  4  mal  in  lateinischer  Tarqiiitius  ange- 
malt. Da  nun  zwei  Sohne  des  letzten  römischen  Königs  nach  dessen 
Vertreibung  Zutlucht  in  Caere  gesucht  haben,  so  ist  die  Möglichkeit 
gegeben  dies  Grab  ihrer  Nachkommenschaft  zuzuweisen.')  Der  Ge- 
brauch der  lateinischen  Sprache  widerrät  einen  gar  zu  IrUhen  An- 
satz, andere  Gräber  reichen  nach  ihrer  Ausstattung  mindestens  ins 
sechste  Jahrhundert  hinauf.  So  schwer  es  auch  hält  einen  gültigen 
Mafsslab  zu  finden,  scheint  doch  bei  der  Ausstattung  der  Todten 
anderswo  z.  ß.  in  Tarquinii  und  Volci  eine  gröfsere  Pracht  entfaltet 
worden  zu  sein.  —  Bei  den  Hellenen  hiefs  die  Stadt  "AyvlXa.'^) 
Den  Gelehrten  galt  sie  als  Gründung  der  Pelasger,  die  später  von 
den  Etruskern  erobert  und  Caere  umgenannt  worden  sei. 3)  Die 
Sage  erzählte  von  ihrem  Tyrannen  Mezentius  dessen  Arm  schwer 
auf  Latium  lastete^): 

haut  procul  hinc   saxo  incolitur  fundata  vetusto 

urbis  AgyUinae  sedes,  ubi  Lydia  quondam 

gens  bello  praedara  iugis  insedü  Etruscis. 

haue  multos  florentem  annos  rex  deinde  superbo 

irnperio  et  saevis  temitt  Mezentius  armis. 
In  der  geschichtlichen  üeberlieferung  ist  es  diese  Stadt  die  im 
Bunde  mit  Karthago  532  v,  Chr.  die  Phokaeer  bei  Alalia  schlägt 
und  Corsica  zu  räumen  nötigt.  Wenn  damals  die  Gefangenen  auf 
ihrem  Markte  zu  Tode  gesteinigt  wurden,  unterhielt  doch  Agylla 
auch  Iriedliche  Beziehungen  mit  den  Hellenen,  hatte  ein  eigenes 
Schalzhaus  in  Delphi  und  stand  in  dem  Buf  den  Seeraub  zu  meiden. 
Den  Kunstkennern  der  Kaiserzeit  bezeugten  Gemälde  das  Alter  des 


1)  Dennis  Bull,  dell'  Inslit.  1847  p.  56  fg.  CIL.  XI  3626  Liv.  I  60. 

2)  Herodot  I  167  Lykophr.  AI.  1355  Steph.  Byz.  Diod.  XV  14  Dion.H.I  20 
Dio  fr.  33. 

3)  Dion  H.  111  58  Strab.  V  220  Verg.  Aen.  VII  652  VIJJ  478  XII  281  Plin. 
III  51  Rutil.  Nam.  I  225  Serv.  V.  Aen.  VIII  600. 

4)  Verg.  Aen.  Vill  478  Calo  Or.  frg.  I  10  fg.  Jordan  Fest.  194  M. 


§  5.     Die  Südmark.  349 

Verkehrs.  1)  Auch  mit  Rom,  wenn  wir  von  angehlichen  Kriegen 
der  Königszeit  absehen  2),  lebte  Caere  in  guter  Nachbarschaft,  nahm 
bei  dem  üeberfall  der  Gallier  390  die  geflüchteten  Heiligtümer  in 
seine  Hut  und  erhielt  zum  Dank  einen  öfl"entlichen  Gastvertrag. 3)  Es 
wird  berichtet  dafs  im  4.  Jahrhundert  vornehme  Römer  für  die 
Ausbildung  ihrer  Söhne  in  etruskischer  Sprache  und  Wissenschaft 
davon  Gebrauch  machten."*)  Jedoch  ging  es  damals  schon  mit  der 
Stadt  abwärts:  sie  vermochte  384  den  Raubzug  des  Dionys  (S.  347) 
nicht  abzuwehren  und  sah  sich  353  veranlafst  den  drohenden  An- 
griff der  Römer  durch  bedingungslose  Unterwerfung  abzuwenden. 5) 
Nach  einer  Angabe  die  undalirt  ist  und  möglicher  Weise  einem 
späteren  Jahrhundert  angehört,  mufste  sie  die  Hälfte  ihres  Gebiets 
abtreten :  in  der  That  ist  die  ganze  Küste  in  römischen  Resitz  über- 
gegangen. Im  Zusammenhang  damit  erhielten  die  Caeriten  Bürger- 
recht ohne  Wahlrecht:  als  die  älteste  unter  den  Halbbürgergemeinden 
diente  ihr  Name  zur  Bezeichnung  dieser  Classe  überhaupt.^)  Sang- 
und  klanglos  ist  die  Zwölfstadt  dem  römischen  Unterthanenverbande 
einverleibt  worden.')  Immerhin  hat  sie  ihre  Selbstverwaltung  nicht 
völlig  eingebüfst:  in  Gemeinschaft  mit  den  übrigen  Etruskern  unter- 
stützt sie  205  den  Scipio  durch  Lieferung  von  Getreide  und 
andere  Zufuhr;  nach  Ausweis  der  Inschriften  führt  der  oberste  Re- 
amte  den  altertümlichen  Titel  Dictator,  neben  ihm  ist  ein  Aedil  mit 
der  Rechtsprechung  betraut.*)  Wann  Caere  volles  Rürgerrecht  er- 
langte und  welcher  Tribus  es  zugetheilt  wurde,  ist  nicht  bekannt. 
Strabo  erklärt  dafs  nur  noch  ein  Schatten  der  einstigen  Gröfse  vor- 
handen, dafs  der  benachbarte  und  stark  besuchte  Radeort  Aquae 
Caerües  oder  Caeretanae  —  die  Bäder  hegen  6  Millien  nach  Nord- 
west und  heifsen  jetzt  Ragni  del  Sasso^)  (247  m)  —  besser  be- 
völkert gewesen  sei.    Indessen  stand  sein  Weinbau  in  hoher  Rlüte  ^^) ; 


1)  Plin.  XXXV  18.     Nach   Rhianos    bei    Stepli.  ßyz. '^/vAAn   Exportplatz 
von  Erz. 

2)  Dion.  Hai.  111  58  IV  27  Liv.  I  60  IV  61,11. 

3)  Liv.  V  40.  50  Vli  20  Val.  Max.  I  l.tO  Fest.  44  iM. 

4)  Liv.  IX  .36. 

5)  Liv.  VII  19  fg.  Bio  Cassius  fr.  33. 

6)  Strab.V220  Gell.  N.A.  XVI  13  Hör.  Ep.I  6.62  mit  Schol.  Fest.  127.  233  M. 

7)  Liv.  XXI  62  XXII  1  XXVII  23  XXVIII  11  XLI  21. 

8)  Liv.  XXVIII  45  CIL.  XI  3593.  3614.  15. 

9)  Liv.  XXII  1   Val.  Max.  I  6,5  Strab.  V  220. 
10)  Coiumella  UI  3  Martial  XIII  124  VI  73. 


350  Kapitel  V.     Etrurien. 

auch  beweisen  die  aufgefundenen  Bildwerke  und  Bauten  (z.  B,  ein 
Theater)  in  üebereinstimmung  mit  den  Inschriften  dafs  man  sich 
den  Verfall  in  ilen  ersten  Jahrhunderten  unserer  Zeitrechnung  nicht 
allzu  grell  vorstellen  darf. 

Als  natürlicher  Hafen  von  Caere  ist  das  5  Millien  entfernte 
Alsium  Palo  anzusehen,  i)  Der  Name  hatte  wie  derjenige  von  Pyrgi 
einen  griechischen  Klang  und  wurde  von  den  Alten  auf  die  Pelas- 
ger  zurückgeführt."^)  Einzelne  sehr  alte  Gräber  sind  allerdings  in 
der  IVähe  aufgedeckt  worden,  aber  unsere  Kunde  hebt  doch  eigent- 
lich erst  mit  der  römischen  Epoche  an.  Nach  seiner  im  4.  oder  3. 
Jahrhundert  erfolgten  Abtretung  wurde  der  Ort  247  einer  Bürger- 
colonie  überantwortet 3)  deren  Besitzungen  —  wie  der  locus  Alsie- 
tinus  Lago  di  Martignano  (I  260)  beweist-*)  —  bis  20  Millien  land- 
einwärts reichten.  Noch  unter  Caracalla  bezeichnet  sich  die  Ge- 
meinde mit  dem  anspruchsvollen  Titel  Colonie ,  obwol  das  Städt- 
chen von  den  vornehmen  Landhäusern  verdunkelt  und  schliefshch 
erdrückt  wurde.  Nachweisbar  seit  dem  2.  Jahrhundert  v.  Chr.  ist 
dieser  Strand  ein  Lieblingsaufenthalt  der  Grofsen  gewesen:  des 
jüngeren  Plinius  Schwiegermutter  fand  hier  senectutis  suae  nidulum, 
der  Prinzenerzieher  Fronto  maritimum  et  voluptarium  locum;  unter 
den  Villenbesitzern  werden  z.  B.  Pompeius,  Caesar,  Verginius  Rufus, 
Kaiser  Marc  Aurel  erwähnt.^)  Man  kann  die  Trümmer  ihrer  An- 
lagen Ost  von  Palo  eine  ganze  Millie  den  Strand  entlang  ver- 
folgen. —  Alsiimi  ist  durch  eine  nach  6  Millien  von  der  Via  Aureha 
abzweigende  Nebenslrafse  mit  dem  18  Millien  entfernten  Ostia  ver- 
bunden. Halbwegs  erreicht  dieselbe  Fregenae  Macarese  am  rechten 
Ufer  des  Arrone  der  aus  dem  See  von  Braciano  abfliefst.^)  Mit 
den  Worten  obsessae  campo  squalente  Fregenae  kennzeichnet  Sihus 
die  sumpfige  Umgebung:  nach  dem  Tiber  hin  zieht  sich  eine  aus- 
gedehnte Lagune  Stagno  di  Ponente.  Die  Römer  haben  245  v. 
Chr.    eine   Bürgercolonie   in   dem  Orte  angesiedelt   die  noch  unter 


1)  Slrab.  V  225.  26  Plin.  III  44.  51  Ptol.  III  1,4  It.  Ant.  301  Tab.  Peut. 
Geogr.  Rav.  IV  32  V  2  CIL.  XI  p.  547. 

2)  Dion.  H.  I  20  Sil.  lt.  Vlll  474. 

3)  Flor.  1  5  unbestimmbar;  Velleius  I  14,8  Liv.  XXVII  38. 

4)  Frontii)  de  aqu.  11.  71. 

5)  Val.  Max.  VIII  1  daran.  7  Cic.  pro.  Mil.  54  ad  Farn.  IX  6,1  Alt.  XIII 
5ü,3fg.;  Plin.  Ep.  VI  10;  Fronto  de  feriis  Alsielinis  p.  223fg.  Naber;  Rutil. 
Nani.  1  223. 

6)  Strab.  V  225.  26  Plin.  III  51   It.  Ant.  300  CIL.  XI  p.  549. 


§  5.     Die  Südmark.  351 

den  Kaisern  bestand,  aber  doch  früher  als  ähnliche  Gründungen 
verscholl. 1)  —  An  der  Via  Aurelia  11  Millien  von  Alsium,  12  von 
Rom  lag  die  Ortschaft  Lorium.'^)  Ausgrabungen  in  dieser  Gegend 
auf  den  Gütern  Castel  di  Guido  und  Bottaccia  haben  eine  beträcht- 
liche Zahl  von  Inschriften  ergeben  und  gelehrt  dafs  die  hier  im 
2.  Jahrhundert  aufgeschlagene  Kaisenesidenz  viele  Bewohner  an- 
lockte, Antoninus  Pius  ist  in  Lorium  aufgewachsen  und  gestorben; 
der  von  ihm  erbaute  Palast  wurde  gleichfalls  von  Marc  Aurel 
oft  benutzt.3) 

Die  Küstenlandschaft  wird  von  den  Erhebungen  überragt  die 
um  den  See  von  Bracciano  sich  reihen  und  nordlich  von  diesem 
in  der  Rocca  Romana  ihren  höchsten  Gipfel  602  m  aufsteigen 
lassen  (I  259).  Der  See  heifst  den  Alten  lacus  Sabate  oder  Saba- 
tinusJ)  Die  an  vielen  Seen  verbreitete  Sage  die  auf  dem  Grund 
eine  versunkene  Stadt  erschaut,  wird  auch  von  ihm  berichtet  5)  und 
lebt  noch  heutigen  Tages  im  Volke.  Sie  konnte  sich  um  so  leichter 
festsetzen,  als  der  W^asserstand  bemerkenswerten  Schwankungen 
unterworfen  gewesen  ist.  Der  Spiegel  ist  gegenwärtig  höher  als 
im  Altertum:  an  der  Westseite  läuft  eine  gepflasterte  antike  Slrafse 
unter  Wasser.  Da  nämlich  Leitungen  für  Rom  aus  dem  See  ge- 
speist werden,  hat  man  Stauwerke  am  Arrone  errichtet  und  den 
Abflufs  geregelt.  Auch  im  Altertum  ist  beiläufig  von  einem  Vor- 
rücken des  Sees  um  10  Fufs  die  Rede.  —  Eine  gröfsere  Stadt  darf 
nun  freilich  an  seinen  Ufern  überhaupt  nicht  gesucht  werden,  wol 
aber  haben  —  das  beweisen  die  erhaltenen  Ruinen  —  sowol  im 
Norden  bei  Trevignano  als  im  Osten  bei  Anguillara  Ortschaften  ge- 
legen. Das  letztere  nimmt  einen  Vorsprung  an  der  Bucht  aus 
welcher  der  Arrone  abüiefst,  also  einen  für  Fischerei  sehr  günstigen 
Platz  ein.  Der  an  Aalfang  erinnernde  Name  ist  durch  eine  leichte 
Entstellung  aus  dem  lateinischen  abgeleitet:  ein  Rechtsfall  erwähnt 


1)  Liv.  XIX  XXXII  29  XXXVI  3  Velleius  I  14,8  Sil.  It.  VIII  475.  Uebrigens 
verdient  Beachtung  dafs  die  Handschriften  der  beiden  letztgenannten  Autoren 
die  Deminutivform  Fregellae  bieten. 

2)  It.  Änt.  290  Tab.  Peut.  Geogr.  Rav.  IV  36  CIL.  XI  p.  549. 

3)  Vita  Ant.  1,8  12,6  Eutrop  VIII  8  darnach  die  Ausschreiber.  Fronto  an 
Marcus  II  15  III  20  V  7  an  Ant.  1  1.3  de  feriis  Als.  1.  3. 

4)  Fest.  343  Abi.  Sahate  Dig.  XVIII  1,69  Acc.  Sabatenem  Strab.  V  226 
Nom.  ^aßcira;  Sil.  It.  VIII  490  Sabatia  stagna;  Colum,  VllI  16  Fronlin  de 
aqu.  71  lacus  Sabatinus. 

5)  Sotion  de  mir.  fönt.  41  überliefert  üäxaros  für  Häßaros. 


352  Kapitel  V.     Elrurien. 

njimlicli  laaim  Snbateuem  Angviarinm  —  wie  auch  heute  der  See 
nach  Trevignano  und  An<,Miillaia  so  gut  wie  nach  Bracciano  benannt 
wird  —  d.  h.  die  angedentele  Ausbuciilung;  daraus  ist  zu  schliefsen 
dafs  der  Vicus  Sahate  Angularia  geheifsen  haheJ)  —  Der  Name 
Trevignano  sclieint  allerdings  von  einem  Landgut  Trehonianum  her- 
zurühren ,  aber  dafs  hier  einst  eine  befestigte  Ortschaft  gestanden, 
lehrt  ein  Ueberi)leibsel  ihrer  Ringmauer.  Auf  diesen  Ort  darf  ver- 
mutungsweise der  allein  auf  der  Reisekarte  verzeichnete  Name  Sahate 
bezogen  werden. 2)  üehrigens  ist  nicht  der  See  nach  dem  Ort, 
sondern  umgekehrt  der  Ort  nach  dem  See  benannt  worden;  denn 
der  Wortstamm  begegnet  an  der  Riviera  zur  Bezeichnung  einer 
Lagune,  in  Unleritalien  zur  Bezeichnung  von  Flüssen  verwandt  und 
wird  demnach  wol  Wasser  bedeuten.  —  Spuren  etruskischer  Cultur 
werden  im  Umkreis  des  Sees  vermifst.  Die  Bewohner  in  gröfserer 
oder  geringerer  Abhängigkeit  von  Veji  sind  nach  dessen  Sturz  387 
als  tribus  Sabatina  in  die  römische  Bürgerschaft  aufgenommen 
worden.3)  Wie  diese  nach  dem  See,  scheint  die  gleichzeitig  ge- 
stiftete tribus  Arnensis  nach  dessen  Abflufs  Arrone  benannt  zu 
sein. 4)  An  städtischer  Entwicklung  steht  das  vulkanische  Bergland 
zurück.  Die  Censusliste  des  Augustus  führt  unter  den  Gemeinden 
Etruriens  Novem  Pagi  auf  d.  h.  9  zu  einem  Verwaltungskörper  ver- 
einigte Dorfschalten  die  wir  auf  der  Karte  ebensowenig  mit  Sicher- 
heit unterzubringen  wissen  wie  die  in  den  ältesten  Kämpfen  zwischen 
Rom  und  Veji  erwähnten  Septem  Pagi  am  Tiber.'')  —  Am  See  sind 
von  einem  Claudier  Dorfschaften  zu  einer  Praefectur  zusammen  ge- 
fügt worden  die  als  Praefectur a  Claudia  Foroclodi  in  der  Census- 
liste steht.  Eine  Inschrift  unterscheidet  die  urbani  von  den  übrigen 
Claudienses  ex  praefectura  Claudia.  Das  städtische  Centrum  der 
Gemeinde  Forum  Clodi  liegt  auf  dem  westlichen  Hügelrand  des 
Sees  2  Millien  Nord  vom  heutigen  Bracciano.^)  Die  im  8.  und  9. 
Jahrhundert  entstandene  Kirche  der  Märtyrer  S.  Marcus  Marcianus 
und  Liberatus  bezeichnet  den   Anfang    der  landeinwärts   sich   hin- 

1)  Mig.  XVIII  1,69  CIL.  XI  3773-76  Nibby,  Analisi  P  p.  142. 

2)  Tab.  Peilt.  Geogr.  Rav.  IV  36  CIL.  XI  3299 fg. 

3)  Liv.  VI  5  Fest.  343  M. 

4)  Der  Name  kommt  zuerst  im    11.  Jahrhundert  vor  s.  Nibby  l"  p.  256 
der  an  den  etruskischen   Vornamen  /iruns  erinnert. 

5)  Plin.  III  52;  Dien.  H.  II  55  V  31.  36.  65   Plut.  Rom.  25. 

6)  Plin.  III  52    Ptol.  III   1,43  It.  Anl.  286  Tab.  Peut.  Geogr.  Rav.  IV  36  CIL. 
XI  p.  502  Desjardins  Ann.  dell'  Inst.  1859  p.  34  fg.    Not.  d.  Scavi   1889  p.  5 fg. 


§  5.     Die  Sädmark.  353 

ziehenden  städtischen  Anlagen,  lieber  dem  Eingang  zur  Kirche 
ist  die  aus  augustischer  Zeit  stammende  Aufschrilt  einer  Villa  Namens 
Pausilypon  eingemauert:  der  schöne  Blick  über  den  weiten  Spiegel 
mit  seinem  Hilgelkranz  rechtleitigt  die  Bezeichnung.  Im  ganzen 
Umfang  des  Sees  stufst  man  auf  Trümmer  von  Landhäusern.  — 
Viel  früher  als  deren  Entstehung  fällt,  ist  die  im  Nordwesten  1  km 
vom  See  befindliche  warme  Mineralquelle  von  Vicarello  aufgesucht 
worden.  Bei  einem  Umbau  des  auch  jetzt  (aber  der  Malaria  wegen 
nur  im  Frühhng)  benutzten  Bades  wurden  1852  an  1000  kgr  Weih- 
gaben aus  Kupfer  Silber  und  Gold,  darunter  die  I  23  erwähnten 
Gaditaner  Reisebecher  aufgefunden.  Zu  unterst  waren  Spenden  aus 
kleinen  Kupferstücken  (über  10  000  im  Gewicht  von  400  kgr)  da- 
rüber gegossenes  Schwerkupfer  und  endlich  gewöhnliche  Münzen 
bis  zur  Regierung  Traians  herab:  ein  Beweis  dafs  das  Bad  seit 
der  alten  Republik  in  ununterbrochenem  Gebrauch  stand.  Ver- 
schiedene Silberbecher  tragen  Widmungen  an  Apollo;  es  kann  nicht 
bezweifelt  werden  dafs  das  Bad  Aquae  Apollinares  geheifsen  habe, 
so  sehr  dies  auch  dem  Ansatz  der  Itinerarien  widerspricht.!)  Allzu 
viel  hat  dies  nicht  zu  bedeuten;  denn  das  Strafsennetz  in  dieser 
Gegend  ist  so  verwickelt  dafs  die  Postbücher  es  ebenso  wenig  wie 
die  heutige  Forschung  zu  entwirren  vermocht  haben.  Die  nächste 
und  wichtigste  Frage  betrifft  Lauf  und  Alter  der  Via  Claudia  oder 
Clodia.  Das  zu  ihr  gehörige  Forum  ist  älter  als  die  Monarchie, 
aber  kein  Schriftsteller  gedenkt  ihrer  Erbauung.  Nun  heifst  die 
grofse  Strafse  von  Luca  und  Florenz  nach  Rom  im  Reisebuch  Clodia; 
entgegen  dem  heutigen  Sprachgebrauch  heifst  die  bei  Ponte  Molle 
von  der  Flaminia  abzweigende  Strafse  nicht  Cassia  sondern  Claudia; 
endlich  steht  diese  in  der  Aufzählung  der  südetrurischen  Staat- 
strafsen  durchaus  an  erster  Stelle.^)  Daraus  folgt  freilich  nur  dafs 
die  Cassia  von  beiden  die  jüngere  ist.  Aber  gegen  die  Annahme 
als  ob  die  das  Arnus-  und  Clauislhal   mit  Rom  verbindende  Anlage 


1)  CIL.  XI  p.  496.  Bei  der  Aufzählung  bekannter  Bäder  nennt  Martial  VI 
42,7  Phoebi  vada:  das  Apollobad  mufs  entweder  am  Meer  oder  an  einem 
Landsee  gesucht  werden.  Nun  setzen  lt.  Ant.  300  und  die  Reisekarte  überein- 
stimmend Aquae  Apollinares  12  Millien  von  Tarquinii;  aber  der  Ansatz,  mag 
man  ihn  deuten  wie  man  will,  ist  irrtümlich  da  im  Umkreis  von  12  Millien 
von  Tarquinii  sich  kein  Bad  vorfindet.  Dagegen  trifft  der  Ansatz  des  It.  Ant. 
19  Millien  von  Gareiae  auf  Vicarello  zu. 

2)  It.  Ant.  284  Ovid  ex   Ponto  I  8,44  Fast.  Praen.  April  25  CIL.  XI  6338 
vgl.  Borghesi  oeuvres  IV  131. 

Nissen,  Ital.  LandeskTinde    II.  23 


354  Kapitel  V.     Etrurien. 

ursprünglich  von  einem  Claiulier  herrühre,  in  der  Folge  von  einem 
Cassier  umgebaut  und  theilweise  vorändeit  worden  sei,  macht  die 
im  3.  Jahrhundert  gewahrte  Autonomie  der  Bundesgenossen  be- 
denklich (S.  52).  Wahrscheinlich  handelte  es  sich  zunächst  darum 
für  die  zur  Zeit  des  Pyrrhos  in  Südelrurien  erworbenen  Gebiete 
eine  binnenländische  Verbindung  nach  Rom  zu  schaden,  wie  solche 
bereits  an  der  Küste  bis  Cosa  (S.  299)  durch  Censor  Aurelius  her- 
gestellt war.  Ferner  liegt  es  nahe  in  dem  Censor  225  v.  Chr. 
0.  Claudius  Centho  dessen  Nachkommen  den  Patronat  der  claudischen 
Praef'ectur  führen,  den  Erbauer  von  Strafse  und  Forum  zu  erblicken. i) 
Die  Via  Claudia  hat  vermutlich  von  der  Ebene  bei  Viterbo  in  ge- 
rader Südrichtung  nach  Blera  (S.  345)  und  weiter  Forum  Clodii 
geführt.  Von  hier  läuft  sie  mit  auf  weiten  Strecken  erhaltenem 
allem  Pflaster  südlich  um  den  See  nach  Careiae  Galera  am  Arrone.-) 
Das  Reisebuch  rechnet  von  Careiae  nach  Forum  Clodii  zu  hoch  17, 
nach  Aquae  Apollinares  19,  nach  Rom  richtig  15  Millien.  Die 
Reisekarte  läfst  es  durch  einen  Nebenweg  mit  Vacanae  Baccano 
an  der  Cassia  verbunden  sein.  Bei  Forum  Clodii  wurde  die  Via 
Claudia  von  einer  Querstrafse  gekreuzt  die  einerseits  über  Aquae 
Apollinares  nördlich  um  den  See  nach  der  Cassia  führte,  auf  der 
anderen  Seite  nach  West  dem  Meer  zulief.  In  letzterer  Richtung 
läl'sl  sie  sich  etwa  9  Millien  bis  zu  den  Bädern  von  Stigliano  ver- 
folgen, heifsen  Schwefelquellen  die  von  den  Alten  benutzt  wurden 
ohne  dafs  wir  ihren  Namen  kennen.  Letzteres  gilt  auch  von  dem 
verlassenen  Dorf  Monterano,  an  dem  die  Strafse  vorbeiführt:  es 
nimmt  die  Stelle  einer  antiken  Ortschaft  auf  einer  vorn  Mignone 
und  Bicchione  umflossenen  Landzunge  ein,  mehrere  hundert  Fels- 
gräber aufweisend,  lieber  den  weiteren  Verlauf  der  Strafse  von 
Stigliano  ab  ist  nichts  Bestimmtes  anzugeben,  3) 

Viel  bedeutender  als  die  Sabaliner  sind  die  Höhen  des  Ciminer- 


1)  CIL.  XI  3310a. 

2)  Fionlin  de  aqu.  71  lt.  Ant.  300  Tab.  Peul.  Geogr.  Rav,  IV  33  CIL.  XI 
p,  553, 

3)  Die  Gegend  ist  aufserordentlich  öde.  Der  Hirte  der  uns  1864  nach 
Monterano  hinüber  führte  und  nachher  in  seiner  ärmlichen  Cnpanna  speiste, 
erzählte  dafs  jene  alte  Strafse  die  bei  Stigliano  sichtbar  wird,  durch  den  See 
von  Bracciatio  gehe,  darauf  nach  Rom  und  jenseit  dem  Albanergebirg  sich 
fortsetze,  alles  ganz  richtig;  in  Betreff  einer  Fortsetzung  nach  Tolfa  oder  dem 
Meer  zu  war  iliin  nichts  bekannt,     Ueber  alte  Gräber  Bull  dell'Inst,  1884  p.  193, 


§  5.     Die  Südmark.  355 

Waldes  i),  dessen  gestreckter  Rücken  eine  unverächtliche  Verkehrs- 
schranke darstellte  (1  257).  Diese  wird  von  zwei  Strafsen  durch- 
brochen die  beide  von  Sorrinum  Viterbo  (S.  344)  auslaufen  und  in 
Sutri  sich  wieder  vereinigen.  Die  Via  Cassia  folgt  dem  Engpafs 
der  mit  unmerklicher  Steigung  (465  m)  vom  inneren  zum  südlichen 
Etrurien  führt  und  das  natürliche  Ausfalisthor  der  Etrusker  gegen 
das  Weichbild  Roms  abgiebt.  Den  Ausgang  beherrscht  Sutrium 
Sutri  (291  m).-)  Anschaulich  kennzeichnet  Livius  dessen  Redeutung 
mit  den  Worten  urbs  socia  Romanis  velut  daustra  Etruriae  erat  und 
braucht  bei  der  erstmaligen  Erwähnung  von  ihm  und  Nepet  das 
gleiche  Rild  ea  loca  opposüa  Etruriae  et  velut  daustra  inde  portaeque 
erant.^)  Es  nimmt  einen  von  Ost  nach  West  gestreckten  rings  von 
Schluchten  umgebenen  Tuffelsen  mäfsiger  Ausdehnung  ein  und 
scheint  nur  3  Thore  besessen  zu  haben:  Reste  der  regelmäfsig  ge- 
schichteten Mauer  sind  erhalten.  Die  wichtige  Festung  ist  im  4.  Jahr- 
hundert v.  Chr.  heifs  umstritten  worden.  Sie  geriet  gleich  nach 
dem  Fall  Veji's  in  die  Hand  der  Römer  und  wurde  durch  eine 
latinische  Colonie  gesichert,  ging  während  des  gallischen  Unglücks 
an  die  Etrusker  verloren,  ward  wieder  erobert  und  383  von  Neuem 
colonisirt.*)  Sutrium  ire  war  sprichwörtliche  Redensart:  hier  stellte 
sich  die  römische  Landwehr  im  4.  und  zu  Anfang  des  3.  Jahr- 
hunderts, wie  in  der  Folge  (I  74)  nach  Eroberung  der  Halbinsel 
in  Ariminum  oder  Pisae.^)  Im  grofsen  Krieg  310  und  9  wurde 
die  Festung  von  den  Etruskern  belagert;  noch  41  v.  Chr.  geschieht 
ihrer  bei  den  Kämpfen  des  Octavian  und  L.  Antonius  Erwähnung. ß) 
Mit  Nepet  und  anderen  latinischen  Colonien  vereint  erklärte  sich 
Sutrium  209  aufser  Stande  die  im  hannibalischen  Kriege  auferlegten 
Lasten  länger  zu  tragen.')  Durch  das  iulische  Gesetz  erhielt  es 
Rürgerrecht  in  der  Tribus  Papiria  und  wurde  von  den  Triumvirn 
mit  Veteranen    belegt:    die   amtliche  Rezeichnung  colonia  coniuncta 


1)  Gewöhnlicti  silva  Ciminia  Liv.  IX  35,8  36,1  37.11  38,4  X  24,5  Frontin 
Str.  I  2,2  Plin.  II  211  C.  saltus  Liv.  IX  36,14  Flor.  I  12,3  C.  vwns  Liv,  IX  36,11 
37,1  Tab.  Peut. 

2)  Streb.  V  226  Plin.  III  51  Ptol.  111  1,43  It.  Ant.  286  Tab.  Peut.  Aelh.  p. 
80,76  Riese  Geogr.  Rav.  IV  36  CIL.  XI  p.  489. 

3)  Liv.  VI  9,4  IX  32,1. 

4)  Diod.  XIV  98.  117  Liv.  VI  3.  9  Vell.  I  14  Steph.  Byz. 

5)  Plaut.  Gas.  111  1,9  Fest.  310  M. 

6)  Diod.  XX  35  Liv.  IX  32.  33.  35  Frontin  Str.  II  5,2;  Appian  b.  civ.  V  31. 

7)  Liv.  XXVI  34  XXVIl  9  XXIX  15  Sil.  It.  VIII  491. 

23* 


356  Kapitel  V.     Etrurien. 

Julia  Sutrina  die  auf  einer  Inschrift  begegnet,  ist  vielleicht  so  zu 
deuten  dafs  Octavian  zugleich  mit  den  eigenen  Veteranen  des  An- 
tonius angesiedelt  hat.i)  Auch  in  der  Censusliste  bei  Plinius  er- 
scheint es  als  kaiserliche  Colonie  und  wird  von  Strabo  zu  den 
etrurischen  Mittelstädten  gerechnet.  Die  günstige  Verkehrslage  be- 
wirkte seine  Erweiterung  vor  den  Thoren ;  für  die  Leistungsfähig- 
keit der  Bewohner  legt  ein  kleines  im  Felsen  ausgehauenes  Am- 
phitheater Zeugnifs  ab.  Unter  den  bürgerlichen  Einrichtungen  ist 
die  grofse  Zahl  der  Pontifices  bemerkenswert,  desgleichen  die  Ver- 
ehrung einer  Göttin  Hostia.^)  Wenn  eine  im  Felsen  hergestellte 
Kirche  mit  anschliefsenden  Katakomben  aus  den  ersten  Jahrhunder- 
ten unserer  Zeilrechnung  stammen  sollte,  so  hätte  das  Christentum 
sehr  früh  Boden  gefunden ;  jedoch  scheint  die  Anlage  während  des 
Mittelalters  aus  einem  Grabe  umgewandelt  zu  sein.  —  Die  Via 
Ciminia  (S.  343)  steigt  von  Sutri  4  Mühen  nach  Bonciglione  (441  m), 
sodann  den  Kraterwall  der  den  lacus  Ciminius  Lago  di  Vico  ^)  im 
Osten  umgiebt,  hinan  der  grofsen  Poststrafse  von  Rom  nach  Florenz 
entsprechend  (1  258).  Allerdings  hat  sie  eine  400  m  gröfsere 
Steigung  als  die  Cassia  zu  überwinden,  aber  zum  Ersatz  dafür  den 
Vorzug  der  Trockenheit:  Wasserläufe  deren  auf  der  Strecke  von 
Viterbo  nach  Forum  Cassii  ein  volles  Dutzend  zu  überbrücken 
waren,  kommen  hier  kaum  in  Betracht.  Wenn  demnach  die  Cassia 
erst  125  v.  Chr.  (S.  313)  vom  Staat  kunstmäfsig  ausgebaut  worden 
ist,  so  mag  die  Ciminia  eher  älter  als  jünger  sein.  Der  heutige 
Name  des  Sees  ist  von  einem  Vicus  abgeleitet  der  an  der  Stätte 
von  Bonciglione  (mit  Felsgräbern  und  Inschriften)  oder  3  km  weiter 
südlich  bei  S.  Eusebio  gesucht  werden  kann. 

Die  Via  Cassia  erreicht  12  Millien  von  Sutrium  Baccanae  am 
Nordrand  des  ausgetrockneten  Sees  von  Baccano  (l  260)  21  Milben 
von  Rom.4)  Vei  oder  Veii  wird  von  der  Cassia  nicht  berührt, 
sondern  am  12.  Meilenstein  (von  Rom  aus  gerechnet)  zweigt  eine 
Nebenstrafse  ab  die  durch  die  Stadt  führt  und  dann  ad  Sextum 
beim  6.  Meilenstein   mit  jener   wieder  zusammentrifft.     Die  Länge 


1)  Fest.  127  M.  Feldm.  217  CIL  XI  3254  Plin.  III  51. 

2)  Tertull.  Apol.  100;  Dig.  VIII  3,35. 

3)  Strab,  V  226  Golum.  VIII  16  Ammian  XVII  7,13   Sotion  42  Verg.  Aen. 
VII  697  mit  Schol.  Sil.  It.  VIII  491  Tab.  Peut.  Vib.  Sequ.  p.  153  Riese. 

4)  It.  Ant.  286  Tab.  Peut.  Geogr.  Rav.  IV  33.  36  Acta  S.  Alexandri  30.  Sept. 
p.  230. 


§  5.     Die  Südmark,  357 

ist  bei  beiden  gleich. i)    Die  Verse  des  Properz  fallen  dem  Besucher 
unwillkürlich  in  den  Sinn: 

heu  Vei  veleres!  et  vos  tum  regna  futstis 
et  vestro  positast  anrea  sella  foro: 

nunc  intra  muros  pastoris  bucina  lenti 
cantat  et  in  vestris  ossibus  arva  metunt. 
In  Weide  und  Ackerland  ist  die  Stalte  der  langjährigen  Neben- 
buhlerin Roms  umgewandelt;  daneben  liegt  Isola  Farnese  ein  von 
kaum  100  fiebergelben  Menschen  bewohnter  Weiler.  Veji  war  nach 
dem  Wiederaufleben  der  Wissenschaften  so  völlig  verschollen  dafs 
die  Gelehrten  es  an  den  verschiedensten  Orten  in  einem  Umkreis  von 
60  Milben  suchten :  der  richtige  Ort  ist  erst  nach  Cluver  nachge- 
wiesen und  im  19.  Jahrhundert  durch  Ausgrabungen  endgiltig  ge- 
sichert worden, 3)  Nach  dem  durchstehenden  Typus  der  südetruri- 
schen  Ansiedlungen  liegt  die  Stadt  auf  einer  bis  auf  die  Nordwest- 
ecke rings  von  Bachen  umgebenen  Tuffmasse  (124  m).  ,,Veji  — 
bemerkt  Dionys  *)  —  war  die  mächtigste  Stadt  der  Etrusker,  gegen 
100  Stadien  von  Rom  entfernt,  auf  einem  hohen  steilen  Felsen 
gelegen,  so  grofs  wie  Athen  ...  an  Geräumigkeit  —  sagt  er  anders- 
wo —  stand  es  hinter  Rom  nicht  zurück,  besafs  viel  fruchtbares 
Land  theils  im  Gebirg  theils  in  der  Ebene,  die  reinste  und  der 
Gesundheit  zuträgUchste  Luft,  da  weder  ein  Sumpf  in  der  Nähe 
schwere  übelriechende  Dünste  entsendet,  noch  ein  Flufs  in  der 
Morgenfrühe  kalte  Nebel  aushaucht,  endlich  reichliches  und  vor- 
zügliches Quellwasser."  Der  Hauplbach  heifst  den  Römern  Cremera, 
jetzt  unterhalb  Veji's  Valca,  vorher  Fosso  di  Formello  und  bei 
seinem  Ursprung  im  Kessel  von  Baccano  den  er  entwässert,  Fosso 
del  Sorbo,  seinen  Namen  nach  den  anliegenden  Grundstücken 
wechselnd.  Von  Nord  nach  Süd  fliefsend  umfafst  er  den  Stadt- 
hügel im  Norden  und  3  km  lang  im  Osten.  Unter  spitzem  Winkel 
mündet  in  ihn  der  Fosso  de'  due  Fossi  ein  der  wie  der  Name  be- 
sagt aus  zwei  Armen  entsteht:  der  eine  umfafst  die  Stadt  im  Westen 
und  Süden  und  trennt  sie  in  tiefer  Schlucht  strömend  von  Isola 
Farnese,  das  in  gleicher  Art  vom  zweiten  umgeben  ist.     Unterhalb 


1)  Das  It.  Ant.  der  Cassia  folgend  erwähnt  Veji  nicht,  dagegen  der  Neben- 
strafse  folgend  Tab.  Peut.  Geogr.  Rav.  IV  33  erwähnt  es  wie  die  Station, 

2)  Prop.  V  10,27  Lucan  VII  392  Flor.  I  6,11. 

3)  Nardini,  1'  antico  Veio,  Roma  1647  Holsten.  ann.  ad  Cluverii  It.  ant.  529. 

4)  Dion.  H.  II  54  XII  15. 


358  Kapitel  V.     Etrurien. 

Veji's  erweitert  sich  das  Thal,  die  Ciemera  mündet  nach  6  Millien 
in  den  Tiber  dem  verbündeten  Fidenae  gegenüber.*)  Die  natürliche 
Festigkeit  des  Platzes  ist  künstlich  gesteigert  worden.  An  der 
Nordseite  beim  Ponte  Sodo  fliefst  die  Cremera  durch  einen  75  m 
langen  unterirdischen  Stollen  der  zu  dem  Zweck  getrieben  scheint 
um  dem  Bach  sein  Bett  unmittelbar  am  Fufs  des  Stadthügels  zu 
bereiten.  Von  der  Ringmauer  sind  nur  noch  spärliche  Reste  sicht- 
bar, manche  im  Lauf  des  19.  Jahrhunderts  zerstört  worden.  Sie 
war  aus  kleinen  Tuffquadern  geschichtet  und  gelegentlich  zur  Her- 
stellung einer  wagerechten  Grundfläche  auf  Luftziegeln  fundirt. 
Der  Umfang  nicht  genau  bestimmbar  beträgt  8 — 10  km  (S.  37). 
Der  umschlossene  Raum  hat  eine  unregelmäfsige  Gestalt  die  sich 
nach  SSO  dem  Zusammenflufs  der  beiden  Bäche  zuspitzt  und  in 
einer  kleinen  Kuppe  endigt.  Die  Kuppe  heifst  gegenwärtig 
Piazza  d'Armi  und  wird  als  die  Arx  mit  dem  berühmten  Junotempel 
betrachtet,  in  den  die  Rümer  396  v.  Chr.  vermittelst  einer  Mine 
einbrachen.  Die  Hauptfläche  die  mit  diesem  Vorwerk  nur  durch 
einen  schmalen  Nacken  zusammenhängt,  zerfällt  in  drei  längliche 
Streifen  von  denen  der  mittlere  und  längste  von  Nordwest  nach 
Südost  2  km  mifsl.  Das  römische  Municipium  beschränkte  sich  im 
Wesentlichen  auf  den  östlichen  Streifen,  kaum  ein  Drittel  des 
Ganzen.  In  der  Mauer  sind  9  Tliore  mit  auslaufenden  Strafsen 
erkannt  worden.  Ueber  das  Verhältnifs  der  von  Isola  Farnese  ein- 
genommenen Höhe  zur  Stadt  gehen  die  Ansichten  auseinander:  einige 
Topographen  verlegen  hierhin  die  Arx,  andere  leugnen  die  Ver- 
einbarkeit solcher  Annahme  mit  der  Erzählung  vom  Eindringen  der 
Römer.  Der  Einwand  trifl^t  zu,  aber  darum  behält  die  Erwägung 
nicht  minderes  Gewicht  dafs  die  Vejenter  eine  so  starke  Citadelle 
die  kaum  zwei  Bogenschufs  von  ihren  Mauern  entfernt  war,  un- 
möglich dem  belagernden  Feinde  als  Stützpunct  preisgeben  konnten. 
Wir  werden    deshalb   in   Isola   ein   gesondertes   Vorwerk   erblicken 

1)  Dieser  zuerst  von  Gluver  aufgestellten  und  allgemein  angenommenen 
Gleichung  widerspriclit  Bunbury  (in  Smith  Dictionary)  mit  Unrecht.  Die  An- 
gabe des  Dionys  IX  15  dafs  die  Cremera  nicht  weit  von  Veji  entfernt  sei,  ist 
oh[ie  Belang,  weil  der  Schriftsteller  sich  nach  der  oben  angeführten  Be- 
schreibung in  den  Kopf  gesetzt  hatte,  dafs  kein  Flufs  in  unmittelbarer  Nähe 
den  Bürgern  durch  Nebel  lästig  falle.  Entscheidend  für  die  Richtigkeit  der 
Gleichung  ist  die  Nähe  von  Saxa  Rubra  Liv.  II  49;  ferner  pafst  die  Schilde- 
rung Ov.  Fast.  II  205  fg.  auf  die  unbedeutende  Acqua  Traversa  die  allein  sonst 
in  Frage  kommen  könnte,  schlecht.     Diod.  XI  53  Gell.  N.  A.  XVII  21,13. 


§  5.     Die  Südmark.  359 

das  die  Hauptfestung  deckte  ähnlich  wie  das  Janiculura  Rom. 
MögUcher  Weise  ist  dies  die  älteste  Niederlassung  gewesen,  die  der 
Schöpfung  der  Grofsstadt  vorausgeht.  —  An  Ausdehnung  überragt 
Veji  alle  übrigen  etruskischen  Städte ,  auch  die  beiden  gröfsten 
Volaterrae  (S.  301)  und  Tarquinii  (S.  329).  In  der  nationalen 
Gemeinschaft  nimmt  es  eine  Sonderstellung  ein,  hielt  namentlich 
im  Gegensatz  zu  den  Bundesgenossen  am  Königtum  fest.i)  Sein 
Reichtum  wird  hervorgehoben,  seine  Kunstfertigkeit^):  um  das 
Tempelbild  auf  dem  Capitol  zu  fertigen  ward  ein  vejentischer 
Künstler  berufen ;  die  aufgedeckten  Gräber  bestätigen  diese  An- 
gaben, wenn  sie  auch  lange  nicht  die  gleiche  Pracht  wie  in  den 
Seestädten  enthüllen.  Nach  dem  gallischen  Brande  wollte  die 
römische  Plebs  die  verwüstete  Heimstätte  mit  dem  viel  bequemeren 
besser  ausgestatteten  und  gebauten  V'eji  vertauschen:  aber  die  Staats- 
männer hatten  Recht  dem  Verlangen  gegenüber  die  Ungeheuern 
Vorzüge  der  Lage  Roms  zum  Meer  wie  zum  Binnenland  zu  preisen 
(I  316  A.  7).  Die  natürlichen  Vorzüge  der  Lage  haben  in  dem 
Kampf  auf  Leben  und  Tod  der  zwischen  beiden  Städten  geführt 
worden  ist,  das  entscheidende  Wort  gesprochen.  —  Unter  einer 
stammfremden  Bevölkerung  haben  die  Etrusker  in  der  Südmark 
eine  binnenländische  Herrschaft  aufgerichtet  gleich  den  Spartanern 
im  Thal  des  Eurotas.  Veji  mag  in  seiner  Glanzzeit  ein  Gebiet  von 
40 — 50  d.  Gevierlmeilen  von  den  Höhen  des  Ciminerwaldes  und 
Soracte  bis  zum  Meer  in  gröfserer  oder  geringerer  Abhängigkeit 
gehalten  habend):  südlich  vom  Tiber  ist  ihm  Fidenae  eng  ver- 
bündet. Die  Annalen  berichten  von  14  Kriegen  die  es  mit  Rom 
ausgefüchlen  haben  soll.  Auf  die  Einzelheiten  ist  nicht  viel  zu 
geben,  aber  die  allmälich  von  diesem  gemachten  Fortschritte 
werden  in  ganz  glaubwürdiger  Weise  gezeichnet.  Romulus  eröffnet 
den  Kampf  um  die  Freiheit  der  Tiberschiffahrl  und  gewinnt  am 
rechten  Flufsufer  die  Septem  Pagi  (S.  352):  aus  dem  der  Stadt  zu- 
nächst gelegenen  Erwerb  wird  die  tribus  Romulia  oder  Romilia 
gebildet.4)     Unter  Ancus  Marcius  wird   die  silva  Mesia,   vermuthch 


1)  Liv.  V  l  Fest.  322  M.     Namen  von  K<5nigen  Liv.  IV  17  Serv,  V.  Aen. 
VII  697  VIII  285  Cic.  Phil.  IX  4. 

2)  Piin.  XXXV  157  Liv.  V  20.  24  Plut.  Garn.  2. 

3)  Das  Flufsufer  gegenüber  dem  Marsfeld  von  Rom  heifst  noch  zur  Kaiser- 
zeit ripa  yeienlana  (Kap.  IX  1). 

4)  DioD.  H.  II  53  fg.  Plut.  Rom.  25.  Liv.  I  15  Varro  LL.  V  56  Fest.  271. 


360  Kapitel  V.     Etrurien. 

ein  Küstenwald  samt  der  Tibermündung  und  den  anslofsenden  La- 
gunen gewonnen,  zur  Sicherung  des  Gewonnenen  Ostia  gegründet.*) 
Veji  war  damit  von  der  natürlichen  und  wichtigsten  Verbindung 
mit  dem  Meer  die  der  Flufs  darbot,  abgeschnitten.  Nach  Vertreibung 
der  Tarquinier  und  der  blutigen  Schlacht  bei  der  silva  Arsia  un- 
weit der  Grenze  am  Janiculum  erlangte  es  zwar  durch  den  etrus- 
kischen  Bund  das  verlorene  Gebiet  zurück,  vermochte  es  jedoch 
nicht  zu  behaupten. 2)  Bei  dem  Auszug  der  Fabier  479  v.  Chr.  ist 
die  römische  Grenze  6  Millien  stromaufwärts  bis  in  die  INähe  der 
Cremera  vorgeschoben.-^)  Den  Punct  den  die  tapfere  Schar  be- 
festigte, sucht  man  mit  Recht  auf  dem  Hügel  (67  m)  der  au  der 
Ausmündung  der  Cremera  in  das  Tiberthal  am  rechten  Ufer  des 
Baches  reichlich  50  m  über  der  Thalsohle  ansteigt:  von  hier  wird 
sowol  die  Niederung  des  Flusses  auf-  und  abwärts  als  der  unmittel- 
bare Verkehr  zwischen  Veji  und  Fidenae  beherrscht.  In  der  Folge 
dreht  sich  der  Kampf  um  Fidenae  den  Brückenkopf  der  Vejenter 
auf  dem  linken  Tiberufer,  der  endlich  426  fällt.  Seinen  Abschlufs 
findet  der  Kampf  durch  eine  Belagerung  der  nach  dem  Vorbild  der 
trojanischen  zehnjährige  Dauer  beigelegt  wird. 4)  Die  Sage  läfst 
Veji  durch  eine  Mine  erobert  werden;  mit  mehr  Grund  kann  der 
Abfall  seiner  Unterthanen  als  Ursache  des  Untergangs  betrachtet 
werden.  Die  Abgefallenen  erhielten  zum  Theil  Bürgerrecht  und 
»aben  durch  römische  Ansiedler  verstärkt  den  Grundstock  ab  für 
die  387  gebildeten  vier  neuen  Tribus  (S.  88)^).  Unter  diesen 
befafsl  die  nach  dem  campus  Tromentus  benannte  Tromentma  das 
Weichbild  von  Veji.*)  —  Die  Stadt  war  in  feierlicher  Weise  dem 
Untergang  geweiht  worden;  trotzdem  scheint  sie  als  Markt  oder 
Flecken  fortbestanden  zu  haben. ^)  Jedenfalls  blieb  ihr  Name  an 
dem  ager  Veiens  haften. 8)  Caesar  hatte  hier  Landanweisungen  sei 
es  geplant  sei  es  wirklich  ausgeführt. 9)  Unter  seinem  Nachfolger 
feierte  sie  zwar  nicht  als  Colonie,  sondern  als  municipium  Augustum 


1)  Liv.  I  33  Dion.  H.  III  41. 

2)  Liv.  II  7.  14fg.  Val.  Max.  I  8,5  Plut.  Publicola  9,1  Dion.  H.  V  14 fg. 

3)  Liv.  II  49,9  Dion.  H.  IX  15. 

4)  Diod.  XIV  16.  43.  93  Liv.  IV  58— V  25  Plut.  Cam.  2 fg. 

5)  Liv.  VI  4.  5  Vell.  I  14,1. 

6)  Fest.  367  CIL.  XI  p.  557. 

7)  Macrob.  Sat.  lil  9,13  Liv.  XXVII  37  XXXII  9  Cic.  de  leg.  agr.  II  96. 

8)  Liv.  XXVI  34  XLI  21  XLII  2  Cic.  pro  Rose.  Amer.  47. 

9)  Cic.  Fam.  IX  17,2  Feldm.  220  fg.  223  Lachm. 


§  5.     Die  Södmark.  361 

Vetetis  ihre  Auferstehung.  *)  Aus  den  Inschriften  ersehen  wir  dafs 
die  Stadträte  Centumvirn,  die  Bürgermeister  Duovirn  heifsen,  dafs 
der  Kaisercult  eifrig  gepflegt  wird  und  ähnhche  Aeufserungen  klein- 
bürgerlichen Lebens.  Obwol  die  neue  Gründung  sich  auf  einen 
Bruchtheil  der  alten  beschränkte,  hat  es  ihr  an  äufsereni  Glänze 
nicht  gefehlt:  um  von  anderen  Fundstücken  zu  schweigen,  verdankt 
die  Halle  an  Piazza  Colonna  in  Rom  ihre  Säulen  den  hiesigen  1810 fg. 
angestellten  Ausgrabungen.  Der  Bestand  der  Stadt  läfst  sich  bis 
ins  4  Jahrhundert  aus  den  Denkmälern  verfolgen;  das  heutige  Isola 
taucht  in  einer  Urkunde  von  1003  zum  ersten  Mal  auf.  —  Das 
Gebiet  war  den  Römern  wegen  seines  geringen  Weins  bekannt  2), 
lieferte  indefs  auch  Edelsteine. 3)  Seine  Ausdehnung  in  der  Kaiser- 
zeit läfst  sich  nur  annähernd  umschreiben.  Ausdrückhch  wird  an- 
gegeben dafs  es  am  Tiber  aufwärts  bis  zum  16.  Meilenstein  von 
Rom,  also  bis  Riano  und  jenseit  Monterotondo  refchte.^)  6  Millien 
Nord  von  Veji  erhebt  sich  402  m  hoch  der  Monte  Musino  (I  260): 
der  Name  scheint  alt  zu  sein,  da  eine  hier  gefundene  Inschrift  dem 
Juppiter  Tonans  und  Hercules  Musinus  geweiht  ist.  Am  Abhang 
befindet  sich  ein  Feld  mit  so  zähem  Erdreich  dafs  es  nach  starkem 
Regen  von  der  Pflugschar  nicht  durchbrochen  werden  kann:  aus 
dieser  Uebereinstinimung  mit  einer  Angabe  bei  Plinius  zieht  Nibby 
den  Scblufs  dafs  hier  die  arae  Muciae  zu  suchen  seien. &)  Auf 
andere  Puncte  des  vejentischen  Gebiets  kommen  wir  gelegentlich 
zurück. 

Aus  Umbrien  führen  zwei  Hauptstrafsen  durch  die  Südmark 
nach  Rom.  Die  via  Amerina  nach  dem  56  Millien  entfernten 
Ameria  benannt  (Kap.  VI  2),  mündet  am  23.  Meilenstein  hinter 
Raccanae  (S.  356)  in  die  Cassia  ein. 6)  Möglicher  Weise  kommt  der 
Name  nur  dem  21  Millien  langen  Stück  von  Ameria  bis  Falerii  zu, 
während  das  Stück  von  Falerii   bis   zur  Cassia   mit  12  Millien   via 


1)  Strab.  V  226  Plin.  111  52  Tab.  Peut.  Geogr.  Rav.  IV  33  Aelh.  Gosm.  1  19 

2)  Horaz  Sat.  II  3,143  Fers.  5,147  Martial  1  103,9  II  53,4  111  49. 

3)  Plin.XXXVlI  1S4. 

4)  Plin.  III  53. 

5)  CIL.  XI  3778  Plin.  II  211  Nibby  I  216.  Die  italienische  Generalstabs- 
karte hat  den  M.  Musino  nicht,  sondern  giebt  als  höchsten  Punct  des  Rückens 
bei  Scrofano  den  M.  Rroccoleto  mit  nur  368  m  an. 

6)  Tab.  Peut.  CIL.  IX  5833. 


362  Kapitel  V.     Etrurien. 

Aiinia  hiefs.i)  Es  kann  aber  auch  eine  in  westöstlicher  Richtung 
laufende,  die  Amerina  bei  Falerii  rechtwinklig  schneidende  Strarse 
darunter  verstanden  werden,  deren  Anfang  und  Ende  noch  festzu- 
stellen bleiben.  Spuren  der  Tiberbrücke  welche  vom  umbrischen 
auf  etrurischen  Boden,  von  Castellum  Amerinum  nach  Horta  Orte 
(134  ni)  führte,  sind  wahrnehmbar.^)  Horta  hatte  Stadtrecht  und 
gehörte  zur  Tribus  Stellatina.  Es  liegt  hoch  über  dem  Tiber  (51  m), 
weist  auch  Gräber  und  andere  Reste  aus  dem  Altertum  auf.  Man 
ist  versucht  diese  iNiederlassung  den  Fahskern  zuzuschreiben ,  da 
der  Stamm  sich  jedesfalls  weiter  erstreckt  hat  als  die  seinen  Namen 
tragenden  Gemeinden.  —  Die  Falisker  haben  in  der  älteren  Ge- 
schichte  keine  unbedeutende  Rolle  gespielt;  die  im  letzten  Jahr- 
zehnt mit  Eifer  und  Erfolg  betriebene  Erforschung  ihrer  Cultur 
verleiht  ihnen  eine  erhöhte  Anziehungskraft. 3)  Nach  Cato's  Vor- 
gang legt  die  Geschichtschreibung  den  Faliskern  einen  griechischen 
Ursprung  bei  und  leitet  sie  von  dem  Argiver  Halesus  einem  Sohn 
Agamemnons  als  Stammvater  her;  vereinzelt  werden  sie  mit  den 
Nülanern  und  Abellanern  in  Campauien  zusammen  als  chalkidische 
Colonisten  bezeichnet. *)  Vergleichsweise  früh  sind  sie  in  den  Ge- 
sichtskreis der  Hellenen  eingetreten  und  haben  nach  einem  durch 
die  merkwürdige  Uebereinstimmung  der  Ortsnamen  bestätigten  Be- 
richt ausgedehnte  Eroberungen  in  Campauien  gemacht.  Letzteres 
im  Bunde  mit  den  Etruskern  (I  513).  Es  ist  wol  denkbar  dafs  edle 
Geschlechter  dieses  Volkes  ähnlich  wie  in  Rom  Aufnahme  landen 
und  zur  Herrschaft  gelangten.  Aber  im  Grofsen  und  Ganzen  be- 
wahren die  Falisker  Veji  gegenüber  ihre  Selbständigkeit,  ergreifen 
in  dem  langwierigen  Duell  zwischen  Veji  und  Rom  eher  für  dieses 
als  für  jenes  Partei.  Damit  steht  durchaus  nicht  im  Widerspruch 
dafs  sie  mehrfach  die  Waden  mit  den  Römern  gekreuzt,   den  Fall 


1)  CIL.  XI  3U83.  Dafs  nicht  Annia  und  Ainerlna  verschiedene  Namen  für 
ein  und  dieselbe  Strafse  sein  können,  wie  man  annimmt,  lehrt  CIL.  IX  5833. 
In  der  Inschrift  214  n.Chr.  Bull. com.  1884  p.8  wird  /innia  cum  ramulis  erwähnt. 

2)  Verg.  Aen.  VII  716  Plin.  IIl  52  Geogr.  Rav.  IV  33  Paul.  h.  Lang.  IV  8 
CIL.  XI  p.  463. 

3)  Der  Ertrag  der  Ausgrabungen  füllt  das  Museum  in  der  Villa  di  Papa 
Giulio  zu  Rom,  die  wissenschaftliche  Veröffentlichung  liegt  in  den  Monumenti 
antichi  dei  Lincei  IV  1894  vor.  W.  Deecke,  die  Falisker,  eine  geschichtlich- 
sprachliche Untersuchung,  Strafsburg  1888. 

4)  Gate  bei  Plin.  III  51  Dion.  H.  I  21  Steph.  Byz.  ^aXla^os  Ovid.  Am.  III 
13,31  Fa«««.  IV  73  Serv.  V.  Aen.  VII  695  Solin  2,7;    dagegen   Justin  XX  1,13. 


§  5.     Die  Südmark.  363 

Fidenae's  427  wie  denjenigen  Veji's  402  v.  Chr.  zu  hindern  ver- 
sucht haben.  1}  Auf  den  Friedensschlufs  394  folgt  eine  Zeit  freund- 
schaftlichen Einvernehmens  bis  357,  wo  sie  die  Tarquinienser  mit 
Fieischaren  unterstützen. 2)  In  dem  grofsen  Krieg  jedoch  der  am 
Ausgang  des  Jahrhunderts  um  die  Freiheit  Italiens  entbrannte,  stehen 
sie  offen  auf  Seiten  der  Römer  und  wechseln  erst  das  Lager  293 
als  es  schon  zu  spät  war. 3)  Uebeihaupt  ist  es  das  Verhängnifs  der 
faliskischen  Politik  gewesen  dafs  die  Entscheidung  gegen  Rom  immer 
zu  spät  von  ihr  getroffen  wurde.  Am  Stärksten  tritt  solches  in  dem 
tollen  Aufstand  zu  Tage  der  241,  vielleicht  durch  die  damaligen 
Coloniengründungen  (S.  350)  und  Gebietsverschiebungen  in  Sud- 
etrurien  veranlafst,  unternommen  und  in  6  Tagen  niedergeschlagen 
ward. 4)  Dafs  die  Resiegten  mit  besonderer  Milde  behandelt  worden 
seien,  wie  gelegentlich  behauptet  wird,  kann  man  eben  nicht  sagen. 
Nach  dem  ausführlichsten  Rericht  wurden  ihnen  Waffen  Pferde 
fahrende  Habe  Sklaven  und  die  halbe  Feldmark  abgenommen,  nach- 
her die  alte  auf  einem  steilen  Rerge  gelegene  Stadt  zerstört  und 
eine  leicht  zugängliche  erbaut.  —  Das  alte  241  zerstörte  Falerii 
ist  das  heutige  Civila  Caslellana,  der  natüiliche  Mittelpunct  der  west- 
lich vom  Soracte  aus  den  Abdachungen  der  Ciminer  und  Sabatiner 
Höhen  nach  dem  Tiber  gebildeten  Landschaft.  Unter  den  vielen 
Wasserläufen  die  in  Ost-  und  Nordost -Richtung  den  Tuffboden 
durchfurchen,  ist  die  Treia  der  ansehnlichste.  Reichlich  6  km  vor 
ihrer  Mündung  in  den  Tiber  nimmt  die  nordwärts  fliefsende  Treia 
links  den  Rio  Saleto  oder  Ricano  und  600  m  weiter  den  Rio  Maggiore 
auf.  Damit  wird  ein  längliches  Plateau  von  10 — 1100  m  Länge 
und  400  m  Breite,  der  alte  Stadtboden  durch  die  drei  genannten 
Bäche  umschrieben.  Bei  einer  Meereshöhe  von  145  m  überragt 
derselbe  die  umliegende  Landschaft  nicht,  ist  aber  rings  durch 
schauerliche  60 — 70  m  tiefe  Schluchten  gedeckt,  die  im  Durch- 
schnitt 100  m  breit  in  der  Regenzeit  bedeutende  Wassermengen 
bergen.  Nur  die  Westseite  entbehrt  auf  150  m  des  natürlichen 
Schutzes:  diese  Strecke  war  durch  Wall  und  Graben  nach  Art  des 
servianischen  Agger  in  Rom  gesichert.  Uebrigens  war  der  ganze 
Umkreis  der  Stadt  ummauert  und  zwar  nach  den  erhaltenen  Resten 


1)  Liv.  IV  17fg.  V  8—27  Diod.XIV96.98  Dion.H.XIlI  1  Plut.  Cam.  9fg.  u.  a. 

2)  Diod.  XVI  31  Liv.  VII  16—22. 

3)  Liv.  X  12.  14.  26.  45  Zonar.  VIII  1. 

4)  Pol.  1  65  Liv.  XlXValer.  Max.  VI  5,1  Eutropll  2S  Zonar.  VIII  18.  Fast.  Gap. 


364  Kapitel  V.     Elrurien. 

zu  schliefsen  mit  iingewolinlicli  grofsen  TufTblöcken.  Der  Maiierring 
hat  eine  LSnge  von  26 — 3000  m,  etwa  so  viel  wie  Pompeji,  aber 
mit  viel  kleinerem  Inhalt  (S.  37).  Dazu  kommt  im  Nordosten 
eine  abgesonderte  kleine  Kuppe  welche  die  Arx  einnahm.  Wie  sehr 
die  freie  Bewegung  des  Angreifers  durch  die  bündelfOrmig  hier  zu- 
sammen strömenden  Bäche  eingeengt  ist,  lernte  der  Beisende  vor 
etlichen  30  Jahren,  als  eine  der  beiden  zur  Stadt  führenden  Brücken 
eingestürzt  war,  durch  eine  Geduldprobe  kennen:  um  nämlich  die 
Sladt  zu  erreichen  mufste  die  Post  einen  Umweg  von  6  Millien 
machen.  Aus  dem  allen  erhellt  die  ungemeine  Festigkeit  des  Platzes, 
die  von  den  Alten  treffend  hervorgehoben  wird.')  Die  Nekropolen 
in  der  Umgebung  führen  das  Eindringen  etruskischer  Sprache,  den 
Import  griechischer  Vasen,  die  Leistungen  des  einheimischen  Ge- 
werbes vor  Augen.  Unter  den  Ergebnissen  der  jüngsten  Ausgrabungen 
ist  das  lehrreichste  die  Auflindung  eines  Tempels  innerhalb  und 
eines  anderen  nordöstlich  unweit  der  Stadt  am  Bio  Maggiore,  deren 
bunt  bemalte  Terracottabekleidung  den  älteren  Baustil  vor  der  Ver- 
breitung des  Marmors  veranschaulicht.  Stromaufwärts  an  der  Treia 
ist  9  km  von  Civita  Castellana  ein  ähnlicher  Sitz  der  Falisker  bei 
Calcata  an  einer  Narce  genannten  Oertlichkeit  entdeckt  worden: 
leider  bleiben  wir  über  den  INamen  des  oppidum  im  Unklaren.  — 
Nach  der  Unterwerfung  241  verloren  die  Falisker  ihre  Selbständig- 
keit und  wurden,  so  scheint  es,  der  Bürgerschaft  ohne  Stimmrecht 
einverleibt. 2)  An  die  Stelle  der  alten  Stadt  trat  in  geringer  Ent- 
fernung ein  offener  Flecken  Aequnm.  Fah'scum  an  der  Via  Flaminia.^) 
Nur  die  Tempel  der  Götter,  insbesondere  der  Tempel  der  Haupt- 
göttin Juno  Curitis  oder  Quiritis,  wie  sie  auf  den  Inschriften  heifst, 
belebten  die  verlassene  Höhe. 4)  Der  politische  Sitz  der  Gemeinde 
wurde    5  km   weiter   westlich   an    einem    neuen  Ort  aufgeschlagen. 


1)  TiöXie  iQVfivTi  Zonar.  VII  22  VllI  18  Plut.  Cam.  9  Liv.  V  26  Ovid.  Am. 
III  13,6.  34. 

2)  Liv.  XXil  1   Plut.  Fab.  M.  2  Piin.  VII   19. 

3)  Verg.  Aen.  VII  695  mit  Schol.  Sil.  It.  Vlil  489.  Die  Lage  des  Fleckens 
ergiebt  sich  aus  Stiab.  V  226  und  Tab.  Peut.  freilich  mit  weitem  Spielraum; 
denn  der  Lauf  der  Flaminia  ist  auf  der  Karte  völlig  verzeichnet.  Der  Name 
Aequo  Falsico  ist  einfach  zu  bessern  in  Aequo  Falisco ,  aber  Intermanana 
nicht  zu  enträtseln  und  deshalb  läfst  sich  aus  den  Entfernungsangaben  kein 
sicherer  Schlufs  ziehen. 

4)  Ovid.  Am.  III  13  vgl.  Fast.  VI  49  Plut.  Parall.  35  TertuU.  Apol.  24.  — 
Ov.  Fast.  III  837  fg.  Macrob.  Sat.  I9,13Serv.  V.  Aen.  VII  607.  —  Ov.  Fast.  III  89. 


§  5.     Die  Südmark.  365 

Das  Deue  Falerii  Falleri  (203  ra)  hat  die  Form  eines  Dieiecks  mit 
abgestumpften  Winkeln.')  Die  längste  die  südwestliche  Seite  wird 
durch  den  Miccino  gedeckt  der  bei  Civita  Castellana  mit  dem  Rio 
Maggiore  zusammen  ttiefst.  Die  Annäherung  von  Nord  und  Ost 
wird  zwar  auch  durch  Wasserläufe  erschwert,  doch  befinden  sich 
diese  in  einiger  Entfernung,  so  dafs  die  Mauer  an  den  beiden  ge- 
nannten Seiten  im  Wesentlichen  sich  selbst  schützen  mufs.  Die 
Mauer  aus  regelniäfsigen  Quadern  (Schichthöhe  2'  röm.  =  592  mm) 
errichtet,  56'  röm.  hoch  7 — 9'  dick  steht  noch  grofsentheils  und 
gewährt  ein  bemerkenswertes  Beispiel  der  Befestigungskunst  des  3. 
Jahrhunderts  v.  Chr.  Bei  einem  Umfang  von  nur  7125'  (ca.  2100  m) 
weist  sie  nicht  weniger  als  80  um  10'  vorspringende  Thürme  und 
8  oder  9  Thore  auf  (etwa  50  Thürme  sind  erhalleu);  demnach  ist 
die  Vertheidigung  nicht  auf  ferntragende  Geschütze  sondern  nur  auf 
Handwurfwaffen  eingerichtet.  Es  bat  geringe  Wahrscheinücbkeit 
dafs  diese  Festung  zur  Aufnahme  der  unterworfenen  Falisker  be- 
stimmt gewesen  sei:  eher  werden  wir  uns  römische  Parteigänger 
in  ihr  angesiedelt  denken.  Aber  N'achricbten  fehlen  um  die  241 
getroffenen  Anordnungen  im  Einzelnen  zu  erkennen.  In  der  Folge 
ist  die  Horatia  die  Tribus  der  Bewohner.  Zur  Zeit  Cicero 's  scheint 
die  Gemeinde  herabgekommen  zu  sein^),  erhielt  aber  unter  den 
Triumvirn  eine  Colonie  und  theilte  den  allgemeinen  Aufschwung 
der  die  Errichtung  der  Monarchie  begleitete.  Der  Titel  Colonie 
begegnet  freilich  erst  auf  Inschriften  des  3-  Jahrhundert  n.  Chr., 
mufs  also  früh  bei  irgend  einer  Gelegenheit  ihr  aberkannt  und 
später  wieder  verliehen  worden  sein. 3)  Im  Uebrigen  künden  die 
Denkmäler  den  herrschenden  Wolstand:  ein  Theater  innerhalb  und 
ein  Amphitheater  (Arena  54,3  X  32,7  m)  aufserhalb  der  Mauer. 
Die  Feldmark  erstreckte  sich  vom  Soracte  bis  auf  den  Cimiuerwald. 
Die  Viehzucht  war  hoch  entwickelt:  die  weifsen  faliskischen  Rinder 
wurden  in  Rom  mit  Vorliebe  geopfert,  die  Raufe  an  der  Krippe, 
die  Magenwurst  galt  als  faliskische  Erfindung.*)  Eine  altertümliche 
Inschrift   imperatoribus   summeis   d.  h.   Juppiter   Juno    nnd  Minerva 


1)  Strab.  V  226  Plin.  III  51  Ptol.  HI  1,43  Tab.  Peut.  Geogr.  Rav.  IV  33. 

2)  Gic.  de  leg.  agr.  II  66. 

3)  Feldm.   217    colonia    Junonia    quae    appellatur    Faliscos   Plin.  III  51 
col.  Falisca  quae  cognominatur  Elruscorum. 

4)  Plin.  II  230  Ovid.  Am.  III  13,13  Fast.  1  84  ex  Ponto  IV  8,41 ;  Gato  RR. 
4.  14;  Varro  LL.  V  111  Martial  IV  46,8  Stat.  Silv.  IV  9,35. 


366  Kapitel  V.     Etrurien. 

geweiht,  rührt  von  einer  in  Sardinien  thätigen  Gilde  faliskischer 
Köche  her.i)  Obst-  und  Weinbau  Bienenzucht  wird  betrieben, 
namentlich  aber  der  Anbau  von  Flachs  und  dessen  Verarbeitung. 2) 
Eine  Anzahl  topographischer  Daten  via  Campana  v.  Augusta  v. 
Sacra  u.  a.  werden  erwähnt,  entziehen  sich  jedoch  genauerer  Be- 
stimmung. Im  Mittelalter  siedelten  die  Bewohner  des  neuen  Falerii 
nach  der  ursprünglichen  Heimat  in  Civita  Castellana  über.  Die 
innerhalb  der  römischen  Ringmauern  befinilliche  im  12.  Jahrhundert 
erbaute  Abtei  S.  Maria  di  Falleri  ist  nachgerade  auch  verfallen:  Aus- 
grabungen 1821.  59  fg.  haben  viele  Einzelheiten  der  Römerstadt 
ans  Licht  gefördert.  —  Mehrere  Hauptfragen  hairen  noch  immer 
ihier  Lösung.  Die  Alten  führen  Fescennia  als  zweite  Stadt  der 
Falisker  neben  Falerii  auf.3)  Von  ihr  werden  die  römischen  Hoch- 
zeitlieder hergeleitet/*)  Sie  hat  in  dem  augustischen  Verzeichnifs 
selbständiger  Gemeinden  einen  Platz,  mufs  aber  trotz  ihres  litter- 
arischen Ruhmes  unbedeutend  gewesen  und  früh  verschollen  sein. 
Die  Lage  ist  unbekannt:  man  hat  Corchiano  an  der  Via  Amerina, 
Gallese  unweit  derselben  und  andere  Orte  in  Vorschlag  gebracht. 
Von  Falerii  durchmifst  die  Via  Amerina  5  Millien  nach  Nepet 
oder  Nepete,  verkürzt  Nepe  Nepi  (225  m).  5)  Die  Lage  auf  einer 
von  tiefen  Schluchten  umgebenen  Tuffinsel  ist  aufserordentlich  fest. 
Nur  von  Westen  her  wo  sie  mit  der  Hochfläche  (233  m)  zusammen- 
hängt, kann  ein  Angriff  mit  Aussicht  auf  Erfolg  unternommen 
werden:  an  dieser  Seite  steht  noch  ein  19  Schichten  38'  röm. 
hohes  Stück  der  alten  Mauer.  Ob  der  ganze  Umkreis  von  etwa 
2  km  ummauert  war,  läfst  sich  nicht  mit  Bestimmtheit  behaupten. 
Trotz  seiner  Festigkeit  hat  der  Ort  in  der  Mitte  zwischen  Faliskern 
und  Vejentern  keine  unabhängige  Hallung  bewahren  können,  sondern 
die  Schicksale  Sutriums  mit  dem  er  mehrfach  zusammen  erwähnt 
wird  (S.  355),  getheilt.6)    Zu  Anfang  des  4.  Jahrhunderts  rang  eine 

1)  CiL.  XI  3078. 

2)  Ovid.  Am.  III  13,1  ;  Gell.  N.  A.  XX  8,1;  Varro  RR.  IH  16;  CIL.  XI  3209 
cnllegimn]  llnti(in[nvi  quorf  consistit]  Fale[rüx]   Sil.  It.  IV  223  Gratii  Cyn.  40. 

3)  Dion.  H.  I  21  Verg.  Aen.  VII  695  Piin.  III  52  Solin  2,7. 

4)  Fest.  85  Serv.  V.  Aen.  Vil  695  Hör.  Ep.  II  1,1  45  n.  a. 

5)  Nacli  den  Grammalikern  ist  Nepet  die  richtige  Form  und  indeclinabel 
Charis.  I  15  Priscian  V  40  VI  22,  doch  kommt  Nepete  hänfig  vor  und  seit 
dem  2.  Jahrhundert  n.  Chr.  Nepe ;  Steph.  Byz.  Neneroe;  Et\M\\kon  Nepesinus. 
CIL.  XI  p.  481. 

fi)  Liv.  V  19  VI  9.  10.  21  X  14  XXVI  34  XXVII  9  XXIX  15  Vell.  I  14 
Sil.  It.  VllI  489  Fest.  127  Feldm.  217. 


§  5.     Die  Südmark.  367 

etruskische  Partei  der  Bewohner  mit  eiuer  römischen  um  die  Ober- 
hand: jene  lieferte  386  die  Stadt  au  die  Etrusker  aus,  aber  die 
Römer  drangen  im  Sturni  ein  und  hielten  blutiges  Gericht.  374 
erhielt  Nepet  eine  latinische  Colonie,  die  dem  8  Millien  entfernten 
Sutrium  als  Rückhalt  und  als  Deckung  gegen  die  Falisker  diente, 
durch  das  iulische  Gesetz  Bürgerrecht  und  Aufnahme  in  die  Tribus 
Stellatina.  Die  Triumvirn  siedelten  hier  Veteranen  an.  Nach  den 
Inschriften  hat  das  Städtchen  die  gewöhnlichen  Aemler  und  Ein- 
richiungen  eines  Municipium  gehabt;  in  der  Lilteratur  wird  es  nur 
beiläufig  erwähnt,  bis  seine  mihtärische  Stärke  in  den  Gothenkriegen 
erprobt  wurde  und  ihm  vorübergehend  im  8.  Jahrhundert  den  Sitz 
eines  Herzogtums  verschaffte.') 

Die  Via  Amerina  hat  lediglich  eine  landschaftliche  Bedeutung 
gehabt,  die  Via  Flaminia  war  eine  \Yeltstrafse.  Von  Ocriculum  her 
(Kap.  VI  2)  überschritt  sie  3  Millien  oberhalb  des  heutigen  von 
Sixtus  V  erbauten  Ponte  Feiice  den  Tiber.  Die  Brücke  ist  wol 
bereits  im  Mittelalter  zerstört  worden:  ihre  Trümmer  le  Pile 
d'Augusto  genannt,  erinnerten  an  die  grofsariige  Erneuerung  der 
Strafse  durch  Auguslus.  Dieselbe  hielt  durchweg  eine  kürzere  Rich- 
tung ein  als  die  heutige,  liefs  namentlich  das  alte  Falerii  2 — 3  Millien 
rechts  liegen.  Von  Aequnm  Faliscum  war  oben  S.  364  die  Rede. 
32  Millien  von  Rom  verzeichnen  die  Reisebücher  die  Station  Aqua- 
viva  wo  der  heutige  Weg  nach  Civita  Castellana  von  dem  alten  ab- 
zweigt: der  Name  stammt  von  einer  reich  sprudelnden  Quelle  und 
ist  der  Osteria  dell'  Acqua  viva  verblieben. 2)  —  Der  Soracte  bis 
dahin  in  verkürzter  Gestalt  gesehen,  enthüllt  nachgerade  seine  ganze 
Ausdehnung.  Dieser  einsame  Berg  fesselt  den  Blick  in  Latium  und 
dem  in  der  Luftlinie  40  km  entfernten  Rom:  wenn  sein  steiles  der 
Mittagsonne  ausgesetztes  Gehänge  den  Schnee  hält  (I  401),  so 
herrscht  strenge  Kälte.  Den  Umwohnern  galt  er  als  heilig  wie 
Vergil  bezeugt  3):  summe  deum  sancti  custos  Soractis  Apollo.  Ein 
losgelöstes  Glied  des  Appennin  (l  238)  wird  der  graue  Kalkfelsen 
bis  zur  Höhe  von  350  m  von  Tuff  eingefafst.  Er  streicht  als 
schmaler  Rücken  von  Südost  nach  Nordwest  reichlich  4  km  lang, 
mit  6  Spitzen    ungleicher   Erhebung,    nach   beiden    Seiten   jäh  ab- 

1)  Strab.  V  226  Plin.  III  52  Ptol.  III   1,43    T;.b.    Peuf.  Geogr.   P.av.  IV  33 
Aelh.  Cosm.  I   19,75  Prokop.  b.  Goth.  IV  34. 

2)  It.  Hier.  613  mutalio  Tab.  Peut.  Guido  v.  Pisa  53. 

3)  Verg.  Aen.  XI  785  Sil.  It.  V  175  Vll  662  VIII  492. 


368  Kapitel  V.     Elruiien. 

fallend:  Byron  vergleicht  die  Bildung  mit  einer  anbrandenden 
Woge.»)  Das  Dorf  S.  Oreste  im  Südosten,  welcher  Name  durch 
Mifsverständnifs  aus  dem  antiken  entstanden  und  auf  den  Berg 
übertragen  worden  ist ,  liegt  444  m ,  das  746  gestiftete  Kloster  S. 
Silvestro  646  m,  die  Kirche  auf  der  höchsten  Spitze  nach  der  Tra- 
dition an  der  Stelle  eines  Apollotempels  681  (französischer)  oder 
691  m  (ital.  Generalstab).  Unterhalb  S.  Oreste  befanden  sich  Brüche 
die  einen  travertinartigen  Kalkstein  lieferten.^)  Auch  schwache 
Nachwirkungen  vulkanischer  Thätigkeit  werden  wahrgenommen: 
an  der  Ostseite  bei  Sa.  Homana  eine  Mofette  die  nach  den  Alten 
besonders  für  Vögel  tödtlich  war  3);  in  der  gleichen  Richtung  nach 
dem  Tiber  hin  2  Millien  von  Ponzano  eine  aufwallende  Quelle 
(Acqua  Forte) ,  deren  Wasser  dem  Gewürm  Verderben  brachte.^) 
Der  Soracte  war  von  Hause  aus  nicht  wie  die  Dichter  sagen,  dem 
Apoll,  sondern  dem  Dis  pater  und  den  Manen,  den  Gottheiten  der 
Unterwelt  geweiht;  der  Dienst  lag  in  den  Händen  einer  Gilde  der 
Hirpi  die  am  Jahresfest  barfufs  auf  glühenden  Kohlen  wandelten 
ohne  die  Sohlen  zu  verbrennen. 5)  —  Gewöhnlich  wird  der  Berg 
dem  faliskischen  Gebiet  zugeschrieben,  ob  mit  Recht  ist  fragUch. 
Aber  die  Gemeindegrenzen  der  römischen  Zeit  lassen  sich  in  diesen 
Gegenden  nicht  genau  ziehen,  aufserdem  sind  die  ursprünglich  hier 
ansässigen  Völker  durch  Stammesgemeinschaft  verbunden  gewesen. 
Cato  bringt  die  Capetiates  in  Beziehung  zu  Veji^);  aller  Wahrschein- 
lichkeit nach  sind  sie  dem  elruskischen  Banner,  wie  besonders  aus 
der  Eroberung  Campaniens  hervorgeht,  gefolgt:  aber  im  Uebrigen 
werden  Spuren  etruskischer  Cultur  in  der  Umgebung  des  Soracte 
vermifst.  Die  Uebeilieferuug  ist  in  Betreff  der  Capenaten  schweig- 
samer als  in  Betreff  der  Falisker.  Mit  diesen  vereint  suchen  sie 
402  fg.  den  Sturz  Veji's  zu  verhindern,  werden  aber  395  gezwungen 
um  Frieden  zu  bitten.     Ihre  Ueberläufer  erhalten  Bürgerrecht  und 


1)  Childe  Harold  IV  75       from  out  the  piain 

heaves  lilie  a  Inng-swept  wave  about  to  break 
and  on  the  cuil  hangs  pausing. 

2)  Vitruv  II  7,1. 

3)  Serv.  V.  Aen.  XI  785  Plin.  II  207  vgl.  Seneca  Nat.  Qu.  VI  28,1. 

4)  Vitruv  Vill  3,17  Plin.  XXXI  27. 

5)  Verg.  Aen.  XI  785  m.  Schol.  Sil.  It.  V  175  Strab.  V  226    Plin.  VII  19 
Solin  2,26. 

6)  Cato  Or.  II  17  Jordan. 


§  5.     Die  Südmark.  369 

werden  der  387  gebildeten  Tribiis  Stellatina  einverleibt. i)  Der 
Name  ist  von  dem  campiis  Stdlatinus  d.  h.  dem  nördlichen  Strich 
des  capenatischen  Landes  hergenommen,  der  mitsamt  dem  Tempel 
der  Feronia  fortan  römisch  wird, 2)  Aber  die  Hauptgemeinde  mufs 
ihre  Selbständigkeit  bis  zum  Bundesgenossenkrieg  unter  günstigen 
Bedingungen  bewahrt  haben:  ähnlich  wie  die  umbrischen  Camerter 
hiefs  sie  auf  den  Inschriften  der  Kaiserzeit  municipium  Capena 
foederatnm  oder  Capenates  foederati]  an  ihrer  Spitze  steht  ein 
Praetor  als  Jahresbeamter,  nicht  deren  zwei.^)  Die  Topographie  der 
Landschaft  befafst  eine  Reihe  strittiger  Fragen. *) 

Die  Via  Flaminia  langt  am  28.  Meilenstein  bei  Rignano  an: 
hier  befindet  sich  unter  der  Kirche  dei  S.  Martiri  eine  christliche 
Katakombe  der  h.  Theodora,  die  nach  den  Inschriften  im  4.  und 
Anfang  des  5.  Jahrhunderts  im  Gebrauch  war.  Von  Rignano  zweigt 
eine  gepflasterte  Strafse  nach  dem  Soracte  ab  und  erreicht  nach 
1  km  die  verlassene  Kirche  S.  Abondio  die  aus  antiken  Werkstücken 
erbaut  ist.  Sie  Hegt  auf  einer  Anhöhe  (260  m),  an  deren  Fufs  der 
am  Soracte  entspringende  Fosso  di  S.  Martino  oder  di  Leprignano 
oder  Gramiccia,  der  Capenas  der  Alten  vorbeiströmt  s) : 

itur  in  agros, 
dives  nbi  ante  omnis  colitnr  Feronia  luco 
et  sacer  umectat  Flavinia  rura   Capenas. 

Neben  der  Kirche  sprudelt  eine  nie  versiegende  Quelle.  Die  Menge 
der  in  der  Nähe  gefundenen  Inschriften  (von  den  christUchen  ab- 
gesehen mehr  als  20)  und  Sculpturen  machen  es  unzweifelhaft  dafs 
hier  eine  alte  Ortschaft  gestanden  hat,  die  man  mit  gutem  Grund 
als  Lucus  Feroniae  ansehen  darf.ß)  Ihren  Ursprung  verdankt  sie 
einem   im   Gebiet  der   Capenaten    am   Fufs   des   Soracte   verehrten 


1)  Liv.  V  8.  10.  12fg.  24  VI  4.  5  Plut.  Cam.  5,2  17,3.  Fest.  343  M. 
Siellati[na  tribus  dicta  non  a  campo]  eo  qui  in  Campania  est,  sed  eo  qui 
[prope  übest  ab  urbe  Ca]  pena ,  ex  quo  Tusei  profecti  St[ellatinum  illum] 
campum  appellaverunt.     Vgl.  den  Pagus  d.  N.  bei  Soriano  S.  344. 

2)  Liv.  XXn  1   XXVII  4  XXXIII  26. 

3)  CIL.  XI  3873.  76a.  3932.  36;  3873.  76a. 

4)  Galietti,  Capena  municipio  de'  Ronaani,  Roma  1756.  CIL.  XI  p.  571. 

5)  Sil.  lt.  XIII  85. 

6)  So  auch  Gori,  Ann.  dell'  Inst.  XXXVI  129  fg.  und  bereits  Holsten.  ann. 
in  It.  ant.  p.  547  uno  circiter  miiliario  sub  oppido  S.  Oreste  in  planicie  magna 
visnntur  vestigia  Feroniae, 

Nissen,  Ital.  Landeskunde.    II.  24 


370  Kapitel  V.     Elrurien. 

Heiligtum J)  „Bei  Latinern  und  Sabinern  —  heifst  es  unter  der 
Regierung  von  TuUus  Hoslilius-)  —  gemeinschaftlich  stand  das 
Heiligtum  im  Ruf  höchster  Heiligkeil.  Die  Göttin  führt  den  Namen 
Feronia,  was  man  mit  blumentragend  oder  kranzliebend  oder  Per- 
sephone^)  wiedergeben  kann.  Hierhin  kamen  aus  den  umwohnen- 
den Gemeinden  viele  an  den  bestimmten  Festen  zusammen  der 
Göttin  Gelübde  und  Opfer  darzubringen,  viele  aber  um  Geschäfte 
zu  machen  wegen  der  Festversamnilung,  Kaufleute  Handwerker  und 
Bauern ;  die  hiesige  Messe  war  von  allen  in  Italien  abgehaltenen 
die  berühmteste."  Auch  zur  Zeit  des  Augustus  strömte  zur  Jahres- 
messe und  dem  damit  verbundenen  Auftreten  der  Hirpi  (S.  368) 
viel  Volk  herbei.  Die  aufgehäuften  Schätze  sollen  Hannibal  ver- 
anlafst  haben  dem  Tempel  einen  Besuch  abzustatten:  jedoch  ist  die 
Plünderung  nicht  zum  Besten  beglaubigt.'*)  Man  begreift  dafs  eine 
Ortschaft  um  den  Tempel  entstand.  Die  fruchtbaren  Aecker  des 
capenatischen  Gebiets  gaben  den  Demagogen  ein  passendes  Object  zur 
Verlheilung  ab.^)  Durch  Octavian  wurde  der  Plan  ausgeführt  und 
die  colonia  Julia  Felix  Lucoferonensis  gegründet. 6)  Ein  Gönner  hat 
ihr  und  den  Mefsfremden  zur  Kurzweil  ein  Amphitheater  gestiftet. 
Bis  auf  das  oben  erwähnte  Auftreten  des  Christentums  entziehen 
sich  die  näheren  Schicksale  der  Colonie  unserer  Kunde.  —  Neuer- 
dings ist  dieselbe  in  Nazzano  (203  m)  6  km  Ost  vom  Soracte  am 
Tiber  gesucht  worden.^)  Aber  weder  liegt  Nazzano  unterhalb  des 
Soracte  {vnö  r.  ^),  noch  fliefst  in  seiner  Nähe  ein  Bach  der  als 
Capenas  bezeichnet  werden  könnte,  endlich  fehlt,  was  bei  einem 
stark  besuchten  Markt  ganz  unglaublich  erscheint,  die  Verbindung 
mit  dem  römischen  Strafsennelz.  Zahlreiche  Inschriften  sind  bei 
der  alten  Kirche  S.  Antimo  zu  Tage  getreten,  auch  die  Reste  eines 
Rundtempels  von  etwa  20  m  Durchmesser.    Indessen  war  nach  Aus- 


1)  Cato  Or.  1  26  Jord.  lucus  Capenatis  Verg.  Aen.  VII  697  lucos  Capenos 
Strab.  V  226. 

2)  Dion.  H.  III  32  Liv.  I  30  und  über  die  Messe  Strabo  a.  0.;  fälschlich 
auf  Tiebula  Mutuesca  (Kap.  VIII  6)  bezogen. 

3)  Die  von  mir  in  S.  Abomlio  gesehene  Widmung  Dls  Manibus  sacrum 
CIL.  XI  4012  bestätigt  die  Angabe  des  Servius  von  dem  besonderen  Cult  der 
Manen  am  Soracte  (S.  368). 

4)  Liv.  XXVI  11   Sil.  It.  XIII  85  fg. 

5)  Cic.  pro  Flacco  71  de  lege  agr.  2,66  Verr.  II  31  Fam.  IX  17,2. 

6)  Plin.  III  51   Ptol.  III  1,43  Feldm.  46  fg.  256  CIL.  XI  3938. 

7)  Lanciani  Bull,  deli'  Inst.  1870  p.  26  fg. 


§  5.    Die  Südmark.  371 

sage  der  loschrifteo  der  Tempel  der  Bona  Dea  geweiht  und  gehörte 
einem  sonst  unbekannten  Vicus  oder  Pagus  der  Sepernates  an.i) 
Die  Gemeinde  mufs  ansehnlich  gewesen  sein,  hat  sogar  müglicher 
Weise  im  Laufe  der  Kaiserzeit  Stadtrecht  erhalten.  —  Die  Reise- 
bücher führen  als  Stationen  der  Flaminia  Rostrata  villa  24  und 
Ad  Vicesimum  20  Mühen  von  Rom  an.^)  Die  letztgenannte  Stelle 
nimmt  gegenwärtig  der  Weiler  Monte  di  Guardia  ein:  von  hier  geht 
eine  alte  4  Millien  lange  Strafse  nach  Capena  ab,  das  5  Milben 
südlich  vom  Soracte  entfernt  ist.  Es  streckt  sich  mit  einem  Um- 
fang von  reichlich  2  km  auf  einem  Hügelrücken  (163  m)  lang  hin 
treffbch  geschützt;  denn  an  der  östlichen  Schmalseite  fliefst  in  der 
Tiefe  der  Capenas  Graraiccia,  an  den  beiden  Langseiten  in  diesen 
einmündende  Rinnsale,  so  dafs  ein  bequemer  Zugang  nur  von 
Westen,  von  der  Flaminia  her  offen  ist.  Veteranen  sind  in  seinem 
Gebiet,  vorzugsweise  wol  in  der  fruchtbaren  Niederung  am  Tiber 
angesiedelt  worden. 3)  Die  datirten  Denkmäler  reichen  bis  Aurehan. 
Freilich  war  die  Abgelegenheit  des  Ortes  für  die  Entfaltung  städtischer 
Blüte  nicht  günstig;  doch  scheint  er  bis  ins  15.  Jahrhundert  be- 
wohnt gewesen  zu  sein.  Die  verlassene  Höhe  heifst  jetzt  Civitucola 
oder  nach  einem  Kirchlein  S.  Martino  und  bewahrt  nur  unschein- 
bare Reste  aus  dem  Altertum.  Dafs  hier  aber  einst  Capena  lag,  ist 
von  dem  Benedictiner  Galletti  durch  Inschriftenfunde  bündig 
erwiesen  worden.  —  In  dieser  Landschaft  zwischen  Soracte  und 
Tiber  ist  ferner  Ametinum  zu  suchen  das  in  der  Kaiserzeit  Stadt- 
recht hatte.4)  Sein  Gebiet  hat  sich  über  den  Tiber  nach  Latium 
hinein  erstreckt;  denn  Plinius  erwähnt  hier  wie  in  anderen  Fällen 
eine  verschollene  Stadt  des  Namens.  Einen  Anhalt  für  den  Ansatz 
auf  der  Karte  gewährt  der  Umstand  dafs  Vitruv  die  lapidktnae  Arne- 
terninae  zwischen  dem  Tiber  und  dem  Soracte  und  zwar  als  Kalk- 
steinbrüche aufführt. 

Vom  Soracte  ab   war   das   alte   Pflaster  der   Via  Flaminia   als 
Westphal  sie  beging,  mit  einigen  Unterbrechungen  bis  Prima  Porta 


1)  CIL.  XI  3867—70  vgl.  3871. 

2)  Erstere  It.  Ant.  124;  letztere  It.  Hier.  613  Tab.  Peut. 

3)  Feldm.  216  colonia  Capys,  255. 

4)  Plin.  III  52.  68   CIL.  VI  2404  a  12   X   6440    (wo  curator  ^metinorum 
füglich  nicht  in  das  bekannte  Amerinorum  verändert  werden  darf)  Vitruv  II  7,1. 

24* 


372  Kapitel  V,     Etrurien. 

erhalten.  .,Die  Strafse  —  urtheilt  der  kundige  Führer i)  —  ist 
übrigens  sehr  gut  angelegt;  denn  sie  windet  sich  auf  dem  hügehgen 
von  tiefen  Thälern  durchschnittenen  Boden,  ohne  gar  zu  sehr  von 
der  geraden  Linie  abzuweichen,  so  fort  dafs  man  sie  fast  ganz  eben 
nennen  kann."  Sie  steigt  von  der  Treia  ab  bis  250  m  am  Soracte, 
erreicht  am  20.  Meilenstein  300  m  und  fällt  von  hier  ständig  bis 
25  m  im  Tiberthal.  Am  10.  Meilensteine  führt  eine  antike  Neben- 
strafse  nach  Veji  durch  einen  künstlichen  Tunnel  von  etwa  50  m 
Länge  (daher  der  mittelalterliche  Mame  Petra  Pertusa)  hindurch. 
9  Millien  von  Rom  hegt  die  von  der  roten  Farbe  des  Tuffs  be- 
nannte Ortschaft  Saxa  rubra,  in  der  Kaiserzeit  auch  kurz  Rubrae 
mit  der  Station  ad  Rubras.^)  Der  Ort  wird  wegen  seiner  strate- 
gischen Bedeutung  mehrfach  erwähnt.  Die  Via  Flaminia  läuft 
nämlich  10  Milben  weit  über  dem  Fosso  di  Prima  Porta  einher 
und  hat  damit  eine  vorzüghche  Flankendeckung  gegen  das  Binnen- 
land, während  der  Fosso  di  Frassinetto  die  Flanke  nach  dem  Tiber 
zu  schützt.  Die  letzten  Ausläufer  des  Hügellandes  erheben  sich 
noch  50  m  über  der  Flufsniederung.  Am  Fufs  desselben  zu  dem 
die  Flaminia  in  einem  Einschnitt  —  daher  der  heutige  Name  Prima 
Porta  —  sich  stark  senkt,  öffnet  sich  landeinwärts  ein  vom  Fosso 
di  Prima  Porta  und  anderen  Bächen  durchströmtes  Thal  das  eine 
Verbindung  mit  Veji  und  dem  Binnenland  herstellt.  Auf  der 
anderen  Seite  zweigt  die  stromaufwärts  den  Tiber  geleitende  Via 
Tiberina  ab. 3)  Dieselbe  war  ohne  Pflaster  und  lediglich  für  den 
Verkehr  der  Niederung  bestimmt,  aber  im  Kriegsfall  selbstverständ- 
lich von  hoher  Wichtigkeit.  Aus  dem  Gesagten  erhellt  dafs  die 
Stellung  auf  den  Höhen  von  Saxa  rubra  für  den  Angriff  gegen,  wie 
die  Vertheidigung  von  Rom  schwer  ins  Gewicht  fiel.  Die  Vejenter 
deren  Gebiet  sich  auch  in  der  Kaiserzeit  bis  hierhin  erstreckte, 
hielten  sie  478  besetzt.  Umgekehrt  erwartete  Maxentius  312  n. 
Chr.  auf  den  Höhen  den  Angriff  Constantins  der  ihm  Thron  und 
Leben  kostete.  Der  Name  ist  im  frühen  Mittelalter  zu  Lubra  ent- 
stellt und   seit  dem  13.  Jahrhundert  durch  Prima  Porta  verdrängt 


1)  Rom.  Kamp.  135. 

2)  Saxa  rubra  Liv.  II  49  Cic.  Phil.  II  77  Tac.  Hist.  III  79  vita  Sept. 
Sev.  8  Aur.  Victor  Caes.  40;  Rubrae  Martial  IV  64,15  It.  Hier.  612  Tab.  Peut. 
CIL.  XI  p.  567. 

3)  Der  Name  kommt  allein  bei  den  Regionariern  vor. 


§  5.     Die  Südmark.  373 

worden.  Die  einen  weiten  Rundblick  gewährende  Anhöhe  trug 
eine  kaiserliche  Villa,  deren  Ueberreste  durch  ihre  Wandmalerei 
und  die  schöne  Statue  des  Augustus  seit  einem  Menschenalter  dem 
Kunstfreund  theuer  geworden  sind :  ad  Gallinas  hiefs  sie  nach  einem 
den  Beruf  des  Kaisers  kündenden  Wunder. i) 


1)  Plin.  XV  136  Suet.  Galba  1  Dio  XLVIII  52  LXIII  29. 


KAPITEL  VI. 


Umbrien. 

An  die  achte  und  siebente  Region  des  Augiistus  schliefst  die 
sechste,  an  Aemilia  und  Etruria  Umbria  an.  Vom  Grenzflufs  Cru- 
stumium  Conca  reicht  sie  längs  der  Küste  bis  an  den  Aesis  Esino 
oberhalb  Ancona  der  bis  auf  Sulla  Italien  und  Gallien  (I  71),  seit 
Augustus  Umbrien  und  Picenum  trennte,  i)  Landeinwärts  umfafst 
sie  die  oberen  Thäler  des  Ariminus  Marecchia  (S.  248)  und  Sa'pis 
Savio  (S.  250),  wird  im  Westen  auf  einer  Strecke  von  220  km  durch 
den  Tiber  von  Etrurien  geschieden.  Im  Süden  dem  Soracte  gegen- 
über läuft  sie  in  einer  Spitze  aus.  Die  Ostgrenze  gegen  die  Sabina 
und  Picenum  beschreibt  eine  unregelmäfsige  Linie,  welche  die  Seen 
des  Velinus  durchschneidend  das  obere  Thal  des  Nar  der  Sabina, 
dagegen  das  nach  Picenum  abfallende  Gebirg  Umbrien  zuweist. 
Das  bezeichnete  Gebiet,  die  heutige  Provinz  Pesaro-Urbino  nebst 
Theilen  der  Provinzen  Perugia  Macerata  Ancona  und  Forli  enthält 
in  runder  Ziffer  einen  Flächenraum  von  10000  Dkm  180  d.  D  M. 
„Im  ganzen  fruchtbar  aber  etwas  zu  gebirgig,  meint  Strabo,  seine 
Bewohner  mehr  durch  Spelt  als  durch  Weizen  nährend."  Sie 
mufsten  zum  Theil  auswärts  als  Arbeiter  ihr  Brot  suchen,  da  die 
Heimat  zum  Unterhalt  nicht  ausreichte.^)  In  der  That  verschwinden 
die  Thalsohlen  und  -ebenen  gegenüber  dem  Hügel-  und  Bergland. 
Den  Alten  galten  die  Umbrer  als  Gebirgsleute^);  wie  der  Gang 
ihrer  Geschichte  durch  die  Wohnsitze  bedingt  wurde,  ist  früher  dar- 
gelegt worden.  —  Der  Appennin  welcher  die  Wasserscheide  zwischen 
Nord-  und  Südsee  bildet  und   in  der  älteren  Repubhk  den  Grenz- 


1)  Liv.  V  35   Strab.  V  217.  227.241  VI  285    (Artemidor)  Plin.  IH  113  Sil. 
Vm  445.  It.  Ant.  316. 

2)  Suet.  Vesp.  1. 

3)  Pol.  n  16,3  24,7  Martial  VII  97  Umbria  montana  Sil.  It.  VIII  449. 


Unibrien.  376 

wall  Italiens  gebildet  hat  (1218),  Iheilt  das  Land  in  zwei  Hälften, 
die  öfter  getrennte  als  vereinigte  Bahnen  durchmessen  haben.  Der 
bequemste  Pafs  der  hinüber  führt,  ist  der  vom  M.  Nerone  (1527  m) 
und  M.  Catria  (1702  m)  eingefafste  Pafs  von  Scheggia:  die  Höhe 
mag  800  m  betragen.  Seine  Bedeutung  wird  durch  zwei  ümstäude 
erhöht:  zunächst  durch  die  Aenderung  im  Bau  des  Gebirges,  inso- 
fern die  Hauptkette  fortan  in  die  breite  Anschwellung  des  Central- 
appennin  übergeht  (I  235);  noch  mehr  dadurch  dafs  er  mit  der 
Luftlinie  zwischen  der  Tibermündung  und  der  Südspitze  des  Polands 
zusammen  trifft.  Nachdem  die  Römer  jenseit  der  Wasserscheide  310 
mit  den  Camertern  ein  Bündnifs  geschlossen,  295  die  entscheidende 
Schlacht  bei  Seotinura  geschlagen ,  285  die  Senonen  vernichtet 
hatten,  gründeten  sie  268  v.  Chr.  die  Colonie  Ariminum,  die  Haupt- 
festung Italiens  gegen  das  Poland.  Der  Censor  Gaius  Flaminius 
sicherte  deren  Verbindung  mit  Rom  220  durch  die  Anlage  einer 
212  Millien  lange  Strafse  über  den  oben  genannten  Pafs.i)  —  Die 
via  Flaminia  verblieb  in  alle  Zukunft  die  wichtigste  unter  den  von 
der  alten  Welthauptstadt  nach  Norden  auslaufenden  Slrafsen.  Sie 
ist  in  der  Folge  wie  es  scheint  durch  Gaius  Gracchus  123  (S.  383), 
sodann  in  prachtvoller  Weise  27  v.  Chr.  durch  Augustus  erneuert 
worden  (S.  248).  Zahlreiche  Brücken  zeugen  noch  heutigen  Tages 
von  den  reichen  Mitteln  die  der  Kaiser  aufwandte.  Auch  seine 
Nachfolger  wie  Vespasiao  Hadrian  die  Mitregenten  Diocletians  bis 
auf  die  Gothenkönige^)  haben  dem  Werke  ihre  Theilnahme  be- 
wahrt. Die  Via  Flaminia  ist  zugleich  die  Lebensader  des  Landes: 
durch  sie  strömt  römische  Sprache  und  Sitte  ein  und  wird  den 
entfernteren  Thälern  übermittelt. ^j  —  Die  römischen  Waffen  haben 
hier  weniger  als  in  anderen  Landschaften  der  Halbinsel  zu  thun 
gehabt.  Die  Gewässer  der  Westhälfte  fliefsen  sämtlich  nach  Rom 
und  bereiten  die  Abhängigkeit  des  Gebirges  von  der  grofsen  Küsten- 
ebene in  wirtschaftlicher  Hinsicht  vor.  Diesseit  wie  jenseit  des 
Appennin  fanden  die  Umbrer  dort  den  wirksamsten  Schutz  gegen 
den  Andrang  der  Etrusker  und  Kelten.  Als  römische  Bundesge- 
nossen   retteten   sie  ihre   Eigenart   und    wurden    dann    unmerklich 


t)  Liv.  XX  Cassiodor  534  u.  c. 

2)  Cassiod.  Var.  XII  18. 

3)  Die  Stationen  sind  in  8  Verzeichnissen  erhalten:  den  4  Gaditanern  (CIL. 
XI  3281—4)  It.  Ant.  125.  310  Hieros.  613  Tab.  Peut.  Mit  den  Meilensteinen 
zusammen  gestellt  CIL.  XI  p.  995  fg. 


376  Kapitel  VI.     Umbiien. 

selbst  zu  Römern.  Die  Spuren  ihres  Sontlerlebens  haben  sich  lange 
erhalten.  Die  Censuslislen  zählen  in  dieser  Region  49  selbständige 
Verwaltungen,  Plinius  fügt  12  untergegangene  Cantone  hinzu.  Die 
Verhältnisse  die  wir  zu  schildern  haben,  stechen  sovvol  in  politischer 
als  physischer  Beziehung  durch  ihre  Kleinheit  von  denjenigen  des 
Nordens  ab.  Freilich  je  weniger  von  den  einzelnen  Gemeinden  zu 
sagen  ist,  desto  stärker  mufs  der  günstige  Gesamteindruck  den  ihre 
Belrachlung  erweckt,  betont  werden.  Wenn  man  den  P'lächeninhalt 
der  einzelnen  Regionen  mit  der  Zahl  der  erhaltenen  lateinischen 
Inschriften  und  mit  der  Zahl  der  nachweisbar  von  ihnen  zum  kaiser- 
hchen  Ileer  gestellten  Soldaten  vergleicht,  so  nimmt  die;  sechste  so- 
wol  an  Bildung  als  an  Wehrkraft  die  oberste  Stufe  ein.  Dafs  Umbrieu 
von  der  Cultur  minder  abgewirtschaftet  ist,  weniger  gelitten  hat  als 
die  anderen  Landschaften  des  Appennin,  verrät  sein  Aussehen  noch 
heutigen  Tages.  Es  heilst  das  grüne,  wird  wegen  seines  ßaum- 
und  Wasserreichtums  gefeiert.  Durch  den  Bau  des  Landes  war 
die  geschichtliche  Entwickeluug  vorgezeichnet,  welche  ihm  diese 
Vorzüge  das  Altertum  hindurch  rettete.^) 

§  1.    Die  Gallische  Mark. 

Vom  römischen  Gesichtskreis  aus  stellte  sich  der  Appennin  als 
eine  Mauer  und  die  Abdachung  des  Gebirgs  nach  der  Adria  als 
Vorland  dar.  Wenn  dasselbe  auch  geographisch  betiachtet  der 
Halbinsel  angehört,  so  ist  es  doch  vom  Po  schneller  als  vom  Tiber 
her  erreichbar  und  hat  in  Folge  seiner  Lage  die  Schicksale  der 
nördlich  anstofsenden  Ebene  oftmals  getheilt.  Der  letzte  aus  Gallien 
einbrechende  Völkerschub  brachte  die  Senones^^),  welche  die  Küste 
vom  Ulis  Montone  ab  bis  zum  Aesis  Esino  in  Besitz  nahmen  (1  477). 
Der  Stamm  der  sie  aussandte,  hat  sich  im  Muitei  lande  unter  gleichem 
Namen  (jetzt  Sens)  erhalten.  Die  Einwanderung  blieb  wesentlich 
auf  den  Küstensaum  beschränkt   und  hefafste   nach  Ptolemaeos  die 


1)  Cjuellen:  Sirab.  V  227  Plin.  III  112—14  Ploi.  III  1,19.  44.  46.  47  CIL.  XI 
2  (Bormann).  Von  der  italienischen  Generalstabskarte  entfallen  auf  diese 
Region  Bl.  107— 10  115—17  122—24  130—32  137.38,  sind  aber  nur  zum 
Theil  erschienen.  Für  die  Provinz  Perugia  liegt  auch  ein  vom  Provinzialver- 
band  veranstalteter  Nachdruck  der  oeslerreichischen  vor. 

2)  Festus  339  iM.  Pol.  II  17,7  19,10fg.  21,7  Liv.  V  35  X  26  XII  Diod.  XIV 
113  Dion.  H.  XiX  13  Plut.  Cam.  15,2  Appian.  Samn.  6  Kelt.  11  Strab.  IV  195 
V  212.  216  Plin.  III  116.  125  Flor.  I  7.  8  Val.  Max.  VI  3,1  Juvenal  8,234  Stat. 
Silv.  V  3,198  Gell.  N.  A.  V  17,2  XVII  21,21  Ptol.  III  1,19.  44. 


§  1.     Die  Gallische  Mark.  377 

Stadtgebiete  von  Ariminum  Pisaurum  Fanum  Sena,  im  BiunenlaDd 
Suasa  und  Ostra;  die  oberen  Flufslhäler  wurden  von  unibrischen 
Völkerschaften  behauptet,  unter  denen  die  Sarsinalen  und  Camerter 
besonders  hervortreten.  Immerhin  haben  die  Senonen  ein  ganzes 
Jahrhundert  hindurch  die  italische  Halbinsel  in  Schrecken  versetzt. 
Ihnen  wird  die  Zerstörung  Roms  zugeschrieben,  295  vernichteten 
sie  eine  Legion  bei  Clusium,  285  ein  praetorisches  Heer  bei  Arre- 
tium.  Dann  folgte  die  Vergeltung,  Curius  Dentatus  rottete  die  Erb- 
feinde aus,  in  ihrem  Lande  ward  die  Colonie  Sena  gegründet. 
Geraume  Zeit  später  in  den  J.  232 — 28  hat  der  Volkstribun  Gaius 
Flaminius  eine  umfangreiche  Ackervertheilung  in  dem  eroberten 
Gebiet  durchgesetzt. i)  Da  dieselbe  sich  auch  auf  das  angrenzende 
Ficenum  erstreckte,  wird  der  vertheilte  Landstrich  der  ager  Pkenus 
et  Galliens'^),  abgekürzt  als  ager  Pkenus^)  bezeichnet.  In  der 
Regel  jedoch  wird  zwischen  beiden  Gebieten  unterschieden,  und 
heifst  das  nordlich  vom  Aesis  aufserhalb  der  italischen  Grenze  ge- 
legene ager  Galliens.^)  Seine  Bewohner  auf  Vorposten  gestellt  wie 
sie  waren,  haben  ein  starkes  Nationalgefühl  ausgebildet  (I  76)  und 
der  lateinischen  Sprache,  wenn  auch  nicht  gerade  in  mustergültiger 
Gestalt  (I  556) ,  raschen  Eingang  bei  den  Umbrern  und  Galliern 
verschafft.  Seit  Sulla  war  die  iMark  zum  Inland  gezogen,  seit 
Augustus,  mit  Ausnahme  des  nördlicheo  Zipfels,  mit  den  umbrischen 
Stammesgenossen  jenseit  der  Berge  in  einer  Region  vereinigt. 
Gegen  das  Ende  des  zweiten  Jahrhunderts  wird  sie  wieder  abge- 
trennt und  erhält  einen  eigenen  in  Nachahmung  der  nördlich  an- 
stofsenden  Region  von  der  grofsen  Heerstrafse  entlehnten  Namen 
Flaminia.^)  In  der  VerwaUuug  bleibt  sie  vorläulig  mit  ümbrien 
zusammen,  wird  aber  spätestens  seit  Constantiu  zu  Picenum  ge- 
schlagen.6)  Der  Aesis  scheidet  das  annonarische  von  dem  suburbi- 
carischen  Picenum  (I  86j,   jenes  heifst  Flaminia  et  Picenum  Anno- 


1)  Pol.  II  21,7  nennt  das  erste,  Cic.  de  sen.  11  das  letztere  Jahr.  Da  die 
Angelegenheit  sich  lange  hingezogen  haben  kann,  braucht  man  die  Angabe 
Cicero's  nicht  ohne  weiteres  zu  verwerfen. 

2)  Cic.  de  sen.  11  Brut.  57  pro  Sulla  53  in  Gat.  II  5.  6.  26  Liv.  XXIII  14. 

3)  Pol.  1121,7  Liv.  XVGolum.  111  3,2  Sali.  Cat.  27.  30.  42.  57  vgl.  I  512  A.l. 

4)  Cato  bei  Varro  RR.  I  2,7  Liv.  XXIV  10  XXXIX  44  Plin.  111  112  Cic. 
pro  Sest.  9  Appian  Hann.  8. 

5)  Zuerst   unter  Commodus  nachweisbar  GIL.  VI  1509  Vita  Gordian.  4,6. 

6)  Mommsen  Feldin.  II  208  fg. 


378  Kapitel  VI.     Umbrien. 

narivm^),  in  der  Regel  kurzweg  Flaminia.  Es  umfafst  Ravenna 
(S.  255)  und  die  Pentapolis.^) 

Der  einförmige  Bau  des  Landes  ist  früher  (I  234)  hervorge- 
hoben worden.  Es  zerfällt  in  10  Abschnitte  durch  die  vom  Stamm 
des  Gebirgs  aus  in  paralleler  Richtung  nach  der  Adria  zulaufenden 
Nebenäste.  Die  Mitte  jedes  Abschnitts  wird  durch  ein  Flufsthal  ge- 
bildet. Der  grölste  unter  diesen  Flüssen  ist  der  Metaurus  dem  die 
Via  Flaminia  folgt;  jedoch  nimmt  auch  er  den  anderen  gegenüber 
keine  beherrschende  Stellung  ein  (I  338).  Die  räumliche  Theilung 
hat  naturgemäfs  das  Emporkommen  von  Städten  erschwert  und  das 
Entstehen  bedeutender  Städte  verhindert,  dagegen  die  Gauverfassung 
verhaltnifsmäfsig  lange  erhalten. 3)  —  Unter  den  untergegangenen 
Gemeinden  führt  Plinius  die  Sappinates  auf.  Zu  Anfang  des  zweiten 
Jahrhunderts  wird  noch  die  tribns  Sapinia  in  der  Kriegsgeschichte 
erwähnt. 4)  Der  Name  hängt  mit  dem  Flufs  Sapis  Savio^)  zusammen  ; 
wie  weit  der  Gau  in  die  spätere  Aemilia  hineinreichte  (S.  257),  ist 
nicht  zu  sagen.  Vermutlich  wird  er  zu  dem  mächtigen  Volk  der 
Sarsinates  gehört  haben,  die  bei  der  Aufzählung  der  italischen 
Streitkräfte  von  225  v.  Chr.  gleichberechtigt  neben  den  Umbrern 
stehen. 6)  Nicht  als  ob  eine  Verschiedenheit  des  Stammes  zwischen 
beiden  obwaltete:  darüber  klärt  uns  der  berühmteste  Sarsinate 
Plautus  auf: 

nee  mihi  nmbra  usquam  est  nisi  in  puteo  quaepiam  est.  — 

quidl  Sarsinatis  ecqua  est  si  Umbram  non  habes. 

Das  Volk  ist  266  v.  Chr.  mit  Waffengewalt  der  römischen 
Bundesgenossenschaft  einverleibt  worden.  Von  den  politischen 
Mafsnahmen  welche  die  Unterwerfung  im  Gefolge  hatte,  hören  wir 
nichts:  vielleicht  sind  damals  die  abhängigen  Gemeinden  selbständig 
geworden.  Jedesfalls  ist  die  Gemeinde  der  Sarsinaten  mit  dem  Ge- 
bietsumfang  der  in  der  Kaiserzeit  entgegen  tritt,  nur  das  Bruch- 
stück einer  grüfseren  Vereinigung  die  südwärts  bis  an  den  Metaurus 


1)  Not.  Dign.  Occ.  65  dazu  Böcking. 

2)  Prokop  b.  Goth.  I  15  Paul  h.  Lang.  II  19. 

3)  Giuseppe  Colucci,    delle   Antichilä   Picene,    22totn.  fol.  Fermo  1786 fg. 

4)  Piin.  III  114  Liv.  XXXI  2  XXXIII  37. 

5)  Zu  den  S.  250  A.  5  angeführten  Stellen   kommt  hinzu  CIL.  I  1418  = 
XI  6528. 

6)  Pol.  II  24,7  Plaut.  Most.  770  Fest.  238  M.  Fast.  Gap.  Liv.  XV  Suet  24 
Reiff.  Serv.  V.  Aen.  X  201. 


§1.     Die  Gallische  Mark.  379 

und  nordwärts  weit  in  die  Aemilia  hinein  gereicht  haben  mag.  Die 
Stadt  bei  den  Schriftstellern  meistens  Sarsina  ^),  später  besonders 
auf  Inschriften  Sassina'-)  genannt,  der  Tribus  Pupinia  zugetheilt, 
liegt  am  hnken  Ufer  des  Savio  und  hat  ihren  Platz  wie  ihren  Namen 
in  "der  zuerst  erwähnten  Form  bewahrt.  Das  ihr  von  Silius  ver- 
liehene Beiwort  dives  lactis  bekundet  den  eifrigen  Betrieb  der  Vieh- 
zucht in  diesen  Bergen.  3)  Damit  hängt  die  im  Verhältnifs  zum 
Areal  grofse  Zahl  von  Rekruten  zusammen  die  diese  Gemeinde  dem 
Kaiser  stellt.*)  —  Auch  das  obere  Thal  des  nördlich  vom  Savio 
fliefsenden  Bedesis  Ronco  (S.  250)  hat  zu  dieser  Region  gehört. 
Hier  lag  bei  Galeata  das  in  die  Tribus  Stellatina  eingetragene  Muni- 
cipium  Mevaniola,  das  kleine  Mevania  im  Unterschied  von  dem 
westlich  des  Appennin  belegenen  gröfseren.  Die  phniauische  Liste 
sowie  Inschriften  erwähnen  dasselbe.^)  —  Im  oberen  Thal  des 
Äriminus  Marecchia  (S.  248)  ist  keine  Stadtgemeinde  bekannt.  Am 
Ausgang  des  Altertums  wird  als  fester  Platz  Mons  Feretrus  oder 
M.  Feretratus  San  Leo  südwestlich  von  S.  Marino  genannt. 6)  Die 
Scheidung  zwischen  dem  Thal  des  Äriminus  und  des  Pisaurus  ist  schärfer 
als  gewöhnlich  ausgeprägt :  der  trennende  Höhenzug  steigt  12— 1400  m 
an;  wo  er  am  Meer  endigt,  stellt  er  den  natürlichen  Abschlufs  der 
grofsen  padanischen  Ebene  dar. 

Auf  den  unbedeutenden  Grenzflufs  Crustumium  Conca  folgt  der 
zweitgröfste  Flufs  der  Mark  Pisanrus  '),  im  frühen  Mittelalter  Folia  ») 
Fogha,  90  km  lang  mit  einem  Stromgebiet  von  657  Dkm  (l  343). 
Dasselbe  enthält  drei  selbständige  Gemeinden :  Sestinum  Sestino  un- 
weit der  Quellen  zur  Tribus  Clustumina  gehörig  9);  Pitinnm  Pisau- 
rense  am  Mittellauf  in  der  Nähe  des  heutigen  Macerata  Feltria,  ob- 
wol  einige  Milben  vom  Flufs  entfernt  durch  das  Beiwort  von  anderen 


1)  Pol.  II  24,7  Plaut.  Most.  770  Fest.  238  Strab.  V  227  Suet.  24   Reiff. 

2)  Fast.  Gap.  Plin.  lil   114  Marl.  IX  58  CIL.  XI  p.  977. 

3)  Plin.  XI  241  Sil.  It.  VII!  462  .Marl.  1  43,7  111  58,3.5. 

4)  Eph.  ep.  V  256. 

5)  Plin.  III  113  CIL.  XI  p.  992  Gluver  p.  623. 

6)  Prokop  b.  Golh.  II   11  Movzefe^sx^ov  Geogr.  Rav.  IV  33  Monte  Feletre 
Liudprand  h.  Ott.  6  m.  Feretratus  CIL.  XI  p.  974  Cluver  p.  622. 

7)  Plin.  III  113  Lucan  II  406  des  Metrums  wegen  Isaurus  Vib.  Seq.  p.  150 
Riese  Feldmesser  52.  157  Lachm. 

8)  Geogr.  Rav.  IV  36. 

9)  Plin.  III  114  CIL.  XI  p.  884. 


380  Kapitel  VI.     Umbrien. 

gleichnamigen  Orten  unterschieden!);  endhch  an  der  Mündung 
Pisaurum  Pesaro.^)  Die  heutige  Stadt  welche  noch  einzelne  Reste 
der  antiken  Mauer  sowie  die  antike  Brücke  über  den  Pisaurus  be- 
wahrt, hegt  etwa  2  km  von  der  See  entfernt,  um  welchen  Betrag 
die  Küste  annähernd  seit  dem  Altertum  vorgerückt  ist.  Sie  liegt 
zugleich  an  der  Sprachgrenze  zwischen  der  gallischen  und  mittel- 
itahschen  Mundart  (I  475).  Altertümliche  Weihiuschriften  lassen 
schliefsen,  dafs  hier  in  Folge  der  Landverlheilung  von  232  eine 
römische  Niederlassung  entstand,  die  184  einer  derTribus  Camilia  zu- 
gewiesenen Bürgercolonie  Platz  machte:  die  neuen  Ansiedler  erhielten 
je  6  Juchert  Ackerland. 3)  Die  Stadt  wurde  wie  in  anderen  Fällen 
nach  dem  Flufs  benannt  und  durch  Aufwendungen  aus  Staatsmitteln 
unterstützt:  die  Censoren  von  174  bauen  hier  einen  Juppitertempel 
und  pflastern  eine  Strafse.  Sie  bildet  annähernd  ein  Quadrat  von 
beschränkter  Aut^dehnung.  Sie  wird  von  der  an  der  Küste  hin- 
laufenden Via  Flaminia  berührt,  ist  26  Millien  von  Ariminium 
(S.  248)  8  von  Fanum  Fortunae  (S.  384)  entfernt.  CatuU  stellt  der 
Gesundheit  ihrer  Lage  ein  schlechtes  Zeugnifs  aus: 
iste  tuus  moribunda  a  sede  Pisauri 
hospes  inaurala  pallidior  statua. 
Aber  die  Denkmäler  wie  die  Schriftsteller  widerlegen  die  Bos- 
heit gleicher  Mafsen.  Pisaurum  gehört  zu  den  häufig  genannten 
Städten  der  Mark  4),  ist  auf  der  Rednerbühne  Roms  vertreten. 5) 
Es  vermittelt  uaturgemäfs  die  Aus-  und  Einfuhr  des  Hinterlandes, 
betreibt  auch  wie  Ariminum  (S.  249)  namentlich  im  ersten  Jahr- 
hundert unserer  Zeitrechnung  eine  ausgedehnte  Ziegelei:  es  giebt 
keinen    Ort  an    den    Küsten   von    Dalmatien   Istrien    Venetien    der 


1)  Plin.  III  114  Pitulani  Pisuerles  irrig  statt  Pitinates  Pisaurenses.  Die 
Lage  der  zerstörten  Stadt,  von  Cluver  und  Hoiste  richtig  vermutet,  ist  in- 
zwischen inschriftiich  festgestellt  CIL.  XI  p.889.  Auf  sie  bezieht  sich  Ptol.lII  1,46. 

2)  Oiivieri,  Marmora  Pisaurensia,  Pesaro  1738,  vgl.  CIL.  XI  p.  939. 

3)  CIL.  I  167—80  XI  p.  940  fg.  Liv.  XXXIX  44  XLI  27  VeU.  I  15  Obseq. 
14.  48  Sueton  37  Reiff.  Serv.  V.  Aen.  VI  826  Vib.  Seq.  150  R.  —  Ob  die 
Nekropole  von  Novilara  zwischen  Pisaurum  und  Fanum  (Mont.  ant.  dei  Lincei 
V  p.  85)  der  ersteren  oder  der  letzteren  Gemeinde  angehört,  bleibt  unent- 
schieden. 

4)  Gatull  81  Caes.  b.  civ.  I  11  Cic.  Farn.  XVI  12  pro  Sest.  9  PhiL  XIII  26 
Att.  II  7,3  Vitruv  II  9,16  Mela  II  64  Plin.  VII  128  Plol.  III  1,19  lt.  Gadit.  Anton. 
100.  126  Hieros.  615  Tab.  Peut.  Geogr.  Rav.  IV  31  V  1. 

5)  Cic.  Brut.  271  pro  Cluent.  62.  65.  84.  156. 


§  1.     Die  Gallische  Mark.  381 

nicht  mit  den  Krügen  und  Ziegeln  dieser  beiden  Städte  angefüllt 
wäre.i)  Die  Bedeutung  von  Pisaurum  ward  durch  Antonius  und 
Augustus  voll  anerkannt  die  hier  ihre  Veteranen  ansiedelten,  die 
colonia  Julia  Felix  Pisaurum  zählt  zu  den  Stützen  der  Monarchie.  2) 
In  der  Kriegsgeschichte  hat  es  gleichfalls  eine  Rolle  gespielt,  wurde 
49  V.  Chr.  von  Caesar  besetzt,  539  aus  militärischen  Rücksichten 
von  den  Golhen  zerstört,  545  von  Belisar  hergestellt.  3) 

Die  Uebersicht  der  adriatischen  Flüsse  (l  343)  lehrt  dafs  der 
Metaurus,  in  späterer  Zeit  JffafawrMs  *),  Metauro  erst  von  seinen  im 
Centralappennin  gespeisten  Brüdern  erreicht  und  übertroffen  wird. 
Das  1305  Dkm  umfassende  Stromgebiet  weist  nicht  weniger  als 
fünf  öemeinwesen  auf.  Drei  Quellarme  sind  zu  unterscheiden. 
Der  nordliche  Hauptarm  der  den  Namen  des  Flusses  trägt,  entspringt 
an  der  Alpe  della  Luna  (1351  m)  bei  1214  m  Meereshöhe.  Ein 
Pafs  (1100  m)  führt  aus  seinem  Thal  hinüber  in  dasjenige  des 
oberen  Tiber  nördlich  von  Tifernum  Tiberinum  Citlä  di  Castello 
(S.  394).  Am  Beiwort  allein  neben  diesem  kenntlich  (beide  Ge- 
meinden gehören  zur  Tribus  Clustumina)  ist  Tifernum  Metaurense 
am  rechten  Flufsufer  durch  Inschriften  und  Trümmer  als  das  heutige 
S.  Angelo  in  Vado  sicher  gestellt.^)  Die  gleiche  Namenserscheinung 
kehrt  bei  der  zweiten  Stadt  dieses  Flufsarms  wieder:  Urbinum 
Metaurense,  inschrifthch  mit  einer  einzigen  Ausnahme  immer  Urvi- 
num  Mataurense,  ürbino^);  U.  Hortense  wird  uns  im  westlichen 
Urobrien  begegnen  (S.  396).  Die  Festigkeit  des  5  km  nördlich  vom 
Flufs  entfernten  rings  von  Bergen  umgebenen  Platzes  hat  ihn  in 
unruhigen  Zeiten  wertvoll  gemacht.  Der  Besucher  wird  die  Be- 
schreibung welche  Prokop  aus  Anlafs  der  Einnahme  durch  Belisar 
Ende  538  bringt,  sofort  wieder  erkennen  :  ,, Urbinum  liegt  auf  einem 
runden  und  sehr  hohen  Hügel,    Indessen  ist  der  Hügel  weder  von 


1)  Freilich  wachsen  mit  dem  Material  die  Schwierigkeiten  die  einzelnen 
Fabriken  örtlich  zu  bestimmen.  Ob  die  kaiserliche  figlina  Pansiana  hierher  ge- 
hört, wie  man  gewöhnlich  annimmt,  ist  nach  Ihm  CIL.  XI  p.  1026  zweifelhaft. 

2)  Plin.  111  113  Feldmesser  157.  257  Lachm.  Plut.  Ant.  60,2  CIL.  XI  6335.  77. 

3)  Prokop  b.  Goth.  111  11.  25  Agath.  II  2. 

4)  Diese  Form  kommt  ausschliefslich  auf  den  Inschriften  CIL.  XI  p.  882.  894 
und  der  Tab.   Peut.,  nicht  bei  Schriftstellern  vor  (S.  384  A.  2). 

5)  PliH.  III  114  PtoL  III  1,46  CIL.  XI  p.  882. 

6)  Plin.  III  114  Cic.  Phil.  XII  19  Val.  Max.  VII  8,6  Tac.  Hist.  III  62  Prokop 
b.  Goth.  II  10.  11.  19  Paul.  h.  Lang.  II  18  CIL.  XI  p.  894, 


382  Kapitel  VI.     Umbrien. 

AbgrüDden  eingefafst  noch  vüllig  unnahbar,  nur  schwer  zugänglich 
wegen  seiner  grofsen  Abschüssigkeit  zumal  in  unmittelbarer  Nähe 
der  Stadt.  Er  hat  einen  einzigen  ebenen  Zugang  an  der  Nordseite." 
Der  Brunnen  aut  den  nach  demselben  Bericht  die  Belagerten  aus- 
schliefslich  angewiesen  waren,  betindet  sich  unterhalb  der  die  Spitze 
krönenden  Fortezza.  Von  der  Anlage  einer  Wasserleitung  redet 
eine  allere  Inschril't.i)  Der  noch  verfolgbare  Umfang  der  Mauer 
war  gering;  doch  hatte  sich  ehedem  am  Fufs  des  Berges  eine  Vor- 
stadt angesiedelt.     Urbinum  gehörte  zur  Tribus  Stellatina. 

Der  zweite  Quellarm  ist  der  nördlich  vom  M.  Nerone  ent- 
springende Candigliano,  der  dritte  der  von  Süden  her  aus  der 
Gegend  des  Passes  von  Scheggia  kommende  Burano:  die  antiken 
Namen  beider  sind  unbekannt.  Die  Via  Flaminia  folgt  dem  Burano 
und  langt  ungefähr  10  Millien  von  der  V\^asserscheide  bei  ad  Calem 
Cagli^)  an,  wo  eine  im  Altertum  hergestellte  Brücke  des  Augustus 
den  Blick  fesselt.  Von  hier  ab  hält  sich  die  Slrafse  bis  zur  Küste 
stets  auf  dem  linken  Flufsufer.  Die  Bezeichnung  der  Reisebücher 
trifft  genau  zu;  denn  die  antike  Ortschaft  lag  auf  der  Höhe  ober- 
halb der  jetzigen  und  oberhalb  der  Strafse.  Früh  Sitz  eines  Bischofs 
gehörte  der  Vicus  zu  dem  4  Millien  entfernten  Pitinum  Mergens.^) 
Dieses  in  die  Tribus  Clustumina  aufgenommene  Municipium  wird 
durch  Inschriften  und  andere  Funde  in  die  Ebene  (Piano  di  Valeria) 
verwiesen,  welche  sich  am  Zusammenflufs  von  Candigliano  und 
Burano  bei  Acqualagua  ausbieitet.  Das  Beiwort  scheint  seine  tiefe 
Lage  anzudeuten.  —  Die  verbundenen  Flüsse  haben  5  Millien  unter- 
halb in  Urzeiten  einen  Durchbiuch  durch  das  Gestein  gebahnt:  die 
11/2  km  lange  von  schroffen  Felswänden  (500  m)  eingeschlossene 
Klause  hat  die  Aufmerksamkeit  der  alten  Reisenden  erregt.  An  der 
engsten  Stelle  hat  Kaiser  Vespasian,  wie  die  Inschrift  meldet,  77  n. 
Chr.  einen  Tunnel  (37  m  lang  5 — 6  m  breit  4 — 5  m  hoch)  durch- 
schlagen lassen  um  der  Strafse  die  frühere  Steigung  auf  schmalem 
im  Felsen  ausgehauenen  Pfad  zu  ersparen. "*)  Die  hier  halbwegs 
zwischen  Cales  und  Forum  Sempronii  befindliche  Poststation  heifst 

1)  CIL.  XI  6068  vgl.  6072. 

2)  It.  Gadit.  Anton.  125  Calle  vicus  316  Hier.  614  Tab.  Peut.  Geogr.  Rav. 
IV  33  Guido  37  Gallis  Serv.  V.  Aen.  VII  728  CIL.  XI  p.  876. 

3)  Plin.  III  114  Pitulani  Mergentini  irrig  statt  Pitinates  M.  CIL.  XI  p.  876 
Not.  d.  Scavi  1892  p.  146. 

4)  CIL.  XI  6106  Aur.  Viel.  Caes.  9  ep.  18. 


§  1.    Die  Gallische  Mark.  383 

Intercisa[saxa\,  am  Ausgang  des  Altertums  Petra  Pertusa,  jetzt  Furlo 
(Sasso  forato),^)  Ansprechend  schildert  Claudian  den  Weg: 
Laetior  hinc  Fano  recipü  Fortuna  vetnsto, 
despicilnrque  vagus  praerupta  valle  Metaurus, 
qua  mons  arte  patens  vivo  se  perforat  arcu 
admisitque  viam  sectae  per  viscera  mpis. 
In  den  Gothenkriegen  war  der  Pafs  befestigt  und  diente  als 
wirksame  Wegesperre.  „Die  Festung  —  schreibt  Prokop  —  rührt 
nicht  von  Menschenhand  her  sondern  von  der  Natur;  denn  der 
Weg  ist  gar  abschüssig.  Zur  Rechten  dieses  Wegs  fliefst  ein  Flufs 
herab  wegen  der  Heftigkeit  seiner  Strömung  nicht  zu  durchschreiten, 
zur  Linken  in  geringer  Entfernung  steigt  ein  Felsen  schroff  und 
so  hoch  auf  dafs  die  Menschen  auf  der  Hohe  den  unten  Stehenden 
wie  ganz  kleine  Vögel  vorkommen.  Weiter  voran  war  in  alten 
Zeiten  gar  kein  Ausweg.  Der  Fels  fällt  nämlich  unmittelbar  zum 
Strom  ab  und  gewährt  dem  davor  Stehenden  keinerlei  Durchkommen. 
Also  haben  dort  die  Menschen  einen  Stollen  gearbeitet  und  eine 
Pforte  für  die  Gegend  geschaffen.  Nachdem  nun  auch  der  andere 
Eingang  verrammelt  und  nur  Raum  für  eine  Pforte  gelassen  worden 
war,  haben  sie  eine  natürliche  Festung  hergestellt  und  zutreffend 
Petra  benannt."  Eine  Inschrift  verkündet  dafs  246  n.  Chr.  eine 
Wache  von  20  Flottensoldaten  aus  Ravenna  gegen  die  Räuber  hier 
Schutz  bot.  2)  —  Jenseit  der  Enge  mündet  der  Flufs  in  den  Me- 
taurus ein ,  welchen  die  Strafse  auf  einer  antiken  mehrfach  er- 
neuerten Brücke  überschreitet.  Sie  langt  18  Millien  von  Cales 
bei  Forum  Sempronii  an,  fast  eine  Millie  unterhalb  des  heutigen 
Fossombrone  bei  der  Kirche  S.  Martino  al  Piano  gelegen. 3)  Der 
Ursprung  dieses  zur  Pollia  gehörenden  Municipium  wird  nicht  über- 
liefert, geht  aber  vielleicht  auf  Gaius  Gracchus  zurück. 4)  Es  erhielt 
durch  die  Heerstrafse  einiges  Leben;  ein  conlegium  iummlariomm 
portae  Gallicae  wird  erwähnt.  —  Hinter  dem  Ort  erweitert  sich  das 
Thal  immer  mehr;  nach  16  Milben  wird  Fanum  Fortunae  Fano  er- 


1)  It.  Hieros.  614  Tab.   Peut.  Geogr.  Rav.  IV  33  Claudian  VI  cons.  Hon. 
500  fg.  Prokop  b.  Goth.  II  11  111  6  IV  28.  34. 

2)  CIL.  XI  6107. 

3)  Strab.  V227  Plin.  III  113  Ptol.  III  1,46  It.  Gadit.  Anton.    126  Hieros. 
615  Tab.  Peut.  Geogr.  Rav.  IV  33  Paul.  h.  Lang.  VI  56.  CIL.  XI  p.  905. 

4)  Dessen  Thätigkeit  in  der  Mark  CIL.  1  583,  im  Wegebau  Plut.  7  bezeugt. 


384  Kapitel  VI.     Umbrien. 

reicht.^)  Die  der  Tribus  Pollia  einverleibte  Stadt  liegt  2  Millien 
vom  Metaurus  an  einem  ans  diesem  abgezweigten  Canal  nahe  hei 
der  Küste.  Sie  ist  wie  der  Name  besagt  um  einen  Tempel  der 
Fortuna  erwachsen,  offenbar  aus  einem  Markt  der  den  Verkehr  des 
Flufsthals  mit  der  See  vermittelte.  Sie  erhält  eine  besondere 
militärische  Wichtigkeit  durch  den  Umstand  dafs  die  grofse  Heer- 
strafse  zwischen  Po  und  Tiber  hier  von  der  Küste  in  das  Binnen- 
land einbiegt.  Freilich  kann  ein  von  Norden  anrückender  Feind 
auch  über  ürbinum  von  Pisaurum  aus  den  Metaurus  und  die  Appennin- 
übergänge  gewinnen.  Deshalb  werden  in  der  Kriegsgeschichte 
Fanum  und  Pisaurum  zusammen  erwähnt  (S.  381)  und  sind  beide 
von  Octavian  in  Veteranencolonien  umgewandelt  worden.  Die  colonia 
Julia  Fanestris  hat  ihren  Gründer  dem  sie  die  Stadtmauer  verdankte, 
durch  einen  noch  stehenden  Bogen  geehrt,  der  später  erhöht  und 
Kaiser  Constantin  geweiht  wurde.  Der  Baumeister  Vitruv  war  hier 
zu  Hause:  er  rühmt  die  Lärchen  aus  den  Alpen  die  nach  seiner 
Vaterstadt  verschifft  wurden,  und  beschreibt  eine  Basilica  die  er  für 
sie  erbaut  hatte.  —  Bekannter  als  durch  diesen  Künstler  war  den 
Alten  der  Name  Fanums  und  seines  benachbarten  Flusses  durch  die 
Niederlage  Hasdrubals  207  v.  Chr.  welche  Bom  vom  drohenden 
Untergang  rettete.  Man  zeigt  wol  heute  als  Schlachtfeld  den  Hügel 
von  Pietralata  zwischen  Fossombrone  und  dem  Furlopafs  am  linken 
Flufsufer  und  tauft  ihn  Monte  d'  Adrusbale.  Richtiger  verlegte  man 
im  Altertum  die  Schlacht  in  grüfsere  Nähe  von  Sena  und  Fanum; 
denn  nichts  ist  sicherer  als  dafs  sie  am  rechten  Flufsufer  geschlagen 
ward,  M'enn  auch  von  einer  genauen  Bestimmung  der  Oertlichkeit 
keine  Rede  sein  kann.  Die  Schwierigkeit  des  Uebergangs  über  den 
Metaurus  der  nur  vereinzelte  Furten  aufwies,  wird  von  den  Gewährs- 
männern in  angemessener  Weise  hervorgehoben.^) 

Der  M.  Catria  (1702  m)   trennt  das  Gebiet   des  Metaurus  von 


1)  Caes.  b.  civ.  1  11  Vilniv  II  9,16  V  1,6  Sirab.  V  227  Plin.  III  113  Mela 
II  64  Tac.  Bist.  III  50  Aur,  Vict.  ep.  49  Feldmesser  30.  52.  256  Lachm.  Ptol.  III 
1,19  It.  Gadit.  Anton.  126  Hieros.  615  Tab.  Peut.  Geogr.  Rav.  IV  31  Vi  Clau- 
dian  VI  cons.  Hon.  500  Steph.  Byz.  Sid.  Apoll.  Ep.  I  5,7  Prokop.  b.  Goth.  III  11 
Agalh.  II  2.  3  Paul.  h.  Lang.  VI  56  CIL.  XI  p.  924. 

2)  Sid.  Apoll.  Ep.  I  5,7  Liv.  XXVII  46.  47  Gic.  Brut.  73  Frontin  Strat.  II 
3,8  Appian  Hann,  52  Val.  Max.  VII  4,4  Gros.  IV  18,1.3  Eulrop  III  18  Aur.  Vict. 
de  vir.  ill.  48;  Strab.  V  227  Mela  II  64  Plin.  III  113  Vib.  Seq.  149  R. ;  Hör.  Od. 
IV  4,38  Lucan.  II  405  Sil.  It.  VIII  449. 


§  1.  Die  Gallische  Mark.  385 

demjenigen  des  Aesis.  An  ihm  entspringt  der  Cesano,  ein  Küsten- 
flufs,  dessen  alter  Name  nicht  überHefert  wird.  Der  Mittellauf  be- 
rührt das  in  die  Tribus  CamiUa  aufgenommene  Municipium  Stiasa  '): 
die  Ruinen  befinden  sich  zwischen  S.  Lorenzo  und  Castelleone.  — 
Der  nächste  Küstenflufs  Sena"^)  entsteht  aus  der  Vereinigung  der 
beiden  durch  einen  Höhenzug  geschiedeneu  Bäche  Miso  und  Nigola. 
Jener  kommt  als  Misus  bereits  auf  der  Peutingerschen  Tafel  vor; 
dieser  ist  der  grofsere  und  wird  daher  als  der  Sena  der  Alten  zu 
betrachten  sein.  An  seiner  Mündung  15  Millien  von  Fanum  ent- 
fernt liegt  Sena  3)  im  Gegensatz  zum  etruskischen  gelegentlich  Gallica 
zubenannt,  jetzt  Sinigagha.^)  Die  Römer  haben  kurz  vor  280  diese 
Bürgercolonie  gegründet  und  nach  dem  Flufs  oder  wie  die  Alten 
wollen,  nach  dem  besiegten  Volk  der  Senonen  benannt.  In  der 
Folge  hatte  sie  wegen  ihrer  Abgelegenheit  wenig  zu  bedeuten. 
Wiederholte  Zerstörungen,  deren  erste  82  v.  Chr.  im  Bürgerkrieg 
gemeldet  wird,  haben  gründlich  aufgeräumt:  Bauwerke  sind  gar 
nicht,  Inschriften  äufserst  spärlich  vorhanden,  so  dafs  wir  nicht 
einmal  die  Tribus  dieses  Gemeinwesens  kennen.  —  Zur  PoUia  ge- 
hörte das  landeinwärts  an  der  iXigola  3  km  von  Montenuovo  (Ostra 
vetere)  gelegene  Municipium  Ostra  ^),  das  im  5.  Jahrhundert  n.  Chr. 
verlassen  zu  sein  scheint:  Ruinen  und  Inschriften  bezeugen  die  Stelle. 
Südlich  vom  Pafs  von  Scheggia  erhebt  sich  der  M.  Cucco 
(1567  m),  dann  folgt  der  Pafs  von  Fossato  welcher  das  Thal  des 
Aesis  Esino^)  mit  demjenigen  des  Tinea  Topino  im  Westen  ver- 
bindet. Weiter  steigt  die  Hauptkelte  über  Gualdo  Tadino  (S.  392) 
1435  m  an,   durch  ein  von  Süd  nach  fs'ord  gerichtetes  geräumiges 


1)  Plin.  III  lU  Ptol.  III  1,44  CIL.  XI  p.  914. 

2)  Lucan  II  407  Sil.  It.  VIII  453. 

3)  Pol.  II  14,11  16,5  19,12  Slrab.  V  227  Steph.  Byz.  Liv.  XI.  XXVII  38.46 
Sil.  It.  XV  522  Cic.Brut.  73  Nepos  Cato  1,2  Zonar.  IX  9  Eutrop  III  18  Aur.  Vict. 
de  vir.  iil.  48  Appiaa  Hann.  52  b.  civ.  I  88  CIL.  XI  p.  922. 

4)  Plin.  III  113  Ptol.  III  1,19;  Senogallia  It.  Ant.  100.316  Tab.  Peut.  Geogr. 
Rav.  IV  31  V  1  Feldmesser  226.  258  Lachm. 

5)  Plin.  III  114  Ptol.  III  1,44  Feldmesser  257  CIL.  XI  p.  914.  918.  Auch 
Montalboddo  heifst  amtlich  Ostra,  obwol  dessen  Entfernung  von  dem  antiken 
Situs  10  km  beträgt.  Dem  berechtigten  Einspruch  von  Montenuovo  wurde 
schliefslich  vor  einigen  Jahren  dahin  nachgegeben,  dafs  dieses  den  Namen 
Ostra  vetere  erhielt. 

6)  Strab.  V  217.  227.  241  VI  285  Plin.  III  113  Liv.  V  35  Sil.  It.  VIII  446 
It.  Ant.  316  vgl.  S.  390  A.  4. 

Nissen,  Ital.  Landesknnde.    IL  25 


386  Kapitel  VI.    Unabrien. 

Thal  von  ihr  getrennt,  der  abgesonderte  Stock  des  M.  S.  Vicino 
1483  m.  Das  Thal  wird  von  dem  etwa  75  km  langen  Aesis  durch- 
strömt, i)  Es  weist  nicht  weniger  als  drei  Municipien  auf:  Matilica, 
das  Städtchen  Matelica  in  der  Tribus  Cornelia  2) ;  davon  nordöstlich 
Tuficum  Ficano  bei  Albacina^);  nordwestlich  Attidium  Attigio^), 
beide  in  der  Tribus  üfentina  stimmberechtigt  und  ein  paar  Millien 
von  einander  entfernt  in  einem  von  Bergen  umsäumten  ehemaligen 
Seebecken  gelegen.  Nachdem  der  Aesis  von  Westen  her  den  Giano 
aufgenommen,  wird  er  fortab  immer  weiter  eingeengt  und  bricht 
sich  schliefslich  am  M.  Rosso  in  einer  der  wildesten  Klausen  des 
ganzen  Appennin  seine  Bahn  nach  Ost  dem  Meere  zu.  —  Vor  der 
Klause  welche  die  Grenze  zwischen  Ober-  und  Unterlauf  bildet, 
empfängt  er  den  vom  Pafs  von  Scheggia  kommenden  Scatino.  In 
dem  Thal  des  Scatino  eine  Millie  von  Sassoferrato  liegt  das  in  die 
Tribus  Lemonia  eingetragene  Municipium  Sentinum:  die  Stätte  heifst 
noch  jetzt  Civifa  oder  Sentino.^)  Wir  wissen  nicht  wie  weit  der 
Stamm  der  Sentinates  sich  ehedem  erstreckt  hat,  aber  die  Nähe  der 
Uebergänge  von  Scheggia  und  Fossato  erklärt  das  Vorkommen  ihres 
Namens  in  der  Kriegsgeschichte.  In  ihrem  Gebiet  gewannen  die 
Römer  295  den  grofsen  Sieg  welcher  den  Bund  der  Samniten  mit 
den  nördlichen  Völkern  sprengte  und  die  römische  Herrschaft  über 
die  Halbinsel  begründete;  41  v.  Chr.  wurde  die  Stadt  von  Octavians 
Truppen  zerstört.  Datirte  Inschriften  sind  aus  dem  3.  Jahrhundert 
n.  Chr.  vorhanden.  —  Der  Unterlauf  des  Aesis  stellt  die  Grenze 
gegen  Picenum  dar.  Ungefähr  in  der  Mitte  16  Millien  von  der 
Küste  liegt  auf  einer  Erhöhung  am  linken  Flufsufer  die  zur  Pollia 
gehörende  Colonie  Aesis  Jesi.^)  Ob  sie  bereits  247  v.  Chr.  von  den 
Römern  eine  Colonie  erhalten  hat,    ist  zweifelhaft.^)     In  einer  In- 


1)  Die  I  343  aus  dem  Annuario  Statistico  von  1881  angeführten  Angaben 
können  unmöglich  richtig  sein. 

2)  Plin.  111  113  Feldmesser  240.  257  CIL.  XI  p.  819. 

3)  Plin.  111  114  Ptol.  III  1,46  Feldmesser  259  CIL.  XI  p.  829. 

4)  Plin.  III  113  Feldmesser  240.  252.  259  CIL.  XI  p.  825. 

5)  Pol.  II  19,6  Liv.  X  27.  30;  Dio  XLVIII  13  Appian  b.  civ.  V  30;  Strab. 
V  227  Plin.  III  114  Ptoi.  III  1,46   Feldmesser  258  CIL.  XI  p.  838. 

6)  Strab.  V  227  ^i'aiov  Plin.  III  113  Aesinates  Ptol.  III  1,46  CIL.  XI  p.  92a. 

7)  Vell.  I  14,8  handschriftlich  Aesulum,  womit  die  Ableitung  des  angeb- 
lichen Volkes  der  Asili  vom  Aesisflul's  Sil.  It.  VIII  445  stimmen  würde.  Den 
Titel  Colonie  führt  Aesis  CIL.  IX  5831.  32.  Mommsen  Münzwesen  S.  332  hält 
mit  Recht  für  das  wahrscheinlichste  Aesis  zu  verstehen. 


§  1.  Die  Gallische  Mark.  387 

Schrift  wird  sie  durch  das  Beiwort  Picens  oder  Picentium  von  ähnlich 
lautenden  Städten  unterschieden.!) 

Beim  Pafs  von  Scheggia  theilt  sich  der  Appennin  (I  235).  Die 
östliche  Haupterhebung  wird  durch  Flufsthäler  unterbrochen  und 
zerfällt  in  eine  Anzahl  abgesonderter  Städte.  Die  Potenza,  deren 
antiker  Name  nicht  überhefert  wird  (1  343),  trennt  den  M.  S.  Vicino 
(S.  386)  vom  M.  Lelegge  (996  m),  der  gleichfalls  unbenannte  Chienti 
den  M.  Lelegge  vom  M.  Fiegni.  Zwischen  diesen  Bergen  südlich 
von  den  Aesisquellen  safs  der  Stamm  der  Camertes  2)  der  sich  eines 
besonderen  Rufes  der  Tüchtigkeit  erfreut  hat: 

et  armis 
vel  rastris  landande  Camers. 

„Als  Consul  Fabius  310  v.  Chr.  vor  dem  unwirtlichen  Ciminer 
Wald  lagerte,  erbot  sich  sein  Bruder  die  Gegend  auszukundschaften. 
In  Hirtenkleidung  zog  er  von  einem  Sklaven  geleitet  aus  und  soll 
bis  zu  den  umbrischen  Camertern  gelangt  sein.  Dort  wagte  er  sich 
als  Römer  zu  bekennen,  ward  in  den  Senat  geführt  und  verhandelte 
im  Namen  des  Consuls  über  ein  Freundschaftsbündnifs.  Als  will- 
kommener Gastfreund  behandelt,  erhielt  er  den  Bescheid  den  Römern 
zu  melden:  wenn  ihr  Heer  in  diese  Gegenden  käme,  würden  Lebens- 
rnittel für  30  Tage  demselben  bereit  und  die  Mannschaft  der  um- 
brischen Camerter  in  Waffen  ihres  Befehls  gewärtig  sein."  So  lautet 
der  sagenhafte  Bericht  über  die  Einleitung  des  gleichen  unverletz- 
lichen Bündnisses,  dessen  Privilegien  noch  210  n.  Chr.  von  Kaiser 
Septimius  Severus  bestätigt  wurden.  3)  Auf  dasselbe  gestützt 
konnten  die  Romer  295  v.  Chr.  es  wagen  den  Appennin  zu  über- 
schreiten und  die  italischen  Heere  anzugreifen. ^)  Späterhin  haben 
die  Camerter  dem  Scipio  eine,  dem  Marius  zwei  volle  Cohorten  ge- 
stellt: das  Aufgebot  von  1000  Mann  gegen  die  Kimbern  zeugt  von 
der  Wehrkraft  wie  der  Volkszahl  des  Stammes,  dessen  Ausdehnung 
sich  schwerlich  mit  den  Gemeindegrenzen  der  Hauptstadt  deckt. 
In  dieser  hatten  unter  dem  Schutz  des  Bündnisses  römische  Wucherer 
zu  Anfang  des  zweiten  Jahrhunderts  ihren  Sitz  aufgeschlagen ;  gegen 


1)  In  einer  Soldatenliste  von  141  n.  Chr.  Eph.  ep.  IV  887, b.  4. 

2)  Sil.  It.  VIII  461  vgl  IV  157. 

3)  Liv.  IX  36  XXVIII  45  Frontin  Str.  I  2,2  Plut.  Mar.  28,2  Val.  Max.  V  2,8 
Sali.  Cat.  27  Cic.  pro  Balbo  46  Camertinum  foederum  sanctissimum  atque 
aequissimum  CIL.  XI  5631. 

4)  Pol.  II  19,5  vgl.  S.  323  A.  5. 

25* 


388  Kapitel  VI.     Umbrien. 

sie  eifert  der  alle  Cato  ^) :  „unsere  Mitbürger  in  Camerinum  hatten 
eine  schöne  Stadt  bestes  und  schönstes  Ackerland  lin  gesegnetes 
Geschäft;  wenn  sie  nach  Rom  kamen,  stiegen  sie  geradezu  als 
Fremde  bei  ihren  Freunden  ab".  Mit  dem  Bürgerrecht  90  v.  Chr. 
fand  die  Gemeinde  Aufnahme  in  der  Tribus  Cornelia;  worin  die 
Vorrechte  bestanden  deren  Bestätigung  oben  erwähnt  ward,  wissen 
wir  nicht.  Camerinum  hat  in  dem  heutigen  Camerino  seine  ehe- 
malige Stätte  bewahrt:  die  bis  10  m  betragende  Aufschüttung  des 
Bodens  erklärt  das  Fehlen  antiker  Bauwerke.  Die  feste  Lage  auf 
einer  Anhöhe  an  einer  Verbindungslinie  zwischen  der  Ost-  und 
Westseite  des  Appennin  erklärt  die  Nennung  der  Stadt  bei  kriege- 
rischen Verwicklungen. 3)  —  Genauer  gesprochen  liegt  Camerinum 
in  der  Mitte  von  zwei  Uebergängen  über  den  Appennin.  Das 
Heisebuch*)  läfst  eine  Poststrafse  von  Nuceria  Nocera  an  der  Via 
Flaminia  über  Dubios  unbestimmter  Lage  und  Prolaqueum  Pioraco 
der  Potenza  folgend  nach  Aucona  abzweigen.  Der  letztgenannte  Ort 
an  einem  kleinen  See  der  in  die  Potenza  abfliefst,  gehört  auch  jetzt 
zur  Diöcese  von  Camerino:  die  Entfernungsangaben  treffen  nur  an- 
nähernd zu.  Die  Enge  durch  welche  die  Potenza  sich  Bahn  bricht, 
stellt  die  natürliche  Grenze  zwischen  Camerinum  und  Septempeda, 
Umbrien  und  Picenum  dar.  —  Eine  Fahrstrafse  führt  gegenwärtig 
nicht  über  den  erwähnten  Pafs,  wol  aber  aus  dem  Thal  des  Chienti 
über  den  Pafs  von  Colfiorito  nach  Fulginium  Foligno.  Der  Pafs 
dessen  Höhe  bisher  nicht  bekannt  worden,  dehnt  sich  zwischen 
Serravalle  und  Colfiorito  zu  einer  Einsenkung  von  etwa  5  Millien 
Länge  aus.  In  diesem  noch  jetzt  Pistia  genannten  Hochthal  lag 
das  zur  Tribus  üfentina  gehörende  Municipium  Plestia.^)  Die  Kirche 
der  Madonna  di  Pistia  bezeichnet  den  Ort  der  wie  es  scheint  im 
11.  Jahrhundert  verlassenen  Stadt.  Im  Altertum  befand  sich  hier 
der  Imus  Plestinus  6)  der  später  versumpfte  und  ausgetrocknet 
wurde.  Als  Schauplatz  einer  Niederlage  wird  er  in  der  römischen 
üeberheferung  erwähnt,  da  217  nach  dem  Blutbad  am  Trasimenus 

1)  Cato  frg.  p.  39  Jordan  vgl.  Liv.  XXXV  7.  41. 

2)  Strab.  V   227   Ka/ue^rje  Plin.  III  113   Feldmesser  240.  256.  257  CIL. 
XI  p.  815. 

3)  Cic.  pro  Sulla  53,  AU.  XIII  12b,2  Caes.  b.  civ.  I  15,  Appian  b.  civ.  V  50, 
Paul.  h.  Lang.  IV  16. 

4)  It.  Anton.  311  CIL.  XI  p.  819. 

5)  Plin.  III  114  CIL.  XI  p.  812. 

6)  Appian  Hann.  9,  11  Rhein.  Mus.  XX  225. 


§  2,  Das  westliche  Uinbrien.  389 

eine  Schar  von  4000  Reitern  an  seinen  Ufern  von  den  Karthagern 
ereilt  und  aufgerieben  ward. 

§2.   Das  westliche  Umbrien. 

Oestlich  von  der  Wasserscheide  sind  keine  Denkmäler  der  um- 
brischen  Sprache  bisher  entdeckt  worden  (l  504).     Was  wir  davon 
besitzen,  stammt  aus  dem  Westen:   die  Landschaft  zwischen  Tiber 
und  Appennin   bat   den  Gebrauch   der   Schrift   früher  gelernt  und 
in  den  Dienst  der  angebornen   Mundart   gestellt,   hat   als  Hüterin 
heimischer  UeberHeferung  die  Ehre  verdient  den  Namen  des  grofsen 
Volkes  das   einst  den  Norden   der  Halbinsel   erfüllte,    bis   auf  den 
heuligen  Tag  zu  führen.     In  die  Zeiten  vor  der  römischen  Herrschaft 
versetzen    uns   die   Tafeln   von  Iguvium.i)     Bei  dem  Sühnfest  wird 
Heil   und  Segen   auf  die  Bürgerschaft  herabgefleht,  Verderben  auf 
ihre    Feinde:    „o    Mars,    die   Stadt    der  Tadinaten,    den    Gau    der 
Tadinaten,   die   etruskische   nahartische   keltische   Nation,   alle   ihre 
Edlen  in  Krieg  und  Frieden,  alle  ihre  Männer  in  Wehr  und  ohne 
Wehr,  erfülle  sie  mit  Furcht  und  Zittern,  mit  Flucht  und  Schrecken, 
mit  Schnee  und  Hagel,  mit  Lärm  und  Toben,  mit  Alter  und  Knecht- 
schaft".    Die    nächsten    Nachbarn    nehmen   unter  den  Feinden  die 
oberste  Stelle  ein:   eine   Erscheinung,   die   im  Fehdeleben   anderer 
Volker  häufig  genug  begegnet.     Dann  folgen  drei  Nationen  in  West 
Süd  und  Nord,  neben  Etruskern  und  Kelten  die  Naharter  am  Nar. 
Wir  müssen  aus  dieser  Gleichstellung  schliefsen    dafs  die  südlichen 
Theile  Umbriens  in    einem  Bunde   vereinigt  waren,   dessen  Waffen 
am  Appennin  gefürchtet  wurden.     Aber  leider  lassen   uns  die  An- 
nalen   für  die  Erläuterung   dieses   altertümlichen  Gebets    im   Stich. 
Bei  den  griechischen  Schriftstellern  kommt  der  Name   der  Umbrer 
ziemlich  früh  vor,  ohne  dafs  begreifHcher  Weise  von  einer  genauen 
Begrenzung  die  Rede  sein  könnte  (I  505).     Den  Römern   bedeutet 
Umbrien  das  unabhängige  Gebiet  dieses  Stammes  sowol  östlich  als 
westlich  vom  Appennin. 2)     In  der  Regioneneintheilung  des  Augustus 
wurde   dasselbe   in   der   Weise   bestimmt   umschrieben    wie   S.  374 

1)  Umbrica  interpretatus  est  Franc.  Buecheler,  Bonn  1883.  tab.  VI  B  58. 
Ueber  lapuzkuvi  nomen  vgl,  I  507  A.  1. 

2)  Pol.  II  16,3  24,7  III  86,9  Liv.  X  I  XXII  9  XXVil  43  XXXI  2  Cic.  Att.  VIII 
12c,l  pro  Murena  42  pro  S.  Rose.  48  de  Div.  I  92.  94  Vitruv  II  7,  1  Diod.  XX 
35,3  44,9  Piut.  Grass.  6,5  Stiab.  V  227.  235.  240. 


390  Kapitel  VI.     Umbrien. 

dargelegt  ist.*)  Es  wurde  ferner  S.  377  bemerkt,  dafs  die  Ver- 
waltung seit  dem  zweiten  Jahrhundert  die  beiden  Hälften  östlich 
und  westlich  vom  Appennin  als  Flaminia  und  Umbria  unterschied. 
Letztere  wird  vor  Constantin  mit  dem  angrenzenden  Etrurien  ver- 
einigt und  die  Umbrer  nehmen  an  der  zu  Volsinii  abgehaltenen 
Festfeier  dieser  Landschaft  theil.  Jedoch  regte  sich  dagegen  die 
längst  verklungene  Feindschaft  des  Stammes  oder  richtiger  gesagt 
die  nachbarliche  Eifersucht:  um  das  Jahr  330  gestattet  der  Kaiser 
angeblich  wegen  des  beschwerlichen  Weges  und  der  kostspieligen 
Reise  den  Umbrern  einen  Tempel  der  Gens  Flavia  in  Hispellum  zu 
errichten  und  hier  unter  dem  Vorsitz  eines  jährlich  gewählten 
Priesters  ihr  landschaftliches  Fest  mit  scenischen  Aufführungen  und 
Gladiatorenspielen  zu  feiern. 2)  In  der  Langobardenzeit  wird  Perusia 
zu  Umbrien  gerechnet,  wie  auch  heutigen  Tags  geschieht.^) 

Die  Ilinerarien  zählen  von  Cales  (S.  382)  13  oder  14  Milben 
bis  zur  Station  ad  Aesim  oder  ad  Ensem'^):  eine  Entfernung  die  an- 
nähernd auf  das  heutige  Scheggia  zutriüt,  in  dessen  unmittelbarer 
rSähe  römische  Ueberreste  gefunden  wurden.  Vielleicht  gehörten 
sie  dem  in  jüngeren  Quellen  erwähnten  Castrum  Luceoli  an.^)  Die 
Strafse  erreichte  II/2  Millien  vor  der  Station  den  auf  einem  Vor- 
sprung der  Pafshöhe  gelegenen  Tempel  des  Juppiter  Appenninus, 
dessen  Orakel  in  der  Kaiserzeit  über  den  beschränkten  Umfang  der 
umbrischen  Gemeinden  hinaus  Gellung  erlangt  hatte.^)  Claudian 
fährt  nach  Erwähnung  des  Furlopasses  (S.  383)  fort: 
exsuperans  delubra  Jovis  saxoqiie  minantes 
Appenninigenis  cultas  pastoribus  aras. 

Der  Tempel  ist  8  Millien  von  Igiwiiim  entfernt  und  auf  geradem 
Wege  über  die  Höhe  des  M.  Calvo  (905  m)  von  dort  erreichbar. 
Nahe  beim  Uebergang  über  das  Gebirge,  wie  Strabo  richtig  hervor- 
hebt, liegt  Gubbio  am  Rand  eines  Längenthals  das  10  Millien  lang 
und  2 — 3  breit  von  Zuflüssen  des  Chiascio  durchströmt  wird,  nach 


1)  Properz  I  22,9  V  1,63.  121  Plin.  III  112  VI  218  XI  241  Tac.  Ann.  IV  5 
Hist.  III  42.  52  Suet.  Caes.  34  Vesp.  1. 

2)  Böcking  zu  Not.  Dign.  Occ.  430  CIL.  XI  5265. 

3)  Paul.  h.  Lang.  II  16. 

4)  It.  Gadit.  Hesim  oder  Jlaesim  Hieios.  616  mutatio  ad  Ilesis  Tab.  Peut. 
ad  Ensem  wol  von  dem  Flufs  (S.  385)  oder  ein  Wirtshauszeichen  (S.  59). 

5)  Geogr.  Rav.  IV  33  Paul.  h.  Lang.  IV  8.  34. 

6)  Claudian    VI   cons.   Hon.   504  Vita  Claud.  10  Firm.   3  Tab.  Peut.  CIL. 
XI  5803.  04  VIII  7961. 


§  2.     Das  westliche  Umbrien.  391 

Silius  infestum  nebulis  humentibus  olim,  was  ja  bei  solchen  Ein- 
senkuDgen  häufig  zutrifTt. ')  Ein  einförmiges  Hügelland  von  12  Millien 
Breite,  durch  das  der  Chiascio  sich  Bahn  bricht,  scheidet  die  Ein- 
senkung  von  derjenigen  des  Tiber.  Der  Platz  ist  geeignet  den  Ver- 
kehr der  umliegenden  Bergdistricte  anzulocken.  Es  giebt  keine 
italische  Stadt  von  der  so  umfangreiche  Zeugnisse  aus  der  Epoche 
der  Unabhängigkeit  vorhanden  wären  wie  von  dieser.  Aber  deren 
Erhaltung  deutet  schon  an  dafs  Iguvium  von  dem  mächtigen  Strom 
der  seit  dem  dritten  Jahrhundert  auf  der  Via  Flaminia  hin  und  her- 
flutete, nicht  unmittelbar  berührt  wurde.  Auch  die  Verbreitung 
der  von  demselben  geprägten  Münzen  mit  der  Aufschrift  Ikuvins 
(oder  Ikuvini?)  fällt  ungefähr  mit  den  Grenzen  des  Stadtgebietes 
zusammen. 2)  Die  Iguviner  sind  unter  ähnlichen  Bedingungen  wie 
die  Camerter  in  den  Bund  mit  Rom  eingetreten  und  bei  dem  all- 
meinen Abfall  90  v.  Chr.,  so  scheint  es,  treu  gebheben.  Damals 
vertauschten  sie  ihr  Bündnifs  mit  dem  Bürgerrecht  und  wurden  in 
die  Tribus  Clustumina  eingeschrieben. 3)  Die  Stadt  wird  als  Festung 
genannt^):  ihre  Wichtigkeit  beruhte  auf  ihrer  iVähe  am  üebergang 
der  Via  Flaminia  über  den  Appennin  und  ihrer  centralen  Lage  im 
Gebirg.  Die  zahlreichen  Ortsangaben  welche  das  umbrische  Ritual 
darbietet,  vermögen  wir  nicht  in  einem  einheitlichen  Bilde  anzu- 
ordnen. Die  umbrische  Stadt  hatte  nur  drei  Thore  und  wird  sich 
deshalb  in  derselben  ^Veise  steil  an  den  M.  Galvo  angelehnt  haben 
wie  die  mittelalterliche.  In  der  Friedenszeit  unter  den  Rümern 
breitete  sie  sich  dagegen  in  der  Ebene  aus.  Die  vornehmste  Ruine 
ist  ein  etwa  5000  Zuschauer  fassendes  Theater,  in  dessen  Umgebung 
die  berühmten  Tafein  gefunden  wurden.  Die  arx  Fisia  welche 
diese  von  der  tota.  der  iirbs  Iguvina  unterscheiden,  wird  man  in 
dem  obersten  Theil  der  Stadtanlage  suchen.  Unter  den  heimischen 
Gottheiten  wird  namenthch  der  Mars  Cyprius  auch  in  der  Kaiserzeit 
verehrt:  sein  Tempel  lag  an  der  Strafse  nach  Asisium.^)  Der  theo- 
logische Geist  der  umbrischen  Zeit  hat  auch   in    römischer  fortge- 


1)  Strab.  V  227  Plin.  111  113  Sil.  It.  VIII  459  Ptol.IlI  1,46  Tab.  Peut.  Acubio 
Geogr.  Rav.  IV  33  Egubia. 

2)  Mommsen,  Münzwesen  221.  279  vgl.  Plin.  XXIII  95  (XV  31). 

3)  Cic.  pro  ßalbo  46.  47  Sisenna  fr.  94.  95  Peter  CIL.  XI  p.  855. 

4)  Liv.  XLV  43  (für  das   handschriftliche  Igiturvium)   Gaes.  b.  civ.  I  12 
Cic.  Att.  VII  13,7. 

5)  CIL.  XI  5805. 


392  Kapitel  VI.     Unibrien. 

(laviert:  z.  B.  nennt  eine  Inscliril'l  einen    avispex  extispicus  sacerdos 
publicus  et  prwatusj) 

Der  M.  Calvo  trennt  das  Thal  von  Iguvinm  von  dem  ähnlichen 
Längenthal  das  vom  Clasius  Chinscio  (l  310)  durchflössen  sich  am 
Fufs  des  M.  Cucco  hinziehl.  Es  mag  als  Wahlstatt  mancher  unhe- 
kannter  Kämpfe  gedient  haben.  Der  vom  Appennin  niedersteigende 
Heisende  sah  die  busta  Gallorum  Grabhügel  in  grofser  Zahl  und 
liefs  sich  erzählen:  Held  Camillus  habe  hier  die  von  der  Zeistorung 
Roms  heimkehrenden  Kelten  ereilt  und  vernichtet. 2)  In  dem  Thal 
liegt  der  Vicus  Helvillum,  Station  der  Via  Flaminia  von  der  oben 
erwähnten  10  Millien  entlernt,  ungefähr  an  der  Stelle  des  heuligen 
Sigillo,3)  Cluver  nimmt  an  der  Vicus  sei  hervorgegangen  aus  der 
ehedem  unabhängigen  Gemeinde  der  SwUates,  die  aufser  in  den 
Censuslisten  des  Augustus  nicht  vorkommt.  Die  Aehnlichkeit  der 
beiden  antiken  und  des  modernen  Namens  ist  die  einzige  Stütze 
für  die  Vermutung.  Es  mag  wol  eine  selbständige  Gemeinde  im 
Thal  gegeben  haben ;  jedoch  werden  Beweise  vermifst  um  sie  be- 
stimmen zu  können.  —  Auch  die  Gemeinde  der  Tadinates  gegen 
welche  das  Ritual  von  Iguvium  seine  kräftigen  Verwünschungen 
schleudert  (S.  389),  kann  obwol  von  Augustus  anerkannt,  nur  unbe- 
deutend gewesen  sein,  Tadinae  heifst  zwar  im  l'ilgerbuch  Stadt, 
bei  Prokop  aber  Dorf:  es  lag  7  Millien  von  Helvillum  IV2  vom 
heutigen  Gualdo  Tadino  bei  der  Kirche  S.  Maria  Tadina. *)  Die 
Niederlage  der  Gothen  552  hat  den  Ort  berühmt  gemacht.  Totilas 
hatte  eine  vortreflliche  Stellung  gewählt  um  den  Anmarsch  des 
Narses  zu  erwarten.  Oberhalb  Tadinae  mündet  auf  der  Westseite 
die  von  Iguvium  kommende  Strafse,  auf  der  Ostseite  der  aus  dem 
Thal  des  Aesis  hin  überführende  Pafs  von  Fossato  (S.  388)  in  die 
von  Scheggia  herabsteigende  Via  Flaminia  ein.     Narses  rückte  nach 


1)  CIL.  XI  5824. 

2)  Prokop  b.  Goth.  IV  29  Appian  Kann.  8.  Die  Sage  knüpft  an  den  Bei- 
namen von  Nuceria  Camellana  an. 

3)  It.  Gadit.  Anton.  125.315,  Hieros.  614  Herbelloni,  Tab.  Peut.  Halvillo 
Plin.  III  114.  Die  Inschrift  Not.  d,  Scavi  1891  p.  330  nennt  vicaJii  He[lvillates]; 
Cluver  617.  Das  It.  Ant.  315  erwähnt  eine  Strafse  von  Helvillum  über  ad 
Calem  (S.  382)  und  ad  Pirum  nach  Sena  und  Ancona;  jedoch  ist  dieselbe  nicht 
nachgewiesen  und  die  Entfernungen  ganz  entstellt. 

4)  It.  Hieros.  614  civitas  Planias  zu  verbessern  Tadiyias  Prokop  b.  Goth. 
IV  29  ■x.o')firi  i\vnEQ  oi  iniy;,wqiOL  TaSivas  [cod.  Tayivas]  xaXovaiv.  Plin.  111 
114  Gregor  M.  Reg.  IX  184.  85  CIL.  XI  p.  823. 


§  2.     Das  westliche  ünibrien.  393 

Umgehung  des  befestigten  Fiirlopasses  (S.  383)  auf  der  letzteren 
an.  Die  Strafse  lief  nicht  wie  jetzt  an  der  östlichen  Seite  der  Ein- 
senkung  über  Fossato  und  Gualdo,  sondern  an  der  entgegengesetzten 
Seite  an  Caprara  vorbei,  dessen  Name  an  den  Ort  Caprae  erinnert 
in  dem  Totilas  sein  Leben  ausbauchte. i)  —  Weiter  tritt  die  Strafse 
in  das  enge  Tlial  des  nach  Süden  fliefsenden  Tinia  Topino  (I  310)^) 
und  langt  8  Milben  von  Tadinae  bei  Nuceria  an. 3)  rs'ach  Strabo 
trieb  das  Städichen  Fafsbinderei;  nach  Plinius  wurden  zwei  po- 
litische Gemeinden  unterschieden  Nucerini  Favonietises  und  Camellani: 
den  letzteren  Beinamen  giebt  auch  die  Heisekarte  an.  Bei  Ptolemaeos 
heifst  Nuceria  schwerlich  mit  Becht  Colonie:  Cluver  vermutet  an- 
sprechend dafs  dieser  Zusatz  aus  dem  Beinamen  entstellt  sei.  Ob 
die  beiden  Gemeinden  einen  oder  zwei  städtische  Mittelpuncte  ge- 
habt haben,  ist  nicht  zu  sagen,  Das  heutige  Nocera  alter  Bischof- 
sitz 2  Milben  vom  Topino  weist  keine  Denkmaler  des  Altertums 
auf:  zahlreiche  Unglticksfälle  die  das  armselige  Dorf  durch  Feuer 
und  Erdbeben  erlitten,  mögen  solches  erklären.  Ueberhaupt  be- 
fremdet das  überaus  spärliche  Auftreten  von  Inschriften  an  diesem 
ganzen  Strich  der  Via  Flaminia.  Von  Nuceria  zweigte  eine  Strafse 
nach  Ancona  ab  (S.  388).  —  Die  Flaminia  erreicht  12  Milben  von 
Nuceria  das  von  dem  Erbauer  der  Strafse  gegründete  Forum 
FlaminiiJ)  Das  Städtchen  hatte  eigene  Verwaltung  gehabt,  wird 
aber  schon  im  Beisebuch  als  Vicus  bezeichnet.  Es  lag  am  Aus- 
gang der  grofsen  umbrischen  Ebene  bei  S.  Giovanni  Profiamma. 
Halbwegs  zwischen  ihm  und  Nuceria  ist  Ponte  Centesimo:  eine 
Brücke  über  den  Topino  lieferte  den  Anlafs  zur  ersten,  der  hun- 
dertste Meilenstein  von  Bom  zur  zweiten  Hälfte  dieses  Namens. 
Ein  paar  Mdlien  weiter  treten  Flufs  und  Strafse  in  die  grofse  um- 
brische  Ebene  hinaus. 

Die  nordwestliche  Grenze  Umbriens  geht  durch  das  obere 
Tibertbal :  die  Quellen  des  Flusses  gehören  der  Feldmark  von 
Arretium  an  5);  der  jüngere  Plinius  besafs  8km  nördlich  vonTifernum 

1)  Proltop  b.  Golli.  IV  32. 

2)  Stral..  V  227  Plin.  III  53  Sil.  It.  VIII  452. 

3)  Strab.  V  227  Plin.  Ilt  113  Ptol.  III  1,46  It.  Gadit,  Ant.  311  Hieios,  614 
Tab.  Peuf.  Nucerio  CajneUaria  Guido  53  CIL.  XI  p.  822.    Cliiver  630, 

4)  Fest  84  M.  Strab.  V  227  Plin.  III  113  Plol.  III  1,47  Euseb.  a.  Abrah. 
2270  Cod.  Theod.  1X35,5  lt.  Ant.  125  Hieios.  614  Tab.  Peut.  Guido  53  CIL. 
XI  p.  754. 

5)  Plin.  Ili  53. 


394  Kapitel  VI.     Unibrien. 

am  Fiifs  des  Appennin  eine  Villa,  deren  Benennung  Tusci  klar  an- 
deutet dafs  sie  auf  etruskischem  Grund  und  Boden  hgA)  Dieser 
hat  mithin  zwischen  Borgo  S.  Sepolcro  und  Citta  di  Castello  his 
an  die  Hauptkelte  des  Gebirges  gereicht.  Die  Schilderung  welche 
IMinius  vom  Tiberlhal  entwirft,  ist  früher  (l  463)  mitgetheilt  worden. 
Die  Fruchtbarkeit  ist  noch  immer  ungeschwächt:  in  ununterbrochenem 
Wechsel  süet  man  das  eine  Jahr  Weizen  der  mindestens  das  zehnte 
Korn  bringt,  das  nächste  Mais  Hafer  Bohnen  u.  s.  w.  Die  Haupt- 
stadt Tifermim  Tiberinum'^)  lag  nahe  am  Flufs:  Inschriftenfunde  be- 
weisen dafs  Cittä  di  Castello,  welches  sonst  keine  antiken  Denk- 
mäler aufzuweisen  hat,  die  Stelle  einnimmt.  Das  der  Tribus  Clustu- 
mina  einverleibte  Municipium  ist  durch  seinen  Gutsnachbar  Phnius 
bekannt  geworden  der  in  jungen  Jahren  zum  Patron  ernannt,  ihm 
101  n.  Chr.  einen  Kaisertempel  erbaute.  Der  Lauf  des  Flusses 
wurde  I  310  beschrieben.  Wahrscheinlich  hat  die  eine  und  andere 
verschollene  Gemeinde  aus  den  Censuslisten  des  Augustus  in  dem 
Hügelland  zwischen  Tifernum  und  Iguvium  ihren  Sitz  gehabt. 

Das  264  Dkm  grofse  Hanplthal  Umbriens  das  sich  von  Spoleto 
ab  in  einer  Länge  von  60  km  bei  4 — 8  km  Breite  nach  Nordwesten 
hinzieht,  ist  langsam  ausgetrocknet  (I  311).  Dem  entsprechend 
meiden  die  Städte  den  Thalgrund  und  lehnen  sich  entweder  an  die 
einfassenden  Höhen  an  oder  liegen  auf  den  Höhen  selbst.  Unter 
ihnen  kennen  wir  im  Nordwesten  auf  einem  Hügel  das  zur  Tribus 
Clustumina  gehörende  Arna^)  jetzt  ein  Weiler  Civitella  d'  Arne: 
Cluver  vermutet  das  in  der  Kriegsgeschichte  295  v.  Chr.  erwähnte 
Aharna^)  sei  derselbe  Ort.  —  Ein  hellerer  Glanz  in  alter  wie  in 
neuer  Zeit  ruht  über  dem  benachbarten  Asisium.^)  Mit  sicheren 
Strichen   zeichnet   Properz   das   Bild    seiner   Vaterstadt   samt  ihrer 

Umgebung: 

Umbria  te  notis  antiqua  penatibus  edit, 

(metitior?  an  patriae  tangitur  ora  tuae?) 
qua  nebulosa  cavo  rorat  Mevania  campo, 

1)  Plin.  Ep.  III  4,2  IV  1,6  V  6  18,2  IX  15.  36.  40  an  Tiaiaa   8.     Gamurrini, 
Strena  Heibig.  (Leipzig  190U)  p.  93. 

2)  Plin.  III  114  Plin.   Ep.  IV  1  an  Traian  8  Geogr.  Rav.  IV  36  Guido  52 
CIL.  XI  p.  871. 

3)  Plin.  III  113  Sil.  iL  VIII  456  Ptol.  III  1,  47  CIL.  XI  p.  811. 

4)  Liv.  X  25  Cluver  626. 

5)  Properz  I  22,9   V  1,63   121  fg.  Plin.  Hl  113  Ptol.  III  1,46   Prokop.   b. 
Goth.  III  12  CIL.  XI  p.  784. 


§  2.     Das  westliche  Umbrien.  395 

et  lacus  aestivis  tntepet  Umher  aquis, 
scandentisque  Asisi  consnrgü  vertice  murus, 

murus  ab  ingenio  nolior  ille  tuo. 
Von  der  Höhe  von  Asisi  schaut  man  zur  Linken  in  etwa  15  km 
Entfernung  das  in  einer  Einbuchtung  der  Ebene  gelegene  von 
Hügeln  überragte  Mevania,  rechts  zu  Füfsen  um  Bastia  herum  das 
ehemalige  Becken  des  lacus  Umher  ^),  der  wie  es  scheint  unter  König 
Theoderich  völlig  entleert  ward,  freilich  nach  dem  Ausdruck  des 
Properz  auch  früher  geringe  Tiefe  besafs.  Bei  einer  anderen  Ge- 
legenheit hat  der  Dichter  zur  Umschreibung  seiner  Heimat  das  hoch 
thronende  Perusia  gewählt,  welches  im  Osten  das  Gesichtsfeld 
abschliefst: 

proxima  supposito  contingens  Umbria  campo 

me  genuit  terris  fertilis  uherihus. 
Die  allgemeine  Lage  der  umbrischen  Städte,   insonderheit   der 
ihm    von   Kindheit   an   vertrauten   schildert   er   in   der  vorhin    er- 
wähnten Elegie: 

ut  nostris  tumefacta  superbiat  Umbria  libris, 

Umbria  Romani  palria  Callimachi. 
scandentes  quisquis  cernet  de  vallibus  arces, 

ingenio  mia^os  aestimet  ille  meo. 
'■  Die  Mauern  des  allen  Asisium  sind  nicht  mehr  sichtbar.  Im 
Uebrigen  führt  uns  die  heutige  Stadt  ihre  Vorgängerin  anschauhch 
vor  die  Seele:  die  verfallene  Fortezza  welche  den  Gipfel  krönt  (407m), 
vertritt  die  ehemalige  Arx;  unter  der  Piazza  wandeln  wir  auf  den 
Fliesen  des  Forums;  eine  15 — 20 stufige  Treppe  führte  von  ihm 
hinauf  zu  dem  von  Goethe  gefeierten  Tempel  (sog.  Minerva);  In- 
schriften verkünden  dafs  die  Gens  Propertia  allhier  ansässig  war.*) 
Die  Gemeinde  hat,  als  sie  noch  unter  ihren  einheimischen  Marones 
stand,  sich  neben  der  umbrischen  bereits  der  lateinischen  Sprache 
öfifenthch  bedient.  Nach  Ertheilung  des  Bürgerrechts  90  v.  Chr. 
wurde  sie   der   Tribus    Sergia  zugewiesen.   —   Aehnlich    wie  Asisi 


1)  Cassiodor  Var.  II  21  Rhein.  Mus.  XX  218  fg. 

2)  Darunter  nennt  CIL.  XI  5405  den  Plin.  Ep.  VI  15,1  IX  22,1  erwähnten 
Nachkommen  des  Dichters.  In  der  Neuzeit  haben  7  umbrische  Städte  den 
Anspruch  erhoben  die  Heimat  des  Properz  zu  sein.  Nachdem  Lachmann  die 
handschriftliche  Lesung  scandentisque  asis  in  Asisi  verbessert  hat,  ist  der 
Streit  für  die  Wissenschaft  erledigt. 


396  Kapitel  VI.     Umbrien. 

Steigt  das  6  Millicn  nach  Süden  entfernte  Hispelhim  i)  Spello  den 
Abhang  hinan:  die  heutige  Nameiisloim  begegnet  schon  bei  den 
Feldmessern.  Die  der  Tribus  Lenionia  einverleibte  Stadt  hat  im 
Altertum  ihre  Nachbarin  an  Bedeutung  weit  übertroflen.  Sie  erhielt 
eine  Colonie  der  Triumvirn  und  nennt  sich  seitdem  colonia  Julia 
Hispelhim;  ihr  Gebiet  ward  bis  zu  den  Quellen  des  Clitumnus  er- 
weitert. In  einem  um  330  gegebenen  Erlafs  (S.  390)  verleiht  ihr 
Constantin  den  Titel  Flavia  Cotistans,  genehmigt  die  Erbauung  eines 
Tempels  der  Gens  Flavia  und  die  Abhaltung  des  umbrischeo  Jahres- 
festes alklort.  Das  Gesuch  der  umbrischen  Landstände  auf  das  dieser 
Bescheid  erlblgle,  hatte  die  Wahl  Hispellums  als  Hauptstadt  der 
Provinz  mit  der  Nähe  der  Via  Flaminia  die  in  der  That  nur  mit 
2  Millien  Abstand  vorüber  läuft,  begründet.  Das  ehemalige  Ansehen 
bestätigen  die  zahlreichen  Inschriften  sowie  die  Denkmäler:  ein 
ziemlich  grofses  Amphitheater  und  Theater  an  der  Strafse  nach  Asisi, 
die  Stadtmauer  von  der  ein  Stück  an  der  Südseite  nach  der  Ebene 
zu  steht. 

Der  Dreizahl  von  Städten  am  nordöstlichen  Rand  des  um- 
brischen Thaies  liegen  ebenso  viele  im  Südwesten  gegenüber. 
Bettona  auf  einem  steilen  Hügel  oberhalb  des  Chiascio  ist  noch  von 
dem  länglichen  Mauerviereck  des  zur  Tribus  Clustumina  gehörenden 
Vettona  umgeben. 2)  Aber  nur  die  Grundschichten  sind  erhalten: 
dem  bröcklichten  Stein  dieser  Gegend  mangelt  die  Widerstandskraft 
gegen  die  Unbilden  der  Zeit,  —  5  Millien  weiter  bei  dem  Dorf 
Collemancio  folgt  Urvimim  Eorlense,  wie  das  gleichnamige  jenseit 
des  Appennin  in  der  Tribus  Stellatina  eingetragen;  von  ihm  sind 
ein  paar  Inschriften  übrig  geblieben.')  —  Die  günstigste  Verkehrs- 
lage weist  Mevania  Bevagna  auf.  Die  Via  Flaminia  durchschneidet 
das  umbrische  Thal  in  südwestlicher  Richtung,  überschreitet  den 
Topino  und  erreicht  7  Millien  von  Forum  Flaminii  die  Stadt. *) 
Die  tiefe  Lage  derselben  wird  nach  dem  Vorgang  des  Properz  (S.  394) 
von  den  Dichtern  hervorgehoben  5),  so  von  Silius: 

1)  Strab.  V  227  Plin.  111  113  Ptol.  111  1,47  Sil.  It.  VllI  457  Plin.  Ep.  VIII 
8,6  Feldm.  179.  224  Lachm.  Spellates  Spellatinvs  ager  CIL.  XI  p.  766. 

2)  Plin.  III  114  Tab.  Peut.  Geogr.  Rav.  IV  33  Guido  38  CIL.  XI  p.  747. 

3)  Plin.  III  114  CIL.  XI  p.  747  Bull,  dell'  Inst.  1864  p.  241.  Die  In- 
schriften kennen  nur  die  Form   Vrvinum. 

4)  It.  Ant.  311  rechnet  18,  die  Gaditaner  19  Millien  von  Nuceria  (S.  393), 
Tab.  Peut.  16  verschrieben  für  6  von  Forum  Flaminii. 

5)  Sil.  It.  VI  645  VllI  456. 


§  2.    üas  westliche  Umbrien.  397 

latis 
proiecta  in  campis  nebnlas  exhalat  inertes 
et  sedet  ingentem  pascens  Mevania  taurum 
dona  Jovi. 

Ihre  Wiesen  werden  gefeiert  wegen  des  ansehnliclien  Rinder- 
schlags den  sie  nährten. i)  Der  schiffbare  Flufs  und  die  grofse 
Heerstrafse  die  ihn  kreuzte,  bestimmten  den  Ort  zu  einem  Sammel- 
punct  der  umbrischen  Gemeinden.  Hier  sprengte  Fabius  309  v.  Chr. 
ihren  Landsturm,  hier  erwartete  69  n.  Chr.  das  Heer  des  Viteliius 
den  Anmarsch  der  Vespasianer.2)  Wenn  Strabo  Mevania  zu  den 
namhaften  Städten  an  der  Flaminia  rechnet  3),  so  führen  die  Denk- 
mäler zum  nämlichen  Ergebnifs.  Erwähnung  verdient  ein  in  den 
Häusern  verbautes  Amphitheater  sowie  ein  Tempel  unweit  des  nörd- 
lichen Thors.  Die  verschwundene  Stadtmauer  war  nach  altertüm- 
hcher  Art  aus  Luftziegeln  aufgeführt. 4)  An  Inschriften  fehlt  es 
nicht,  doch  läfst  sich  die  Tribus  der  Gemeinde  nicht  sicher  aus- 
machen: die  meisten  nennen  die  Aemilia.^) 

Die  flaminische  Strafse  durchzieht  von  Mevania  das  Hügelland 
welches  die  Einsenkung  des  Chtumnus  von  derjenigen  des  Tiber 
trennt  und  in  einem  von  Nord  nach  Süd  gerichteten  Rücken  im 
M.  Martano  1091  m,  im  Torre  Maggiore  oberhalb  Terni's  1121  m 
ansteigt.  Der  erstgenannte  Rerg  hat  seinen  Namen  von  dem  an 
seinem  südwestlichen  Fufs  belegenen  vicus  Mortis  Tudertium  6) 
16  Millien  von  Mevania,  18  von  Narnia,  9  von  Tuder  entfernt. 
Man  darf  schhefsen  dafs  derselbe  keine  geschlossene  Ortschaft  bildete, 
sondern  an  der  Landstrafse  lang  hingestreckt  war:  noch  jetzt  ist 
in  dieser  Landschaft  zerstreutes  Siedeln  üblicher  als  in  den  meisten 
Theilen  Itahens.  Die  Kirche  S.  Maria  in  Pantauo  bezeichnet  den 
Mittelpunct  des  Vicus.  —  Die  gegenwärtig  nur  noch  von  Reitern 
und  Fufsgängern  benutzte  Strafse  weist  stattliche  Ueberreste  aus 
römischer  Zeit  auf.  Eine  Rrücke  von  zwei  gewaltigen  Rogen  fällt 
in  die  Augen :  der  Räch  der  früher  unter  ihr  durchflofs,  hat  seinen 
Lauf  verändert;  man  benutzte  die  freistehenden  Rogen,  ohne  einmal 
die    Wölbungen    auszufüllen,    als    Unterbau    für    eine    Kirche.    — 


1)  Coium.  III  8  Lucan  I  473  Stat.  Silv.  I  4,128.     Auch  der  Reben  gedenkt 
Plin.  XIV  37.  2)  Liv.  IX  41  Tac.  Bist.  III  55.  59. 

3)  Strab.  V  227  Plin.  III  113  Ptol.  III  1,47  Phlegon  fr.  36  Müller  Suet.Cal.  43. 

4)  Plin.  XXXV  173.  5)  CIL.  XI  p.  732. 

6)  CIL.  XI  p.  694  It.  Gadlt.  16  (17)  und  18  (12)  It.  Ant,  311:  16  und  18. 


398  Kapitel  VI.     Umbrien. 

8  Millien  vom  Vicus  Martis  mündet  die  stellenweise  ihres  Kalkstein- 
pflasters un beraubte  Flaminia  durch  das  noch  stehende  Norderthor 
von  Carsulae  ein.i)  Einsam  liegt  die  Kirche  S.  Damiano  an  der 
weiten  Trümmerstätte,  die  ehedem  eines  der  blühenden  Municipien 
Umbriens  trug.  Der  Boden  dacht  sich  allmälich  von  hier  aus  nach 
dem  Becken  des  Nar  ab :  darum  schien  der  Platz  den  vespasianischen 
Führern  69  n.  Chr.  geeignet  Halt  zu  machen,  den  Aufmarsch  ihrer 
Truppen  zu  vollenden,  zugleich  den  in  10  Millien  Abstand  bei  Narnia 
befindlichen  Feind  zum  Abfall  zu  verlocken.  Carsulae  gehörte  zur 
Tribus  Clustumina.  Sein  Verfall  schreibt  sich  aus  der  späteren 
Kaiserzeit  her,  als  der  grofse  Verkehr  den  Weg  über  Interamna 
und  Spoletium  einschlug  (S.  400). 

Die  Reisekarte  2)  verzeichnet  eine  Stralse  nach  Rom  welche 
von  Perusia  aus  den  Tiber  überschritt  und  Vettona  links  auf  der 
Hohe  lassend  flufsabwärts  nach  32  Millien  Tuder  Todi  erreichte. 
Silius^)  schildert  dessen  Lage: 

collis  Umbros  atque  arva  petebat  ' 

Hannibal,  excelso  summi  qua  vertice  montis 
devexum  lateri  pendet  Tuder. 
Der  Stadthügel  (411  m)  steigt  in  geringer  Entfernung  vom 
Flufs,  dessen  Anbhck  übrigens  durch  Höhen  verdeckt  wird,  etwa 
210  m  so  steil  an  dafs  die  oberen  Strafsen  nicht  befahren  werden 
können.  Zahllose  Kömpfe  von  denen  keine  Ueberlieferung  meldet, 
mögen  um  diese  Grenzwarte  getobt  haben :  die  hier  gefundene 
keltische  Inschrift  (I  480)  kann  als  Zeuge  dafür  dienen.  Die  Nähe 
des  Tiber  und  die  vorüberführende  Landstrafse,  unter  allen  Ver- 
bindungen Roms  mit  dem  Norden  die  kürzeste,  verliehen  dem  Ort 
eine  Wichtigkeit  die  er  seiner  Festigkeit  allein  nicht  verdankt  haben 
würde.  Die  Verbreitung  seiner  Münze  mit  der  Aufschrift  Tutere 
(S.  73)  wird  von  keiner  andern  Stadt  im  Norden  der  Halbinsel 
übertroffen. 4)  Die  Feldmark  ist  nach  dem  für  Umbrien  gültigen 
Mafsstab  ziemlich  ausgedehnt,  da  sie  den  Vicus  Martis  an  der  Flaminia 
umschliefsend  mindestens  15  km  in  der  Breite  bei  mehr  als  doppel- 
ter Länge  befafste.     Die  römischen  Annalen  gedenken  der  Tuderter 


1)  Strab.  V  227    Piin.   III  113  XVII  213   Tac.  Bist.  III  60    Plin.   Ep.  I  4 
CIL.  XI  p.  664. 

2)  Desgleichen  mit  entstellten  Namen  Geogr.  Rav.  IV  33  Guido  38. 

3)  Sil.  It.  VI  644  IV  222  VIII  462  Strab.  V  227    eveQXTjS  nöXte  Ptol.  III 
1,47  Steph.  Byz.  4)  Mommsen,  Münzwesen  221.  272  fg. 


§  2.     Das  westliche  Umbrien.  399 

erst  in  der  Zeit  des  Mariiis,  als  sie  mit  dem  Bürgerrecht  Aufnahme 
in  die  Tribiis  Clustumina  fanden.*)  Im  Bürgerkrieg  fochten  sie  gegen 
Sulla;  ihre  Stadt  ward  von  Crassiis  erobert  und  geplündert,  538  n. 
Chr.  den  Gothen  von  Belisar  abgenommen. 2)  Sie  erhielt  nach  der 
Schlacht  bei  Philippi  eine  Ansiedlung  von  Veteranen  und  den  Titel 
colonia  Julia  Fida  TuderJ)  Sie  scheint  früh  in  der  Bebenzucht 
etwas  geleistet  zu  haben,  da  die  in  Etrurien  übliche  Bebe  Tudernis 
hiefs.4)  Aehnlich  wie  die  Iguviner  verehrten  die  Tuderter  vor  allen 
Göttern  den  Mars:  Gradivicolam  celso  de  coUe  Tudertem  sagt  Silius. 
Ein  Bau  aus  grofseh  Quadern  wird  von  den  Nachfahren  (schwerlich 
mit  Becht)  als  sein  Tempel  betrachtet.  Von  der  antiken  Mauer 
sind  noch  Stücke  erkennbar.  —  Die  römische  Heerstralse  schneidet 
den  Bogen  welchen  der  Tiber  nach  Orvielo  hin  macht  (I  311),  ab 
und  läuft  an  der  Ostseite  eines  bis  994  m  ansteigenden  Bergrückens 
der  von  Nord  nach  Süd  am  Flufs  hinstreicht,  geradeswegs  nach 
dem  18  Millien  entfernten  Ameria  Ameha.^)  Diese  Bergstadt  nimmt 
einen  steilen  Hügel  (406  m)  ein  der  im  Halbkreis  vom  Bio  Grande, 
dem  gröfslen  der  nach  Süden  dem  Tiber  zueilenden  Bäche  um- 
strömt wird.  Am  jenseitigen  Ufer  des  Baches  thürmen  sich  wieder 
Felsen  auf  so  dafs  ein  völlig  sicherer  Schutz  geboten  wird:  nichts 
desto  weniger  scheint  nachträglich  in  späterer  Zeit  auch  die  ganze 
Hohe  mit  einer  Mauer  umgeben  worden  zu  sein.  Die  Angriffseite 
im  Südosten  ist  durch  eine  gewaltige  Mauer  gedeckt;  sie  steht 
stellenweise  noch  in  einer  Höhe  von  7 — 8  m  und  bekundet  die 
wechselnde  Bauart  verschiedener  Epochen ;  denn  theils  nehmen  die 
Felsblöcke  keine  Bücksicht  auf  wagerechte  Ghederung,  theils  sind 
die  Vielecke  regelmäfsig  geschichtet,  theils  kleinere  Steine  nahezu 
rechtwinklig  behauen.  Der  Anbhck  erweckt  unwillkürlich  die  Vor- 
stellung einer  altersgrauen  Vergangenheit.  Aehnlichen  Eindrücken 
haben  römische  Geschichtschreiber  Worte  geliehen:  Cato  läfst 
Ameria  963  Jahre  vor  dem  dritten  makedonischen  Kriege,  1134 
V.  Chr.  gegründet  sein. 6)  Es  wurde  wie  es  scheint  gleich- 
zeitig   mit   Tuder    zum    Bürgerrecht    und    zur  Tribus    Clustumina 

1)  Sisenna  fr.  119  Peter  Plut.  Mar.  17,4  Plin.  II  148  CiL.  XI  p.  678. 

2)  Plut.  Grass.  6,5  Prokop  b.  Golh.  )I  lt.  13  Paul  h.  Lang.  IV  8. 

3)  Feldm.  52.  214  Lachm,   Plin.  111  113  CIL.  XI  4646.  59.  39.  50.  54. 

4)  Plin.  XIV  36. 

5)  Tab.  Peut.  6  Millien  nach  Ausfall  einer  Station,  die  auch  Geogr.  Rav^ 
IV  33  vermifst  wird. 

6)  Plin.  III  114  Fest.  21  M. 


400  Kapitel  VI.     Umbrien. 

zugelassen.')  Wie  die  sullanischeu  Wirren  die  Gemeinde  in 
Mitleidenschaft  zogen ,  spiegelt  die  Rede  wieder  die  Cicero  für 
Sextus  Roscius,  ein  Opfer  derselben  80  v.  Chr.  hielt.  Ueber  ihre 
späteren  Schicksale  ist  wenig  bekannt. 2)  Sie  legte  auf  dem  römi- 
schen Markt  mit  Aepfeln  und  Birnen  Ehre  ein  3) ,  beschickte  ihn 
mit  Besen^)  und  versorgte  den  Winzer  mit  Weiden  s):  Amerina 
parant  lentae  retmacula  viti.  Wie  die  Hügel  landeinwärts  für  jenen 
so  war  das  Tiberufer,  bis  zu  welchem  die  Feldmark  reichte  ^) ,  für 
diesen  einträglichen  Anbau  vorzüglich  geeignet.  Die  Entfernung 
von  Ameria  nach  Rom  betrug  56  Mühen,  nach  castellum  Amerinum 
12;  letzteres  lag  am  Tiber  Orte  gegenüber.') 

Ein  bedeutsames  Ereignifs  für  die  innere  Geschichte  der  Land- 
schaft ist  die  Verlegung  der  Via  Flaminia  gewesen.  Ueber  deren 
ursprünglichen  Lauf  hätte  freilich  keine  Unklarheit  herrschen  dürfen. 
Die  Strecke  von  Narnia  bis  Mevania  weist  eine  ganze  Reihe  ge- 
waltiger Brücken  aus  der  Epoche  des  Augustus  auf.  Diesen  Zug 
läföt  Strabo  die  Strafse  einhalten,  ihm  folgte  das  vespasianische 
Heer  auf  seinem  Marsche  nach  Rom,  den  gleichen  Weg  haben  die 
Gaditaner  genommen  welclie  ihre  Reisebecher  den  Nymphen  von 
Vicarello  weihten.  Auch  das  Postbuch  kennt  ihn  noch  unter  dem 
Namen  Flaminia,  aber  als  Verbindung  zwischen  Rom  und  Ancona- 
Brundisium,  führt  dagegen  die  grofse  Nordstrafse  nach  Ariminum 
über  Interamna  und  Spoletium.  Das  Nämliche  geschieht  im  Pilger- 
buch von  333  ^)  und  seitdem  hat  der  Verkehr  diese  neue  Richtung 
eingehalten,  die  etwa  5  Mühen  länger  und  durch  den  M.  Somma 
(728  m)  aufserdem  beschwerlicher  ist.  Ueber  die  Gründe  der 
Aenderung  lassen  sich  Mutmafsungen  ohne  Bürgschaft  ihrer  Richtig- 
keit vorbringen.  —  Von  Forum  Flaminii  (S.  393)  werden  3  Millien 

1)  Plin.ll  148  Plut.  Mar.  17,4  CIL.  XI  p.  638. 

2)  Strab.  V  227  Plin.  III  113  Ptol.  111  1,47  Sleph.  Byz.  Paul.  h.  Lang. 
IV  8.  Irrtümlich  macht  Feldm.  224  Lachm.  Ameria  zu  einer  Golonie  des  Augusust. 

3)  Golum.   V  10  Plin.  XV  50.  55.  58  Stat.  Silv.  I  6,18. 

4)  Plin.  XXIV  67. 

5)  Verg.  Georg  I  265  mit  Schol  Golum.  IV  30  Plin.  XVI  177  XXIV  58. 
Körbe  Gato  RR.  11,5. 

6)  Gic.  pro  Roscio  20  Plin.  Ep.  VIII  20. 

7)  Tab.  Peut.  vgl.  mit  Geogr.  Rav.  IV  33.  Die  Entfernungsangabe  der 
Karte  wird  bestätigt  durch  Gic.  pro  Rose.  19. 

8)  It.  Anton.  125.  311  Hieros.  613  Claudian  VI  cons.  Hon.  506  fg.  vita 
Severi  6,2  Prokop  b.  Goth.  H  11.  Dafs  Interamna  nicht  an  der  Flaminia  liege, 
sagt  ausdrücklich  Tac.  Hist.  II  64. 


§  2.    Das  westliche  Umbrien.  401 

gerechnet  bis  Fulginiae  oder  Fulginium  Foligno.  i)  Die  alte  Stadt 
lag  bei  S.  Maria  in  Campis  und  S.  Maria  del  Sasso,  einige  hundert 
Schritt  weiter  östhch  als  die  jetzige  nach  den  Bergen  zu.  Ihre 
späte  Entstehung  deutet  Silius  an:  pahtloque  iacens  sine  moenibus 
arvo  Fulginia.  Das  Fehlen  der  Mauer  beweist  dafs  der  Ort  von 
Hause  aus  kein  Stadtrecht  hatte:  er  gehörte  zur  Classe  der  Prae- 
fecturen  denen  ein  von  Rom  geschickter  Beamter  Recht  sprach.2) 
Bei  Gelegenheit  der  Gründung  von  Forum  Flaminii  mögen  die  um- 
brischen  Fulginiates^)  minderes  Bürgerrecht,  späterhin  Aufnahme 
in  die  Tribus  Cornelia  erlangt  haben.  Der  verschiedenartige  Ursprung 
der  beiden  Nachbarorte  erhellt  schon  aus  der  Thatsache  dafs  sie 
nicht  zu  einem  einzigen  Gemeinwesen  verschmolzen  sind.  In  der 
Kaiserzeit  hat  Fulginium  einen  entschiedenen  Aufschwung  genommen, 
während  Forum  Flaminii  zum  Dorf  herabsank.  Seine  Verkehrslage 
ist  äufserst  günstig  da  eine  Strafsenkreuzung  hier  stattfindet:  nach 
dem  21  Millien  entfernten  Perusia  im  Westen,  nach  Picenum  über 
den  Pafs  von  Plestia  im  Osten  (S.  388),  nach  Ariminum  nördlich, 
Spoletium  südlich.  Es  scheint  ein  Amphitheater  besessen  zu  haben. 
—  Die  Slrafse  nach  Süden  langt  5  Millien  von  Fulginium  bei 
Trehi  oder  Trebiae  Trevi  an,  das  steil  an  dem  Randgebirge  des 
Clitumnusthals  hinauf  gelagert  ist.^)  Aufser  Inschriften  sind  keine 
Denkmäler  vorhanden:  vielleicht  eine  Folge  der  in  dieser  Gegend 
häufigen  Erdbeben.  —  Die  Ebene  zwischen  Trevi  und  FoHgno  liegt 
stellenweise  sehr  tief  und  wies  früher  ausgedehnte  Sümpfe  auf,  die 
nach  vielen  vergebhchen  Versuchen  endhch  1563  ausgetrocknet 
wurden.  Es  ist  gestaltet  an  diesem  Ort  den  lacus  Clitorius  zu 
suchen,  den  die  geographische  Uebersicht  des  Paulus  anführt. ^j 
Das  etwa  4  km  breite  15  km  lange  Thal  (213  m)  das  sich  von  Trevi 
nach  Spoleto  hinzieht,  ist  überaus  wasserreich  (I  310).  Seine 
üppigen  Wiesen   ernährten    den  von  Dichtern  6)  gefeierten  Rinder- 


1)  It.  Hieros.  613  civüas  Fufginis,  Sil.  It.  IV  545  VIII 460  Fulginia,  Appian 
b,  civ.  V  35  'PovXxiviöv  rt  ;^rw^tOf. 

2)  Cic.  fr.  p.  4,3.  4  Baiter-Kayser  e  municipio  Fulginale,  in  praefectura 
Fulginate. 

3)  So  Plin.  111  113  und  Inschriften  CIL.  XI  p.  754. 

4)  Plin.  III  114   Trebiales  und  Inschriften  CIL.  XI  p.  728,  It.  Hieros.  613 
und  Schol.  Juvenal  12,13  Trevis,  vgl.  Guido  55  Sueton  Tib.  31. 

5)  Paul.  h.  Lang.  II  16  Rhein.  Mus.  XX  222. 

6)  Verg.  Georg.  II  146  Properz  III  12,25  IV  22,23  Stat.  Silv.  I  4,129  Sil.  It. 
VIII  450  Juvenal  12,13  Claudian  VI  cons.  Hon.  506. 

Nissen,  Ital.  Landeskunde.    LT.  26 


402  Kapitel  VI.     ümbrien. 

schlag,  der  die  grofsen  weilsen  Opferthiere  für  die  Triumphe  in 
Rom  heferte;  er  wird  von  Vergil  bei  seinem  Preise  Italiens  erwähnt: 
hinc  albi,  Clitumne,  greges  et  maxima  taurus 
victima,  saepe  tno  perfusi  flumine  sacro, 
Romanos  ad  templa  deum  duxere  triumphos. 
Das  Thal  wird  nach  dem  Clitumnus  benannt  und  gehörte  grofsten 
Theils  zur  Feldmark  von  Mevania.i)  Es  wurde  von  der  alten  Strafse 
der  Länge  nach  durchschnitten,  während  die  heutige  einen  Umweg 
an  dem  östlich  einfassenden  Höhenzug  hin  macht.  4  Millien  von 
Trevi  lag  die  Poststation  Sacraria'^)  le  Vene,  dieses  nach  den  hier 
vorbrechenden  Quellen ,  jenes  nach  den  an  ihnen  befindHchen 
Heiligtümern  benannt.  Der  jüngere  PHnius  entwirft  ein  zutreffen- 
des Bild  der  Landschaft:  „ein  mäfsiger  Hijgel  steigt  an,  von  einem 
alten  Cypressenhain  beschattet.  An  seinem  Fufs  kommt  die  Quelle 
zu  Tage  und  wird  in  mehreren  Adern  ungleicher  Stärke  hervorge- 
trieben. Nachdem  der  Strudel  geglättet  ist,  breitet  sie  sich  so  rein 
und  krystallhell  aus  dafs  man  die  Kieselsteine  und  die  hineinge- 
worfenen Opfergaben  auf  dem  Grunde  zählen  kann.  Vom  Becken 
wird  sie  nicht  durch  das  Gefälle  des  Bodens  sondern  durch  die 
eigene  Fülle  und  Wucht  fortgestofsen:  noch  Quelle  und  zugleich 
Flufs,  dessen  Strömung  die  Barken  ohne  Ruder  mitnimmt,  aber  den 
Aufwäitsfahrenden  zu  harter  Arbeit  zwingt.  Die  Ufer  sind  von 
Eschen  und  Pappeln  eingefafst,  deren  grünes  Bild  in  den  durch- 
sichtigen Flufs  eintaucht.  Das  Wasser  ist  kalt  und  weifs  wie  Schnee. 
Daran  liegt  ein  alter  ehrwürdiger  Tempel  mit  Clitumnus  in  purpur- 
verbrämtem Gewände:  die  Gegenwart  des  Gottes  künden  seine 
Orakel  an.  Rings  herum  sind  mehrere  Capellen  verstreut,  die  jede 
ihren  Gott  und  ihre  Verehrung,  einzelne  auch  Quellen  haben. 
Denn  aufser  jenem  Hauptquell  sind  kleinere  da,  die  jedoch  in  den 
Flufs  einmünden.  Eine  Brücke  über  den  Flufs  stellt  die  Grenze 
des  heiligen  und  weltlichen  Bezirks  dar.  Oberhalb  darf  man  nur 
im  Boot  fahren,  unterhalb  auch  schwimmen.  Ein  städtisches  Bad 
und  Gasthaus  der  Hispellaten  ist  vorhanden,  denen  der  hochselige 
Augustus  den  Platz  geschenkt  hat.  Auch  Villen  fehlen  nicht,  die 
man  durch  die  Anmut  des  Flusses  angelockt  am  Ufer  errichtete. 
Alle  Säulen  und  Wände  sind  mit  Sprüchen  beschrieben,  in  denen 

1)  Suet.  Calig.  43  Vib.  Sequ,  unter  flum.  und  fonles  Schol.  V  Georg.   II 
146  Plin.  Ep.  VIII  8,6. 

2)  11.  Hieros.  613. 


§  2.    Das  westliche  Urobrien.  403- 

die  Besucher  jenen  Quell  und  Gott  lobpreisen."  Das  mächtige 
Wasser  das  aus  dem  geheimnifsvollen  Schofs  der  Erde  ans  Licht 
trat,  forderte  unwillkürlich  die  Andacht  der  Menschen  heraus.  Eine 
ganze  Anzahl  christHcher  Heiligtümer  hat  jetzt  die  Stelle  der  heid- 
nischen eingenommen.!)  Eines  unter  ihnen,  S.  Salvatore  kann 
durch  seine  etwa  aus  dem  vierten  Jahrhundert  stammende  Bauart 
dem  Beschauer  als  Anhalt  dienen  um  sich  die  plinianische  Schilderung 
lebendig  zu  machen.  Diese  atmet  das  idyUische  Behagen,  welches 
die  grüne  frische  Landschaft  im  sonnenverbrannten  Süden  von 
selbst  hervorruft.  In  der  Neuzeit  hat  Poussin  zu  ihren  Verehrern 
gezählt.  —  Das  Thal  des  Clitumnus  wird  durch  das  an  seinem 
Ende  befindliche,  von  Trebi  12,  von  der  letzterwähnten  Station 
8  Millien  entfernte  Spoletium  Spoleto  beherrscht. 2)  Diese  Stadt 
nimmt  einen  nach  allen  Seiten  steil  abfallenden  nur  im  Westen 
zugänglichen  Hügel  ein,  dessen  Spitze  die  Arx  trägt.  Die  Verkehrs- 
lage ist  nicht  ungünstig:  abgesehen  von  der  Strafse  über  M.  Somma 
welche  das  Becken  des  Nar  mit  dem  Clitumnusthal  verbindet,  zweigt 
ostwärts  am  Fufs  des  M.  Maggiore  (1428  m)  entlang  eine  Strafse 
nach  Nursia^)  und  dem  Truentus  ab,  mit  einem  Nebenaste  nach 
dem  Chienti,  so  dafs  von  hier  ein  doppelter  Ausgang  nach  der  Adria 
gegeben  war.  Vor  allem  jedoch  ist  es  die  Festigkeit  gewesen, 
welche  dem  Ort  einen  geschichtlichen  Namen  gemacht  hat.  Die 
Römer  siedelten  in  ihm  241  v.  Chr.  eine  latinische  Colonie  an  4), 
die  im  hannibahschen  Kriege  standhaft  aushielt  und  217  einen  feind- 
lichen Angriff  abwehrte.^)  Mit  dem  Bürgerrecht  90  v.  Chr.  begabt 
und  in  die  Tribus  Horatia  aufgenommen ,  hatte  die  Stadt  von  den 
Kämpfen  der  Sullaner  und  Marianer  zu  leiden,  wurde  von  Sulla 
öffentlich  versteigert.  6)  Abermals  diente  sie  im  perusinischen  Krieg 
den  Parteigängern  des  Antonius  als  Stützpunct.^)     Sie  genofs  eines 


1)  CIL.  XI  p.  723  fg. 

2)  Strab.  V  227  Plin.  III  114  XI  190  Ptol.  III  1,47  It.  Anton.  125  Hieros.  613 
Tab.  Peut.  Guido  53.  Der  Name  Spoletium  Spoletinus  in  guter  Zeit,  später 
Spoletum  Spoletanus  Priscian  II  56,  im  6.  Jahrhundert  auch  Spolüium  CIL. 
XI  p.  701.    A.  Sansi,  Storia  di  Spoleto,  Foiigno  1869. 

3)  Suet.  Vesp.  1  erwähnt  dieselbe. 

4)  Liv.  XX  Vell.  I  14,7  Cic.  pro  Balbo  48  colonia  Latina  in  primis  firma 
tt  inlustris. 

5)  Liv.  XXII  9  XXIV  10  XXVII  10  XLIII  18.  19  XLV  43., 

6)  Appian  b.  civ.  I  90  Flor.  II  9,27. 

7)  Appian  b.  civ.  V  33. 

26* 


404  Kapitel  VI.    Umbrien. 

solchen  Ansehens  dafs  die  seit  dem  Ausgang  des  Altertums  übliche 
Benennung  der  umbrischen  Ebene  nach  Spoleto  wenigstens  für 
das  Clitumnusthal  bereits  in  classischer  Zeit  vorkommt,  i)  Ihr  gold- 
gelber Wein  zählt  zu  den  bekannten  Marken. 2)  Im  3.  und  4. 
Jahrhundert  wird  sie  mehrfach  vom  Kaiser  besucht. 3)  Immerhin 
beginnt  ihr  eigentlicher  Ruhm  erst  mit  der  Fremdherrschaft:  Theo- 
derich schmückt  sie  durch  Bauten  *) ;  in  den  Gothenkriegen  bald 
in  dieser  bald  in  jener  Hand,  werden  ihre  Mauern  von  Totilas  ge- 
schleift, aber  552  von  Narses  wieder  horgestellt.s)  Seit  570  wird 
Spoleto  Sitz  eines  langobardischen  Herzogtums,  das  zeitweise  seine 
Macht  über  ganz  Italien  erstreckt  hat.6)  Aus  dieser  Epoche  stammt 
das  grofsartigste  Denkmal  der  Stadt,  der  Ponte  delle  Torri  ein 
Ziegelbau  von  206  m  Länge  und  81  m  Höhe,  welcher  die  Schlucht 
an  der  südöstlichen  Seite  des  Stadthügels  überspannt,  Wasser  vom 
M.  Luco  hineinführt  und  zugleich  als  Brücke  dient.  Von  der 
ältesten  Burgmauer  im  Polygonalstil  sind  noch  Ueberreste  sichtbar, 
desgleichen  von  der  Stadtmauer  ein  Thor  im  römischen  Stil.  Ver- 
schiedene Kirchen  verraten  ihren  Ursprung  aus  ehemaligen  Tempeln. 
Die  Stadt  hatte  sich  über  ihre  Befestigungen  hinaus  erweitert,  be- 
safs  unter  anderem  aufserhalb  derselben  ein  von  Prokop  erwähntes 
Amphitheater  (119  X  90  m).^} 

Das  Thal  von  Spoleto  wird  im  Süden  durch  einen  Bergzug 
abgeschlossen,  der  das  umbrische  Hügelland  mit  dem  Hochland  in 
Verbindung  setzt.  Er  steigt  im  M.  Fionchi  1335  m  an,  die  Pafs- 
höhe  des  M.  Somma  mifst  728  m.  Er  ist  mit  niedrigem  Gestrüpp 
von  Steineichen  bedeckt,  doch  wird  bis  zur  Pafshöhe  stellenweise 
Korn  angetroffen.  Von  Spoleto  bis  Interamna  werden  18  oder  20 
MiUien  gerechnet:  der  Name  einer  Poststation  Fanum  Fugitivi 
deutet  an  dafs  auf  dem  M.  Somma  ein  Asyl  für  flüchtige  Sklaven  war. 8) 


1)  Appian  b.  civ.  I  90  Cassiod.  Var.  II  21,  vgl.  Cic.  Brut.  271  Suet.  p.  115 
Reiffersch,  Feldmesser  225  Lachm. 

2)  Athenaeos  I  27  b  Martial  VI  89,3  XIII  120  XIV  116. 

3)  Aur.  V.  ep.  45  Cod.  Theod.  XVI  5,2  Xllf  3,5  Ammian  XIV  6,24. 

4)  Cassiod.  Var.  II  37  IV  24. 

5)  Prokop.  b.  Goth.  1  16.  17  II  8.  11  III  6.  12.  23  IV  33. 

6)  Geogr.  Rav.  IV  29  Paul.  h.  Lang.  II  16  u.  o.  Guido  66. 

7)  Prokop.  b.  Goth.  III  23. 

8)  It.  Anton.  125.  Hieros,  613.  Der  Zusatz  der  Tab.  Peut.  Adtine  Betine 
[hschr,  recine]  mag  einer  Aufschrift  an  der  Grenze  des  Tempelbezirks  ent- 
stammen vgl.  Guido  53. 


§  2.    Das  westliche  Umbrien.  405 

—  Der  Lauf  des  Nar  Nera  der  in  dem  südlichsten  Theil  Umbriens 
so  bedeutend  hervortritt,  ist  I  312  beschrieben  worden.  Nach  ihm 
werden  von  den  Iguvinern  die  feindlichen  Stammesgenossen  be- 
nannt (S.  389),  erhalten  auch  in  römischer  Zeit  die  südlichen  Städte 
Beinamen.  Zunächst  dehnt  sich  am  Fufs  des  M.  Somma  ein  bis 
5  km  breites  10  km  langes  Thal  aus:  ein  ehemaliges  Seebecken 
dessen  Wiesen  viermal  im  Jahr  geschnitten  wurden,  i)  In  den  Be- 
sitz theilten  sich  Interamna  und  Narnia.  Durch  den  Beinamen 
wird  Interamna  Nahars  Terni  von  anderen  gleichnamigen  Städten 
unterschieden. 2)  Es  hegt  (130  m)  am  rechten  Ufer  des  Nar  und 
war  ehemals  von  einem  Nebenarm  umflossen:  daher  rührt  seine 
Benennung.  Laut  einer  Inschrift  beanspruchte  es  672  v.  Chr.  ge- 
gründet zu  sein. 3)  Von  seinen  früheren  Schicksalen  hören  wir 
nichts  bis  auf  Sulla,  von  welchem  das  90  v.  Chr.  nach  Verleihung 
des  Bürgerrechts  der  Tribus  Clustumina  zugewiesene  Municipium 
(wenn  anders  nicht  das  praetuttische  Interamna  gemeint  ist  S.  31) 
eingezogen  und  versteigert  wurde. 4)  Als  Knotenpunct  der  nach 
Spoletium  und  Narnia,  ferner  nach  Carsulae  an  der  Flaminia  und 
Beate  an  der  Salaria  laufenden  Strafsen,  hat  es  in  der  Folge  eine 
Blüte  entfaltet,  welche  sowol  durch  Schriftsteller 5)  als  Denkmäler 
bezeugt  wird.  Unter  den  letzteren  verdient  ein  Amphitheater  Er- 
wähnung. Ferner  haben  die  Wasserfragen,  der  Streit  der  Reatiner 
und  Interamnaten  über  die  Ableitung  des  Vehnus  (I  313.  321)  die 
allgemeine  Aufmerksamkeit  auf  sich  gelenkt. 6)  EndUch  hat  Interamna 
als  Geburtstadt  des  Kaisers,  angeblich  auch  des  Geschichtschreibers, 
Tacitus  Ruf  erlangt.'^)  —  Das  Alter  welches  Interamna  sich  beilegt, 
ist  mit  demjenigen  Ameria's  (S.  399)  verglichen  recht  bescheiden. 
Die  Lage  spricht  auch  dafür  dafs  es  verhältnifsmäfsig  spät  erbaut, 
wenigstens   spät   Hauptstadt   der  ganzen   Landschaft  geworden   sei. 


1)  Plin.  XVIII  263  Tac.  Ann.  I  79. 

2)  Plin.  III  113  Varro  LL.  V  28  Fest.  17  M.  It.  Anton.  125Hieros.  613  Tab. 
Peut.  Guido  53  CIL.  XI  p.  611. 

3)  CIL.  XI  4170. 

4)  Flor.  II  9,27  Feldmesser  226  Lachm. 

5)  Cic.  ad.  Att.  II  1,5  de  domo  80  pro  Mil.  46  (dazu  Asconius)  Phil.  II  105 
Tac.  Bist.  II  64  III  61.  63  Quintil.  IV  2,88  Vita  Severi  6  Aur.  V.  Caes.  ep.  45 
Eutrop  IX  5  Hieron.  a.  Abr.  2270  An.  Vales.  6. 

6)  Gius.  Riccardi,  suUa  caduta  delle  marmore,  5.  ediz.  Roma  1825. 

7)  Vita  Tac.  15  vgl.  10,3. 


406  Kapitel  VI.    Umbrien. 

Wit  grofser  Wahrscheinlichkeit  werden  wir  an  und  auf  den  Höhen 
die  das  Becken  des  Nar  umgehen,  andre  Gemeinden  suchen.  Der 
Rest  einer  allen  Mauer  im  Polygonalslil  bei  Cesi  (437  m)  5  Milhen 
nordwestlich  von  Terni  beweist  dafs  hier  eine  solche  ihren  Sitz 
hatte;  über  den  Namen  lassen  sich  aber  nur  Vermutungen  vor- 
bringen. —  Von  Interamna  sind  8  MilHen  bis  Narnia  Narni.  i) 
Der  Stadlhügel  dessen  Spitze  (332  m)  die  Arx  einnahm,  schhefst 
vorspringend  das  Thalbecken  ab,  an  seinem  Fufs  tritt  der  Kar  in 
eine  Enge  ein.  Den  von  Nord  und  Ost  her  Kommenden  gewährt 
die  Festung  einen  mächtigen  Anblick  und  sperrt  den  Weg  nach 
Rom.  In  umbrischer  Zeit  Nequhmm  geheifsen ,  wurde  sie  nach 
langer  vergeblicher  Belagerung  299  v.  Chr.  von  den  Römern  durch 
Verrat  eingenommen,  einer  iatinischen  Colonie  überwiesen  und  nach 
dem  Flufs  benannt.^)  Im  hannibalischen  Kriege  schmolzen  die 
Reihen  der  Ansiedler  so  zusammen  dafs  sie  199  Verstärkung  er- 
baten und  erhielten. 3)  Bürgerrecht  ward  ihnen  90  v.  Chr.  in  der 
Tribus  Papiria  verliehen.  Bei  der  Herstellung  der  Via  Flaminia 
durch  Augustus  wurde  der  Stadt  die  schönste  Brücke  zu  Theil  die 
Italien  aufzuweisen  hat.  Sie  ist  128,26  m  lang,  hat  4  Bögen  mit 
16 — 32  m  Spannung  und  liegt  30,02  m  über  dem  mittleren  Wasser- 
spiegel. Diese  aufserordentliche  Höhe  dient  dazu  um  die  Steigung 
zwischen  dem  M.  Maggiore  auf  dem  die  Stadt  liegt,  und  dem  M. 
Santa  Croce  an  dessen  Abhang  die  Flaminia  nach  Carsulae  läuft, 
zu  überwinden  oder  richtiger  zu  erleichtern.  Die  Brücke  stürzte 
im  8.  Jahrhundert  und  endgiltig  1054  in  Folge  des  Hochwassers 
ein:  seitdem  stehen  nur  die  Pfeiler  und  ein  Bogen  am  linken  Ufer. 
Die  Umgebung  wird  zutreffend  von  Claudian  besungen: 
celsa  dehinc  patulum  prospectans  Narnia  campum 
regali  calcatur  equo,  rarique  coloris 
non  procul  amnis  abest  urbi  qui  nominis  auctor, 
ilice  sub  densa  silvis  arctatus  opacis, 
inter  utrumque  iugum  tortis  anfractibus  albet. 
Prokop  der  den   Platz   für   einen   der  stärksten  Tusciens  er- 


1)  It.  Anton.  125  Hieros.  613.     Tab.  Peut.  wo  der  Name   ausgefallen  ist. 

2)  Liv.  X9.  10  Fast.  Capit.  Plin.  III  113  Dion.  Hai.  XVII  fr.  Fest.  176  M. 

3)  Liv.  XXVII  9.  43.  50  XXIX  15  XXXII  2  Flut.  Flam.  1,4. 

4)  Claud.  VI  cons.  Hon.  515  Sil.  It.  VIII  458  Martial  VII  93. 


§  2.     Das  westliche  ümbrien.  407 

klärt,  beschreibt  ihn  wie  folgt  i):  „er  liegt  auf  einem  hohen  Berge. 
Der  Flufs  Nar  von  dem  auch  die  Stadt  ihren  Namen  bekam,  fliefst 
am  Fufs  dieses  Berges.  Zwei  Aufgänge  führen  hinein,  der  eine  im 
Osten,  der  andre  im  Westen.  Davon  hat  jener  wegen  seiner  Enge 
und  der  Abschüssigkeit  des  Felsens  grofse  Schwierigkeit;  diesen 
kann  man  nur  von  der  Brücke  aus  betreten  die  hier  den  Flufs 
überschreitet.  Die  Brücke  hat  Kaiser  Augustus  in  allen  Zeiten  er- 
baut, ein  sehr  bemerkensw-ertes  Schaustück;  denn  von  allen  Ge- 
wölben die  ich  gesehen  habe,  ist  dies  das  höchste".  Wenn  Strabo 
den  Nar  durch  die  Stadt  fliefsen  läfst,  so  redet  er  nicht  als  Augen- 
zeuge.2)  Freilich  wird  um  die  Brücke  herum  eine  Vorstadt  ent- 
standen sein,  da  hier  die  Strafsen  von  Ameria  und  Interamna  mit 
der  Flaminia  zusammen  trafen,  aufserdem  aber  ein  Verkehr  zu 
Schiff  mit  Rom  unterhalten  wurde. 3J  Immerhin  fehlten  die  Vor- 
bedingungen für  den  Aufschwung  einer  Handelsstadt;  in  der  Ueber- 
lieferung  wird  Narnia  fast  nur  um  seiner  Festigkeit  willen  erwähnt.*) 
—  Von  hier  rechnen  die  Itinerarien  12  Millien  bis  Ocriculum.^) 
Das  heutige  Otricoli  —  die  Namensform  begegnet  schon  in  der 
Kaiserzeit  6)  —  liegt  1  Milbe  nördlich  von  dem  alten  auf  der  Höhe; 
jenes  lag  in  der  Ebene  am  Tiber.')  Die  alte  verfallene  Kirche  S. 
Vittore  bezeichnet  die  Stätte  die  zahlreiche  Trümmer  bewahrt.  Ein 
Amphitheater  bekundet  das  Ansehen  der  Stadt,  vielleicht  noch  mehr 
die  Ausbeute  der  im  18.  Jahrhundert  unternommenen  Ausgrabungen 
die  den  Vatikan  mit  einigen  seiner  schönsten  Schätze  bereichert 
haben.  Die  Gemeinde  trat  307  v.  Chr.  in  das  römische  Bündnifs 
ein,  wurde  im  Bundesgenossenkrieg  schwer  heimgesucht,  bei  der 
Ertheilung  des  Bürgerrechts  in  die  Tribus  Arnensis  aufgenommen.^) 


1)  Prokop  b.  Goth.  I  16.  17  II  U  IV  33.  Er  übersieht,  dats  die  Strafse  von 
Interamna  in  den  westlichen  Aufgang  einmündete,  ohne  die  Brücke  zu  über- 
schreiten.    Giov.  Eroli,  Miscellanea  storica  Narnese,  Narni  1858.  62. 

2)  Strab.  V  227  Ptol.  111  1,47. 

3)  Tac.  Ann.  III  9  Strab.  V  227. 

4)  Tac.  Hist.  III  58.  60.  63.  78  Zosim.  V  41  Paul.  h.  Lang.  VI  48.  —  Cic. 
bei  Piin.  XXXI  51  Plin.  Ep.  I  4  Aur.  V.  ep.  24.  45  TertuUian  Apol.  24.  CIL. 
XI  p.  601. 

5)  It.  Gadit.  Anton.  125.  311  Hieros.  613. 

6)  It.  Anton.  Ulriculi  Hieros.  Ucriculo  Guido  53  Ocricula  Hydat.  a.  413 
(Ghron.  min.  II  18)  Utrieulo. 

7)  Strab.  V  227  Plin.  III  53.  114  Ptol.  III  1,47. 

8)  Liv.  IX  41  XXII  11  Dion.  Hai.  XVIII  fr.  Flor.  U  6  CIL.  XI  p.  595. 


408  Kapitel  VI.    Umbrien. 

Späterhin  geschieht  ihrer  wegen  der  Nähe  Roms  und  der  Via 
Flaniinia  gelegenthch  Erwähnung,  i)  Von  der  TiherbrUcke  welche 
die  Strafse  vom  umbrischen  auf  das  etruskische  Gebiet  hinüber- 
führte, waren  die  Pfeiler  noch  in  der  Neuzeit  sichtbar.  Ihre  Er- 
bauung würde  um  64  v.  Chr.  fallen,  wenn  die  nahe  liegende  Ver- 
mutung dafs  dies  der  pons  Minucius  sei,  zutreffen  sollte. 2) 


1)  Cic.  pro  Mil.  64  Tac.  Bist.  III  78   Ammian  XVI  10,4  XXVIII  1,22  Plin. 
Ep.  I  4  VI  25  Tertull.  Ap.  24. 

2)  Mon.  Anc.  c.  20  Cic.  ad  Att.  I  1,2. 


KAPITEL  VII. 


Picenum. 

Der  Aesis,  der  alte  Grenzflufs  Italiens  trennt  die  fünfte  von 
der  sechsten  Region  (S.  374).  Jedoch  gilt  dies  nur  von  der  unteren 
Hälfte;  die  oberen  Thäler  des  Esino  Potenza  Chienti  werden  von 
den  Camertern  bewohnt  und  gehören  zu  Umbrien  (S.  387).  Weiter 
südlich  bildet  der  Ilauptkamm  des  Appennin  von  der  Sibilla  bis 
zum  M.  Vettere  die  Scheidewand  zwischen  Picenum  und  der  Sabina. 
Welcher  von  diesen  beiden  Regionen  das  obere  Thal  des  Tronto 
zuzuweisen  sei,  bleibt  unentschieden;  das  obere  Thal  des  Vomano 
aber  gehört  sicher  zur  Sabina.  Endlich  im  Süden  wird  ungenau 
der  Aternus  der  gröfste  und  bekannteste  Flufs  der  italischen  Ost- 
kiiste  als  Grenze  der  Picenter  bezeichnet:  richtiger  setzt  Ptolemaeos 
den  unscheinbaren  Matrinus  Piomba  dafür  ein.  Das  umschriebene 
Gebiet,  die  heutigen  Kreise  Ancona,  Macerata,  Ascoli  Piceno,  Fermo, 
Teramo  umfassend,  begreift  einen  Flächenraum  von  rund  120  d.  DM. 
6500  Dkm,  vielleicht  einige  hundert  Quadratkilometer  mehr.  Unter 
den  von  Augustus  eingerichteten  Regionen  ist  dies  weitaus  die 
kleinste,  da  sie  nur  zwei  Drittel  der  nächstfolgenden  (Umbrien)  und 
ungefähr  ein  Achtel  der  gröfslen  (Venetien)  ausmacht.  Durch  den 
Subappennin  die  Ausläufer  der  Centralkette  gebildet,  erscheint  sie 
durchaus  als  ein  Hügelland  von  3 — 400  m  mittlerer  Erhebung, 
worin  die  unter  150  m  eingeschnittenen  Thalsohlen  kaum  ein  Zehntel 
des  Gesamtareals  einnehmen.  ,,Die  Picenter  —  schreibt  Strabo  — 
bewohnen  von  den  Bergen  bis  zum  Meeresstrand  ein  Land  dessen 
Breite  zur  Länge  aufser  Verhältnifs  steht,  das  in  jeder  Hinsicht 
fruchtbar  doch  zur  Baumzucht  geeigneter  ist  als  zum  Kornbau." 
Heutigen  Tages  wird  im  Durchschnitt  das  7.  Korn  geerntet,  die 
wichtigen    Erträge   liefern   Seide  Wein    und    Oel.     Von   den   Alten 


410  Kapitel  VII.     Picenum. 

wird  picenisches  Oel  1)  Wein  2)  Obsl^)  gerühmt;  auf  einen  ansehn- 
lichen Waldbestand  deutet  die  Erwähnung  der  Schweinemast  hin.*) 
Aus  Dinkel  wird  das  Nalionalgebäck  bereitet,  nicht  aus  Weizen  &): 
ein  Zeugnifs  für  die  altertümlichen  Lebensformen  die  diese  Land- 
schaft kennzeichnen.  —  Der  Mangel  an  Häfen  (I  93)  erschwerte 
den  Verkehr  mit  den  Seevölkern,  der  Bau  des  Landes  das  in  ein 
Dutzeni  durch  Ilügelrücken  getrennte  Flufsthäler  zerfällt,  erschwerte 
den  Verkehr  der  Stammesgenossen  unter  einander;  beides  bewirkte 
dafs  die  staatliche  Einheit  in  gleicher  Weise  wie  das  Aufkommen 
von  Stadien  im  Rückstand  blieb.  Um  so  länger  erhielt  sich  die 
Wehrkraft  dieser  Gaue,  Sie  sind  den  älteren  Hellenen  unbekannt 
(I  511).  Mit  den  Römern  haben  sie  zwei  grofse  Kriege  geführt. 
Der  erste  269.  68  v.  Chr.  endigte  mit  dem  Verlust  des  halben  Ge- 
biets und  der  Verpflanzung  von  desäen  Einwohnern  an  den  Golf 
von  Salerno.  Der  zweite  91 — 89  fällt  mit  der  Erhebung  der  Bundes- 
genossen zusammen,  die  von  hier  ihren  Ausgang  nahm.  Als  die 
römischen  Waffen  in  Picenum  die  Oberhand  behielten,  war  auch 
das  Schicksal  der  ganzen  Erhebung  besiegelt.  Die  Landschaft  trat 
in  die  Clientel  ihres  Ueberwinders  Pompeius  Strabo  ein ;  dessen 
Sohn  Pompeius  Magnus  schuf  sich  in  ihr  eine  Hausmacht,  mit  der 
er  der  sullanischen  Reaction  83  zum  Siege  verhalf  und  49  den 
gallischen  Legionen  Caesars  widerstehen  zu  können  hofTte.^)  — 
Unter  Augustus  umschlofs  die  Region  23  Gemeinden  mit  Selbst- 
verwaltung, darunter  als  Stützen  der  kaiserlichen  PoUtik  die  vier 
Culonien  Ancona  Firmum  Asculum  und  Hadria.  Der  Ursprung  der 
Städte  weist  durchweg  in  junge  Zeit:  es  ist  wenig  von  ihnen  zu 
sagen.  Hauptstadt  ist  Asculum  an  dem  gröfsten  Flufs  den  die  Land- 
schaft besitzt,  am  Truentus  Tronto  gelegen.  Durch  sein  Thal  läuft 
die  via  Salaria  die  Rom  mit  der  Adria  verbindet.  Der  kunstmäfsige 
Ausbau  dieser  Strafse  wird  erst  für  die  Zeit  des  Augustus  bezeugt, 
ihr  höheres  Alter  jedoch  das  vor  die  römische  Herrschaft  zurück- 
reicht, durch  den  Namen  erwiesen.     So  lange   die  Bundesgenossen 


1)  Plin.  XV  16  Martial  I  43,8  V  78,20  XIII  36  Auson.  Epist.  3,1. 

2)  Plin.  XIV  37.  39.  67  vgl.  Liv.  XXII  9. 

3)  Horaz  Sat.  II  3,272  4,70  Jnvenal  11,74. 

4)  Martial  XIII  35. 

5)  Plin.  XVill  106  Mart.  XIII  47. 

6)  Dio  fr.  107  Plut.  Pomp.  6  Caes.  b.  civ.  I  12.  15  Cic.  Ätt.  VII  13.1  21,2 
26,1  VIII  8,1  12C,2  IX2a,2. 


§.  1.     Die  Picenter.  411 

ihre  Selbständigkeit  bewahrten,  haben  die  Römer  den  Verkehr  mit 
der  Colonie  Iladria  auf  dem  Wege  durch  das  Thal  des  Vomanus 
unterhalten:  der  Weg  wurde  117  v.  Chr.  als  via  Caecilia  hergestellt. 
Weit  jünger  ist  die  Slaatstrafse  welche  die  Via  Flaminia  von  Nuceria 
aus  (S.  393)  mit  Ancona  in  Verbindung  setzte.  Auch  einige  binnen- 
ländische Nebenslrafsen  die  in  den  Reisebüchern  Aufnahme  gefunden 
haben,  gehören  vermutlich  der  Kaiserzeit  an.  Dagegen  wird  die 
Küsteustrafse  die  schliefslich  vom  iapygischen  Vorgebirge  bis  Aquileia 
den  ganzen  Ostrand  Italiens  entlang  reichte,  Hand  in  Hand  mit  der 
Festsetzung  der  Römer  also  in  der  ersten  Hälfte  des  dritten  Jahr- 
hunderts V.  Chr.  angelegt  worden  sein.  Wie  die  heutige  Eisenbahn 
zeigt,  führt  an  dem  flachen  Strand  der  die  subappenninischen  Hügel 
umsäumt,  die  bequemste  uud  natürliche  Verbindung  zwischen  den 
getrennten  Thalschaften  hin;  die  Römer  aber  sind  ihrem  bewährten 
System  von  der  Küste  aus  das  Binnenland  zu  bewältigen  in  Picenum 
treu  geblieben.  An  öffentlichen  Strafsen  fehlt  es  also  nicht:  allein 
auf  keiner  derselben  bewegt  sich  seit  dem  Erwerb  der  Weltherrschaft 
ein  grofser  Durchgangsverkehr;  das  Leben  das  in  mächtigen  Adern 
von  und  nach  Rom  strömt,  berührt  diese  Theile  nicht.  Daraus  er- 
klärt sich  das  Schweigen  der  Ueberlieferung,  der  inschriftlichen  wie 
der  htterarischen.  Der  Hochappennin  stellt  den  Hintergrund  des 
lang  gestreckten  Küstenlandes  dar.  Da  seine  Erhebung  nach  Süden 
andauernd  wächst,  auch  die  Richtungsaxe  sich  ändert,  bekundet 
der  südliche  Theil  ein  rauheres  Aussehen  als  der  nördliche.  Der 
physische  Gegensatz  wiederholt  sich  im  geschichtlichen  Leben,  in- 
sofern die  Region  zwei  verschiedene  Stämme,  einen  gröfseren  in 
der  Nord-  einen  kleineren  in  der  Südhälfte  umfafst.  Wir  behandeln 
beide  gesondert.^) 

§  1.   Die  Picenter. 

Strabo  lälst  die  picentische  Küste  vom  Aesis  bis  Castrum  novum 
sich  erstrecken  und  beziffert  ihre  Ausdehnung  auf  800  Stadien,  was 
die  römische  Meile  zu  10  Stadien  gerechnet  (S.  66)  der  Wirklichkeit 
entspricht.     Dabei   bleibt   aber   unentschieden,   ob   das  Gebiet    von 

1)  Quellen:  Strab.  V  240  fg.  Plin.  III  llOfg.  Ptol.  UI  1,18.  45.  51  CIL.  IX 
p.  479  fg.  (Mommsen)  Eph.  ep.  VIII  p.  51  fg.  (Ihm.)-  Gius.  Golucci,  delle  Anti- 
chilä  Piceae,  22  tom.  fol.  Fermo  1786 fg.  Von  der  italienischen  Generalstabs- 
karte kommen  in  Betracht  Bl.  118.  123—25,  132—34.  140,  sind  aber  nur  zum 
Theil  erschienen. 


412  Kapitel  VII.     Picenum. 

Castrum  noviim  in  Picenum  eingeschlossen  war  oder  ausgeschlossen. 
Wenn  nun  Plinius  als  Grenzflufs  den  Helvinus  nennt,  so  kann  man 
diesen  Namen  entweder  aul  den  Tordino  im  Süden  oder  auf  den 
Salinello  im  Norden  dieser  Stadt  beziehen,  wobei  freilich  eine  arge 
Verwirrung  in  der  Aufzählung  des  Schriftstellers  angenommen 
werden  mufs. ')  Ganz  abgesehen  vom  Zeugnifs  der  Reisekarte  em- 
püehlt  es  sich  aus  allgemeinen  Erwägungen  den  Salinello  für  den 
Helvinus  zu  erklären,  also  Castrum  novum  vom  eigentlichen  Picenum 
zu  trennen.  Damit  umfafst  das  Land  der  Picenter  einen  Flächen- 
raum von  90—100  d.  CM.  rund  5000  Dkm.  Indessen  bindet  sich 
der  gemeine  Sprachgebrauch  weder  an  die  Ansätze  der  Geographen 
noch  an  die  administrativen  Eintheilungen  des  Augustus.  Die  Land- 
schaft Nord  und  Süd  von  Ancona  ist  übereinstimmend  aufgebaut  (1234). 
Seit  der  grofsen  Colonisation  im  3.  Jahrhundert  wohnen  hier  wie 
dort  römische  Bürger.  Mit  der  Eroberung  des  Polands  pafst  der 
Name  ager  GaUicus  nicht  mehr  für  die  Mark  an  der  Adria  und  wird 
durch  ager  Picenus  ersetzt.  Es  befremdet  deshalb  nicht  wenn  die 
Stadt  Aesis  inschriflhch  jjicenisch  heifst  (S.  387),  da  bereits  Polybios 
Sallust  Livius  das  Wort  in  weiterem  Sinne  verwenden  (S.  377  A.  3). 
Am  Ausgang  des  Altertums  reicht  es  bis  Ravenna.^)  Aehnhche  Er- 
oberungen hat  es  im  Süden  nicht  gemacht:  in  der  Uebersicht  aus 
der  Langobardenzeit  beschränkt  sich  Picenum  als  12.  Provinz  auf 
den  Umfang  der  augustischen  Region  und  ist  nur  bis  an  den  Aternus 
vorgerückt,  mithin  nur  um  das  Gebiet  von  Pinna  vergrülsert.3) 
Am  Merkwürdigsten  jedoch  ist  die  Wanderung  des  Namens  nach 
Westen.     Im  vierten  Jahrhundert  n.  Chr.  ist  die  gallische  Mark  und 


1)  Die  ül)eriieferten  antiken  Namen  auf  die  Flüsse  Picenums  zu  übertragen 
macht  grofse  Schwierigkeit.  Hält  man  mit  Mommsen  CiL  IX  p.  479  die  Reihen- 
folge bei  Plinius  für  richtig,  so  ergeben  sich  wunderliche  Folgerungen.  Dann 
wäre  der  He.lvmus  die  Acquarossa  Süd  von  Cupra  Maritima  ein  6  km  langes 
Rinnsal,  während  viel  ansehnlichere  Wasseriäufe  unbenannt  blieben;  ferner 
würde  die  Grenze  Picenums  nördlich  von  Asculum  gerückt,  was  unglaublich 
erscheint  (Feldm.  18);  endlich  würde  eine  wenig  wahrscheinliche  Abweichung 
zwischen  Strabo  und  Plinius  anzunehmen  sein.  Der  Name  Helvinus  kommt 
nur  in  der  Leidener  Handschrift,  nicht  in  der  plinianischen  Vulgata  III  HO, 
aufserdem  als  (l.  Herninuvi  auf  der  Peutingerschen  Karle  vor.  Letztere  setzt 
ihn  zwischen  Castrum  Truentinum  und   Castrum  novum, 

2)  Prokop  b.  Golh.  I  15  Marcellin  chron.  min.  II  105,35  107,27.  Vorüber- 
gehend ist  Ravenna  die  Hauptstadt  von  Picenum  gewesen  (S.  255). 

3)  Paul.  h.  Lang.  II  19. 


§  1.     Die  Picenter.  413 

die  ganze  4.  Region,  ausgenommen  Samnium,  zu  einem  einzigen 
Verwaltungsliezirk  vereinigt,  der  amtlich  durch  Flaminia  et  Picenum, 
in  gewöhnhcher  Rede  durch  Picenum  bezeichnet  wird,  Amiternum 
Alba  Tibur  einschliefst,  also  bis  in  die  Nähe  Roms  vorspringt. i) 
Gegen  Ende  des  Jahrhunderts  wird  die  4.  Region  als  Valeria  wieder 
abgezweigt,  ohne  dafs  die  späteren  Schriftsteller  sich  darnach  streng 
richten. 2)  Hierin  gelangt  eine  viel  ältere  Anschauung  zum  Aus- 
druck. —  Geographisch  betrachtet  stellt  die  Wasserscheide  die  na- 
türliche Grenze  zwischen  Sabinern  und  Picentern  dar  (I  513).  Nichts- 
destoweniger verlegt  der  Geograph  Plinius  den  lacus  Velinus  nach 
Picenum  3)  und  erhält  die  241  für  diese  Landschaft  gebildete  und 
auch  in  der  Folge  im  Wesentlichen  auf  sie  beschränkte  Tribus  den 
Namen  Velina.  Alle  diese  Thalsachen  führen  zu  dem  Schlufs  dafs 
die  Namen  picentisch  und  sabinisch  ehedem  vielfach  zusammen  ge- 
flossen sind.  Es  ist  sogar  möglich  dafs  ein  Theil  der  4.  Region 
ehedem  der  von  den  Römern  268  v.  Chr.  vernichteten  Eidgenossen- 
schaft der  Picenter  angehört  hat.  Damit  kann  auch  das  Zeugnifs 
über  die  ehemalige  Volkszahl  der  Picenter  anders  gedeutet  werden 
als  S.  104  geschehen  ist.  Aber  wir  haben  keinen  Grund  von  der 
geographischen  Regrenzung  abzuweichen  die  Plinius  dem  268  unter- 
worfenen Stamm  gegeben  hat.  Mit  Recht  jedoch  werden  wir  jenen 
Sprachgebrauch  heranziehen  um  eine  Erklärung  zu  finden  für  die 
beachtenswerte  Erscheinung  dafs  die  foederirten  Picenter  im  rö- 
mischen Heerbann  nirgends  unter  dem  uns  geläufigen  Namen,  wol 
aber  als  Sabiner  begegnen.  Auch  im  Süden  nehmen  die  Samniten 
diesen  Ehrennamen  ihrer  Stammväter  für  sich  in  Anspruch  (I  528). 
Die  Sage  erzählt  ein  Specht  habe  den  heiligen  Lenz  der  Sabiner 
an  die  Adria  geleitet,  deren  Küste  ehedem  von  Sikelern  d.  h.  si- 
cihschen  Griechen  und  Liburnern  bewohnt  war. 4)  Die  Hellenen 
denen  die  Gründung  von  Ancona  und  Numana  zugeschrieben  wird, 

1)  Mommsen  Feldmesser  II  p.  208  fg. 

2)  Prokop  b.  Goth.  II  7  rechnet  Alba  zu  Picenum. 

3)  Pün.  II  226  supina  neglegentia  meint  Gluver  p.  678;  aber  auch  III  108 
bringt  er  den  Namen  Picenum  mit  der  4.  Region  in  Verbindung. 

4)  Fest.  212  M.  Strab.  V  228.  240  Pün.  III  110  Paul.  h.  Lang.  II  19.  Bei 
Sil.  It.  VIII  443  sind  die  alten  Landesbewohner  Pelasger,  die  ihr  König  Aesis 
Asili  genannt  hat.  Ob  das  eigentümliche  Alphabet  das  7  furchenförmig  ge- 
schriebene Inschriften  aus  dem  Picentischen  Praetuttianischen  Vestinischen 
Frentanischen  aufweisen  (Pauli,  Alt-italische  Forschungen  III  220  fg.)  mit  dieser 
Ansiedlung  zusammenhängt,  ist  nicht  zu  sagen. 


414  Kapilel  VII.     Picenum. 

sind  im  vierten  Jahrhundert  v.  Chr.  eingewandert.  Die  Liburni  sind 
früher  ins  Land  gekommen.  Die  Stammsitze  dieses  Volkes  erstrecken 
sich  in  bekannten  Zeiten  von  der  italischen  Grenze  an  der  Arsia 
über  die  dalmatinische  Küste.  Zahlreiche  Inseln,  darunter  einstens 
Korkyra  waren  von  ihnen  besiedelt;  auch  in  Apulien  begegnet  ihr 
Name.  Das  Auftreten  desselben  in  Picenum  lehrt  uns  ein  Binde- 
glied zwischen  den  Venetern  und  Japygen  kennen  und  verbreitet 
über  die  grofse  Völkerbewegung  Licht,  die  sich  vom  Westen  der 
griechischen  Halbinsel  auf  den  Osten  Italiens  geworfen  hat.  Wann 
die  Liburner  sich  hier  niedergelassen  haben,  ist  nicht  zu  erraten. 
Im  Laufe  der  Zeiten  erstarken  die  zurückgedrängten  Eingeborenen 
und  fordern  das  verlorene  Erbe  ein,  der  heilige  Lenz  der  Sabiner 
erkämpft  sich  den  Zugang  zum  Meer.  Das  Ringen  zwischen  Stadt 
und  Land  Küste  und  Gebirg,  das  im  Süden  uns  durch  eine  wenn 
auch  dürftig  so  doch  ausreichend  fliefsende  Ueberheferung  vertraut 
ist,  wiederholt  sich  in  der  Mitte.  Die  nähere  Kunde  versagt,  aber 
als  Ergebnifs  des  Kampfes  steht  der  Sieg  der  Eingeborenen  deutlich 
vor  Augen.  —  Im  Jahre  299  v.  Chr.  verbündete  sich  das  Volk  der 
Picenter  mit  Rom  gegen  die  Kelten  und  Samniten^);  290  unter- 
warf der  Consul  Manius  Curius  Dentatus  die  Sabiner  am  oberen 
Anio  Vehnus  und  Nar  bis  zur  Adria  vordringend  2);  rings  von 
römischem  Gebiet  umschlossen,  wurden  die  Picenter  268  nach 
tapferem  Widerstände  überwältigt. 3)  Die  vom  Sieger  getroffenen 
Mafsnahmen  sind  uns  nur  in  allgemeinen  Umrissen  bekannt.  Die 
Eidgenossenschaft  wurde  aufgelöst,  die  Hauptstadt  Asculum  unter 
die  römischen  Bundesgenossen  aufgenommen. 4)  Wir  wissen  nicht 
welch  andere  Gemeinden  der  gleichen  Gunst  genossen.  Ausge- 
dehnte Gebietstrecken  wurden  eingezogen:  von  ihrem  Umfang  zeugt 
der  Umstand  dafs  trotz  reichlicher  Ausstattung  der  latinischen  Colonie 
Firmum  die  tribus  Velina  241  zur  Aufnahme  des  gewonnenen  Landes 
eingerichtet  wurde.  Ihr  gehören  in  der  Folgezeit  alle  Gemeinden 
der  5.  Region  aulser  Hadria  Asculum  und  Ancona  an  5),  einzelne 
wie  Firmum  erst  seit  Erlangung  des  Bürgerrechts  90  v.  Chr.     Be- 


1)  Liv.  X  10.  11. 

2)  Flor.  I  10  (15)  Liv.  XI. 

3)  Flor.I  14  (19)  Liv.  XV'Eutrop  II  16  Oros.  IV  4,5. 

4)  Diod.  XXXVII  12  13,2.' 

5)  Im  übrigen  Italien  noch  die  Ligurer  in  Samnium,  Pistoriae  in  Etrurien, 
Aquileia.  Kubitschek  Imp.  Rom.  p.  272. 


§  1.  Die  Picenter.  415 

greiflicher  Weise  hatte  Rom  vorzugsweise  fruchtbare  Ländereien 
sich  angeeignet  >)  und  zwar  besonders  im  Norden  und  an  der  Küste. 
Die  seit  232  angesiedelten  Colonisten  mögen  vielfach  in  picenischer 
Umgebung  versprengt  gewesen  sein :  nirgends  sind  die  römischen 
Unterdrücker  leidenschaftlicher  gehafst  worden. 2)  Im  ager  Ptcenus 
wurde  die  städtische  Selbstverwaltung  nicht  vor  Augustus  durch- 
geführt: noch  49  V.  Chr.  erfolgt  die  Rechlsprechung  durch  Praefecten 
die  der  Praetor  aus  Rom  entsandte. 3)  Die  Abgrenzung  der  Stadt- 
gebiete wird  zugleich  mit  der  Ansiedlung  der  augustischen  Veteranen 
erfolgt  sein. 

Der  adriatischen  Küste  fehlt  es  nicht  an  natürhchen  Reizen: 
sie  stellt  ein  bewegtes  Hügelland  dar,  von  dessen  Kuppen  helle  Ort- 
schaften leuchten,  und  der  Blick  hüben  das  bis  in  den  Sommer 
mit  Schnee  bedeckte  Gebirge,  drüben  das  blaue  Meer  umspannt» 
Aber  auf  die  Dauer  ermüdet  sie  durch  ihre  einförmige  Bildung. 
Auf  einer  500  km  langen  Strecke  von  Ariminum  bis  zum  Garganus 
wird  die  ganzrandige  Küste  nur  einmal  unterbrochen:  durch  das 
einer  älteren  geologischen  Periode  angehörende  promunturmm 
Cunerum  M.  Conero*),  das  vor  der  Hebung  des  Subappennins  als 
Insel  aus  den  Fluten  emporragte,  ähnhch  wie  der  Soracte  und  der 
Berg  der  Kirke  in  der  römischen  Campagna  (I  234).  Im  Süden 
512  m  ansteigend  zieht  sich  sein  Rücken  12  km  hin  und  endigt 
nördüch  in  zwei  94  m  hohen  1^/2  km  von  einander  entfernten  Vor- 
sprüngen dem  M.  Guasco  oder  Giriaco  seewärts,  dem  M.  Astagno  land- 
wärts. Derart  entsteht  eine  nach  Nordwest  geöffnete  Ausbuchtung 
der  Küste  von  3  km  Durchmesser  die  den  Seefahrern  den  Vergleich 
mit  einem  Ellenbogen  (ähnlich  wie  bei  Genua  mit  einem  Knie) 
nahe  legte.  Darnach  benannten  sie  die  nicht  gar  lange  nach 
400  v.  Chr.   gegründete    Stadt  ldy/.ü}v  Ancon  Ancona"),   auf  deren 


1)  Cato  Or.  II  10  Jordan. 

2)  Appian  b.  civ.  I  38  Diod.  XXVII  12.  13  Dio  fr.  98,3. 

3)  Caes.  c.  civ.  I  15.  In  der  stadtrömischen  Inschrift  CIL.  VI  15679  steht 
als  Heimatsangabe  eines  der  Tribus  Velina  angehörigen  Bürgers  nicht  ein 
Stadtname,  sondern  ex  Piceno. 

4)  Plin.  III  111  colonia  Ancona  adposita  promunturio  Cunero  in  ipso  flec- 
tentis  se  orae  cubito  Serv.  V.  Aen.  X  186  Cunarus  mons. 

5)  Skylax  16  Strab.  V  241  Ptol.  III  1,18  Steph.  Byz. ;  die  griechische  Form 
bei  Dichtern  und  vereinzelt  in  Prosa  (Cic.  Att.  VII  11,1  frg.  p.  42,4  Baiter-Kayser 
Plin.  XIV  67  Priscian  II  57)  verschwindet  mit  der  Latinisirung  der  Stadt; 
CIL.  IX  p.  572. 


416  Kapitel  VII.     Picenum. 

Münzen  als  Wappen  ein  Ellenbogen  erscheint,  i)     Im  vierten  Jahr- 
hundert machen   die  Hellenen    bedeutende  Anstrengungen    sich    an 
der    Adria    festzusetzen    (I  92.  175).     Bei    der   weiten   Entfernung 
zwischen   den   Pomündungen    und    den    apulischen    Häfen  war   der 
Schutz   den    die    Rhede   von   Ancona  bot,    für  die  Küstenschiffahrt 
des    Altertums   von   ungleich    höherem    Belang    als  heutigen  Tages 
der    Fall    ist.      Zwar    um    volle    Sicherheit    zu     gewähren    bedarf 
die    Natur    künstlicher    Nachhülfe;    aber    solche   war    nur    gegen 
Norden  erforderhch,  da  Ostwinde  nicht  belästigen  konnten. 2)     Hinzu 
kam   das   VerhäUnifs   zum    Hinterlande.     An    der   Grenze   zwischen 
dem  Norden  und  der  Mitte  der  Halbinsel  gelegen  (I  234)    ist  diese 
Stadt  zu   einem  Brennpunct  des  Verkehrs   bestimmt. 3)     Aufserdem 
zeichnete    sich    die    nähere    Umgebung    durch    Fruchtbarkeit    aus. 
Weizen  und  W^ein  gediehen  vorzüglich. 4)     Syrakusier  die  dem  Joch 
des  älteren  Dionys   entflohen,   haben   das  Vorgebirge  —  im  Lande 
der  ümbrer  wie  die  alte  Küstenbeschreibung  sagt  —  in  Besitz  ge- 
nommen, s)     Aphrodite  hiefs  ihre  Stadtgöttin:    deren  Bild  trägt  die 
Vorderseite  der  Münzen  die  sie  nach  Landes  Art  in  Kupfer  schlugen. 
Der  Tempel  ragte  weithin  sichtbar   auf  dem  Gipfel  des  M.  Guasco, 
die  Kathedrale  S.  Ciriaco  hat  ihn  verdrängt,  von  seiner  Pracht  zeugen 
die  in  der  Kirche  erhaltenen  herrlichen  Säulen. 6)     Von  den  Hellenen 
schreibt  sich  der  Buhm  her  den  die  hiesigen  Färbereien  behaupten.'') 
Im  Uebrigen  ist  die  Ueberlieferung  aus  der  älteren  Zeit  verstummt. 
Man  kann  lediglich  vermuten  dafs  Ancona  der  üblichen  Politik  der 
Seestädte  folgend  sich  an  Bom  angelehnt  habe.     Aber  nachdem  die 
römische  Plebs   in    dichten  Massen    ringsum   angesiedelt  war,   ging 
das   Hellenentum   unrettbar   zu  Grunde :    keine  einzige   griechische 
Inschrift  ist  bisher  ans  Tageslicht  gelangt.  —  Die  Annalen  erwähnen 
den  Namen  zum  ersten  Mal  178  v.  Chr.,  indem  er  die  beiden  Flotten- 
commandos    der    oberen   und    unteren    Adria    gegen   einander   ab- 
grenzt. 8)     Die  Eroberung  Dalmatiens  hob  die  Bedeutung  des  Hafens, 

1)  Mela  II  64  bezieht  den  Vergleich  auf  die  Lage  der  Stadt  zwischen  den 
beiden  Vorspriingen  des  M.  Guasco  und  M.Astagno,  ähnlich  Prokop.  b.  Goth.  11  13. 

2)  Lucan.  II  402  Dalmaticis  obnoxia  fluctibus  Ancon. 

3)  Mela  II  64  inter  Gallicax  Italicasque  gentes  quasi  terminus. 

4)  Strab.  a.  0.  OföSQa  8'  svoivös  iaxt  xai  nvgoipÖQos  Plin.  XIV  67. 

5)  Juvenal  4,40  Dorica  Ancon. 

6)  Catull  36,13  Juvenal  a.  0. 

7)  Sil.  It.  VIII  436  fugare  colus  nee  Sidone  vilior  Ancon  muriee  nee  Libyco. 

8)  Liv.  XLI  l. 


§  1.    Die  Picenter.  417 

da  die  kürzeste  Seeverbindung  zwischen  Rom  und  dieser  Provinz 
von  ihm  auslief.  Deshalb  war  er  auch  durch  eine  Staatslrafse  an 
die  Via  Flaminia  bei  Nuceria  angeschlossen:  die  Entfernung  bis 
Nuceria  beträgt  70,  bis  Rom  179  Millien.i)  Um  seine  Verbesserung 
hat  Kaiser  Traian  nach  der  Schöpfung  des  Hafens  von  Centumcellae 
(S.  332)  sich  ein  unsterbliches  Verdienst  erworben,  als  er  vom  Fufs 
des  M.  Guasco  aus  einen  mächtigen  Molo  die  hose  Rora  abzuhalten 
in  die  Wellen  vorschob.  Am  Anfang  des  Molo  steht  noch,  wenn 
auch  seines  Erzschmuckes  beraubt,  in  blendender  Marmorweifse  der 
edel  gehaltene  Ehrenbogen  (14  m  hoch  9  m  breit),  durch  den  Senat 
und  Volk  von  Rom  115  n.  Chr.  ihren  Dank  für  das  Werk  be- 
lhätigten.2)  Die  strategische  Wichtigkeit  des  Platzes  erhellt  aus  dem 
Gesagten  von  selbst  und  ist  bis  auf  die  Gegenwart  herab  in  der 
Kriegsgeschichte  oft  zum  Ausdruck  gelangt.  Caesar  besetzte  ihn 
bei  seinem  Einfall  Mitte  Januar  49^);  im  6.  Jahrhundert  n.Chr. 
wurde  er  von  Gothen  und  Byzantinern  heifs  umworben. 4)  Unter 
den  italischen  Städten  steht  Ancona  zwar  nicht  in  erster  aber  doch 
in  zweiter  Reihe.  Dies  erhellt  aus  dem  Umstand  dafs  es  nach  der 
Schlacht  bei  Philippi  zur  Versorgung  von  zwei  Legionen  herhalten 
mufste:  seitdem  führt  es  den  Titel  Colonie  mit  Duovirn  an  der  Spitze. s) 
Eine  fernere  Bestätigung  gewähren  die  Denkmäler.  An  den  M.  Guasco 
mit  dem  Venustempel  schlofs  sich  die  älteste  INiederlassung  an, 
dehnte  sich  aber  in  romischer  Zeit  der  Bucht  folgend  und  terrassen- 
förmig von  ihr  aus  ansteigend  über  den  Zwischenraum  bis  an  und 
auf  den  M.  Astagno  aus.  Als  die  Gothen  538  angriffen,  war  nur 
die  Höhe  befestigt,  die  Stadt  selbst  offen.  Von  öffentlichen  Ge- 
bäuden sind  die  Reste  eines  Amphitheaters  am  Abhang  des  M.  Guasco, 
eines  Gymnasiums  in  der  Nähe  des  Hafens  erwähnenswert.  Im  6  Jahr- 
hundert durch  Auximum  überflügelt,  hat  Ancona  später  als  Glied 
der  PentapoUs,  Sitz  eines  langobardischen  Markgrafen  und  Freistadt 
die  anderen  picenischen  Städte  weit  hinter  sich  gelassen. 

1)  Tac.  Ann.  III  9  It.  Ant.  310fg.     Ein  Meilenstein   aus  80  n.  Chr.  ist  er- 
halten CIL.  IX  5936. 

2)  CIL.  IX  5894  quod  accessum  Ualiae  hoc  etiam  addito  ex  pecunia  sua 
portu  tutiorem  navigantibus  reddiderü. 

3)  Caes.  b.  civ.  I  11  Cic.  Alt.  VII  11,1  18,2   Fam.  XVI  12,2,   vgl.   aus   dem 
J.  43  Cic.  Phil.  XII  23. 

4)  Prokop  b.  Goth.  II  11.  13  III  30  IV  23. 

5)  Appian  b.  civ,  V  23  Plin.  III  111  Feldm.  225.  227.  253  CIL.  a.  0.     Die 
Tribus  scheint  die  Lemonia  gewesen  zu  sein. 

Nissen,  Ital.  Landeskunde.    II.  27 


418  Kapitel  VII.     Picenum. 

Von  ArimiDum  istAncona  66,  von  Sena  18  Millien  entfernt  i) ; 
die  Fortsetzung  der  Küstenstrafse  erreicht  nach  9  MiUien  am  sild- 
Hchen  Fufs  des  M,  Conero  in  der  Nähe  des  heutigen  Umana  Numana, 
gleichfalls  eine  Gründung  der  SikeHoten,  in  der  Folge  unschein- 
bares Municipium.2)  Eine  Einsenkung  trennt  den  M.  Conero  von 
der  Masse  des  Subappennin.  In  ihr  fliefst  in  Südrichtung  der  kleine 
Aspia  Aspio3),  der  in  den  vom  Appennin  kommenden  Misco  Musone^) 
einmündet.  —  Auf  dem  zwischen  Aspio  und  Musone  sich  hin- 
ziehenden Hügelrücken  bei  8  MiUien  Abstand  vom  Meer,  12  Millien 
Abstand  von  Ancona  liegt  (265  m)  das  feste  Auximum  Osimo.s)  Die 
oben  erwähnte  Strafse  von  Ancona  an  die  Flaminia  führt  hindurch. 
Die  Römer  haben  den  Platz  zum  Bollwerk  ihrer  Ansiedlungen  im 
nördlichen  Picenum  auserwählt,  174  v.  Chr.  auf  Staatskosten  be- 
festigt, 157  mit  einer  Colonie  belegt. 6)  Die  von  den  Censoren  174 
aus  Quadern  erbaute  Mauer  steht  noch  zum  grofsen  Theil,  ist  aber 
an  der  Nordseite  durch  geistliche  Stiftungen  erweitert,  so  dafs  sich 
ihr  Umfang  nicht  genau  ermitteln  läfst.  Immerhin  war  er  nicht 
grofs:  bei  der  Stadtanlage  sind  nicht  Rücksichten  des  Verkehrs 
sondern  der  Festigkeit  mafsgebend  gewesen.  Dem  entspricht  ihre 
geschichtliche  Stellung,  Pompeius  war  Patron  der  Stadt:  hier  hatte 
er  in  jungen  Jahren  die  Fahne  der  sullanischen  Reaction  aufge- 
pflanzt, hier  sollte  nach  seiner  trügerischen  Erwartung  im  Januar  49 
Caesar  auf  einsthaften  Widerstand  stofsen.'^)  Die  Julier  wandten 
ihre  Gunst  dem  benachbarten  Ancona  zu;  in  der  Censusliste  de& 
Augustus  wird  Auximum  unter  die  Municipien  gerechnet.  Aber 
seine  Bürgermeister  heifsen  altertümlicher  Weise  Praetoren;  auch 
wird  später  der  Rang  als  Colonie  zurück  gewonnen,  und  es  nimmt 
einen  bemerkenswerten  Aufschwung  von  dem  die  ungewöhnliche 
Zahl  der  Inschriften  und  die  auf  dem  Forum  (der  heutigen  Piazza) 
befindlichen  Denkmäler  Kunde  bringen.  Am  Ausgang  des  Altertums 
strahlt  sein  Name  in  ungeahntem  Glänze:  es  gilt  als  Hauptstadt  der 


1)  It.  Ant.  100.  316  Tab.  Peut.  mit  Iheilweise  verderbten  Zahlen.  Nach 
Prokop  b.  Goth.  11  11  ist  Ariminum  zwei  Tagereisen  von  Ancona. 

2)  Mela  11  65  Geogr.  Rav.  IV  31  V  1  bieten  die  Handschriften  Humana,- 
Piin.  UHU  Sil.  It.  VIll  431  scopulosae  rura  Numanae  Ptol.  III  1,18  Feldm. 
257  lt.  Ant.  312  Tab.  Peut.  CIL.  IX  p.  572  Ethnikon  Numanates. 

3)  Tab.  Peut.  4)  Tab.  Peut.     Die  Lesung  ist  schwerlich  richtig. 

5)  Strab.  V  241  Ai^ov/iov  Plin.  III  111  CIL.  IX  p.  559  Ethnikon  Auximaies. 

6)  Liv.  XLI  21.  27  XLII  20  Vell.  I  15. 

7)  CIL.  I  615  (=  IX  5837)  Plut.  Pomp.  6,3  Caes.  b.  civ.  1 12. 13  Lucan.  II 466 


§  1.    Die  Picenter.  419 

Picenter,  Ancona  als  sein  Hafen. i)  Belisar  nahm  539  Auxiraum 
nach  siebenmonatlicher  Belagerung,  ein  Jahrzehnt  später  sind  die 
Gothen  wieder  Herren.  Prokop  der  jene  Belagerung  mitmachte, 
hebt  die  steile  unangreifbare  Lage  treffend  hervor.  Seine  Angaben 
von  der  Gröfse  und  Ausdehnung  der  Stadt  schränkt  der  Augenzeuge 
unbewufst  durch  die  [Vachricht  ein  dafs  die  Bewohner  auf  eine 
einzige  einen  Sleinwurf  aufserhalb  der  Mauer  nach  Nord  be- 
findliche Quelle  (jetzt  Bagno  di  Pompeio)  angewiesen  seien.  — 
Der  Abschnitt  zwischen  Esino  und  Musone  enthält  aufser  den  drei 
im  Bereich  der  Küste  gelegenen  Städten  deren  zwei  im  Binnenland. 
Planina  im  Gebiet  von  Monteroberto  lag  am  rechten  Ufer  des  Esino 
nahe  der  Abtei  S.  Apollinare:  die  alte  Kirche  S.  Maria  de  Piano 
zeigt  den  Namen  der  Trümmerstätte  an. 2)  Etwa  5  Milben  weiter 
einwärts  folgt  bei  Massaccio  (neuerdings  Cupramontana  umgetauft) 
das  um  einen  Tempel  wie  das  gleichnamige  aber  bekanntere  Muni- 
cipium  an  der  Küste  entstandene  CuTpra  montana:  die  Landkirche 
S.  Eleuterio  bezeichnet  den  Ort. 3)  Nach  dem  Befund  der  Inschriften 
bedeutete  Cupra  etwas  mehr  als  die  Nachbarin. 

Der  Musone  wird  an  Länge  und  Wasserfülle  von  der  Potenza 
übertroffen  (I  341.  343)  deren  alter  Name  Flusor  lautet. 4)  Auf 
der  Centralkette  bei  Nuceria  entspringend,  durchfliefst  sie  das  Land 
der  Camerter  und  bestimmt  in  ihrem  Oberlauf  die  Bichtung  der 
Strafse  nach  Ancona.  Jenseit  der  Klause  die  Umbrien  und  Picenum 
scheidet  (S.  388),  erreicht  die  Strafse  Septempeda  140  Millien  von 
Bom,  39  von  Ancona.')  Dies  Municipium  liegt  eine  Millie  unter- 
halb seines  Nachfolgers  S.  Severino  am  linken  Ufer  der  Potenza  in 
der  Ebene:  die  alte  Kirche  la  Pieve  heiligt  die  Stätte.  Von  hier 
zweigte  eine  Poststrafse  über  Urbs  Salvia  nach  Firmum  und  Asculum 
ab;  aus  dem  dadurch  bedingten  Verkehr  wird  der  Vorrat  an  In- 
schriften  abzuleiten   sein.  —  Die  Hauptstrafse   langt   das  Thal   der 


l)Prokopb.Goth.II10. 11.13. 16.23.2TlIIlllV23Paul.h.Lang.  V149.  Prokop 
giebt  übereinstimmend  mit  Tab.  Peut.  die  Entfernung  auf  84  Stadien  =  12  iMiilien  an. 

2)  Plin.  III  111  CIL,  IX  p.  544,  die  Zweifel  Mommsens  an  den  Ausführungen 
bei  Golucci  IV  113 fg.  XV  227  fg.  erscheinen  nicht  berechtigt. 

3)  Plin.  mm  Ptol.  III  1,45  CIL.  IX  p.  543. 

4)  Tab.  Peut.  vita  S.  Severini  8.  Jan.  A.SS.  1  p.  500  Picentinae  aceolae  pro- 
vineiae  qua  vadosus  Flusor  praeterßuit  Septempedam.  Die  Bollandisten  halten 
mit  Recht  Cluvers  733  Gleichung  des  Flusor  und  Chienti  hierdurch  widerlegt. 

5)  Strab.  V  241  Plin.  IIIIU  Ptol.  III  1,45  Feldm.  240.  258  It.  Ant.  312.  316 
CIL.  IX  p.  533. 

27* 


420  Kapitel  VII.     Picenum. 

Potenza  verlassend  nach  9  Millien  in  Trea  an,  unweit  eines  Klosters 
der  Padri  Riformati  eine  Millie  von  dem  heutigen  Treja  (das  früher 
Montecchio  hiefs)  in  der  Ebene  gelegen. i)  Die  Trümmer,  von  den 
Inschriften  abgesehen,  sind  unerheblich.  —  Abseits  von  der  Strafse 
9  Millien  nordwestlich  von  Trea  hatte  Titus  Labienus  der  bekannte 
Legat  und  nachherige  Gegner  Caesars  um  60  v.  Chr.  eine  Land- 
gemeinde in  eine  städtische  umgewandelt  und  auf  eigene  Kosten 
Cingulum  Cingoli  erbaut,  das  trotzdem  49  sich  an  Caesar  anschlofs.2) 
Die  Familie  scheint  hier  ansässig  gewesen  zu  sein. 3)  Strabo  erwähnt 
in  der  Beschreibung  Umbriens  zwischen  dem  Flufs  Aesis  und 
Sentinum  tb  KiyyovXov  oQogJ)  Man  darf  vermuten  dafs  das  Ge- 
birge welches  das  obere  Thal  des  Aesis  umgürtet  der  M.  S.  Vicino 
1483  m  (S.  386),  so  bezeichnet  worden  sei.  Jedesfalls  hat  das  Ge- 
birge der  Stadt  den  Namen  verliehen:  sie  liegt  gegen  700  m  hoch 
und  hat  alle  Zeitstürme  überdauert.  —  Hart  am  linken  Ufer  der 
Potenza  an  der  von  Auximum  nach  Urbs  Salvia  führenden  Strafse 
fesseln  ausgedehnte  Ruinen  aus  Backstein  (Amphitheater  Theater 
Thermen;  Reste  einer  Brücke  aus  Quadern)  den  Blick.  Sie  be- 
wahren den  Namen  der  Stadt  Ricina  die  nach  einer  Herstellung 
durch  die  Kaiser  Pertinax  und  Septimius  Severus  den  Titel  colonia 
Helvia  Ricina  Pertinax  erhielt.  &)  Das  10  Millien  nach  West  ent- 
fernte Recanati  hat  den  Namen,  das  3  Millien  nach  Süd  entfernte 
Macerata  die  Erbschaft  der  stattlichen  Vorgängerin  überkommen. 
Der  heutige  Name  des  Flusses  Potenza  stammt  von  der  Colonie 
welche  die  Romer  184  v.  Chr.  gleichzeitig  mit  Pisaurum  an  der 
Küste  gründeten:  die  Ansiedler  bekamen  Ackerlose  von  6  Juchert 
11/2  ha.^)  Potentia  lag  an  der  Südseite  der  Mündung  18  Millien 
von  Ancona,  5  von  Potenza  Picena  (früher  Montesanto  geheifsen); 
die  Abtei    S.   Maria    a   Potenza   bezeichnet   die   Stätte.'')     Zu   einer 

1)  Plin.  IIIlll  Tracenses  Ptol.  III  1,45  T^atava  Feldm.  259  Treenses  It. 
Ant.  312  Trea,  die  Inschriften  geben  Trea  Treienses  daneben  als  Gognomen 
Traiensis  CIL.  IX  p.  538. 

2)  Caes.  b.  civ.  I  15  Cic.  Att.  VII  11,1  13,7  Plin.  III  111  Feldm.  254  CIL. 
IX  p.  541.     Vereinzelt  kommt  die  Form  Cinglum  vor. 

3)  Sil.  It.  X  34  celsis  Labienum  Cingula  saxa  yniserimt  muris. 

4)  Strab.  V  227  eine  Verwechslung  mit  der  Stadt,  wie  gewöhnlich  ange- 
nommen wird,  ist  nach  dem  bestätigenden  Ausdruck  des  Silius  ausgeschlossen. 

5)  Piin.  III  111  Feldm.  226.  258  Tab.  Peut.  CIL.  IX  p.  547. 

6)  Liv.  XXXIX  44  Vell.  I  15  Cic.  de  har.  resp.  62. 

7)  Strab.  V  241  Mela  II  65  Plin.  III  111  Ptol.  III  1,18  Feldm.  226.  257  It. 
Ant.  101. 313  Tab.  Peut.Geogr.  Rav.IV  31 V  1  GIL.IXp.  556  Holstezu  Cluver  731,12. 


§  1.    Die  Picenter.  421 

hervorragenden  Stellung  hat  die  Sladt  es  nicht  gebracht,  ist  auch 
in  der  Kaiserzeit  nicht  als  Colonie  angesehen  worden.  —  Noch 
weniger  ist  von  dem  an  der  Küste  folgenden  Cluana  bekannt:  eine 
bei  Civitanuova  gefundene  Inschrift  erwähnt  einen  vicus  Cluentensis 
und  läfst  schliefsen  dafs  die  Stadt  an  der  Mündung  des  Chienti  zu 
suchen  seiJ)  —  Wir  können  nicht  entscheiden  ob  der  Name  des 
Flusses  von  dem  Ort  entlehnt  sei  oder  umgekehrt  der  Ortsname 
vom  Flufs  (Cluentus?).  Ebenso  wenig  ob  Flosis"^)  auf  der  Reisekarte 
einen  der  beiden.  Nebenflüsse  Fiastrone  und  Fiastra  bezeichne. 
Der  Chienti  (I  341.  343)  entspringt  im  Hochland  der  Camerter  am 
M.  Cavallo  (1501  m);  der  östliche  vom  M.  Rotondo  (2103  m)  kom- 
mende Quellarm  heifst  Fiastrone  d.  h.  grofse  Fiastra.  Gleichfalls 
vom  M.  Rotondo  fliefst  die  bei  Macerata  in  den  Chienti  einmündende 
Fiastra  ab.  —  Etwa  6  Müllen  unterhalb  der  Vereinigung  von  Chienti 
und  Fiastrone  am  linken  Ufer  liegt  Tolentinum  Tolentino.3)  Mit 
dem  Municipium  gleichnamig  findet  sich  hier  ein  pagtis  Tolentines[is]: 
ein  sprechender  Beweis  für  die  späte  Einführung  der  Stadtver- 
fassung in  diesen  Gauen;  denn  offenbar  hat  der  Gau  der  Stadt  den 
Namen  verliehen  ohne  damit  sein  Gefüge  einzubüfsen.  An  der 
12  Milben  langen  Poststrafse  zwischen  Septempeda  und  Urbs  Salvia 
(S.  419)  nimmt  Tolentinum  die  Mitte  ein.  —  Am  linken  Ufer  des 
Chienti  15  Millien  weiter  giebt  die  Abtei  S.  Claudio  die  Stätte  des 
untergegangenen  Pausulae  an:  das  am  rechten  Ufer  in  3  Millien 
Abstand  befindliche  Montolmo  hat  neuerdings  den  Namen  Pausula 
erhalten.4)  Die  Stadt  war  an  das  öffentliche  Strafsennetz  ange- 
schlossen, wenn  sich  auch  bei  der  Verwirrung  in  den  Itinerarien 
die  Linien  nicht  mit  Sicherheit  bestimmen  lassen.  Erwähnung  ver- 
dient dafs  ihre  Oberbeamten  Praetoren  heifsen. 

Auf  die  Mündung   des  Chienti   folgt   nach   5  Millien   diejenige 
des  Tinna  Tenna^)  der  am  Stock  der  Sibilla  entspringt,   aber   viel 


1)  Mela  II  65  Chjema.  Plin.  III  111  CIL.  IX  p.  554. 

2)  Tab.  Peut.,  Geogr.  Rav.  IV  31  Floxo  V  1  Flosor  Guido  21  Flo- 
xor  69  Floxora.  Die  letzteren  Zeugnisse  beziehen  sich  wol  auf  Flusor 
S.  419  A  4. 

3)  Plin.  Ulm  Feldm.  226.  259  CIL.  IX  p.  530  Elhnikon  Tolentinas  auch 
Tolentinus. 

4)  Plin.  III  tu  Feldm.  226.  257  Tab.  Peut.  Geogr.  Rav.  IV  31  V  1  CIL. 
IX  p.  553. 

5)  Tab.  Peut.  Geogr.  Rav.  IV  31  V  1. 


422  Kapitel  VII.     Picenum. 

geringere  Zuflüsse  als  jener  empfängt  (I  341.  343).  Im  Binnenland 
von  der  Küste  etwa  25  Müllen  entfernt  behauptet  Urbs  Salvia  am 
linken  Ufer  der  Fiastra  einen  ziemlich  hervorragenden  Platz  als 
Knotenpunct  von  4  oder  5  Strafsen,  die  von  Septempeda  über 
Tolenlinum,  von  Auximiim  über  Ricina,  von  Asculum  über  Falerio, 
von  Firmum,  endlich  wahrscheinlich  von  Potentia  über  Pausulae 
her  einmünden. 1)  Die  auf  Inschriften  häufig  begegnende  Form 
Urbisalvia  zeigt  den  Uebergang  zum  heuligen  Urbisaglia  an.  In 
der  Censushste  des  Augustus  führt  die  Gemeinde  einen  Doppelnamen 
Urbesalvia  Pollentini,  von  denen  der  erste  amtlich  als  der  mafs- 
gebende  angesehen  wird.  Dies  erklärt  sich  ungezwungen  aus  der 
Annahme  dafs  ein  Salvier  der  Gemeinde  der  Pollentiner  die  Stadt 
erbaut  habe,  ähnlich  und  um  dieselbe  Zeit  wie  Labienus  den 
Cingulanern  (S.  420)2);  in  Anlehnung  an  den  Namen  wird  die  Salus 
als  Stadigöttin  verehrt.  Die  gesamte  Anlage  bekundet  einen  plan- 
mäfsigen  Charakter  aus  junger  Zeit.  Sie  zieht  sich  in  einiger  Ent- 
fernung vom  Flufs  ungefähr  ein  Rechteck  bildend  einen  Hügel 
hinan.  Der  bis  auf  die  Höhe  reichende  Mauerring  (2V2  km  ohne 
die  Arx  auf  der  Höhe)  steht  gröfstentheils.  Er  ist  ebenso  wie  die 
übrigen  Bauwerke  aus  Backstein  errichtet.  Urbs  Salvia  hat  vermöge 
seiner  günstigen  Verkehrslage  unter  der  Monarchie  einen  unver- 
ächtlichen Aufschwung  genommen.  Dafür  spricht  der  Titel  Colonie 
der  ihm  nachweisbar  seit  dem  Ende  des  ersten  Jahrhunderts  zu- 
kommt, sprechen  lauter  noch  die  Ruinen:  Amphitheater  (lOOX^ß 
Arena  58X34  m)  Theater  Thermen  Wasserleitung  Gräber. 3)  König 
Alarich  zerstörte  die  Stadt  so  gründlich  dafs  nach  den  Worten 
Prokops  der  538  durchmarschirte,  von  dem  früheren  Glänze  nur 
ein  einziges  Thor  und  einige  Grundmauern  übrig  waren:  immerhin 
bheb  sie  bewohnt,  aber  seit  Aenderung  der  Verkehrswege  ein  un- 


1)  Plin.  III  111  Ptol.  III  1,45  Feldm.  226  It.  Ant.  316  Tab.  Peut.  Guido  55 
CIL.  IX  p.  526. 

2)  Die  Beziehungen  des  Geschlechts  zur  Stadt  werden  durch  die  Inschriften 
N.  5533.  34  bezeugt.  Strabo  V  241  führt  unter  den  picenischen  Städten  zwischen 
Septempeda  und  Potentia  JJvevevria  auf:  dafür  wird  die  annehmbare  Besserung 
JJollsvTia  vorgeschlagen,  sei  es  dafs  dieser  Mittelpunct  der  Gemeinde  den 
Namen  verliehen  und  an  einem  anderen  Orte  gelegen  habe,  oder  nach  einer 
Zerstörung  durch  einen  Neubau  ersetzt  worden  sei.  Verschiedene  Erklärungen 
sind  möglich. 

3)  Gins.  Pallotta,  di  alcuni  superstiti  monumenti  dell' antica  Urbsalvia  (so!) 
Macerata  1881.  4. 


§  1.    Die  Picenter.  423 

scheinbares  Dorf.i)  —  Gleiches  Los  hat  die  mit  ihr  welteifernde 
etwa  10  Millien  entfernte  Schwesterstadt  Falerio  Picenus  betroffen. 2) 
Sie  liegt  eine  MiUie  unterhalb  des  heutigen  Falerone  in  dem  Ge- 
lände das  sich  zum  rechten  Ufer  des  Tinna  abdacht.  Ihr  Gebiet 
war  noch  im  Mittelalter  ein  sehr  ausgedehntes,  so  dafs  nach  ihrem 
vöUigen  Verfall  eine  Menge  von  Gemeinden  sich  abzweigen  konnten. 
Daraus  erklärt  sich  auch  die  Blüte  der  Stadt,  die  wir  bei  dem 
Schweigen  der  Schriftsteller  an  der  Hand  der  nahezu  die  Zahl  100 
erreichenden  Inschriften  verfolgen  können.  So  wird  43  n.  Chr.  ein 
Theater  erbaut,  119  eine  Hauptstrafse  gepflastert;  ein  Amphitheater 
ist  vorhanden,  ein  Capitol  d.  h.  ein  Tempel  der  capitolinischen  Trias. 
Mancherlei  Einzelheiten  sind  uns  durch  Ausgrabungen  bekannt  ge- 
worden.3)  Man  begreift  dafs  Falerio  in  derselben  Weise  und  un- 
gefähr um  dieselbe  Zeit  wie  Urbs  Salvia  durch  Erhebung  zur  Colonie 
ausgezeichnet  wurde.  In  der  Feldmark  ist  der  mons  Falernus  zu 
suchen,  an  dem  Pompeius  Strabo  90  v.  Chr.  geschlagen  und  zur 
Flucht  nach  Firmum  genötigt  wurdet):  zwischen  dem  Namen  von 
Stadt  und  Berg  besteht  klärlich  ein  Zusammenhang. 

Das  wichtigste  Denkmal  aus  der  Vergangenheit  Falerio's  ist 
der  Bericht  über  einen  Grenzstreit  mit  den  Nachbarn  von  Firmum, 
den  Domitian  zu  Ungunsten  dieser  schlichtete.'')  Die  Feindschaft 
war  uralt  und  ging  auf  den  Gegensatz  zwischen  latinisch  und 
picentisch  zurück  den  die  Eroberung  268  ins  Land  gebracht  hatte. 
Firmum  Picenum  Fermo^)   liegt  südlich  vom  Tinna  5  Millien  vom 


1)  Prokop  b.  Goth.  II  16.  17.     Dante  Paradiso  XVI  73: 

Se  tu  riguardi  Luni  ed  Urbisaglia 
come  son  ite  e  come  se  ne  vanno 
diretro  ad  esse  Ghiusi  e  Sinigagiia, 
udir  come  le  schiatte  si  disfanno, 
ron  ti  parrä  nuova  cosa  ne  forte, 
poscia  che  le  cittadi  termine  hanno. 

2)  Plin.  III  111  Feldm.  227.  256  CIL.  IX  p.  517.  Inschriftlich  Falerio  Picenus 
Falerienses  ex  Piceno  zur  Unterscheidung  von  Falerii,  das  den  Zusatz  Etrus- 
corurn  führt  Plin.  III  51.  Bei  in  Rom  erfolgenden  Ausfertigungen  lag  eine  Ver- 
wechslung nahe,  und  fügte  der  Ausfertigende  der  fernen  Stadt  das  Beiwort  zu, 
während  er  es  für  die  ihm  benachbarte  als  überflüssig  ausliefs. 

3)  De  Minicis  Ann.  dell'  Inst.  1839  p.  5  fg. 

4)  Appian  b.  civ.  I  47. 

5)  CIL.  IX  5420. 

6)  Das  Beiwort  brauchen  ältere  Schriftsteller  auch  Ptol.  III  1,45  nicht,  da- 
gegen Strab.  V  241  V;il.  Max,  IX  15,1  Feldm.  226.  256  Tab.  Peut.  und  verein- 


424  Kapitel  VII.     Picenum. 

Meer,  15  von  Falerio,  18  von  Urbs  Salvia,  24  von  Asculum  ent- 
fernt: mit  den  beiden  letztgenannten  Städten,  vielleicht  auch  mit 
Pausulae  war  es  nach  Aussage  der  Itinerarien  ^)  [durch  Slrafsen  ver- 
bunden, desgleichen  mit  seinen)  Hafen  Castellnm  Firmanum  oder 
Firmanorum  Porto  di  Fermo  oder  Porlo  S.  Giorgio.^)  So  wenig 
auch  die  Rhede  den  Verkehr  anlocken  kann,  ist  die  Stadt  doch 
nach  Ost  dem  Meer  zugewandt.  Sie  zieht  sich  einen  steilen  Hügel 
hinan,  dessen  Hohe,  die  jetzige  grofse  Piazza,  als  Arx  betrachtet 
wird.  Ein  Stück  der  alten  Mauer  aus  mächtigen  Quadern  steht 
noch  im  Osten  bei  Porta  S.  Francesco;  andere  Reste  sind  auf  der 
Hohe  gefunden  worden,  ferner  im  INorden  ein  Theater.  Als  Zwing- 
burg von  Picenum  ist  Firmum  264  bald  nach  der  Eroberung  zur 
latinischen  Colonie  gemacht  worden  3),  hat  als  Säule  der  Fremd- 
herrschaft in  allen  Nöten,  namentlich  bei  der  Belagerung  durch 
die  Italiker  89  v.  Chr.  die  Probe  bestanden, *)  Erst  damals  mit  dem 
Bürgerrecht  bedacht s),  öffnete  es  Caesar  49  seine  Thore^),  unter- 
stützte eifrig  die  republikanische  Regierung  gegen  Antonius.'')  Zur 
Strafe  wurde  nach  der  Schlacht  bei  Philippi  die  vierte  Legion  an- 
gesiedelt. Dabei  gelangte  auch  ein  Stück  des  angrenzenden  Gebiets 
von  Falerio  zur  Auftheilung,  und  es  entspannen  sich  zwischen  den 
beiden  Gemeinden  jene  langwierigen  Streitigkeiten  die  schliefslich, 
wie  Eingangs  erwähnt,  von  Domitian  im  Sinne  der  Falerienser  ent- 
schieden wurden.  An  der  Spitze  des  städtischen  Regiments  stehen 
Duovirn;  ehedem  in  latinischer  Zeit  scheinen  fünf  Quaestoren  die 
Stelle  eingenommen  zu  haben.  Inschriften  sind  in  ziemlicher  An- 
zahl, darunter   recht  alte  erhalten,   was   bei  diesem    Bollwerk    des 


zelte  Inschriften  CIL.  IX  p.  508  um  es  von  Firrmim  lulium  und  Firma  Avgusta 
in  Spanien  zu  unterscheiden,  was  um  so  näher  la^  als  nach  der  Ansiedlung 
der  Veteranen  durch  Octavian  der  amtliche  Name  wahrscheinlich  gleichfalls 
Firmum  lulium  gelautet  hat. 

1)  It.  Ant.  316  Tab.  Peut.  Geogr.  Rav.  IV  31  V  1. 

2)  Wegen  seiner  Lage  an  der  Küstenstrafse  oft  erwähnt:  Strabo  V  241 
Mela  II  65  Plin.  III  111  It.  Ant.  101.  313  Tab.  Peut.  Mela  und  Plinius  erwähnen 
beide  den  Hafen,  aber  übergehen  die  Stadt,  sei  es  daCs  das  Versehen  in  ihrer 
gemeinsamen  Vorlage  steckte,  sei  es  dafs  dieser  von  jenem  sich  täuschen  liefs. 

3)  Velleius  I  14. 

4)  Appian  b.  civ.  I  47  Liv.  XXVII  10. 

5)  Liv.  XLIV  40  vgl.  Diod.  XXXVIl  12. 

6)  Cic.  Att.  VIII  12  B  1  die  handschriftliche  Ueberlieferung  Caes.  b.  civ.  I  16 
recepto  Firma  wird  ohne  Grund  geändert. 

7)  Cic.  Phil.  VII  23  vgl.  ad  Att.  IV  8  b  3. 


§  1.    Die  Picenter.  425 

Lalinertums  nicht  befremdet.  Merkwürdiger  ist  die  Thalsache  dafs 
es  in  Kupfer  gemünzt  hat,  wenn  auch  nach  der  Seltenheit  der 
Münze  zu  urtheilen  nur  vorübergehend  und  in  beschränktem  Um- 
fang. Man  erkennt  darin  das  Bestreben  einen  Platz  unter  den 
Handelsstädten  zu  erobern.  Aber  dauernder  Erfolg  hat  gefehlt; 
dem  äufseren  Glanz  den  binnenländische  Orte  wie  Ricina  Urbs 
Salvia  Falerio  unter  kaiserlicher  Herrschaft  entfalten,  thut  Firmum 
es  nicht  gleich:  den  Grund  dürfen  wir  in  seiner  ungünstigen  Ver- 
kehrslage suchen.  Als  nachher  ein  kriegerisches  Zeitalter  einbricht, 
kommt  es  wieder  zu  hohen  Eiiren ,  ist  eine  der  Hauplfestungen 
Picenums  um  welche  Gothen  und  Oströmer  mit  einander  ringen, 
später  Sitz  eines  Markgrafen. i)  —  Die  Küstenstrafse  durchschneidet 
halbwegs  zwischen  den  Häfen  von  Firmum  und  Truentum  das  von 
beiden  je  12  Millien  entfernte  Cu]^ra  maritima  bei  Marano  das 
jüngst  den  antiken  Namen  sich  angeeignet  hat. 2)  Cupra  oder  Cypra 
—  so  heifst  die  Stadt  bei  Mela  —  wird  von  Strabo  der  Juno  gleich 
gesetzt,  bei  den  Umbrern  als  Cubra  mater  verehrt:  da  das  Wort 
gut  bedeutet,  erinnert  sie  an  die  Bona  Dea  der  Latiner. 3)  Ein 
alter  Tempel  dessen  Erbauung  Strabo  den  Etruskern  zuschreibt,  hat 
dieser  wie  der  binnenländischen  Gemeinde  (S.  419)  den  Namen 
verliehen.  Die  Inschrift  welche  die  127  n.  Chr.  durch  Hadrian 
erfolgte  Herstellung  meldet,  scheint  durch  ihren  Fundort  anzudeuten 
dafs  der  Tempel  einige  Millien  südHch  vom  Ort  nach  dem  Flufs 
Tessuinus  Tesino  zu  gestanden  habe.4)  Der  Ort  dagegen  ist  durch 
die  Ruinen  bei  Civita  nördlich  von  Marano  gesichert,  —  Im  Binnen- 
land zwischen  Tenna  und  Tronto  ist  das  verschollene  Municipium 
Novana  zu  suchen.^) 

Der  Trmntus  Tronto  (I  341.  343)  wandte  sich  ehedem  bei 
seiner  Mündung  eine  Milbe  weiter  nach  Süden  als  gegenwärtig. 6)  Er 
bespülte  den  Fufs  des  Hügels  della  Civita  bei  Colonnella  den  Truen- 
tum^ auch  Castrum  Truentinum  genannt,  einnahm.')     Dies  war  nach 

1)  Prokop  b.  Goth.  II  16.  20  III  11.  12  Paul.  h.  Lang.  II  19. 

2)  Strab.  V  241  Mela  II  65  Plin.  III  111  Ptol.  III  1,18  Feldm.  226.  254  Tab. 
Peut.  Geogr.  Rav.  IV  31  Vi  CIL.  IX  p.  502. 

3)  Sil.  It.  VIII  432  quis  liLoreae  fumant  altaria  Cuprae  Varro  LL.  V  159 
cyprum  Sabine  bonum  Preller,  Rom.  Myth.  P  280.  398. 

4)  Plin.  III  HO,  über  die  Lage  des  Tempels  Mommsen  zu  N.  5294. 

5)  Einzige  Erwähnung  Plin.  III  111. 

6)  Slrab.  V  241  Mela  II  65  Plin.  HI  HO  Ptol.  III  1,18  Sil.  It.  VIII  433. 

7)  Cic.  AU.  VIII  12B,  1  Slrab.  V  241  Mela  II  65  Plin.  111  HO   Sil.  It.  VIII 


426  'Kapitel  VII.     Picenum. 

Plinius  die  einzige  Stadt  welche  die  Liburner  vor  dem  Andrang 
der  Sabiner  gerettet  halten.  Da  der  Tronto  einige  Millien  aufwärts 
schiffbar  ist,  bot  der  Platz  nach  dem  bescheidenen  Mafsstab  früher 
Jahrhunderte  für  die  Entwickelung  des  Verkehrs  unleugbare  Vor- 
theile.  Ueber  seine  Geschichte  und  Verfassung  wissen  wir  leider 
nichts.  Da  er  den  Flufsübergang,  aufserdem  die  Vereinigung  der 
Via  Salaria  mit  der  Küslenstrafse  beherrschte,  hat  er  neben  der 
niercantilen  auch  eine  strategische  Bedeutung  gehabt.  —  Die  via 
Salaria  führt  seit  ihrer  Herstellung  durch  Augustus  16/17  v.  Chr. 
aus  dem  oberen  Thal  des  Velino  in  dasjenige  des  Tronto  hinüber. i) 
Der  99.  Meilenstein  des  Kaisers  ist  bei  Trisungo  aufgefunden  worden, 
der  Name  Centesimo  bezeichnet  die  Station  ad  Centesimum,  der 
Name  Quinto  Decimo  den  Abstand  von  Asculum  das  120  Millien 
von  Rom  entfernt  war.  Von  hier  lief  die  Strafse,  wie  der  Meilen- 
stein 123  zeigt,  am  rechten  Ufer  des  Tronto  fort  und  erreichte 
140  Millien  von  Rom  die  Küste  bei  Truenlum.  —  Asculum  Picenum, 
wie  es  zur  Unterscheidung  vom  apulischen  zubenannt  wird,  ist 
nach  Strabo's  treffender  Bemerkung  eine  sehr  starke  und  wichtige 
Festung,  da  die  umliegenden  Berge  für  Heere  unzugänglich  seien. 2) 
Sie  schliefst  das  breite  fruchtbare  Thal  ab  das  sich  zum  Meer  hin- 
zieht: im  Norden  steigt  der  zackige  M.  dell'  Äscensione  1099  m, 
im  Süden  der  M.  Girello  1797  m  an.  Sie  ülTnet  den  VVeg  flufs- 
aufwärts  der  zwischen  dem  M.  Vettere  in  der  Sibillagruppe  2476  m 
und  dem  Pizzo  di  Sevo  2422  m  auf  einem  1013  m  hohen  Pafs  ins 
Sabinerland  hinüberleitet  und  im  Reisebuch  Via  Salaria  heifst.  Der 
Pafs  gewinnt  eine  erhöhte  Wichtigkeit  durch  den  Umstand  dafs 
nordwärts  auf  einer  Strecke  von  40  km  durch  die  Kette  der  Sibilla 
Tetrica  mons  (I  236)  eine  unüberwindliche  Sperre  errichtet  ist, 
jenseit  deren  erst  Chienti  und  Potenza  bequeme  Zugänge  von  Ost 
nach  West  aufschliefsen.  Deshalb  ist  die  Landschaft  am  Tinna  und 
Tessuinus  für  den  Veikehr  nach  dem  tyrrhenischen  Meer  auf  die 
Via  Salaria  angewiesen :  nach  den  Itinerarien  laufen  Strafsen  von 
Urbs  Salvia   über   Falerio   (S.  422)   und    von  Firmum   in  Asculum 

433  Truentinas  turres  Feldni.  226.  258  It.  Ant.  101.  308.  313  Tab.  Peut.  Geogr. 
Rav.  IV  31  V  1  CIL.  IX  p.  492. 

1)  It.  Ant.  300  Tab.  Peuf.  CIL.  IX  p.  582. 

2)  Strab.  V  241  Plin.  III  111  colonia  Jsculum  Piccni  nobillssima  Sil.  lt. 
VIII  438  inclemens  hirsuli  signifer  AscU  Ptol.  III  1,45  It.  Ant.  307.  317  Tab. 
Peut.  Geogr.  Rav.  IV  31.  Die  Form  Asclum  vereinzelt  auf  Inschriften  und  bei 
Schriftstellern.    CIL.  IX  p.  494  Eph.  ep.  VIII  p.  52. 


§  1.    Die  Picenter.  427 

ein.  Endlich  kommt  nach  Süden  eine  Verbindungstrafse  mit 
Interamna  und  dem  Uebergang  nach  Amiternum  auf  der  alten  Via 
Caecilia  (S.  429)  hinzu.  Der  Knolenpunct  dieses  weitverzweigten 
Netzes  ist  von  der  Natur  treffhch  geschützt.  Gen  Norden  wird 
Asculum  durch  den  Tronto  gedeckt;  in  ihn  fliefst  an  der  Ostseite 
unter  spitzem  Winkel  der  Castellani  ein ,  der  tief  eingesenkt  mit 
abschüssigen  bis  40  m  hohen  Uferrändern  als  Gral)en  für  Ost-  und 
Südseite  dient.  Die  Angriffsfront  ist  mithin  im  Westen;  hier  steht 
bei  Porta  Romana  ein  ansehnhcher  Rest  der  alten  Mauer  aus  ge- 
waltigen Quadern;  der  Umfang  des  ganzen  Rings  läfst  sich  nicht 
angeben.  —  Asculum  ist  die  Hauptstadt  der  Picenter;  ein  Specht 
hatte  sich  auf  die  Fahne  des  sabinischen  Heerbanns  gesetzt  der 
hierher  zog.i)  Es  gab  die  Losung  zum  Aufstand  der  Italiker.*) 
Nachdem  Pompeius  Strabo  90  v.  Chr.  geschlagen  und  in  Firmum 
eingeschlossen  worden  wai-,  wandte  sich  in  der  Folge  das  Blatt. 
In  einer  langwierigen  Belagerung  die  90  begann  und  bis  in  den 
Winter  89/88  dauerte,  hat  Pompeius  nach  einem  grofsen  Sieg  über 
das  Entsatzheer  schliefslich  Asculum  zur  Uebergabe  genötigt  und 
hart  gezüchtigt. 3)  Die  bleiernen  Schleuderkugeln  die  vom  Regen 
in  den  Castellani  geschwemmt  zu  Tausenden  in  dessen  Bette  ge- 
funden wurden  und  werden,  veranschaulichen  den  kleinen  Krieg 
der  viele  Monate  lang  zwischen  Belagerern  und  Belagerten  hin  und 
her  tobte.4)  Nach  dem  Befund  scheint  es  dafs  die  Römer  zu  regel- 
rechtem Angriff  nicht  vorgegangen  sind,  sondern  sich  auf  eine 
blofse  Einschliefsung  beschränkt  haben.  Mit  dem  Empfang  des 
Bürgerrechts  wurde  Asculum  der  Tribus  Fabia  zugetheilt  ^) ,  49  v. 
Chr.  von  den  Pompeianern  besetzt  und  verlassen  6),  nach  dem  Sieg 
der  Triumvirn  in  eine  Militärcolonie  umgewandelt.")  Dabei  erhielt 
die  Feldmark  auf  Kosten  Interamna's  eine  solche  Vergröfserung  dafs 


1)  Flor.  I  14  (19)  Caput  gentis  Fest.  212  M. 

2)  Diod.  XXXVII  2.  16  Appian  b.  civ.  I  38  Liv.  LXXIl  Flor.  II  6,9  Gros.  V 
18,8  Vell.  II  15,1  Cic.  pro  Font.  41  Brut.  169. 

3)  Appian  b.  civ.  I  47.  48  Gros.  V  18,18  fg.  Flor.  II  6,14  Vell.  II  21,1  Fron- 
tin Str.  III  17,8  Cic.  pro  Cluent.  21.  Triumphalfasten  665  u.  c.  Gell.  N.  A.  XV 
4  Plin.  VII  135. 

4)  Zangemeister  CIL.  IX  p.  631  Eph.  epigr.  VI  5  fg. 

5)  Cic.  pro  Sulla  25,  die  Zutheilung  zur  Fabia  der  Tribus  der  Julier  ist 
vielleicht  ein  Werk  des  Augustus, 

6)  Caes.  b.  civ.  I  15  Lucan  II  468  depelUtur  arce  Lentulus  Asculea. 

7)  Plin.  m  111  Feldm.  18.  227.  244.  252.  54.  57.  58. 


428  Kapitel  VII.     Picenum. 

sie  zum  Theil  an  dessen  Mauer  unmittelbar  ansliefs.  Den  Wolstand 
Asculums  in  der  Kaiserzeit  bezeugen  die  Denkmäler,  unter  denen 
ein  Amphitheater  Erwähnung  verdient.  Auch  von  Gothen  und 
Langobarden  wird  seine  Wichtigkeit  anerkannt. i) 

§  2.    Die  Pra  etuttier. 

Der  südlichste  Theil  der  fünften  Region,  ein  Viertel  oder 
Fünftel  des  Ganzen  war  nicht  von  Picentern  bewohnt.  Plinius  be- 
zeichnet ihn  als  ager  Palmensis  Praetutiamis  Hadrianus,  Polybios 
und  Livius  als  ager  Praetuttianus  Hadrianus.'^)  Das  nur  einmal 
gebrauchte  ager  Palmensis  rührt  nicht  von  einem  Orts-  oder  Eigennamen 
her,  bedeutet  vielmehr  einen  Weindistrict  in  dem  die  Reben  in 
besonderer  Art  verschnitten  wurden:  vermutlich  ist  er  an  der  Küste 
bei  Castrum  novum  zu  suchen.^)  Ager  Hadrianus  bedeutet  das  von 
den  Römern  290  in  Besitz  genommene  Gebiet  von  Hadria  das 
ehedem  den  Liburnern,  aller  Wahrscheinlichkeit  nach  später  den 
Praetutliern  angehört  hatte:  es  wird  auch  kurzer  Hand  in  diesen 
JNamen  einbegriffen. 4)  Die  Annalen  weisen  die  Landschaft  den 
Sabinern  zu  (S.  414):  wie  ein  Zweig  dieses  Stammes  als  Picenter 
vom  Truentusthal  aus,  so  hat  sich  den  Quellen  des  Vomanus  folgend 
ein  andrer  Zweig  als  Praetuttier  nach  den  Küsten  der  Adria  er- 
obernd vorgeschoben. 5)  In  Betreff  seiner  Schicksale  versagt  die 
Ueberlieferung  die  sich  darauf  beschränkt  den  starken  Wein  dieses 
Namens  zu  loben  ^) : 

vitiferos  domitat  Praetutia  piibes 
laela  laboris  agros. 

Im  Mittelalter  wird  der  Name  zu  Aprutinm  erweitert  und  dient 
seitdem  zur  Bezeichnung  des  Gebirges  wie  der  an  beiden  Seiten 
desselben  gelegenen  Landschaften.'^)  Unter  den  praetuttianischen 
Flüssen  (l  341.  343)  ist  der  ansehnUchste  der  Vomanus  Vomano.^) 

1)  Prokop  b.  Goth.  III  11.  12  Paul.  h.  Lang.  II  19. 

2)  Plin.  III  110.  112  Pol.  III  88,3  Liv.  XXII  9,5. 

3)  Plin.  XIV  67  vgl.  Varro  RR.  I  31  Golum.  III  17  IV  15.  24. 

4)  Liv.  XXVII  43,10  vgl.  Steph.  Byz.  n^aireila. 

5)  Die  Verdoppelung  des  t  bei  Pol.  lil  88,3  Ptol.  III  1,51  steht  im  Griechi- 
schen durch  und  wird  bestätigt  durch  CIL.  IX  5066  Eph.  ep.  VIII  209. 

6)  Dioskorides  Mater,  med.  V  10.  11  Plin.  XIV  67.  75  Sil.  It.  XV  568  vgl- 
Pol.  III  87.  88,1. 

7)  Geogr.  Rav.  IV  31  Abrutio,   ungewifs  ob   die   Stadt  Teramo   oder   die 
Landschaft  bezeichnend.     Guido  21  Brutum. 

8)  Plin.  III  HO  Sil.  It.  VllI  437  Tab.  Peut.  verschrieben  Comara. 


§  2.     Die  Praetuttier.  429 

Aus  dem  oberen  Thal  desselben  führt  westlich  am  Gransasso  d'Italia 
dem  mons  Fiscellus  vorbei  ein  1300  m  hoher  Pafs  über  den  CoUe 
della  Croce  nach  Amiternum  hinüber  (I  237).     Er  gehört   zu  den 
schwierigen  Appenninpässen,  wird  aber  befahren.    Die  Romer  haben 
ihn  ausgebaut:    die  Inschrift  laut  deren  die  Arbeiten  für  die  Her- 
stellung der  via  Caecilia  über  den  Appennin  mit  einer  Abzweigung 
nach  Interamnia  in  suUanischer  Zeit  vergeben  wurden,  ist  erhalten, 0 
Ihr  Lauf  Ost  vom  Appennin  bleibt  im  Einzelnen  noch  zu  ermitteln: 
jedoch  kann  als  sicher  gelten  dafs  ein  Arm  nordwärts  über  Inter- 
amnia nach  Truentum,   der  Hauptarm  den  Vomanus   entlang  nach 
Hadria   gerichtet   war. 2)     Der   119.  Meilenstein    stand  bei  S.  Maria 
a  Vico   oberhalb   des  Vibrata  11  Milben    von  Truentum;    der  Bei- 
name  der   Kirche  erhält   das   Andenken    des   vicus  Strament{arius) 
von  dessen  Hercules-  und  Kaisertempel  eine  Inschrift  meldet.3)    Aus 
den  Meilensteinen    ergiebt  sich   zwischen  Rom   und  Truentum    ein 
Abstand    von    130,    zwischen   Rom    und   Hadria  von    140  Millien, 
d.  h.  10  bezw.  20  Millien  weniger  als  der  Umweg  über  den  Tronto- 
pafs  und  Asculum  erfordert.     Aus  einem  doppelten  Grunde   erhellt 
dafs  nicht,  wie  das  Reisebuch  sagt,  die  Strafse  durch  das    Tronto- 
thal  (S.  426) ,  sondern    die  Strafse   durch   das  Vomanothal   als  der 
ursprüngliche  Zug   der  Staatstrafse  anzusehen    ist:    einmal  nämlich 
war  es  den  Römern  um  die  kürzeste,  sodann  um  die  sicherste  Ver- 
bindung mit  ihren   an   der  Adria  gegründeten  Festungen  zu  thun. 
Solche  würde  vom  guten  Willen  der  nichts  weniger  als  wolgesinn- 
ten  Picenter  abgehangen  haben,  wenn  der  Weg  über  Asculum  ein- 
geschlagen worden  wäre.     Seit  Ertheilung  des  Bürgerrechts  kamen 
derartige  Rücksichten   in  Fortfall;    vorher  hatte  die  Schlauheit  der 
römischen  Politik  das   foederirte    Picenum    mit   ihren    Staalstrafsen 


1)  CIL.  IX  p.  582  fg.  690  Eph.  epigr.  II  p.  199;  jedoch  ist  die  Lesung  und 
Deutung  erst  von  Hülsen  Not.  d.  Scavi  1896  p.  87  festgestellt  worden,  vgl. 
auch  Persichetti  Rom.  Mitth.  1898  p.  193. 

2)  Ein  Meilenstein  aus  dem  4.  Jahrhundert  N.  5958  bei  Poggio  Umbricchio 
am  oberen  Vomanus  gefunden  trägt  die  Ziffer  104,  ein  anderer  des  Consuls 
Metellus  117  v.  Chr.  N.  5953  bei  S.  Maria  a  Vico  unweit  S.  Omero  am  Sali- 
nello  die  Ziffer  119.  Da  der  Absfand  zwischen  beiden  Puncten  etwa  25  Millien 
beträgt,  so  ist  der  Strafsenzug  in  der  Kaiserzeit  um  10  Millien  länger  geworden, 
was  der  allgemeinen  Entwicklung  des  Strafsenbaus  durchaus  nicht  wider- 
streitet. Plin.  III44  beziffert  die  Entfernung  zwischen  Alsium  und  Gastruiti 
novum  auf  weniger  als  136  Millien. 

3)  Not.  d.  Sc.  1885  p.  167,  daher  Eph.  ep.  VIII  210. 


430  Kapitel  VII.    Plcenum. 

umgarnt,  aber  nicht  durchsponnen.  In  der  Kaiserzeit  mufs  der  Weg 
über  den  Vonianuspafs  unbeliebt  gewesen  sein,  weil  er  in  unseren 
Itinerarien  fehlt.  Nach  dem  Meilenstein  des  Consuls  Metellus  ist 
die  Via  Caecilia  117  v.  Chr.  kunstmäfsig  ausgebaut  worden;  ihre 
erste  Anlage  jedoch  wird  höher  hinauf  zu  rücken  sein. 

Die  Küstenstrafse  überschreitet  die  Flüsse  Vibrata  und  Salinello 
die  man  für  die  bei  Plinius  erwähnten  Albula  und  Helvinus  halten 
kann  (S.  412),  erreicht  hierauf  12  Millien  von  Truentum  Castrum 
novum  südUch  von  Giuhanova.i)  Der  unbedeutende  Ort  erhielt 
264  V.  Chr.  eine  Bürgercolonie  gleichzeitig  mit  der  Ansiedlung  einer 
latinischen  in  Firmum.  Auffallender  Weise  trägt  denselben  Namen 
eine  Bürgercolonie  bei  Civitavecchia  im  südlichen  Etrurien  die  nach 
unserer  Annahme  bald  nach  290  gestiftet  war  (S.  334):  eine  Ver- 
tauschung der  beiden  Gründungsjahre  ist  nicht  ausgeschlossen.  Von 
Augustus  ist  das  Colonialrecht  der  picenischen  Stadt  so  wenig  wie 
das  der  etrurischen  anerkannt  worden.  In  jener  heifst  der  Stadt- 
rat Senat,  die  Oberbeamten  Praetoren;  die  Tribus  ist  unbekannt. 
—  Eine  starke  Millie  weiter  mündet  der  Batinus  Tordino^),  an 
dessen  Nordufer  18  Millien  landeinwärts  die  Hauptstadt  des  Stammes 
Interamnia  Praetuttiorum  Teramo  liegt. 3)  Sie  nimmt  einen  Hügel 
(265  m)  am  Zusammenflufs  der  Vezzola  an  der  Nord-  und  des 
Tordino  an  der  Südseite  ein:  daher  rührt  der  in  Umbrien  und 
Campanien  wiederkehrende  Name,  der  bereits  an  einer  Stelle  der 
Feldmesser  in  Teramne  verkürzt  wird. 4)  Die  Gemeinde  war,  wie 
in  dieser  Region  üblich,  in  der  Tribus  Vehna  eingetragen.  Von 
ihren  Schicksalen  erfahren  wir  dafs  sie  sich  die  Ungnade  des  ersten 
Kaisers  zugezogen  hatte:  er  wies  einen  grofsen  Theil  der  Feldflur 
der  Militärcolonie  von  Asculum  zu,  so  dafs  Interamnia  von  dem 
Rang    eines    Municipium     zu     dem    eines    Conciliabulum     herab- 


1)  Velleius  I  14  Strab.  V  241  Plin.  III  110.  44  Ptol.  III  1,18  Feldm.  226.  254 
It.  Ant.  101.  308.  311  Tab.  Pent.  Geogr.  Rav.  IV  31  V  1  CIL.  IX  p.  491. 

2)  Plin.  HI  llü.  Man  kann  wie  I  341  geschehen,  mit  Kiepert  Helvinus  als 
Tordino  und  Batinus  als  Salinello  deuten,  aber  da  die  Hauptstadt  der  Prae- 
tuttier  am  Tordino  liegt,  erscheint  annehmbarer  auch  die  Mündung  als  im  ur- 
sprünglichen Besitz  dieses  Volkes  befindlich  zu  betrachten. 

3)  Ptol.  III  1,51  Feldm.  18  CIL.  IX  p.  485  Ptol.  "Ivre^ajuvia  Ethnikon  In- 
teramniles;  älteste  Erwähnung  in  der  Wegebauinschrift  der  Via  Caecilia  S.  429. 

4)  Feldm,  259,  das  ebd.  226.  255  begegnende  Inleramna  Paletino  1.  Pa- 
lestinae  ist  aus  Praelultiano  entstellt. 


§  2.     Die  Praetuttier.  431 

sank.i)  Es  felilt  deshalb  auch  indem  plinianischenVerzeichnifs  der  selbst- 
ständigen  Gemeinden  und  hat  erst  später  wieder  Municipalrecht  er- 
langt. In  der  Folge  kann  die  Stadt  nach  den  vorhandenen  Spuren, 
unter  denen  ein  Amphitheater  hervorgehoben  wird,  nicht  unerheb- 
lich gewesen  sein.  Dies  nimmt  um  so  weniger  Wunder  als  ihr 
Gebiet  trotz  der  Abtretungen  an  Asculum  recht  ausgedehnt  blieb  2), 
wird  doch  den  ehemals  foederirten  Praetuttiern  aufser  diesem  nur 
noch  ein  Gemeinwesen  zugesprochen:  Beregra  das  in  der  Census- 
liste  des  AugusUis  Aufnahme  gefunden  hat,  aber  für  uns  verschollen 
ist.3)  —  Von  der  Mündung  des  Vomanus  ist  diejenige  des  kleinen 
Matrinus  Piomba  11  Milben  entfernt. *)  An  letzterer  liegt  der  zu 
Hadria  gehörige  llafenort  Matrinum  18  Millien  von  Castrum  novum, 
11  von  Hadria,  14  von  Pinna,  mit  allen  drei  Städten  durch  Strafsen 
verbunden. ö)  Der  Vomanus  hält  die  Richtung  nach  Ostnordost,  der 
kaum  halb  so  lange  Matrinus  nach  Südost  ein:  die  Quellen  des 
letzteren  sind  dem  Vomanus  bis  auf  3  Milben  nahe  gerückt,  der 
Abstand  wächst  wie  gesagt  bis  auf  11  an  der  Mündung,  so  dafs  das 
umflossene  Hügelland  nahezu  die  Gestalt  eines  rechtwinkligen  Drei- 
ecks hat,  in  welchem  die  Hypotenuse  durch  den  kleinen,  die  beiden 
Katheten  durch  den  gröfseren  Flufs  und  das  Meer  dargestellt 
werden.  Eine  Kuppe  dieses  Hügellands  nimmt  Hadria  Atri  (442  m) 
ein. 6)  Wenn  Silius  von  hnmedata  Vomano  Hadria  redet,  so  beträgt 
doch  der  Abstand  gegen  4,  vom  Matrinus  gegen  2  Milben.  Der 
Gleichklang    des  Namens    mit    dem    venetischen   Atria    legte   Ver- 


1)  Diese  Angaben  Frontius  werden  erläutert  durch  die  Inschrift  N.  5074.  75, 
nach  welcher  zwei  Brüder  patroni  municipi  [Interamna]  et  coloniai  [Asculum] 
municipibus  coloneis  incoleis  hospitibus  adventoribus  lavationem  inperpetuom 
de  sua  pecunia  dant.  Da  die  Thernmen  nahe  bei  Teramo  lagen,  ist  es  in  der 
Ordnung,  dafs  das  Municipium  vorangestellt  wird.  Ob  es  diesen  Namen  hier 
zu  Recht  führt,  ist  bei  unserer  Unkenntnifs  der  Verfassung  eine  müfsige  Frage.  — 
Man  kann  freilich  mit  demselben  Recht  annehmen,  wie  S.  31  geschehen  ist, 
dafs  Interamnia  durch  Sulla  eine  Colonie  erhalten  habe,  dafs  mithin  Alt-  und 
Neubürger  unterschieden  werden. 

2)  Bei  Montorio  am  1.  Ufer  des  Vomano  befand  sich  ein  Vicus  mit  einem 
Herculestempel,  wie  die  alten  Inschriften  N.  5052-59  zeigen. 

3)  Es  lag  im  Binnenland  Plin.  III  111  Ptol.  III  1,51  Feldm.  259. 

4)  Strab.  V241  Ptol.  III  1,17. 

5)  Strab.  V  241 ;  Tab.  Peut.  Geogr.  Rav.  V  1  Guido  70  geben  alle  drei  das 
verschriebene  Macrinum,  vgl.  Mela  II  65  castella  Firmum  Hadria  Truentinum. 

6)  Strab.  V  241  Plin.  HI  110  Ptol.  III  1,45  Feldm.  227.  252  It.  Ant.  306.  308. 
310.  313  Tab.  Peut.  Sil.  It.  VIII  437  CIL.  IX  p.  480. 


432  Kapitel  VII,    Picenum. 

wechslungen  nahe:  um  solche  zu  vermeiden  wird  in  den  Inschriften 
bei  der  picenischen  Stadt  die  Aspiration  festgehalten,  aufserdem  die 
Tenuis  durch  die  Media  ersetzt;  denn  ursprünglich  hat  sie,  wie  die 
Kupfermünzen  mit  der  Aufschrift  Hat  beweisen,  Hatria  geheifsen. 
Aber  freilich  wird  die  Regel  nicht  streng  gehandhabt:  den  Schrift- 
stellern welche  die  Adria  mit  dem  Hauchlaut  schreiben,  ist  sie  nicht 
in  Fleisch  und  Blut  übergegangen J)  Dies  erhellt  aus  dem  Umstand 
dafs  die  Herleitung  des  Meeres  von  dem  venetischen  Stadtnamen 
vor  Hadrian  niemals  in  Zweifel  gezogen  worden  ist:  erst  nach 
diesem  Kaiser  der  seine  Herkunft  auf  das  picenische  Hadria  zurück- 
führte und  in  ihm  die  Quinquennalität  übernahm,  hat  dieses  den  Ruhm 
beanspruchen  können  dafs  das  Meer  seinen  damals  weit  reichenden 
Namen  (1  90)  ihm  verdanke.2)  Wenn  also  die  beiden  Städte  nur 
in  der  amtlichen  Schreibweise,  nicht  in  der  Aussprache  unter- 
schieden wurden,  so  erklärt  sich  die  Namensgleichheit  einfach  aus 
der  Verwandtschaft  ihrer  beiderseitiger  Gründer.  Dafs  die  Stadt 
am  Po  von  Venetern  erbaut  worden,  steht  fest  (S.  216);  dafs  der 
ager  Hadrianus  einst  im  Besitz  der  Liburner  gewesen  sei ,  wird 
glaubhaft  übediefert.  Die  Römer  haben  bald  nach  290  v.  Chr.  eine 
latinische  Colonie  hergeführt,  die  in  feindseliger  Umgebung  wacker 
aushielt,  i)  Trotz  ihres  Abstands  von  der  Küste  der  auf  der  kürzesten 
Linie  6  Millien  beträgt,  hat  sie  ähnhch  wie  Firmum  Handel  ge- 
trieben: von  beiden  Städten  ist  in  Kupfer  gemünzt  worden.  Wann 
sie  Bürgerrecht  und  Aufnahme  in  der  Tribus  Maecia  erlangte,  ist 
unbekannt.  Sodann  wurde  sie  Colonie  und  steht  als  solche  im 
Verzeichnifs  des  Augustus:  ihr  Name  Veneria  kann  von  der  Schutz- 
patronin Sulla's  (S.  31)  oder  aber  von  der  Stammutter  des  iulischen 
Geschlechts  entlehnt  sein.  Bei  der  ersten  Annahme  hat  eine 
doppelte,  bei  der  letzten  eine  einfache  Ansiedlung  von  Veteranen 
stattgefunden :  um  die  Frage  zu  entscheiden  fehlt  ein  sicherer  An- 
halt. Die  Festigkeit  der  Lage  hat  den  Fortbestand  der  Stadt  bis 
auf  die  Gegenwart  gesichert. 


1)  Piin.  III  120  Atrialicum  mare  ante  appellatur  quod  nunc  Hadriaticujn 
vgl.  191  A.  4.  Die  Aspiration  ist  klärlich  in  Anlehnung  an  die  Griechen  fallen 
gelassen,  während  die  Aussprache  sie  festhielt. 

2)  Vita  Hadr.  1,1  19,1  Aur.  Vict.  ep.  28  Paul.  h.  Lang.  II  19. 

3)  Liv.  XI  XXII  9  XXVII  10  Pol.  III  88. 


KAPITEL  VIII. 


Der  Hochappennin. 

In  den  vorausgehenden  Abschnitten  konnte  die  Regionenein- 
theilung  des  Augiistus  zu  Grunde  gelegt  werden ,  weil  diese  den 
natürlichen  und  historischen  Verhältnissen  volle  Rechnung  trug. 
Fortan  ist  ein  so  einfaches  Verfahren  nicht  mehr  möglich :  der 
Kaiser  hat  die  Liste  der  Gemeinden  in  der  Mitte  und  im  Süden 
der  Halbinsel,  ohne  die  Naturgrenzen  einzuhalten  und  ohne  die 
frühere  Zusammengehörigkeit  zu  beachten ,  nach  politischen  Ge- 
sichtspuncten  geordnet  denen  eine  dauernde  oder  durchschlagende 
Bedeutung  nicht  eingeräumt  werden  darf.  Vielmehr  wird  die  Dar- 
stellung der  Landschaften  die  bis  auf  Sulla  die  römische  Herrschaft 
bekämpft  haben,  vornehmlich  der  nationalen  Eigenart  jeder  einzelnen 
gerecht  zu  werden  suchen,  insofern  die  Kämpfe  um  die  Einigung 
Italiens  unserer  Bildung  anziehender  erscheinen  als  die  einförmigen 
Zustände  unter  der  Monarchie.  Die  vierte  Region  umfafst  nach 
Plinius'  Worten  die  tapfersten  Stämme  Italiens:  Frentaner  Marru- 
ciner  Paeligner  Marser  Aequer  Vestiner  Samniten  Sabiner,  d.  h.  die 
heutigen  Provinzen  Chieti  Aquila  Campobasso  nebst  den  Kreisen 
Penne  Rieti  und  einem  Stück  von  Latium,  insgesamt  einen 
Flächenraum  von  rund  18000  Dkm  330  d.  D  Meilen.  Im  W^esten 
ist  sie  bis  zum  Unterlauf  des  Anio  vorgeschoben,  gemäfs  der  Vor- 
liebe der  Alten  die  Grenze  durch  Flüsse  zu  bestimmen ,  wodurch 
denn  freilich  Tibur  Nomentum  Fidenae  aus  ihrem  natürHchen  und 
historischen  Zusammenhang  losgerissen  werden.  Im  Süden  über- 
springt sie  die  Gebirgsscheide  (I  240)  und  schliefst  die  samnitischen 
Cantone  der  Caracener  und  Pentrer  ein.  Der  Kaiser  hat  das  alte 
Samnium  zerstückelt  und  an  drei  verschiedene  Regionen  über- 
wiesen (l  531):  darin  gelangt  einerseits  die  Furcht  und  der  Hafs 
die  Rom  gegen  den  Todfeind  hegte,  zum  Ausdruck,  anderseits  das 

Nissen,  Ital.  Landeskunde.    II.  28 


434  Kapitel  VIIT.     Der  Hochappennin. 

Bestreben  möglichst  gleichartige  Landschaften  in  den  gröfseren  Ver- 
bänden zu  vereinigen.  In  der  ganzen  vierton  Region  tritt  die 
städtische  Entwicklung  zurück,  die  sogenannten  Städte  w^erden  von 
den  Alten  als  blofse  Dörfer  betrachtet^),  Augustus  spricht  nur  einer 
einzigen  das  Recht  als  Colonie  zu.  Wenn  nun  gerade  in  diesen 
dem  Weltverkehr  entrückten  Gauen  91  v.  Chr.  die  Bundeshauptstadt 
Italia  gegründet  wurde,  so  erbhcken  wir  den  die  ältere  Geschichte 
beherrschenden  Gegensalz  von  Hoch-  und  Tiefland  Ebene  und  Ge- 
birg hier  am  Stärksten  ausgeprägt  (l  340).  Als  die  Marser  den 
Römern  Fehde  ansagten,  war  es  zu  spät  um  dem  Schicksal  in  die 
Zügel  zu  fallen.  Hätten  die  Cantone  einige  Jahrhunderte  zuvor  in 
voller  Eintracht  den  Städten  die  Spitze  geboten ,  so  würden  sie 
siegreich  ihre  Freiheit  behauptet  haben.  Aber  das  Gebirge  befördert 
die  Spaltung  und  Vereinzelung  der  Stämme.  Sprache  und  Schrift 
der  Abruzzen  ist  nicht  oskisch  wie  in  Samnium  (I  509).  Dem 
heifsen  Ringen  zwischen  Samnium  und  Rom  schauen  die  Mittel- 
stämme unthätig  zu  oder  leihen  diesem  ihren  Beistand.  Nun  und 
nimmermehr  hätten  die  Römer  in  Apulien  Fufs  fassen  und  dem 
Gegner  den  Zugang  zum  Meer  versperren  können,  wenn  nicht  die 
Pässe  der  Abruzzen  für  den  Durchmarsch  offen  gewesen  wären. 
Sicherlich  war  es  eine  arge  Thorheit  die  im  4.  und  zu  Anfang  des 
3.  Jahrhunderts  dem  Latiner  die  Hand  reichen  hiefs  zum  Schaden 
des  sabinischen  Bruders  im  Süden.  Der  Groll  den  die  Uebergriffe 
der  Samniten  bei  den  schwächeren  Nachbarn  angehäuft  hatten,  bietet 
keine  genügende  Erklärung  für  ein  so  kurzsichtiges  Verhalten.  Ich 
vermute  dafs  wichtige  Lebensfragen  im  Spiel  waren.  Durch  Vieh- 
zucht gewinnt  der  Gebirgsbewohner  vornehmlich  seinen  Unterhalt. 
Noch  immer  weiden  zahlreiche  Heerden  auf  den  Matten  des  Appennin : 
vor  der  greulichen  VValdverwüstung  war  die  Nahrung  in  gröfserer 
Fülle  bereitet,  in  alten  Zeiten  hat  die  Sennerei  in  den  Hochlanden 
ohne  Zweifel  die  Ackerwirtschaft  an  Bedeutung  übertroffen.  Nach 
der  Herbstnachtgleiche  wird  es  auf  den  Bergen  zu  kalt,  Hirt  und 
Heerde  ziehen  an  die  Küste  um  zu  überwintern.  Ihr  Hauptquartier 
ist  die  apulische  Steppe.  Was  wir  über  die  Regelung  dieser  ver- 
wickelten Verhältnisse  wissen,  wird  Kapitel  XIV  1  dargelegt  werden. 
Der  Durchzug  der  Heerden  und  das  Weiderecht  mufs  eine  Quelle 
unablässiger  Streitigkeiten  unter  den  Stämmen  gewesen  sein.     Durch 


1)  Strab.  V  228.  241.  250. 


Der  Hochappennin.  435 

(leo  Sieg  bei  Gaudium  321  hatteo  die  Saaioiten  die  Macht  in  Apulien 
erlangt  und  nutzten  sie  rücksichtslos  aus.  Dals  die  wirlschafiliche 
Verbindung  der  Küstenstädte  und  des  Hochlands  der  Abruzzen  älter 
sei  als  die  römische  Herrschaft,  wird  nirgends  ausdrücklich  gesagt. 
Wol  aber  würde  sich  unter  dieser  Voraussetzung  die  Parteinahme 
beider  gegen  Samnium  auf  das  Schönste  erklären,  i) 

Wir  behandeln  in  diesem  Kapitel  die  vierte  Region  mit  Aus- 
schlufs  Samniums  und  der  oben  genannten  Latinerstädte,  also  das 
I  236  fg.  geschilderte  sabellische  Gebirgsviereck  nebst  dessen  Ab- 
dachung zur  Adria,  ein  Gebiet  von  rund  11000  n  km  200  d.  GM. 
Zwei,  wenn  man  will  drei  Heerstrafsen  durchziehen  das  Land,  Rom 
mit  der  Adria  verbindend:  im  Norden  die  via  Salaria  und  Caedlia 
von  deren  Uebergang  nach  Picenum  S.  429  die  Rede  war,  im  Süden 
die  via  Valeria.  Während  die  Salaria  nach  Ausweis  ihres  Namens 
vor  die  Zeit  der  römischen  Herrschaft  hinauf  reicht,  die  Gaecilia 
117  V.  Chr.  ausgebaut  wurde,  kann  der  Bau  der  Valeria  dem  Gensor 
von  154  M.  Valerius  Messala  zugeschrieben  werden. 2)  Das  Reise- 
buch rechnet  von  Rom  nach  Hadria,  da  es  die  Gaecilia  übergeht 
(S.  430),  148  Millieu  und  bezeichnet  die  ganze  Strecke  als  Via 
Valeria. 3)  Streng  genommen  fängt  diese  aber  erst  bei  Tibur  an, 
das  20  Milben  lange  Stück  von  Rom  bis  dorthin  ist  älteren  Ur- 
sprungs und  trägt  amtlich  den  Namen  via  Tiburtina.^)  Von  Tibur 
führt  sie  nach  den  latinischen  Golonien  Carsioli  und  Alba  Fucens, 
läuft  am  Nordufer  des  Fuciner  Sees  bis  Cerfennia  Gollarmele,  von 
wo  sie  über  den   1150  m  hohen  Pafs  des  mons  Imeus  Forca  Garuso 


1)  Liv.  IX  13  unter  dem  J.  31S:  exercilus  alter  cum  Papirio  consule  locis 
inaritimis  pervenerat  Jrpos  per  omnia  pacata  Samnitium  magis  iniuriis  et 
odio  quam  beneficio  ullo  populi  Romani.  nam  Samnites  ea  tempestate  in 
montibtis  vicatim  habitantes  campestria  et  maritima  loca  contempto  cultorum 
molliore  alque  ut  evenit  fere  locis  simili  genere  ipsi  montani  atque  agrestes 
depopulabantur.  qjiae  regio  si  fida  Samnitibus  fuisset,  aut  pervenire  Arpos 
exercitus  Romamis  nequisset,  aut  inleriecta  inter  Romam  et  Arpos  penuria 
rerum  omnium  exclusos  a  commeatibus  absumpsisset. 

2)  Ausgeschlossen  sind  die  Valerier  die  307  und  184  die  Gensur  bekleideten  : 
der  erste,  weil  das  römische  Gebiet  damals  den  Gang;  der  Strafse  nicht  ein- 
schlofs,  der  zweite,  weil  die  Thatsache  in  dem  ausführlichen  Bericht  über 
dessen  Arbeiten  nicht  vorkommt.  An  den  Gensor  von  252  zu  denken  ver- 
bieten die  allgemeinen  Erwägungen,  die  S.  52 fg.  dargelegt  wurden,  ganz  ab- 
gesehen von  der  Geldnot  des  panischen  Krieges. 

3)  It.  Ant    308  fg. 

4)  Strab.  V  238  Tab.  Peut.  GIL.  IX  4965. 

28* 


436  Kapitel  VIII.     Der  Hochappennin. 

nach  Corfinium  gelangt  um  fortan  dem  Aternus  bis  zur  Küste  zu 
folgen.  1)  Ob  die  gesamte  Anlage  in  das  J.  154  v.  Chr.  gehört, 
kann  deshalb  bezweifelt  werden  weil  die  zweite  Hälfte  in  bundes- 
genössisches  Gebiet  fällt.  Indessen  ist  die  strategische  Wichtigkeit 
dieser  Linie  eine  so  grofse  dafs  Rom  füglich  nicht  nur  das  Durch- 
zugsrecht bei  den  Friedensschlüssen  304  und  301  gewahrt,  sondern 
später  auch  die  Abtretung  des  Weges  erlangt  haben  wird.^)  Zwar 
läfst  Strabo  die  Via  Valeria  bei  Corfinium  enden:  aber  buchstäblich 
gefafst  wäre  die  Angabe  sinnlos  und  stände  im  Widerspruch  mit 
einem  urkundlichen  Zeugnifs.3)  Ein  Meilenstein  belehrt  uns  näm- 
lich dafs  Claudius  während  seiner  Censur  48/49  n.  Chr.  eine  via 
Claudia  Valeria  von  Cerfenniabis  zur  Mündung  des  Aternus  chaussirt 
und  mit  Brücken  versehen  habe:  vom  erstgenannten  Ort  aus  werden 
die  Meilen  gezählt.  Der  Doppelname  beweist  unwiderleglich  dafs  es 
sich  nicht  um  ein  völlig  neues  Werk,  auch  nicht  um  blofse  Herstellung, 
sondern  um  die  Umgestaltung  eines  älteren  Werkes  handelt,  als 
dessen  Urheber  fortan  Censor  Claudius  und  sein  Vorgänger  Valerius 
gelten  sollen. 4)  Die  hierbei  nicht  berührte  Hälfte  nach  Rom  zu 
ist  97  von  Nerva,  endlich  305/6  unter  Constantius  mit  anderen 
mittelitalischen  Strafsen  hergestellt  worden.  Das  fehlende  Binde- 
glied zwischen  der  Salaria  und  Valeria  hat  Claudius  47  n.  Chr.  er- 
gänzt, indem  er  die  via  Claudia  nova  von  Foruli  Civita  Toraassa 
bis  zum  ZusammenÖufs  des  Tirimis  Tirino  und  Aternus  47  192  Schritt 
lang  erbaute.5)  Ferner  entnehmen  wir  den  Reisebüchern  dafs  die 
Fortsetzung  nach  Süden  durch  das  Hochthal  der  Paeligner  über 
das  Piano  di  Cinque  Miglia  zum  Anschlufs  an  das  Strafsennetz 
Samniums  —  wir  wissen  nicht  von  wem  —  ausgebaut  worden 
ist. 6)  Nicht  ohne  Grund  wird  vermutet  dafs  dies  die  von  Cicero 
erwähnte  via  Minucia  sei:  trifft  solches  zu,  so  würde  die  Anlage 
mindestens  ein  Jahrhundert  früher  fallen   als  diejenige  des  Kaisers 


1)  lt.  Ant.  308  fg.  101  Tab.  Peut.  Geogr.  Rav.  IV  34.  35  CIL.  IX  p.  586  fg. 

2)  Landabtretungen  werden  den  Paliniern  (unbekannt  S.  446  A  1)  305  auf- 
erlegt Diod.  XX  90. 

3)  Strab.  V  238  CIL.  IX  5973. 

4)  Dies  tritt  besonders  deutlich  durch  die  Namengebung  der  gleichzeitigen 
Claudia  nova  zu  Tage.  Uebrigens  war  die  Erneuerung  der  Valeria  bereits 
von  Caesar  geplant  gewesen  Suet.  44. 

5)  CIL.  IX  5959.  3384.  85. 

6)  It.  Ant.  102  Tab.  Peut,  Geogr.  Rav.  IV  35. 


§  1.    Die  Vestiner.  437 

Claudius.!)  —  Am  Ausgang  des  Altertums  erfährt  Censor  Valerius 
die  Ehre  dafs  nach  ihm  bezw.  seiner  Strafse  die  provincia  Valeria 
benannt  wird.  Diese  zuerst  399  n.  Chr.  erwähnte  Provinz  ist  von 
Grofs-Picenum  abgetrennt  (S.  413),  steht  unter  einem  Praeses  und 
befafst  die  Landschaften  westlich  vom  Centralappennin  mit  Tibur 
Reate  Nursia  Amiternum  Corfinium  Sulmo  und  dem  Fuciner  See, 
also  die  vierte  augustische  Region  nach  Abzug  Samniums  und  des 
adriatischen  Küstenlandes.^)  —  In  der  Censushste  des  Augustus  sind 
die  Gemeinden  innerhalb  der  4.  Region  nach  den  einzelnen  Stämmen 
geordnet.  Für  uns  ist  die  nämliche  GHederung  aus  historischen 
Rücksichten  geboten.'^) 

§  1.  Die  Vestiner. 
Der  nach  Ost  gewandte  Stock  des  mons  Fiscellus  Gran  Sasso  d'Itaha 
(I  237)  erhebt  sich  in  Mitten  der  Praetuttier  Sabiner  und  Vestiner: 
ein  Versuch  die  Weiden  der  drei  gegen  einander  abzugrenzen  wäre 
ebenso  zweck-  als  aussichtslos.  Wo  der  Gebirgskamm  wieder  nach 
Süden  umbiegt,  wird  die  Hohe  geringer;  die  Gipfel  nehmen  nach 
dem  Aternus  zu  ständig  ab,  der  letzte  Rocca  Tagliata  mifst  nur 
975  m.  In  Folge  dessen  stellt  diese  das  Massiv  des  Gran  Sasso 
mit  der  Maiella  verbindende  Kette  kein  schweres  Hindernifs  für  den 
Verkehr  zwischen  West  und  Ost  dar:  ein  begangener  Pafs  wie  die 
Forca  di  Penne  liegt  917  m  ü.  M.  Hieraus  erklärt  sich  dafs  die 
Vestiner  von  dem  Hochthal  des  Aternus  bis  an  die  Küste  vorrücken 
konnten  ohne  sich  in  zwei  Theile  zu  spalten.  In  geschlossener 
Einheit  wohnt  das  Volk  von  dem  Grenzgebirge  del  Sirente  bis  an 
das  70  km  entfernte  Meer,  während  sein  Gebiet  von  Nord  nach 
Süd  sich  nur  20—30  km  erstreckt:  wir  schätzten  den  Flächeninhalt 
auf  35  d.  D  M.  (I  517).  Der  Gegensatz  zwischen  den  Hügeln  des 
Subappennin  mit  150— 200  m  mittlerer  Erhebung  und  dem  6— 700  m 
hoch  gelegenen  Aternusthal  samt  seinen  Bergen  fällt  in  die  Augen : 

1)  Cic.  AU.  IX  6,1  Horaz  Ep.  I  18,20. 

2)  Not.  Dign.  Occ.  6.  64  Cod.  Theod.  IX  30,5  dazu  Gothofr.  Feldm.  228 
Paul.  h.  Lang.  II  20. 

3)  Quellen:  Pol.  II  24,12  Strab.  V  228.  241  Plin.  III  106—9  Ptol.  lU  1,17. 
48-50.  52.  53.  55  CIL.  IX  p.  282—478  (Mommsen)  Eph.  ep.  VIII  p.  27-50 
(Ihm)-  Nicola  Gorcia,  Storia  delle  due  Sicilie  3  vol.,  Napoli  1843 fg.,  enthält 
eine  Topographie  des  festländischen  Königreichs  im  Altertum.  Von  der 
italienischen  Generalslabskarte  kommen  ßl.  132.  138—41.  144—46.  151.  52 
in  Betracht. 


438  Kapitel  VIII.     Der  Hochappennin. 

trotzdem  hat  eine  vestinische  Volksgemeinde  bis  zur  Erlangung  des 
römischen  Bürgerrechts  bestanden.  Die  Alpenwirtschaft  zu  der  das 
Land  vorzugsweise  berufen  war  (1517  A.  10),  hat  das  Emporkommen 
von  Städten  nicht  befordert;  die  Ortschaften  welche  die  Annalen 
325  V.  Chr.  von  den  Römern  erstürmen  lassen ,  werden  recht  un- 
bedeutend gewesen  sein.  Ungleich  den  anderen  Cantonen  der 
Abruzzen  halten  die  Vestiner  beim  Ausbruch  des  grofsen  Kriegs 
Partei  für  Samnium  ergrifl'en,  wurden  alsbald  niedergeworfen  und 
am  Ende  des  Kriegs  301  v.  Chr.  unter  die  römischen  Bundesge- 
nossen aufgenommen.  Als  solche  stellen  sie  Truppen  unter  ihrer 
Landesfahne,  prägen  auch  Landesmünze  (S.  73),  da  der  Besitz 
eines  Ausfuhrhafens  zum  Seehandel  ermunlerte.i)  Im  Laufe  der 
nächsten  Jahrhunderte  lockert  sich  der  Zusammenhang  der  Gaue: 
während  die  Volksgemeinde  eifrig  an  der  Erhebung  von  91  v.  Chr. 
theilnimmt,  hält  Pinna  mit  zäher  Verbissenheit  an  Rom  fest.^)  Mit 
der  Aufnahme  in  den  Bürgerverband  und  zwar  in  die  Tribus  Quirina 
ging  die  Auflösung  der  Volks-  in  mehrere  Stadtgemeinden  Hand  in 
Hand.  Die  Zahl  hat  geschwankt:  wenn  die  Liste  bei  IMinius  un- 
versehrt ist,  wie  es  den  Anschein  hat,  so  erkannte  Augustus  nur 
drei  an;  doch  sind  ihrer  fünf  aus  den  Inschriften  nachweisbar.  Es 
verdient  Beachtung  dafs  die  Angehörigen  dem  Stadtnamen  den  Volks- 
namen beizufügen  pflegen.  Man  wird  ohne  Kühnheit  vermuten 
dürfen  dafs  die  Opfer  und  Feste  der  alten  Landschaft  fortgefeiert 
wurden,  auch  nachdem  diese  aller  politischen  Rechte  entkleidet  war.3) 
Vom  Küstensaum  behaupten  die  Vestiner  kaum  10  km.  Im 
Norden  bezeichnet  der  Matrinus  Piomba  die  Grenze  gegen  das  Ge- 
biet von  Hadria  (S.  409).  Etwa  1  km  weiter  mündet  der  Salino. 
Im  Bereich  dieser  beiden  Flüsse  lag  ein  Salzwerk,  da  die  Reisekarte 
eine  Station  [ad]  Salinas  vermerkt.  Die  ebendort  zu  beiden  Seiten 
der  Station  erwähnten  fl.  Comara  und  Sannum  sind  derart  gedeutet 
worden  dafs  jener  auf  den  Quellarm  Fino  bezogen,  dieser  aus  Sa- 
linus  entstellt  sein  soll:  doch  scheint  dies  höchst  unsicher  (S. 428A.  8). 
Der  Sahno  entsteht  aus  der  Vereinigung  des  Fino  und  Tavo,  von  denen 
jener  an  der  Nord-,  dieser  an  der  Südostseite  der  Kette   des  Gran 


1)  Liv.  VIII  29  X  3  XLIV  40  Ennius  Ann.  280  Vahlen. 

2)  Liv.  LXXII  LXXV  Oros.  V  18,8.  14.  25  App.  b.  civ.  I  39  Diod.  XXXVII 
20.  21  Cornif.  Rhel.  II  45  Val.  Max.  V  4,  ext.  7. 

3)  Giovenazzi,  Deila  cittä  di  Aveia  ne'   Veslini  ed   altri   luoghi  di  antica 
memoria,  Roma  1773.  4. 


§  1.     Die  Vestiner.  439 

Sasso  enlspringt.  In  dem  von  beiden  Seiten  umströmten  Hügelland 
liegt  438  m  ü.  Meer  20  km  von  diesem  entfernt  Pinna  Vestina 
Civita  di  Penne,  i)  Die  Stadt  ist  berühmt  geworden  durch  ihre  An- 
hänglichkeit an  Rom,  als  sie  von  den  italischen  Bundesgenossen 
nach  lauger  Belagerung  schliefslich  ausgehungert  wurde;  nach  einer 
anderen  übrigens  unklaren  Nachricht  wäre  sie  im  nämlichen  Kriege 
später  von  einem  romischen  Heer  umzingelt  gewesen."^)  Auch  in 
der  nachfolgenden  langen  Friedenszeit  hat  sie  ihrer  Wehr  nicht 
vergessen:  wir  hüren  z.  B.  dafs  die  Quattuorviru  auf  Geheifs  des 
Stadtrats,  der  hier  Senat  heifst,  einen  Thurm  für  4936  Sesterzen 
ausbessern  lassen,  Das  wilde  Volk  der  Jäger  und  Hirten  im  nahen 
Gebirg  wie  es  geschildert  wird  3): 

Omnibus  in  pugnam  fertur  sparus,  omnibus  alto 
assuetae  volucrem  caelo  demittere  fundae, 
pectora  pellis  obit  caesi  venatibus  ursi, 
übte  sei  es  durch  sein  Beispiel  sei  es  durch  eingeflofste  Sorge  auf 
den  Städter  eine  kräftigende  Wirkung  aus.  Von  der  Mauer  wie 
von  anderen  Bauten  des  Altertums  sind  geringe  Reste  erhalten.  — 
Die  Grenze  des  vestinischen  Küstengebiets  nach  Süden  wird  durch 
den  gröfsten  der  adriatischen  Flüsse  (I  339-  343)  den  Aternus  ge- 
bildet. 4)  Strabo  kennt  nur  eine  Schiffbrücke  die  3  Millien  von 
Corfinium  denselben  überschreitet,  so  dafs  die  alte  Via  Valeria  am 
linken  Flufsufer  gelaufen  sein  mufs.s)  Dagegen  hat  die  Claudia 
Valeria  aufserhalb  der  Enge  dreimal,  wie  die  vorhandenen  Brücken- 
pfeiler zeigen,  das  üfer  gewechselt:  es  ist  also  ganz  in  der  Ordnung 
wenn  der  bei  Teate  gefundene  Meilenstein  den  Brückenbau  aus- 
drücklich heivorheht  (S.  436).  Die  Strafse  endigt  in  Ostia  Aterni, 
nach  griechischem  Vorgang  auch  wol  Aternum  genannt,  dem  Hafen- 
platz der  Vestiner  dessen  Benutzung  wie  es  scheint  vertragsmäfsig 


1)  Die  Handschriften  schwanken  zwischen  der  Form  Pinna  und  Penna  : 
Coinific.  II  45  Vesiini  Pejvienses,  ebenso  Plin.  III  107;  dagegen  UivvTJrat  Diod. 
XXXVII  20  Pinna  Feslina  Vilruv  VIII  3,5  Val.  Max.  V  4,  ext.  7  Sil.  It.  VIII  517 
Feldm.  227.  257  Ptol.  III  1,52  Tab.  Peut.  Geogr.  Rav.  IV  31  V  1  Paul.  h.  Lang. 
II  19.     Inschrifilicb  kommt  der  Name  nicht  vor  CIL.  IX  p.  317. 

2)  Diod.  XXXVII  20.  21  Gornific.  Rliet.  II  45  Val.  Max.  V  4,  ext.  7. 

3)  Sü.  II.  VIII  521. 

4)  Die  Schreibung  Atternus  GIL.  IX  5959  steht  vereinzelt  da. 

5)  Strab.  V  242,  um  die  Brücke  entspinnt  sich  49  bei  Caesars  Anmarsch 
ein  Gefecht  Gaes.  b.  civ.  I  IC  Lucnn.  II  481  fg. 


440  Kapitel  VIII.     Der  Hochappennin. 

auch  Paelignern  und  Marrucinero  freistand.')  Er  unterhielt  einen 
regelmäfsigen  Verkehr  mit  lllyrien,  namentlich  mit  dem  1500  Stadien 
=  30  d.  Meilen  entfernten  Salona.2)  Die  Ortschaft  lag  an  beiden 
durch  eine  Brücke  verbundenen  Ufern,  die  Nekropole  am  linken. 
Die  letzten  Ueberreste  verschwanden  als  Karl  V  am  rechten  Ufer 
die  kleine  Festung  Pescara  erbaute.  Der  Name  ist  dem  Flufs  ent- 
lehnt; denn  dieser  ist  am  Ausgang  des  Altertums  in  Piscaria  um- 
getauft worden. 3)  —  Nach  der  Auflheilung  der  Landschaft  an  einzelne 
Städte  hat  Ostia  Aterni  augenscheinlich  zu  Angulus  gehört. 4)  Dafs 
dies  halb  verschollene  Gemeinwesen  eigene  Verwaltung  hatte  und 
im  vestinischen  Küstenland  zu  suchen  ist,  steht  vollkommen  fest; 
seine  Oerthchkeit  ist  noch  nicht  mit  Sicherheit  ermittelt.  Immer- 
hin berechtigen  die  in  Spoltore  (203  m)  zu  Tage  geförderten  In- 
schriften diesen  5  Millien  von  Pescara  entfernten  Flecken  oder 
dessen  nähere  Umgebung  mit  Mommsen  als  die  gesuchte  Stätte  zu 
betrachten.  Jedesfalls  ist  die  seit  Cluver  beliebte  Verlegung  nach 
Civita  S.  Angelo  eine  irrtümliche.  Angulus  war  in  der  Censusliste 
des  Augustus  aufgeführt,  mag  aber  durch  den  nahen  Hafen  über- 
flügelt worden  sein. 

In  dem  Hochland  westlich  von  der  Hauptkette  hat  die  Ein- 
führung der  Stadtverfassung  gröfsere  Schwierigkeiten  bereitet  als  an 
der  Adria,  weil  das  städtische  Leben  minder  entwickelt  war.  An- 
fänglich wurden  mehrere  Gerichtsprengel  gebildet  und  durch  all- 
jährlich vom  römischen  Praetor  bestellte  Praefecten  versorgt.  In 
der  Hand  von  Praefecten  verblieb  die  Rechtsprechung  auch  unter 
den  Caesaren,  aber  in  der  Anordnung  der  Sprengel  trat  ein  mehr- 
facher Wechsel  ein.  Augustus  zog  seinem  überall  befolgten  System 
möglichst  grofse  Verwaltungskörper  zu  schaffen  entsprechend 
das  vestinische  Gebiet  westlich  vom  Appennin  das  etwa  20  d.  Q  M. 
befafst,   in    einen   einzigen    mit  dem  Sitz    in  Peltuinum  zusammen. 


1)  Ostia  Aterni  Mela  II  65  Vib.  Sequ.  p.  147  Riese  It.  Ant.  313  Tab.  Peut. 
CIL.  IX  5973.  Aternum  Strab.  V  241,  At.  vicus  It.  Ant.  101,  It.  mar.  497  Feldm. 
226.  253  Marc.  Gomes  a.  538  (Chron.  min.  II  p.  105). 

2)  It.  mar.  497  CIL.  IX  3337. 

3)  Paul.  h.  Lang.  II  19.  20. 

4)  Plin.  HI  107  Ptol.III  1,52  It.  Ant.  313  CIL.  IX  p.  316.  Das  Reisebuch 
setzt  Angelum  zwischen  Ostia  Aterni  und  Ortona  mit  falschen  Ziffern:  die 
Anordnung  ist  so  zu  erklären,  dafs  ein  Abstecher  von  der  Hauptroute  hier  ein- 
geschoben ist;  von  Ostia  Aterni  nach  Angulus  sind  5,  nach  Ortona  16  Millien 
und  diese  Ziffern  wird  man  in  den  Text  aufnehmen  können. 


§  1.     Die  Vesliner.  441 

Als  in  der  Folge  besonders  seit  der  Anlage  der  Claudia  nova  die 
ganze  Gegend  sich  hob,  sind  Aveia  und  Aufinum  wieder  abgetrennt 
worden.  Spuren  der  ehemaligen  Selbständigkeit  der  Gaue  begegnen 
mehrfach. —  Innerhalb  des  mächtigen  Felsenthors  das  den  Austritt  zur 
Adria  gewährt  (I  340),  nimmt  der  Aternus  den  von  Norden  kommen- 
den 16  km  langen  Tirinus  Tritano  auf.')  An  dem  Zusammenflufs 
ad  Conflueutes  befand  sich  eine  Ortschaft  bei  der  die  Claudia  nova 
in  die  Claudia  Valeria  einmündete  (S.  436).^)  Das  Thal  des  Tirinus 
oder  von  Capestrano,  wie  es  jetzt  heifst,  wird  im  Norden  von  .4m- 
fina  Ofena  (591  m  ü.  M.  18  km  vom  Aternus)  überragt. 3)  Die  Ge- 
meinde der  Außnates  erstreckte  sich  ehedem  über  den  Haupt- 
kamm ins  Küstenland  hinüber:  durch  Augustus  wurde  die  Osthälfte 
zu  Pinna  geschlagen,  der  Westen  (die  cismontani)  mit  Peltuinum 
vereinigt.  Aber  im  zweiten  Jahrhundert  hat  Aufina  wieder  einen 
eigenen  Praefecten,  ist  also  wenigstens  vorübergehend  selbständig, 
wie  es  auch  altes  Bistum  gewesen.*)  —  Die  Hauptstadt  des  ganzen 
Bezirks  West  vom  Appennin  ist  Peltuinum  (877  m)  an  der  Via 
Claudia  nova.^)  Die  vorhandenen  Ruinen  der  Stadtmauer  eines 
Amphitheaters  aus  Netzwerk  und  anderer  Gebäude  künden  dies  schon 
an.  Die  Stätte  heifst  seit  dem  Mittelalter  Civita  Ansidonia  (S.  310), 
aber  die  Pfarrkirche  des  nahen  Prata  S.  Paulus  ad  Peltinum  oder 
adPlutinum  hat  den  ursprünglichen  Namen  bewahrt.  Die  schwankende 
Abgrenzung  des  Gerichtsprengeis  tritt  im  Sprachgebrauch  der  In- 
schriften zu  Tage.  Vereinzelt  wird  die  Stadt  als  Miinicipium,  in 
der  Regel  als  Praefectur  bezeichnet.  Die  engere  Gemeinde  der 
Stadt  wird  als  pars  Peltumatium  unterschieden  von  der  Gesamt- 
heit des  Kreises,  der  Stadtrat  als  decuriones  vom  Kreistag  den  con- 
scripti.  An  der  Spitze  der  Verwaltung  stehen  zwei  Aedilen  die  die 
Verhandlungen  des  Stadtrats  wie  des  Kreistags  leiten.  In  einem 
242  n.  Chr.  gefafste  Beschlufs  des  letzteren  heifsen  die  Kreisange- 
hörigen mit  dem  Stammnamen  Vestini.  Zu  Peltuinum  gebort  der 
4  Millien  weiter  nach  Nordwest  gleichfalls  an  der  Claudia  nova  ge- 


1)  CIL.  IX  3375.  5959. 

2)  CIL.  IX  5959. 

3)  Plin.  III  107  Mommsen  CIL.  IX  p.  320  A.  stellt  den  Namen   aufserdem 
durch  Conjectur  bei  Charis.  II  193  Keil  her. 

4)  CIL.  IX  3384.  85  ist  der  Grofsvater  Praefect  von  Peltuinum,  der  Enkel 
Praefect  ohne  Zusatz  d.  h.  von  Aufina. 

5)  Plin.  III  107  Feldm.  229.  257  CIL.  IX  p.  324. 


442  Kapitel  VUI.     Der  Hochappeiinin. 

legene  Vicus  Furfo  dessen  Stalte  die  Kirche  S.  Maria  di  Furfoua 
aDgiebtJ)  Die  Stiflungsurkunde  eines  Tempels  des  Juppiter  Liber 
aus  dem  J.  58  v.  Chr.  hat  den  Ort  in  philologischen  Kreisen  be- 
kannt gemacht:  sie  zeigt  wie  schwer  der  Gebrauch  der  vor  einem 
Menscheualter  eingeführten  lateinischen  Amisprache  den  Bauern 
flel.^}  An  der  Spitze  der  Ortsgemeinde  steht  ein  Aedil.  Mehrere 
Pagi  werden  aufscrdem  in  den  Inschriften  erwähnt;  doch  lassen 
sich  die  Namen  nicht  mit  Sicherheit  ermitteln  mit  Ausnahme  des 
pagus  Fificulanus  der  7  Millien  nordwestlich  von  Furfo  bei  Paganica 
angesetzt  werden  darf.^)  —  Die  Via  Claudia  nova  erreicht  5  Millien 
westlich  von  Furfo  einen  Knotenpuncl  in  Äveia  Vestina  am  rechten 
Ufer  des  Aternus  (572  m)J)  Von  hier  zweigt  eine  noch  erkenn- 
bare Strafse  über  Frusteniae  (unbestimmter  Lage)  durch  das  den 
Nordrand  des  F'uciner  Beckens  bildende  Gebirge  nach  Alba  ab: 
die  Entfernung  wird  auf  der  Reisekarte  etwas  niedrig  zu  20  Millien 
bestimmt.  Aveia  war  wie  sein  Fehlen  bei  Plinius  zeigt,  von  Augustus 
zu  Peltuinum  geschlagen,  in  der  Folge  wieder  eine  eigene  Prae- 
feclur  geworden:  eine  Inschrift  erwähnt  decuriones  et  populum 
Aveiatmm  Yestinorum.  Die  Lage  bei  Fossa  gilt  nach  den  Aus- 
führungen Giovenazzi's  (S.  438  A.  3)  als  gesichert:  die  Niederung 
nordöstlich  von  diesem  Dorf  nach  dem  Aternus  zu  bewahrt  mit 
allerlei  Trümmern  den  antiken  Namen.  Holsle  dem  Promis  sich 
anschliefsl,  rückt  es  reichlich  2  Millien  weiter  nach  Civita  di  Bagno.^) 
Dies  ist  vielmehr  die  Stätte  von  Furcona,  die  grofseren  Schulz  bot 
als  Aveia  und  deshalb  am  Ausgang  des  Altertums  dessen  Bewohner 
aufnahm. 6) 


§  2.    Die  Mar  meiner 

r  Natur   der  Dinge   dafs 
appennin    durch    Slammverwandtschaft    und    gemeinsame    Lebens 


Es   liegt   in    der  Natur   der  Dinge   dafs  die  Völker  des  Hoch- 


1)  CIL.  IX  p.  333. 

2)  Einzelne  einheimische  Namen  werden  zur  Verdeutlichung  beigefügt: 
Fifeltares  =  Petluinaies  zu  veicus  Fiirfensis. 

3)  CIL.  IX  p.  338. 

4)  Sil.  It.  VIll  518  Avellac  die  Aenderung  in  Aveiae  ist  nicht  sicher,  da 
in  den  Mililärinschriften  VI  3884  III  5  die  Form  Aven,  n.  249Ü  Avila  über- 
liefert wird;  Ptol.  11!  1,52  Feldm.  228  Tab.  Peut.  Geogr.  Rav.  IV  34  CIL.  IX  p.  341. 

5)  Holsle  zu  Cluver  750  Promis,  Alba  256. 

6)  Paul.  h.  Lang.  II  20  rechnet  Furcona  zu  den  bedeutenden  Städten  der 
Valeria. 


§  2.     Die  Marruciner.  443 

richtuDg,  namentlich  ihre  Abhängigkeit  von  der  apuhschen  Winter- 
weide  mit   einander  verbunden,   zusammen    genannt   werden.     So 
sind   in  der  Uebersicht   der  italischen  Streitkräfte   von  225  v.  Chr. 
Marser  Marruciner  Frenlaner  Vestiner  —  durch  ein  Versehen  fehlen 
die  Paehgner  —  vereint  mit  20  000  Mann  zu  Fufs  und  4000  Reitern 
aufgeführt.!}     So  genossen  Marruciner  und  Paeligner  in  dem  vesti- 
nischen  Hafen   an   der  Aternusmündung   Verkehrsfreiheit  (S.  439). 
Auch   in  den  grofsen  poUtischen  Fragen  haben   alle  diese  Canlone 
im  WesentHchen  den  gleichen  Weg  eingeschlagen.     Der  Canton  der 
Marruciner  ist  der  kleinste.    Er  befafst  einen  12  km  breiten  Streifen 
zwischen   den    Flüssen    Aternus   und   Foro,    von    denen  jener  die 
Grenze  gegen  die  Vestiner,  dieser  die  ungefähre  Grenze  gegen  die 
Frenlaner  anzeigt,  und  erstreckt  sich  von  der  Maiella  bis  ans  Meer.^) 
Zweifelhaft  bleibt  die  Grenzbestimmung  gegenüber  den  Paelignern, 
insofern    entscheidende    Gründe    für    die    Zugehörigkeit    des  Vicus 
Interpromium   zu   dem    einen   oder   anderen   Stadtverband  vermifst 
werden.    Unter  solchen  Umständen  wird  es  das  Richtigste  sein,  die 
Naturscheide  welche  die  Flufsenge  von  Tremonti  darstellt,   auf  die 
politischen    Verhältnisse    zu    übertragen. 3)      Das  Gebiet    entspricht 
demnach   dem   heutigen  Kreise  Chieti  (880  Gkm)   und   mifst   nicht 
mehr   als    16  d.  D  Meilen;     aber   der   auf  den   subappenninischen 
Hügeln  betriebene  Gartenbau   hat  insonderheit  durch   seine  Feigen 
Ruf  erlangt. 4)     Von  der  Herkunft  und  Sprache  des  Völkchens  war 
I  518  die  Rede.     Nachdem  es  312  v.  Chr.  den  Römern  Widerstand 
geleistet  hatte,  trat  es  gemeinschaftlich  mit  den  Marsern  Paehgnern 
und  Frentanern  304   in    den  römischen  Bund  ein,   hielt  standhaft 
im  hannibalischen  Kriege  daran  fest^),  nahm  aber  ebenso  eifrig  an 
der  Erhebung  91  Theil.     Herius  Asinius  leitete  dieselbe:  er  wurde 
zum  italischen  Praetor  ernannt  und  fiel  schon  90  in  einer  Schlacht 


1)  Pol.  II  24,12  vgl.  Dion.  Hai.  XX  1. 

2)  Blofse  Ungenauigkeit  ist  es,  wenn  Mela  1165  Plin.  III  106.  10  mit 
Ueliergehung  der  Vestiner  und  Marruciner  den  Aternus  als  Grenzflufs  zwischen 
Picentern  und  Frentanern  hinstellen.  Auch  die  Anschaunug  des  Goelius  Liv. 
XXVI  11  ist  verwirrt. 

3)  Entgegen  der  I  516  gemachten  Aeufserung  und  der  Anordnung  des  CIL., 
das  auch  unverständlicher  Weise  Rapino  abtrennt  und  den  Frentanern  zutheilt. 

4)  Golum.  X  131  Plin.  XV  82.  Erdbeben  werden  erwähnt  Plin.  II  199  XVII 
245  Stat.  Silv.  IV  4,86. 

5)  Diod.  XIX  105  XX  101  Liv.  VIII  29  IX  45  XXII  9  XXVI  11  XXVII  43 
XX VIII  45  XLIV  40  Pol.  III  88,3  Sil.  It.  XV  566  Plut.  Aem.  P.  20. 


444  Kapitel  VIII.     Der  Hochappennin. 

gegen  Marius.i)  Sein  Geschlecht  dem  der  berühmte  Geschicht- 
schreiber Asinius  Pollio  entstammt,  blüht  im  Marrucinerlande  noch 
unter  den  Caesaren.^)  Nach  der  Unterwerfung  erhielten  die  Marru- 
ciner  Bürgerrecht  in  der  Tribus  Arnensis  und  bethätigten  43  ihre 
republikanische  Gesinnung  gegen  Antonius. 3)  In  langobardischer 
Zeit  werden  sie  zur  Provinz  Samnium  gerechnet.^) 

Die  Umwandlung  der  Landes-  in  eine  Stadtverfassung  ist  sehr 
einfach  von  statten  gegangen,  indem  die  gesamte  Gemeinde  dem 
Municipium  Teate  einverleibt  wurde. &)  Dieses  führt  das  Beiwort 
Marrucinorum,  seine  Bürger  werden  geradezu  mit  dem  Volksnamen 
bezeichnet.  Wegen  der  für  mittelitalische  Verhältnisse  beträchtlichen 
Ausdehnung  der  Feldmark  heifst  die  Stadt  grofs  und  berühmt 6), 
ist  auch  im  Laufe  der  Kaiserzeit  durch  den  Titel  Colonie  ausge- 
zeichnet worden  und  gegenwärtig  als  Chieti  noch  immer  Haupt 
einer  Provinz.  Sie  liegt  auf  einem  Hügelrücken  (326  m)  9  Milben 
landeinwärts  von  Ostia  Aterni,  3  Milben  vom  Flufs  und  beherrscht 
ein  weites  Gesichtsfeld.  Reste  von  zwei  Tempeln  ')  einem  Theater 
und  Wasserbehälter  sind  kenntlich.  —  12  Millien  südlich  von  Chieti 
bei  Rapino  am  Fufs  der  Maiella  lag  ein  altes  Dorf  aus  dem  eine 
in  der  Landessprache  mit  lateinischem  Alphabet  beschriebene  Bronze- 
tafel ans  Licht  gefordert  worden  ist.^)  —  Die  Via  Claudia  Valeria 
hält  sich  wie  S.  439  bemerkt  am  Ateinus,  den  etwa  2  Millien  be- 
tragenden Umweg  über  Teate  vermeidend,  und  erreicht  25  Millien 
von  Ostia  den  Vicus  hiterpromium  am  linken  Flufsufer.^)  Die  871 
gestiftete  Abtei  S.  demente  di  Casauria  bei  Torre  de'  Passeri  be- 
stimmt die  Oertlichkeit.  Ein  paar  Millien  unterhalb  scheint  am 
rechten  Ufer  nach  Ausweis  der  Ruinen  bei  S.  Valentino  ein  anderer 
Vicus  gelegen  zu  haben,  dessen  Name  auf  der  Karte  entstellt  durch 


1)  Appian  b.  civ.  1  39.  4U.  52  Vell.  II  16  Liv.  LXXIl  LXXIII  LXXVI  Oros. 
V  18,8.  25. 

2)  CatuU  12  CIL.  IX  3018. 

3)  Cic.  pro  Cluent.  197  Phil.  VII  23  Caes.  b.  civ.  I  23  II  34. 

4)  Paul.  h.  Lang.  II  20;  zu  Picenum  Feldm.  258. 

5)  Strab.  V  241  Plin.  111  106  Ptol.  111  1,53  Feldm.  258  It.  Ant.  310  Tab.  Peut. 
Geogr.  Rav.  IV  35  Paul.  h.  Lang.  II  20  CIL.  IX  p.  282  Eph.  ep.  VIII  p.  27. 

6)  Sil.  lt.  VIII  520  XVII  453. 

7)  Davon  ist  einer,  jetzt  in  der  Kirche  S.  Pietro  e  Paolo  verbaut,  von  dem 
Plin.  II  199  XVII  245  erwähnten  Vettius  Marcellus  errichtet  CIL.  IX  3019. 

8)  Mommsen,  Unterital.  Dial.  p.  337. 

9)  It.  Ant.  102.  310  Tab.  Peut.  Geogr.  Rav.  IV  35  CIL.  p.  286. 


§  3.     Die  Paeligner.  445 

Ceios  wiedergegeben  wird.^)  Es  wäre  wichtig  hier  wo  die  Gebiete 
von  Vestinern  Marrucinern  und  Paeiignern  zusammenstofsen,  scharfe 
Grenzen  zu  ziehen :  leider  sind  wir  wie  gesagt  dazu  aufser  Stande. 

§3.  Die  Paeligner. 
Das  vom  Gizio  durchflossene  18  km  lange  Thal  zwischen  den 
beiden  Hauptketten  des  Hochappennin  ist  nach  drei  Seiten  scharf 
begrenzt.  Gen  Ost  öffnet  die  5  km  lange  Klause  von  Intermonti 
oder  Treraonti  durch  die  der  Aternus  sich  Bahn  bricht,  einen  Aus- 
weg zum  Meer  (I  340).  Das  südwärts  anschliefsende  Gebirge  steigt 
im  M.Corvo  1131  M.  Rotondo  1732  M.  Morrone  2060  M.  Amaro 
der  höchsten  Spitze  der  Maiella  2795  m  auf,  allen  Verkehr  mit  den 
adriatischen  Landschaften  unterbrechend.  Auch  gen  Süden  nach 
Samnium  ist  der  Verkehr  gehemmt:  die  Gipfel  überschreiten  die 
Höhe  von  2000  m  (M.  Rotella  2127  M.  Genzana  2176  M.  Greco  2283 
M.Grande  2208  m),  das  die  Verbindung  herstellende  Joch  das  1267  m 
hohe  Piano  di  Cinque  Miglia  (I  238)  ist  wegen  seiner  Schneewehen 
berüchtigt  und  oft  Monate  lang  gesperrt.  Im  Westen  gegen  das 
Fuciner  Becken  sinken  die  Berge  auf  12 — 1500  m  herab,  der  Pafs 
auf  dem  die  Via  Claudia  Valeria  vom  Aternus  an  den  See  gelangt, 
mifst  1120  m:  Forca  Caruso  heifst  er  jetzt,  der  alte  Name  mons 
Imeus  hat  sich  lange  als  M.  Meo  erhalten.-)  Die  Nordgrenze  gegen 
die  Vestiner  ist  minder  deutlich  ausgeprägt:  am  Aternus  wird  sie 
vielleicht  bei  der  Flufsenge  von  Acciano  anzusetzen  sein,  da  das 
Gebiet  der  Foce  den  Paeiignern  gehört;  umgekehrt,  sahen  wir(S.441j, 
gehört  das  Thal  des  Tirinus  den  Vestinern.  —  Die  frische  grüne 
Heimat  wird  von  Ovid  so  geschildert:  3) 

Pars  me  Sulmo  tenet  Paeligni  tertia  ruris, 
parva  sed  inriguis  ora  salubris  aquis. 

sol  licet  admoto  tellurem  sidere  findat, 
et  micet  Icarii  Stella  proterva  canis: 

arva  pererrantur  Paeltgna  liquentibus  undis^ 
et  viret  in  tenero  fertilis  herba  solo. 


1)  Tab.  Peut.  Geogr.  Rav.  IV  35. 

2)  Tab.  Peut.  Geogr.  Rav.  IV  35  Musumeos  Guido  46  Mopsumeos.  Tab. 
Peut.  nennt  als  Station  7  Millien  von  Gorfinium  Statulae,  nach  de  Nino  Not. 
d.  Scavi  1878  p.  319  1889  p.  344  jetzt  Statura  bei  Goriano  Sicoli. 

3)  Ovid  Amor.  11  16  Trist.  IV  10,3  Fast.  IV  81.  685  Hör.  Od.  III  19,8  Sil. 
lt.  VIII  510  Martial  I  26,5  XlII  121  Plin.  XI  33  XIX  13  XVII  250. 


446  Kapitel  VIII.     Der  Hochappennin. 

terra  ferax  Cereris  multoque  feracior  uvis, 
dat  quoque  baciferam  Pallada  rarus  ager^ 

perque  resurgentes  rivis  labeiitibus  herbas 

grammeus  madidam  caespes  obumbrat  humum. 
Schaudernd  denkt  Horaz  an  paelignische  Kälte.  Die  Höhenlage 
des  von  schneebedeckten  Gebh'gen  eingeschlossenen  Thals  (350  m) 
macht  sich  begreiflicher  Weise  fühlbar.  Der  Wein  der  hier  wächst, 
wurde  und  wird  nicht  sonderlich  geschätzt.  Auch  die  OHve  kommt 
wie  im  Umkreis  des  Fuciner  Sees  nur  an  geschützten  Orten  fort. 
Dagegen  eignete  sich  die  feuchte  Niederung  für  den  Flachsbau. 
Ferner  wird  die  Bienenzucht  erwähnt.  Der  Viehzucht  wird  nirgends 
ausdrücklich  gedacht,  obwol  sie  den  Kern  der  Wirtschaft  abgeben 
mufste.  —  Die  sabinische  Herkunft  der  Paeligner  steht  nach  Sprache 
und  üeberUeferung  fest  (I  516).  Während  der  langen  Kämpfe  welche 
die  Einigung  Italiens  herbeiführten,  haben  sie  öfter  zu  Rom  als  zu 
dessen  Gegnern  gehalten.  Sie  ziehen  sich  343  die  Feindschaft  der 
Latiner  zu,  öffnen  dem  römischen  Durchmarsch  nach  Campanien  340, 
nach  Apulien  325  und  in  den  folgenden  Jahren  ihr  Land,  treten 
304  in  ein  dauerndes  Bundesverhältnifs  zu  Rom,  reiben  295  die 
auf  der  Heimkehr  von  Sentinum  (S.  386)  begriffenen  Samniten  auf.^) 
Mit  Auszeichnung  fechten  ihre  Cohorlen  gegen  Karthager  und  Mace- 
donier.2)  Bei  dem  Aufsland  der  Bundesgenossen  wird  ihre  Haupt- 
stadt zum  Sitz  des  neuen  Staatswesens  erkoren,  aber  die  Paeligner 
erleiden  90  eine  Niederlage  und  müssen  sich  88  dem  Pompeius 
Strabo  unter  werfen.  3)  Gemeinschaftlich  mit  den  Marsern  finden  sie 
in  der  Tribus  Sergia  Aufnahme.^)  In  der  Folge  hängen  sie  der 
demokratischen  Sache  an,  unter  Augustus  gelangt  der  erste  Paeligner 
in  den  Senat,  sie  erklären  sich  69  n.  Chr.  für  Vespasian.S)  In  der 
späteren  Ueberlieferung  verschwindet  ihr  Name;  die  Landschaft  ge- 
hört im  4.  Jahrhundert  zur  Provinz  Valeria.6) 


1)  Liv.  VII  38  VIII  6.  29  IX  41.  45  X  30  Diod.  XX  101.  Die  Nachricht  vom 
Abfall  309  verdient,  wie  die  Vergleichung  von  Liv.  IX  41  mit  Diod.  XX  44 
lehrt,  keinen  Glauben;  ebenso  ist  die  gewöhnlich  angenommene  Aenderung 
Diod.  XX  90  Ilaliviove  in  IleXiyvovs  falsch. 

2)  Liv.  XXII  9  XXV  14  XXVIII  45  XLIV  40  Plut.  Aem.  P  20  Cic.  Tusc.  IV 
50  Dion.  H.  XX  1  Enn.  Ann.  VIII  6  Vahien  Ov.  Fast.  III  95. 

3)  Appian  b.  civ.  I  39  Liv.  LXXII  LXXIU  LXXVI  Oros.  V  18,8. 

4)  Cic.  in  Vatin.  36  dazu  irrig  Schoi.  Bob.  p.  323  Gr. 

5)  Oros.  VI  6,7  Caes.  b.  civ.  I  18  II  29  Cic.  Att.  VIII  4,3  Tac.  Hist.  III  59 
CIL.  IX  3306.  6)  Feldm.  228. 


§  3.     Die  Paeligner.  447 

Drei  Städte  wie  Ovid  a.  0.  sagt  und  die  Censiisliste  bestätigt, 
theilen  sich  in  das  etwa  20  d.  DiM.  grol'se  Gebiet.  Von  diesen  ist 
die  nördlichste  Superaequum  bei  Schriftstellern  nur  vereinzelt  er- 
wähnt, dagegen  durch  Inschriften  wol  bekannt. i)  Sie  lag  am  rechten 
Ufer  des  Aternus  wo  die  kleine  Foce  in  ihn  einmündet:  das  nahe 
Castelvecchio  Subrego  oder  Subequo  hat  den  Namen  bewahrt.  Mehrere 
Pagi  geborten  dazu.^)  Das  allem  Anschein  nach  blühende  Gemein- 
wesen wurde  von  Duovirn  geleitet.  —  Die  Via  Claudia  Valeria  läuft 
5  Millien  weiter  unterhalb  vorbei  um  30  Millien  von  Alba,  83  von 
Rom  die  Hauptstadt  Corfimum  zu  erreichen.  Das  paelignische  Thal, 
ein  ehemahges  Seebecken  von  25  km  höchster  Länge  und  10  km 
Breite,  ist  von  Süd  (Solmona  403  m}  nach  Nord  (Popoli  280  m)  ge- 
neigt. Es  wird  im  Norden  vom  Aternus  begrenzt,  der  nach  Ueber- 
windung  einer  Enge  bei  Raiano  seine  bisher  eingehaltene  Südost- 
Richtung  mit  einer  nördlichen  vertauscht,  bis  er  am  Durchbruch  von 
Tremonti  sich  nach  Nordost  dem  Meer  zuwendet.  In  der  Nähe  des 
Kniees  wo  er  von  Südost  nach  Norden  umbiegt,  auf  einer  370  m 
messenden  Hochfläche  liegt  Corfinium.  3  Millien  weiter  in  der  Nähe 
des  heutigen  Popoli  überschritt  die  Via  Valeria  in  republikanischer 
Zeit  den  Flufs  auf  einer  Schiffbrücke  (S.  439  A.  5)  und  hielt  sich 
bis  Interpromium  am  linken  Ufer  (S.  444).  Da  der  Aternus  hier 
nicht  mehr  durchwatet  werden  kann,  war  die  Gewinnung  der  Brücke 
für  einen  sei  es  von  Norden  sei  es  von  Osten  her  anrückenden 
Feind  von  hervorragender  Wichtigkeit.  Corfinium  war  deshalb  zu 
einem  Brennpunct  des  Verkehrs  bestimmt,  weil  die  grofsen  Strafsen- 
züge  von  West  nach  Ost  und  von  Nord  nach  Süd  hier  einander 
kreuzten.  Die  Via  Claudia  nova  hat  allerdings  den  Verkehr  der  Sa- 
biner  und  Vestiner  mit  der  Adria  abgelenkt  nach  der  Einmündung 
des  Tirinus  (S.  441) ;  vor  Kaiser  Claudius  folgte  er  naturgemäfs  dem 
Thal  des  Aternus;  aber  trotz  dieser  Einbufse  blieb  das  Verkehrs- 
gebiet ansehnlich  genug.  Die  Wirkung  davon  tritt  in  dem  hohen 
Alter  wie  in  der  Massenhaftigkeit  der  Inschriften  greifbar  zu  Tage 
(I  517  A.  3).  Die  Ueberlieferung  nennt  die  Stadt  erst  beim  Auf- 
stand der  Bundesgenossen  91  v.  Chr.  Die  Gründe  die  dazu  führten 
sie  zur  Trägerin  des  antirömischen  Staatsgedankens  zu  machen, 
sind  früher  (l  340)  entwickelt  worden.  ,, Unter  den  aufständischen 
Städten  und  Völkern  war  die  ausgezeichnetste  und  gröfste  und  zum 


1)  Plin.  III  106  Feldm.  229.  258  CIL.  IX  p.  311. 

2)  Not.  d.  Scavi  1898  p.  71  fg. 


448  Kapitel  VIII.     Der  Hochappennin. 

gemeinsamen  Sitz  von  den  Italioten  erhobene  Stadt  Corfinium.  Hier 
richteten  sie  Alles  vras  zur  Befestigung  einer  grofsen  Stadt  und 
Herrschaft  gehört,  ein:  einen  geräumigen  Markt  und  Rathaus,  Kriegs- 
gerät die  Fülle,  einen  reichen  Schatz  und  Vorräte  an  Nahrung  im 
Ueberflufs.  An  die  Spitze  stellten  sie  einen  gemeinschaftlichen  Rat 
von  Fünfhundert  mit  unumschränkter  Vollmacht  zur  Führung  des 
Krieges,  zwei  Consuln  und  zwölf  Praetoren,  alles  in  Nachahmung 
der  Einrichtungen  Roms.  Die  gemeinsame  Stadt  benannten  sie 
Italia."  1)  Die  Herrlichkeit  nahm  ein  schnelles  Ende:  89  im  zweiten 
Kriegsjahr  siedelte  die  Regierung  nach  Aesernia  in  Samnium  über. 
Zum  anderen  Mal  49  v.  Chr.  machte  Corfinium  vorübergehend  von 
sich  reden ,  als  die  Optimaten  im  Vertrauen  auf  die  Stärke  seiner 
Mauern  und  die  Kampflust  der  Gebirgscantone  hier  ihr  Haupt- 
quartier aufschlugen:  aber  nur  7  Tage  nach  Caesars  Ankunft  am 
21.  Februar  öffneten  sich  die  Thore.^)  Fortan  verschwindet  es  aus 
der  geschichtlichen  Ueberlieferung.  3)  Aus  den  Inschriften  ent- 
nehmen wir  dafs  der  Stadtrat  den  anspruchsvollen  Titel  Senat 
führt,  dafs  die  Bürgermeister  Quattuorvirn  heifsen,  dafs  das  Theater 
eifrig  gepflegt  wird  u.  s.  wJ)  Ein  Bild  von  der  Anlage  vermögen  wir 
aus  den  Trümmern  nicht  zu  gewinnen,  an  umfassenden  planmäfsigen 
Ausgrabungen  hat  es  bisher  gefehlt. 5)  Indessen  zeugen  zwei  Wasser- 
leitungen von  ihrer  Gröfse:  die  eine  schöpft  aus  dem  Aternus  bei 
Superaequum,  läuft  3  km  lang  durch  einen  unter  dem  Berg  von 
Raiano  hindurchgetriebenen  Stollen  und  dient  gegenwärtig  dazu  die 
Felder  dieses  Dorfes  zu  bewässern ;  die  zweite  von  Süden  kommend 
schöpft  aus  dem  Sagittario  einem  Nebenflufs  des  Gizio.  Ihre  Bögen 
fesseln  auf  der  Trümmerstätte  den  Blick.  Im  Uebrigen  hält  die 
ehrwürdige  Kirche  S.  Pelino  die  Wacht  auf  diesem  geschichtlichen 
Boden:  die  Kathedrale  nicht  des  benachbarten  Dorfes  Pentima,  son- 
dern der  paelignischen  Landschaft  die  am  Ausgang  des  Altertums 
mit  dem  Namen  Valva  bezeichnet  wird. 6)     Ueber  die  Herkunft  des 

1)  Diod.  XXXVII  2,4fg.  nach  Posidonios,  bestätigt  durch  die  Münzen  I  72; 
Strab.  V  241  hat  die  Form  'IzaXix^  Vell.  II  16  ebenso  oder  Italicum. 

2)  Caes.  b.  civ.  I  16  fg.  Cic.   Att.    VIII   3,7  5,2  IX  7  C,l   13,7  16,1  Lucan 
JI  478  fg.  Appian  b.  civ.  II  38  Dio  XU  10  fg.  Plut.  Caes.  34,3  u.  a. 

3)  Strab.  V  241  Plin.  III  106  Plol.  III  1,55  Feldm,  228.  255.  260  It.  Ant.310 
Tab.  Peut.  Geogr.  Rav.  IV  35. 

4)  CIL.  IX  p.  296  Eph.  ep.  VIII  p.  36. 

5)  Ueber  die  Erforschung  der  Gräber  de  Nino  Not.  d.  Scavi  1877  fg. 

6)  Ughelli  Italia  sacra  I  250*  fg. 


§  3.     Die  Paeligner.  449 

Namens    und    das   Verschwinden    Corfiniums    fehlen    weitere  Nach- 
richten.    Die  in  Corfinium  nach  Samnium  abzweigende  Strafse  er- 
reicht nach  7  MiUien  (90  MiUien  von  Rom)  Sulmo  Solmona,  i)     Die 
Stadt  liegt  403  m  ü.  M.  am  Zusammenflufs  des  aus  dem  samnitischen 
Grenzgebirge   eine    nördhche  Richtung   einhaltenden  Gizio   mit  der 
von  Ost  her  aus  der  Maiella  kommenden  Avella.^)    Erdbeben  haben 
unter  den  antiken  Ueberresten   gründlich   aufgeräumt:    einige  sind 
bei  der  Kathedrale  S.  Pamfilo  aufserhalb  der  jetzigen  Mauer  kennt- 
lich, und  man  ersieht  dafs  die  Stadt  sich  ehedem  weiter  nach  Norden 
erstreckt  hat   als  gegenwärtig.     Sie   ist  durch  den  Dichter  Ovidius 
berühmt  geworden;  von  einem  jüngeren  Geschlechtsgenossen  meldet 
die  Inschrift   er  sei   der   erste   gewesen   den   der  gesamte    Stadtrat 
auf  öffenthchem  Grund  und  Boden  bestattete. 3)     Der  Dichter  hätte 
gar  nicht  nötig  gehabt  ihr  zu  höherem  Glanz  aus  der  Gefolgschaft 
des    frommen    Aeneas    den    Phryger    Solymus    als    Gründer   anzu- 
hängen.^)   Von  zweifelhaften  Erwähnungen  aus  dem  hannibalischen 
Kriege    abgesehen  5),    kommt   sie   zuerst  in   den    Kämpfen    vor   die 
Ovid  beiläufig  feiert: 

Mantna  Vergilio  gaudet,   Verona  Catullo, 

Paelignae  dicar  gloria  gentis  ego, 
quam  sua  libertas  ad  honesta   coegerat  arma, 
cum  timuü  socias  anxia  Roma  manus. 
Sulla   erliefs   82   nach   seinem  Siege    den  Befehl    sie   zu  zerstören. 
Wodurch  sie  sich  seine  Ungnade  zugezogen  hatte,  und  ob  der  Be- 
fehl zur  Ausführung  gelangte,  ist  nicht  bekannt. 6)   Aber  49  schlössen 
sich  die  Bewohner  mit  Begeisterung  an  Caesar  an.")     Sulmo  besafs 
treffhche  Eisenschmieden. 8)    Wenn  Ovid  die  Kleinheit  der  Feldmark 
betont,  wo  er  in  dem  angeführten  Gedicht  fortfährt: 

atqne  aliquis  spectans  hospes  Sulmonis  aquosi 

moenia  qnae  campi  higera  pauca  tenent, 
„qnae  tantum,  dicet,  potuistis  ferre  poetam, 
quantulacumque  estis,  vos  ego  magna  voco" ; 

1)  lt.  Ant.  102  Tab.  Peut.  Geogr.  Rav.  IV  35  Caes.  b.  civ.  I  18  Ov.  Trist.  IV  10,3. 

2)  Strab.  V  241  Plin.  III  106  Ptol.  111  1,55  Feldm.  229.  260  CIL.  IX  p.  290. 

3)  CIL.  IX  3082  Ov.  Trist.  IV  10  ex  Ponto  IV  14,49. 

4)  Ov.  Fast.  IV  79  darnach  Sil.  lt.  IX  72. 

5)  Liv.  XXVI  11  Sil.  lt.  VIII  510  IX  70  fg.  11 1. 

6)  Ov.  Amor.  III  15,7  Flor.  II  9,28. 

7)  Caes.  b.  civ.  1  18  Cic.  Alt.  VIII  4,3  12A,1  Oros.  VI  15,4. 

8)  Plin.  XXXIV  146. 

Nissen,  Ital. Landeskunde    II.  29 


450  Kapitel  VIII.     Der  Hochappennin. 

so  darf  man  dies  nicht  allzu  buclistäblicli  nehmen.  S'e  iimfaf*te 
den  pagus  Fahianus  wo  die  Bewässerung  der  Weinberge  die  Auf- 
merksamkeit des  Landwirts  auf  sich  lenkte,  sowie  den  Pagus  oder 
Vicus  BeU'fubts  Scanne  (lOSOm)  am  oberen  Sagittario.  Eine  Grab- 
schrift aus  letzterem  Ort  erwähnt  mit  Stolz  der  Verstorbene  sei  der 
erste  Ortsansässige  der  in  den  Stadtrat  von  Sulmo  Aufnahme  ge- 
funden habe:  ein  merkwürdiges  Zeugnifs  für  die  Zurücksetzung  in 
der  die  Bergdistricte  verharrten. i)  Zweifelhaft  bleibt  es,  ob  der 
pagus  Lavernae  Prezza  zu  Corfinium  oder  Sulmo  gehörte.2)  Der- 
selbe mufs  recht  stattlich  gewesen  sein,  da  die  Ortsvorsteher  nach 
Gemeindebeschlüssen  sowol  einen  Tempel  der  Bona  Dea  mit  Säulen- 
halle als  eine  Bühne  erbauen.  Es  verdient  auch  Erwähnung  dafs 
die  Kirche  von  Sulmo  der  Kirche  von  Valva  oder  Corfinium  den 
Vorrang  lange  bestritten  hat:  die  nachbarliche  Eifersucht  mag  aus 
älteren  Zeiten  des  Heidentums  herstammen.  Gegenwärtig  ist  Sol- 
mona Hauptstadt  eines  Kreises  von  1185  {J^^  Inhalt. 

§  4.  Die  Marser, 
Die  Entwicklung  von  Längsthälern  kennzeichnet  den  Appennin 
bei  seiner  höchsten  Erhebung.  Vom  Aternus  führt  die  Via  Valeria 
über  die  Forca  Caruso  (S.  445  A.  2)  in  das  Fuciner  Becken,  aus 
dem  Land  der  Paeligner  in  das  der  Marser.  Das  270  Qkm  grofse 
Becken  hat  eine  längliche  von  Nordwest  nach  Südost  gestreckte 
Form,  an  tiefster  Stelle  eine  Meereshöhe  von  656  m.  Der  ganze 
Umkreis  ist  von  hohen  steil  abfallenden  Bergen  umschlossen  und 
nur  nach  Nordwest  offen:  nach  dieser  Seite  hin  steigt  der  Boden 
unmerklich  etwa  50  m  an,  die  Anschwellung  aber  bildet  die  Wasser- 
scheide gegen  den  Himella  Salto.  Ganz  ähnlich  wie  der  zweitgröfste 
appenninische  See  der  Trasimenus  an  das  Chianathal  anstöfst,  aber 
durch  seine  tiefere  Lage  am  Abflufs  behindert  ist  (S.  319),  erging 
es  dem  gröfslen  dem  lacns  Fucimis,  der  soweit  die  Ueberlieferung 
des  Altertums  reicht,  viel  von  sich  hat  reden  machen. 3)  Er  giebt 
den  Mittelpunct  der  Halbinsel  an:  auf  dem  42.  Grad  der  ihn  durch- 
schneidet, mifst  man  nach  den  beiden  Meeren  je  17,  den  kürzesten 
Abstand  zur  Aternusmündung  und  zum  Golf  von  Gaeta  je  11,  des- 


1)  Plin.  XVII  250  CIL.  IX  3088. 

2)  Plut.  Sulla  6,6  CIL.  IX  p.  296. 

3)  G.  Krämer,  Der  Fuciner  See,  ein  Beilrag  zur  Kiin-le  Ilaüens,  Berlin  1839.  4. 


§  4.     Die  Marser.  451 

gleichen  die  Längenausdehniing  des  Appennin  bis  zur  Poebene  und 
bis  zur  Sila  je  50  d.  Meilen.  Dieser  Umstand  scheint  der  Auf- 
merksamkeit der  Alten  entgangen  zu  sein.  Was  sie  beschäftigte,  war 
die  geheimnifsvolle  Wanderung  des  Wassers  die  im  zerklüfteten 
Kalkgebirg  der  Natnrbeobacbtung  so  viele  Rätsel  zu  losen  dar- 
bietet. Der  See  war  starken  Schwankungen  unterworfen,  nahm  im 
Mittel  einen  Raum  von  145  Dkm  mit  einem  Umfang  von  55  km 
ein.  Er  wurde  gespeist  von  starken  Quellen  und  einer  Anzahl  von 
Bächen,  unter  denen  der  40  km  lange  Püonhis  Giovenco  an  der 
Ostseite  auch  im  Sommer  nicht  versiegt.  Unterirdische  Abflüsse  an 
der  Westseite  stellten  eine  Verbindung  mit  dem  Liristhai  her  das 
durch  den  schmalen  Rücken  des  M.  Salviano  (945  m)  vom  See  ge- 
schieden ist  und  bei  Capistrello  der  schmälsten  Stelle  25  m  unter  dem 
Seeboden  liegt.  Der  Schlund  in  dem  das  Wasser  versank,  hiefs  la 
Pedogna  mit  einem  aus  dem  Altertum  stammenden  Namen  der  be- 
reits dem  Dichter  der  Alexandra  zu  Ohren  gedrungen  ist,  wenn  in 
der  Weissagung  von  den  Enkeln  des  Aeneas  erwähnt  werden  i): 
lif.ivrjc  TS  (l>6oY.r^q  Blagoicovldog  itorct 
Tlid^ioviov  T€  x^*^/'"  ^oi-  /Mza  x^ovog 
övvovTog  €ig  acfavra  y.€v-9-/ii(övog  ßäS^r^. 
Die  Alten  liefsen  den  Pitonius  durch  den  See  strömen  ohne  sich 
mit  dessen  Wasser  zu  vermischen,  alsdann  verschwinden  und  endhch 
als  Quelle  der  Aqua  Marcia  oberhalb  Subiaco's  wieder  auftauchen, 
so  dafs  der  Ursprung  dieser  144  v.  Chr.  erbauten  hoch  geschätzten 
Leitung  im  Gebiet  der  Paeügner  gesucht  wurde.  ^)  Was  den  An- 
lafs  zu  dieser  Vorstellung  gegeben  habe,  ist  nicht  zu  sagen:  in- 
dessen gehört  sie  in  den  Bereich  der  Fabel;  denn  zwischen  dem 
See  und  dem  Quell  der  Marcia  beträgt  der  Abstand  4  d.  Meilen, 
ausgefüllt  durch  das  Liristhai  und  ein  2000  m  aufsteigendes  Ge- 
birge. Der  Fucinus  war  fischreich  3),  für  den  Ackerbauer  eine  stete 
Sorge.  Unter  den  Wahrzeichen  des  J.  137  v,  Chr.  heifst  es:  er 
habe    nach   allen  Richtungen    5  Millien   weit   die   Umgegend   über- 


1)  Ueberliefert  ist  Lykophron  1275  Tixdviov  und  so  liest  auch  Tzetzes. 
Nichtsdestoweniger  ist  die  Aenderun?  Ciavers  üi^äviov  (bezw.  Krämers  IIi- 
9wviov)  sicher  nach  Vib.  Seq.  Pitornius  p.  150  R.  (zu  verbessern  in  Pitonius) 
und  Plin,  XXXI  41  fons  Pitonia. 

2)  Strab.  V  240  Plin,  XXXi  41  II  224Stat.  Silv.  I  5,26. 

3)  Strab.  V  240  Plin.  IX  73. 

29* 


452  Kapitel  VIII.     Der  Hochappennin. 

schwemmt.!)  „Er  gleicht,  herichtel  Strabo,  an  Giöfse  dem  Meere; 
Nutzen  ziehen  aus  ihm  besonders  die  Marser  und  alle  Anwohner. 
Er  soll  bisweilen  sich  füllen  bis  an  den  Fufs  der  Berge  und  dann 
wieder  so  fallen  dafs  die  bedeckten  Strecken  austrocknen  und  den 
Anbau  gestatten:  sei  es  nun  dafs  die  Gewässer  der  Tiefe  unbe- 
merkt ihren  Lauf  ändernd  sich  verlieren  und  wiederum  zusammen 
strömen,  sei  es  dafs  die  Quellen  völlig  versagen  und  wieder  hervor- 
brechen, wie  mit  dem  durch  Katane  fliefsenden  Amenanos  geschehen 
soll,  der  viele  Jahre  lang  ausbleibt  und  dann  von  Neuem  fliefst." 
Diese  Angaben  tragen  den  Stempel  der  Uebertreibung  an  der  Stirn : 
nach  den  neueren  Messungen  betrug  der  Unterschied  zwischen 
dem  höchsten  und  tiefsten  Stand  des  Seespiegels  nicht  über  12  m. 
Und  zwar  vollzog  sich  das  Wachsen  wie  das  Sinken  unmerklich  in 
mehrjährigen  Zwischenräumen.  Der  Grund  des  periodischen  Wechsels 
leuchtet  auch  sofort  ein:  da  die  Verdunstung  das  Quantum  des  Zu- 
flusses nicht  aufwiegt,  so  mufs  der  See  anschwellen  wenn  die 
unterirdischen  Abzugscanäle  ganz  oder  theilweise  verstopft  werden; 
umgekehrt  mufs  er  sinken  wenn  der  Druck  der  Wassermassen  die 
Bahn  ausgefegt  hat.  Ferner  begreift  man  dafs  eine  Lage  in  der 
ihnen  mehr  als  3000  ha  fruchtbaren  Landes  auf  Jahrzehnte  vom 
See  geschenkt  und  wieder  entzogen  wurden,  von  den  Umwohnern 
stets  als  eine  unleidliche  empfunden  worden  ist.  Caesar  fafste  den 
Plan  den  See  abzuleiten ,  Augustus  blieb  taub  für  alle  Bitten  der 
Marser;  als  endlich  private  Unternehmer  gegen  Uebertragung  der 
trocken  gelegten  Ländereien  die  Arbeit  ausführen  wollten,  nahm 
Kaiser  Claudius  sie  selbst  in  die  Hand.^)  Anfangs  scheint  man  an 
einen  Canal  vom  Fucinus  nach  Norden  in  den  Himella  gedacht  zu 
haben.3)  Da  dies  wegen  der  Höhenlage  des  Flufsbettes  unmöglich 
ist,  so  wurde  der  einzige  Ausweg  gewählt  der  übrig  blieb,  einen 
Stollen  durch  den  M.  Salviano  hindurch  nach  dem  25  m  tiefer  als 
der  Seegrund  gelegenen  Liris  zu  treiben.  Auf  seine  Kosten  ist  der 
Kaiser  dabei   nicht  gekommen,    von   dem   glänzenden  Geschäft  das 


1)  Obseq.  24.  Vielleicht  veranlafsten  ähnliche  Ueberschwemmungen  die 
Sage  Plin  III  108,  daCs  Archippe  eine  Stadt  der  Marser  vom  See  verschlungen 
worden  sei,  vgl.  Verg.  Aen.  VII  752,  aber  derartige  Sagen  werden  von  vielen 
Landseen  erzählt. 

2)  Plin.  XXXVI  124  Sueton  Caes.  44  Glaud.  20.  21.  32  Tac.  Ann.  XII  56.  57 
Dio  LX  33  Vita  Hadr.  22  CIL.  IX  3915. 

3)  Dio  LX  11,5  wo  verkehrter  Weise  Tißegiv  in  ytai^w  geändert  worden 
ist  nach  Gluvers  Vorschlag. 


§  4.     Die  Marser.  453 

ihm  vorgespiegelt  wordeo  zu  schweigen.  Die  Nachricht  klingt  so 
unglaubhch  nicht  dafs  30000  Mann  11  Jahre  lang  an  dem  Werk 
geschafft  haben.  Der  Canal  ist  5640  m  lang  mit  einer  von  4  bis 
15  Dm  wechselnden  Weite:  davon  sind  2800  m  durch  festes  Gestein 
gehauen,  der  Rest  durch  Conglomerate  und  Thonschichten  führend 
mnfste  ausgemauert  werden.  In  der  Folge  hat  die  Last  besonders 
in  den  Thonschichten  vielfach  die  Mauer  zerdrückt  und  den  Gang 
verschüttet.  Der  Gang  läuft  nämlich  nirgends  weniger  als  85  ni, 
sogar  250  m  unter  der  Oberfläche.  Um  die  Arbeit  an  mehreren 
Stellen  gleichzeitig'  anzugreifen,  Luft  herein  und  den  Schult  heraus 
zu  fördern  sind  32  senkrechte  und  8  schräge  Schachte  von  oben 
nach  dem  Canal  eröffnet  worden.  Tacitus  widmet  der  Beschreibung 
der  Festlichkeiten  die  bei  der  Eröffnung  52  n.  Chr.  gegeben  wur- 
den, zwei  Kapitel  ohne  für  das  Werk  selbst  mehr  als  geringschätzigen 
Tadel  übrig  zu  haben.  Sein  V^orgänger  Plinius  zollt  demselben  als 
Augenzeuge  mit  Recht  seine  Bewunderung.  Ohne  Magnetnadel,  ohne 
Sprengmittel,  mit  Meifsel  und  Schlägel  ist  hier  ein  Tunnel  herge- 
stellt worden,  dessen  Länge  erst  seit  der  Durchbohrung  des  M.  Cenis 
(1861 — 70)  übertrofl'en  ward.  Die  modernen  Techniker  die  1852 — 75 
mit  einem  Aufwand  von  30  Millionen  Franken  das  Unternehmen  des 
Claudius  zu  Ende  führten,  haben  mit  dem  Lobe  ihrer  alten  Fach- 
genossen nicht  gekargt,  zugleich  auch  die  begangenen  Fehler  im 
Einzelnen  aufgedeckt.')  Die  Alten  hatten  kläi lieh  nicht  den  ganzen 
See  ablassen  sondern  auf  den  tiefsten  Theil  bei  Marruvium,  etwa 
ein  Drittel  des  mittleren  Umfangs  einschränken  wollen.  Die  Un- 
gleichheiten und  Versehen  im  Inneren  des  Tunnels  fielen  weniger 
ins  Gewicht  als  die  verunglückte  Zuleitung  der  Abflufswasser  in 
denselben.  Uns  fehlen  die  Mittel  um  einen  annähernden  Kosten- 
anschlag über  die  geleistete  und  noch  zu  leistende  Arbeit  aufzu- 
stellen; aber  dafs  der  Fiscus  mit  dem  Erwerb  von  10  oder  12  000  ha 
Ackerland  entfernt  nicht  seine  Rechnung  fand,  leuchtet  aus  dem 
Aufwand  den  die  moderne  Technik  ungeachtet  aller  ihrer  Ueber- 
legenheit  für  die  Fertigstellung  gebraucht  hat,  ohnehin  ein.  Die 
Pflicht  der  Pietät  die  ihm  geboten  hätte  das  Begonnene  zu  vollenden, 
war  für  Kaiser  Nero  nicht  vorhanden.  Von  den  Nachfolgern  haben 
Traian  Hadrian  und  im  Mittelalter  der  Hohenstaufe  Friedrich  II  den 
claudischen  Tunnel  gereinigt  und  verschüttele  oder  bedrohte  Strecken 


1)  Leon  de  Botrou,  Prosciugamento  del  lago  Fucino,  confronto  tra  Temis- 
sario  di  Claudio  e  remissario  Torlonia,  Firenze  1871. 


454  Kapitel  VlIF.    Der  Hochappennin, 

neu  untermauert.  Damit  wurde  der  See  zeitweise  gebändigt  um 
nach  dem  ersten  Einsturz  oder  der  ersten  Verstopfung  des  Emissärs 
sein  neckisches  Spiel  von  vorn  anzufangen.  Seit  dem  starken  An- 
wachsen 1783  fg.  wurden  die  Pläne  der  Caesaren  in  ernstUche  Er- 
wägung gezogen.  Dauernde  Abhülfe  schuf  endhch  der  Unterneh- 
mungsgeist des  Herzogs  Torlonia.  Von  dem  alten  Werk  sind  noch 
Eingang  und  Ausgang  sichtbar,  der  grofsere  Theil  dagegen  ver- 
schwunden da  er  zu  einem  regelmäfsigen  20  Dm  vveiten  Canal  um- 
gearbeitet und  in  das  ehemalige  Seebetl  hinein  auf  6303  m  ver- 
längert worden  ist. 

Die  bedeutende  Erhebung  über  dem  Meer  bestimmt  das  Khma 
dieses  Beckens:  dafs  der  See  zufror,  war  kein  unerhörtes  Ereignifs. 
Im  Altertum  scheint  Gärtnerei  und  Baumzucht  den  Kornbau  über- 
wogen zu  haben ;  der  Wein  wird  oft  erwähnt,  gehörte  aber  nicht 
zu  den  besseren  Sorten.')  Die  iMarser  kannten  viele  heilkräftige 
Kräuter,  wie  solches  Hirten  nachgerühmt  zu  werden  pflegt.-)  Wenn 
das  arme  Volk  der  sabellischen  Berge  im  Allgemeinen  im  Ruf  der 
Zauberei  stand,  so  verfügten  sie  über  die  besondere  Kunst  Schlangen 
zu  beschwören.3)  Sie  mögen  im  alten  Rom  ebenso  bekannt  ge- 
wesen sein  wie  ihre  Nachfahren,  die  mit  Dudelsack  und  Schalmei 
ausziehen,  wenn  die  INot  des  Winters  sich  einstellt,  um  durch  eine 
fromme  Litanei  vor  den  Bildern  der  Madonna  in  den  Küstenslädten 
ihr  karges  Brot  zu  verdienen;  denn  die  Schlange  war  ehedem  Haus- 
thier.  Die  Gelehrten  haben  ihnen  deshalb  auch  einen  Sohn  der 
Circe  zum  Stammvater  setzen  wollen.^)  Dafs  sie  den  Namen  des 
Mars  tragen  und  mit  Ehren  getragen  haben,  ward  früher  gezeigt 
(I  516).  Während  der  samnitischen  Kriege  haben  sie  nicht  nur 
den  Römern  den  Durchzug  gestattet,  sondern  308  v.  Chr.  Schulter 
an  Schulter   mit   ihnen    die  Samniten    bekämpft. &)     Im  Verein    mit 


1)  Sil.  lt.  Vlll  507  Colum.  II  9  Xll  10  Plin.  XIX  77  XV  83.  90  Martial  XIII 
121  XIV  116  Galen  XIV  15  K.  u.  ö.  (daher  Athen.  I  26 f.). 

2)  Colum.  VI  5  Plin.  XXV  86  Verg.  Aen.  VII  758. 

3)  Hör.  Epod.  17,29  Sat.  I  9,29  Juvenal  3,169  14,180  Plin.  XXI  78  XXV  11 
XXVIII  19.  30  Cic.  Divin.  I  132  II  70  Sil.  It.  VIII  495  fg.  vila  Heliog.  23. 

4)  Plin.  VII  15  XXV  U  Gell.  N.  A.  XVI  11. 

5)  Diod.  XX  44.  Unter  dem  Eindruck  der  Erbitterung,  die  der  marsische 
Krieg  erzeugte,  hat  der  Annalist,  dem  Liv.  IX  41  folgt,  die  Erzählung  der  alten 
Chronik  in  ihr  Gegentheil  verkehrt.  Diese  offenkundige  Fälschung  macht  es 
unmöglich  der  Nachricht  von  Feindseligkeiten  300  v.  Chr.  Glauben  zu  schenken. 


§  4.     Die  Marser.  455 

den  Nachbarcanlonen  traten  sie  304  in  den  römischen  Bund  einJ) 
Man  sagte  91  in  Rom  dafs  bislang  weder  ein  Triumph  über,  noch 
noch  ein  Triumph  ohne  die  Marser  gefeiert  worden  sei.^)  Damals 
erklärten  diese  bewährten  Vorkämpfer  der  romischen  Macht  zuerst 
förmlich  den  Krieg  der  nach  ihnen  der  marsische  heifst,  ihr  Führer 
Pompaedius  Silo  wurde  neben  dem  Samniten  Mutilus  der  erste 
Consul  von  Ilalia.3)  Sie  brachten  den  Römern  manche  Niederlage 
bei,  bevor  sie  nach  dem  Fall  Silo's  Frieden  schlössen  und  als  Bürger 
in  die  Tribus  Sergia  eintraten.^)  Auch  in  der  Folgezeit  ist  der 
Ruhm  der  Tapferkeit  diesen  armen  Hirten  genus  acre  virum  ver- 
büebeu.^)  Im  vierten  Jahrhundert  gehören  sie  zur  Provinz  Valeria.^) 
Der  Fuciner  See  ist  mit  dem  Namen  des  marsischen  Stammes 
so  eng  verschwistert  dafs  einzelne  Schriftsteller  auch  die  nordwest- 
liche Ecke  die  seit  304  v.  Chr.  ihm  sicher  nicht  angehört  hat,  trotz- 
dem zuschreibend)  Während  hier  eine  Lücke  im  natüdichen  Zu- 
sammenhang entgegen  tritt,  greift  das  marsische  Gebiet  anderseits 
darüber  hinaus  nach  dem  oberen  Lirislhal.  Im  Ganzen  jedoch  er- 
scheint es  durch  die  Wasserscheide  gegen  Vestiner  Paeligner  Sam- 
niten vortrefflich  abgegrenzt.  Nach  dem  Empfang  des  Bürgerrechts 
wurde  die  Volksgemeinde  in  vier  Municipien  aufgelöst.  Aber  die 
Einheit  liefs  sich  nicht  zerreifsen :  die  Municipien  behielten  den 
Stammnamen  bei,  in  christlicher  Zeit  wurde  ein  niarsisches  Bistum 
errichtet.  In  der  That  war  der  Boden  für  eine  städtische  Ent- 
wicklung und  Zersplitterung  nicht  geeignet,  so  zahlreiche  Dörfer  er 
aufzuweisen  hatte.S)  —  Von  Cortinium  erreicht  die  Via  Valeria 
nach  11  Millien  die  Pafshöhe  des  mons  Imeus  Forca  Caruso,  nach 
weiteren  5  Millien    Cerfennia   den  Ort   von   dem   die   neue  Anlage 

so  begreiflich  der  Widerstand  marsischer  Gaue  gegen   die  Gründung  von  Car- 
sioli  an  sich  sein  würde  Liv.  X  3. 

1)  Diod.  XX  101    Liv.  IX  45    Pol.  II  24,12. 

2)  Appian  b.  civ.  I  46    Liv.  XXII  9  XXVIII  45  XXXill  36    Plut.  Fab.  20,1. 

3)  Diod.  XXXVII  2  Strab.  V  241  bellum  Marsicum  ist  die  übliche  Bezeich- 
nung des  Krieges  von  90 — S8. 

4)  Liv.  LXXII— LXVI  Oros.  V  18  Appian  b.  civ.  I  39.  46  Cic.  in  Vatin.  36 
(S.  446  A.  4). 

5)  Verg.  Georg.  II  167  Hör.  Od.  II  20,18  III  5,9  Caes.  b.  civ.  1  15.  20  II  29 
Tac.  Bist.  III  59  Eph.  ep.  V  p.  255. 

6)  Feldm.  229  Paul.  h.  Lang.  II  20. 

7)  Sil.  lt.  VIII  507  Ptol.  III  1,50. 

8)  Strab.  V  241  Fest.  371  Sil.  It.  VIII  508  cetera  in  obicuru  famae  et  sine 
nomine  vulffi  sed  numero  caslella  valent. 


456  Kapitel  VIII.     Der  Hochappennin. 

des  Kaisers  Claudius  ihren  ADlang  nahm  (S.  436).  Die  Kirche 
S.  FeHcilä  mit  dem  Beinamen  in  Cerfenna  unweit  von  Collarmele 
bezeichnet  die  Stelle. i)  4  Millien  ahseils  von  der  Strafse  am  Ost- 
rand des  Sees  bei  S.  Benedetto  liegt  die  Hauptstadt  Marrnviumß) 
Sie  heifst  auf  einer  Inschrift  splendidissima  civitas  Marsorum  Marru- 
vinorum,  wird  auch  mit  dem  Volksnamen  allein  ohne  weiteren  Zu- 
satz benannt.  Der  Bischof  der  Marser  hat  bis  1580  hier  seinen 
Sitz  gehabt  und  ist  erst  damals  nach  dem  nahen  Pescina  überge- 
siedelt. Inschriften  wie  Ruinen  unter  denen  ein  Amphitheater  er- 
wähnt wird,  beweisen  die  Blüte  des  Gemeinwesens.  Die  Schrift 
tritt  am  Fuciner  See  ziemHch  früh  auf  (I  516).  —  An  der  Südseite 
bei  Trasacco  liegt  der  Vicus  Supinnm:  ein  stattliches  Dorf  das  ein 
eigenes  Theater  besitzt  und  dessen  Herstellung  durch  ein  zweitägiges 
Bühnenspiel  feiert. 3)  Im  Südwesten  gegen  2  Millien  vom  claudischen 
Emissar  und  näher  bei  dem  natürlichen  Abflufs  Pedogna  erhob 
sich  ein  Heiligtum  der  Angitia  dessen  Vergii  gedenkt: 
te  nemus  Angitiae  vürea  te  Fucinus  unda 
te  liquidi  ßevere  lacus. 
Von  der  Umfassungsmauer  sind  grofse  Ueberreste  vorhanden; 
den  Tempel  hat  die  alte  Benedictinerkirche  S.  Maria  delle  Grazie 
verdrängt.  Der  Dienst  der  Göttin  die  von  den  Gelehrten  mit  Medea 
oder  Circe  zusammen  gebracht  wird,  aber  eher  an  Bona  Dea  er- 
innert, stand  nach  inschriftlichen  Zeugnissen  auch  bei  den  paelig- 
nischen  und  vestinischen  Nachbarn  in  Ehren. 4)  Eine  Ortschaft 
Lucus  ist  bei  dem  Tempel  entstanden  und  nach  ihm  benannt  worden; 
der  Name  hat  sich  in  dem  heutigen  Luco  erhalten.  Die  Census- 
liste  führt  als  selbständige  Gemeinde  die  Fucentes  Lticenses  auf;  das 
Beiwort  dient  dazu  sie  von  den  Lucenses  von  Luca,  Lucus  Feroniae, 
Lucus  Augusti  zu  unterscheiden.  ■')  Jenseit  des  Gebirges  das  die 
Fuciner  Einsenkung  nach  Südwest  abschliefst,  am  oberen  Liristhai 
liegt  hoch  (904  m)   und   fest  Antinum  Marsorum  Civitä  d'Antino.*') 

1)  It.  Ant.  309  Tab.  Peut.  Geogr.  Rav.  IV  35  CIL.  IX  p.  348. 

2)  Streb.  V  241  Piin.  III  106  Verg.  Aen.  VII  750  Marruvia  de  gente  sacer- 
dos  m.  Schol.  Sil.  It.  VIII  505  Feldm.  229.  256.  258  Tab.  Peut.  Geogr.  Rav. 
IV  34  CIL.  IX  p.  349  Eph.  ep.  VIII  p.  40. 

3)  CIL.  IX  p.  364  Supinates  eb.  n.  3906  Eph.  ep.  VIII  p.  43. 

4)  Verg.  Aen.  VII  759  Sil.  It.  VIII  498  Solin  2,28  CIL.  IX  3885.  3074.  3515. 

5)  Plin.  III  106  CIL.  IX  p.  367  Eph.  ep.  VIII  p.  43. 

6)  Plin.  III  106  überliefert  Alinates  nach  den  Inschriften  zu  verbessern  in 
Antinates  CIL.  IX  p.  362  Eph.  ep.  VIll  p.  42.    —    Wenn   unter  dem  Liv.  IV  57 


§  5.     Die  Äequer.  457 

Die  Stadimauer  in  polygonalem  Stil  sowie  Reste  anderer  Bauten 
sind  erhalten.  Die  Censusliste  sowol  als  Inschriften  weisen  dies 
Municipium  den  Marsern  zu.  Unbestimmt  bleibt  der  genaue  Sitz 
der  Marsi  Anxates  die  eine  selbständige  Gemeinde  gebildet  haben,  i) 

§  5.  Die  Aequer. 
Das  den  Fuciner  See  umlassende  Gebirge  ist  im  Norden  am 
höchsten,  wo  der  M.  Sirente  2349  m  der  M.  Velino  2487  m  an- 
steigt; die  zwischen  beiden  befindliche  Hohe  von  Ovindoli  1387  m 
welche  die  nach  Aveia  führende  Strafse  erkUmmt,  fällt  mehr  als 
600  m  gegen  den  See  hin  ab.  Aber  westlich  vom  M.  VeUno  er- 
öffnet das  Thal  des  Himella  bequeme  Auswege.  Aus  der  Ebene 
die  vom  See  allmähch  nach  diesem  Flufs  zu  anschwillt,  erhebt  sich 
mittwegs  zwischen  dem  M.  Velino  und  dem  See  mehr  oder  minder 
steil  eine  Gruppe  von  drei  Hügeln:  der  festeste  (1016  m)  trägt 
jetzt  Albe  ein  ärmUches  Dorf  von  150  Seelen;  daran  stufst  süd- 
wärts der  viereckige  Hügel  von  Pettorino;  vor  beiden  nach  Westen 
liegt  der  Hügel  von  S.  Pietro  mit  einem  tuscanischen  Tempel  der 
in  eine  Kirche  des  Apostels  umgewandelt  ist.  Aus  der  verschiedenen 
Bauart  der  Befestigungen  zieht  Promis  den  Schlufs  dafs  die  beiden 
erstgenannten  Anhöhen  bereits  vor  den  Römern  besiedelt  gewesen, 
die  letzte  von  diesen  hinzugefügt  worden  sei.-)  In  der  That  spricht 
alle  Wahrscheinlichkeit  dafür  dafs  ein  so  überaus  günstig  gelegener 
Ort  bewohnt  war,  bevor  ihn  die  Römer  zu  einer  der  stärksten 
Festungen  umschufen  die  Italien  aufzuweisen  hat.  ■Nach  Vernichtung 
der  Aequer  wurde  303  v.  Chr.  eine  latinische  Colonie  von  6000 
Mann  hingeschickt,  deren  Name  Alba  Fucens  woi  eher  als  ein- 
heimischer vorgefundener  denn  als  eine  Nachbildung  von  Alba 
Longa   der  Hauptstadt  Latiums  anzusehen   ist.  3)     Einige  Gewährs- 


erwähnlen  Antium  vielmehr  Antinum  zu  verstehen  ist  und  die  Volsker  408 
V.  Chr.  bis  an  den  Fucinus  sich  erstreckt  haben  (I  518),  so  mufs  das  Gebiet 
der  Marser  den  uns  bekannten  Umfang  erst  im  Laufe  des  4.  Jahrhunderts  er- 
langt haben.  Feldm.  259  Antianus  ager  bezieht  sich  möglicher  Weise  gleich- 
falls auf  diese  Stadt. 

1)  Plin.  111  106  vermuthlich  ist  auch  Ptol.  Ill  1,50  A'i^  in  'Ay^a  zu  ändern 
CIL.  IX  p.  349  A.  2. 

2)  Cario  Promis,  le   Antichitä  di   Alba    Fucense    negli   Equi   misurate  ed 
illustrate,  Roma  1836. 

3)  Meistens  ohne  Beiwort:  Fucens  Charis.  I  p.  106  Keil  ''AXfaßovxeUs  Ptol. 
III  1,50;  Tucentia  It.  Ant.  309.     Die  Bildung  des  Ethnikon  Albenses  im  Unter- 


458  Kapitel  VIII.    Der  Hochappennin. 

niänner  rechnen  das  Gebiet  den  Aequern  i),  andere  den  Marsern 
ZU.2)  Beachtung  verdient  dafs  Plinius  die  Albenses  als  selbständige 
Gruppe  aufführt  3):  der  Landstrich  wird  vermutlich  ehedem  von 
beiden  Völkerschaften  umstritten  gewesen  sein.  Nach  den  Inschrilt- 
funden  läfst  sich  die  den  Colonisten  überwiesene  Feldmark  auf 
350  Dkm  bestimmen.  Die  Stadt  hat  vermöge  ihrer  centralen  Lage 
als  Zwingburg  der  Abruzzen  gedient.  Von  VV^esten  her  läuft  die 
Via  Valeria  ein  die  sich  nach  Osten  bis  zur  Adria  fortsetzt,  von 
Norden  die  Strafse  aus  dem  Vestinerland  über  Aveia  und  Ovindoli 
(S.  457).  Natürliche  Verbindungen  bieten  nach  Nordwest  zu  den 
Aequiculern  und  Sabinern  das  Thal  des  Himella,  nach  Süden  zu 
den  Volskern  das  Thal  des  Liris.  Die  Römer  haben  den  Platz  mit 
allen  Mitteln  uneinnehmbar  zu  machen  gesucht:  manche  der  vor- 
handenen Werke  mögen  freilich  erst  aus  der  Zeit  der  Belagerungen 
im  letzten  Jahrhundert  v.  Chr.  stammen.  Promis  giebt  im  Text 
den  Umfang  zu  3  Millien  an:  nach  dem  beigefügten  Plan  sind  es 
indefs  nur  3  km  und  der  Flächeninhalt  34  ha.  Obwol  die  Hügel 
namentlich  der  von  Albe  keines  künstlichen  Schutzes  bedurften, 
sind  sie  doch  nach  der  Aufsen-  wie  der  Innenseite  ummauert  —  der 
Hügel  von  Albe  hat  sogar  eine  doppelle  Mauer  nach  der  Stadt  zu 
—  und  durch  unterirdische  ausgemauerte  Gänge  untereinander 
verbunden.  Die  schwächste  Stelle  ist  die  Einsenkung  an  der  nach 
Rom  gerichteten  Seite  wo  die  Valeria  in  die  Stadt  einmündet:  sie 
ist  in  jüngerer  Epoche  durch  drei  terrassenförmig  ansteigende  und 
mit  Thürmen  ausgerüstete  Mauern  gesichert  worden.  Davor  befand 
sich  noch  ein  Vorwerk  um  die  500  m  vom  Thor  entfernten  Brunnen 
zu  decken:  laufendes  Wasser  fehlt  nämUch  innerhalb  der  Ring- 
mauer. Am  Merkwürdigsten  erscheint  eine  Landwehr  die  1  Millie 
Ost  von  Albe  sich  bis  zu  den  Abhängen  der  Berge  von  Ovindoli 
erstreckt  und  die  Ebene  gegen  Einfälle  der  Vestiner  schützt.  Promis 
beschreibt  sie  als  einen  aus  vieleckigen  Bruchsteinen  mit  Kalk  er- 
richteten Wall  von  3  km  Länge,  an  dessen  beiden  Seiten  mit  einem 
Abstand   von   1  km  Gräben   laufen.     Die  Gräben   sind   am  Scheitel 


schied  von  Albani  Varro  LL.  VIII  35  Gramm,  lat.  I  p.  106  V  p.  145  Keil  spricht 
bei  dem  mehimaligen  Vorkommen  in  anderen  Landschaften  nicht  eben  für  die 
von  Appiaii  Hann.  39  behauptete  Ableitung. 

1)  Liv.  X  1  Appian  Hann.  39  vgl.  Veli.  I  14. 

2)  Fest.  4  M.  Sil.  It.  VIII  507  Ptol.  HI  1,50. 

3)  Plin.  III  106  vgl.  Liv.  XXVI  11  Strab.  V  235.  238.  240. 


§  5.    Die  Aequer.  459 

90,  an  der  Sohle  50  m  breit  und  füllen  sich  hei  Regen  mit  Wasser, 
so  dafs  sie  nehen  der  Vertheidiguug  auch  dazu  dienten  das  auf 
diese  enge  Ebene  in  Fülle  einströmende  Wasser  fern  zu  halten.  — 
Die  Regierung  der  Repubhk  hat  die  dem  Meer  entrückte  Festung 
mit  Vorliebe  berühmten  Staatsgefangenen  zum  Aufenthalt  ange- 
wiesen: hier  lebten  in  Haft  Konig  Syphax  von  Numidien  Konig 
Perseus  von  Makedonien  Biluilus  König  der  Arverner.i)  Die  Stärke 
ihrer  Mauern  ist  in  zwei  Belagerungen  erprobt  worden:  den  ita- 
lischen Bundesgenossen  leistete  Alba  90  v.  Chr.  heldenmütigen 
Widerstand  2);  als  der  Sohn  des  Lepidus  sich  seiner  bemächtigt 
halte,  wurde  es  78  oder  77  durch  Hunger  bezwungen. 3)  Auch  in 
den  nachfolgenden  Bürgerkriegen  war  der  Platz  mehrfach  mit 
Truppen  belegt.^)  Die  Zahl  der  angesiedelten  Colonisten  weist 
genugsam  auf  das  Gewicht  das  die  römische  Regierung  dieser 
Gründung  beimafs,  hin.  Beim  Anmarsch  Hannibals  gegen  Rom  211 
kamen  sie  der  bedrohten  Hauptstadt  mit  2000  Mann  zu  Hilfe,  er- 
klärten freilich  bald  darauf  209  ihr  Unvermögen  die  Kriegslasten  für- 
derhin  zu  tragen. 5)  Dafs  aber  Alba  die  Vorherrschaft  in  den  Abruzzen 
nicht  blofs  als  Festung  sondern  auch  als  Sitz  von  Handel  und  Ver- 
kehr zu  behaupten  bestimmt  war,  erhellt  aus  seinem  Münzrecht 
(S.  74):  es  hat  eine  Zeit  lang  Silber  geprägt. 6)  Durch  das  iulische 
Gesetz  erlangte  es  Bürgerrecht,  wurde  Municipium  und  der  Tribus 
Fabia  zugetheilt.  Mit  dem  Wellfrieden  den  die  Caesaren  begründe- 
ten, verschwindet  sein  Name  aus  der  Ueberlieferung.^)  Die  Ruinen 
öffentlicher  Bauwerke  die  sich  im  Innern  der  alten  Festung  breit 
machen,  Amphilheater  zwei  Theater  Basilika  Tempel  lassen  für 
eine  zahlreiche  städtische  Bevölkerung  keinen  Raum  übrig.  So 
stattlich  das  Gemeinwesen  als  solches  in  den  ersten  Jahihunderten 
unserer  Zeilrechnung  aus  den  Denkmälern  entgegen  tritt,  muls  doch 


1)  Strab.  V  240  Liv.  XXX  17.  45  XLV  42  LXI  Pol.  XXXVII  2,3  Diod.  XXXI 
9  Val.  Max.  V  1,1  IX  6,3  Gros.  IV  20,39. 

2)  Liv.  LXXII  Gornif.  Rhet.  II  45  Cic,  Phil.  III  6.  39  IV  6. 

3)  Gros.  V  22,17  wird    trotz   der  unrichtigen  Form  Albani  auf  dies  Alba 
zu  beziehen  sein. 

4)  Caes.  b.  civ.  I  15.  24  Cic.  Att.  VllI  12A,1  C,l  IX  6,1    Phil.  III  6  XIII  19 
XIV  31  Appian  b.  civ.  III  45.  47  V  30. 

5)  Appian  Hann.  39  Liv.  XXVII  9  XXIX  15. 

6)  Cato  RR.  135. 

7)  Cic.  Phil.  III  39  Feldm.  244.  253  CIL  IX  p.  370  Eph.  ep.  VlII  p.  44. 


460  Kapitel  VIII.     Der  Hochappennin. 

das  eigentliche  Leben    aus   den  Mauern  ausgewandert  sein.     Dafür 
spricht  der  Umstand  dafs  Alba  keinen  Bischof  gehabt  hat.^) 

Als  Stütze  und  Rückhalt  für  Alba  wurde  298  v.  Chr.  eine 
4000  Mann  zählende  latinische  Colonie  nach  Carsioli  entsandt.^) 
Der  Abstand  beider  Städte  auf  der  Via  Valeria  deren  Bau  auf 
langen  Strecken  ungeheure  Kosten  verursacht  hat,  wird  mit  23, 
von  der  letztgenannten  nach  Rom  mit  42  Millien  beziffert.^)  Am 
oberen  Tolenvs  Turano  an  dessen  Ufern  die  Römer  den  11.  Juni 
90  eine  blutige  Niederlage  durch  die  Marser  erlitten  4),  ist  eine 
runde  Piano  del  Cavaliere  benannte  Ebene  von  9  km  Durchmesser 
und  600  m  Meereshöhe  ausgebreitet,  trotz  der  gegenwärtigen  Un- 
gesundheit  äufserst  fruchtbar,  im  Altertum  wegen  ihres  Weinbaus 
erwähnt  5): 

frigida  Carsiolis  nee  olivis  apta  ferendis 

terra,  sed  ad  segetes  ingeniosus  ager. 

An  einem  sanften  Abhang  der  vom  Poggio  Ginolfo  ausläuft^ 
gelegen  beherrscht  Carsioli  die  Ebene,  Die  TrUmmerstätle  deren 
Beziehung  zuerst  von  Holste  erkannt  wurde,  heifst  jetzt  Civita 
Careuzae):  man  unterscheidet  Reste  der  Ringmauer  in  polygonaler 
Bauart,  einer  Wasserleitung  u.  a.  In  der  Geschichte  wird  Carsioli 
neben  Alba  erwähnt,  tritt  aber  doch  in  den  Hintergrund.'')  Es 
versagte  gleich  diesem  209  in  der  hannibalischen  Not,  diente  zur 
Unterbringung  gefangener  Fürsten,  ward  von  den  italischen  Bundes- 
genossen zerstört.  Als  Municipium  gehört  es  zur  Tribus  Aniensis, 
hat  einen  Senat  und  Quattuorvirn  an  der  Spitze,  erlangt  in  der 
Folge  den  Titel  Colonie  welcher  der  Nachbarin  versagt  blieb.  Am 
Ausgang  des  Altertums  mufs  es  das  baulich  viel  glänzender  ausge- 
staltete Alba  überholt  haben,    weil  Paulus  dieses  ausläfst,   dagegen 


1)  Letzte  Erwähnung  Tab.  Peut.  Geogr.  Rav.  IV  34  entstellt  Gala;  es  fehlt 
bei  Paulus. 

2)  Liv.  X  13,  eine  minderwertige  Ueberlieferung  eb.  c.  3  Vell.  I  14  giebt 
als  Gründungsgefahr  301  an. 

3)  It.  Ant.  309  Tab.  Peut,  CIL.  IX  p.  586. 

4)  Ov.  Fast.  VI  565  Gros.  V  18,13.  Appian  b.  civ.  I  43  nennt  irrtümlich  den 
Liris,  mit  dem  er  bereits  c  39  unglücklich  hin  und  herrät. 

5)  Ovid  Fast.  IV  683  Colum.  111  9  Plin.  XVII  213. 

6)  Holsten.  zu  Cluver  784. 

7)  Liv.  XXVII  9  XXIX  15  XLV  42  Flor.  II  6,11  übseq.  52  Strab.  V  238  Plin. 
III  106  Ptol.  111  1,49  Feldm.  239.  254  CIL.  IX  p.  382  Eph.  ep.  VIII  p,  48. 


§  5.    Die  Aequer.  461 

Carsioli  neben  Tibur  und  Reate  aiift'ührt.^)  Bis  ins  12.  Jahrhundert 
ist  sein  Dasein  nachweisbar:  während  seines  langen  Siechtums  sind 
in  gleicher  Entfernung  nach  Ost  und  West  die  beiden  Dörfer  Arsoli 
und  Carsoli  entstanden. 

Von  dem  alten  Volk  der  Aeqni  auf  dessen  Grund  und  Boden 
die  latinischen  Festungen  erbaut  wurden,  ist  früher  (I  514)  die 
Rede  gewesen.  Die  Kriege  mit  ihnen  und  den  Volskern  die  zu 
den  jährlichen  Vorkommnissen  der  älteren  Republik  gehört  haben  2), 
beginnen  der  Sage  nach  unter  Tarquinius  Priscus.3)  Im  5.  Jahr- 
hundert, nach  den  Annalen  seit  494  v.  Chr.  fassen  sie  in  der  Ebene 
von  Latium  festen  Fufs:  wenn  ihre  Feldzeichen  auf  dem  Algidus 
erscheinen,  was  zuerst  466,  zum  letzten  Male  415  erwähnt  wird, 
dann  rückt  die  römische  Landwehr  aus.*)  Nach  den  FeldzUgen  386.  85 
schweigt  die  Ueberlieferung  von  ihnen  bis  zu  ihrer  Vernichtung. &) 
Fortan  verschwindet  der  Name,  dagegen  erhält  sich  ein  Zweig  des  Volkes 
als  Aeqnicnli  im  Thalgebiet  des  Himella  Salto. •>)  Die  mittlere  Kette  des 
Appennin  deren  höchster  Gipfel  der  M.  Velino  ist,  wird  vom  Aternusund 
Himella  begrenzt:  jener  fliefst  nach  Südost  dieser  nach  Nordwest; 
dort  ist  die  Thalbildung  eine  viel  ausgedehntere  als  hier.  Das 
Thal  des  Himella ')  das  noch  jetzt  Cicolano  heifst  und  damit  den 
Namen  der  Aeqniculani  bewahrt  s),  war  und  ist  von  keiner  grofsen 

1)  Paul,  h.  Lang.  II  20  CIL.  IX  4067. 

2)  Liv.  III  15  statum  inm  ac  prope  soUemne  in  sin^ulos  amios  bellum 
IV  45  VI  12. 

.3)  Cic.  Rep.  II  36  Strab.  V  231. 

4)  Liv.  II  30  III  2  IV  26.  45  VI  12  IX  45  X  l. 

5)  Diod.  XX  10t  Liv.  IX  45. 

6)  Eine  verkehrte  Etymologie  leitete  das  Fetialenrecht  von  den  ^equicoU 
qui  aeqnum  colunt  her  (aus  demselben  Grunde  von  den  Aequi  Falisci  Serv. 
V.  Aen.  VII  695),  wie  Schwegler  Rom.  Gesch.  I  603  A.  erkannt  und  die  In- 
schrift des  rex  Aequeicolus  CIL.  I  p.  564  bestätigt  hat.  Dadurch  aliein  ist  der 
Name  der  Aequiculer  als  gleichbedeutend  mit  Aequer  in  die  Annalen  Liv.  I 
32  Dion.  H.  II  72  eingedrungen.  Livius  hat  ihn  sonst  nur  noch  X  13  und  sagt 
X  1  Aequer,  wo  zweifellos  Aequiculer  gemeint  sind.  Ebenso  Dionys  ständig 
AUavoi.  Merkwürdig  ist  das  Schwanken  bei  Diodor  AlxoXavoi  XI  40  AlxXot 
XII  61  XX  101  AlxXoi  Ol  vvv  AcxivcXai,  xalovftevoi  XIV  117  A'ixoi  XIII  6.  42 
XIV  102.  106  AiTcaXoi  XIV  98.  Cicero  kennt  nur  Aequi,  die  Gleichung  mit 
bezw.  dio  Ersetzung  durch  Aequiculi  wird  erst  mit  der  iMonarchie  üblich  Verg. 
Aen.  VII  747  Sil.  It.  VllI  369  Suet.  Vit.  1. 

7)  lieber  den  Namen  s.  I  312  A.  4. 

8)  Diese  Nebenform  steht  allein  Plin,  III  107  und  Ecicylanus  ager  Feldm. 
255.     Die  Inschriften  haben  CIL.  IX  4112  Aequiculi  4128  Aequicli. 


462  Kapitel  VlII.    Der  Hochappennin. 

Strafse  durchzogen,  wird  nur  auf  kurzer  Strecke  voo  der  Via  Caecilia 
durchquert  und  erscheint  bedeutende  Städte  hervorzubringen  durch- 
aus unfähig.  Dagegen  enthält  es  manche  Ueberreste  von  den  zahl- 
reichen Burgen  —  ihrer  31  (Livius)  oder  40  (Diodor)  soll  Consut 
Sempronius  304  zerstört  haben  —  in  denen  das  streitbare  Berg- 
volk einst  hauste.  Polygonale  Mauern  finden  sich  bei  S.  Anatolia 
an  der  Grenze  des  Gebiets  von  Alba,  bei  Torano,  Civitella-Nesce, 
Pescorocchiano,  Corvaro  u.  a.  Vielleicht  hat  Varro,  wie  man  meint, 
an  derartige  verlassene  Mauerringe  seinen  Bericht  über  die  Wohn- 
sitze der  Aborginer  angeknüpft^  aber  hat  dabei  nicht  an  das  Cico- 
lano  denken  können;  so  reizvoll  es  sein  würde  die  aequischen 
Burgen  zu  benennen  und  auf  der  Karte  unterzubringen,  ist  dies 
auf  dem  Boden  gegebener  Thatsachen  nicht  möglich. i)  Nur  die 
montosae  Nersae  oder  der  vkus  Nervesiae  in  Aeqnicolis  ist  durch  In- 
schriftenfunde als  das  heutige  Civitella  bei  INesce  (798  m)  am  linken 
Ufer  des  Salto  sicher  gestellt. 2)  Unter  den  Ortschaften  der  Aequi- 
culerist  Nersae  die  ansehnlichste  gewesen,  hat  auch  ein  Theater 
gehabt;  von  seinen  Gebäuden  ist  mancherlei  Mauerwerk  erhalten. 
Es  wird  berichtet  dafs  die  Aequer  die  Anlage  von  Alba  zu  hindern 
suchten,  aber  von  den  Colonisten  zurückgeschlagen  wurden,  sodann 
das  Bürgerrecht  erhielten. 3)  Vermutlich  ist  das  Stimmrecht  und 
die  Aufnahme  in  die  claudische  Tiibus  erst  nachträglich  hinzuge- 
kommen. Man  wird  annehmen  dürfen  dafs  diesen  Landgemeinden 
durch  Praefecten  Recht  gesprochen  wurde:  in  einer  derselben  be- 
gegnet die  ohne  Beispiel  dastehende  Würde  eines  magister  iure 
dicunäo.  Später  im  Laufe  der  Kaiserzeit  ist  die  Gesamtheil  der 
Landgemeinden  res  publica  Aequicnlorum  als  Municipium  mit  Senat 
Duovirn  Aedilen  Quaestoren  usw.  eingerichtet  worden,  wie  aus  den 
Inschriften  hervorgeht. 4j  Die  Censusliste  des  Augustus  schreibt  den 
Aequiculanern  nur  zwei  Städte  zu,  nämlich  aufser  Carsioli  noch 
Cliternia.^)      Letzeres    gehört   gleichfalls    zur   Tribus   Claudia,    hat 

1)  Dion.  H.  I  14,  die  Deutungen  von  Bimsen,  Ann.  dell'  Inst.  VI  99 fg. 
Abeken.  Mittelitaiien  p.  85  fg.  u.  a.  gehen  von  unrichtigen  Voraussetzungen  aus. 

2)  Verg.  Aen.  VII  744  Plin.  XXV  86. 

3)  Liv.  X  1  Cic.  Off.  I  35. 

4)  CIL,  IX  p.  38S.  In  den  Stadtlisten  Plin.  III  107  Ptol.  III  1,49  fehlt  es. 
Mit  Grund  deutet  Momnnsen  die  ncXis  Koi'yovlov  in  der  Nähe  von  Carsioli 
und  Alba  Strab.  V  238  auf  die  Aequiculer;  doch  ist  damit  über  ihre  rechtliche 
Stellung  nichts  gesagt.     Ihren  Kalender  erwähnt  Ov.  Fast.  III  93. 

5)  Plin.  III  107  Ptol.  III  1,49  CIL  IX  p.  394 


§  6.     Die  Sabiner.  463 

Duovirn  und  Qiiaestoren  und  mag  wol  unter  Augustus  mil  den 
Aequiculern  zu  einem  Verwaltungskörper  vereinigt  gewesen  sein 
oder  werden  sollen.  Es  lag  bei  Capradosso  in  einem  Seitenthal 
Ost  vom  Himella.  Auf  die  ehemalige  Verbreitung  der  Aequer  nach 
Süden  kommen   wir   in    anderem  Zusammenhang   (Kap.  X)  zurück. 

§  6.  Die  Sabiner. 
Eine  feste  Umgrenzung  der  Stämme  ist  für  die  ältere  Zeit 
nicht  möglich.  Wir  sahen  S.  413  daCs  der  Name  der  Picenter  ur- 
sprünglich westlich  vom  Äppennin  so  gut  heimisch  war  wie  an 
der  Adria,  umgekehrt  der  Name  der  Sahini  jene  mitumfafste.  Als 
Sabiner  bezeichneten  die  oskisch  redenden  Bewohner  des  Südens 
sich  selbst  (I  526);  die  Deminutivform  Sabelli  wird  von  den  Romern 
auf  die  Samniten  erstreckt^},  ganz  vereinzeU  auf  die  kleinen  Völker- 
schaften Miltelitaliens  beschränkt.^)  Mit  dem  Namen  verband  der 
Hauptstädter  unwillkürlich  die  Vorstellung  Gebirgsbewohner;  denn 
sein  Gesichtsfeld  war  im  Osten  durch  sabinische  Berge  begrenzt: 
den  M.  Terminillo  (2213  m)  in  der  Ferne,  die  steil  abfallende  Kette 
aus  welcher  der  mons  Lncretilis  M.  Gennaro  (1268  m)  sich  abhebt, 
in  greifbarer  Nähe.  Die  Sage  leitet  den  Ursprung  der  mächtigsten 
Völker  der  mittleren  und  südlichen  Halbinsel,  der  Picenter  Paeligner 
Marser  Herniker,  der  Samniten  in  Samnium  Campanien  Lucanien 
und  Bruttium  von  ihnen  her,  schreibt  ihnen  auch  einen  wesentlichen 
Antbeil  an  der  Gründung  Roms  zu.3)  Die  beutige  Wissenschaft 
verzichtet  auf  den  Versuch  die  Wurzeln  dieses  weit  verzweigten 
Stammes  aufzudecken  (1  511).  Der  alte  Cato  glaubte  sie  in  Testrnna 
einem  Dorf  unbekannter  Lage  bei  Amiternum  am  Fufs  des  Gran- 
sasso  d'Ilalia  gefunden  zu  haben. 4)  Von  hier  aus  eroberten  die 
Sabiner  nach  ihm  die  Ebene  von  Reate  die  im  Besitz  der  Abori- 
giner  war,  und  gründeten  in  der  Folge  viele  Gemeinden  darunter 
Cures.    Ihr  Gebiet,  sagt  Cato,  reichte  fast  100  Millien  in  die  Länge 


1)  Strab.  V  250  Plin.  III  107  Liv.  VIII  1  X  19  Vano  bei  Philargr  zu  V. 
Georg.  II  167.' 

2)  DioH.  XXXVII  2.11,  wo  Samniten  und  Lucaner  ausgeschlossen  werden, 
nach  Posidonios.  Die  Gleichsetzung  von  Sahim/s  und  Sahellus  ist  dichterisch 
Hör.  Ol  111  6,37  Ep.  I  16,49  Verg.  Georg.  II  167  III  255  Aen.  VII  665  Vill  510 
Colum.  X  137  Plin.  XIX  141  Javenal  3,169  Sil.  It.  IV  221  XV  6S7. 

3)  Plin.  HI  115  schreibt  auch  Ravenna  den  Sabinern  zu. 

4)  Dion.  H.  II  49   TearQvvnv  Chisianus   Teazoovvnv  Vaticanus. 


464  Kapitel  VlII.     Der  Hochappennin. 

und  näherte   sich   der  Adria   bis   auf  28,   dem  tyrrhenischen  Meer 
bis   auf  24  Millien  Abstand.     Das   Mafs   ist,    wie   der  Augenschein 
lehrt,  auch  Straho  der  dasselbe  herübernimmt,   zu  verstehen  giebt, 
von  einer  Strafse  nämlich  der  Via  Salaria  bezw.  Caecilia  abgeleitet,  i) 
Da    nun    das  Meer   bei  Ostia   16  Millien    von  Rom  entfernt  ist,    so 
mufs  Cato  (wenn  er  die  Entfernung  von  Thor  zu  Thor  mit  2  Millien 
in  Ansatz  biachte)  die  Grenze  zwischen  Latinern  und  Sabinern  am 
6  (8?)    Meilenstein   angesetzt   haben.     Diese  Bestimmung  hat  auch 
für   die   spätere  Zeit   gegolten :     in    der   Censusliste    des   Augustus 
werden  Fidenae   und  Nomentum   sowol   der  ersten    als  der  vierten 
Region  zugeschrieben,  weil  Gemeinde-  und  Regionengrenzen  nicht 
zusammen    fielen ,    sondern   die  Gemarkungen    von  letzteren  durch- 
schnitten wurden. 2)     Nach  Osten  behaupten  die  Sabiner  den  Ueber- 
gang  über   den  Appennin    und  das  obere  Thal  des  Vomanus  über 
Poggio  iJmbricchio   wo   der   104.  Meilenstein  gefunden  worden  ist, 
hinaus  bis  in  die  Nähe  des  108.  etwa  hei  Montorio  20 — 22  Millien 
von  Hadria  (S.  429).     Man  erkennt  also  dafs  die  Via  Salaria  bezw. 
CaeciHa   auf  ihrem   ganzen    Verlauf   bis    zur    letzterwähnten    Stadt 
durch    römisches   und    latinisches   Gebiet   führte.     Wie  S.  409  be- 
merkt, ist  nicht  zu  sagen  ob  das  obere  Thal  des  Tronto  zu  Pice- 
num    oder   zur   Sabina   gehört   hat.      In    der  Luftlinie   beträgt   die 
Ausdehnung  der  Sabina  von  Nord  nach  Süd   120  km,  von  West  nach 
Ost   30 — 60  km.      Die   Westgrenze  gegen    Umbrien   ist   im   Allge- 
meinen durch  die  Nera  und  die  Fälle   des  Velino,    gegen  Etrurien 
durch  den  Tiber  bezeichnet.     Im    Osten   lassen  sich  gleichfalls  die 
sabinischen  Stadtgebiete  von  den  vestinischen  aequischen  latinischen 
einiger   Mafsen    sondern.   —  Nur   ein  Drittel   des  etwa  5000  Dkm 
umfassenden  Landes  ist  anbaufähig.     Die  nördliche  Hälfte  bis  zum 
Thal  von  Rieti  ist  von  einem  unwirthchen  Gebirge  mit  20 — 2500  m 
hohen  Gipfeln    erfüllt  (l  236  fg.)    und  hat  geringe  Hochebenen  an 
der  Nera   und    ihren    Nebenflüssen    aufzuweisen.      Hier   beschränkt 
sich  die  Volkswirtschaft  im  Wesentlichen    auf  Sennerei.     Die  Süd- 
hälfte trägt  einen  freundhchoren  Charakter:    in  der  Kette  die  vom 
Nar  bis  zum  Anio  hinzieht,  übersteigen  die  Gipfel  selten  die  Höhen- 
linie von  1000  m,  die  Abhänge  sind  von  einem  wogenden  OHven- 
wald  bedeckt.     Das  unter  den  Bäumen  gesäete  Getreide  bringt  nur 


1)  Strab.  V  228  wie  bei  Dionys  sind  10  Stadien  auf  die  Millie  zu  rechnen. 

2)  Plin.  III  64.  69.  107.     Den   Sabinern  weisen   Nomentum   zu    Verg.    Aen. 
Vll  712  Strab.  V  228  Feldm.  257. 


§  6.     Die  Sabiner.  465 

das  5.  Korn;  aber  in  der  Baumzucht  nahm  und  nimmt  die  Sabina 
einen  unverächthchen  Platz  ein.  Erwähnt  werden  Oel ')  Wein  2) 
Obst 3)  Hanf  aus  der  Niederung  bei  Reate^)  Kohl^)  Sabina  herba 
ein  oft  genanntes  Heil-  und  Räucherkraut. 6)  Indessen  weisen,  das 
letzte  ausgenommen,  alle  diese  Erzeugnisse  in  eine  junge  Zeit  seit 
der  römischen  Herrschaft.  Das  ursprüngliche  Pflanzenkleid  der 
Sahina  führt  uns  Strabo  mit  der  Angabe  vor  Augen  dafs  eine  starke 
Eichelausfuhr  von  hier  stattfand.  Unter  dem  Schutz  der  Wälder 
und  Berge  haben  die  altertümlichen  Lebensformen  lange  fortge- 
dauert. Die  Ansiedlungen  entbehrten  einstmals  der  Mauern;  auch 
späterhin  straften  sie  den  Namen  Stadt  Lügen ,  da  ihr  Aeufseres 
einem  Dorfe  glich.")  Verschlossener  Ernst  und  Sittenstrenge  galten 
als  Merkmale  ihrer  Bewohner.Sj  Der  Gegensatz  zwischen  der 
keuschen  Bäuerin  und  der  üppigen  Römerin  wird  von  den  Dichtern 
mit  Vorliebe  ausgemalt.^)  Als  Traumdeuter  und  Zauberer  waren 
die  Sabiner  gleich  den  Marsern  (S.  454)  wol  bekannt  lO);  die  Wissen 
Schaft  der  Anspielen  soll  von  ihnen  erkundet  sein^^);  von  der 
Frömmigkeit  leitet  Varro  den  Volksnamen  her,^^) 

Wegen  ihres  Kinderreichtums,  bemerkt  derselbe  Gewährsmann, 
haben  sie  oftmals  die  Jugend  zur  Gründung  eines  neuen  Heim- 
wesens hinausgeschickt,  gleich  wie  die  Bienenbrut  ausschwärmen 
mufs,   wenn   der  Stock    nicht  mehr  Raum   hat   und   die  Alten  die 


1)  Strab.  V  228  Colum.  V  8  Plin.  XV  13  Galen  XII  p.  513  K.  Juvenal  3,85. 

2)  Strab.  a.  0.  Hör.  Od.  1  9,7  20,1  Plin.  XIV  28.  38. 

3)  Plin.  XV  40  Varro  RR.  I  67. 

4)  Plin.  XIX  174. 

5)  Plin.  XIX  141. 

6)  Cato  RR.  70  Plin.  XVI  79  XXIV  102.  V.  Culex  404  Ov.  Fast.  I  343 
Galen  XI  853  K. 

7)  Dion.  H.  II  49  Strab.  V  228  Plut.  Rom.  16,1  Liv.  II  62. 

8)  Gic.  pro  Ligario  32  fortissimi  viri  in  Vatin.  36  severissimi  homines 
Rep.  ill  40  Fam.  XV  20,1  Liv.  I  18  instructum  non  tarn  peregrinis  artibus 
quam  disciplina  tetrica  ac  trisli  veterum  Sabinorum  quo  genere  nullum 
quondam  incorruptius  fuit.  Verg.  Aen.  VIII  638  dazu  Serv.  Hör.  Od.  III  6,39 
Epod.  2,41  Epist.  II  1,25  Ov.  Amor.  II  4,15. 

9)  Ov.  Med.  fac.  11  fg.  Properz  II  30,48  Juvenal  3,85.  169  6,164  10,299 
Stat.  Silv.  V  1,123. 

10)  Fest.  325  Hör.  epod.  17,28  Sat.  I  9,29. 

11)  Gic.  de  Divin.  II  80  Rep.  II  26. 

12)  Fest.  343  ano  rov  aeßea&ai  Plin.  III  108. 

Nissen,  Ital.  Landeskunde.    II.  30 


466  Kapitel  VIII.     Der  Hochappennin. 

herangewachsene  Brut  vertreiben. i)  In  der  That  ist  der  Schlüssel 
für  die  frühere  Geschichte  des  Gebirgs  in  seiner  Uebervölkerang 
zu  finden.  Die  warme  fruchtbare  Ebene  von  Latium  versprach 
ihm  Nahrung  und  Beute.  In  verschiedenen  Fassungen  meldet  die 
Sage  vom  Einbruch  sabinischer  Scharen:  ein  heiliger  Lenz  aus 
Reate  vertreibt  Ligurer  und  Siculer  von  den  sieben  Bergen  Roms ; 
die  Aboriginer  aus  Reate  durch  die  Sabiner  verdrängt  entreilsen 
den  Siculern  Latium;  König  Titus  Tatius  gründet  auf  dem  Quirinal 
eine  Stadt;  Atlius  Clausus  wandert  504  v.  Chr.  mit  grofsem  Gefolge 
ein  und  erhält  von  den  Römern  Land.  Die  älteren  Annalen  sind 
voll  von  den  Berichten  sabinischer  Einfälle :  aber  seit  449 ,  zwei 
Menschenalter  bevor  den  Aequern  das  Handwerk  gelegt  ward 
(S.  461),  ist  es  davon  stille;  für  mehr  als  anderthalb  Jahrhunderte 
verschwindet  der  Name  aus  der  Ueberlieferung.  "Wir  vermuten 
dafs  die  Sabiner,  seitdem  der  natürliche  Ausweg  gen  Westen  durch 
die  befestigte  Macht  Roms  versperrt  war,  nach  anderen  Richtungen 
ihr  Glück  versucht,  insbesondere  innerhalb  des  Zeitraums  von  450 
bis  300  die  adriatische  Küste  erobert  haben.  Wir  vermuten  dafs 
in  Folge  der  Auswanderung  nach  Picenum  die  eigentliche  Sabina 
von  Menschen  entblöfst  war,  als  Curius  Dentatus  in  einem  kurzen 
Feldzug  290  sie  bis  zum  Meer  unterwarf.  Die  einsilbigen  Nach- 
richten die  hierüber  auf  uns  gelangt  sind,  verweilen  lediglich  bei 
der  Gröfse  des  Erfolgs. 2)  „Als  der  Consul  im  Senat  den  Umfang  des 
gewonnenen  Landes  und  die  Menge  der  erbeuteten  Gefangenen  dar- 
legen wollte,  vermochte  er  die  Zahl  nicht  auszudrücken."  Allein 
nach  allem  was  wir  von  der  Tapferkeit  der  Sabiner  und  dem  von 
Bergvölkern  geleisteten  Widerstand  wissen,  kann  das  angegebene 
Ziel  einzig  durch  den  Umstand  erreicht  worden  sein  dafs  es  an 
Vertheidigern  gebrach  um  die  Heimat  zu  schützen.  Ihre  Schwäche 
war  schon  einige  Jahre  zuvor  im  dritten  samnitischen  Krieg  zu 
Tage  getreten ,  als  sie  von  den  Heeren  der  feindlichen  Parteien 
zum  Kampfplatz  gemacht  wurde  (S.  471).  Die  Besitznahme  von 
Seiten  Roms  ist  durch  die  begreifliche  Erwägung  veranlafst  worden, 
einen    trennenden     Damm     zwischen     den     Bundesgenossen     des 


1)  Varro   RR.  III  16   Dion.  H.  I  16  Sisenna  fr.  99  Peter  Fest.  321  Serv.  V. 
Aen.  VII  796  Strab.  V  250. 

2)  Strab.  V  228  Plin.  XVIil  18    Flor.  I  10  Gros.  III  22,11  Liv.  XI   Frontir» 
Str.  I  8,4. 


§  6.    Die  Sabiner.  467 

Südens  und  Nordens  zu  errichten,  nachdem  deren  Vereinigung 
295  die  höchste  Gefahr  heraufbeschworen  hatte.  Die  Aeufserung 
des  Fabius  FMctor  die  Romer  hätten  zuerst  durch  die  Bewältigung 
dieses  V^olkes  den  Reichtum  kennen  gelernt,  ist  nicht  etwa  auf 
Gold  und  Silber  und  in  den  Dürfern  angehäufte  Schätze  zu  be- 
ziehen, sondern  auf  die  Masse  von  Neuland  das  in  die  Hände  des 
Siegers  fiel.  Ein  Theil  wurde  in  Ackerlosen  von  7  Juchert  ro- 
mischen Bürgern  —  der  Consul  erhielt  selbst  eins  —  angewiesen, 
ein  anderer  für  Rechnung  des  Staates  verkauft,  das  meiste  verbheb 
in  dessen  Besitz^^)  Man  begreift  dafs  die  Pachtung  von  Wald  und 
Weide,  von  der  durch  Dentatus  trocken  gelegten  Reatiner  Niederung 
die  reichsten  Erträge  für  den  öffentlichen  Schatz  abwerfen  mufste. 
Den  Eingeborenen  wurde  sofort  minderes  Bürgerrecht,  268  das 
fehlende  Stimmrecht  verliehen'^),  241  die  neu  errichtete  Tribus 
Quirina  überwiesen.  Die  städtische  Verwaltung  ist  erst  von  Augustus 
durchgeführt  worden:  bis  dahin  zerfiel  das  Land  in  Praefecturen, 
von  denen  Nursia  und  Reate  genannt  werden,  zwei  andere  in 
Amiternum  und  dem  ager  Sabinus  d.  h.  der  Südhälfte  vorauszusetzen 
sind. 3)  Als  gewählte  Magistrate  stehen  durchweg  Octovirn  an  der 
Spitze  der  Praefecturen.  Strabo  sagt  dafs  die  wenigen  Städte 
der  Sabina  durch  die  uuaurtiorhchen  Kriege  herabgekommen  seien. 
Von  kriegerischen  Heimsuchungen  ist  uns  aber  nur  eine  während 
der  perusinischen  Wirren  41  v.  Chr.  bekannt,  in  denen  wie  auch 
sonst  ihre  Anhänglichkeit  an  die  Republik  rühmhch  hervortrat. 4) 

Im  Nordwesten  bildet  die  Montagna  della  Sibilla  Tetrica  mons 
und  mons  Severus  (l  236)  eine  Scheidewand  gegen  Picenum.  In 
der  mittleren  Kette  erheben  sich  die  hohen  Gurgures  M.  Terminillo 
über  der  Reatiner  Ebene  (I  237).  Von  ihnen  fliefst  nordwärts  der 
Corno  ab  um  zuletzt  mit  einer  Wendung  nach  Westen  als  Cornia 
in  den  Nar  einzumünden  (I  312).  An  einem  von  Osten  kommen- 
den Nebenflufs  der  Cornia  liegt  606  m  ü.  M.  am  Fufs  des  1884  m 
hohen   M.  Pallino   die   einzige  bekannte  Stadt  dieses  ganzen  Berg- 


1)  Feldm.  2t.  114.  136.  253.  349  Plut.  Apophtli.  Rom.  l  Golum.  I  praef. 
Plin.  XVIII  18  Val.  Max.  IV  3,5  Frontin  Str.  IV  3,12;  14  Juchert  nach  Aur. 
Victor  33. 

2)  Vell.  I  14  vgl.  Cic.  Off.  I  35  pro  Balb.  31  Liv.  XL  46. 

3)  Liv.  XXVUI  45  Fest.  233  CIL.  IX  p.  396. 

4)  Dip  XLVllI  13  vgl.  Cic.  pro  Ligar.  32  Cato  m.  24. 

30* 


468  Kapitel  VIII.    Der  Hochappennin. 

districts  Nursia  Norcia.i)  Die  Rauheit  ihres  Klimas^)  hat  nicht  nur 
die  vorzüglichsten  Rüben  gezeitigt  3),  sondern  auch  die  Eigenart 
der  Menschen  beeinflufst:  Q.  Sertorius  ist  ihr  würdigster  Sohn. 4) 
Die  Nursiner  unterstützten  Scipio  205  für  seinen  Zug  nach  Africa, 
zogen  sich  wir  wissen  nicht  weshalb  den  Zorn  der  Gracchen  auf 
den  Hals,  kämpften  43  bei  Mutina  und  41  gegen  Octavian,  wurden 
für  ihre  Freiheitsliebe  von  diesem  hart  gezüchtigt. s)  INursia  war 
Praefectur  mit  Octovirn.ö)  Seit  der  Zerstörung  durch  Erdbeben 
1859  ist  von  Denkmälern  des  Alterturas  kaum  etwas  übrig  geblieben. 
Die  Stadt  lag  den  grofsen  Ilauptstrafsen  völlig  entrückt,  war  da- 
gegen durch  eine  ungefähr  25  Millien  lange  Nebenstrafse  mit 
Spoletium  verbunden:  an  dieser  6  Millien  von  Nursia  erinnerte  der 
Ort  Vespasiae  an  den  Kaiser  Vespasian  dessen  Mutter  Polla  von 
hier  stammte.')  —  Das  Nursiner  Rergland  wird  im  Westen  durch 
den  Nar,  im  Osten  durch  den  Avens  Velino  (I  312  A.  3)  be- 
grenzt. Im  Thal  des  Avens  läuft  die  Strafse  nach  Asculum  Picenum 
die  im  Reisebuch  Via  Salaria  heifst  (S.  426).  Diesseit  der  Wasser- 
scheide begegnet  zuerst  der  nach  dem  Gotte  Falacer  benannte  vicus 
Falacrinus,  wo  Kaiser  Vespasian  9  n.  Chr.  geboren  wurde.^j  Die 
Kirche  S.  Silvestro  in  Falacrino  2  Millien  von  Civita  Reale  be- 
zeichnet die  Stätte.  Weiter  abwärts  erinnert  das  Dorf  Racugno 
an  nemus  Vacunae  ein  Heiligtum  der  sabinischen  Kriegsgöttin. 9) 
Dafs  der  Vicus  Falacrinus  zu  Reate  gehört  habe,  wie  angenommen 
wird,  ist  wenig  wahrscheinHch ;  denn  4  Millien  von  demselben  thal- 
ab  lag  Forum  Decii  das  in  der  augustischen  Liste  als  Verwaltungs- 
körper aufgeführt  wird.io)     Von  welchem  Decier  aber  Forum   und 


1)  Plin.  III  107  Ptol.  III  1,48  CIL.  IX  p.  427. 

2)  Verg.   Aen.  VII  715   frigida  Nursia   Sil.  It.  VIII  417   habitata    pruinis 
Nursia. 

3)  Colum.  X  421  Plin.  XVllI  130  Martial  XIII  20. 

4)  Flut.  2  Fronto  p.  205  Naber  Nwsina  duritia. 

5)  Liv.  XXVIII  45  Serv.  V  Aen.  VII  715  Sueton  Aug.  12  Dio  XLVIII  13. 

6)  Fest.   233    Feldm.    227.    257    Cic.  Fin.  II   58    Liv.    XXXVII  3   Obseq. 
40.  46.  48. 

7)  Suet.  Vesp.  l  CIL.  IX  4541. 

8)  Suet.  2  Phalacrine  It.  Ant.  307  Falacrino  Tab.  Peut.  Palacrinis  Gnido 
54  Facrina.  —  Varro  LL.  V  84  VII  45. 

9)  Plin.  III  109  CIL.  IX  4636.  —  Hör.  Ep.  I  10,49  ni.  Schol. 

10)  Plin.  IM  107,  Tab.  Peut.  Foroecri  dafür  vermutet  Cluver  p.  690  Forum 
Decii,  was  durch  Guido  54  glänzend  bestätigt  wird.     CIL.  IX  p.  434. 


§  6.     Die  Sabiner.  469 

vermutlich  auch  Strafse  gebaut  worden  sei,  wissen  wir  leider  nicht,  i) 
Der  Ort  ist  früh  verschollen,  nach  der  Reisekarte  zwischen  Bacugno 
und  la  Posta  zu  suchen.  16  Millien  von  Falacrinus  folgt  der  Vicus 
Interocrium  Antrodoco  (490  m),  wie  der  Name  besagt,  von  Bergen 
rings  umschlossen.')  Ihm  gegenüber  mündet  der  Rapello  in  den 
Velino  ein  und  schafft  der  nach  Amiternum  abzweigenden  Ver- 
bindungstrafse  Raum.  Der  Ort  beherrscht  beide  Strafsenzugänge 
nach  Asculum  wie  nach  Amiternum  und  ist  dadurch  sowol  in  mili- 
tärischer Hinsicht  als  für  den  Handelsverkehr  von  Wichtigkeit. 

Interocrium  ist  64  Milben  von  Rom  entfernt:  von  hier  wendet 
sich  die  Verbindungstrafse  zwischen  Via  Salaria  und  Caecilia  süd- 
östlich dem  Flüfschen  Rapello  folgend. 3)  Jenseit  der  Wasserscheide 
(1000  m)  liegt  die  Station  Fisteniae%  sodann  13  Millien  von  intero- 
crium der  Vicus  Foruli.'^)  Strabo  nennt  ihn  eher  als  Räubernest 
denn  zum  Wohnsitz  geeignet;  doch  haben  die  Bewohner  in  der 
Friedenszeit,  wie  die  Ruinen  bei  Civita  Tomassa  (743  m)  bekunden, 
ihren  steilen  Felsen  verlassen  und  unterhalb  in  der  Ebene  sich 
angesiedelt.  Obwol  ohne  Stadtrecht  ist  der  Ort  sehr  ansehnlich 
gewesen  und  hat  seinen  alten  iXamen  bis  ins  13.  Jahrhundert  fort- 
gepflanzt. Man  begreift  dies  leicht,  insofern  er  den  Ausgang  des 
Aternusthals  nach  Westen  sperrt  und  zugleich  einen  Knotenpunct 
im  Strafsennetz  bildet.  Zwischen  den  Vorbergen  des  Gran  Sasso 
im  Osten  und  des  M.  Calvo  (1901  m)  im  Westen  dehnt  sich  ein 
12  km  langes  Thal  am  oberen  Aternus  aus,  das  im  Süden  durch 
den  vorspringenden  Hügel  (721  m)  den  das  heutige  Aquila  ein- 
nimmt, vorläufig  abgeschlossen  wird.  Die  Breite  wächst  bis  auf 
15  km,  da  wo  der  von  Süden  kommende  Raio  bei  Foruli  nach 
Ost  dem  Aternus  zu  umbiegt.  Von  Foruli  läuft  die  Via  Claudia 
nova  die  47  Millien  messende  Verbindung  zwischen  der  Caecilia  und 


1)  Ist  mit  Cluver  bei  Obseq.  14  für  Forum  Esii  F.  Decii  zu  lesen,  so 
wäre  mit  dem  J.  163  v.  Chr.  eine  untere  Zeitgrenze  gewonnen. 

2)  Strab.  V  228  Tcwfirj  'ivreqoxQda  lt.  Ant.  307  Tab.  Peut.  Guido  54  Intero- 
crium CIL.  IX  p.  435.  Fest.  181  ocrem  antiqui  .  .  .  montem  confragosum 
vocabant.  Das  Wort  lebt  fort  in  dem  M.  d'  Ocre  (2206  m)  S  von  Aquila  am 
r.  Ufer  des  oberen  Aternus, 

3)  Liv.  XXVI  11  Tab.  Peut.  CIL.  IX  p.  584. 

4)  Tab.  Peut. 

5)  Liv.  XXVI  11  Strab.  V  228  Verg.  Aen.  VII  714  m.  Schol.  Sil.  It.  VIII 415 
Tab.  Peut.  Erulos  CIL.  IX  p.  417. 


470  Kapitel  VIII.     Der  Hochappennin. 

Valeria  aus  (S.  436).  Sie  erreicht  nach  7  Millien  Pitinum  am  Fiifs 
des  M.  Pettino  (1150  m)  bei  der  Madonna  di  Pettino  2  km  ober- 
halb AquilaJ)  Dasselbe  ist  einst  Bischofsitz  gewesen.  Unterhalb 
Aquila  beginnt  eine  neue  ausgedehntere  Thalweitung  die  sei  es  ganz 
sei  es  gröfstentheils  den  Vestinern  gehört  hat.  Die  Via  CaeciUa 
trennt  sich  am  35.  Meilenstein  (von  Rom)  beim  üebergang  über  die 
Farfa  von  der  Salaria,  läuft  rechts  quer  durch  das  Land  der  Aequi- 
culer  und  mündet  in  Foruli  ein.  Von  Foruli  führt  sie  zunächst 
nach  dem  5  Millien  entfernten  Amiternum.  Die  Stadt  giebt  die 
Mitte  in  der  Längenausdehnung  des  oben  umschriebenen  Hochthals 
an,  am  linken  Ufer  des  Flusses  nach  dem  sie  benannt  ist,  685  m 
ü.  M.  gelegen. 2)  Nachdem  sie  im  frühen  Mittelalter  zu  Grunde  ge- 
gangen war,  hat  Aquila  eine  Schöpfung  Friedrichs  II  die  Nachfolge 
als  Hauptort  der  Landschaft  am  inneren  Aternus  angetreten.  Die 
Ruinen  einer  Wasserleitung,  von  Theater  kleinem  Amphitheater  und 
anderen  Gebäuden  aus  der  Friedenszeit  befinden  sich  in  der  Ebene 
bei  dem  Dorf  S.  Vittorino,  die  Ruinen  von  Befestigungen  auf  dem 
überragenden  Hügel.3)  Der  Abstand  von  Rom  beträgt  82  Milben. 
An  diesem  Puncte  kreuzen  sich  zwei  durchlaufende  Gebirgstrafsen : 
einerseits  führt  die  Via  Caecilia  über  den  1300  m  hohen  Colle  della 
Croce  nach  Teramo  und  Hadria  (S.  429);  anderseits  steigt  eine 
Strafse  nach  Norden  im  Thal  des  Aternus  hinauf,  überschreitet  den 
Colle  Castello  mit  1013  m  Pafshöhe  und  trifft  bei  Amatrice  (955  m) 
oder  Accumoli  (859  m)  am  Tronto  mit  der  dem  Velino  entlang 
von  Augustus  ausgebauten  Via  Salaria  zusammen,  worauf  beide  ver- 
eint Asculum  Picenum  erreichen.  Die  Strafse  vom  Aterno  nach 
dem  Tronto  fehlt  in  unseren  Itinerarien:  indefs  beweist  ein 
Meilenstein  aus  dem  4.  Jahrhundert  dafs  sie  längst  ausgebaut  war.^j 
Nach  Süden  setzt  sie  sich  vermittelst  der  Claudia  nova  bis  ins 
Paelignerland  und  weiter  nach  Samnium  fort.  —  Die  Fundorte  der 
Inschriften  bestätigen  die  von  der  Natur  geforderte  und  von  den 
Schriftstellern  bezeugte  Thatsache  dafs  die  Sabiner  in  Dörfern  lebten. 
Immerhin  nahm  Amiternum  durch  die  Gunst  seiner  Lage  einen  der- 
artigen   Aufschwung    dafs    die    ganze    Gegend    nach    ihm    benannt 

1)  Tab.  Peut.  CIL.  IX  412  Holste  zu  Cluver  743. 

2)  Varro  LL.  V28  Streb.  V  228  Plin.111107 ;  Ptol.lll  1,52  rechnet  es  fälschlich 
den  Vestinern   zu;  Feldm.  228  Tab.  Peut.  CIL.  IX  p.  397  Eph.  ep.  VIII  p.  48. 

3)  Not.  d.  Scavi  1879.  80.  91. 

4)  CIL. IX  5957. 


§  6.     Die  Sabiner.  471 

wurde.')  Aufser  der  Schafzucht  wurde  seines  Wein-  und  Garten- 
baus, insonderheit  seiner  Steckrüben  und  Zwiebein  auf  dem  römi- 
schen Markt  rühmend  gedacht.^)  Sein  litlerarisches  Ansehen  ver- 
dankt es  dem  ersten  nationalen  Geschichtschreiber  Itahens,  der  die 
Wiege  der  Sabiner  nach  diesem  Hochland  verlegte.-^)  In  die  Fufs- 
stapfen  Cato's  tretend  hat  Varro  die  einheimischen  Sagen  gesammelt 
und  zu  einem  einheitlichen  Bilde  verarbeitet.  DieAboriginer,  erzählter, 
Vorfahren  der  Latiner  wohnen  neben  den  Sabinern  am  oberen 
Aternus.  Ihre ,  Mutterstadt  ist  Lista  32-/5  Milben  von  Reate,  ihre 
Orakelstälte  Tiora  Maliern  wo  ein  Specht  auf  hölzerner  Säule 
weissagte,  30  Millien  von  Reate,  mithin  beide  in  geringem  Ab- 
stand von  Amiternum  (33  Mühen  von  Reate)  gelegen.*)  So  können 
die  Sabiner  von  dieser  Stadt  aus  durch  nächthchen  Ueberfall  das 
unbewachte  Lista  einnehmen.  Die  Aboriginer  finden  bei  den 
Reatinern  Zuflucht;  alle  ihre  Versuche  die  Heimat  zurück  zu  ge- 
winnen schlagen  fehl;  deshalb  weihen  sie  ihr  Land  den  Göttern  und 
bedrohen  mit  schwerem  Fluch  dessen  Nutzung.  Offenbar  hat  die 
Erinnerung  an  verschollene  Kämpfe  zwischen  Ober-  und  Unterland, 
den  Sabinern  vom  Aternus  und  den  Sabinern  vom  Vehnus  in  diesen 
Nachrichten  eine  mythische  Fassung  erhalten.  —  Auch  als  es  die 
gemeinsame  Freiheit  zu  vertheidigen  galt,  scheinen  sie  getrennte 
Bahnen  eingeschlagen  zu  haben.  Im  ersten  Jahrzehnt  des  dritten 
Jahrhunderts  suchten  die  Samniten  die  Völker  des  Nordens  gegen 
Rom  ins  Feld  zu  führen,  drangen  über  das  Piano  di  Cinque  Miglia 
durch  das  Land  der  Paeligner  und  Vestiner  vor,  brachten  die 
Sabiner  gutwillig  oder  gezwungen  auf  ihre  Seite.  Consul  Appius 
Claudius  schlug  296  die  Sabiner  5);  Consul  Spurius  Carvilius  rückte 


1)  Strab.  V  241  vom  Aternus  gel  ex  rr,?  ^AuireQvivrjs. 

2)  Varro  RR.  II  9  Colum.  X  422  Plin.  XIV  37  XVIII  131  XIX  77.  105  Mar- 
tial  XIII  20. 

3)  Gato  b.  Dion.  H.  II  49  Verg.  Aen.  VII  710  ingens  Amiteima  cohors  Sil. 
It.  VIII  414. 

4)  Dion.  H.  114  sind  die  genauen  Entfernungsangaben  klärlich  der  Ab- 
messung von  Strafsen  entnommen.  Für  das  entstellte  ano  Se  ^Pedrov  nähv 
rr,v  inl  ktTivTjv  oSov  iolai  ist  mit  leichter  Aenderung  rriv  eni  Aiaxivr}v 
6S6v  zu  schreiben,  so  dafs  der  'PsaTivri  die  Aiarivr}  spätere  AfniSQvivr]  gegen- 
über gestellt  wird.  Dafs  deutliche  Spuren  dieser  verschollenen  Ortschaften  sich 
erhalten  haben  sollen,  ist  nicht  zu  erwarten.  Man  sucht  sie  gewöhnlich  im 
Cicolano  (S.  462),  wie  ich  glaube  unter  völliger  Verkennung  der  Sachlage. 

5)  Nach  dem  Elogium  CIL.  I  p.  287  und  Aur.  Victor  34. 


472  Kapitel  VIII.    Der  Hochappennin. 

293  von  Terni  über  Rieti  gegen  Amiteinum  und  nahm  die  von  den 
Samnilen  besetzte  Stadt  mit  Sturm.')  Wir  wissen  nicht  wie  sich 
die  Verhältnisse  der  Sa  bin  er  bis  zur  Unterwerfung  290  weiter  ge- 
staltet haben. ^)  Nach  Erlangung  des  Bürgerrechts  war  Amiternum 
Praefectur  mit  Octovirn  und  gehörte  der  Tribus  Quirina  an.  In 
Betreff  seiner  sonstigen  Schicksale  3)  verdient  nur  die  Thatsache 
erwähnt  zu  werden  dafs  Sallust  hier  geboren  war.*) 

Das  Gegenstück  zur  Hochebene  von  Amiternum  bietet  die  un- 
gefähr unter  demselben  Breitengrad  25  Bogenminuten  nach  West 
belegene  Hochebene  von  Beate.  Doch  ist  sie  300  m  dem  Meeres- 
spiegel näher  gerückt  als  jene,  die  höchste  Spitze  der  sie  über- 
ragenden Gurgnres  bleibt  mehr  als  1000  m  unter  dem  mons  Fis- 
cellus.  Die  Ebene  elliptischer  Gestalt  mit  10  und  15  km  Durchmesser 
ist  ein  altes  Seebecken,  in  welchem  durch  den  Avens  Himella 
Tolenus  die  Abflüsse  der  ISordseite  des  Sabellischen  Gebirgsvierecks 
sich  vereinigen.  Die  grofse  Axe  des  Beckens  ist  von  Südost  nach 
Nordwest  gerichtet;  am  Südostende  liegt  Reate  Rieti  (402  m)  am 
rechten  Ufer  des  Velino.  Einen  Flufs  dieses  Namens  kennen  wie 
bemerkt  (I  312  A.  3)  die  Alten  nicht;  sie  bezeichnen  die  sämt- 
lichen hier  vorhandenen  Seen  und  Tümpel  —  gegenwärtig  zehn  — 
durch  laais  Velinus,  vereinzelt  im  Plural  laciis  Velini  und  deuten 
den  Namen  als  Sumpft),  sagen  auch  wol  im  nämlichen  Sinne 
'palus  Reatina  patudes  Reatinae.  ^)  Den  starken  Kalkgehalt  des 
Wassers,  seine  Ablagerungen  beim  Ausflusse  heben  sie  begreiflicher 
Weise  hervor,  da  die  grofse  Streitfrage  zwischen  Interamna  und 
Reate  hiermit  eng  zusammenhing  (I  313).  Der  Absturz  nach  dem 
Nerathal  ist  16  Millien  von  Rieti  entfernt:  zwei  Wege  führen  da- 
hin.    Die  jetzige   Hauptstrafse    geht    am    rechten    Ufer   des  Vehno 


1)  Liv.  X  39  vgl.  c.  30.  37.  Die  livianischen  Annalen,  die  für  den  dritten 
Krieg  der  Samniler  besonders  verworren  sind,  verschweigen  die  Betheiligung 
der  Sabiner  und  verlegen  mit  ihrer  greulichen  Nachlässigkeit  in  geographischen 
Dingen  Amiternum  frischweg  nach  Samnium :  dort  giebl's  aber  weder  einen 
Aternus  noch  ein  Amiternum,  wie  Cluver  p,  686  richtig  bemerkt. 

2)  Liv.  XI  Sabinis  qui  rebellaverant  victis. 

3)  Liv.  XXI  62  XXVI  11  XXVIII  45  Obseq.  20.  27.  41. 

4)  Sueton  fr.  73  Reifferscheid. 

5)  Cic.  Att.  IV  15,5  pro  Scauro  27  Varro  RR.  III  2  LL.  V  71  Colum.  VIII 
16  Verg.  Aen.  VII  517.  712  Tac.  Ann.  I  79  Plin.  II  153.  226  XXXI  9  der  Plural 
HI  108,  vgl.  Dion.  H.  I  20. 

6)  Plin.  II  226  XXXI  12. 


§  6.     Die  Sabiner.  473 

durch  Gärten  und  Saatfelder  6  Millien  lang  bis  zur  Einmündung 
des  Tolenus,  überschreitet  den  Flufs  und  hält  sich  im  Bogen  am 
Abhang  des  Gebirgs,  da  die  Ebene  in  der  Regenzeit  leicht  über- 
schwemmt wird.  iNach  dem  10.  Meilenstein  von  Rieti  verengt  sich 
die  Ebene  zu  einem  Thalgrund  der  Cicero  den  Vergleich  mit  dem 
Tempepafs  an  die  Fland  gab.  Nach  weiteren  4  Millien  mündet  der 
Lage  di  Piedilugo  durch  einen  kurzen  Canal  in  den  Velino  aus:  ein 
fast  rings  von  Bergen  umschlossener  See  mit  ausgezackten  Ufern 
12  km  Umfang  und  bedeutender  Tiefe.  Von  hier  sind  kaum  2  Mil- 
lien bis  zum  Fall.  Für  das  entzückende  Schauspiel  das  dieser  dar- 
bietet, haben  die  Alten  keine  Worte:  nur  der  Regenbogen  der  täg- 
lich in  den  Schaumwolken  sich  über  die  Schlucht  spannt,  ist  ihnen 
erwähnenswürdig  erschienen. i)  Durch  einen  Einschnitt  in  die  stetig 
sich  ablagernden  Kalksintermassen  den  Curius  Dentatus  während 
seiner  Censur  272  vornahm ,  wurde  der  Abflufs  beschleunigt  und 
die  Rosia  oder  Rosea  die  Niederung  im  Nordwesten  der  Ebene  (der 
Name  le  Roscie  hat  sich  erhalten)  entwässert.^)  Ein  römischer 
Redner  nannte  diese  Thauige  Au  3)  das  Saueuter  Itahens  und  er- 
läuterte ihre  Triebkraft  durch  die  Erzählung,  dafs  eine  liegen  ge- 
lassene Mefsruthe  am  anderen  Tage  von  dem  in  der  Nacht  empor- 
geschossenen Grase  verdeckt  wurde;  der  Hanf  erreichte  Baumeshöhe.*) 
Von  ihr  stammt  die  berühmte  Race  der  eqxii  Roseani:  die  Pferde 
und  Esel  die  Sommers  auf  den  Gurgures,  Winters  in  der  Niede- 
rung weideten,  galten  als  die  besten  Italiens  und  erzielten  fabelhafte 
Preise  z.  B.  ein  Esel  60  000,  ein  Viergespann  400000  Sesterzen 
(13050  bezw.  87  000  M);  der  bekannte  Züchter  Q.  Axius,  Freund 
Cicero's  und  Varro's  hat  gar  400000  Sesterzen  für  einen  Eselhengst 
gezahlt. 5)  Dem  entsprach  die  Ausdehnung  der  Gestüte:  Vorkomm- 
nisse in  ihnen  bilden  eine  ständige  Rubrik  der  Prodigienliste.ß) 
Die  Seen  und  Teiche   dienten  zur  Anlage  von  Röhrichten  (I  427), 


1)  Plin.  II  153  Cic.  a.  0. 

2)  Cic.  Att.  IV  15,5  lactis  Felinus  a  Manio  Curio  emissus  interciso  monte 
in  JSar  defluit:  ex  quo  est  illa  siccata  et  umida  tarnen  modice  Rosia;  über 
den  feuchten  Untergrund  Plin.  II  209. 

3)  Fest.  283  Verg.  Aen.  VII  712  Rosia  rura  Feiini  Plin.  III 108  Sabini . . . 
Felinos  accolunl  lacus  roscidis  collibus. 

4)  Varro  RR.  I  7  Plin.  XVII  32  XIX  174  Serv.  V.  Aen.  VII  712  Georg.  11  201 
Rosulanus  ager. 

5)  Varro  RR.  II  6.  7.  8  Strab.  V  228  Plin.  VIII  167.  156  XXXI  12. 

6)  Varro  II  praef.  Liv.  XXVI  23  XXXVII  3  XL  2.  45  Obs.  1.5.  15.  28. 


474  Kapitel  Vlll.    Der  Hochappennin. 

zur  Fisch  -  und  Schneckenzucht,  i)  Die  Seen  zerfallen  in  zwei 
Gruppen :  die  einen  mit  dem  See  von  Piedilugo  hegen  am  Aus- 
flufsthale,  die  anderen  nehmen  die  Nordseite  der  Niederung  ein.  Von 
diesen  sind  der  Lago  di  Capo  d'  Acqua  oder  L.  Lungo  und  der  Lago 
di  Ripa  sottile  ziemlich  ansehnhch.  Sie  stehen  unter  einander  in 
Verbindung  und  durch  den  Fiumarone  mit  dem  Velino.  Sie  werden 
durch  reichliche  Quellen  gespeist  die  am  Abhang  des  Gebirgs  her- 
vorbrechen. Darunter  befand  sich  die  Quelle  Neminie  die  bald  hier 
bald  dort  zu  Tage  tretend  den  Wechsel  der  Marktpreise  ankündigte. 
Cicero  wurde  54  v.  Chr.  von  seinem  Wirt,  dem  erwShnten  Q.  Axius 
hingeführt  das  Wunder  zu  schauen.  Nach  den  Quellen  wird  der 
Pagus  Septem  aquae  oder  Septaquae  benannt  von  dem  wir  eine  Wid- 
mung besitzen :  das  Dorf  ist  nordöstlich  vom  Lago  di  Ripa  sottile 
zu  suchen.'^)  —  Eine  Anzahl  anderer  Ortschaften  wird  von  Varro 
aufgezählt,  der  selbst  aus  Reate  gebürtig  ein  Gestüt  hier  unter- 
hielt 3):  aber  Ortschaften  die  damals  verlassen  waren  und  ihm  als 
Städte  der  Aboriginer  erschienen.  Es  ist  wenig  Aussicht  vorhanden 
dafs  monumentale  Funde  uns  in  den  Stand  setzen  werden  die 
Topographie  der  Reatina,  wenn  auch  nicht  unter  der  Herrschaft 
der  Aboriginer,  so  doch  in  vorrömischer  Zeit  mit  sicheren  Umrissen 
zu  entwerfen.  Immerhin  lassen  sich  diese  Sabinerburgen  annähernd 
auf  der  Karte  unterbringen ,  wenn  man  sie  einerseits  auf  den  die 
Ebene  einfassenden  Anhöhen  sucht  und  anderseits  beachtet,  dafs 
ihre  Bestimmung  nach  den  beiden  von  Reate  zum  Fall  bezw.  nach 
Interamna  in  Umbrien  führenden  Strafsen  sich  richtet.  Aufser  der 
oben  beschriebenen  Hauptstrafse  läuft  eine  zweite  an  der  Ost-  und 
Nord-Seite  um  die  Seen  herum.  Keine  von  beiden  weist  antike 
Ueberreste  auf;  auch  werden  die  Alten  im  Allgemeinen  eine  höhere 


1)  Varro  RR.  I  7  III  14  Colum.  VIII  16  Plin.  IX  173.     Weinbau  Varro  I  8, 

2)  CIL.  IX  4206—8.  4399.  Es  ist  nicht  möglich  den  Namen  mit  Holste 
p.  108  auf  die  Gesamtheit  der  Seen  oder  mit  Mommsen  auf  einen  derselben 
zu  beziehen.  Cicero,  der  den  Aufenthalt  für  seine  Admiranda  ausgebeutet  hat 
(Plin.  XXXI  12),  besucht  zum  gleichen  Zweck  die  Septem  aquae.  Auf  ihn  bezw. 
Tiro  wird  die  Angabe  über  den  fons  Neminie  Plin.  II  230  (wol  auch  II  209) 
zurückgehen.  Cicero  war  klärlich  in  der  herrschaftlichen  Villa,  die  Q.  Axius 
in  der  Rosea  hatte,  abgestiegen  und  wird  von  seinem  Gastfreund  nach  dem 
Wirtschaftshof  ad  angulum  Feiini  (Varro  III  2)  und  zu  den  nahen  Quellen  ge- 
rührt. Dies  sind  die  fontes  Feiini  Verg.  Aen.  VII  517  vgl.  dazu  Servius.  Er- 
wähnt werden  sie  Dion.  H.  I  14. 

3)  Symmachus  Ep.  12  Varro  II  praef.  und  8. 


§  6.    Die  Sabiner.  475 

trocknere  Lage  haben  einhalten  müssen.  Aber  ihr  Dasein  wird 
durch  die  VerkehrsverhäUnisse  bedingt  und  ihre  Richtung  ist  ge- 
geben. Varro  nennt  die  Nord-Strafse  via  Curia:  sie  ist  wahrschein- 
hch  272  zugleich  mit  der  Austrocknung  der  Rosia  von  Dentatus 
erbaut.  1)  Er  erwähnt  das  zerstörte  Corsula  8  Millien  von  Rieti  am 
mons  Coretus,  die  Inselstadt  Issa  im  Lago  di  Ripa  soltile,  nordwest- 
lich am  nämlichen  See  Maruvium  4  Millien  von  Septem  aquae.  Die 
Südstrafse  heifst  Via  Quinctia:  ihr  Erbauer  ist  unbekannt.  Nahe 
bei  der  Via  Quinctia  2 Vä  Millien  von  Rieti  liegt  Palatium^);  auf 
einem  mäfsigen  Hügel  6  Millien  von  Rieti  (am  Zummenflufs  von 
Tolenus  und  Velino?)  Trebula,  vielleicht  Trebula  Suffenas  eine  ver- 
schollene Gemeinde  die  in  der  augustischen  Censushste  steht  3); 
6  Millien  von  hier  in  der  Nähe  der  motites  Ceraunii  (M.  Rotondo  ?) 
Suessula^);  4  Millien  weiter  Suna  mit  einem  sehr  alten  Marstempel; 
3  Millien  von  Suna  die  Ruinen  von  Mefula;  endlich  4  Millien  von 
Mefula  die  prachtvollen  Denkmäler  von  Orviniuni  und  ein  alter 
Tempel  der  Minerva.^)  —  An  der  Via  Salaria  setzt  Varro  3  Millien 
von  Rieti  Vatia  an,  7  Millien  also  1  Millie  jenseit  Civita  Ducale 
Cntilia.^)  Der  Ort  den  Cato  für  die  berühmteste  Stadt  der  Abori- 
giner  erklärt,  ist  völhg  verdunkelt  worden  durch  die  2  Millien  weiter 
nach  Ost  gelegenen  Aquae  Cutiliae  mit  kalten  Mineralquellen  die 
starken  Zuspruch  fanden,  namentlich  durch  die  flavischen  Kaiser: 
Vespasian  und  Titus  sind  hier  gestorben.')  Die  Ruinen  des  Rades 
befinden  sich  bei  Paterno,  unterhalb  derselben  der  Pozzo  di  Latignano 


1)  Dion.  H.  I  14  überliefert  ^lovQia,  doch  scheint  die  Verbesserung^  sicher. 
In  früheren  Behandlungen  dieses  Kapitels  wird  übersehen,  dafs  die  Städte  der 
Aboriginer  ev  rfj  'PearivTj  y^  rcüv  Anevviviov  oqöüv  ov  /naxgäv  liegen ,  also 
im  Umkreis  der  Realiner  Ebene  gesucht  werden  müssen. 

2)  Vgl.  Solin.  1,14  nach  unbekannter  Quelle,  Varro  LL.  V  53. 

3)  Piin.  ill  107  gewöhnlich  ohne  Grund  nach  Stroncone  verlegt. 

4)  Ueberliefert  ist  ^veaßöka. 

5)  Es  ist  leicht  möglich,  dafs  die  Via  Quinctia  sich  in  SW  Richtung 
nach  Forum  novum  (S.  477)  fortsetzte;  leider  fehlen  feste  Anhaltspuncte 
durchaus. 

6)  Der  Singular  Plin.  III  109  Dion.  H.  I  15.  19  11  49.  Dionys  hat  die  Be- 
schreibung des  Ortes  aus  der  topographischen  Aufzählung  c.  14  herausge- 
nommen wegen  der  wichtigen  Rolle,  die  er  in  den  nachfolgenden  Kämpfen  spielt. 

7)  Liv.  XXVI  11  Vitruv  Vill  3,5  Celsus  IV  12  Cael.  Aur.  111  2,45  Strab.  V  228 
Plin.  II  209  XXXI  10.  59  Sueton  Vesp.  24  Tit.  11  Dio  LXVI  17.  26  Anthol.  Pal. 
IX  349  It.  Ant.  307  Tab.  Peut.  CIL.  IX  p.  437  Not.  d.  Scavi  1878.  1891. 


476  Kapitel  VIll.     Der  Hochappennin. 

oder  Ralignano  der  vielgeuannte  lacm  CntüiensisA)  Der  See  soll 
4  Morgen  (1  ha)  grofs  und  von  unerniefsliclier  Tiefe  gewesen  sein. 
Auf  ihm  schwamm  eine  50'  im  Durchmesser  hallende  Insel  umher, 
die  mil  Gehiisch  —  Seneca  will  gar  Bäume  gesehen  liaben  —  be- 
wachsen war.  Der  See  war  der  Victoria  d.  h.  wol  der  Vacuna  ge- 
weiht und  unnahbar:  nur  an  bestimmten  Festtagen  durfte  die  Insel 
von  Auserwählten  betreten  werden.  Gegenwärtig  ist  solche  nicht 
mehr  vorhanden.  Die  seltene  Naturerscheinung  einer  schwimmen- 
den Insel,  die  von  einsichtigen  Beobachtern  ganz  richtig  erklärt 
wurde  (S.  342),  mufste  in  frühen  Zeiten  das  Volksgemüt  mächtig  er- 
regen. Die  Heiligkeit  des  Ortes  bewirkte  dafs  ihm  in  der  Geographie 
und  Geschichte  eine  besondere  Bedeutung  zugeschrieben  wurde. 
Varro  hält  den  See  für  den  Nabel  Italiens  weil  er  ungefähr  die 
Mitte  zwischen  beiden  Meeren  von  der  Tiber-  bis  zur  Trontomün- 
dung  einnahm,  wol  mehr  noch  deshalb  weil  er  in  die  Ursprungs- 
geschichte verflochten  war.  In  einem  etwa  zur  Zeit  Sulla's  geschrie- 
benen Roman  wurde  ein  Orakelspruch  aus  Dodona  mitgetheilt,  der 
den  Pelasgern  aufgab  zur  schwimmenden  Insel  der  Aboriginer  zu 
wandern  und  Aufnahme  zu  erbitten.  Varro  nahm  den  ganzen  Un- 
sinn gläubig  auf,  der  den  Austofs  zu  vielen  ebenso  gelehrten  wie 
nutzlosen  Erörterungen  geliehen  hat. 2)  —  Ob  der  ganze  Umfang 
des  Reatina  benannten  und  eben  beschriebenen  Gebiets  zur  Feld- 
mark von  Beate  gehört  habe,  ist  zu  bezweifeln  aber  im  Einzelnen 
nicht  auszumachen.  Von  der  Stadt  haben  wir  wenig  zu  berichten. 3) 
Aufser  Inschriften  sind  keine  Ueberreste  erhalten:  vielleicht  in  Folge 
von  Erdbeben  deren  Heimsuchung  auch  aus  dem  Altertum  gemeldet 
wird. 4)  Indem  wir  von  den  Umbrern  und  Aboriginern  den  an- 
geblich ältesten  Herren  absehen  ^),  wird  Reate  im  hannibalischen 
Krieg,  später  wegen  seiner  freundschaftlichen  Beziehungen  zu  Cicero 
und  endhch  wegen  seiner  Mitbürger  Varro  und  Vespasian  erwähnt. 6) 


1)  Dion.  H.  I  15.  19  Varro  LL.  V  71  Fest.  51  Seneca  Nat.  Qu.  III  25,8  Pliri. 
II  209  III  109  Macrob.  Sat.  I  7,28  fg.  Sotion  37. 

2)  Schwegler  Rom.  Gesch.  1  158 fg. 

3)  Strab  V  228  Plin.  III  107.  109  CIL.  IX  p.  438.  Dion.  H.  I  14.  15  "Peazov 
Stepli.  Byz.  'Pedrtov;  als  Huldigung  gegen  die  Flavier  wird  der  Name  von 
der  Göttermutler  Sil.  It.  VIII  415  oder  einem  Gefährten  des  Hercules  Suet. 
Vesp.  12  abgeleitet.     Er  kommt  auch  im  Podelta  vor  (S.  228  A.  5). 

4)  Obsequens  59  Liv.  XXV  7.         5)  Varro  LL.  V  53  Dion.  H.  I  14.  15.  II  49. 
6)  Liv.  XXVI  11  XXVIU  45  Cic.  Cat.  3,5   pro   Sest.  80  Atl.  IV  15,5  IX  8,1 

Suet.  Vesp.  1.  24. 


§  6.     Die  Sabinen.  477 

Seine  Verkehrslage  ist  eine  günstige,  da  es  die  vom  NarAvens  und 
Aternus  einlaufenden  Strafsen  als  natürlicher  Mittelpunct  aufnimmt 
und  mit  dem  49  Millien  entfernten  Rom  verbindet.  Was  die  Ver- 
fassung betrifft,  so  heifst  Reate  noch  27  v.  Chr.  Praefectur,  später 
Municipium;  den  Rang  einer  Colonie  hat  es  nicht  erlangt,  trotz- 
dem Vespasian  Veteranen  hier  ansiedelte J)  Die  Tribus  ist  die 
Quirina. 

Das  südliche  Hügelland  das  seine  Gewässer  dem  Tiber  unver- 
mittelt zusendet  und  von  Latium  bequem  in  einer  Tagereise  erreicht 
wird,  ist  als  ager  Sabinus  im  engeren  Sinne  des  Wortes  bezeichnet 
worden.^)  Die  via  Salaria  einer  natürlichen  Einsenkung  in  der 
Mitte  folgend  scheidet  es  in  eine  West-  und  Osthälfte.  Sie  führt 
zwar  die  vielen  zum  Tiber  strömenden  Wasserläufe  überschreitend 
ständig  auf  und  ab;  indefs  mifst  die  höchste  Stelle  die  Wasser- 
scheide gegen  den  Velino  nur  642  m.  Ihre  Anlage  reicht  vor  die 
römische  Herrschaft  zurück:  es  ist  der  Weg  für  welchen  den  Sa- 
binern  Verkehrsfreiheit  zugesichert  war  um  von  der  Tibermündung 
Salz  zu  holen. 3)  Sie  scheint  in  Reate  geendet  zu  haben,  wenn 
auch  in  der  Kaiserzeit  ihr  Name  bis  zur  Adria  ausgedehnt  wurde.*) 
In  der  ganzen  Westhälfte  zwischen  der  Salaria  und  Flaminia  finden 
sich  heut  zu  Tage  nur  Dörfer,  die  der  besseren  Luft  wegen  die 
Gipfel  der  mit  Oliven  bepflanzten  Hügel  einnehmen.  Die  Römer 
haben  ihr  in  repubhkanischer  Zeit  einen  Mittelpunct  geschaffen 
durch  die  Anlage  von  Forum  novum  an  der  Aja  10  km  oberhalb 
deren  Einmündung  in  den  Tiber. 5)  Das  Forum  hatte  Stadtrecht 
mit  Duovirn  an  der  Spitze,  gehörte  wie  es  scheint  zur  Tribus  Clu- 
stumina  6),  war  in  der  Folge  Sitz  des  Bischofs  der  Sabina.  Die  alte 
verlassene  Kirche  S.  Maria  del  Vescovio  (142  m)  mit  manchen  üeber- 
resten  in  ihrer  Umgebung  kennzeichnet  die  Stätte.  Ein  anderer 
antiker  Ort  vermutlich   ein  Vicus    5  km  nach  Norden   wird   durch 

1)  Fest.  233  Cic.  Gat.  3,5  pro  Scauro  27  de  Nat.  Deor.  II  6  Val.  Max.  I  8  1 
€IL.  1X4677.  82  fg.  Suet.  Vesp.  1  Feldm.  257. 

2)  Liv.  XXVEI  45  Cic.  Fam.  XV  20,1  Prodigien  ex  Sabinis  Liv  XXH  36 
XXIV  10  XXXI  12. 

3)  Fest.  326.  327  Plin.  XXXI  89. 

4)  Strab.  V  228  nennt  sie  kurz  oi  noXlrj  ovaa.  Die  Fortsetzung  den 
Avens  hinauf  rührt  von  einem  Decier  her  (S.  468),  die  Fortsetzung  nach  dem 
Aternus  heifst  nach  Varro  bei  Dion.  H.  I  14  j;  ini  yliarivriv  oSos  (S.  471  A.  2.). 

5)  Plin.  III  107  Feldm.  255.  56.  57.  58  CIL.  IX  p.  453. 

6)  Liv.  XLII  34  t?'ibus  Ci^ustuminae  ex  Sabinis  sum  oriiindus. 


478  Kapitel  VIII.     Der  Hochappennin. 

die   Kirche  S.  Pietro   bei    Montebiiono    angedeutet.    —    Unter   den 
Wasserläufen  hat  allein  die  durch  die  681  gegründete  Abtei  berühmt 
gewordene  Farfa  ihren  alten  Namen  Farfarus,  den  Vergil  dem  Metrum 
zu   Liebe   in    Fabaris   umgestaltete,    bewahrt. i)     Sie   entspringt   in 
der  Nähe  des  Tolenus   und  beschreibt  einen  flachen  45  km  langen 
Bogen  der  in  der  Mitte  von  der  Via  Salaria  geschnitten  wird.    An 
der  Farfa  zweigt  die  nach  Amiternum  und  Hadria  führende  Via  Cae- 
cilia  ab  (S.  470).    Ungefähr  beim  Schnittpunct  15  Millien  von  Reale 
liegt   in    einer  Entfernung   von  3  km    östlich  oberhalb   der   Strafse 
Trebula  Mutuesca.^)    Man  sieht  ein  Amphitheater  und  andere  Ueber- 
reste  der  Stadt  bei  der  Kirche  Sa.  Vittoria  1 — 2  km  südwestlich  von 
Monteleone  (491  m).     In  einer  Widmung  die  ihr  Mummius  Consul 
146  v.Chr.   dargebracht  hat,   heifst  sie  Vicus^),    ist   aber  bei  der 
Aufhebung  der  Praefecturen  Municipium  geworden,  was  ihrer  äufseren 
Erscheinung   durchaus   entspricht.     Sie   scheint   ebenso   wie   Cures 
der  Tribus  Sergia    einverleibt  gewesen   zu   sein.     Zu  Trebula   ge- 
hörte Vicus  novus  an  der  Salaria  16  Millien  von  Reate.  4). —  Unter 
allen  sabinischen  Städten    begegnet  keine   bei  den  Geschichtschrei- 
bern so  oft  wie  Cures^)\  das  Beiwort  das  sie  auf  Inschriften  führt, 
Cures  Sabini   weist   auf  ihren   Anspruch   hin    als  vornehmste   und 
wichtigste  der   ganzen  Landschaft   zu   gelten  6):    ein  Anspruch  der 
durch  die  anerkannte  Ueberlieferung  von  der  Bildung  des  römischen 
Staats   vollauf  bestätigt  wurde.     Nach  Cato   eine  Colonie   der  vor- 
dringenden Sabiner,  nach  Varro  von  Modius  Fabidius  dem  Sohn  des 
Quirinus   und   einer   reatinischen  Jungfrau  gegründet,   übertraf  sie 
der  Sage  nach   alle  Ortschaften   dieses  Volkes   an  Gröfse   und  An- 
sehen ') :    ihr  König  Titus  Tatius,   ihr  Bürger  Numa  Pompilius  be- 
stiegen   den   römischen  Thron.      Damit   steht   scheinbar  wenig   im 


1)  Ovid  Met.  XIV  330  Sil.  It.  IV  182  Serv.  V.  Aen.  a.  0.  Tab.  Peut.; 
Farfa  Geogr.  Rav.  IV  34  Guido  45;  Fabaris  Verg.  Aen.  VII  715  und  an- 
schliefsend  Vib.  Seq.  p.  148  R.  Sid.  Ap.  Ep.  1  5,  8. 

2)  So  auf  3  Inschriften  CIL.  IX  p.  463.  Verg.  Aen.  VII  711  oUvifera  Mu- 
lusca  dazu  Serv.  Strab.  V  228  Plin.  III  107  Obseq.  41.  42.  43  Feldm.  238.  258. 

3)  CIL.  IX  4882  Eph.  ep.  VllI  203. 

4)  It.  Ant.  306  Tab.  Peut.  ad  Novas  Geogr.  Rav.  IV  34  Nobis. 

5)  Strab.  V  228  Plin.  III  107  CIL.  IX  p.  471   Eph.  ep.  VIII  p.  50. 

6)  Auch  Schriftstellern  geläufig  Cic.  Fam.  XV  20,1  Rep.  II  25  Liv.  I  18 
Numa  Curibus  Sabinis  habitabat  Feldm.  253.  56.  58  ager  Oiriuvi  Sabinorum 
Fest.  254  a  Curensibus  Sabinis  Gregor  M.  Registr.  III  20. 

7)  Dion.  H.  II  36.  48.  49  Fest.  67. 


§  6.    Die  Sabiner.  479 

Einklang  dafs  Cures  in  der  Erzählung  beglaubigter  Vorgänge  über- 
haupt nicht  vorkommt.  Man  darf  annehmen  dafs  die  Südlandschaft, 
der  ager  Sabinus  im  engeren  Sinne,  schon  vor  dem  Zug  des  Den- 
tatus  mit  Rom  vereinigt  war;  denn  während  der  ganze  Norden, 
Amiternum  Nursia  Reate  der  Quirina  einverleibt  sind,  herrschen 
hier  andere  Tribus  vor:  für  Cures  wie  Trebula  Mutuesca  die 
Sergia.')  Die  Kleinheit  von  Cures  Rom  gegenüber  wird  bei  den 
Dichtern  hervorgehoben  Curibus  parvis  et  paupere  terra;  jetzt  ein 
Dörfchen  früher  eine  berühmte  Stadt  sagt  Strabo.^)  Immerhin  ist 
es  wol  verständlich  dafs  diese  am  Uebergang  des  Hügellands  zur 
Ebene  gelegene  Königsburg  in  frühen  Zeiten  von  sich  reden  machen 
konnte.  Der  von  Ost  nach  West  gerichtete  Fosso  di  Correse  be- 
schreibt vor  seiner  Mündung  in  den  Tiber  einen  Halbkreis  von 
3 — 4  km  Durchmesser  und  umschliefst  einen  Hügel  der  bis  100  m 
von  der  Thalsohle  aufsteigt.  Den  Scheitel  nimmt  die  Burg  (151  m) 
noch  jetzt  Arci  geheifsen  ein,  von  deren  Mauern  Reste  vorhanden 
sind.  Davor  erstreckte  sich  eine  unbefestigte  Stadt  und  weiter  eine 
Nekropole.  Forum  Tempel  Thermen  und  ähnliche  Anlagen  der 
Kaiserzeit  in  bescheidenem  Stil  sind  ausgegraben  worden.  Man 
möchte  glauben  dafs  dies  alles  späteren  Ursprungs  sei,  das  alte 
Cures  sich  auf  die  Burg  beschränkt,  die  normale  Erweiterung  zur 
Stadtfestung  nicht  erlebt  habe.  Im  Uebrigen  war  es  Municipium 
mit  Quattuorvirn  und  einem  Stadtrat  von  Centumvirn,  später  Bischof- 
sitz der  Sabina,  aber  seit  593  verödet.  3)  In  der  Nähe  befindet  sich 
das  Dorf  Correse,  am  Tiber  die  Eisenbahnstation  Passo  di  Correse.  — 
Zum  Schlufs  sei  Eretum  erwähnt  18  Millien  von  Rom  am  Tiber 
gelegen.^)  Hier  stiefsen  die  Via  Salaria  und  Nomentana  zusammen. 
Monumental  ist  die  Ortschaft  bisher  nicht  nachgewiesen.  Sie  besafs 
auch  kein  Stadtrecht.  Ob  aber  der  Vicus  zur  Gemarkung  von 
Cures  oder  von  Nomentum  gehört  habe,  läfst  sich  nicht  sagen.    Er 


1)  Der  Scholiast  p.  323  Orelli  versteht  Cic.  in  Valiii.  36  so  dafs  die 
Sergia  die  Tribus  sevenssimorum  hominum  Sabinorum  sei:  was  auf  den 
Süden  beschränkt  zutrifft.     Kubitschek  imp.  Rom.  p.  55. 

2)  Verg.  Aen.  VI  811  Ovid  Fast.  II 135  Slrab.  a.  0. 

3)  Gregor  M.  Registr.  III  20. 

4)  Strab.  V  228.  238  Vai.  Max.  II  4,5  Dion.  H.  XI  3.  It.  Ant.  306  Tab.  Peut. 
Geogr.  Rdv.  IV  34.  Dionys  a.  0.  giebt  die  Entfernung  von  Rom  zu  140,  aber 
III  32  zu  160  Stadien  an.  Der  Ansatz  bei  Grotta  Marozza  ITV2  Mill.  von  Rom 
(Nibby  11^  144)  widerspricht  der  Karte  die  14  Mill.  von  Fidenae,  also  19  von 
Rom  rechnet  vgl.  Westphal  128.  132. 


480  Kapitel  VIII.     Der  Hochappennin. 

wird  ziemlich  oft  namenllicn  iu  der  Kriegsgeschichte  angeführt. i) 
Die  AhleituDg  des  Namens  von  Hera  ist  sehr  unglückHch,  stimmt 
indefs  mit  seinem  Alter  überein. 2)  Die  Städte  INomentum  Fidenae 
Tibur  welche  noch  in  diese  Region  fallen,  sollen  Kapitel  X  4  unter 
Latium  beschrieben  werden. 


1)  Verg.  VII  711  Liv.  III  26.  29.  38.  42  XXVI  11  Dion.  H.  III  32.  59  IV  3.  51 
V  45  XI  3. 

2)  Solin  2,10  Serv.  V.  Aen.  VII  711.  Griechisch  'HqtjtÖv  vereinzelt  Steph. 
Byz.  'H^r^röi. 


Druck  von  J.  B.  Hirschfeld  in  Leipzig. 


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